Der Krieg gegen Iran ist längst im Gang
Von Josef Joffe
Das Dröhnen der Kriegstrommeln hört nicht auf. Die Europäer proben das Ölembargo gegen Iran, das iranische Parlament will ihnen zuvorkommen und den Hahn sofort zudrehen. Dahinter wummern die Kesselpauken, die von einem israelischen Angriff auf die Atomanlagen künden. Der US-Verteidigungschef Leon Pa-netta weiß genau, wann: zwischen April und Juni. Diese nackte Ansage durfte nicht stehen bleiben. Also griff Barack Obama am Sonntag durch: „Ich glaube nicht, dass Israel eine Entscheidung getroffen hat.” Aber der Druck auf Teheran bleibt: Solange es nicht von seinen atomaren Ambitionen lasse, „wird Israel sehr besorgt sein”. Und „wir auch”.
Vergangene Woche hatte der israelische Verteidigungsminister im Psychokrieg eskaliert: „Später” könnte „zu spät” sein. Am Montag zürnte Präsident Schimon Peres: Die Iraner „haben keine Zukunft, und wir werden im Kampf gegen sie siegen”.
In der strategischen Analyse – Israel will, aber kann nicht so richtig, Amerika kann, aber will nicht – hat sich nur ein Faktor zugunsten eines Angriffs geändert: die mögliche Flugroute. Solange die USA den irakischen Luftraum beherrschten, hätten die israelischen F-15 und F-16 einen langen Umweg fliegen müssen. Entweder auf der „Nordroute”: hoch zur türkisch-syrischen Grenze, dann scharf rechts entlang dieser Linie bis nach Iran, schließlich wieder rechts nach Süden zu den Zielen: rund 2 000 Kilometer. Oder die „Südroute” quer durch Jordanien, dann durch Saudi-Arabien, schließlich über den Golf zu den verbunkerten Anreicherungsanlagen bei Ghom. Macht etwa 1.800 Kilometer.
Jetzt, da die Israelis den Irak nicht mehr meiden müssen, könnten sie in gerader Linie fliegen – etwa 1200 bis 1500 Kilometer. Was schafft eine F-15? Unter idealen Bedingungen (hoch, mit Extra-Tanks und unbeladen) an die 4 000 Kilometer – eine Milchmädchenrechnung. Erstens müssen sie wieder zurückfliegen. Zweitens müssen sie phasenweise niedrig in „dicker”, treibstofffressender Luft fliegen, um unentdeckt zu bleiben. Drittens, je mehr Waffen, desto weniger Kerosin. Es geht also nicht ohne Auftanken. Israel hat aber nur neun Tankflugzeuge. Mit denen könnte es theoretisch eine Armada von 70 bis 90 Kampf jets bedienen, aber die Choreografie wäre halsbrecherisch. Keinesfalls könnten die Tanker tagelang in der Luft bleiben. Ergo: einmal hin und zurück.
Der Luftkrieg über Serbien und Libyen hat viele Wochen gedauert. Zur Verdeutlichung des taktischen Problems: Als Israel 1981 ein einziges irakisches Ziel, den Osirak-Reaktor, zerstörte, flogen sechs Jets den Angriff, derweil eine weitere Handvoll für Schutz sorgte. Nun bombardiert die israelische Luftwaffe nicht wie die amerikanische: je mehr und öfter, desto besser. Auf der Herzlia-Konferenz, dem israelischen Pendant zur Münchner Sicherheitskonferenz, flüsterte denn auch ein Mann des Sicherheits-Establishments, dass Israel nicht alle 50 Ziele zerstören müsse, die gemeinhin genannt werden: „Es reicht, wenn wir die hochwertigen treffen.” Es folgte, noch kräftiger kodiert, ein Einblick in den internen Streit zwischen Netanjahu und Barak, die wohl wollen, und den Diensten, die bremsen. Die Botschaft: Es muss nicht unbedingt Krieg oder Verzicht sein, dazwischen läge eine breite Palette anderer Methoden.
Entschlüsselt: „Wir führen längst Krieg, aber nicht den, der öffentlich debattiert wird.” Wie das? Das kann man sich aus den Zeitungen zusammenklauben. Erstens: tödliche Anschläge auf iranische Atomwissenschaftler. Das Muster ist bekannt. Ähnlich wurden in den Fünfzigern deutsche Raketentechniker beseitigt, die für Ägypten arbeiteten, in den Siebzigern irakische Experten, die Saddam die Bombe verschaffen sollten. Zweitens: Cyberangriffe wie mit „Stux-net”, der in Natanz ganze Kaskaden von An-reicherungszentrifugen in den Wahnsinn trieb – wie eine Wäschetrommel, die außer Kontrolle gerät und sich selbst zerstört. Drittens: Sabotage. Im November ereignete sich eine gewaltige Explosion auf dem Militärstützpunkt Bidganeh nahe Teheran. Außer 18 Revolutionsgardisten starb General Mog-haddam, der Leiter des iranischen Raketenprogramms. Sein Prachtstück ist die Sha-hab 3 (2 OOO km), die auf Paraden gern mit dem Slogan geschmückt wird:. „Radiert Israel von der Landkarte!”
Wenn diese Indizienkette trägt, dann ist der Paukenlärm bloß Ablenkung. Der eigentliche Krieg läuft schon. Gelingt es den Israelis, das Waffenprogramm zu bremsen, gar zu stoppen, hätten sie der Welt einen Dienst erwiesen. Der Westen gewönne Zeit, um Teheran mit wirtschaftlichem und diplomatischem Druck umzustimmen. Gelingt das nicht, ist der Krieg im Dunkeln hundertmal besser als ein echter mit all seinen unwägbaren Weiterungen. Und besser als eine iranische Bombe, die Mittelost per Nachahmung in ein atomares Schreckenshaus verwandeln würde. Die israelischen Jets müssen im Hangar bleiben.
Handelsblatt vom 09.02.2012