Millionen Jahre waren es, ehe es mich gab. Jahrmillionen werden vielleicht nach mir sein. Irgendwo in der Mitte sind paar Sommer, in denen für mich Tag ist auf dieser Erde. Für diese Spanne Zeit danke ich Dir Gott. (Jörg Zink)
 

Viele Betroffene, wenig Verständnis: Ein Bremer möchte eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Umwelterkrankungen gründen

Von Karina Skwirblies

Weser Kurier vom 03.01.2012

Von Umweltverschmutzung und ihren Folgen ist häufig die Rede. Doch wer unter einer Umwelterkrankung leidet, wird häufig nicht ernst genommen. Dies ist die Erfahrung von Martin H. (Name der Redaktion bekannt). Er leidet seit vielen Jahren an chronischer Erschöpfung und reagiert auf chemische Stoffe und Duftstoffe mit körperlicher Schwäche. “Man erholt sich nicht mehr und ist deutlich leistungs-vermindert. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich nicht mehr selbst versorgen konnte. Wenn ich einkaufen gegangen bin, habe ich den nächsten Tag im Bett verbracht”, erzählt er.

Die Krankheit verlaufe phasenweise, berichtet Martin H., der sich intensiv mit dem Krankheitsbild auseinandergesetzt hat. Mal gehe es besser, dann wieder schlechter. Die Folgen sind gravierend: In seiner Wohnung achtet der Bremer penibel darauf, dass keine für ihn schädlichen Stoffevorhanden sind. Vieles ist in Plastikfolie verpackt, der Computer steht abgeschirmt in einer separaten Ecke. Ein Mundschutz ist ein ständiges Utensil von Martin H., auf das er nicht verzichten kann. Wenn Besuch kommt, setzt er ihn vorsichtshalber auf. Dabei müssen es nicht grundsätzlich chemische Stoffe sein, die körperliche Reaktionen bei ihm auslösen. Auch ausdünstendes Harz aus Kiefernholz habe schon negative Folgen gehabt.

“Ich habe eine Sensibilität auf flüchtige chemische Stoffe”, erzählt Martin H. “Die Reaktionen sind Migräne, Benommenheit, Schmerzen und Verspannungen.” Dies führe nicht nur dazu, dass er häufig bettlägerig sei, sondern auch zu Vereinsamung. “Die meisten Leute mit Umwelterkrankungen vereinsamen, man ist isoliert.”

Auslöser für die Erkrankung, die auch in späteren Jahren auftreten kann, seien mehrere Faktoren, berichtet der Betroffene. Stress, ein Umzug, wenig Schlaf oder eine neue Wohnungseinrichtung, die schädliche Stoffe beinhaltet, könnten zusammen zu einer Erkrankung führen. Bei ihm war es ebenfalls ein ganzes Bündel an belastenden Faktoren. Er hatte eine Ausbildung für eine Verwaltungstätigkeit begonnen. “Mein Immunsystem war zu der Zeit schon stark angeschlagen.” Ausdünstungen im Büro, Zigarettenrauch und Stress führten bei Martin H. zu einem Zusammenbruch.

Seitdem sei er bei Ärzten und Krankenkassen auf viel Unverständnis gestoßen. “Der Patient wird oft nicht ernst genommen. Obwohl es das Krankheitsbild weltweit gibt”, kritisiert er. In Deutschland seien 0,5 bis 8 Prozent der Bevölkerung betroffen. Die Kosten der Krankheit würden häufig nicht von den Kassen übernommen. Ohne die Unterstützung seiner Eltern könnte er sich bestimmte gesundheitsfördernde Dinge nicht leisten. Die Umwelterkrankungen werden in drei Bereiche unterteilt: CFS/ME (chronische Erschöpfung), MCS (Multiple Chemikalien Sensibilität) und SBS (Sick Building Syndrom).

Nun möchte Martin H. eine Selbsthilfegruppe gründen. “Es geht um Erfahrungsaustausch und darum, die Krankheit besser zu verstehen. Was sind normale Symptome? Was hilft wirklich? Wie können die Angehörigen richtig informiert werden?” Gerade dem oft völligen Unverständnis in der Umgebung könne eine Selbsthilfegruppe entgegenwirken. “Viele werden plötzlich aus dem Leben gerissen, und viele Angehörige tolerieren das nicht”, berichtet Martin H.. Häufig werde die Umwelterkrankung als psychisches Problem gedeutet. Auch bei der Verrentung werde die Diagnose nicht anerkannt, Betroffene würden mit einer psychischen Erkrankung in den Ruhestand geschickt. Darüber und über weitere Themen möchte sich Martin H. in der Selbsthilfegruppe austauschen.

  • Ein erstes Treffen findet am Sonnabend, 28. Januar, im Netzwerk Selbsthilfe, Faulenstraße 31, statt. Anmeldungen nimmt das Netzwerk ab dem 9. Januar 2012 unter Telefon 0421-498 86 34 entgegen.
   
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