Jan 302017
 
Die Seele überragt den Tod

Von Klaus A. Baier

1. Viele reden von der Seele – nur wir Theologen trauen uns nicht.

Ich gebe es ja gleich zu. Ich habe Probleme mit dem Wort Seele. Ich habe sie lange verdrängt. Ich hielt mich an Wittgensteins Maxime „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, dass man also nichts sagt, als was sich sagen lässt und einem, der etwas Metaphysisches sagt, nachweist, das er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat – und das hinsichtlich metaphysischer Redeweise auch nie wird leisten können. Wir können zwar bestimmte Phänomene wahrnehmen, z.B. das Licht, aber was das Licht an sich ist, können wir bestenfalls annäherungsweise sagen. Wir können zwar wahrnehmen, dass Menschen davon reden, eine Erfahrung Gottes gehabt zu haben, aber wer Gott an sich ist, können wir nicht sagen.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Begriff Seele. Niemand hat sie gesehen. Niemand hat sie lokalisieren können. Und wohl kein ernstzunehmender Wissenschaftler würde heute versuchen, den Sitz der Seele irgendwo im Menschen auszumachen. Und so habe ich, obwohl ich von Beruf Seelsorger bin, viele Jahre lang Probleme gehabt, wenn Menschen mich auf die Seele hin ansprachen, was z.B. oft in den Gesprächen geschah, die ich mit Angehörigen anlässlich eines Todesfalles führte. Ich sage es einmal salopp: Ich habe da immer ziemlich rumeiern müssen. Ich sprach dann von Bildern, die wir gebrauchen, um uns vorzustellen, dass der Mensch, den wir uns zu beerdigen anschicken, in Gott geborgen sei. Ich beruhigte mich damit, dass ja auch bei den Dichtern und in den darstellenden Künsten von der Seele eigentlich nur poetisch oder im übertragenen Sinne die Rede ist. Z.B. in dem schönen Lied von Paul Gerhardt „Befiehl du deine Wege“, wo es im siebten Verse heißt „Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.“ Und in einem anderen Lied von Paul Gerhardt heißt es: „Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön, dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.“ (EKG 302). Der Begriff „Seele“ wird hier mit dem Wort „Ich“ in Zusammenhang gebracht: Du meine Seele singe … Ich will den Herren droben … preisen. So verstand ich also den Begriff Seele als eine poetische Umschreibung dafür, was Ich im wesentlichen bin. Das, was mich kennzeichnet, das, was mich in meinem Denken und Handeln antreibt, das, was ich bin, wird mit dem Begriff „Seele“ ausgedrückt. Aber dann fällt mir wieder der griffige Titel ein, den Richard Precht seinem Buch über Grundfragen moderner Philosophie gegeben hat: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ Ist, was mich ich sagen lässt, als „Ich“ überhaupt aussagbar?

Kurz: Ich habe einsehen müssen, dass diese poetische Interpretation dessen, was ich Seele nenne, ein Schleichweg aus der Problematik ist, die sich stellt, wenn wir von „Seele“ sprechen. Als ich neben meiner Mutter hinter dem Sarg meines Vaters herschritt, um ihn unter den hohen Bäumen auf dem Delmenhorster Friedhof zu beerdigen, hörte ich sie diesen einen Satz immer wiederholen: „Es ist ja nur der Leib, den wir begraben; es ist ja nur der Leib, den wir begraben.“

Meine Mutter ist eine sehr gläubige Frau. Sie glaubt ganz selbstverständlich daran, dass die Seele in dem Augenblick des Todes den Leib verlässt und – wie auch immer – für alle Zeit in Gott geborgen ist. Von der Unsterblichkeit der Seele habe ich sie nie reden hören, wohl aber davon, dass die Seele – vom Leibe befreit – bei Gott, im Himmel, in seinem Reich „wohnen“ würde. Sollte ich ihr das ausreden? Sollte ich sagen: Du musst das bildlich verstehen? Oder hätte ich sagen sollen, dass ich der Meinung sei, auch die menschliche Seele, gesetzt den Fall, dass es sie „gäbe“, sterbe schlicht zusammen mit dem Körper? Dann hätte mich meine Mutter wahrscheinlich nicht nur stirnrunzelnd angesehen, sondern – da sie eine gebildete Frau ist – auch gesagt: Mein Junge, mit dieser nicht allzu anspruchsvollen Sicht übergehst du nicht nur eine große philosophisch-theologische europäische Lehrtradition über die Seele, sondern du verlierst auch die Vollmacht, im Angesicht des Todes davon zu reden, dass Gott den Tod überwunden hat und wir alle auferstehen werden, um in Ewigkeit bei Gott zu sein. Und hat uns nicht der Pfarrer, der meine Frau beerdigte, von der Auferstehung gesprochen – und habe nicht auch mich durch seine Verkündigung trösten lassen?

Obwohl die Vorstellung einer Auferstehung offenbar eine nicht für jedermann angenehme Vorstellung ist. Mir fällt da ein Witz ein: „Jaime, der Rebbe meint, der Messias wird bald kommen!“ „Gott behüte! Da wird doch meine ganze Verwandtschaft seit der Erschaffung der Welt auferstehen – und sie werden alle zusammen herkommen und bei mir wohnen wollen!“

Hier wird etwas deutlich, das mitschwingt, wenn wir von der Seele reden. Es muss sich dabei um etwas handeln, das über meinen Tod hinaus besteht. Das wird auch in einem anderen Witz deutlich, den ich Ihnen doch auch noch rasch erzählen möchte. Der berühmte Theologe Karl Barth wird nach einem Vortrag von einer etwas aufdringlichen „besseren“ Dame gefragt: „Herr Professor, ist es auch ganz gewiss, dass wir im Himmel alle unsere Lieben wiedersehen werden?“ Karl Barth nickt und sagt dann bedächtig: „Ja, ganz gewiss. Aber die anderen, die werden wir auch wiedersehen!“

Aber nun ernsthaft weiter! Die Frage, ob es eine Kontinuität gibt zwischen meinem Leben vor dem Tod und dem, was immer nach dem Tod kommen wird, hat die Menschen, seit sie ein Bewusstsein von sich selbst haben, immer umgetrieben. Sie sind davon überzeugt: Was schon für die Liebe gilt, nämlich dass sie sogar den Tod überragt, gilt erst recht für die Möglichkeiten der menschlichen Seele. Seelenvorstellungen hat es viele gegeben. Wann und wo immer von dem die Rede ist, das wir in unserer Sprache Seele nennen, wird auf eine Mächtigkeit verwiesen, die unser physisches, unser psychisch-geistiges und – ich wage mal zu sagen – das postmortale Leben durchdringt.

Seele wird dann ganz allgemein als Mächtigkeit des Lebens verstanden, die das jetzige Leben durchdringt, aber mit dem Ende des Lebens nicht aufhört. So jedenfalls haben die Menschen zu allen Zeiten (und in vielen Gegenden der Welt bis heute) die Seele erfahren: Man stellte sich vor, dass sie sich in der Ekstase oder im „Traumschlaf“ vom Körper trennt und außerhalb des Leibes eine eigene Existenz hat. Man hat dafür sogar einen Begriff: Es ist die Exkursionsseele.

Es gibt auch die Vorstellung von einer Außenseele: Dann denkt man sich die Mächtigkeit wie eine unsichtbare Aura, die den Menschen umgibt, und die, wenn der Leib stirbt, weiter bestehen bleibt. Die Reinkarnationsseele setzt die Vorstellung voraus, die Zeugung sei nicht der Realgrund, warum ein Mensch geboren wird, sondern nur der äußere Anlass zur Wiederverkörperung einer „alten“ (präexistenten) Seele in einem neuen Leib, was zur Vorstellung von der Seelenwanderung geführt hat. Da fällt mir ein Kalauer von Woody Allen ein: „An die Wiedergeburt habe ich auch mal geglaubt, aber das war in einem frühern Leben.“ Naja.

Alle archäologischen Funde in Gräbern aus der Urzeit der Menschen bestätigen jedenfalls, dass die Vorstellung von einem Leben nach dem Tode und mit ihr verbunden die Vorstellung von einer Macht, die uns bewohnt, aber über unseren Tod hinausreicht, von einer „Seele“ also, so weit verbreitet gewesen ist, dass wir von einer allen Menschen (bis auf einige in unserer Zeit) gemeinsamen Vorstellung sprechen können. Wenn wir von Seele reden, so beziehen wir uns auf diese einer großen Zahl von Menschen gemeinsame Vorstellung von einer Mächtigkeit des Lebens, die den Tod überragt.

Im Altertum hat sie z.B. die ägyptische Kultur geprägt und die Monumente und Gegenstände hervorgebracht, die wir als Touristen morgen staunend betrachten werden. Das Besondere der altägyptischen Anthropologie liegt darin, dass den Menschen dieser Kultur eine nach-todliche Existenz ohne die Intaktheit und ungestörte Interaktionsfähigkeit aller anthropologischen Konstituenten des Menschen unvorstellbar ist. Erst wo diese beiden Grundbedingungen dahinfallen, etwa durch Bestrafung im Jenseits oder Vernachlässigung der Totenpflege, spricht der Ägypter von „Tod“, einem „zweiten Tod“, der völliges Nicht-Sein bedeutet. Bleiben diese beiden Grundbedingungen (also die Intaktheit und die ungestörte Interaktionsfähigkeit der Seele) bestehen, spricht der Ägypter von „Verklärtsein“. Deshalb auch das vitale Interesse an der postmortalen Konservierung (der Mumifizierung) des Leibes, der auch in der Unterwelt noch der Wohnort der Seele bleibt. Unvorstellbar für einen „alten Ägypter“, dass man Mumien in einem Museum ausstellt, die man – wie wir es morgen tun werden, durch eine Glasscheibe hindurch betrachtet.

Ähnliche Vorstellungen finden wir im alten Griechenland: Stirbt der Mensch, so verlässt ihn die „Exkursionsseele“ durch den Mund oder eine offene Körperwunde und flattert gleich einer Fledermaus in den Hades, wo sie als blutloser Schatten ohne eigentliches Bewusstsein west. Bevor der Leichnam bestattet wird, vermag die Seele als unkörperliches Abbild des lebenden Menschen anderen zu erscheinen. Auf Vasenbildern der griechischen Antike konnten wir neulich in Delphi den Vorgang bestaunen.

Auch die „Seelenlandschaft“ der Germanen ist außerordentlich komplex. Wir kennen z.B. die alte Vorstellung, derzufolge die „Seelen“ Verstorbener in bestimmten heiligen „Seen“ Wohnung nehmen, von wo aus sie sich wieder in neue Menschenleiber einkörpern. Hier kommt übrigens unser Wort „Seele“ her, denn es besteht ein sprachlicher Zusammenhang von „See“ (= saiwa) und „Seele“ (= saiwa-lo: die vom „See“ stammt, zum „See“ gehörig).

Im Alten Testament gibt es den Begriff „Seele“ dem Wortlaut nach selbstverständlich nicht, weil, wie ich gerade gesagt habe, das Wort „Seele“ germanischen Ursprungs ist. Aber es gibt Äquivalente für das, was wir mit dem Begriff Seele ausdrücken. Im 1. Buch Mose, Kap. 2 Vers 7 heißt es: Gott machte den Menschen aus Erde „und blies ihm den Lebensatem in seine Nase, und der Mensch wurde zu einem lebendigen Wesen“. Das Lebendig-Werden des Menschen hängt mit der Gabe der Atemfunktion zusammen; Gott gibt den Seelenhauch, beseelt so den Menschen. So bezeichnet das entsprechende Wort im Hebräischen (naefaes) denn auch das Lebensprinzip des Menschen, das sich Gott verdankt. Es ist etwas, das dem Menschen von Gott her zukommt, ist darum auch vom menschlichen Leib, der „von Erde“ gebildet ist, unterschieden.

Auch im Neuen Testament ist die Unterscheidung von Leib und Seele zu finden. Die Vorstellungen sind nicht einheitlich. Man denkt sich z.B. für die nach dem Tode vom Leib getrennte Seele eine Art Zwischenzustand, in dem sie sich bis zum „Jüngsten Tag“ aufhält (Mt 10, 28; Lk 12, 4 f). Paulus spricht von einem „äußeren“ und einem „inneren“ Menschen, von dem „Leib“ als dem „Haus“ der Seele, von der „Nacktheit“ der vom Körper getrennten Seele usw. (2. Kor 4, 16 bis 5, 10). Die Unterscheidung zwischen dem „äußeren“ und dem „inneren Menschen“ ermöglicht es Paulus, seine (2. Kor 4, 8) geschilderte Teilhabe am Todesgeschick Jesu nicht als heillosen Untergang zu begreifen, sondern sie auf den „äußeren Menschen“ zu beschränken und ihr die ständige gnadenhafte Erneuerung des „inneren Menschen“ gegenüberzustellen. (2. Kor 4, 16). Die Spannung zwischen innen und außen wird erst mit dem „Überziehen“ des himmlischen Hauses, des Auferstehungsleibes (2. Kor 5, 1 f), gelöst werden.

Leib, Seele, innerer und äußerer Mensch, Reinkarnation, Wanderseele – sind das vergangene Worte, leere Begriffe, die uns heute nichts mehr sagen? Der Kirchenvater Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) berichtet in seinem Text Soli loquium von einem Gespräch, das er mit seiner eigenen Vernunft (!) geführt hat. Die Vernunft fragte ihn, worüber er, Augustinus, denn eine solide Erkenntnis oder ein Wissen begehre. Er antwortete seiner Vernunft: „Gott und die Seele will ich erkennen.“ Da fragte ihn seine Vernunft mit gespieltem Erstaunen: „Weiter nichts?“ „Gar nichts“, antwortete der Kirchenvater, und er gab damit seiner Meinung Ausdruck, dass das Thema „Gott und Seele“ sämtliche Fragen des Lebens und des Glaubens umspanne, und dass das Reden von Gott und das Reden von der Seele in einem unauflöslichen inneren Zusammenhang stehen. Er meint tatsächlich, dass wir, wenn wir von dem einen nicht mehr sprechen könnten, wir auch von dem anderen nicht mehr sprechen können. Mit anderen Worten: Die menschliche Selbsterkenntnis, die Erkenntnis dessen, was es mit der Seele auf sich hat, und die Gotteserkenntnis, die Erkenntnis dessen, was es mit Gott auf sich hat, sind nicht zu trennen – jedenfalls dann nicht, wenn man Augustinus folgt.

2. Was ist denn nun die menschliche Seele?

Was soll ich als evangelischer Theologe denn zu alldem sagen? Wie ist die Beschaffenheit der menschlichen Seele zu sehen, und in welcher Beziehung steht die menschliche Seele nach heutiger theologischer Meinung zur christlichen Hoffnung über den Tod hinaus? Manche Philosophen und Psychologen können heute gefestigter von der Seele des Menschen reden als ich es als evangelischer Theologe tue. Aber ich darf der Frage nicht ausweichen.

Anlässlich einer Trauerfeier wurde ich kurz vor der Beerdigung gefragt, ob es wahr sei, dass die evangelische Kirche heute nicht mehr meine, dass der Mensch eine unsterbliche Seele besitze, sondern jetzt lehre, dass mit dem Tode auch für die Seele alles aus sei. So krass hatte ich das ja selbst nie gesagt, wie ich eingangs geschildert habe. Da ist der Pfarrer, in dessen Gemeinde der, der mich da fragte, wohnte, offenbar sehr viel rigoroser gewesen. Er habe z.B. verboten, bei einem bestimmten Choral auch die dritte Strophe zu singen, die mit den Worten beginnt: „Ach Herr, lass dein‘ lieb‘ Engelein an meinem End‘ die Seele mein in Abrahams Schoß tragen …“ (EKG 397). Hinter der Frage dieses Gemeindemitglieds steht ja doch die Sorge, dass, wenn die Theologen heute so denken, der christliche Glaube ja kaum mehr einen Wert habe, und man sich auch frage, ob der Pfarrer noch Seelsorger sein kann, wenn er sich nicht mehr getraut, von der Seele zu sprechen. Also noch einmal: Was ist die menschliche Seele?

Wie ich schon andeutete: In unserem Zeitalter der Humanwissenschaften ist das Reden von der Seele schwierig geworden. Die verschiedenen Fachrichtungen sind immer weniger in der Lage, belastbare gemeinsame Aussagen von der Seele zu treffen. Als Theologe höre ich mich auch bei Kollegen um, wenn mich eine Frage bewegt: was haben sie zu diesem Thema zu sagen? Ich schaute also bei dem in Theologie und Philosophie gleichermaßen bewanderten deutsch-amerikanischen Theologen Paul Tillich (1886 bis 1965) nach, den ich als Student schon ausführlich gelesen habe. Was er mir in punkto Seele sagen konnte, war aber eher entmutigend. Das deutsche Wort „Seele“, meint er im Band III seiner „Systematischen Theologie“, habe ein ähnliches Geschick erlitten wie das Wort „spirit“ im Englischen. Beide Wörter seien überholt worden von der modernen „Persönlichkeitspsychologie“, die sich, so zitiert Tillich Friedrich Albert Langes „Geschichte des Materialismus“, zu einer „Psychologie ohne Seele“ entwickelt habe. Die heutige wissenschaftliche Psychologie untersucht mentale Leistungen, ohne sich dabei noch an einen Überbegriff „Seele“ zu binden. Sie kann und will ihn meistens auch gar nicht mehr erreichen. So müsse man feststellen, „dass das Wort Seele, während es noch in der liturgischen … und dichterischen Sprache seinen Ort“ habe (und dort „den Sitz der Gefühle“ meine), „seinen Nutzen … verloren hat“ sowohl „für die allgemeine wie auch für die theologische Beschreibung des Menschen“. Tillich selbst spricht nur vom Wort „Seele“, weil er die Seele nicht mehr für „begriffsfähig“ hält. Aber so leicht kommen wir Theologen heute nicht mehr davon, denn ähnlich, wie man jetzt von einer Rückkehr der Religion(en) redet, könnte man auch davon sprechen, dass die Frage nach der Seele wieder Konjunktur hat.

Darum möchte ich Ihnen im Folgenden erst einmal vier Modelle vorstellen, mit denen man heute vor allem in der Psychologie und in der Philosophie (leider weniger in der Theologie) versucht, sich dem „Phänomen Seele“ wieder zu nähern.

2.1 Das „Lebenskraft-Modell“

Die erste Modellvorstellung von der Seele gruppiert sich um die Zentralaussage, Seele sei ein anderes Wort für „Leben“, genauer für die innere Lebenskraft eines Individuums (J. Reinke). Diese Vorstellung knüpft an die alte hebräische Rede von der Seele an, die immer beides meinte: Leben und Seele, so dass man, wenn man Seele sagte, Leben meinte und umgekehrt, wenn man vom Leben sprach, das, was Seele ausdrückt, immer mitgemeint hat. Leib und Seele sind also eine Einheit. Wie soll man sich das vorstellen? Am besten so, dass man sich den Leib, wäre er ohne Seele, nur vorstellen kann als eine Ansammlung von Knochen, Muskeln, Geweben usw. Die Seele ist dann das, was diesem Leib seine Lebenskraft gibt, also das, was die materiellen Gegebenheiten des Leibes (bis hinein in die kleinsten „Teilchen“ des Leibes, bis in die Zellen und die Gene), ausmacht, das, was diesen „Erdenkloß“ zu etwas Lebendigem, einem lebendigen Wesen macht. Man sagt manchmal, der Mensch sei eine psychosomatische Einheit. Für die Medizin bedeutet das z.B., dass sich viele körperliche Krankheiten auf seelische Ursachen zurückführen lassen, wie umgekehrt viele körperliche Leiden auch seelische Folgen haben. Diese erste Modellvorstellung geht davon aus, dass der Mensch im Tode „nach Leib und Seele zugrunde“ geht. Von einer unsterblichen Seele ist hier nicht die Rede.

2.2 Das persönlichkeitspsychologisches Modell

In der zweiten Gruppe von Modellvorstellungen über die Seele ist diese nicht ein anderes Wort für Leben, sondern ein anderes Wort für das mit Bewusstsein und Willen ausgestattete Ich. Zu dieser Gruppe gehört die von der römisch-katholischen Kirche bevorzugte Seelenlehre. Am 17. Mai 1979 veröffentliche die vatikanische „Kommission für die Glaubenslehre“ das Schreiben „Zu einigen Fragen der Eschatologie“, worin es heißt: Zu verstehen ist unter der Seele „das ‚Ich‘ des Menschen, das mit Bewusstsein und Willen ausgestattet ist und nach dem Tod fortdauert.“ Offenbar aus gutem Grund fügt der Text noch hinzu: obwohl man heute auch „Ich“ sagen könne, sei es aber nicht ratsam, auf den Begriff der Seele in der Lehre vom Menschen überhaupt zu verzichten. Das Wort habe sich zu tief eingegraben in die Redeweise der Heiligen Schrift und aller unserer sonstigen Traditionen.

Hatten wir es bei dem ersten Modell mit einer Lebenskraft-Theorie zu tun, so in diesem zweiten mit einer persönlichkeitspsychologischen Theorie von der menschlichen Seele. Das „Ich“ wird hier als Seele verstanden. Diese Auffassung haben sehr viele Philosophen des 19. Jahrhunderts geteilt und es gibt zahlreiche Varianten. Die Psychologen Sigmund Freud und Carl-Gustav Jung, die einen großen Einfluss auf die Seelenvorstellungen unser Zeit gehabt haben, meinten aufgrund eingehender Untersuchungen (und zugegebenermaßen auch einiger Spekulationen) feststellen zu können, dass das Ich nicht die gesamte seelische Wirklichkeit darstellt, da die Seele bis tief in die unbewussten Schichten hineinreicht. Beide stellen die Seele in die Spannung zwischen dem Bewussten und Unbewussten; während das Ich die bewussten Anteile an der Seele bezeichnet, nennen sie die unbewussten Anteile Es. Das Ich, also die Seele, habe unbewusste Anteile, die aber gleichwohl für die Seele bestimmend sein können. Bewusstes und Unbewusstes machen die Seele aus, Ich und Es gehören zusammen. Und das, was da zusammengehört, nennt man das Selbst.

Das ist zugegebenermaßen alles etwas kompliziert und hört sich höchst spekulativ an. Und sicher kann man auch keinen Bereich im Menschen ausmachen, der definitiv zum Ich oder zum Es gehört. Mit diesen beiden Begriffen möchte man nur zum Ausdruck bringen, dass die Seele, also das, was das Wesen des Menschen ausmacht, sich seiner Selbst nicht immer hochgradig bewusst ist, sondern das in uns Kräfte am Werk sind, über die wir offensichtlich wenig oder gar keine Gewalt haben, z.B. Süchte, Leidenschaften, überhaupt Gefühle, von denen wir oft gar nichts ahnen, die aber dennoch unser Leben bestimmen.

2.3 Das kognitionsphilosophisches Modell

Hier geht man von der Möglichkeit und Fähigkeit zur Wahrnehmung aus, die zu Erkenntnissen führt. Da die Wissenschaft gerne mit lateinischen Begriffen belegt, was sie sagen will, nennt sie diese Variante der Lehre von der Seele das kognitionsphilosophische Modell (von lateinisch cognitio = Erkenntnis). Im Unterschied zum zweiten Modell meint man hier, dass auch Pflanzen und Tiere in einem gewissen Grad über die Fähigkeit zur Wahrnehmung und also auch über ein gewisses Maß von „Erkenntnis“ (jedenfalls im Blick auf Tiere) verfügen. Konsequent wird auch Tieren wenigstens eine „graduelle“ Seele zugesprochen (wie das mit den Pflanzen ist, ist freilich höchst umstritten und wird sich m.E. nie herausfinden lassen, weil wir mit ihnen nicht kognitiv kommunizieren können). Wahrnehmen, Fühlen, Erinnern, Wollen und schließlich Erkennen, Denken, Selbstbewusstsein und Werturteile abgeben – das sind hier mehr oder weniger hierarchisch geordnete Leistungen der Seele. Die Seele ist also nicht nur der Sitz der Gefühle, sondern sie ist auch der Sitz der verborgenen Verbindungsleistungen zwischen Empfindungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Denkleistungen, Willensäußerungen und schließlich dem Handeln. Somit ist die Seele im Bereich dieses dritten Modells auch moralisch qualifiziert. Sie unterliegt einer „persönlichen“ Verantwortung. Sehr vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, die Seele wird in diesem Modell als das Ensemble der Kräfte verstanden, die den Menschen in seine für ihn spezifischen Richtungen steuern und die ihn seine Beziehungen gestalten lassen. Die Seele ist das, was dem Menschen (auch dem Tier?) seine Würde gibt, seine Persönlichkeit ausmacht und was ihm gegenüber anderen Menschen seine jeweilige Subjektivität verleiht.

2.4 Das „Ekstasis-Modell“

Mit dem vierten Modell versucht man zu sagen, was den Begriff der Menschenwürde denn nun inhaltlich ausmacht. Was qualifiziert den Menschen als Menschen? Worin unterscheidet er sich von allem anderem, was noch beseelt sein könnte, also von den Tieren und den Pflanzen? Man sagt, der Mensch unterscheide sich von allen anderen Lebewesen dadurch, dass er „exzentrisch“ lebt. Was heißt das?

Im Unterschied zum Tier ist der Mensch nirgendwo angebunden (wie es etwa Pflanzen an ihrem Standort und Tiere in ihrem Revier sind), sondern prinzipiell „weltoffen“ (Helmut Plessner, Wolfhart Pannenberg u.a.). Man spricht in diesem Zusammenhang gelegentlich von der Plastizität des Menschen. Es ist dem Menschen nicht von vornherein in die Wiege gelegt, was einmal aus ihm wird, sondern er ist (wenn auch relativ) frei, etwas aus sich zu machen und etwas zu erwerben, was ihn dann wiederum von anderen Menschen unterscheidet. Menschen fragen nicht nur über sich selbst hinaus, sondern sie leben faktisch von Voraussetzungen, die naturgemäß gar nicht abgedeckt zu sein scheinen. Sie entwerfen Bilder von der Zukunft und gestalten ihre Gegenwart so, dass sie sich auf diese entworfene Zukunft hin bewegt. Man sagt: Der Mensch entwirft ein Konzept von sich und der Welt und gestaltet die Welt dann darauf hin. So etwas nennt man in der Sprache der Philosophen „Transzendieren“. Die Beziehung auf mehr oder auf noch anderes, als was rein physisch da ist, charakterisiert den Menschen in seiner Würde, aber auch in seinem Elend. Des Menschen Seele – so sagt man dann – ist der Austragungsort dieses Transzendierens, welches sich auch in Glaube, Liebe und Hoffnung als Grund menschlicher Haltungen ausdrückt. In diesem Modell versteht man also die Seele als den Menschen, sofern er mit seinem ganzen Verhalten ausdrückt, dass er viel irdische Hilfe braucht, obwohl ihm bzw. seiner Seele mit nichts irdisch Vorhandenem ausreichend geholfen werden kann. Diese knappen Andeutungen über die Möglichkeiten des vierten Modells müssen hier genügen.

Ich ziehe nun die Quersumme aus diesen vier Modellen und frage jetzt einmal nicht danach, worin sie sich unterscheiden, sondern danach, was ihnen allen gemeinsam ist: Die Vertreter der verschiedenen Modelle stimmen darin überein, dass die Seele etwas ist, was notwendigerweise zum Menschen gehört, ohne die ein Mensch also nicht Mensch wäre. Sie sagen: Der Mensch ist ohne Seele nicht zu erklären. Sie sagen ferner: Leib und Seele gehören zusammen. Und drittens: Von der beseelten Natur (also den Pflanzen und den Tieren) unterscheidet sich die menschliche Seele dadurch, dass sie dem Ich (und in gewissem Umfange auch dem Selbst) die Richtung weist, auf das wir unser Leben hin ausrichten (sollen). Aber damit hören dann auch die Gemeinsamkeiten schon wieder auf.

Hat man nämlich einmal zwischen Leib und Seele unterschieden, so kommt man in Teufels Küche, weil man nicht mehr die Einheit von beiden, eine Einheit, die doch immer mitgedacht werden muss, erklären kann. Und nun gestehe ich Ihnen, dass ich auch in eine gewisse Ratlosigkeit hineingerate. Ich stimme dem Satz zwar zu, dass der Mensch ohne eine Seele nicht zu erklären ist. Aber ist er denn mit einer Seele zu erklären? Führt diese Vorstellung nicht in lauter Widersprüche?

Ich habe einen Verdacht. Alle vier Modelle reden von der Seele so, dass man zum Schluss den Eindruck hat, dass es sie in Wirklichkeit doch nicht gibt. Ist „Seele“ nicht doch nur ein vorwissenschaftliches Wort für ein Gestrüpp physisch-psychischer menschlicher Kräfte und Eigenschaften, die man besser jede für sich erkennen und behandeln sollte, als dass man sie unter dem Namen „Seele“ wie ein Bild vor sich hinstellt und dann betrachtet?

Manche Vertreter der heutigen Gehirnforschung haben die Tendenz, sich genau in dieser Weise zu äußern. Sie halten die Rede von einer unsterblichen wie auch die Rede von einer sterblichen Seele für „Lyrik“ ohne Wirklichkeitsfundament. Die Konsequenz ihrer Thesen ist, dass man notwendig damit rechnen muß, dass im Tode Leib und Seele sterben. Denn mit dem Tode erlöschen alle Empfindungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Denkleistungen, Willensäußerungen und natürlich auch das Handeln – alles Möglichkeiten und Fähigkeiten, die traditionell der Seele zugesprochen werden. All diese Fähigkeiten können von der Neurophysiologie heute auf Aktivitäten unseres Gehirns zurückgeführt werden, die, wenn unser Gehirn nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt wird und im Endstadium abstirbt, ebenfalls sterben. Schon der allbekannte Chirurg Virchow sagte, dass er beim Sezieren keine Seele gefunden habe, und der Philosoph Nietzsche behauptete, dass man keine Seele, sondern ein Nervensystem habe. Und ganz brutal findet man diese Anschauung ausgedrückt in dem Satz, das Gehirn produziere die Seele wie die Niere den Urin. Auf diese Weise wird also die Seele zu einem Produkt ganz natürlicher Vorgänge. – Und trotzdem, und trotzdem …!

Ich möchte nur ungern auf den Begriff der Seele verzichten, weil in einer sehr technisierten und organisierten Welt der Begriff „Seele“ doch noch etwas von dem bewahrt, was uns allein wichtig sein müsste. Ich finde: Je weniger wir sie erklären können und je überflüssiger sie für die naturwissenschaftlich orientierte Wissenschaft zu werden scheint, weil wir den Menschen und seinen Körper immer besser kennen lernen, desto unentbehrlicher wird dieser Begriff, wenn wir etwas von dem eigentlich Menschlichen in einer technischen Welt retten wollen. Zwischen „beseelt“ und „seelenlos“ ist dann doch ein gewisser Unterschied, und auf den kommt es mir letztlich an. Ich weiß: zwischen einer Empfindung, einem Gefühl und der exakten wissenschaftlichen Erklärung liegen Welten. Gibt es hinsichtlich des Leib-Seele-Problems eine Brücke zwischen Gefühl und Wissenschaft, die es mir erlaubt, von der Seele zu reden und doch im wissenschaftlichen Argumentationszusammenhang zu bleiben?

3. Das notwendig bleibende Paradox

Komme ich einer Antwort näher, wenn ich versuche, zwei Annahmen miteinander zu verbinden, die als unvereinbar gelten? Sehen wir also zu, was dabei herauskommt!

Die eine Annahme ist: Auch die geistigen und seelischen Leistungen des Menschen beruhen auf physikalischen und chemischen Vorgängen. Das ist die eine den vier Modellen von Leib und Seele zugrunde liegende Anschauung. Sie ist heute weit verbreitet, wenn auch nicht so weit, wie manche materialistisch eingestellten Wissenschaftler es behaupten. Doch das nur nebenbei.

Meine zweite Annahme: Ich halte an der Anschauung fest, dass der Mensch eine Seele hat oder eigentlich eine Seele ist. Und ich meine, das lasse sich mit der anderen These vereinbaren, dass auch beim Menschen (ähnlich wie bei den Tieren und bei den Pflanzen und überhaupt in allem, was ist) alles auf Physik und Chemie beruht.

Ich hörte neulich einen Vortrag des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth, der aufgrund seiner Forschungsergebnisse anhand vieler Folien darlegte, auch die Liebe und das Gefühl des Verliebtseins beruhen auf physikalischen und chemischen Vorgängen. Vor mir saß ein Pärchen. Sie schauten sich in die Augen und sie flüsterte ihm zu: „Mag ja sein, aber schön ist es doch, und außerdem: Der Mann ist ja wohl noch nie verliebt gewesen.“

In der Tat, wenn einer dir sagt: „Was du da fühlst, das sind in Wirklichkeit nur chemische Vorgänge in dir, die du als Liebesrausch erlebst“, dann ist das eine grobe Vereinfachung. Schon die Formulierung „nichts anderes als Chemie“ ist falsch, denn diese chemischen – besser in diesem Fall: hormonalen – Prozesse sind ja offenbar nicht alles. Die Liebe als bewusstes Gefühl ist wirklich da und ist bestimmt keine Illusion. Allerdings: Dem Gefühl und allen höheren Gehirnfunktionen liegt auch immer ein chemischer Prozess zugrunde, sozusagen als die andere Seite der Medaille. Das muss aber noch lange nicht bedeuten, dass diese Prozesse determiniert ablaufen wie – angeblich! – alles in der Natur. Das würde ja bedeuten, dass der Verliebte gar nicht anders konnte, er nur reagierte, alles vorprogrammiert gewesen sei. Das ist, wie gesagt, eine unzulässige Vereinfachung. In jeder Entscheidung, schon gar in einer Liebe, sind ungeheuer viele Faktoren beteiligt. Jeder Mensch ist durch genetische Bedingungen und durch erzieherische Einwirkungen (wenn auch relativ und, jedenfalls hinsichtlich erzieherischer Maßnahmen,) charakterlich festgelegt. Er ist aufgrund verschiedener Faktoren geworden was er ist. Aber er ist es auch, der einen Willen entwickelt, den er sich artikulierend, verstehend und bewertend zu eigen machen kann, er also bestimmt, was er wollen kann und soll. Je mehr und je deutlicher er sich darin übt, um so mehr macht er sich ein größeres Stück der Innenwelt zu eigen, wird also immer weniger von seinen unbewussten Wünschen auf blinde Art und Weise nur getrieben. So wird das Bewusstsein, Herr der Dinge zu sein, häufiger werden. Darum ist er auch nicht mehr beliebig manipulierbar. Es gibt Versuche, bei denen hat man Testpersonen mit Tabletten in einen Angstzustand versetzt. Und was haben diese Menschen empfunden? Eine Unruhe, aber nicht wirklich Angst, weil sie ja wussten, dass kein Grund zur Angst besteht. Daraus folgt, dass die Chemie in unserem Kopf uns nicht allein bestimmt. Das Bewusstsein ist mindestens ebenso wichtig. Der Mensch ist ein denkendes Wesen, er erkennt sich selbst. In gewissen Stresssituationen veranlassen bestimmte Partien unseres Gehirns andere Partien unseres Leibes eine chemische Substanz ausschütten, die ihn in Angstalarm versetzt, was meist sehr sinnvoll ist. Aber das Bewusstsein versteht den Charakter des Reflexes und kann – auf Grund von Erfahrung und Übung – beurteilen, ob er gerechtfertigt ist oder nicht. Freilich ist auch das Bewusstsein selbst ein chemischer Prozess, wie sollten denn sonst die Nachrichten auf den Nervenbahnen weitergegeben werden, wenn nicht letztlich auf chemisch-physikalischem Wege? Auch der Geist braucht also elektrische Impulse, um sich zu äußern. Ja, er ist selbst ein elektrischer Impuls. Sonst könnte er gar nicht solche Impulse auslösen und dem Körper dadurch Befehle geben.

So weit so gut. Wenn ich richtig verstanden habe, so heißt das, dass jenes Phänomen, das wir „Seele“ nennen, auf chemisch-physikalischen Prozessen beruht, aber in diesen Prozessen dann doch nicht aufgeht, also ein „Mehr“ zum Ausdruck bringt. Aber was denn dieses „Mehr“ nun ist, können wir nicht sagen. Und damit stehe ich schon wieder da, wo ich ganz am Anfang stand: Seit es Tiere gibt, die ein Selbstbewusstsein haben, also zu Menschen geworden sind …, nein, ich sage es lieber anders: Seit es Selbstbewusstsein in der Welt gibt, gibt es auch das, was wir „Seele“ nennen. Und: Seit Menschen versuchen, das Verhältnis von Leib und Seele zu klären, ihre Kontinuität und ihre Diskontinuität, ihre Identität und ihre Differenz zu analysieren usw., seitdem kommen sie in dieser Angelegenheit keinen Schritt voran. Es scheint so zu sein, dass es uns Menschen niemals möglich sein wird, das Leib-Seele-Problem ganz zu verstehen. Ist es also ein unerklärliches Wunder, das wir niemals begreifen werden?

Ich meine: Ja. Freilich versteh ich unter einem Wunder nicht die Aushebelung von Naturgesetzen, sondern ein Phänomen, das ich prinzipiell nicht (also nicht nur noch nicht) erklären kann, weil sie eine Grenze unseres Erklärungsvermögens bezeichnen. Es gibt auch auf anderen Feldern der Naturwissenschaft prinzipielle Grenzen des Erkennens, etwa in der Mathematik und in der Physik der Elementarteilchen. Meine These ist, dass es eine solche Grenze auch in der Biologie, und zwar genau an dieser Stelle gibt: Die Seele ist prinzipiell unerforschlich.

Aber warum? Nun, es gibt Gründe dafür, die ich hier nicht in ihrer ganzen Komplexität ausbreiten kann. Nur so viel: Immer, wenn eine Erkenntnis auf sich selbst angewendet werden soll, gerät man in Widersprüche. Das Denken kann sich nicht vollständig selbst denken. Oder um dasselbe anders auszudrücken: Das Bewusstsein kann sich nicht voll seiner selbst bewusst werden. Und die Seele ist die höchste Form des Bewusstseins, das der Mensch von sich selbst hat. Kein Tier kennt sich selbst, nur der Mensch, aber er kann sich nie vollständig kennen. Darum ist für uns die Seele letztlich nicht zu begreifen. Wer es dennoch versucht, gerät in lauter Paradoxien. Und das kommt im Alltag oft genug vor. Manche Witze machen sich das zunutze, da wird das Ergebnis paradox, wenn ein Prinzip auf sich selbst angewandt wird. Hier ein Beispiel: Fragt der Leutnant den jüdischen Rekruten: „Warum beantwortet ihr Juden eigentlich jede Frage mit einer Gegenfrage?“ Antwortet der Rekrut: „Ja, warum sollen wir sie nicht mit einer Gegenfrage beantworten?“

Hier wird ein Prinzip, nämlich die Gegenfrage, auf das Thema Gegenfrage angewendet – und das führt zu einem Paradox. So ähnlich scheint es zu sein, wenn sich das Bewusstsein auf die Bedingungen des Bewusstseins richtet. Offenbar führt das auch in paradoxe Widersprüche und in eine Schleife, also in einen unendlichen Zirkel.

Und darum scheint mir auch das Leib-Seele-Problem nicht lösbar zu sein. Das Ich, also das als Ich und Es konstituierte Selbst, kann sich nicht selbst völlig ergründen. Wir können nicht in den Spiegel sehen und gleichzeitig hinter den Spiegel.

Vielleicht verstehen Sie meine Ausführungen so, dass ich vor der Fragestellung kapitulierte. Und ich gäbe Ihnen darin sogar recht. Ich sage: Die seelischen Vorgänge beruhen alle auf physikalisch-chemischen Vorgängen im Nervensystem – und doch gibt es die Freiheit des Willens, und der Geist beeinflusst Materie. Aber erklären kann ich Ihnen das nicht. Folgendes kann ich immerhin sagen: Das Gehirn kann mehr als denken, es bringt als seine höchsten Leistungen auch die seelischen Vorgänge hervor. Die Seele ist unsere Gabe, uns selbst zu begegnen, uns vor uns selbst Rechenschaft abzulegen. Aber: Diese einzigartige Fähigkeit des Menschen zur Selbstreflexion führt notwendig in einen Selbstwiderspruch. Und ich versuchte zu zeigen, dass es gute Gründe gibt, davon überzeugt zu sein. Aber ist das nicht schon genug: Überzeugt zu sein von der Würde, die dem Menschen eben dadurch gegeben ist? Ihm diese Würde zu lassen im Leben und im Sterben – und im Tode?

Nun mag einer sagen: „Ich verstehe schon, dass wir es nie wissen werden. Da kann ich Ihnen zustimmen. Wenn nur das Wunder der Seele nicht geleugnet wird.“

Darauf möchte ich antworten: Es geht nicht darum, ob die Wissenschaft das Wunder der Seele versteht oder erklärt. Ein Wunder, das erklärbar wäre, ist kein Wunder. Die Wissenschaft ist nicht dazu da, die offenbaren Wunder der Schöpfung zu leugnen. Sie kann sie nur deutlicher zeigen. Und das tut sie ja auch.

4. Theologische Schlussbemerkungen

Alles, was ich Ihnen eben vorgetragen habe, hätte meine Mutter wahrscheinlich nicht so recht überzeugt. Und ich gehe einmal davon aus, dass viele von Ihnen hier gleicher Meinung sind wie meine Mutter. Eine Frage habe ich ja noch gar nicht berührt: Was bleibt denn nun eigentlich von dem, was wir Seelen nennen, über den Tod hinaus? Ich habe diese Frage bewusst ausgeklammert, weil ich auf sie keine Antwort habe, die ich Ihnen unter Absehung meines Glaubens an Gott, wie er in mir durch die Verkündigung Jesu Christi vermittelt worden ist und Raum gegriffen hat, geben könnte. Ich glaube, dass meine Seele, die ja als Ausdruck für meine Möglichkeit und Fähigkeit, über das, was ich im Augenblick bin, hinaus zu denken, ja über meinen Tod hinaus zu denken, so dass ich sogar dann noch „Ich“ sage, wenn ich gestorben bin (obwohl man dann doch eigentlich gar nicht mehr „Ich“ sagen können sollte) – das also meine Seele ins Jenseits meines Diesseits hineinreicht. Wenn ich aber diesen Glauben wissenschaftlich beweisen wollte, geriete ich bestenfalls in eben jene Paradoxien, von denen ich oben gesprochen habe. Schlimmstenfalls Vorhin erwähnte ich (siehe viertes Modell) die Intentionalität der Seele, also ihre Fähigkeit, sich auf etwas hin auszurichten. Mein Glaube an Gott, der der lebendige Gott bleibt, auch wenn ich gestorben sein werde, gibt meiner Seele also eine bestimmte Richtung des Denkens, Hoffens und Fühlens. Für mich, der seine Seele auf diese Weise erfahren hat, ist also die Frage beantwortet. Es einem anderen aber beweisen zu wollen, ist unmöglich. Er könnte es für wahr halten oder glauben, aber geholfen wäre ihm nicht. Denn die Frage nach der Seele ist die gleiche wie die Frage nach Gott. Wer hier mit wissenschaftlichen Mitteln Beweise sucht, versinkt im Paradox.

Trotzdem und dennoch: Beweisen kann ich zwar nichts, aber auf zwei Phänomene möchte ich dann doch noch hinweisen, die meinen Glauben zwar nicht stützen, aber doch Argumente liefern, die dem Glauben verblüffend nahe kommen.

Der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Philosoph Dominik Perler greift einen Gedanken auf, den bereits mittelalterliche Philosophen und Theologen hatten. Er fragt: Wie kommt es eigentlich, dass Menschen etwas „als etwas“ erkennen? Oder anders gefragt: Warum können Menschen sich geistig z.B. auf bestimmte äußere Gegenstände beziehen? Ist die Voraussetzung dafür vielleicht darin zu sehen, dass wir Menschen immer schon in Beziehungen leben, wir also immer schon „auf etwas hin“ leben, also immer schon eine Intention haben? In der Alltagssprache sagen wir, das Beziehungen geknüpft werden. Zum Knüpfen gehören immer zwei. Dass Beziehungen zwischen Menschen und Tieren geknüpft werden, kann man sich noch gut vorstellen. Aber wie ist das mit den unbelebten Dingen? Nun, zu einem Stein muss ich nicht unbedingt eine gefühlsmäßige Beziehung aufbauen. Aber im Akt des Erkennens baue ich auch zu ihm eine (Erkenntnis) -beziehung auf.

Nun sagte ich, zum Knüpfen von Beziehungen braucht es immer zwei. Das würde dann ja auch für eine Erkenntnisbeziehung gelten. Darum fragte man in der mittelalterlichen Philosophie: Wie kann ein Mensch eine Erkenntnisbeziehung zu einem Ding aufbauen? Und die Antwort lautete: Nur deswegen, weil von diesem Ding ein Impuls ausgeht, der bei dem, auf den es stößt, eine Wahrnehmung und Betrachtung, also einen Akt der Erkenntnis auslöst. Schlicht gesagt heißt das: Um etwas erkennen zu können, muss etwas da sein, was man erkennen kann. Und: In dem, der erkennt, muss die Fähigkeit vorhanden sein, das, worauf er stößt, erkennen zu können.

Nun wissen wir, dass wir viele Dinge gar nicht erkennen, weil wir sie nicht sehen. Und selbst wenn wir sie prinzipiell sehen könnten, sehen wir sie nicht, weil wir sie nicht brauchen. Und selbst dann gilt, dass unser Erkenntnisvermögen in der Regel nur so weit reicht wie es für unser Leben notwendig ist. Wenn das aber stimmt, dann scheint die Vorstellung, dass meiner Seele eine Kontinuität, eine Dauer über den Tod hinaus, zu eigen ist, für das menschliche Leben notwendig zu sein. Mit der Frage nach der Kontinuität erfragen wir, was den Menschen „zusammenhält“ und identisch bleiben lässt, wenn er sich in seiner Intentionalität selbst übersteigt – oder sich selbst durch den Tod entzogen wird. Hier berühren sich naturwissenschaftliche, philosophische und theologische Fragen. Es muss den Menschen offenbar etwas zusammenhalten, weil er selbst ein „Bürger zweier Welten“ ist, und deshalb reden wir von der Seele, deren Kontinuitätsleistung (ihr Bürgersein in zwei Welten) schon in den ältesten Annäherungen an das Seelische erahnt worden ist, wie ich Ihnen eingangs zu schildern versuchte.

Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt, unser Auge wäre nicht in der Lage, die Sonne zu erkennen, wenn es nicht sonnengleich wäre. Anders gesagt: Wir wären blind, wenn unser Auge nicht die physikalisch-chemische Fähigkeit hätte, die von der Sonne ausgehenden Impulse „als etwas“, als Licht nämlich, zu „sehen“. Und so könnte man – mit aller Vorsicht tue ich das – auch sagen: Das Jenseitige, die Welt Gottes, in der unsere Seele einmal geborgen sein wird, könnten wir nicht einmal erahnen, wenn die physikalisch-chemischen Voraussetzungen dafür nicht angelegt wären und wir uns nicht als Wesen mit Leib und Seele gegenständlich geworden wären.

Darum wage ich zu sagen: Für den Menschen ist das ihm mit Tieren und Pflanzen gemeinsam gesetzte Lebensende wegen der Kontinuität in seiner Seele „wesenswidrig“. Zwar kann ich todessüchtig werden, wenn bestimmte Gründe dazu geführt haben. Zwar kann es richtig sein, mich dem unausweichlichen Todesgeschick zu stellen. Aber wegen der Erfahrung der Kontinuität der Seele empfinde ich den Tod nicht als das Letzte, das Macht über mich haben wird. Darum muss die Seele gepflegt werden, sie ist etwas Kostbares, das mein Wesen ausmacht und mein Hüben und mein Drüben miteinander verknüpft.

An der Pflege menschlicher Seelen können viele mit verschiedensten Beiträgen – auch z.B. aus dem Feld der Kunst heraus – mitwirken. Die christliche Kirche aber soll mit ihren Mitteln die Seelen unterstützen in ihrer wesentlichen Funktion, die Kontinuität aufrecht zu erhalten und die Ausrichtung auf Gott zu behalten. Sie soll Seelen dadurch erbauen, dass sie diese mit Kontinuitätsgewissheit erfüllt. Der dogmatische Streit, ob die Menschenseele ewig ist, am Ewigen Anteil hat oder am Ewigen Anteil bekommt, hat sich als unfruchtbar erwiesen. An der Kontinuitätsgewissheit aber hängt die Menschlichkeit: Ich muss ‚hinaussehen’ können über Irdisches und auch über den Tod, ohne mich zu verlieren. Ich muss ‚hinübergehen’ können in der Hoffnung auf neuen Identitätsgewinn. Ich darf nicht ein bloß vom biologischen Verfallsdatum her zu definierender Mensch sein, denn das kostet mich alle Freiheit und Generosität. Ich hoffe daher, dass die Beziehung, die sich zwischen Gott und mir im Glauben ergeben hat, über meinen Tod hinaus bleibt. Etwas einfacher gesagt: Ich hoffe, dass Gott auch dann noch mit mir redet, wenn ich gestorben bin; und dass ich auch dann noch Antwort geben kann. Darum kann ich Martin Luther zustimmen, der einmal gesagt hat: „Mit wem Gott redet, es sei im Zorn oder in der Gnade, der ist gewisslich unsterblich …“ (WA 43, 418).


Verwendete Literatur:

Artikel „Seele“ in der RGG4
Artikel „Seele“ in der TRE3
Bieri, P.: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens, München/ Wien 2001
Hasenfratz, H.P.: Die Seele. Einführung in ein religiöses Grundphänomen, Zürich 1986
Klein, H.D. (Hg.): Der Begriff der Seele in der Philosophiegeschichte, Würzburg 2005
Pannenberg, W.: Anthropologie. Anthropologie in theologischer Perspektive, Göttingen 1983
Perler, D.: Theorien der Intentionalität im Mittelalter, Frankfurt/ M. 2002
Pietrowicz, S.: Helmut Plessner. Genese und System seines philosophisch-anthropologischen Denkens, Freiburg 1992
Rager, G./ Quitterer, J./ Runggaldier, E.: Unser Selbst. Identität im Wandel neuronaler Prozesse. 2002
Reinke, J.: Das dynamische Weltbild, Leipzig 1926
Söling, C.: Das Gehirn-Seele-Problem. Neurobiologie und theologische Anthropologie, Paderborn 1995


Zuerst veröffentlicht in: Klaus A. Baier/ Friedrich Gierus (Hg.): „Dem Wort gehorsam“. Eine Dankesgabe an Professor Dr. Christian Dietzfelbinger. Editura Otto Kuhr, Blumenau/SC Brasil 2009, S. 27-52.


Link