Mai 262016
 
Johannes Auerbach – ein Künstlerschicksal im 20. Jahrhundert

Von Cornelia Auerbach-Schröder

Am 24. Mai 1899 wurde mein Bruder Johannes in Breslau geboren, als Ältester von uns vier Geschwistern. Unser Vater, Max Auerbach, war Musiker, ein sehr geschätzter Klavierpädagoge und Liedbegleiter. Die Mutter, als Lehrerin ausgebildet, war bis zur Verheiratung in ihrem Beruf tätig. Als sich 1906 die Eltern trennten, ging sie mit den beiden jüngsten Söhnen nach Jena, während Johannes und ich noch beim Vater blieben. Der älteste Bruder unseres Vaters war Physik-Professor an der Jenaer Universität, und er hatte es übernommen, für unsere Existenz zu sorgen.

In der schönen kleinen Universitätsstadt haben wir eine wundervolle Kindheit verlebt, eng verbunden mit der lieblichen Landschaft des Saaletals und der umliegenden Berge. Ebenso unmittelbar erlebten wir aber auch die geistigen und künstlerischen Strömungen der Zeit.

Im Hause von Felix Auerbach und seiner Frau Anna herrschte ein reges gesellschaftliches Leben. Namhafte Wissenschaftler und Künstler trafen sich zum Jour fix” im Haus mit dem schönen großen Garten an der Mozartstraße.

In diesem Kreis fand auch unsere Mutter bald Freunde; die Professoren Botho Graef und Eberhard Grisebach, den Dichter Reinhard Sorge, den jungen Maler Hans Storch u.a. Auch van de Velde muß sie wohl dort kennengelernt haben, denn als wir 1908 in die erste eigene Wohnung zogen (in der Beethovenstraße), bekam sie ihr von ihm entworfenes Wohnzimmer. In dieser Atmosphäre, an der wir Kinder natürlich irgendwie teilhatten, wur¬den schon Maßstäbe gesetzt, die für Johannes weitere Entwicklung bedeutsam waren. Seine Begabung zeigte sich früh. Von Anfang an offenbarte sich in seinen Zeichnungen, Aquarellen, Holschnitten viel Phantasie und auch ein erstaunliches, ganz ohne Unterricht erworbenes handwerkliches Können. Wenn er Menschen zeichnete, ist, unabhängig von der zeichnerischen Qualität, die Portrait-Ähnlichkeit immer verblüffend. Mit dreizehn Jahren fing er an zu schnitzen. Über den Umgang mit Holz hat der Tischlermeister Kemmler (in der Oberlauengasse) ihm sicher manches beigebracht.

Obwohl wir in unserm Alltag recht bescheiden lebten, haben wir in den Ferien immer sehr schöne Reisen gemacht. Da gab es außer Ostsee oder Lüneburger Heide auch einmal Ferien in den Schweizer Bergen, verbunden mit einem Aufenthalt in Colmar. Dort konnten wir den Isenheimer Altar sehen. Ein andermal ging es nach Rothenburg ob der Tauber, wo Johannes die Figuren von Tilman Riemenschneider bewundern konnte. Viele Stunden saß er auf einem Klappstühlchen in der Kirche und zeichnete den Altar ab. Natürlich haben ihn diese Kunsterlebnisse stark beeindruckt und gefordert, und gewiss war das die Absicht der Mutter beim Planen der Reise!

Im September 1917 wurde Johannes von der Schule mit Notabitur entlassen und zum Militär eingezogen. Während der Ausbildung in Straßburg hat er einen nach längerer Krankheit gewährten Genesungsurlaub genutztem Vorlesungen an der Universität zu hören.

Dann kam er aber doch noch an die Front. In den Briefen an die Mutter spürt man die Erschütterung über die schrecklichen Erlebnisse, obwohl er immer versucht, die drohenden Gefahren zu verheimlichen oder zu verharmlosen.

An seine Heimkehr im November 1918 kann ich mich gut erinnern. Da unsere Schule als Lazarett diente, waren wir Primanerinnen im Jungens-Gymnasium am Steiger untergebracht worden. Da wurde ich eines Tages während der Pause von meinen Kameradinnen gerufen: „Cora, Dein Bruder!” Und der Mann im Soldatenmantel, der da am Zaun stand, war wirklich der Heimkehrer Johannes!

Bereits im Dezember bewarb er sich für das Bildhauerstudium an der Hochschule für bildende Kunst in Weimar und wurde in die Klasse von Professor Engelmann aufgenommen. So wurde er durch Studienbeginn im Januar 1919 ein Schüler der ersten Stunde am bald von Gropius geleiteten Bauhaus. Das gilt auch für die Malerin Dörte Helm, Schülerin von Feininger. Von ihr stammt das Portrait, das Johannes bei der Arbeit am Hert wigkopf zeigt. Die beiden waren bei den Kostümfesten ein gefeiertes schönes Paar! Aber schon im Juni dieses Jahres verließ Johannes Weimar, von Unruhe getrieben. Er besuchte Freunde, auch den Vater, überall Abschied nehmend, denn er wollte ein Weltwanderung machen. Es wurde eine Romwanderung, ein großes Abenteuer! Am Weihnachtsabend kam er heim.

Die nächste Etappe ist der Lindenhof, ein kleiner Bauernhof in Holstein. Dorthin ging er mit Hugo Hertwig, um – wie so viele junge Menschen damals – aus der Stadt flüchtend zu siedeln. In der kleinen Gemeinschaft herrschte eine Atmosphäre überspannter Geistigkeit, Realitätsferne, Rückwendung zu Urzuständen, vor allem aber auch gefährlicher Spannungen im Zusammenleben der Männer und Frauen unter dem beherrschenden Einfluß Hertwigs. Es endete mit einer Katastrophe, dem Selbstmordversuch von Johannes, der sich den suggestiven Kräften Hertwigs nicht mehr gewachsen fühlte.

Wie durch ein Wunder gerettet, erlebte Johannes in dem langwierigen Heilungsprozeß zugleich einen Prozess der Besinnung. Der 21jährige erkannte, daß er auf einem Irrweg war, daß er sich aus dem Bannkreis Hertwigs lösen mußte, nur noch er selbst sein und ein Bildhauer werden wollte. Er kam nach Berlin, sah dort Verwandte und Freunde: die Familie Lepsius, Marcus Behmer; auch Gropius, vom dem er sich über seinen weiteren Weg beraten ließ. In Jena fand er wieder Kontakt zu den Verwandten; vor allem sah er Inge Harnack wieder, die heimliche große Liebe schon aus den Kindheitstagen. Langsam fand er ins Leben zurück. Verständnisvolle Menschen haben ihm dabei geholfen, und günstige Umstände boten sich, um einen neuen Anfang zu machen.

In Hagen hatte Karl Ernst Osthaus das Folkwang-Museum gegründet. Wohnsitz der Familie Osthaus war der von van de Velde gebaute „Hohenhof’, ein Anziehungspunkt für Künstler und Gelehrte, schöpferische Menschen verschiedenster Art. In diesem Kreis entstand die Idee für eine neuartige Schule. Als Lehrerin an der Folkwang-Schule wurde dann auch Frau Kaethe Auerbach, unsere Mutter, nach Hagen geholt. Sie lebte nun ebenfalls im Hohenhof und sprach mit Frau Osthaus über das Schicksal von Johannes, der als Rekonvaleszent noch in Berlin einer ungewissen Zukunft entgegensah. In großzügiger Weise lud Frau Osthaus ihn, und später auch Inge Harnack ein, nach Hagen zu kommen. Hier konnte Johannes – zum ersten Mal nach Romwanderung und Lindenhof – wieder künstlerisch arbeiten. Es entstanden u.a. 15 große Linolschnitte, die vom Folkwang-Verlag als Mappe herausgegeben und viel verkauft wurden. An einer Felswand gegenüber dem Hohenhof hat Johannes einen überlebensgroßen Hertwig-Kopf aus dem Stein gehauen. Erst Jahre später ist dieses Portrait bei Sprengungen für eine Autobahn zerstört worden.

Im März 1921 war Osthaus in Meran an Tuberkulose gestorben. Nun bekam Johannes von Frau Osthaus den Auftrag, dort für den großen Kunst-Mäzen ein Grabmal zu errichten. Der junge, in Steinbildhauerei noch gänzlich unerfahrene Künstler stellte sich dieser Aufgabe und schuf in neunmonatiger mühevoller Arbeit ein sehr beeindruckendes Denkmal.

Auch im Schloß Rosenhöhe bei Darmstadt hatte sich damals ein Kreis großstadtflüchtiger Künstler und Intellektueller niedergelassen. Von dort kam die Anregung für Johannes, nach der Rückkehr aus Meran in das ebenfalls nahe Darmstadt gelegene Jagdschloß Kranichstein zu übersiedeln. So richtete er sich in der ehemaligen Schloßküche seine Werkstatt und Wohnung ein, in die er mit Inge Harnack einzog, nachdem im April 1922 in Jena die Hochzeit stattgefunden hatte.

Das neue Leben war sehr erschwert durch die rasch fortschreitende Inflation. Mit Bildhauerarbeit konnte der Lebensunterhalt nicht finanziert werden. Johannes verlegte sich auf kunstgewerbliche Arbeiten: aus edlen Hölzern und Halbedelsteinen fertigte er Brieföffner, Petschafte, Lampen, Schmuckstücke, die er verkaufen konnte. Doch entstanden daneben auch erste Portraits: Frau Inge, Mutter Harnack, Frau Fuhrmann u.a.

Im Sommer 1925 war das Paar wieder in Jena, wo der Sohn Wulf geboren wurde. Hier in Jena entstand auch ein Plan für den weiteren Lebensweg. Johannes sollte nach Paris gehen, um sich dort weiter auszubilden. Die dafür nötigen Geldmittel stellte ein Mäzen zur Verfügung.

In Paris wurde 1926 der Sohn Claus geboren. In einem kleinen selbstgebauten Atelier hat Johannes in den ersten Pariser Jahren eine große Anzahl Skulpturen geschaffen, die auch ausgestellt wurden: im Salon d’Automne, Salon de l’Escalier, Salon des Independants. Mehrere erhielten Preise, wobei ihm allerdings, da er Ausländer war, der Geldpreis nicht ausgezahlt wurde! Er fand Kontakt zu den führenden Bildhauern, Despiau und Maillol, die ihn auch in seinem Atelier aufgesucht haben. Aber wieder war es wirtschaftlich eine schlechte Zeit; mit Kunst war kein Geld zu verdienen.

Mit dem langfristig gesetzten Ziel, sich vom Mäzen unabhängig zu machen, begann Johannes ein neues Unternehmen. Mit geliehenem Geld kaufte er ein kleines Grundstück in der Banlieu von Paris. Dort arbeitete er mit einem Maurermeister, bei dem er auch wohnte, tagsüber als Maurer auf dem Bau. In der Freizeit half ihm der Meister, auf dem Grundstück ein einfaches Haus zu bauen: unten zwei Bildhauer-Ateliers, oben zwei Malerateliers, jeweils mit Wohnung. Von den Mieten der drei Atelier-Wohnungen (eine war für ihn selbst bestimmt) hätte er in wenigen Jahren das aufgenommene Geld zurückgezahlt. Er wohnte schon im Haus; auch die Mutter hat eine Zeitlang mit ihm da gelebt. Doch es gab wieder eine Katastrophe: es herrschte nun, 1932, in Frankreich große Arbeitslosigkeit, aus der sich zunehmend chauvinistische Hetze gegen ausländische Arbeiter ergab. Eines Tages wurde auf dem Bau ein Italiener vom Gerüst gestoßen (es hieß, er sei gestürzt!), und Johannes wurde von einem Freund gewarnt, nicht wieder zur Arbeit zu kommen. Da fing er an, seine Sachen zu packen. Die großen Figuren, die ringsum in seinem Garten standen, alles kostbare Werkzeug, aller Hausrat wurde in Kisten verpackt. Die Tragik dabei war, daß nun im Augenblick des Aufbruchs das Dokument eintraf, auf das er jahrelang gewartet hatte: die Genehmigung seiner Einbürgerung in Frankreich. Es hatte sich so lange verzögert, weil er im Krieg (1918) als Soldat in Frankreich gekämpft hatte, ein nur schwer zu überwindendes Hindernis! Aber nun war es zu spät; zu Fuß, mit leichtem Gepäck und mit seinem Hund brach er nach Deutschland auf. Und dort marschierten bereits die braunen Horden! Sein großes Gepäck haben wir nie wiedergesehen; denn als die Container an der Grenze deklariert werden sollten, war Johannes schon verhaftet, und wir, seine Angehörigen, wagten nicht, uns zu melden.

Johannes blieb nur kurz in Berlin. Dann ging er nach Hamburg, wo er mit einem Freund zusammen ein ziemlich makabres „Geschäft” organisierte: Werbung für die Anfertigung von Totenmasken. Es wurde wohl nichts daraus. Zugleich begann er mit der Niederschrift seiner Biographie. Der erste Teil war beendet, ein dickes Buch in Maschinenschrift, mit mehreren Kopien. Leider ist nichts davon erhalten; trotz meiner Bemühungen, eine Kopie wenigstens ins Ausland zu retten, sind sie wegen der Gefahr der Entdeckung alle vernichtet worden.

Johannes hatte sich in Hamburg gleich einer Widerstandsgruppe angeschlossen. Nachdem er mehrmals kurzfristig verhaftet und wieder entlassen worden war, saß er Ostern 1933 schon in Fuhlsbüttel in Untersuchungshaft. Ich habe ihn dort besucht. Von Folterungen erfuhren wir erst viel später; sie waren schließlich die Ursache für seinen frühen Tod (1950)… Zum Prozess fuhr die Mutter nach Hamburg. Sie war erstaunt, wieviel freier es dort zuging als bei den grausamen Prozessen in Berlin. Johannes bekam eine verhältnismäßig niedrige Strafzeit mit Anrechnung der Untersuchungshaft.

Als Kommunist und dazu jüdischer Abstammung wäre er in Berlin so nicht davongekommen.

Nach der Entlassung aus dem K.Z. Fuhlsbüttel und nochmaliger Verhaftung (weil er an einen noch einsitzenden Freund einen Kartengruß „aus der Freiheit” geschrieben hatte!), wurde er schließlich Weihnachten 1935 begnadigt. In Berlin hat er uns: die Mutter, seine beiden Söhne, sowie mich mit meiner Familie wiedergesehen. Wir konnten nicht wissen, dass es für die meisten von uns das letzte Wiedersehen war! Von Inge Harnack geschieden, heiratete er in Hamburg wieder und ging mit seiner zweiten Frau in die Emigration, nach England.

Wieder konnte er die finanzielle Abhängigkeit – diesmal vom Schwiegervater, der die englische Staatsbürgerschaft besaß, – nicht ertragen. Er ging mit seiner Frau erst nach Capri, dann weiter nach Zypern. In Ermangelung einer Werkstatt zum Bildhauern hat er in den Jahren des Exils (1936-38) gemalt. Auf beiden Inseln sind eine große Zahl von Aquarellen entstanden, Landschaften und Portraits, sowie erste Radierungen.

Kurz vor Kriegsausbruch gelang die Rückkehr nach London. Hier durfte er während des Krieges als Deutscher nicht arbeiten. Die Verbindung mit uns in Berlin konnte nur mit den 25-Worte-Briefen, einmal im Monat, aufrechterhalten werden. Nach dem Krieg gelang es Johannes, eine Stellung als Bildhauer-Lehrer an der Kunstakademie in Oxford zu erhalten. Zahlreiche kleinere Arbeiten, aber auch größere Aufträge in Stein und in Holz konnte er noch ausführen. Es gibt u.a. Gedenktafeln in einem Londoner College; und es gibt eine ganze Anzahl köstlicher Radierungen. Sein Hauptwerk aus dieser letzten Zeit ist die Ausstattung einer kleinen Kirche in der Nähe von Oxford. Im Auftrag des Architekten, der die alte Kirche restaurierte, machte Johannes eine steinerne Madonna mit Kind, sowie in Holz zwei leuchtertragende Engel (nach Riemenschneider), und eine große Kreuzigungsgruppe.

Johannes starb am 7. Februar 1950 in Oxford an Gehirnschlag.

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Nele Herling,
aus dem K
atalog des Städtischen Museums Jena


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