Jan 192017
 
Martin Niemöller am 26. Juli 1961 in Treuenbrietzen

Von Willibald Jacob

In jedem Jahr unternimmt der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mindestens eine Vortragsreise in die DDR und besucht dabei fast an jedem Tag eine Kirchengemeinde; wenn nicht gar zwei. Viele Menschen möchten diesen Mann hören, andere bleiben mit deutlicher Ablehnung zu Hause. Im Frühsommer 1961 gebe ich bekannt, dass ich Martin Niemöller nach Treuenbrietzen eingeladen habe. Ein Ladenbesitzer reagiert: „Wenn Bischof Dibelius gekommen wäre, dann hätten wir unser Geschäft zugemacht und wären in die Kirche gekommen.“ Der synodale (politische) Disput von 1950 beginnt auf einer anderen Ebene aufs Neue.

Auch das Thema, das ich in Wiesbaden erbeten habe, hat es in sich: „Christ und Krieg“. Für seine Einreisegenehmigung in die DDR hat Martin Niemöller selbst gesorgt, so dass seine vielen Gastgeber damit keine Sorge haben. Ich habe mich mit Johannes Schönfeld, Pfarrer in Petershagen bei Berlin, zusammengetan. Er schickt Niemöller am 26. Juli 1961 nach Treuenbrietzen weiter, etwa 100 km Fahrt mit dem Pkw.

Niemöllers Büro in Wiesbaden schickt mir das Programm zu: An 18 Orten 25 Veranstaltungen, wobei in fünf Gemeinden keine detaillierten Programme angegeben werden. Ein gewaltiges Vorhaben: Fünf Predigten in Gottesdiensten, elf Vorträge in Versammlungen, sieben Pfarrkonvente mit Vortrag und Diskussion, zwei Evangelisationen. Mit den fünf Orten ohne Details ist das ein Programm von etwa 35 Veranstaltungen in 16 Tagen, vom 15.-30. Juli 1961. Ich weiß, dass Niemöller Wert darauf legt, den Kontakt mit den Menschen in der DDR zu halten. Er schont sich nicht. Und er geht zu allen, zu Landpfarrern wie zu Pröpsten und Superintendenten. Wer sind die Einladenden?

Propst Verniche, Erfurt,
Pfarrer Günter Herrmann, Jena,
Pfarrer Schwartze, Netschkau,
Pfarrer Dr. Jentzsch, Auerbach (Vogtland),
Pfarrer Wolf, Johanngeorgenstadt,
Pfarrer Kahues, Plauen,
Kreisfriedensrat Hohenstein-Ernstthal,
Herr Kurt Eissmann
Pfarrer Faurien, Dresden,
Pfarrer Dr. S. Schmutzler, Leipzig,
Pfarrer Gabriel, Halle (Saale),
Pfarrer Teichmann, Halbe,
Pfarrer Schönfeld, Petershagen,
Pfarrer W. Jacob, Treuenbrietzen,
Kreisoberpfarrer Lic. Dr. Kars, Roßlau,
Domprediger Superintendent P. Hinz,
Halberstadt,
Pfarrer Ehrke, Wenigerode,
Pfarrer H. Pape, Heringen,
Superintendent Kleemann und
Pfarrer Falckner, Mühlhausen.

An drei Stellen des Programms ist zu erkennen, worauf Gastgeber und Gast, soweit ich weiß, an allen Orten Wert legen.

  1. Das Gespräch mit der jungen Generation, exemplarisch mit Studenten in Leipzig bei Siegfried Schmutzler, dem Studentenpfarrer, der Anfang der 50er Jahre inhaftiert worden war.
  2. Die Kommunikation mit einem größeren Kreis von Menschen durch sog. Evangelisationen wie an zwei Abenden in der Marktkirche in Halle; Niemöller konnte Menschen ansprechen. Seine Verknüpfung von Gebet und politischer Entscheidung hatte mich schon 1950 auf der Weißenseer EKD-Synode fasziniert.
  3. An zwei Orten sind Gespräche mit Lokalpolitikern geplant; in Hohenstein-Ernstthal (Kreisfriedensrat) und in Treuenbrietzen (Rat der Stadt). Ich nehme an, dass Pfarrerkollegen, die keine Details im Programm nennen, solche Gespräche Vorhaben; in Plauen und Dresden, Halbe, Wernigerode und Heringen. Es ist schwierig, feste Termine zu bekommen. Die Politiker auf unterster Ebene sind verunsichert. Niemöller, ein interessanter und wichtiger Mann; aber was mit ihm diskutieren? Hitlers persönlicher Gefangener, sieben Jahre KZ, Adenauers politischer Gegner, konsequenter Gegner von Massenvernichtungsmitteln und einer deutschen Wiederaufrüstung, Vertreter einer Verständigung zwischen Ost und West, Verächter des stupiden Antikommunismus, besonders im christlichen Gewande und radikaler Pazifist. – Eigentlich verwirrend, anregend und auch ärgerlich, in keine politische Linie so recht einzuordnen.

Vom 15.-30. Juli 1961 reist Martin Niemöller durch die DDR. Um die gleiche Zeit, vom 19.-23. Juli 1961 findet der Evangelische Kirchentag in Berlin statt. Niemöller hat sich bewusst entschieden, denn er war nach Berlin eingeladen. Er fährt zu seinen Freunden in die DDR. Er vermeidet die Frontstadt. Er will nicht, dass die Frontstadt Westberlin die Ev. Kirche einspannt gegen den Osten. Jeder kann sich ausrechnen, was geschieht: Förderung des Kirchentages durch den Westen, Restriktionen im Osten. Martin Niemöller ist mit seiner Entscheidung ein direkter Kontrahent zu Bischof Otto Dibelius, wie 1950. Er widerspricht ihm nicht mit einem Gutachten, sondern mit einem kirchenpolitischen alltäglichen Schritt: Er macht Besuche in der DDR. Er kennt die weit zurückliegenden Wurzeln der Kontroverse.

Beide Männer kommen aus dem deutschnationalen Milieu der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (1914). Der eine ist sich treu geblieben: Kreuzzeitungskolumnist, Generalsuperintendent in der Zeit des Kirchenkampfes, Bischof der Restauration. Der andere hat sich permanent verändert: U-Boot-Kommandant, Freicorpsoffizier gegen die Roten, Initiator des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche, Mitleidender und Freund von Kommunisten, ständig bewegt.

Ich bin gespannt, wie es in Treuenbrietzen gehen wird. Wir gehen mit Niemöllers Vortrag in die Nikolaikirche. Marien wird noch umgebaut. Der 26. Juli 1961 ist ein Mittwoch. Also hören wir um 10:00 Uhr vormittags den Vortrag zum Thema „Christ und Krieg“. Die Kirche ist voller Menschen. – Hier die Hauptgedanken:

  1. Der Glaube ist nur lebendig in der Nachfolge Christi. Genauer: Es ist Jesus von Nazareth, von dem das Neue Testament Kunde gibt. Er ruft in die Nachfolge. In der Bergpredigt lässt er sich hören.
  2. Neben dieser Nachfolge und dem Hören auf die Bergpredigt ist eine Eigengesetzlichkeit des Krieges oder der Kriegstechnik inakzeptabel und ausgeschlossen. Das Jahr 1954 ist eine Zäsur in unserer Erfahrung und Erkenntnis. „Liebet eure Feinde“, bis dahin Schwärmerei, ist seither Lebensnotwendigkeit aus Vernunft. (1954: Erprobung der Wasserstoffbombe)
  3. Unsere Tradition sagt: Ein guter Christ ist ein guter Soldat. Jetzt ist das Gotteslästerung. Früher war das nicht sichtbar; christliche Soldaten eroberten in den letzten 500 Jahren die ganze Welt. Heute zeigt sich dieses Verlassen auf die eigene Kraft als ein Fluch. Der Fluch des Kolonialismus fällt heute auf die christliche Welt zurück. In Japan sprechen die Menschen von der Hiroshimabombe als von der „christlichen“ Bombe. Der Hunger als Folge des Kolonialismus ist nicht nur ein Skandal. Er wird als Flucht auf uns zurückfallen. Wenn die Armen zu unseren Feinden werden, dann gilt: Liebet eure Feinde – aus Glaubens- und aus Vernunftgründen. Nur so werden wir überleben.
  4. Hätten unsere Väter, hätten wir wirklich Jesus gesagt und wären ihm gefolgt und hätten nicht nur von Christen, Christus, Christentum gesprochen, ob es dann wohl jemals einen antichristlichen Kommunismus oder auch nur einen atheistischen Pazifismus gegeben hätte?
  5. Der wahre Mensch Jesus, diese eine unverwechselbare Person, ist nicht mehr sichtbar. Wo bleibt dieses Licht, wenn die Kirche sich nicht mehr getraut, die Bergpredigt, seine Bergpredigt, zu verkündigen? Wie will die Christenheit die Botschaft vom gekreuzigten Heiland wahrhaftig predigen, wenn sie es nicht mehr zu bezeugen wagt, dass sein Sterben dem, der an ihn glaubt, die Feindschaft verwehrt?
  6. Deshalb sollte es uns um einen radikalen Pazifismus gehen, nicht um einen grundsätzlichen. Es geht nicht um allgemeine Grundsätze, sondern um das Friedenszeugnis dessen, der nachfolgt. Es sollte radikal sein. Liebet eure Feinde. Du sollst nicht morden, du, Jünger Jesu. Dieses Zeugnis wird sich auswirken.
  7. Es geht um die Erkenntnis, dass sich christlicher Glaube und Gewaltanwendung nicht miteinander in Einklang bringen lassen, dass Nachfolge Jesu als christliches Leben und der Krieg in jeder Form unvereinbar sind. Die Zuflucht zu diesem angeblich „letzten Mittel der Politik“, dem Krieg, ist trügerisch, weil es keine Verheißung von dem Herrn hat, dem nach biblischem Zeugnis und christlicher Lehre „alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden“.

In der Diskussion werden zwei Fragen aufgeworfen:

  1. Kann man mit der Bergpredigt regieren? Niemöller unterstreicht nochmals, wie gerade die Entwicklung der Zerstörungstechnik und die Gefahren, die von der Verarmung weiter Teile der Weltgesellschaft ausgehen, der Bergpredigt Recht geben. Heute ist offensichtlich: Wer nicht mit der Bergpredigt regiert, kommt um. „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Mt. 7,12 als Zusammenfassung der Bergpredigt: „Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.“)
  2. Was bringt die Wehrdienstverweigerung? Niemöller betont nochmals, dass diese Frage für den, der das Rechte tun will, nicht relevant ist. Heute zeichne sich aber ab, dass in Zukunft zuallererst nicht der Verweigerer sich rechtfertigen muss, sondern der, der die Waffe nimmt. Warum wirst du Soldat? Das wird sich politisch auswirken. In Zukunft werden alle nachweisen wollen, dass ihr Krieg Friedensdienst ist. Die Beweislast kehrt sich um.

Niemöller wird auch gefragt, warum er gerade jetzt, zur Zeit des Kirchentages in Berlin, durch die DDR reist. Er versteht gerade dies als Dienst am Frieden in einer Zeit zunehmender Spannungen.

Auf dem Treuenbrietzener Rathaus treffen wir Bürgermeister Karl Welsch und einige Herren vom Rat des Kreises Jüterbog. Hier kreist das Gespräch um das Verhältnis von Staat und Kirche, von Bürgergemeinde und Christengemeinde. Niemöllers Erwartung: „Ich hoffe, dass eines Tages die Kirche nicht mehr antikommunistisch, der Sozialismus nicht mehr atheistisch sein werden.“

Die Auswirkungen des Niemöller-Besuches waren ein besseres Verhältnis zur politischen Gemeinde und der Entschluss einiger wehrpflichtiger Gemeindeglieder, den Dienst mit der Waffe zu verweigern.

Nach 50 Jahren: Am Sonntag, den 5. Juni 2011, vertrete ich Pfarrer Köhler im Heinrich-Grüber-Haus in Hohenschönhausen-Nord. Ich lerne die Kirchenälteste kennen, die den Gottesdienst begleitet, Frau Besen. Wir kennen uns. Ihr Mann, Willy Besen, tritt hinzu und erinnert mich an die Versammlung mit Martin Niemöller in Treuenbrietzen. Er war damals Jugendwart in Wittenberg. Per Fahrrad war eine Gruppe Jugendlicher nach Treuenbrietzen herübergekommen. Und dann offenbart er mir, was vor genau 50 Jahren geschehen war: „Die Jugendlichen haben den Vortrag ohne Ihr Wissen auf Tonband aufgenommen. In der evangelischen Jugendarbeit in Wittenberg hatte dieser Vortrag einen großen Einfluss – seine klare Aussage zu Krieg und Wehrdienst. Die Staatssicherheit hat das Tonband beschlagnahmt. Wir aber hatten eine Kopie. Ich kann Ihnen jetzt die CD mit dem Vortrag überreichen.“ Und so mögen die geneigten Leserinnen den O-Ton Niemöllers mit meinem Gedächtnisprotokoll vergleichen – nach 50 Jahren.

Quelle: ISBN 978-3-933022-80-6


Links