Apr 052017
 
LUDWIG SCHMADERER ZUM GEDENKEN

Von Herbert Paidar

Wir „Drei im Himalaja“ kamen ans den Bergen, nichtsahnend. Es war der 2. September 1939. Voll Freude und Erwartung auf die Heimat, auf die Seereise, auf die Freunde zuhause, auf Kaiser und Wetterstein – auf unsere alten Bekannten in den Alpen, so waren wir nach Gangtok gekommen.

Schmaderer meinte zwar schon unterwegs, je weiter er von den Bergen sich entferne, desto größer werde das Verlangen danach, und trotzdem freuten wir uns ganz unbändig. In Gangtok wartete Post auf uns. Wir waren natürlich hungrig nach Neuigkeiten und stürzten uns wie wild darauf, aber was machten wir für Augen, als wir zu lesen anfingen. Schmaderer und ich fluchten leise vor uns hin, Grob wollte uns mit der Versicherung trösten, daß wir bis Weihnachten zu Hause wären, was wir aber nicht recht glauben wollten. Da war also Krieg in Polen, die Kriegserklärung Englands und Frankreichs stand bevor, und wir waren hier in Indien.

Das hieß Internierung. Am 3. September morgens stand auch schon unser Beschützer vor der Tür unseres Bungalows und begleitete uns fürderhin auf allen unseren Wegen. Fast drei Wochen waren wir noch oben in Gangtok, der Hauptstadt Sikkims, wo wir uns noch mehr oder weniger der Freiheit erfreuten. Dann kam die Trennungsstunde, unser Bara Sahib, unser Freund Ernst Grob, mußte nach Hause. Die Heimat, Arbeit und Familie rief. Grob trennte sich nur sehr schwer von uns. Aber ein Gutes hatte die Trennung doch: Grob als Schweizer konnte die Fotoausbeute der Expedition unbeschädigt nach Hause bringen. Dank der Freundlichkeit von Mr. Gould, dem Political Officer von Sikkim, konnten Fotos und Filme Indien ungehindert verlassen.

Am 19. September traten Schmaderer und ich mit einem stattlichen Aufgebot den Weg in die Internierung an. Einige Tage verbrachten wir in Fort William, Kalkutta, dann ging es nach Ahmednagar, und im Herbst des Jahres 1941 landeten wir endlich im Lager Dehra Dun am Fuß des Himalajas.

„Wie ein Gepenst am Himmel, unirdisch hoch über den Wolke thronend, der Kangchendzönga, von Darjeeling aus.“

Jahr um Jahr verging, immer schwerer drückte die Gefangenschaft. Der einzige Lichtblick waren die Ausflüge vom Lager aus, die wir ohne Eskorte machen durften, und die uns wenigstens etwas unser Los vergessen ließen. Auf jedem Ausflug konnten wir hinauf auf die Randberge, von wo wir die Sechs- und Siebentausender des Garhwal-Himalaja sehen konnten. Ob im Glanz der Sonne oder im Schatten mächtiger Wolkenburgen, sie wirkten immer wie ein Wunder auf uns. So ist es leicht begreiflich, daß in Schmaderer das Verlangen nach den Bergen, um derentwillen er nach Indien gekommen war, übermächtig wurde. Die Folge war Schmaderers erster Fluchtversuch im Jahre 1943. Aber schon drei Wochen später war er wieder zurück in der Enge des Lagers, war wieder hinterm Draht. Im Herbst des Jahres 1943 zog sich Schmaderer eine Meniskusverletzung zu, die ihn stark behinderte. Das Jahr 1944 neigte sich, und immer noch war kein Ende abzusehen. Im März 1945 sollten nun Internierte, die im Lauf der Jahre einmal einen Fluchtversuch gemacht hatten, in ein anderes Lager versetzt werden. Unter ihnen war auch Schmaderer. Dies gab den Anstoß zu Schmaderers zweiten Flucht. Da Schmaderer nichts bei sich hatte und den Versuch auch unternommen hätte, wenn er allein gewesen wäre, kamen wir überein, daß ich nachkommen sollte, wenn sein Fluchtversuch erfolgreich sein würde.

So kam es, daß ich drei Tage später ebenfalls das Lager verließ und Schmaderer in einem der das Lager umgebenden Tälchen traf. In einer dunklen Nacht im März stiegen wir die Hänge der Himalaja-Vorkette hinan. Tief unter uns lag dunkel und schweigsam das Dun. Einer Perlenkette gleich umrahmten die Lichter der Lagerumzäunung unsere bisherige Wohnstätte. Noch ahnte keiner der Kameraden, daß auch ich verschwunden war.

Leiser Wind erhebt sich, es wird kühler, wir haben die Höhe des Sattels erreicht. Kara-su liegt vor uns. Vorsichtig halten wir uns im Schatten, um irgendwelche Begegnungen zu vermeiden. Auf der Nordseite haben wir gleich dichten Rhododendronwald, der uns wie ein Mantel zudeckt. Schnell laufen wir hinunter. Uber uns wächst der Bergwald empor. Kühl ist es hier und feucht, vollkommen anders als in den kahlen Südhängen. Rhododendron, Eiche, Föhre, aber auch viel Buschwald bildet hier den Baumbestand. Grau überzieht sich der Himmel, der Morgen naht. Auf einer kleinen Kuppe, von hohen Föhren bestanden, lassen wir uns für den Tag nieder, denn nur nachts können wir laufen. Langsam vergeht der Tag, am Spätnachmittag rüsten wir für den Nachtmarsch. Steil und steinig ist der Abstieg ins Jumnatal. Spät kommt der Mond erst, dessen Aufgang vom dumpfen Trommeln der Tabla, einer indischen Trommel, begrüßt wird. Schmaderer ist wie ausgewechselt, sein Pessimismus verschwunden. Es existiert für ihn nnr noch das Ziel, das irgendwo in den Sternen liegt. Manchmal litt Ludwig unter schweren Depressionen, denen er dann aber wieder mit einer Gewalttour Herr wurde. Es war in solchen Zeiten seelischer Tiefstände nicht immer leicht, mit ihm zusammen zu sein, aber ich habe ihn während unseres langen Zusammenseins im Lager und unserer gemeinsamen Bergfahrten kennen und schätzen gelernt.

Das Rauschen der Jumna ist nun schon ganz nahe. An einem erleuchteten Häuschen, es scheint eine Zollstation zu sein, denn hier ist die Grenze der United Provinces und des Tehri Garhwal, schleichen wir vorbei, und dann geht es steil bergan, bis wir auf den Chakrata-Mussoorie-Reitweg kommen, der uns ein geruhsames Wandern erlaubt. Steile Bergflanken begleiten unsern Weg, und wilde Bergwässer schießen zu Tal. Immer wieder wandern wir aus tiefen Schatten ins helle Licht des Mondes. Einmal wurden wir aus unseren stillen Betrachtungen aufgeschreckt, als hinter uns ein paar geifernde Schäferhunde mit den dazugehörigen Hirten herkommen, die in dem Glauben waren, wir hätten ihnen ein paar Schafe wegorganisiert. Als sie aber Sahibs in uns erkannten, zogen sie sich mit ehrfürchtigem Salam zurück.

Zwei Tage schlugen wir uns durch das Tal des Aglar, einem Nebenfluß der Jumna. An den steilen Hängen ging es auf und ab, oft und oft kreuzten wir das Flußbett. Zuweilen mußten wir uns entkleiden und, bis zur Körpermitte im Wasser, den Sechzigpfünder auf dem Rücken, zum andern Ufer waten. Dornen zerstachen uns Fußsohlen, Waden und Schenkel und rissen uns die Haut in Fetzen. Untertags lagen wir dann irgendwo im Dickicht und konnten wegen der Hitze und der Mücken nicht schlafen. Dann erreichten wir den Eingang ins Deosarital, das uns hinaufführte auf die Höhe des Ghaur-Passes, etwa 3000 m hoch. Wir liefen die ganze Nacht, brachten die verschiedensten Vegetationszonen hinter uns und standen bei Sonnenaufgang zwischen blühenden Rhododendronbäumen auf dem Paß. Uns gegenüber entzündete eben die Sonne die ersten Brände auf den Gipfeln des Bandarpunch und des Srikanta. Lange standen wir versunken in den Anblick des Loderns und Funkelns dieser Eisriesen. Die Sonne stieg höher, und das Leuchten wurde heller. Die nachtdunklen Tiefen des Bhagirathitales bekamen Licht, langsam entschleierten sie ihre Geheimnisse. Plötzlich sagte Schmaderer: ,,Ist es dieser Augenblick nicht allein schon wert, daß wir getürmt sind?“ Und ich mußte ihm recht geben. Auf einem Teppich blutroter Rhododendronblüten streckten wir uns aus und pflegten der wohlverdienten Ruhe.

Schmaderer – GöttnerVörg,
auf dem Gipfel des Uschba (Kaukasus)

Die Nacht ist dunkel, lichtlos. Schwere Wolken hängen an den Gipfeln, und draußen über Theri zucken ab und zu Blitze, bei uns aber bleibt es ruhig. Zehn Tage geht es nun so weiter. Nachts auf den Beinen auf steinigen Pfaden, untertags ein hartes Lager irgendwo in den Hängen und immer in Erwartung, von den Eingeborenen aufgestöbert zu werden. Auf solch einem Nachtmarsch hatten wir auch eine Begegnung mit einem Bären, der jedoch eiligst das Weite suchte. Man hatte bei diesen Nachtmärschen immer ein komisches Gefühl in der Magengrube, denn hier gibt es auch noch Panther und Tiger, und ein Zusammentreffen mit ihnen ist ein recht einseitiges Vergnügen. Einige schindelgedeckte Steinhütten mit angebauten Pferchen für die Schafe, darüber gelbe Steilmauern, in der Klamm das smaragdgrüne Wasser des Bhagirathi und die alten sturmzerzausten Wettertannen: das ist die Umgebung von Kopang. Zwischen Harsil und Kopang müssen wir schon mehrfach Lawinenzüge queren, dazu hat der Wettergott seit einer Stunde die Schleusen des Himmels geöffnet. Meine Schuhe haben sich in ihre Bestandteile aufgelöst, ich muß das zweite Paar Tennisschuhe, das zugleich mein letztes ist, aus dem Rucksack holen. Schmaderer holt bei jeder Rast Nadel und Zwirn hervor, um seinen Sandalen ein möglichst langes Leben zu verschaffen.

Seit drei Tagen schneit es. Wir liegen auf dem Schafmist der Hütte und passen auf, daß nichts Feuer fängt, denn nun haben wir die Zivilisation hinter uns gelassen. Hier ist alles stumm und verlassen. Es ist noch früh im Jahr. Am 10. April geht es weiter nach Nelang, 3600 m. An senkrechten Granitwänden hoch über dem Fluß führt der Pfad, eine Arbeit, vor der man Achtung haben muß. Die Brücken über den Jhadganga sind weggerissen, es bleibt uns nichts anderes übrig, als durch den Fluß zu waten. Wir sind heilfroh, als wir das eiskalte und gefährliche Wasser hinter uns haben. Über 3000 Meter wird der Schnee immer häufiger. Bald bildet er eine zusammenhängende Schneedecke. Nur vereinzelte Wacholderbäume bringen noch einige Abwechslung. Als die Nacht hereinbricht, haben wir Nelang noch immer nicht erreicht. Der Himmel hat sich bezogen, ein eiskalter Wind fegt das Tal herab, und wir sind noch immer in Shorts und Strümpfen. Auch unsere leichten Leinenschuhe sind schon steifgefroren. Nun tritt zum ersten Male das Zelt in seine Rechte, aber bis es aufgestellt ist, sind Arme und Beine beinahe gefühllos. Dann liegen wir stundenlang im Zelt und massieren unsere Glieder, um sie wieder warm zu kriegen. Der Sturm rüttelt an der Zeltverspannung und schüttet ganze Wolken von Schnee und Graupeln über unser Dach. Wir haben keine Decke, liegen auf dem blanken Zeltboden, und es beutelt uns wie nasse Hunde. Es schneit lange in den Morgen hinein, erst um neun Uhr kommt die Sonne bleich durch Nebel und Schneeschleier, aber eine Stunde später steht sie sieghaft am blauen Himmel. – Auf nach Nelang. Wir sind noch keine halbe Stunde gegangen, da treffen wir hinter einer Bodenwelle auf das verschneite, verlassene Nelang. Dieses letzte größere Dorf liegt 3600 m hoch, eingebettet in eine seichte Mulde zwischen terrassenartig angeordneten Feldern und alten Moränenrücken, im Osten steil überragt von einigen Eisriesen des Garhwal-Himalaja, im Süden bewacht von einer kühnen Felsnadel, deren steile Platten hell in der Sonne blinken. Es bildet für die nächsten Tage unsere Unterkunft.

Kaukasus:
Schmaderer im Bruch des Schcheldidgletschers.
Blankes Wassereis
Foto: Herbert Paidar

Jhelu-Khaga! Weit geht unser Blick hinein nach Tibet. Wir haben’s doch noch geschafft, obwohl es manchmal so aussah, als ob wir umkehren müßten. Tagelang wühlten wir uns durch aufgeweichten Schnee, Bruchharsch oder mußten über vereistes Geröll. Die Nächte sind eisigkalt. Wir litten sehr darunter, obwohl wir uns in Nelang einige Schaffelle angeeignet hatten. Ein andermal, wir lagerten auf einem aperen Fleckchen, mußten wir in rasender Eile unsere gesamte Ausrüstung auf den Schnee werfen, da das ausgelaugte und dürre Gras Feuer fing und unser Gepäck womöglich in Flammen aufgegangen wäre – trotz Schnee und Eis ringsum. Der Proviant schmolz merklich zusammen, wir mußten versuchen, wieder bewohnte Gegenden zu erreichen. Untertags war kein Fortkommen mehr, wir brachen immer wieder bis zum Oberschenkel ein. Dazu des Nachts eisige Kälte und wenig Schlaf. So entschlossen wir uns, die Nacht zum letzten Anstieg zu benützen. Es galt über die Wasserscheide zu kommen. Um 12 Uhr nachts brechen wir auf, der Mond taucht alles in sein silbernes Licht. Das Zelt ist steif gefroren, aber mit vereinten Kräften wird es gebändigt. Der Schnee trägt immer noch nicht sicher. Ein eisiger Hauch kommt von den Höhen und läßt den Atem zu Eis erstarren. Stunde um Stunde verrinnt, langsam schieben wir uns an die letzten Aufschwünge heran. Steiles Eis mit einer dünnen Firnauflage erwartet uns. Mit unseren zugespitzten Zeltstöcken kratzen wir auf dem beinhart gefrorenen Hang herum, um wenigstens die Andeutung einer Stufe zuwege zu bringen. Das Schuhzeug ist denkbar primitiv. Wir haben uns in Nelang während unseres vierzehntägigen Aufenthaltes aus Ziegenfellen und alten Reissäcken so etwas wie tibetanische Schuhe genäht, die uns ob ihrer glatten Sohle manchen Streich spielen. Wo wir sonst spielend mit Eisen gegangen wären, mühten wir uns nun mit selbstgemachten Schuhen und improvisierten Alpenstangen ab. Wir haben in der Dunkelheit den falschen Anstieg erwischt und haben nun noch ein langes Gratstück mit viel Auf und Ab vor uns, bis wir auf dem richtigen Paß sind. Aber für all die Mühe entschädigt uns der Blick auf das Gipfelmeer des Garhwal-Himalaja. Da steht ein Gipfel neben dem anderen, blitzend und funkelnd in der Morgensonne, ein Anblick von grandioser Schönheit. Lange stehen wir und können uns nicht satt sehen an all der Pracht, die vor uns ausgebreitet liegt. Aber nun weiter! Der Grat, der uns endlich zum Paß bringen soll, hat viel Pulverschnee, dann wieder vereiste Platten und Geröll; doch nachmittags 2 Uhr sind wir am Steinmann, und abends um Sechs steht unser Zelt zum erstenmal auf tibetanischem Boden. Es ist schon dunkel und über uns zie-hen die Sterne ihre Bahn. Sie könnten uns viel aus der Heimat erzählen, aber sie bleiben leider stumm. Wir sprechen noch lange über den Verlauf unseres Unterneh-mens. Schmaderer meinte, es wäre uns noch auf keiner Hochtour so schlimm ergan-gen, und das war auch nicht zu viel gesagt. Unser Kartenmaterial war unzureichend, die Ausrüstung äußerst dürftig, der Proviant auf ein Minimum herabgesetzt, in der Jahreszeit waren wir zu früh daran, die Täler in diesen Höhen alle verlassen und die physischen Anstrengungen die denkbar höchsten. In Pulling, dem er sten Dorf in Tibet, zwischen zwei hohen verschneiten Pässen gelegen, ging der Proviant aus. Die letzte magere Mahlzeit bestand aus einer Mehlsuppe und etwas Currypulver. Ein Schafhirte an einem jenseitigen Berg hang war unsere Rettung. Er half uns über einen Zusammenbruch hinweg. Die Aufnahme in Pulling war denkbar unfreundlich. Erst gab es von den Einwohnern nichts zu kaufen, dann verlangten sie irrsinnige Preise und zum Schluß schoben sie uns nach Par ab. Das war unser erstes Zusammentreffen mit Tibetanern. Par ist ein kleines unscheinbares Nest: einige schmutzige Häuser, ein Lama, der mit allen Wassern gewaschen ist. Er wollte uns nur die Sachen verkaufen, an denen er am meisten verdiente. Wir saßen drei Tage in Par und wurden immer vertröstet, bis eines Tages der Dzongpön (Distriktsgouverneur) von Schang-Tse in Par einritt und uns eröffnete, daß wir wieder nach Indien zurück müßten. Schmaderer palaverte lange mit dem „Hohen Herrn“, aber es half alles nichts. Wir müssen via Shipki zurück. Unser Gepäck wird auf Jaks verladen, und wieder geht’s über den Op, den wir schon einmal überschritten hatten. Beim Aufstieg aus dem Optal wäre uns beinahe ein Jak abgestürzt, noch dazu der, der unsere ganzen Habseligkeiten trug. Die Orte Redigang, Ri und noch zwei 5000er-Pässe lassen wir hinter uns. Bei einer Rast im Kloster Chuse verschwinden unsere Löffel und Becher, wahrscheinlich stehen sie nun an irgendeinem Buddha-Altar als Opfergabe. Der geschäftstüchtige Abt des Klosters will Schmaderer ein Paar schöne gelbe Halbschuhe verkaufen, hat damit aber kein Glück. In Sarang, einem Dorf auf der anderen Talseite merken wir, daß uns der Dzong-pön auf schnellstem Wege loswerden will und daß er deshalb versucht, uns über einen falschen Paß zu schicken. Daß wir ihm auf seinen Schwindel kommen, empört ihn maßlos.

Am Sutledge. Wir sind zu Tal gestiegen und lagern in einer wilden Schlucht. Beiderseits von 1000 Meter hohen Bergflanken eingezwängt, schießt hier der Sutledge durch sein steiniges Bett, das hier ungefähr 25 bis 30 Meter breit ist. Aber das Schaustück der Schlucht ist die Stelle, an welcher der Fluß überbrückt ist. Bis auf einen Meter nähern sich hier die beiden Felswände, so daß man knapp über den reißenden Wassern von einer Wand zur anderen spreizen könnte. Mit elementarer Wucht werden hier die Wassermassen wie durch eine Röhre gepreßt. Klein ist der Lagerplatz, denn unmittelbar dahinter steigt senkrechter Fels empor. Einige 50 Schafe liegen hier und einige Pferde und Maultiere, aber kein Grashalm wächst hier. Die Tiere müssen sich mit dem Mist ihrer Vorgänger begnügen. Holz für die Feuerung muß von oben mitgebracht werden. Die Landschaft hier besteht nur aus Felsen und dem donnernden Fluß, und darüber wölbt sich der blaue Himmel. Schwer keuchen die Träger am nächsten Tag die Hänge zum 5000 Meter hohen Shirang-La hinauf. Wir kommen nach Mayang und Tiak, zwei hübschen Bergdörfern, das letztere am Sutledge selbst gelegen. Hier stehen einige alte, zerfallene Chorten, und Ein- und Ausgang des Dorfes sind von langen Manimauern begleitet. Es sind dies 15 bis 30 m lange Steinmauern mit flachen Platten geschmückt, die alle die Gebetsformel „Om mani padme hum“ tragen. Meist sind sie von durchziehenden Pilgern gestiftet, oder sogar an Ort und Stelle angefertigt. Die weißen Häuser, das saftige Grün der Aprikosenbäume mit dem Gelb und Rot der das Dorf umgebenden Felswände, als Hintergrund die vereisten Gipfel des Riwo Pakyul, geben ein höchst male risches Bild. Von Tiak nach Sargon haben wir Frauen als Träger, die uns wiederholt um Zucker anbetteln, den sie dann mit sichtlichem Genuß verzehren. In Shipki, dem letzten Dorf vor der indischen Grenze, ist es schlimm. Die Kerle verlangen Preise, daß man nur noch staunen konnte ob soviel Unverschämtheit. Und der Schlimmste von allen ist der Herr Bürgermeister selbst. Wir sind froh, als wir dem Dorf den Rücken kehren können.

Wettersteingebiorge.
Schüsselkaspitze-Südostwand
Ludwig Schmaderer in der mittleren Plattenzone der Wand, eine der schwierigsten Stellen
Foto: R. Peters

31. Mai 1947. Ein Monat nach unserer Überschreitung der tibetanischen Grenze müssen wir Tibet wieder verlassen. Das kommt uns hart an. Wir sind in Namgya und wieder auf indischem Boden. Hinter jedem Kuli vermuten wir einen C.I.D.-Beamten, der uns auf raschestem Wege wieder im Lager Dehra Dun abliefern will. Schmaderer hat schon auf dem ganzen Weg vom Paß herunter nach der Brücke Ausschau gehalten, die uns ins Spiti-Tal hinüberbringen soll. In Namgya angekommen, besucht uns auch gleich der Bürgermeister und frägt nach Woher und Wohin, was wir hier wollen und vieles mehr. Die Auskunft unsererseits ist spärlich. Wir sorgen noch kräftig für unseren Magen und legen uns sehr bald zur Ruhe. Nachts um halb eins, der Mond schielt gerade über den Grat herüber, machen wir uns aus dem Staube. Wie die Diebe schleichen wir auf leisen Sohlen durch die Nacht. Im Dorf liegt alles im tiefsten Schlaf, nur im oberen Teil des Dorfes bellen die Hunde. Wenn ein Stein kollert oder einer von uns stolpert, horchen wir gespannt, ob alles ruhig bleibt. Der Weg hinunter zum Fluß liegt im tiefsten Schatten. Wir tasten uns hinunter, trotzdem rutschen, stolpern und fallen wir mehr als wir gehen. Endlich sind wir an der Brücke. Drüben geht es steil empor nach Tashigang, das wir im Morgengrauen erreichen. Die nächsten Tage sind wir dauernd auf den Beinen vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein, immer den Spiti aufwärts. Hier soll es ja auch einen Weg nach Gartok geben. Erst weit hinter Dankhar erfahren wir, daß es auch hier nur mittels eines riesigen Umweges nach Gartok gehe. Aber es gäbe einen Weg durch das Tal von Sumgyl über den Bibi-La, das sei der richtige Weg. Also wieder zurück zum Zusammenfluß des Spiti und Phaririver, den wir nun aufwärts verfolgen. Da wir von diesem Gebiet keine Karten haben, müssen wir uns ganz auf die Aussagen der Eingeborenen verlassen. Bei dem Dorf Jamba wenden wir uns nach rechts und gehen den Sumgylfluß aufwärts. Bei dem Dorf Sumgyl, das wir am 16. Juli erreichen, lagern wir mehrere Tage, um uns genau über den Weiterweg zu informieren. Inzwischen setzt aber oben in den Bergen die Schneeschmelze ein, die Bäche und Flüsse schwellen alle erheblich an, das Weiterkommen wird immer schwieriger. Außerdem soll der 5600 Meter hohe Bibi-La noch tief verschneit sein. Acht Tage haben wir nun schon oberhalb Sumgyl herumgelegen, aber nun lassen wir uns nicht mehr abhalten und ziehen mit unserem Esel los und überschreiten weiter oben den Fluß auf einer kleinen Auslegerbrücke. Die nächste Brücke ist allerdings abgebrochen, so ziehen wir den Fluß weiter aufwärts, um einen Übergang zu suchen. Am Nachmittag ist das Wasser aber schon so gestiegen, daß wir bei einem Versuch, den Fluß zu überschreiten, fast weggeschwemmt worden wären. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu biwakieren und den nächsten Morgen abzuwarten. Als wir schon fertig zum Übergang sind, kommen einige Eingeborene das Tal herauf. Sie wollen uns umstimmen, alles mögliche bringen sie vor, ja sie wollen uns sogar Proviant geben, wenn wir nur umkehren. Als sie sehen, daß unser Entschluß feststeht, werden sie unverschämt und werfen sogar mit Steinen. Es war nicht leicht, das andere Ufer zu gewinnen, da das Wasser schon wieder stieg und wir wegen des Esels den Weg zweimal machen mußten.

Aber nun ziehen wir dem Paß entgegen. Das Wetter hat sich verschlechtert, es hat zu regnen begonnen und dazu bläst ein unverschämt kalter Wind. Gegen 5 Uhr abends schlagen wir unser Lager auf. Wir sind eben in der schönsten Kocherei, als hinter einem Schutthügel zwei, drei Mann auftauchen. Es werden immer mehr: zehn, zwanzig – , dann sind sie heran. Wir zählen Siebenundzwanzig. Sie kommen heran, setzen sich und schauen, sonst nichts. Dann schicken sie einen Sprecher, der uns eröffnet, daß wir hier nicht weiter könnten. Wir hätten kein Hukkum, keine Genehmi-gung vom Raja in Tashigang (Indus). Der Raja wolle nicht, daß wir weiter gingen. Außerdem würden wir ja so nicht weiter kommen, der Paß ist noch tief verschneit, wir würden erfrieren, der Esel wird uns eingehen. Er malte alles in den schrecklichsten Farben. Und wenn das nichts helfen sollte, könnten sie uns noch mit Gewalt daran hindern. Das ist es also, sie wollen uns nicht weiter nach Tibet hineinlassen. Der Wortführer, ein Händler, verspricht im Falle unserer Umkehr, uns den Proviant bis zurück zur Grenze zu liefern. Was tun? Sollen wir das Risiko eines Weitermarsches unter solchen Umständen auf uns nehmen? Wir kommen überein, von unserem Vorhaben abzulassen. Anderen Tags früh ziehen wir mit unserer stattlichen Begleitung wieder talaus. Uber den Fluß geht es diesmal hoch zu Roß. In Sumgyl lagern wir mitten im Dorf, Hier bekommen wir auch die versprochenen Lebensmittel, allerdings nur einen Teil von dem, was uns zugesagt wurde. Und selbst das gelingt nur unter den heftigsten Temperamentsausbrüchen und langwierigem Feilschen.

Wir wollen nochmal probieren, nach Osten durchzukommen. Nach Aussagen einiger Tibetaner soll eine Möglichkeit über Bartiok-Karak bestehen, den Takumla zu erreichen, der wieder an der Route nach Gartok liegt. Am 2. Juli steigen wir die Steilhänge oberhalb Tsurup empor. Über eine Hochfläche hinweg, auf der nun schon Vergißmeinnicht, Primeln und Enzian blühen, erreichen wir Bartiok. Der Empfang ist alles andere als freundlich. Lebensmittel sind unverschämt teuer, bei einem Butterhandel bekommen wir einen Ballen Butter voller Maden. Schmaderer ärgert sich fürchterlich über den Strolch, der ihm in der Dunkelheit das Zeug für teueres Geld angedreht hat.

Kaukasus: Ein gefährlicher Eisquergang Schmaders in der Schcheldimauer
Foto: Herbert Paidar

Früh sind wir wieder auf den Beinen. Durch ein seichtes Flußtal führt der Weg, große Strecken müssen wir im Wasser zurücklegen, dann geht es wieder über Geröll und Felsen. Ein Wiesenfleckchen, mit Weiden bestanden, lockt zum Rasten, aber wir ha-ben keine Zeit. Ein Felssporn muß überschritten und das Hauptflüßchen überquert werden. Schwer ist der Aufstieg, wir müssen den Esel oft hochstützen und ihm über schwierige Stufen hinaufhelfen. Eine Mordsschinderei, aber dann wird es besser. Wir kommen über grasige Flächen und haben schon wieder einen Blick in die Weite. Wir unterhalten uns gerade über die Aussichten unseres Weiterweges, da kommt uns ein Eingeborener entgegen. Er erkundigt sich nach Woher und Wohin, wie das im Orient so üblich ist. So erfahren wir, daß er eben von Karak komme, den Parifluß überschritten, dabei seinen Kameraden verloren habe und selbst wie durch ein Wunder dem Ertrinken entgangen sei. Er habe dabei auch noch einen Schuh eingebüßt und müsse nun so noch bis Bartiok laufen. Es sei vollkommen unmöglich, ohne Reittiere den Fluß zu überschreiten, wir würden dabei den Esel verlieren und das Leben dazu. Nach langem Hin- und Hergerede, und da auch unser Begleiter nicht mehr weitergehen will, drehen wir also um. Nachmittags sind wir wieder in Bartiok. Auf dem Rückweg betrachte ich mir den Kerl immer wieder, und dabei kommen mir allerhand Bedenken. Die Kleider des Burschen sind strohtrocken, der ihm verbliebene Schuh ist weich und trocken. Jakleder, wenn es einmal naß geworden, trocknet schwer und bleibt dann noch längere Zeit hart und steif. Ich teile meine Bedenken Schmaderer mit, der mir sofort erwidert, er habe den Kerl auch schon beobachtet und sei mißtrauisch geworden. Wir stellen auch fest, daß der Mann einen Schuh in seinem Sack hat, der dem, den er am Fuß hat, ganz verdächtig gleicht. Wir fühlen dem Bruder kräftig auf den Zahn, und wenn wir ihn auch nicht überführen können, so bleibt doch der starke Verdacht, daß die ganze Sache mehr oder weniger abgekartet war. Na ja, wir sind nun schon auf dem Rückmarsch, da ist nichts mehr daran zu ändern. Wir haben uns nun auch entschlossen, nach Westen zu gehen. Die Nepalwünsche werden vollständig gestrichen, dafür wendet sich unser Planen Kaschmir zu.

Wieder im Spitital! Die spärlichen Wiesenfleckchen sind abgeweidet; ein Schäfer, der in einer Felsenhöhle hauste und von dem wir das erstemal so freundlich bewirtet wurden, ist weggezogen. Wir ziehen weiter, an den uns schon bekannten Manimauern vorbei nach Lari. Das Dorf ist fast wie ausgestorben, alle Häuser sind geschlos-sen, das ganze Vieh fort. Nur ein paar Bewohner sind noch da, die als Wächter zurückgeblieben sind. Sie erzählen uns, daß die anderen hinauf in die Berge seien zu besseren Weidegründen. Zu kaufen gibt es nichts, also weiter. Halbwegs zwischen Lari und Dabo wissen wir einen schönen Lagerplatz. Da gibt es Wasser, und knapp oberhalb des Talbodens steht ein riesiger Wacholderbaum, der neben einem Heckenrosengestrüpp das einzige brauchbare Holz liefert. Hier verbringen wir zwei Tage. Es gibt Curry mit Reis, in den wir uns richtiggehend „hineinknien“. Wir sprechen viel über die Heimat, über die Berge und unsere bisherigen Erlebnisse. Schmaderer meinte auch im Lauf des Gesprächs, sollte ihm einmal etwas Ernstliches zustoßen, so würde er am liebsten irgendwo im Himalaja liegen und dergleichen mehr. Ich weiß nicht, ob das schon die Schatten des späteren Geschehnisses waren, aber irgendwie versuchte ich ihm solche Gedanken auszureden. Wir sitzen noch lange am verglimmenden Feuer; die Nacht ist lau, über uns funkeln die Sterne in unwahrscheinlichem Glanz. Es sollte das letztemal sein, daß wir, Wigg und ich, so beisammen sitzen.

Es mag der 11. Juli gewesen sein. Wir ließen uns Zeit, da wir an diesem Tag keine allzu lange Strecke zurücklegen wollten. Auf und ab durch eine phantastische Lößlandschaft, erreichen wir den kleinen, Dabo vorgelagerten See, in dem sich das dahinterliegende Kloster von Dabo spiegelt. Hier eilte Schmaderer voraus, um einige Lebensmittel einzukaufen. Ich komme langsam mit dem Esel hinterher und treffe Schmaderer wieder bei den ersten Häusern von Dabo. Er ist eben im Verhandeln mit den Eingeborenen, um Reis. Butter und Käse zu erstehen. Aber es ist immer dasselbe Lied. Erst gibt es nichts, dann ist nur wenig da und das nur zu unmöglichen Prei-sen, bis nach langem Gefeilsche die Ware herangebracht wird. Und nun geht das Aushandeln los. Man möchte manchmal aus der Haut fahren! Schmaderer wollte, daß ich inzwischen zu dem etwa zwei Stunden weiter oben im Tal liegenden Lagerplatz gehe, während ich lieber gewartet hätte, bis er mit seinem Handel fertig war. Durch die Verzögerung schon etwas ungeduldig, meinte Schmaderer, ich solle nur vorausgehen, der Esel laufe so langsam, und er würde mich ja doch wieder einholen. Außerdem könnte ich etwas Holz suchen für die abendliche Kocherei.

Tent-Peak-Grat mit Kantsch. Im Aufstieg zum Tent-Peak (7363 m). Hoch über demselben thront die Götterburg des Kangchendzönga.

Ich haue also ab, höre Schmaderer noch, wie er sich wieder in den Handel mit den Eingeborenen stürzt. Das waren die letzten Laute, die ich von Wigg hörte. Kurz hinter Dabo kommt ein kleiner Wildbach aus den Bergen. Als ich zum üblichen Übergang will, winken mir einige Tibetaner zu, ich solle doch über die Brücke gehen, da der Bach stark angeschwollen sei. Dann geht der Pfad hinunter zum Spiti und führt dort leicht auf und ab, bis er kurz vor dem Lagerplatz wieder ansteigt, von wo aus man den ganzen Pfad bis zur Krümmung bei Dabo übersehen kann. Es mag etwa halb zwei Uhr gewesen sein. Ich schaue das Tal zurück und sehe dort an der Krümmung zwei oder drei Menschen den Pfad entlang kommen. Zeitlich könnte das Schmaderer gewesen sein. Also müßte er um drei oder halb vier Uhr hier oben sein. Kurz nachher bin ich am Lagerplatz und mache mich an die Lagervorbereitungen. Es ist fünf, es wird sechs Uhr, Schmaderer ist noch nicht da, obwohl er bereits vor zwei Stunden hätte hier sein sollen. Möglicherweise hat er einen Kranken kuriert, was ja schon öfter geschah, oder er hat mit den Eingeborenen Streit bekommen, kurzum, alles mögliche geht mir durch den Kopf. Das Beste ist, zurück nach Dabo. Aber es muß schnell gehen, da es bereits zu dämmern anfängt. Ich lade mir die beiden Säcke und dem Esel den leichten Rucksack auf, und dann geht cs im Eiltempo zurück nach Dabo. Acht Uhr ist es, dunkel und tot liegt das Dorf vor mir, kein Mensch ist zu sehen. Bei den ersten Häusern mache ich Halt, da höre ich unten in der Gasse Menschen flüstern. Ich rufe sie an, bekomme aber keine Antwort. Dafür kommen irgendwoher aus der Dunkelheit Steine geflogen. Erst nach wiederholten Anrufen kommen einige Tibetaner angeschlürft. Ich frage sie nach meinem Freund , er müsse hier sein, da er nicht zu mir gekommen sei. Sie antworten mir, mein Freund sei nach Puh gegangen, das ist das nächste Dorf oben im Tal. Auf meine Entgegnung, daß das nicht stimmen könne, da ich ihn sonst getroffen hätte, bekomme ich nur immer dieselbe Auskunft: „Ja, er ist nach Puh gegangen, und wenn du morgen nach Puh gehst, dann triffst du ihn dort.“ Am nächsten Morgen breche ich früh auf. Wieder denselben Weg hinauf nach Puh. Einige schwere Stellen sind zu bewältigen über die ich den Esel mit Müh und Not hinwegbringe. Aber auch das hat ein Ende, ich bin in Puh. Die Leute kennen mich vom erstenmal her noch. Ich frage sie, ob gestern mein Kamerad heraufgekommen sei, was sie sofort verneinen. Ich bin mit schweren Gedanken hier heraufgegangen, eigentlich gegen alle Vernunft. Wigg konnte nicht hier sein. Einige Frauen, die die Unterhaltung mit angehört hatten, fangen kläglich zu weinen an, was mich eigenartig berührt, Abends bin ich wieder in Dabo. Dort wieder dieselben Fragen, dieselben Antworten. Am nächsten Tag renne ich nochmal hinauf zum Lagerplatz, suche nach Spuren, kann aber keine finden. Ich frage die Bewohner eines einzelnen Hauses, das in der Nähe der Lagerstelle liegt, aber auch sie können mir keine Auskunft gehen. Ein Inder, der Tage zuvor das Tal aufwärts zog, um dort seine Wassertöpfe zu verkaufen, kommt wieder talabwärts. Auch ihn frage ich, ob er etwas gehört habe, aber auch hier ist das Resultat nur eine verneinende Antwort und eine sorgenvolle Miene. Ich gehe wieder nach Dabo zurück. Esel und Gepäck sind diesmal in Dabo zurückgeblieben, aber der Bauer, bei dem es eingestellt war, ist anscheinend ehrlich, denn es fehlte nichts. Nachts schlafe ich wenig und immer wieder an einem anderen Platz. Wenn der ganze Fall nicht so ernst wäre, würden die Lügen nachgerade kindlich-komisch anmuten. Nun wollen mir die Kerle erzählen, Schmaderer sei womöglich in den Bach hinter Dabo gestürzt und dort ertrunken. Um nichts unversucht zu lassen, suche ich am dritten Tag beide Ufer des Baches ab, ohne jedoch irgend etwas zu finden, was auf ein Unglück deuten könnte. Auch kann ich nicht daran glauben, daß Schmaderer in diesem, ich möchte sagen lächerlichen Bach sein Leben gelassen hat. Im Dorf immer wieder dieselben Ausflüchte. Ich entschließe mich nun, so schwer es mir fällt, zurück zur indischen Grenze zu ziehen. Denn das Verschwinden meines Gefährten muß ja aufgeklärt werden, und die erste polizeiliche Behörde ist unten im Sutledgetal. Erst viel später erfahre ich, daß auch weiter oben im Spitital, in Lingti, ein Polizeiposten ist; aber vielleicht war es besser so. Allein ziehe ich das Tal hinab, das wir vor vier Tagen gemeinsam und guter Dinge heraufkamen. An unserem letzten Lagerplatz, wo wir so ernste Gespräche geführt hatten, sitze ich zwei Tage und sinniere vor mich hin. Was ist aus Schmaderer geworden, wo steckt er, was ist geschehen? Es muß etwas Furchtbares geschehen sein, sonst wäre Wigg gekommen.

Vierzehn Tage sind fast vergangen, bis ich in Tashigang am Sutledge bin. Immer wieder habe ich an Plätzen, an denen wir zusammen gelagert hatten, einige Tage gewartet in der Hoffnung, irgendeine Nachricht über oder von Ludwig zu bekommen.

Beim Abstieg vom Paß nach Tashigang stürzt mir noch der Esel ab. An einer steilen Stelle kommt er ins Rutschen, üb erschlägt sich und verschwindet in einer Staubwolke. Dann höre ich nur noch Steine kollern. Im Geist sehe ich ihn schon mit gebrochenem Rückgrat daliegen; wie ich aber hinunterkomme, steht das Langohr da und frißt. Die seitlich angeschnürten Packsäcke haben ihn vor ernsteren Schäden bewahrt. Im Dorf angekommen, treffe ich einige Tibetaner, die wir vor einigen Wochen in Sargon kennengelernt hatten. Ich sitze am Abend an deren Feuer, da kommt ein verwegen aussehender Bursche und setzt sich zu den Leuten aus Sargon. Im Lauf des Gesprächs nun wendet sich der Sargonmann an mich, um die Erzählung des Tibetaners an mich weiterzugeben, und zwar die Geschichte von Schmaderers Verschwinden.

Ernst Grob, Ludwig Schmaderer, Herbert Paidar – die „Drei im Himalaja“ – reiten nach Tibet (1939). Aus dem Bildertagebuch „Zwischen Kantsch und Tibet“. Münchner Verlag (bisher F. Bruckmann).
Als die Reitjaks in wilden Sprüngen aus den Hochtälern in Thanggu ankamen, meinte Paidar „Servus“ und Schmaderer äußerte sich mißtrauisch, „das komme ihm gefährlicher vor als die Besteigung des Tent-Peak“. Pency aber sagte zu uns, wir sollen die Tiere ja nicht stark berühren oder gar schlagen, weil dies ihnen „inside“ oder auf gut bayerisch „ins Gfui“ gehe. Wenn’s aber dem Jak ins Gfui geht, dann jagt er in wilden Sprüngen davon.

Schmaderer habe in Dabo Lebensmittel eingekauft und dabei hätte er in einer Büchse Geld, einige Goldstücke, zwei Uhren und andere Tauschgegenstände gehabt und diese auch den Leuten gezeigt. Er habe dann bezahlt und sei gegangen. Unterwegs wäre er dann von mehreren Eingeborenen überfallen und schließlich erschlagen und ausgeraubt worden. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Das also soll das Ende meines Freundes Ludwig Schmaderer sein! Er, der unzählige schwerste Felsfahrten hinter sich hatte, der im Eis das Schwierigste meisterte, mein Kamerad auf drei Expeditionen, er muß hier noch nach Kriegsende Räubern zum Opfer fallen. Der Kerl macht mir dann den Vorschlag, er würde mit mir zur Polizei nach Rampur hinuntergehen und ein Protokoll unterschreiben, aber ich müßte ihm Geld, viel Geld geben. Als ich ihm auseinandersetze, daß ich nichts hätte, meinte er: „oh, der Sahib habe viel Geld.“ Tage später erfahre ich unten in Poo am Sutledge, daß der Kerl ein gesuchter Dieb sei, der sofort verhaftet worden wäre, wenn ich ihn mit heruntergebracht hätte.

Monate später, im November, ich bin schon wieder im Lager, kommt ein Inspektor der Polizei aus Kangra. Er hat Gegenstände bei sich, die die Polizei in Dabo gefunden hat, und die Schmaderer an sich hatte, als er verschwand. Auch wurden bei der ersten Untersuchung in Dabo drei Mann verhaftet, einer davon soll sogar der Sohn eines wohlhabenden Bauern in Dabo sein. Als sie merkten, daß sie in eine Falle gegangen waren, flüchteten sie. Nun sitzt wohl einer der Täter, der Tibetaner Raqzin Cherrup, in Dharamsalla im Gefängnis und wartet auf seine Aburteilung, aber sie kann uns unseren Schmaderer Wiggerl nicht wiedergeben. So mußte einer unserer besten und erfolgreichsten Bergsteiger schnöder Habgier willen sein Leben lassen.

Zu den Opfern von Kantsch und Nanga, zu den Opfern des Himalajas überhaupt, ist nun durch feigen Mord ein neues hinzugekommen.

Aber Ludwig Schmaderer soll nicht vergessen sein, „Ein Mensch, den wir liebten und achteten, ist erst dann tot, wenn wir ihn vergessen haben.“


1928 trat Schmaderer der Jugendabteilung der A.V.-Sektion München bei, 1933 deren Jungmannschaft. Bald hatte er sich in die Spitzengruppe der extremen Felsgeher emporgearbeitet. Galt es, irgendeine Sache in Angriff zu nehmen, so tat er das mit einer Energie, die nicht rastete, bevor das Ziel erreicht war. Schmaderer war auch der beste und zuverlässigste Kamerad am Berg. Energie mit Sicherheit gepaart befähigte ihn, das Schwierigste zu meistern in Fels und Eis, in Kalk und Urgestein.

Neben seinen bergsteigerischen Fähigkeiten war Schmaderer auch ein ausgezeichneter Fotograf. Die besten Kletterbilder, z. B. aus der Fleischbank-Südostwand, sind bestimmt Schmaderers Aufnahmen. 1937, auf seiner ersten Himalajafahrt, filmte er mit einer Schmalfilmkamera, 1938, am Nanga Parbat, hatte er großen Anteil an der Fotoausbeute, und die Blumenfarbaufnahmen der Himalajafahrt 1939 sind wohl jedem, der den Vorträgen Grobs beigewohnt hat, in Erinnerung.

Hier sei ein kurzer Überblick seiner Bergfahrten gegeben. Schon im Jahre 1931 bewies Schmaderer sein Können auf großzügigen Fahrten in den Zillertalern oder in Wänden wie der Watzmann-Ostwand (Salzburger Weg). 1932 durchstieg er die schwierigsten Kaiserwände. Die Dolomiten und eine Westalpenfahrt 1934 brachte ihm den bis dahin größten Erfolg. Mit Göttner führte er die 3. Ersteigung der Großen Zinne über die Nordwand, die 2. Ersteigung der Kleinen Zinne über die Südostkante und die Südwand der Tofana di Roces über den Stößerweg aus. Sein alpines Meisterstück war die erste vollständige Begehung des Peutereygrates. In viertägigem Ringen erkämpfte er sich mit Göttner und dem Kärntner Krobath einen Weg über den 6 km langen Grat, dabei Mont Noir, Aiguille Noir und Aiguille Blanche überkletternd, zum Mont Blanc. Damit hatte er seine Eignung für große Auslandsfahrten erwiesen. 1935 stellte die A.V.-Sektion München die Mittel zu einer Kaukasusfahrt zur Verfügung. Sein schönster Erfolg auf dieser Fahrt war die zweite Überschreitung der beiden Uschbagipfel mit Aufstieg Südgipfel, Abstieg Nordgipfel. 1936 ging Schmaderer auf seine zweite Kaukasusfahrt, aus der ich nur die 1. Begehung der 1800 m hohen Nordwand des Schcheldi-Taus und die 1. Begehung der fast 2000 m hohen Uschba-Westwand erwähnen will. Im Frühjahr des Jahres 1937 war er auf Einladung des Siebenbürgischen Karpathenvereins in Rumänien, wo er mit Kameraden einen Kletterkurs abhielt. Außerdem war er maßgebend an der Rettung der beiden Frey aus der Watzmann-Ostwand im Januar 1937 beteiligt, wofür er die Rettungsmedaille erhielt. In diesem Winter durchstieg er auch mit Hias Rebitsch die Westwand des Predigtstuhl-Mittelgipfels (1. Winterbegehung). Zu Beginn des Jahres 1937 wurde Schmaderer mit Ernst Grob bekannt, der ihn zu einer Himalajafahrt einlud. Im September gelang dann uns dreien, Grob, Schmaderer und mir, die 2. Ersteigung des Siniolchu. Nach dem schweren Unglück am Nanga Parbat 1937 führte Paul Bauer 1938 erneut eine Expedition zum Nanga, und in ihren Reihen stand auch Schmaderer. Wenn ihm auch das Glück, den Gipfel des Nangas zu erreichen, versagt blieb, so konnte er doch auf dem Buldarpeak, zweimal auf dem Chongra-Peak (6448 m) und auf dem Rakiot-Peak (7070 m) stehen.

Das Jahr 1939 brachte Schmaderers schönsten Erfolg, die erste Ersteigung des 7363 m hohen Tent-Peak im Sikkim-Himalaja. Wieder war es Ernst Grob, der eine Kundfahrt in den Sikkim-Himalaja unternahm und Schmaderer und mich als Begleiter wählte. Außerdem wurde auf dieser Fahrt auch der Langpo-Peak-Südgipfel (6850 m) zum ersten Male erstiegen.


Liste der Bergfahrten Schmaderers

Wettersteingebirge: Musterstein (Südwand-Spindlerweg), Hoher Gaif (Südwand), Bayerländerturm (Ostwand), Riffelkopf (Ostwand), Höllentorkopf (Westkante), Hochwanner (direkte Nordwand), Part. Dreitorspitze-Mittelg. (Nordwand), Schüsselkarspitze (Südostwand), Schönangerspitze (dir. Nordwand), Schüsselkarspitze (Südverschneidung), Unt. Schüsselkarturm (Ostwand), Oberreintalschrofen (Südverschneidung), Großer Waxenstein (Nordwand, 1. Beg. ), Oberer Berggeistturm (Westkante), Oberreintalturm (Südwestkante), Blassengrat, Scharnitzspitze (Südwestkante), Schüsselkarspitze (Südwand, Herzogweg).

Berchtesgadener Alpen: Hoher Göll (Trichterweg), KL Mühlsturzhorn (Südwand), Gr. Mühlsturzhorn (Südkante), Grundübelhorn (Südkante), Watzmann (Ostwand-Salzburger Weg), Wartsteinkante.

Kaisergebirge: Predigtstuhl H. G. (Westwand, Dülferweg), M. G. (Westwand und 1. Winterbeg. der Westwand), N.G. (Fiechtl-Weinberger), MG. (Westversmeidung). Christaturm (Ostwand, Südostkante), Fleischbank (Dülferriß, Ostwand, Südostwand), Totenkirchl (dir. Südostgrat, Westwand, U-Weg, Schneiderweg), Leuchsturm (Südwand), Bauernpredigtstuhl (Westwand), Kleine Halt (Nordwestkante).

Dolomiten: Kleinste Zinne (Preußriß), Punta di Frida (Nordwand), Kleine Zinne (Nordwand, Südostkante 2. Beg.), Große Zinne (Nordwand 3. Beg.), Tofana di Roces (Stösserweg), Winklerturm-Stabelerturm-Delagoturm, Laurinswand-Rosengartenspitze, Grasleitenturm (Mühlsteigerkamin), Cima della Madonna (Schleierkante-Abstieg Winklerkamin), Cimone della Pala-Cima di Vezzana-Cima Corona, Fermedaturm (Ostwand), Gr. Furchetta-Saß Rigais, 10 Sellagipfel, Fünffingersp. (Südwestgrat, Abstg. Ostwand), Gr. Fermedaturm (Ostwand) – Kl. Fermeda.

Montblancgruppe: Aiguille Jos. Croux, Pointe Gugliermina-Aig. Blanche de Peuterey-Montblanc de Courmayeur-Montblanc-Dome du Goûter, Vorgipfel des Mont Noir (1. Erst.) – Mont Noir de Peuterey-Punkt, 3045 m (Deutscher Turm 1. Erst.) – Aig. Noir de Peuterey (1. vollst. Beg. des Südostgrates, 1. Abstieg über die Nordkante) – Pointe Gugliermina-Aig. Blanche de Peuterey-Montblanc de Courma-yeur-Montblanc (1. vollst. Begehung des Peutereygrates) – Dôme du Goûter.

Kaukasus, 1935: Punkt 4014 der Tepligruppe (1. Erst. und Überschreitung), Kolota-Tau, 4167 m (1. Erst. Westwand), Teplitau, Ostgipfel, 4200 m (2. Erst.), Hauptgipfel, 4423 m (1. Erst. und Überschreitung), Kolota-Tau (2. Erst., 1. von Osten) – Archon-Tau (1. Erst. u. Überschreitung), Songuta-Choch, Hauptgipfel, 4459 m (2. Erst. ) – Nordgipfel, 4400 m (vermutl. 1. Erst.), Uilpata, 4647 m, Elbrus-Ostgipfel, 5593 m, Uschba, 4700 m, Südgipfel u. Nordgipfel (2. Überschreitung, Abst. Nordgrat). – 1936: Pik Schtschurowski, 4259 m, Tschatuin-Tau, 4363 m (1. Erst. über die Westwand), Schcheldi-Tau, 4320 m (1. Erst. über die Nordwand, Abstieg Südwand, 1. Beg. derselben), Uschba, 4737 m (1. Beg. der Westwand, Abst. Nordgrat), Klumkolbasch, 4154 m (Ostgrat)-Termenbasch, 4080 m (1. Erst.).

Himalaja: Siniolchu, 6891 m (2. Erst.), Buldar-Peak, Südl. Ghongra-Peak, 6448 m (zweimal), Rakiot-Peak, 7070 m, Nepal-Peak, 7153 m – Tent-Peak, 7363 m (1. Erst.), Südl. Langpo-Peak, 6850 m (1. Erst.), außerdem vier Sechstausender.

Viele seiner Klettereien in den Alpen hat Schmaderer des öfteren wiederholt, besonders die klassischen Kaisertouren. Daneben hat er zahlreiche schwierigste Klettereien in den Vorbergen ausgeführt und eine große Menge von Vorberggipfeln im Winter betreten.


AUFBRUCH
Wolken tauchen um die Berge
wie von Morgenfeuern Wolken,
Wasser stürzt im Glanz des Lichtes,
Adler tragen Licht im Schweben
über dunklen, stillen Gründen.

Unermeßlich ist die Freiheit,
die sich hell in mir entfaltet,
frei von Knechtschaft, fern von Herrschaft
eingeborener Sohn der Erde,
schreit ich dem Gebirg entgegen.

Meine Seele, Licht vom Lichte,
schmiegt sich an die Feuerwolken,
stürzt dem Glanz nach in die Gründe,
folgt dem Strom vom Quell zur Mündung,
schwingt sich in den Kreis der Adler,
die den Abgrund furchtlos messen.

Selig leidlos ausgebreitet
grüßt sie alle freien Seelen,
alle Brüder, alle Freunde,
alle, alle Welt!

WALTER BAUER

Quelle: Der Bergsteiger, Münchner Verlag 1948, Seite 40 – 58


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