Jun 152017
 
Frieden aus Geschichte lernen

Von Daniele Ganser

Am 24. September 2016 war Dr. Daniele Ganser in Wien und hielt für die Gruppe42 einen Vortrag im Odeon Theater. Das Interview wurde am Sonntag den 25. September von David Kyrill geführt. Bush & Blair – warum sind Bush und Blair nicht vor dem Strafgerichtshof in Den Haag? Die Antwort ist eben, weil sie im UNO-Sicherheitsrat sind und im UNO-Sicherheitsrat können sie mit einem Veto eine Verurteilung ihrer Kriege immer verhindern.

David Kyrill: „Gruß Gott Internet, servus YouTube! Mein Name ist David Kyrill und heute haben wir hier für Gruppe 42 im Dialog Dr. Daniele Ganser.“

Daniele Ganser: „Guten Tag.“

David Kyrill: „Guten Tag. Meine erste Frage an Sie wäre, warum sind Sie überhaupt Historiker geworden und beschäftigen sich mit Themen wie 9/11 und dem Krieg um Erdöl?“

Daniele Ganser: „Also ich bin jetzt 44 Jahre alt, 1972 wurde ich geboren, bis 1992 die ersten 20 Jahre habe ich halt Schule gemacht ganz normal, ein bisschen Sport gemacht, Handball habe ich gespielt, dann 1992 habe ich die Matura gemacht in der Schweiz und dann war halt diese Zeit, was soll ich studieren, und mich hat die Geschichte immer interessiert. Mich interessiert es einfach, wer hat die Macht? Wo sind die Rohstoffe? Warum bringen die einen die anderen um? Wie war das früher bei den Römern? Was haben wir im Mittelalter gemacht? Was ist im zweiten Weltkrieg gelaufen und warum ist der Vietnamkrieg ausgebrochen? Das hat mich einfach immer interessiert.

Und dann habe ich internationale Zeitgeschichte studiert in Basel, auch in Amsterdam, in London und habe dann 2001 meine Doktorarbeit zu den NATO Geheimarmeen gemacht, das heißt ich habe etwa 10 Jahre studiert inklusive Doktorat.

Und mir ist etwas aufgefallen. Ich habe eine Arbeit geschrieben zur Kuba-Krise 1962 und dann ist mir aufgefallen, dass die verdeckten Operationen der CIA, also wie die CIA versucht hat Fidel Castro zu stürzen, dass wir in der Universität Basel dazu überhaupt nie irgendeine Vorlesung hatten, überhaupt nicht. Also wir  hatten natürlich ganz viele Vorlesungen im Angebot als Studenten, wir konnten eben welche zum zweiten Weltkrieg besuchen, Minnesang im Mittelalter konnten wir besuchen, über Alexander den Großen, natürlich auch Caesar, der Caesar-Mord hat mich interessiert, das Triumvirat oder Flottenbau in Attika, das war halt Griechenland etc. Dann habe ich mich gefragt, warum haben wir keinen Kurs über die verdeckte Kriegsführung der CIA? Gab es einfach nicht. Und dann habe ich da tiefer gegraben, habe gemerkt, dass die meisten Dozenten einfach gesagt haben, das ist zu neu an der Zeitgeschichte, die Quellenlage ist schwierig und es ist auch politisch sensibel. Und dann habe ich eigentlich gedacht, das ist genau das, was mich interessiert und habe dann ein Buch geschrieben zur Rolle der UNO in der Kuba-Krise und da ist mir aufgefallen, dass natürlich dieses Thema ganz verschieden dargestellt wird, je nach dem, wann man eigentlich die historische Zäsur schneidet. Also die einen haben angefangen, habe ich so einen Stapel Bücher bei mir auf dem Tisch gehabt, kann ich mich noch gut erinnern, ist zwar jetzt schon lange her, die einen haben angefangen mit dem Moment, wo Nikita Chruschtschow, das war der Anführer der Sowjetunion, also der „Vor-Vor-Vorgänger“ von Putin wenn man so will, wo der Atomraketen nach Kuba schickt. Man muss es auf die Schiffe verladen, dann sind die da durchs Mittelmeer an den NATO-Ländern vorbei, über den Atlantik, also super spannende Story und die Amerikaner haben das dann entdeckt, dass die Russen Atomraketen auf Kuba stationieren und dann gibt es eben amerikanische Bücher, die fangen eben genau dort an. Die sagen, die Russen haben Atomraketen auf Kuba stationiert, das geht ja gar nicht. Und dann habe ich die Bücher gelesen und gedacht, ja die Amerikaner haben Recht, das geht ja gar nicht, die Russen suchen ja wirklich nur den Streit und gefährden den Weltfrieden. Und dann habe ich noch weitere Bücher gelesen und die haben dann erklärt, dass 1959 Fidel Castro an die Macht gekommen ist und dass die CIA von Anfang an gesagt hat, den wollen wir stürzen. Bekannt ist dann eben die Invasion in der Schweinebucht im April 1961 und dann hat es wieder völlig gedreht und dann habe ich gemerkt, aber nein, dann sind ja die Amerikaner sozusagen die Bösen, die wollen einfach den Fidel Castro stürzen, das geht ja auch nicht, das ist verboten gemäß internationalem Völkerrecht darf man nicht einfach ein anderes Land angreifen und die Regierung stürzen. Und da wurde mir klar, es kommt sehr darauf an, wo man anfängt in der Narration. Wenn man 1962 anfängt, sind die Russen die Bösen, wenn man 1961 anfängt, sind die Amerikaner die Bösen und das fällt einem erst auf, wenn man sich wirklich vertieft mit Geschichte beschäftigt. Und wenn Sie fragen, globaler Kampf ums Erdöl, dann ist natürlich auch wieder die Frage, wie hat der Irakkrieg angefangen 2003, oder Sie haben gefragt nach 9/11, das ist der ganze sogenannte Krieg gegen den Terrorismus, der ja durchsetzt ist von Lügen und Gewalt und man muss schon sagen, unter dem wir alle leiden, weil das ist eine sehr unschöne Entwicklung, die wir in den letzten 15 Jahren haben und da habe ich mich wirklich auch gefragt, ja was ist denn bei 9/11 passiert, wie hat das alles angefangen und aus diesem Grund bin ich eigentlich Historiker, ich möchte diese verschiedenen, wichtigen Themen aufarbeiten, ich möchte auch der Friedensbewegung eigentlich helfen, weil die Friedensbewegung existiert hier in Wien, in Österreich, sie existiert auch in der Schweiz, auch in Deutschland und es ist vor allem dieser Raum, wo ich am meisten kommuniziere, also in den deutschsprachigen Ländern, Schweiz, Österreich, Deutschland. Da halte ich Vorträge, da verkaufe ich meine Bücher und ich gehe halt von dieser Prämisse aus, dass die Friedensbewegung Recht hat. Es ist eben richtig, wir sollten uns nicht töten, das Leben ist heilig und es geht dann in den nächsten Schritt rein, wir sollten uns auch nicht hassen und Feindbilder aufbauen, das haben wir alles schon einmal gemacht und wir müssen das nicht noch fünf mal wiederholen.“

David Kyrill: „Sind Forschung und Wissenschaft frei? Eine ganz naive Frage eigentlich.“

Daniele Ganser: „Nein.“

David Kyrill: „Warum?“

Daniele Ganser: „Weil jeder Forscher bezieht ein Gehalt und hat einen Ruf und jeder Forscher weiß sehr genau, welches Gehalt er bezieht, er weiß auch sehr genau, auf welcher Stufe er arbeitet, ob er einen Jahresvertrag hat, oder ob er einen Vertrag hat bis zur Pension und das weiß ein Forscher ganz genau, wie jeder Arbeitnehmer. Und der Forscher wird immer versuchen seine Einkünfte zu schützen und er wird immer versuchen seinen Ruf zu schützen und ich sag‘ mal so, wenn die Forschung weder das Einkommen noch den Ruf gefährdet, dann ist die Forschung frei. Ich sag jetzt mal in der Geschichte, wenn sie zum Burgenbau im Mittelalter forschen, sind sie völlig frei, interessiert auch niemanden, können sie machen was sie wollen, schreiben ein Buch, 200 Leute lesen es, dann sind sie frei. Aber wenn sie zu 9/11 forschen, also den Terroranschlägen vom 11. September 2001, dann sind sie mitten in der Zeitgeschichte. Das heißt, die Leute, die das erlebt haben und die das auch gemacht haben, die leben noch. Das ist etwas ganz anderes und dann wirken die machtpolitischen Verhältnisse auf sie ein. Und was sind machtpolitische Verhältnisse? Es gibt immer Leute, die weitaus mächtiger sind als die Wissenschaftler. Und die können, wenn sie wollen, einen Wissenschaftler deformieren, mit Kampfbegriffen, ihm seinen Ruf ruinieren, oder sie können ihm sein Vertrag kündigen, oder sie können ihn einfach nicht verlängern.

Und bei mir war das so, ich habe das persönlich erlebt, ich war an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik an der ETH Zürich und habe dann 2006, also fünf Jahre nach den Anschlägen das erste mal sozusagen einen öffentlichen Zeitungsartikel im schweizer Tagesanzeiger, ist eine Tageszeitung, veröffentlicht zum Thema 9/11. Und da sieht man schon, der Historiker kommt nicht am ersten Tag und steigt in den Diskurs ein und auch nicht nach einem Jahr, sondern so fünf Jahre ist für uns ziemlich schnell, das heißt wir sind langsam, das ist so, aber wir sind dafür präzise. Und dich habe damals gesagt, wir müssen über das World Trade Center 7 sprechen und habe eigentlich auch in dem ganzen Artikel dafür geworben, dass wir ein öffentliches Gespräch haben über WTC 7, weil ja die meisten Menschen in Erinnerung haben, dass ein Flieger in den Nordturm ist, ein Flieger in den Südturm, also Flugzeug, Flugzeug…Turm, Turm, das ist so der 11. September für alle Zeitgenossen. Aber im Hintergrund gibt es das dritte Gebäude, das hat sich jetzt natürlich auf dem Internet herumgesprochen, ich nehme an, Ihre Zuschauer wissen das alle und dieses dritte Gebäude wurden eben nicht durch ein Flugzeug getroffen, es ist aber auch zusammengestürzt. Und da sage ich immer, das ist ja eine logische Herausforderung, wenn wir drei Türme haben, aber zwei Flugzeuge, dann können rein logisch die Flugzeuge nicht die Ursache sein für den Einsturz aller drei Gebäude, rein logisch. Es ist ja nicht ein Flugzeug sozusagen durch zwei Türme durch, so wie beim Kegeln, kann man ja mit der Kugel mehrere Kegel umwerfen, so war es ja nicht. Und dann habe ich eben gemerkt, wenn Sie eben fragen, wie frei ist die Forschung, dass als ich diese Frage aufgebracht habe, ist unglaublicher Druck auf mich ausgeübt worden und man hat gesagt, du sollst diese Frage nicht öffentlich diskutieren, da habe ich gesagt, ja warum denn nicht? Und da hat man mir gesagt, das bringt der Schweiz nur Probleme, da habe ich gesagt, das glaube ich nicht, wir müssen als Schweizerinnen und als Schweizer müssen wir doch eigentlich versuchen Kriegsursachen zu durchleuchten und 9/11 war der Anfang vom Afghanistankrieg, 07. Oktober 2001 hat der Afghanistankrieg angefangen und 9/11 war eigentlich der Auslöser. Und da habe ich gesagt, wir müssen diese Kriegsursachen ausleuchten, gerade auch weil wir wissen, dass es immer wieder Lügen gibt am Anfang eines Krieges. Also vielleicht ein Rückblick…1964 hat der Vietnamkrieg angefangen, 3 Millionen Tote, heute wissen wir, der hat mit einer Lüge angefangen, die Lüge war, dass Präsident Johnson damals gesagt hat, das amerikanische Kriegsschiff Maddox war im Golf von Tonkin und wurde dort von den Vietnamesen angegriffen. Stimmt einfach gar nicht, war frei erfunden. Und das ist schon krass, 3 Millionen Tote, nur auf einer Lüge aufgebaut. Und weil wir Historiker das sehr genau genau wissen, es ist nicht so, dass wir denken, ja vielleicht war das so, nein, wir wissen das so und zwar so sicher wie wir wissen, dass Wien die Hauptstadt von Österreich ist das ist ganz klar, für uns ist das nicht so, vielleicht wird manchmal gelogen, sondern es ist völlig klar. Dann bedeutet es auch, dass wir natürlich bei 9/11 doppelt hellhörig sind und sagen, vielleicht ist hier eine Kriegslüge, um diesen ganzen Krieg gegen den Terrorismus zu lancieren. Und dann habe ich eben gesagt, das muss untersucht werden, als die andere Person mir gesagt hat, ja eben es gibt Probleme für die Schweiz, da habe ich gesagt, nein, die Schweiz muss sich für die Friedensforschung einsetzten und dann hat er gesagt, ja dann gibt es Probleme für dich. Und dann habe ich im ersten Moment noch gedacht, ja das wird wohl nicht so dramatisch sein und habe den Artikel publiziert, weil die Zeitung wollte den Artikel auch unbedingt und ich habe im Artikel eigentlich gesagt, es gibt drei Geschichten zu 9/11, SURPRISE, LIHOP und MIHOP. Das sind alles Verschwörungsgeschichten. SURPRISE ist die offizielle Verschwörung von Bush, das heißt, Osama Bin Laden hat den Auftrag gegeben, es gibt 19 Attentäter darunter Mohammed Atta, die haben die USA völlig überrascht, das ist die offizielle Verschwörung, ist auch eine Verschwörung, weil es sind mehrere Menschen, die sich absprechen. In diesem Fall ist also Osama Bin Laden der Böse und das ist eigentlich die Geschichte, die die meisten Menschen glauben, weil sie hat am meisten Abdeckung im Fernsehen und in den Zeitungen.

Die zweite Geschichte ist aber anders, die heißt LIHOP, let it happen on purpose, da habe ich gesagt, diese Geschichte beschreibt, dass Osama Bin Laden 19 Terroristen schickt, um die USA anzugreifen, es gibt ja den Hass der militanten Muslime gegen die USA, dieser Hass ist belegt, vor allem auch, weil sie ja immer wieder Truppen in muslimischen Ländern stationieren, wie Saudi-Arabien, wo Mekka und Medina liegen, das sind ja die heiligen Städte, da muss man sich vorstellen in Italien, wenn muslimische Truppen im Vatikan stationiert wären, wäre auch ein bisschen angespannt… Aber ich sage jetzt mal, es gibt den Hass der Muslime gegenüber den USA, den gibt es und gemäß dieser Geschichte haben also militante Muslime die USA angegriffen, LIHOP, aber Bush und Cheney sind auch kriminell, sie haben nämlich diese militanten Muslime infiltriert, sie wussten dass der Anschlag kommt, aber sie haben dann eigentlich den Anschlag absichtlich zugelassen, das heißt ‚let it happen on purpose‘, es absichtlich zulassen und dann auch die Türme gesprengt, damit das öffentlich sozusagen im Bewusstsein einen Schock hat. In der ersten Theorie, in der SURPRISE Theorie sind die Türme nicht gesprengt, sondern sie sind zusammengestürzt, weil die Flugzeuge rein geflogen sind, oder wegen einem Feuer. Und die dritte Theorie, MIHOP, make it happen on purpose, bedeutet dann eben, dass es auf jeden Fall einen Terroranschlag gab, aber dass Osama Bin Laden überhaupt nichts damit zu tun hat. Das heißt, die Videos von ihm sind gefälscht und die Amerikaner, und zwar nicht alle, sondern eben ein sehr krimineller Teil innerhalb vom Pentagon und den Geheimdiensten hat die ganzen Anschläge selber inszeniert, man nennt das ‚Inside-Job‘, man hat dann sozusagen die Identitätskarte eines Terroristen irgendwo hin platziert, hat in einem Auto noch irgendwie einen Koffer platziert, hat irgendwelche Überwachungsbilder gemacht und hat dann sehr schnell einfach gesagt, die waren es, aber das wäre dann False-Flag, also man hat eine falsche Flagge gehisst, man hat die Türme gesprengt und danach eigentlich einen Kriegszustand ausgerufen und andere Länder überfallen. Und einfach wenn Sie nach der Freiheit der Wissenschaft fragen, dann weiß ich einfach, dass hier sehr sehr großer Druck auf der Forschung liegt. Ob wir uns jetzt für SURPRISE, für LIHOP oder für MIHOP entscheiden, weil es wird ja oft vergessen, die Historiker schreiben die Geschichtsbücher. Also was Ihre Kinder irgendwann mal lesen, das schreibe ich. Das macht schon einen Unterschied, ob ich schreibe, die Amerikaner haben 9/11 selber inszeniert, oder ob ich schreibe, Osama Bin Laden hat die USA überfallen und sie mussten sich wehren. Das ist ein riesen Unterschied.

Darum bin ich einer von denen, der sagt, wir müssen diese drei Thesen weiterhin friedlich und in Respekt diskutieren. Also ich lege mich nicht fest ob es jetzt SURPRISE, LIHOP oder MIHOP war und ich sage einfach, die Fakten sollen für sich sprechen, lasst uns alle Fakten auf den Tisch bringen und in  der Zwischenzeit, und das ist natürlich eine zentrale Forderung der Friedensbewegung, führen wir keine Kriege auf der Basis eines ungeklärten Ereignisses. Das ist ja ganz zentral. Also diese ganze Geschichte mit, wir bekämpfen den Terror und bombardieren darum Afghanistan, Syrien etc. ohne zuerst überhaupt zu wissen, was passiert. Das geht gar nicht. Man müsste eigentlich zuerst den größten Terroranschlag der Geschichte klären, diese 3.000 Tote, und erst danach kann man herausfinden, ob der Krieg gegen Afghanistan auf Lügen basiert, oder ob das eine plausible Geschichte ist.“

David Kyrill: „ Das Thema Syrien ist ja immer noch weitestgehend ungeklärt, oder unklar jedenfalls für die Massen. Vor allem der Auslöser, also wie es begonnen hat. Was sagen Sie als Historiker dazu?“

Daniele Ganser: „Syrien ist im Moment der schlimmste Krieg der tobt auf dem blauen Planeten, wir haben 400.000 Tote und natürlich hört man immer wieder über Syrien und man muss sich mit dem Syrien-Krieg befassen wenn man in der Friedensbewegung aktiv ist, man kann nicht anders. Der Syrien-Krieg wird ja eigentlich in vielen Zeitungen und auch in vielen Fernsehberichten so dargestellt, als wenn es einfach ein Bürgerkrieg sei, von einem brutalen Diktator mit dem Namen Baschar al-Assad, der sein Volk abschlachtet, so wird es dargestellt. Da kann ich einfach sagen, das stimmt einfach überhaupt nicht, also das ist jetzt bewiesenermaßen eine falsche Information, sondern wir haben hier einen internationalen Konflikt. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Bürgerkrieg und einem internationalem Konflikt, ein Bürgerkrieg ist sozusagen in einem Land innerhalb der Landesgrenzen, Volk und Regierung gegeneinander und ein internationaler Konflikt ist, dass externe Akteure hineinwirken und versuchen das Land zu verändern und in diesem Fall haben wir externe Akteure, wie Saudi-Arabien, wie Katar, wie die Türkei, zu dem auch Frankreich, England und die USA, die versuchen Baschar al-Assad zu stürzen, also man nennt das Regimechange. Und wenn sie sich nochmal diese Angreifer vor Augen führen, dann sehen Sie, die USA sind NATO-Mitglied, die Franzosen sind NATO-Mitglied, die Engländer sind NATO-Mitglied und die Türken sind NATO-Mitglied, es sind also vier NATO-Länder, welche Syrien angreifen und sie gehen in eine Allianz mit den zwei Golfmonarchien Katar und Saudi-Arabien, die Assad auch stürzen wollen.

Und daneben haben Sie die Verteidiger von Assad, die wollen, dass Assad an der Macht bleibt und das ist einerseits der Iran und das ist andererseits Russland. Also das ist, wenn Sie es jetzt als Fußballspiel sehen wollen, dann sind jetzt eigentlich die Angreifer mehrheitlich NATO-Länder und die Verteidiger sind die Iraner und die Russen.

Und wie ist denn der Angriff gelaufen, das ist ganz ganz wichtig zu verstehen. Wir haben hier in der Schweiz und auch in Österreich und in Deutschland eigentlich plötzlich die Mitteilung bekommen, das ist so ausgebrochen, das ist irgendwie ausgebrochen, niemand weiß wie. Das stimmt so nicht.

„Es ist also nicht so, dass jetzt die Spitzen der Politik in der Schweiz nicht mitbekommen haben, dass die USA und Großbritannien den Irak angegriffen haben 2003, das ist bekannt und es ist auch bekannt, dass die Geschichte mit den Massenvernichtungswaffen nicht gestimmt hat, das ist bekannt, es ist in Österreich genau das gleiche, ist völlig bekannt. Es ist auch klar, dass eigentlich Bush und Blair gemäß internationalem Völkerrecht nach Den Haag vor den Internationalen Strafgerichtshof gehören, das ist den Spitzen auch bekannt.

Es gibt immer bessere Bücher, die den Ausbruch genau untersuchen, Tim Anderson hat ein sehr gutes Buch geschrieben, ich habe jetzt selber auch noch ein Buch geschrieben, das heißt „Illegale Kriege“, da habe ich ein langes Kapitel zu Syrien drin, das kommt im Oktober 2016 raus, also jetzt dann gleich und da habe ich herausgefunden, dass es eben einen gezielten Angriff auf die syrische Bevölkerung gab, um das Land zu destabilisieren. Man muss ja wissen, Syrien war ein sehr friedliches Land, da konnten die Christen in aller Ruhe neben den Muslimen leben und die verschiedenen muslimischen Gruppen, die Sunniten, die Schiiten und die Aleviten, die konnten gut miteinander umgehen, also so wie hier in Wien, man lebt und man lässt leben.

Und dann hat es plötzlich eine Radikalisierung gegeben und eine ganz wichtige Geschichte ist, dass die syrische Polizei angegriffen wurde. Also es gab Jugendliche, die haben vor der Polizei, sind sie hingegangen und haben auf die Wand mit Graffiti geschrieben: „Baschar al-Assad muss weg.“ und dann reagiert natürlich die Polizei, stellen Sie sich vor hier in Wien würden irgendwelche Graffiti-Sprayer würden halt beim Stephansdom hingehen und schreiben, weißt ich nicht: “Hofer muss weg.“ oder wer auch immer jetzt bei Ihnen in der Regierung ist.“

David Kyrill: „Kern, aber ja…“

Daniele Ganser: „Kern dann…aber ich sage einfach mal, die Polizei würde reagieren. Die würden nicht sagen, ja jetzt haben halt ein paar Jungs den Stephansdom versprayt und ist jetzt auch unsere Regierung die da weg muss, ist ja auch egal. Sondern die würden hingehen und die festnehmen, das ist klar. Dann haben sie die Jugendlichen eingesperrt und dann kam es sofort danach zu einem öffentlichen Protest, wo es hieß, ja die Regierung, das sind ja Kinderschänder, wie können sie die Kinder einfach einsperren, lasst sie wieder frei. Da war Assad schon mit dem Rücken zur Wand und dann haben diejenigen, und ich sage, das sind ausländische Kräfte, die Syrien destabilisieren wollen, die gingen hin und haben syrische Polizisten erschossen. Also ein Polizist war auf dem Heimweg, hatte sein Kind auf dem Arm, seine Tochter, war mit seiner Frau da und dann kamen Scharfschützen und haben alle drei erschossen, also den Polizisten, die Frau und das Kind.

Und da müssen Sie verstehen, wenn in einem Polizeichor sich das herumspricht, so im Sinne von, der Werner und seine Frau wurden erschossen und die kleine Tina, die war doch letztes Mal dabei, beim Weihnachtsfest, die ist auch tot. Dann sehen die Polizisten rot und dann sagen sie, wir werden abgemurkst, wer ist denn das?

Das heißt, sie können in einen Staat hineingehen und den Staat provozieren, das nennt sich ‚Strategy of tension‘, also Spannung erzeugen und das macht man so, indem man hingeht und man erschießt Polizisten und Offiziere. Dann sind ja die Diener des Staates, die beziehen ein Gehalt vom Staat und wenn man die tötet, dann kann man zu einer Eskalation beitragen und in Syrien ist es so, dass die Polizei nicht bewaffnet ist, die haben nur einen Schlagstock und dann hatte Assad die Schwierigkeit, wie kann er sich jetzt wehren? Und er kann ja nicht mit Schlagstöcken gegen die vorgehen, die seine Leute erschießen, weil Schlagstock gegen Gewehr… da sind Sie immer im Nachteil und dann hat er das Militär eingesetzt. Und in unseren westlichen Medien wurde das dann so dargestellt, dass man gesagt hat, Baschar al-Assad hat grundlos seine Armee gegen die Bevölkerung gehetzt. Das ist einfach nicht wahr. Sondern es gab internationale Operationen, um Syrien zu destabilisieren und heute haben wir 400.000 Tote, da muss sich niemand fragen, ob diese Destabilisierung funktioniert hat, die hat sehr gut funktioniert, schrecklich gut, das ist eine teuflische Sache. Und das was ich mir eigentlich wünsche ist, dass mehr Historiker immer auf den März 2011 genauer eingehen, weil im März 2011 ist der Syrien-Krieg ausgebrochen in Dar῾ā und man muss einfach mal ganz genau hinschauen, was da passiert ist.“

David Kyrill: „2013 ist ein Stadtteil angegriffen worden, durch Giftgas, man hat dann in den westlichen Medien vor allem publiziert, dass Assad das war, Giftgas gegen seine eigene Bevölkerung einsetzt. Gibt es da schon neue Erkenntnisse oder irgendwelche Informationen?“

Daniele Ganser: „Ja also ich habe das im Buch „Illegale Kriege“ auch aufgearbeitet. Das war tatsächlich so, dass man zuerst gesagt hat, es gibt diesen Giftgasanschlag und es ist richtig, dass es diesen Giftgasanschlag gab, das ist unstrittig, es gab Giftgas. Aber natürlich war sofort die Frage, wessen Giftgas? Und hier hat die entscheidende Arbeit ein amerikanischer Journalist gemacht, der heißt Seymour Hersh, „Whose Sarin?“ ist sein Artikel, er hat das nochmal ganz genau untersucht und er kommt klar zum Schluss, es war nicht Assad, sondern es waren die Gegner von Assad. Also diese militanten Dschihadisten, die man entweder als Rebellen bezeichnet, oder als Terroristen, je nach dem, wie man sozusagen steht, also der Assad bezeichnet sie als Terroristen und natürlich die Angreifer bezeichnen ihre Verbündeten als Rebellen, aber das ist eigentlich eine rein semantische Unterscheidung, es sind oft die gleichen Leute. Und das was man sieht ist, dass die UNO damals gesagt hat, wir müssen das jetzt untersuchen, ich habe die Protokolle vom UNO-Sicherheitsrat dann auch studiert und der UNO-Sicherheitsrat hat dann eine Expertengruppe geschickt, die sind nach Damaskus geflogen, sollten das untersuchen, den Anschlag und als diese UNO-Experten ankamen, gab es nochmal einen Anschlag. Das heißt, die hätten vermutlich, wenn sie in aller Ruhe den kleinen Anschlag untersucht hätten, herausgefunden, das sind die Rebellen. Aber das konnten sie nicht, weil dann gab es schon wieder einen größeren Anschlag und dann mussten sie den untersuchen. Und es gibt jetzt Politiker in der Türkei, die sagen, die Gegner von Assad sind für beide Anschläge verantwortlich, aber, wie gesagt, man hört das wenig bei uns. Bei uns hört man immer zuerst, alles ist Assad, Assad muss weggeräumt werden, Assad muss gestürzt werden, Assad wirft Fassbomben, Assad setzt Giftgas ein, Assad führt den Bürgerkrieg… Das heißt, wir sind in Österreich, in der Schweiz und in Deutschland einer konstanten Regimechange-Propaganda ausgesetzt. Ich habe Freunde und ich habe die gefragt, du, was denkst du zum Syrien-Krieg? Ein guter Freund von mir ist Lehrer und der hat mir gesagt, weißt du, in Syrien, da bombardieren ja die Russen, das habe ich gehört, die Amerikaner bombardieren auch, die Türken sind mit Panzern über die Grenze einmarschiert in Syrien, das habe ich auch gehört, jetzt hat Merkel noch die Tornados geschickt, was die machen, kein Plan, dann gibt es die Al-Nusra-Front, dann gibt es den IS, dann gibt es Schiiten, dann gibt es Sunniten, ich habe gehört, Saudi-Arabien und Katar wollen eine Pipeline bauen, der Iran ist da auch noch irgendwie involviert und die Hisbollah, also kurzum, das sind ja zehn Akteure, ich blicke einfach nicht mehr durch und die sagen mir, ich hatte es viel lieber 2003 beim Irak, da war der Saddam und da war der Bush und der Bush und der Blair haben angegriffen und das war ‚ne klare Sache und da bin ich ganz klar der Meinung, dass der Irakkrieg ein Verbrechen ist, aber der Syrien-Krieg ist ja ein verdeckter Angriff von Obama. Also Obama greift Syrien an, aber öffentlich ist das nicht bekannt. Also dass die Amerikaner, die Engländer und die Franzosen Syrien angegriffen haben, hat sich bei uns bis heute noch gar nicht rumgesprochen. Und das ist eigentlich die Schwierigkeit für den Historiker, dass wir das  ganz ganz fein aufdröseln müssen und herausfinden müssen, wie laufen verdeckte Kriege und wir können das  jetzt heute erklären. Es läuft so, es gibt eine Depesche aus der amerikanischen Botschaft in Syrien von William Roebuck aus dem Jahr 2006, also das sind fünf Jahre vor Ausbruch des Krieges, und da erklärt er, das ist über Wikileaks veröffentlicht worden, das erklärt William Roebuck, dass man Syrien so destabilisieren kann, indem man die verschiedenen Religionsgruppen gegeneinander hetzt und so wird es dann auch gemacht. Also man destabilisiert ein Land aktiv und bringt auch Special Forces rein, das sind also Spezialeinheiten, die trainieren dann sozusagen die Gegner von Assad, entweder in der Türkei, oder im Irak oder in Jordanien…Dann gehen die über die Grenzen rüber und destabilisieren die Regierung. Das ist etwas ganz anderes als 2003 der Angriff auf den Irak. Ich sag mal, den Angriff auf den Irak kann jeder verstehen, die Amerikaner kommen mit Flugzeugträgern, die Flugzeuge heben ab und es hämmert einfach Bomben runter, da kann man nicht übersehen wer der Angreifer ist, das waren Tony Blair und Bush, die übrigens Kriegsverbrecher sind, weil das ist verboten…“

David Kyrill: „Warum sind sie dann nicht in Den Haag?“

Daniele Ganser: „Weil sie zu mächtig sind. Also das ist der Punkt. Wir haben seit 1945 die UNO-Charta, die UNO-Charta wurde unterschrieben eigentlich nach dem zweiten Weltkrieg, wir hatten 60 Millionen Tote im zweiten Weltkrieg, Hitler hat Polen überfallen und der Überfall von Deutschland auf Polen ist illegal, die Idee war ganz klar, dass man sagt, ein Land darf ein anderes Land nicht überfallen. Das machen wir jetzt in der UNO-Charta fest. Und in meinem neuen Buch „Illegale Kriege“ gehe ich durch verschieden Konflikte und zeige, wie die UNO-Charta missachtet wird. Denn Fall von Kuba habe ich schon erwähnt, da hat die CIA Kuba angegriffen, ist illegal. Aber jetzt  müssen Sie ein Detail verstehen… Im UNO-Sicherheitsrat haben wir 15 Nationen und von den 15 Nationen sind fünf ständige Mitglieder des Sicherheitsrates, das sind die USA, das ist Frankreich, das ist Großbritannien, das heißt dreifache NATO-Präsenz im Sicherheitsrat, dann noch China und Russland. Und die NATO-Länder, wenn die ein Land überfallen, dann müssten sie eigentlich verurteilt werden, Sie haben sich gefragt, warum sind Bush und Blair nicht vor dem Strafgerichtshof in Den Haag und die Antwort ist eben, weil sie im UNO-Sicherheitsrat sind und im UNO-Sicherheitsrat können sie mit einem Veto eine Verurteilung ihrer Kriege immer verhindern. Also das ist etwas, was viele Leute überhaupt nicht begriffen haben. Aber ich muss das kurz erklären, als Saddam Hussein 1990 in Kuweit einmarschiert ist, im August 1990, hat der UNO-Sicherheitsrat sich sofort getroffen und gesagt, das ist illegal. Das ist ja wie Hitler und Polen, das ist jetzt Irak und Kuweit, geht nicht. War auch richtig so, es war illegal. Aber als eben die USA 1964 Vietnam angegriffen haben, gab es diese Sitzung vom Sicherheitsrat nicht, weil die USA ja sofort ihr Veto eingelegt hätten. Oder als die Engländer und die Franzosen 1956 Ägypten bombardiert haben, das war die Suez-Krise, konnten sie im Sicherheitsrat nicht verurteilt werden, weil sie sind ja NATO-Länder und sie schützen sich mit ihrem Veto im Sicherheitsrat gegen eine Verurteilung.

Das bedeutet, nur die kleinen werden verurteilt und wenn sie den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag anschauen,  dann sehen sie, dass dort eigentlich nur irgendwelche afrikanischen Despoten vorgeführt werden, die auch Kriegsverbrechen begehen, das möchte ich ja gar nicht irgendwie verharmlosen, das ist richtig, dass die vorgeführt werden. Aber die größten Verbrecher, eben ein Bush, ein Rumsfeld, ein Cheney, die müssten nach Völkerrecht dort hin. Kommen sie aber nicht und das hat einfach mit Macht zu tun. Es hat nur mit Macht zu tun, nicht mit Recht. Und Sie sehen auch, dass in den öffentlichen Medien sich fast niemand getraut, das immer wieder zu fordern, sondern man schreibt vom ehrenwerten, ehemaligem Präsidenten und was auch immer, es ist unerträglich.“

David Kyrill: „Wenn wir jetzt bei Kriegsverbrechen sind, sehen Sie als Historiker Kriegsverbrechen in der ähnlichen Kategorie und Größenordnung, wie sie die USA und NATO, wie Sie es eben benannt haben, begangen haben, beispielsweise illegale Angriffskriege auf die Volksrepublik Jugoslawien oder jetzt auch in Syrien, auch Seitens Russlands und Chinas, wenn die ja auch im Sicherheitsrat sind diese zwei Akteure?“

Daniele Ganser: „Also die Russen und die Chinesen sind auch ‚Power-Players‘, das heißt, die sind auch mächtig und setzen immer wieder auf Gewalt. Bei Russland sieht man es im Tschetschenienkrieg, da hat der Putin ja gesagt, es gab da Bombenanschläge in Moskau und hat da hat er gesagt, ganz klar, das waren die Tschetschenen und dann ab ging es nach Tschetschenien.

Diese Bombenanschläge, meiner Meinung nach, sind ungeklärt, es ist auch dort möglich, dass man hier eigentlich Bombenterror inszeniert hat, um einen Krieg zu legitimieren.“

David Kyrill: „Das waren diese Wohnhausanschläge…“

Daniele Ganser: „Genau, in Moskau gab es Terroranschläge und in einem Fall ging dann die Bombe nicht hoch und dann hat man noch gesagt, das ist vom FSB, das ist der Geheimdienst und da hat der FSB gesagt, wir wollten nur testen, wie wachsam die Bevölkerung ist. Also ich sag mal, da gibt es auch investigativen Bedarf und die Chinesen haben ja eigentlich Tibet sozusagen erobert, sagen natürlich, das gehört einfach uns, aber insgesamt geht man dort auch völlig rücksichtslos gegenüber der buddhistischen Bevölkerung vor und es gibt auch die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989, die wurden niedergeschlagen. Das heißt, die Chinesen und die Russen sind auch gewalttätig, das muss man deutlich sagen, aber wenn man diese Gewalt vergleicht mit der Gewalt der NATO-Länder, dann komme ich zum ganz deutlichen Schluss, wenn es jetzt eine Schulklasse wäre, Sie nehmen die fünf Mitglieder des Sicherheitsrates, USA, Frankreich, Großbritannien, die drei NATO-Länder und dann China und Russland, wenn ich die fünf, ich mache jetzt ein Bild, das wären meine fünf Schüler, ich wäre der Lehrer. Mit allen fünf hätte ich ein bisschen Probleme, die sind alle ein bisschen gewalttätige Jungs, aber die drei NATO-Länder, die haben am meisten Probleme gemacht in den letzten 70 Jahren und zwar systematisch. Wenn Sie es anschauen, die Amerikaner und die Engländer haben zusammen 1953 die Regierung im Iran gestürzt, Mossadegh, das war illegal, sie dürfen nicht einfach eine Regierung stürzen, das war ein Verbrechen. Dann 1954 haben sie die Regierung in Guatemala gestürzt, 1961 haben sie versucht Fidel Castro zu stürzen, 1964 haben sie Vietnam angegriffen, 3 Millionen Tote, man kann da nicht sagen, Ja, man muss ja als Lehrer nicht so streng sein, die haben hier halt mal einen Jux gemacht, das sind 3 Millionen Tote, meine Güte, das sind schwere Verbrechen und dann 1973 hat man die Regierung in Chile gestürzt, Allende, und hat dann Pinochet installiert, der ein brutaler Militärdiktator war. Er hat zum Beispiel seine Gegner so demoralisiert, dass er die kritischen Söhne in Flugzeuge rein getan hat, dann sind die über den Pazifik geflogen und haben sie über dem Wasser abgeworfen, die sind dort ertrunken und dann konnten die Familien nie wissen, wo ist mein Sohn?

Sie konnten nicht an ein Grab und einen Prozess abschließen, wenn man weiß, das Kind ist gestorben, sondern sie haben immer gehofft, dass er irgendwo aus einem Folterkeller nochmal auftaucht, was natürlich nie passiert ist und so können sie rein psychologisch eine Bevölkerung völlig zermürben. Also die Eltern drehen dann einfach nur durch und Pinochet ist installiert worden von der CIA, ist ein schweres Verbrechen. Dann haben sie 1979 den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, aber sie haben zuvor eben die CIA, welche die Mudschaheddin aufrüstet. Das ist also zumindest eine Teilverantwortung und die USA haben auch 1979, das ist wenig bekannt, Saddam Hussein an die Macht gebracht, sie haben im Irak den brutalen Diktator an die Macht gebracht, weil sie wollten ihn danach gegen Khomeini im Iran hetzen, was man auch gemacht hat, Saddam Hussein hat der ersten Golfkrieg selber begonnen, damals noch unterstützt von den USA, hat dann gewütet und gemordet, weil er ist ein Psychopath, muss man sagen, Khomeini hat zurück gewütet und die haben sich also gegenseitig den Kopf eingeschlagen und im Hintergrund wurde eben Saddam Hussein von den USA unterstützt.

Dann haben die USA in Nicaragua die Contras unterstützt gegen die Sandinisten, das ist ein illegaler Krieg, dann 1990/1991 hat man Kuweit befreit, hat dann aber gleichzeitig dort ein Militärlager aufgebaut… und 1999 hat man dann Jugoslawien bombardiert, das muss man schon sehen, also die Kriege in Bosnien gingen schon voran, aber wichtig war, der Krieg 1999 gegen Serbien, da haben die NATO-Länder Serbien bombardiert, darf man nicht, ich sag einfach, darf man nicht. Ich erkläre das in meinem Buch ausführlich, aber für unser Gespräch hier in aller Kürze, es ist verboten wenn Deutschland, die haben da erstmals wieder mitgemacht, wenn die USA und Frankreich Serbien bombardieren. Es wäre umgekehrt auch völlig verboten, wenn Serbien 1999 Deutschland bombardiert hätte, es ist einfach verboten und zwar nicht einfach so ein bisschen verboten, wie wenn man mal falsch parkiert, ist ein bisschen verboten…naja ist zwar voll verboten (lacht), aber ich sag mal das ist ja kein Drama, da bekommt man halt einen Parkschein. Ich möchte ja nicht dazu aufrufen, dass man falsch parkiert, ich möchte nur sagen, es gibt verschiedene Verbrechen und ein Land zu bombardieren ist etwa das schlimmste was man tun kann.

Und dann haben wir 1999 die Bombardierung von Serbien, wo zum ersten mal die Deutschen wieder einstiegen und das ist eine ganz schlimme Entwicklung, weil wir haben in Deutschland eine starke Friedensbewegung und die haben einfach nicht mitgemacht an den Kriegen die Deutschen und dann ziehen die Amerikaner die Deutschen wieder in den Krieg und 1999 ist sozusagen die erste Runde, dann kommen die Terroranschläge vom 11. September und 2001 geht’s ab nach Afghanistan, da wird Afghanistan bombardiert. Die Deutschen machen wieder mit und jetzt wird ja Syrien bombardiert und die Deutschen sind wieder dabei. Das heißt, wir haben eine Militarisierung, die das Volk nicht will, also die deutsche Bevölkerung, wenn es da eine Volksabstimmung gegeben hätte, gibt es eben nicht, bedauere ich sehr als Schweizer, ich hätte gerne Volksabstimmungen zu dieser Frage, gibt es nicht, wir stimmen in der Schweiz darüber ab, ob wir neue Kampfflugzeuge kaufen sollen oder nicht, wurde übrigens abgelehnt, aber die viel wichtigere Frage in Deutschland, ob man nach Afghanistan ziehen soll, da gab es keine Abstimmung.

Und so möchte ich einfach zusammengefasst sagen, wir haben 2003 noch den Angriff auf den Irak, wir haben 2011 den Angriff auf Libyen und da gibt es nichts vergleichbares, wenn Sie jetzt die chinesischen oder die russischen Operationen in dieser Zeit hinnehmen wollen. Was oft gesagt wird, weil Sie haben ja gesagt, von den fünf Jungs in der Klasse, was sind die größten Problemfälle, die größten drei Problemfälle sind die drei NATO-Länder, USA, Frankreich, Großbritannien, weil sie auch überhaupt nicht einsichtig sind. Also wenn wir es jetzt zugespitzt sagen, die schlagen an einem Tag einfach sozusagen die Zähne raus, am nächsten Tag hat man mit denen ein Gespräch, man sagt, hört zu, Konflikte gibt es immer wieder, versucht sie doch im Gespräch zu lösen, ist denen scheißegal, am nächsten Tag bombardieren die wieder ein Land oder in unserer Metapher gesprochen, sie brechen jenem einfach den Arm. Und dann sagt man, Jungs kommt zusammen, ihr müsst jetzt nachsitzen und so kann man doch nicht miteinander umgehen, es ist denen völlig egal, eine Woche darauf sitzt jemand im Rollstuhl, sie haben ihn einfach die Treppe heruntergeworfen und zwar rückwärts. Und dann sagt man, Leute, Leute, so geht es doch nicht, es ist doch verboten, es gibt hier Gesetzte, eine Schulordnung und da steht, man soll niemanden die Treppe herunterwerfen, aber ihnen ist das egal, sie machen einfach weiter. Dann foltern sie jemanden aus der ersten Klasse, sie reißen ihm die Fingernägel raus, das ist ja untertrieben, ich untertreibe! Das was wirklich geschieht ist viel schlimmer, ich sag aber jetzt als Beispiel hat man dann halt dem Kleinen aus der ersten Klasse die Fingernägel ausgerissen, ist ihnen völlig egal, man spricht mit ihnen und sagt, bitte kein Waterboarding, das geht nicht, ist ihnen egal, sie machen einfach weiter und darum haben wir mit diesen dreien richtig, richtig Probleme, weil sie auch sehr stark vernetzt sind. Sie sind per Du mit dem Rektor und der kann sie nicht aus der Schule schmeißen und man fragt sich, was ist denn los und wenn jetzt mal die anderen zwei, ich meine die Chinesen und die Russen sind auch keine Musterschüler, aber ich sag mal wenn die Russen, die haben sich jetzt die Krim geholt in der Ukraine…

Dann steht das überall, wird immer darüber geredet, was war‘s den jetzt? Eine Annexion, eine Sezession… und da sage ich immer, ja aber zuvor im Februar hatten wir einen Putsch und erst im März haben sich die Russen die Krim geholt und der Putsch wurde von den USA unterstützt, also in der Ukraine haben wir ganz eindeutig eine verdeckte Einflussnahme der USA, das wird aber wiederum nicht kritisiert, sondern es wird erst die Reaktion der Russen kritisiert.

Also wenn Sie wollen, ich bin froh, dass ich nicht der Lehrer von einer solchen Schulklasse bin.“

David Kyrill: „Wir können ja nicht davon ausgehen, dass die Regierenden von anderen westlichen Ländern, jetzt abgesehen von den USA und Großbritannien, dumm oder uninformiert sind im Bezug  zum Beispiel auf 9/11 oder den Maidan, eben was da passiert ist. Warum ziehen aber dann, sagen wir die nächsten 20 größten Länder, westliche Länder, Europa etc, mit, bei dem was die USA machen möchten und Großbritannien zum Beispiel, warum machen die da mit, oder gibt es da sogar Machtkonstrukte im Hintergrund, wo sie alle eigentlich zusammenarbeiten auf ein gemeinsames Ziel?“

Daniele Ganser: „Also wir haben 200 Länder auf der Welt. Das heißt, wenn wir diese Metapher von der Schulklasse noch etwas weiter spinnen, wenn Sie das erlauben, ist es eine große Klasse, 200 Schüler in einer Klasse, kenne ich jetzt nicht, dass es das überhaupt gibt, aber für dieses Gespräch sei das erlaubt. Diese 200 Schüler, die sind alle jeden Tag in dieser Klasse, die wissen ja, dass diese fünf, sind übrigens alles Jungs, dass diese Fünf wirklich die Problemjungs sind. Die Österreicher, die sitzen da in der hinteren Reihe, die Schweizer sitzen in der hinteren Reihe, die Deutschen wollen auch nach vorne, sitzen irgendwie in einer vorderen Reihen, möchten dann auch bei dem ein oder anderen Krieg mitmischen, aber die ganze Klasse weiß eigentlich was abgeht. Es ist also nicht so, dass jetzt die Spitzen der Politik in der Schweiz nicht mitbekommen haben, dass die USA und Großbritannien den Irak angegriffen haben 2003, das ist bekannt und es ist auch bekannt, dass die Geschichte mit den Massenvernichtungswaffen nicht gestimmt hat, das ist bekannt, es ist in Österreich genau das gleiche, ist völlig bekannt. Es ist auch klar, dass eigentlich Bush und Blair gemäß internationalem Völkerrecht nach Den Haag vor den Internationalen Strafgerichtshof gehören, das ist den Spitzen auch bekannt. Aber wenn ich jetzt vielleicht sagen würde, die Österreicher und die Schweizer sind wie zwei kleine Mädchen in der hinteren Reihe dieser Klasse, die gehen doch nicht nach vorne und sagen dem großen Johnny, das wäre dann der Amerikaner, oder dem großen Igor, dem Russen, oder dem Franzosen, dem gewalttätigen Jacques oder dem gewalttätigen Briten George, der wirklich schon durch mehrfache Vergewaltigungen aufgefallen ist, sagen sie ihm, Du, ihr müsst nach Den Haag… Das machen sie einfach nicht.“

David Kyrill: „Und die anderen westlichen Länder, die auch in der NATO sind, warum ziehen die da mit?“

Daniele Ganser: „Die haben alle Angst, also Angst ist das Problem. Und das Angstproblem ist weit verbreitet, also ich habe viele Gespräche, viele Hintergrundgespräche und die Gespräche zeigen ganz klar, es ist zum Beispiel nicht im Interesse der deutschen Wirtschaft, Sanktionen gegen Russland durchzuführen, das ist nicht im Interesse, man wäre gerne gut im Handel, alle könnten Geld verdienen, aber wegen dieser Ukrainekrise, die ja die Amerikaner ausgelöst haben mit dem Putsch…“

David Kyrill: „Mit den Snipern am Maidan..“

Daniele Ganser: „Ja man hat wirklich zuerst diese Demonstrationen und dann hat man auf dem Maidan, auf den Dächern, Sniper aufgestellt am 20. Februar 2014, die schießen in die Menge, das gibt ein Chaos, wir haben Tote, das wird sofort Janukowitsch angehängt, der flieht nach Moskau obwohl er es nicht war, das ist für mich ganz klar false flag strategy of tension, Ivan Katchanovski, ein Forscher aus Kanada, hat das sehr gut aufgearbeitet und das bedeutet, man hat hier einfach einen Regimchange durchgezogen, hat dann Poroschenko installiert, das ist der heutige Präsident in der Ukraine und der will die Ukraine in die NATO bringen und das ist das ganze Ziel. Das heißt, das Oberziel ist jetzt hier wieder von den NATO-Ländern, dass sie die Ukraine reinziehen in den NATO-Verband, weil dann schieben sie die NATO Grenze näher an Russland und es gibt auch amerikanische Geostrategen wie George Friedman, die sagen ganz klar, es wäre im Interesse der USA, wenn sich die Russen und die Deutschen gegenseitig töten, weil dann schwächen sie sich.

Also das muss man einfach zur Kenntnis nehmen, diese Klasse ist in einem sehr schlechten Zustand, wir haben Gewalt, die ganze Zeit und wir haben Lüge die ganze Zeit und da müssten einige Schüler einfach mal wirklich in die Gruppentherapie, weil es ist eben falsch, dass wir uns immer wieder töten, aber es ist auch falsch, dass diejenigen, die nicht töten, so Feiglinge sind, die sagen nichts und das hat immer damit zu tun, dass sie kein Geld verlieren wollen, oder dass sie sagen, wir sind zu schwach, wir würden ja schon was sagen wenn wir stärker wären, aber wenn sie stärker sind, dann werden sie selber zu gewalttätigen Akteuren und sagen, so, welche Rohstoffe kann ich jetzt erbeuten?… Es ist eine schwierige Lage, aber man muss sehen, dass jetzt im 21. Jahrhundert etwas ganz spannendes passiert und das ist eben die Informationsrevolution.

Das heißt, das Monopol über die Informationsstrukturen bricht weg, es gibt nicht mehr nur ORF 1, ORF 2, ZDF, Prosieben und RTL, sondern es gibt auch YouTube und auf YouTube haben sie natürlich auch Kriegspropaganda, aber auch die Friedensbewegung, jetzt wie Sie, ist auf dem Internet aktiv, versucht aufzuklären und ich finde das gut, ich finde das wertvoll. Es ist auf jeden Fall jetzt so, dass diese Klasse, wenn ich immer noch von dieser Schulklasse sprechen darf, viel genauer durchleuchtet wird als je zuvor.

Weil zuvor hieß es immer auf ORF, die Klasse ist völlig in Ordnung, die großen Schüler ganz vorne, die fördern den Frieden, die Demokratie, die Menschenrechte… Das war eine falsche Analyse.“

David Kyrill: „Sie raten ja den 15 bis 25-Jährigen…“

Daniele Ganser: „Das ist meine Zielgruppe…“

David Kyrill: „Das ist ihre Zielgruppe, habe ich mir schon fast gedacht.“

Daniele Ganser: „Wie alt sind Sie?“

David Kyrill: „Achtzehn.“

Daniele Ganser: „Passt…“

David Kyrill: „Gerade in ihrer Zielgruppe… Sie raten eben in meinem Alter den Leuten einmal offline zu gehen, in die Natur zu gehen und zu entspannen und einfach mal sich nicht die ganze Zeit Informationen reinzuziehen. Wenn man jetzt aber doch mal zufällig online ist und man sich Informationen beschaffen möchte und herausfinden möchte, was da gerade abgeht auf der Welt, was raten Sie eben jenen, wo man sich informieren sollte, damit man eben eine reflektiertere Sicht auf die Geschehnisse bekommt?“

Daniele Ganser: „Ich rate, das sagen Sie richtig, zu offline Zeiten, also ich finde es falsch, wenn man jeden Abend um zehn Uhr anfängt bei YouTube irgendwas eingibt, Syrien, und dann schaut man den ersten Beitrag und dann wird ja von YouTube automatisch gemäß einem Algorithmus ein ähnlicher Beitrag nachgeschaltet und das kann man bis fünf Uhr morgens machen. Wenn man das immer wieder macht, dann hat man am Schluss eine Depression, das soll man nicht machen.

Man soll einen Beitrag anschauen, dann aufhören, gut schlafen, sich gut ernähren, viel in die Natur gehen. Und dann soll man auch hin und wieder überhaupt nichts anschauen und einfach offline sein, das haben wir ja früher immer gemacht, weil wir waren ja gar noch nicht online immer und wir haben sehr viel davon profitiert. Also wir haben Zelte genommen, haben Feuer gemacht in den Bergen und das war einfach diese Zeit und da war nicht jeder vor seinem Natel, sondern man kann auch vis-a-vis sitzen und schweigen oder einfach zusammen sprechen, das sind viele tolle Prozesse die da ablaufen, das möchte ich den 15 bis 25-Jährigen sagen es ist möglich. Die sagen mir dann manchmal im persönlichen Gespräch, ja aber ich mag das nicht, wenn irgendwie eine Party ist und ich bin in diesem Whatsapp Chat, ich will dann schon informiert sein. Ja dann sagen Sie halt den besten fünf, es sind ja meistens fünf oder zehn Leute, die sie eirklich interessieren, denen sagen Sie, ich bin bis dann offline, zack und in dieser Zeit werfen Sie das Mobilfunkgerät in die Schublade, Sie haben es einfach nicht dabei, Ende. Und die Leute werden Sie immer noch lieben, wenn Sie zurückkommen, im Übrigen haben Sie dann was zu erzählen, weil Sie dürfen natürlich wenn Sie offline sind schon auch ein Foto machen und das dann wieder posten, wenn Sie wieder online sind.

Was ich sagen will, was ich empfehle, ist nicht mehr, dass man den Brands folgt aus der Medienindustrie, zum Beispiel haben Leute früher, mein Großvater oder so, hat einem Zeitungsbrand gefolgt, NZZ zum Beispiel oder Spiegel oder dann New York Times oder The Guardian, kann ich nicht empfehlen, weil da bewiesenermaßen sehr viel Kriegspropaganda drin stand über die letzten 70 Jahre, also auch zum Beispiel der Spiegel hat bei der 9/11 Diskussion völlig versagt, er hat sich also einfach hinter Bush gestellt und gesagt, das ist die Wahrheit, alles andere sind Verschwörungstheorien. Das ist so krude einseitig, da muss man sagen, wer jetzt noch Spiegel liest und nicht zumindest aufmerksam ist, hat überhaupt nichts mitbekommen.

Dann auch die New York Times, bei 9/11 völlig versagt oder beim Vietnamkrieg haben die die Kriegspropaganda direkt in alle Häuser getragen, auch CNN, Fox News etc, das heißt, einem Brand würde ich nicht vertrauen, sondern ich würde Personen vertrauen. Das heißt, zum Beispiel ein Seymour Hersh, das ist ein Journalist in den USA, meine Zielgruppe, die 15 bis 25-Jährigen kennt den jetzt nicht, denkt man, Who is that?… Der ist ein alter Mann…Aber, was ich erklären kann, der Seymour Hersh, das ist ein Journalist, der hat schon im Vietnamkrieg verschiedene Verbrechen aufgedeckt und der geht jetzt nicht hin am Schluss seines Lebens und verbreitet noch Kriegslügen.

Macht er einfach nicht. Er hat genügend Geld um sozusagen zu überleben und der hat seine Ethik, er hat seine professionelle Arbeitsweise und wenn man dann eingibt: Seymour Hersh und Syrien, dann hat man diesen guten Mann zu einem Interessanten Konflikt.

Das heißt, ich würde in der Suchmaske, man fragt sich ja, was soll ich jetzt suchen, würde ich eben nicht eingeben: Neue Züricher Zeitung und Syrinen, kann man schon machen,  aber ich würde eher eingeben: Seymour Hersh und Syrien, guter Journalist. Oder Ulrich Tilgner, ein Deutscher, mit dem ich mal in Katar war, das sind alles Journalisten, die sagen, wir sollten versuchen diese Länder zu verstehen, wir sollten doch nicht einfach töten, sondern wir versuchen zu verstehen, was sind denn die Konflikte, was sind die Interessen dieser Leute und das ist auch ein guter Brand, den ich jetzt als Namen sozusagen weitergebe. Ich kann es für mich selber sagen, wenn jemand Daniele Ganser eingibt plus irgendein Konflikt. Ukraine, kommt er dann auf ein Thema und ich bin ja jetzt so, dass ich hinter all dem was ich publiziert habe in den letzten zehn Jahren, hinter dem stehe ich. Das heißt nicht, dass wir völlig unfehlbar sind, wir können auch mal Fehler machen und dann versuchen wir das zu korrigieren, aber es ist nicht unser Interesse, unseren eigenen Namen zu ruinieren. Das heißt, wenn wir etwas zum Syrien-Krieg sagen, ich sag mal, das sind Journalisten oder Akademiker, die sich da sehr beschäftigen, wir möchten unbedingt keinen Fehler machen, also wir geben uns echt alle Mühe das so genau wie möglich zu recherchieren. Also für das neue Buch, das jetzt, ich hab‘s schon gesagt, im Oktober raus kommt und „Illegale Kriege“ heißt, das heißt im Untertitel übrigens „Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren, eine Chronologie von Kuba bis Syrien“, es ist einfach so, diese fünf schwierigen Typen in der Klasse sind da schon abgehandelt. Aber ich sag mal, ich würde gemäß den Namen recherchieren, denen ich traue und dann ist es spannend. Oder ich vertraue jetzt dem Ken Jebsen, oder ich vertraue jetzt dem Jürgen Todenhöfer, oder ich finde den Noam Chomsky spannend, man braucht gar nicht 50 Namen. Es reicht, wenn man fünf, sechs, sieben Leute hat und dann das zweite was ich wirklich auch den 15 bis 25-Jährigen ganz fest ans Herz legen möchte, Sie müssen sich wieder an Nietzsche erinnern, kennen sie jetzt nicht, aber er ist ein Philosoph, hat mal gelebt, hat viel weises gesagt und er hat gesagt: „Alles sehen ist perspektivisches Sehen.“ Und da hat Nietzsche völlig recht. Das heißt, wenn man als junger Mensch hofft, ich hätte jetzt gerne die allumfassende Perspektive, mit der alle einig sind, können Sie völlig vergessen, die gibt es nicht. Es gibt immer verschiedene Perspektiven und das, was wir in der Friedensforschung versuchen, ist, dass man friedliche Perspektiven auch zur Kenntnis nimmt, weil es gibt immer gewalttätige Perspektiven, die laufen auf dem Axiom, wir müssen jetzt töten, weil hier gibt es viel Gewalt und wenn wir jetzt richtig reingehen und dort mal richtig bombardieren, dann ist die Gewalt weg. Diese Perspektive hören Sie dauernd. Meiner Meinung nach ist das eine falsche Perspektive, wir werden die größten Probleme im 21. Jahrhundert eben nicht mit Gewalt lösen und da braucht es auch friedliche Perspektiven. Die unterscheiden sich auch, die sind vielfältig wie ein Regenbogen, das sind ganz verschiedene Farben, aber die friedlichen Perspektiven vereinen sich in einem Axiom und das heißt, wir sollten nicht töten.

Und da gibt es wirklich spannende Menschen auf dem Internet, die man jetzt finden kann. Ich finde, das Internet ist eine riesen Chance.“

David Kyrill: „Und wenn Sie unseren Zusehern jetzt am Ende, am Schluss dieses Interviews noch eine Botschaft mitgeben könnten, was würden Sie unseren Zusehern sagen?“

Daniele Ganser: „Erfreuen Sie sich am Leben, das ist ganz wichtig. Also es macht jetzt keinen Sinn, dass wenn man sich ganz intensiv mit Krieg und Terror beschäftigt, dass man dann depressiv ist, sondern der Punkt ist der. Es gibt tatsächlich ein Problem mit der Gewalt auf der Welt, das ist richtig, aber es gibt ganz

viele wunderbare Dinge, ganz viele wunderbare Menschen. Es ist richtig und es ist empirisch begründet, dass man auch mit Zuversicht in die Zukunft gehen kann.

Schauen Sie in ihrem eigenen Personenkreis, im Freundeskreis, ich sage es zu den 15 bis 25-Jährigen, wie viele Menschen kennen Sie denn persönlich mit Vornamen, die jemanden vergewaltigt haben? Vermutlich niemanden. Wie viele kenne Sie, die jemanden wirklich selber erschossen haben? Vermutlich niemanden. Wie viele kennen Sie wirklich, die jemanden auf dem elektrischen Stuhl, mit dem Knopf gedrückt, sozusagen getötet haben? Vermutlich niemanden. Kennen Sie jemanden, der jemanden enthauptet hat mit einer Machete? Nein.

Sie kennen das alles aus dem Internet oder aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung. Das heißt, diese Gruppe, diese gewalttätige Gruppe, die eben Folter oder Enthauptung, Bombardierungen, Waterboarding… Sie wissen was ich meine, also die ganze Gräuel-Szene, das ist vermutlich, ich sage mal vermutlich, ein Prozent von hundert Prozent der Weltbevölkerung. Die hundert Prozent Weltbevölkerung entspricht 7 Milliarden Menschen. Diese ein Prozent, das sind ein paar Millionen, die hält uns extrem auf Trab, die hält uns extrem auf Trab, die machen dauernd so ein riesen Durcheinander und sind dann so fanatisch und sie sind im Christentum, sie sind im Judentum, sie sind bei den Muslimen, sie sind bei den Atheisten, man kann gar nicht sagen, dass es nur eine Gruppe ist, sondern sie sind überall. Es sind vorwiegend Männer, muss man sagen, aber die halten uns so auf Trab, dass man am Schluss das Gefühl hat, so ist die Menschheit und wenn ich eben ein Schlusswort in dem Sinn sagen kann, auch an die Jungen, wenn ich das vielleicht so direkt sagen kann (schaut in die Kamera), die Jungen müssen wissen, dass die meisten Menschen überhaupt keine Lust haben an der Gewaltspirale mitzumachen. Darum bleiben Sie friedlich, bleiben Sie tolerant gegenüber anderen Religionen, gegenüber anderen Nationen, auch gegenüber fremden Ländern, die Sie nicht kennen, bombardieren Sie nicht einfach andere Länder, weil Sie in der Zeitung gelesen haben, dort wohnen die Barbaren, es ist gelogen. Und bleiben Sie neugierig, man muss unbedingt neugierig, wach sein, es sind super spannende Zeiten und auch dank Sendungen wie dieser, die Sie jetzt hier machen, vielen Dank.“

David Kyrill: „Danke Daniele Ganser (geben sich die Hand), dass Sie hier waren in Wien.“

Daniele Ganser: „Ja, vielen Dank. Schön in Wien übrigens, gefällt mir sehr.“

David Kyrill: „Ja, dann liken und teilen würde ich sagen, wenn es euch gefallen hat und verbreitet die Botschaft, auf Wiedersehen.“


Quelle: Dr. Daniele Ganser – Frieden aus Geschichte lernen

Video vom Vortrag: Dr. Daniele Ganser – Frieden aus Geschichte lernen  –  56 Minuten

Link: Frieden statt Gewalt