Millionen Jahre waren es, ehe es mich gab. Jahrmillionen werden vielleicht nach mir sein. Irgendwo in der Mitte sind paar Sommer, in denen für mich Tag ist auf dieser Erde. Für diese Spanne Zeit danke ich Dir Gott. (Jörg Zink)
 

Inge Schmitz-Feuerhake, Frieder Nake und Fritz Storim berichten von ihren Erfahrungen an der Bremer Uni

Wenn Industrie und Wissenschaft zu eng ineinander verbunden sind, kann es zu erheblichen Interessenkonflikten kommen. Drei Professoren haben genau diese Erf ahrung während ihrer Zeit an der Universität Bremen gemacht In einer Diskussionsunde an der Uni berichteten die Hochchullehrer Inge Schmitz-Feuerhake, Frieder Nake und Fritz Storim von einschlägigen Erfahrungen.

Von Sandy Bradtke

Weser Kurier vom 19.12.2011

Der Abend an der Uni stand unter dem Motto “Unbequeme Fragen stellen? !”. Er bildete den Auftakt der Veranstaltungsreihe “Ein Schritt vor, zwei zurück!”, Bei der 40 Jahre Universität Bremen kritisch unter die Lupe genommen werden sollen. Die Liste der Studiengangsaktiven (LiSA), ein Zusammenschluss von Studierenden, die sich für eine emanzipatorische und kritische Universität einsetzt, organisiert die Reihe in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Als die Uni Bremen 1971 gegründet wurde, hatte der heute 72-jährige Frieder Nake gerade eine Professur am Computer Science Department der University of British Columbia in Vancouver. Ein Jahr später zog es ihn an die Bremer Universität. “Eigentlich bin ich nur zurückgekommen, weil mir jemand erzählt hat, dass es in Bremen eine Uni gibt, die alles anders macht”, erzählt Nake. Nach dem Willen ihrer Gründer sollte die Bremer Uni eine demokratische Reform-Uni sein, an der Lehrkräfte, Angestellte und Studierende zu gleichen Teilen mitbestimmen sollten. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist diese gleichberechtigte Mitbestimmung allerdings abgeschafft worden.

In den Gründungsjahren war es laut Nake für Dozenten der Uni Bremen ganz normal, mit den Studierenden über den Eintritt in eine Gewerkschaft zu sprechen. “Heute mit meinen Studenten über so etwas zu reden ist aberwitzig”, sagt Nake, der an der Hochschule für Künste seit 2005 Lehrbeauftragter im Studiengang Digitale Medien ist.

In den 1970er-Jahren galt die Bremer Uni als “Rote Kaderschmiede”. Nake empfinde das als “großen Blödsinn”. Zu jener Zeit sei die Universität als Institution eben als Sprachrohr von den Studenten genutzt worden, so Nake: “Das ist heute nicht mehr der Fall, was aber nicht heißt, dass die Studierenden weniger politisch sind.”

Was es für Lehrende einer Universität bedeuten kann, eine politische Meinung zu vertreten, hat Fritz Storim durch seinen damaligen Kollegen Jens Scheer miterlebt. Storim ist seit 1971 Physik-Dozent an der Uni Bremen und hat gemeinsam mit Jens Scheer an der wissenschaftlichen Kritik gegen die Atomtechnologie gearbeitet. 1975 Verhängte der Bremer Senat gegen Jens Scheer, der seit vier Jahren Professor für Physik an der Uni war, ein Berufsverbot.

Die Gründe dafür waren sein Engagement in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und in der Anti-Atomkraft-Bewegung. “Scheer wurde auf halbes Gehalt gesetzt und suspendiert”, erzählt Storim: “Die Befürchtung der Bremer Uni war damals, dass sie ins politische Zwielicht rücken könnte, wenn Scheer yveiter Seminare halten würde.” Jens Schier kehrte an die Uni zurück – und spätestens nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl war er ein gefragter Experte.

Auch Inge Schmitz-Feuerhake hat von der Universität Bremen keine Rückendeckung erfahren, als ihre Forschungsergebnisse in die Kritik gerieten. Bis 2000 war Schmitz-Feuerhake Professorin für experimentelle Physik an der Universität Bremen. In ihren Forschungen fokussierte sich die heute 76-jährige Physikerin auf die Gebiete des Strahlenschutzes und der gesund-heithchen Wirkungen radioaktiver Strahlung. 1998 untersuchte die Wissenschaftlerin Staub auf Dachböden in der Elbmarsch. Ihre Staubanalyse habe ergeben, dass die Region um das. Atomkraftwerk Krümmel mit Reaktorplutonium verseucht sei. Diese Ergebnisse setzte Schmitz-Feuerhake in Zusammenhang mit strahlenbedingter Leukämie-Häufung im Gebiet der Samtgemeinde Eibmarsch und des benachbarten Geesthacht.

“Es gibt einen systematischen Zusammenhang zwischen Atomkraftwerken und Leukämie”, sagt Schmitz-Feuerhake. Bis heute sei man jedoch der Auffassung, dass Atomkraftwerke statistisch gesehen keine Erkrankungen hervorrufen würden, so die Wissenschaftlerin: “Fakt ist aber, dass es immer neue Fälle oberhalb des Erwartungs-Spektrums gibt.”

Doch ihre Erkenntnisse kamen in der Fachwelt nicht gut an. Die schleswig-holsteinische Reaktoraufsicht übernahm die Gegenprüfung der Staubproben und kam zu dem Ergebnis, dass die radioaktiven Spaltstoffe natürüchen Ursprungs wären. “Das ist kompletter Unsinn”, betont Schmitz-Feuerhake: “Damit waren wir einfach widerlegt, es gab keine dritte Instanz.”

Die Universität Bremen warf Schmitz-Feuerhake daraufhin Voreingenommenheit vor. “Ich habe hautnah erfahren, welche Korruption in diesem Sektor möglich ist”, erklärt Schmitz-Feuerhake: “So etwas in ihrer ganzen Härte zu erleben, würde ich vielen heutigen Studenten gönnen.” Weil die Studenten während ihres Studiums jetzt nicht mehr einen “unmittelbaren Einbück in die Praxis” bekommen würden, blieben ihnen derartige Erfahrungen verwehrt, so Schmitz-Feuerhake.

“Die Uni Bremen ist derzeit sehr stolz darauf, dass sie so gut im Werben von Drittmitteln aus der Wirtschaft ist”, sagt Nake. Dafür sehe es in der Lehre jedoch “ziemlich mau aus”. Fritz Storim erinnert sich: “Wir waren, Anfang der 1970er-Jahre stolz darauf, nichts mit der Verwertung von wissenschaftlichen Ergebnissen in der Industrie zutun zu haben.”

Denn durch die enge Verbindung, die zwischen der Wissenschaft und der Industrie besteht, können nach Meinung von Schmitz-Feuerhake erhebliche Interessenskonflikte entstehen. Schmitz-Feuerhake: “Wenn bestimmte Ergebnisse nicht gewollt sind, dann wird in diese Forschung einfach nicht investiert.” Auf diese Weise könnten Ergebnisse von der Wirtschaft forciert werden.

   
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