Aug 142017
 

Wie Lebensmittel-Konzene Länder erobern und Regierungen erpressen

In den letzten 15 Jahren brachte die Weltmacht Food rund 2,2 Millionen Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche unter ihre Kontrolle – das entspricht einer Fläche, in die Deutschland sechsmal hineinpassen würde.

Sie kommen ohne Ankündigung ins Dorf – und sie verhandeln nicht. In wenigen Minuten zerstören rund 700 Soldaten die Siedlung Sungai Beruang im indonesischen Regenwald. Eine Chance zur Gegenwehr haben die Dorfbewohner gegen die mit Gewehren und Bulldozern ausgerüsteten Angreifer nicht: Die Truppe macht von einer Sekunde zur anderen etwa 100 Menschen vom Volk der Suku Anak Dalam obdach- und heimatlos, illegal vertrieben von dem Land, auf dem sie seit Generationen leben. Doch hinter dem Anschlag steckt nicht etwa ein islamistisches Terrorkommando oder eine geheime Strafaktion der Mafia: Die Angreifer kommen aus den Reihen privater Sicherheitskräfte und der sogenannten Mobilen Brigade, einer der ältesten Spezialeinheiten der indonesischen Polizei. Ihre Mission: neues Land erobern. Ihr Auftraggeber: die Weltmacht Food Incorporation – die Konzerne, die bestimmen, wer was und wie viel zu essen bekommt.

Wie gross ist der größte Staat der Erde?

Tatsächlich ist die Siedlung Sungai Beruang nur die Spitze des Eisbergs: Denn die Weltmacht Food hat ihre Arme bis in die letzten Winkel der Erde ausgestreckt. „Wir hatten niemals so mächtige Nahrungsmittelkonzerne in unserer Geschichte“, erklärt der amerikanische Lebensmittelexperte Eric Schlosser. „Die Art, wie wir essen, hat sich in den letzten 50 Jahren mehr verändert als in den vorhergehenden 10.000 Jahren.“

Es klingt unglaublich, doch wäre die Weltmacht Food Inc. ein Staat, er besäße mit etwa 1,5 Milliarden Angestellten mehr Mitarbeiter, als China Einwohner hat. Er stünde hinter etwa einem Zehntel aller Dienstleistungen und produzierten Waren weltweit und überträfe in seiner wirtschaftlichen Stärke Deutschland und Frankreich zusammen. Und er wäre riesig: fast 50 Millionen Quadratkilometer groß, die 140-fache Fläche von Deutschland. Die Weltmacht Food, das sind wenige Konzerne – nur zehn kontrollieren 28 Prozent der Nahrungsmittelverarbeitung. Entscheidend ist aber: In einzelnen Branchen oder Ländern ist der Anteil noch viel höher. So teilen sich beispielsweise nur vier Konzerne 99 Prozent des Handels mit Masthühnchen. Und ein einziges Unternehmen kontrolliert mehr als 90 Prozent der Milchpulverproduktion in Brasilien. „Nur eine Handvoll Firmen können Auswahl, Lieferbedingungen und Angebot im riesigen Lebensmittelmarkt bestimmen“, so Chris Jochnick von der Hilfsorganisation Oxfam America. Und um weiter zu wachsen, eignen sich die Konzerne immer mehr Nutzflächen und größere Territorien an – notfalls mit Gewalt…

Doch anders als im Fall von Syrien oder dem Irak sind die Kriege der Weltmacht Food um Neuland nur selten Thema in den Nachrichten. Denn ihre Armeen tragen in der Regel keine Nationalfarben an ihren Uniformen, sind stattdessen gemietet oder gekauft: Private Militärdienstleistungen gelten mit derzeit etwa 200 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr als einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftszweige weltweit. Ein Teil der geschätzt rund fünf Millionen Söldner erledigen die schmutzigen Jobs für die Weltmacht Food. Sie erobern neue Territorien wie in Indonesien: Denn nach indonesischem Recht gehört der Wald den Ureinwohnern, ohne deren Zustimmung geht dort nichts. Eigentlich. Von dieser Expansion merken wir in Europa selten etwas, denn sie zeigt sich vor allem in Asien, Afrika und Südamerika: Fast alle der über 900 seit dem Jahr 2000 verzeichneten „großen Landnahmen“ – das heißt, wenn 200 Hektar oder mehr auf einmal den Besitzer wechseln – fanden in nur 32 Ländern der Erde statt, die meist klimatisch begünstigt in der Nähe des Äquators liegen. Akzeptieren die Bewohner nicht freiwillig ihre neue „Staatsbürgerschaft“, erscheinen oft wie in Indonesien die Räumkommandos und Brandrodungstruppen, um Fakten zu schaffen. Bei diesem sogenannten Land Grabbing handelt es sich nicht um kleine Parzellen, sondern um riesige Landstriche, die über Ländergrenzen hinweg reichen – ein extrem zersplittertes Staatsgebiet, das täglich wächst. Die großen Landnahmen seit dem Jahr 2000 hätten das Potenzial, um eine Milliarde Menschen zu ernähren, also ein Siebtel der Weltbevölkerung. Doch davon kann keine Rede mehr sein: Zwei Drittel der neuen Eigentümer beabsichtigen, ausschließlich für den Export zu produzieren – unabhängig davon, ob die lokale Bevölkerung auf die Lebensmittel angewiesen ist. Denn statt vielseitiger Agrarproduktion dominiert nach der Landnahme nur noch eine Pflanze: die, die möglichst hohe Renditen verspricht…

WO DROHT CHEMISCHE KRIEGSFÜHRUNG?

Unten dichtes Grün, in dem Menschen arbeiten. Oben am Himmel kreisen Flugzeuge, die ihre tödliche Fracht in feinsten Tröpfchen verteilen. Das ist keine Szene aus dem Vietnamkrieg, sondern Alltag auf den Feldern der Weltmacht Food, etwa der Teeplantage Kericho in Kenia mit 50000 Arbeitern.

Offiziell dient die chemische Kriegsführung mit Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden der Schädlingsbekämpfung, faktisch bekämpft sie aber auch die eigenen Arbeiter, die zusammen mit ihren Familien auf dem Gelände wohnen: Ausschläge, Allergien, Entzündungen und Erkrankungen der Lunge gehören zum Alltag, alle sechs Monate werden die Arbeiter ausgetauscht. Doch der britische Plantagenbetreiber ist nach dem Staat Kenia der größte Arbeitgeber des afrikanischen Landes, viele Alternativen haben die Menschen dort nicht.

Kann eine Farm ein Staat sein? 

Hunderte Mähdrescher, Tausende Mitarbeiter, Felder, soweit das Auge reicht – die Bom Futuro Farm (zu Deutsch: die Farm der guten Zukunft) im Herzen Brasiliens ist die größte Farm der Welt. Auf 5.500 Quadratkilometern (doppelt so viel wie Luxemburg) wird hier nur eine Saatpflanze angebaut: die Sojabohne. Die Bom Futuro Farm ist jedoch nur eine von Tausenden Farmen der Weltmacht Food, die im sogenannten Soja-Gürtel Südamerikas liegen. Tatsächlich exportiert allein Brasilien von hier je nach Erntejahr 30 bis 40 Millionen Tonnen Sojabohnen nach Europa und China und baut immer mehr Soja auf den Feldern an – dort, wo früher saftige Savannen oder Regenwälder standen. Der Grund für den Soja- Boom: Die Bohne ist mittlerweile eine der wichtigsten Nahrungsquellen von Millionen Rindern und Schweinen. Zu Futtermitteln verarbeitet, dient sie der wachsenden auf Massentierhaltung basierenden Fleisch-produktion. So sind allein in Europa bis zu 90 Prozent der Bohnen für die Tierhaltung bestimmt. Die größten Profiteure des Sojahandels sind fast ausschließlich die weltweit führenden Konzerne. Sie kontrollieren die Farmen und versorgen sie mit dem genmanipuliertem Saatgut. Gleichzeitig sind sie die einzigen, die die erforderlichen Pestizide und Düngemittel anbieten und so das Überleben der Soja-Monokultur ermöglichen – und Farmen wie die Bom Futuro immer weiter wachsen lassen.

LÄSST SICH EINE GEBÜHR AUF REGENWASSER ERHEBEN?

Jeder kennt die Öl-Supermacht Saudi-Arabien – aber wer kennt eigentlich die Wasser-Weltmacht Nestle? Wasser ist das Lebensmittel Nummer 1 und so selbstverständlich für uns, dass wir uns kaum Gedanken darüber machen, wenn es plötzlich nicht mehr einfach aus dem Hahn sprudelt. In vielen Regionen der Erde aber ist der Zugang zu Trinkwasser bereits heute ein Problem, das durch die Weltmacht Food verschärft wird. Beispiel Mexiko: Während etwa in der Region um die Hauptstadt das Bohren neuer Brunnen wegen Wassermangels verboten ist, darf Nestle dort Grundwasser entnehmen und in Flaschen abgefüllt verkaufen. In Pakistan fördert das Unternehmen die kostbare Flüssigkeit aus einem Tiefbrunnen und verkauft sie in Plastikflaschen zu einem Preis, höher als das Tageseinkommen vieler Pakistanis. Längst ist Wasser zu einem der lukrativsten Geschäftsfelder der Erde geworden,

238 Milliarden Liter gehen jährlich davon über die Theke, jeder neunte im Namen von Nestle Waters. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern ist mit fast 100 Fabriken und mehr als 30000 Mitarbeitern der größte Abfüller von Trinkwasser des Planeten. Im kanadischen Ort Hope zieht eine Tochtergesellschaft rund 265 Millionen Liter Grundwasser jährlich aus dem Boden und zahlt als Landeigentümer lediglich eine Art Gebühr auf das Grundnahrungsmittel: Rund zwei Euro für eine Million Liter – im Supermarkt kostet eine 1,5-Liter-Flasche Nestlé Pure Life derzeit rund 60 Cent. „Nestle ist ein Raubtier auf der Suche nach dem letzten sauberen Wasser dieser Erde“, sagt die Wasserberaterin der UNO, Maude Barlow. Wohin das führen kann, zeigt ein anderes Beispiel.

WER BRAUCHT DAS PALMÖL?

Kaum jemand weiß hierzulande, wie eine Ölpalme aussieht. Doch pro Jahr verzehren allein die Deutschen etwa eine Million Tonnen Palmöl. Es steckt in jedem zweiten Produkt aus dem Supermarkt, denn es ist billig und hält Speisen bei Zimmertemperatur angenehm cremig. „Palmöl ist ein Riesengeschäft, da gibt es viele Interessen“, sagt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament. Im Vergleich etwa zu den über 700 Millionen Ton nen Weizen sind die 60 Millionen  Tonnen Palmöl, die in der Welt jährlich produziert werden, zwar nur ein kleines Zahnrad im Getriebe einer  gigantischen Industrie. Doch das Palmöl hat dafür gesorgt, dass sich allein in Indonesien 13 Millionen Hektar Regenwald in wenigen Jahrzehnten in eine gigantische Palmenplantage verwandelt haben. Ein Beispiel: Palmölproduzent Wilmar International ist Asiens größter Agrarkonzern und nach Angaben von Umweltorganisationen in mehr als 100 Konflikte bei der Aneignung von Neuland verstrickt. Hauptabnehmer 1 des Öls sind die großen Food-Konzerne, auch in Europa. In Indonesien reiht sich heute Ölpalme an Ölpalme – auf einer Fläche, dreimal so groß wie die Schweiz…

Das Problem der Landnahme existiert nicht nur in Indonesien, sondern auch in den fruchtbaren Regionen Afrikas. Der Regenwaid (hinten) muss weichen – und mit ihm seine Bewohner: Bevor Lohnarbeiter Hunderttausende von Setzlingen der Ölpalme (vorn) kultivieren können, werden die ehemaligen Bewohner des in eine Plantage verwandelten Geländes vertrieben – häufig gewaltsam. Beispiel aus der Stadt Cochabamba in Bolivien: Dort verschaffte sich im Jahr 2000 ein multinationales Konsortium das Monopol auf das gesamte vorhandene Wasser und ließ es sich von den Einwohnern teuer bezahlen. Sogar das Auffangen von Regenwasser wurde illegal – erst nach schweren Protesten und tödlichen Ausschreitungen wurde das Monopol-Gesetz wieder zurückgenommen.

Konflikte um das Wasser werden zunehmen, meint auch Maude Barlow: „Die Welt hat nur einen beschränkten Vorrat an Süßwasser. Insgesamt nur ein halbes Prozent des gesamten Wassers der Erde. Und dieser Vorrat wird weltweit in einer solchen Geschwindigkeit verbraucht, verschwendet, und verschmutzt, dass im Jahr 2025 zwei Drittel der Weltbevölkerung in irgendeiner Weise von Wassermangel betroffen sein werden.“

WER KONTROLLIERT, WAS ICH ESSE – UND WIE VIEL?

ln jeder Sekunde werden auf der Welt 4000 Tassen Nescafe getrunken. Pro Tag nutzt die Weltbevölkerung 1,7 Milliarden Produkte aus dem Hause Coca Cola. Bis zu seinem 50. Lebensjahr hat ein Deutscher etwa 50 Tonnen Nahrung verzehrt, fast 300 Euro gibt jeder der 40 Millionen Haushalte hierzulande monatlich für Essen aus. Der Handel mit den vier Milliarden Tonnen jährlich produzierten Nahrungsmitteln ist ein krisensicheres Geschäft – aber was kostet unser Essen wirklich? Für ein einzelnes Sandwich hat es Andy George nachgeprüft: Der US- Amerikaner hat die Zutaten dafür selbst angebaut, Brot gebacken, Käse angesetzt und sogar Salz aus Meerwasser gewonnen. Am Ende kam er auf Kosten von 1500 Dollar und sechs Monate Zeit – wohlgemerkt, für eine einzige Mahlzeit. Das Experiment beweist, wie aufwendig die nichtindustrielle Produktion ist – a der Weltmacht Food führt mittlerweile kein Weg vorbei. Und ihr Einfluss nimmt weiter zu: Bereits heute kontrollieren rund 500 Unternehmen 70 Prozent des Warenangebots in einem typischen Supermarkt. Das Problem: Das Augenmerk von Konzernen liegt vor allem auf maximalen Profiten und hohen Gewinnspannen statt auf maximalem Nutzen. Sie entscheiden, was wir essen – zum Beispiel Stärke aus Kartoffeln der Sorte Amflora. Sie war im Jahr 1998 die erste gentechnisch veränderte Pflanze, die eine Zulassung in der EU erhielt. Mittlerweile ist die Zulassung in diesem einen Fall zwar wieder zurückgenommen, dennoch genehmigte die EU erst in diesem Jahr die Einfuhr von 19 verschiedenen gentechnisch veränderten Mais-, Soja-, Raps- Baumwoll- sowie Nelkenarten.

Die Weltmacht Food legt auch fest, wie wir essen: Zum Beispiel durch das Angebot leicht konsumierbarer, sogenannter Convenient-Produkte, bei denen teure (also natürlich gewachsene) Inhaltsstoffe durch chemisch erzeugte ersetzt werden. Um etwa einen Liter Wasser nach Grapefruit schmecken zu lassen, ist nicht eine einzige Südfrucht notwendig, sondern gerade einmal 0,2 Milliardstel Gramm Aroma.

Die Industrie entscheidet zudem, wie viel wir essen: Rund 1,9 Milliarden Menschen leiden an Übergewicht und krankhafter Fettleibigkeit, etwa 800 Millionen dagegen unter chronischem Hunger. Das liegt nicht nur an einem Mangel an vorhandener Nahrung, sondern vor allem an lukrativen Alternativen für die Nahrungsmittelproduktion: Rund 2,5 Milliarden Tonnen Getreide wurden 2014 weltweit geerntet, mehr als je zuvor. Doch nur knapp die Hälfte dieser Ernte dient als Lebensmittel, etwa 55 Prozent werden zu Tierfutter, Brennstoffen wie Biodiesel oder Industrierohstoffen verarbeitet.

WARUM ZIEHT EIN KONZERN INS KRIEGSGEBIET?

Mehr als 50 Jahre tobte in Kolumbien ein grausamer Bürgerkrieg – und eines der am heftigsten umkämpften Schlachtfelder ist die Region Urabá zwei Auto-Stunden nördlich von Medellin. Es ist ein gefährlicher Ort, der seit vielen Jahren von rechten Para-militärs kontrolliert wird. Da wundert es schon, mitten in diesem Kriegsgebiet ein modernes Abfüllzentrum von Coca Cola zu finden! Und es stellt sich die Frage: Wieso zieht es Konzerne in einen Bürgerkrieg? Eine naheliegende Antwort: Fern von jeder staatlichen Kontrolle kann dort jeder seine eigenen Gesetze machen. Und zahlreiche Berichte zeigen, dass in Urabáeine Koalition der Paramilitärs und der Betreiber der Abfüllanlage eine Art Schreckensherrschaft etabliert hat. Das Ziel: Senkung der Löhne, Entrechtung der Arbeiter und die Abschaffung von Gewerkschaftsstrukturen. Um das zu erreichen, agierten die Todesschwadrone der rechten Paramilitärs wie konzerngesteuerte Sondereinsatzkommandos, die aufmüpfige Arbeiter unter Druck setzten und Gewerkschaftsmitglieder ermordeten. Zwar streitet Coca Cola bis heute jedwede Verstrickung in die Fälle ab und wurde von US- amerikanischen Gerichten sogar offiziell freigesprochen. Fakt ist aber: Erst in diesem Jahr waren Gewerkschafter in Bogota wieder in den Hungerstreik getreten, nachdem sie die Arbeitsbedingungen in den Coca-Cola-Werken Kolumbiens vergeblich angeprangert hatten – und sie keine Stelle fanden, an die sie sich hätten wenden können.

HAT DIE WELTMACHT FOOD DIE ERDE IN EINFLUSSSPHÄREN AUFGETEILT?

Doch gibt es nicht Gesetze, die die Handlungsmacht der Weltmacht Food beschränken? Und halten sich die Konzerne nicht gegenseitig in Schach? In Wahrheit haben die Fraktionen der Weltmacht Food untereinander längst die Reviere markiert und ihre Felder abgesteckt. Die Konzentration vollzieht sich entlang von Einflusssphären, ähnlich wie bei internationalen Militärbündnissen. Etwa 85 Prozent des Tees weltweit kommen zum Beispiel aus den Händen von nur drei Anbietern. Jede zweite Banane geht durch die Hände von gerade einmal zwei Produzenten. Und vier Agrarhändler teilen sich drei Viertel des weltweiten Getreide- und Ölsaatenhandels, in vielen Regionen gibt es sogar nur einen einzigen Abnehmer für die Ernte. Zehntausende Produkte warten in einem Supermarkt auf Käufer, jedes Jahr kommen 1800 „neue“ Lebensmittel hinzu, andere verschwinden. „Das suggeriert Vielfalt, wo keine ist“, erklärt der amerikanische Bestseller- Autor und Food-Experte Michael Pollan. „So viel von unserem industriellem Essen ist in Wahrheit nur eine clevere Neukombination von Mais.“

Mehr Klarheit im Supermarkt weiß die Weltmacht Food geschickt zu verhindern. Das gilt ganz besonders dort, wo die Gesetze für mehr als 500 Millionen Europäer entstehen. Dort bildet sie eine gewaltige Einflussgröße: Die Weltmacht Food verfügt über einen Armada an Fachanwälten, Marketing- Spezialisten und Propaganda-Fachleuten. Sie sitzen in Ausschüssen, Parlamenten und Lobbyorganisationen. Allein in eine Kampagne zur Verhinderung der Lebensmittelampel soll rund eine Milliarde Euro geflossen sein – aus Angst, die Verkaufszahlen würden sinken, wenn Produkte mit großen Mengen Fett und Zucker plötzlich eine warnende rote Kennzeichnung trügen. „Statt Bürgernähe herrscht in Europa die Lobbymacht der Industrie“, schimpft Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Organisation Foodwatch.

WIRD AFRIKA DIE NEUE KORNKAMMER DER ERDE?

Der Siegeszug der Weltmacht Food hört aber nicht in Europa auf: „Ein Chinese verzehrt im Schnitt etwa 2500 Kalorien am Tag, ein US-Amerikaner dagegen 3500 oder mehr“, rechnet der Ökonom Merritt Cluff von der UN- Welternährungsorganisation vor. „Wenn da für jeden Chinesen, sagen wir mal, 1000 Kalorien hinzukommen, dann gibt es eine Menge Geld zu verdienen.“ Die Sucht der Weltmacht Food nach neuen Anbauflächen für die Rohstoffe der Industrie wird also noch in weit größerem Maße zunehmen. Nicht zuletzt, weil pro Jahr Ackerland der sechsfachen Fläche von Hessen unwiederbringlich an sich ausbreitende Wüsten und Städte verloren geht. Bis 2030 werden etwa 8,5 Milliarden Menschen diesen Planeten bewohnen, der Hunger nach Land muss sich neue Quellen suchen. Ackerland war noch nie so teuer und begehrt wie heute, auch in Deutschland: Etwa 44 Prozent aller Finanzmittel weltweit fließen in Bodenwerte. Das wichtigste Ziel ist Afrika: China soll in der Demokratischen Republik Kongo 2,8 Millionen Hektar Land erworben haben, um die größte Ölpalmenplantage der Welt aufzubauen – eine Fläche, mehr als zehnmal größer als das Saarland. Aber auch in Indonesien geht das Rennen weiter: Bis 2025 soll das bereits vorhandene Anbaugebiet für diese aus Westafrika stammende Pflanze sogar noch einmal verdoppelt werden. Der Krieg um die Nahrung hat gerade erst begonnen…


Wie funktioniert die Weltmacht Food?

Ein gigantisches Territorium, 1,5 Milliarden „Bürger“, eine eigene Armee – erst wenn man die Lebensmittelkonzerne mit einem Staat vergleicht, wird deutlich, wie mächtig sie sind. Tatsächlich verfügt kaum eine andere Supermacht der Welt über die Ressourcen der Lebensmittelkonzerne. Aber wie ist die Weltmacht Food aufgebaut? Wie groß ist ihr Einfluss auf unseren Planeten? Und wie setzt sie ihre Ziele durch? Diese wdw-Grafik zeigt die wahren Dimensionen einer Supermacht, die kaum jemand kennt – und von der doch fast jeder abhängig ist…

SPEKULATION
Kann man auf Essen wetten?

Nahrungsmittel dienen nicht nur dem Verzehr, sie werden immer mehr wie Aktien als Investitionsobjekte an der Börse gehandelt. Beispiel: Bis 1999 wurden nur 20 bis 30 Prozent des Weizens zu rein spekulativen Zwecken gehandelt – heute liegt der Anteil bei bis zu 80 Prozent. Wird ein Nahrungsmittel also zum Beispiel wegen einer Missernte knapper und teurer, verstärken Spekulanten diesen Trend. Im Schnitt verteuert die Nachfrage der Anleger ein Produkt um bis zu 25 Prozent innerhalb eines Jahres.

DOLLAR-IMPERIUM
Wie wird Geld zur Waffe der Food-Konzerne?

Allein die zehn größten Nahrungsmittelkonzerne machen mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz – pro Tag. Insgesamt setzt die Weltmacht Food jedes Jahr sieben Billionen Dollar um – das sind rund zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und doppelt so viel wie das der Bundesrepublik Deutschland. Die Lebensmittelkonzerne nutzen den Geldfluss wie eine Waffe: Sie investieren Milliarden Dollar in Propaganda (Werbung und Imagekampagnen für Produkte), zudem nutzen sie ihre finanziellen Mittel zur Landgewinnung und Beeinflussung politischer Gegner (siehe unten).

NEUE LANDLORDS
Wie groß ist die Weltmacht Food?

Weltweit beträgt die landwirtschaftliche Nutzfläche 50 Millionen Quadratkilometer, ein Gebiet 140-mal so groß wie Deutschland. Und das Territorium der Food-Konzerne wächst mit jeden Tag. Tatsächlich ist das sogenannte Land-Grabbing, also die Aneignung von Gebieten durch die Konzerne, ein Eroberungsfeldzug ohne Frontlinien und ohne Grenzen. Allein seit 2001 brachte die Weltmacht mindestens 2.2 Millionen Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche in Entwicklungsländern unter ihre Kontrolle. Würde man diese Besatzungszone zu einem Super-Staat zusammenfügen, würde die Bundesrepublik Deutschland sechsmal in ihn hineinpassen.

VERBÜNDETE
Wie beeinflusst man Gesetze?

Mithilfe von Korruption und Lobbyismus schaffen sich Konzerne ihre eigenen Gesetze – oder verhindern welche, die ihren Machtausbau stoppen könnten. So sitzen allein in Brüssel bei der EU ungefähr 15 000 sogenannte Interessenvertreter – also 20 Lobbyisten pro Abgeordneten.

GENMANIPULIERTE PRODUKTE
Zustimmung oder Ablehnung?

Viele Food-Konzerne drängen Staaten dazu, dass diese genmanipulierte Produkte zulassen. Dies würde die Macht der Lebensmittelkonzerne weiter ausbauen.

KONSUMENTEN
Wer ist willkommen?

Nicht jeder der 7,4 Milliarden Weltbürger ist als Konsument für die Lebensmittelkonzerne gleich wertvoll: Während zwei Milliarden Super-Konsumenten Übergewicht oder fettleibig sind, leiden 800 Millionen Hunger: Sie sind für die Weltmacht Food unwichtig, weil sie sich deren Produkte nicht leisten können.

PRIVATARMEE
Wer zieht für Food-Konzerne in die Schlacht?

Wie Nationalstaaten hat auch die Weltmacht Food eigene Truppen, um ihre Territorien zu verteidigen und auszuweiten. Diese privaten Sicherheitsunternehmen sind weltweit im Einsatz. Schätzungen gehen von fünf Millionen Menschen aus, die für private Militär- und Sicherheitsunternehmen arbeiten. So viele wie die drei größten Armeen der Welt – die der USA, Chinas und Russlands.


Die größten Lebensmittel-Lügen

Die Weltmacht Food beherrscht zu großen Teilen das Angebot in unseren Supermärkten. Die meisten Menschen kümmert das nicht. Es ist eine trügerische Sicherheit des Nahrungs-Oberflusses. Doch wissen wir wirklich, was wir da essen? Schaut man genauer hin, wird schnell klar: Wir werden getäuscht – und zwar jeden Tag.

Wie kommt der BIBER in den VANILLEPUDDING?

Die wenigsten Menschen würden das vermuten, aber Biber knabbern nicht nur an Bäumen, sie produzieren auch ein von der Lebensmittelindustrie begehrtes Natur-Aroma – das sogenannte Bibergeil (Castoreum). Dabei handelt es sich um ein Sekret, das aus einem hühnereigroßen Drüsensack des Nagers gewonnen wird. Um an das Sekret zu kommen – das der Biber zur Fellpflege und Reviermarkierung nutzt tötet man das Tier, entfernt den schwarzen, runzeligen Drüsensack, der sich zwischen dem After und dem Geschlechtsteil befindet, und trocknet ihn. Nach dieser Behandlung wird das in dem Sack gereifte Bibergeil z. B. zu Vanillearoma weiterverarbeitet und zur Verfeinerung von Speisen verwendet. Zurzeit ist Castoreum als Lebensmittelzusatz vor allem in den USA zugelassen. In Europa ist eine Verarbeitung dagegen grundsätzlich nicht gestattet, da der Biber unter Naturschutz steht. Durch das geplante Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) könnte Bibergeil in Zukunft aber auch auf dem europäischen Markt landen – als Import.

Wie backt man BROT aus MENSCHENHAAR?

Egal, ob Brötchen, Brot oder Kuchen – damit der Teig von industriell hergestellten Backwaren schön geschmeidig wird, setzt man ihm eine bestimmte Aminosäure zu: L-Cystein. Gewonnen werden diese organische Verbindungen entweder durch Fermentation aus Bakterienkulturen oder z. B. aus Menschenhaaren. Und für die Beschaffung dieser Haare hat sich in China eine komplette Industrie herausgebildet. Haarsammler fegen in Friseursalons Haare zusammen und verkaufen sie säckeweise an Haar-Großhändler. Die liefern die Haare in sogenannte Haar-Sortier-Anlagen, wo die Haare in Handarbeit von Schmutz und Abfällen getrennt werden – in China ein begehrter und gut bezahlter Job. Von hier werden die gesäuberten Haare in gepressten Bündeln tonnenweise an eine weitere Produktionsstätte geliefert – und in großen Säurekesseln verflüssigt. Getrocknet und zu Pulver verarbeitet werden diese Haar-Überreste nun in Großbäckereien in den Teig gegeben. Zwar ist die Verwendung von menschlichem Haar in Backwaren seit 2013 in Europa aus ethischen Gründen verboten – Ersatz fand die Lebensmittelindustrie aber längst in Schweineborsten, Pferdehufen und Hühnerfedern.

Wieso kauen wir Menschen FROSTSCHUTZMITTEL?

Propylenglycol ist rein chemisch nur eine Verbindung aus Kohlenstoff und Wasserstoff. Ein Familienmitglied der Alkohole, das vor allem als Frostschutzmittel eingesetzt wird – z.B. in Solaranlagen. Doch tatsächlich ist der Frostschutz nicht die einzige Verwendungsart für Propylenglycol. In Europa ist der Stoff als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen – zu finden in Kaugummis und als Bestandteil von Aromen. Eine Höchstmenge ist dabei übrigens nicht vorgeschrieben – die zugehörige Verordnung belässt es bei einem: Nicht mehr als unbedingt notwendig.

Wie FÄLSCHT man einen FISCH?

Wer heute glaubt, in Deutschland Lachs zu essen, hat in der Regel etwas ganz anderes aus dem Regal im Supermarkt geholt. Denn in vielen Fällen handelt es sich bei dem vermeintlichen Lachs in Wahrheit um sogenannten Alaska- Seelachs. Na und, könnte man jetzt meinen. Solange Lachs drin ist, ist doch egal, woher er kommt. Doch da beginnt die Sache kurios zu werden. Denn genau genommen existiert dieser Alaska- Seelachs gar nicht! Er ist eine Erfindung aus den 1980er-Jahren. Der Grund: Der Seelachs ist eigentlich ein Dorsch. Doch er wurde umbenannt, weil er sich als Seelachs besser verkaufen lässt. Kein Betrug also, sondern vor allem ein genialer Marketing-Gag der Lebensmittelindustrie. Wäre da nicht ein Problem: die Farbe! Ein Dorsch hat einen entscheidenden Makel. Er frisst keine Krebstierchen, und sein Fleisch ist deswegen weiß – und nicht lachsrot. Deshalb greift man zu einem zweiten Trick – quasi, um den ersten zu verschleiern: Man färbte den weißen Köhler (alias Seelachs) rot ein. Dafür verwendet man vor allem den Farbstoff Cochenillerot A. Und der ist nicht ungefährlich. In Ländern wie Norwegen, Finnland oder den USA wird der Farbstoff als gesundheitsgefährdend und potenziell krebserregend eingestuft. Zudem wird er mit Krankheiten wie Neurodermitis oder Asthma in Verbindung gebracht. In den USA ist Cochenillerot A aus diesem Grund auch als Lebensmittelzusatzstoff verboten. In Europa dagegen ist der Farbstoff zugelassen – mit einer Einschränkung: Nachdem sich die Hinweise auf Gesundheitsrisiken häuften, beschlossen die Lebensmittelwächter in Brüssel, so eingefärbte Produkte mit der Warnung „Kann die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen“ zu kennzeichnen.

Wie viele FLIEGENEIER sind in meiner SUPPE?

ln den USA dürfen 250 Gramm Erdnussbutter 75 Insektenteile enthalten – ein Liter Tomatensaft dagegen höchstens 100 Fliegeneier oder 20 Larven. Auch der Fäkalien-Gehalt ist geregelt. Ein Kilogramm Mehl kann zwei Nager- Köttel enthalten. In Europa gibt es keine Grenzwerte für Insektenbeine oder Rat- ten-Kot. Was aber nicht bedeutet, dass wir davon verschont bleiben. Ganz im Gegenteil: Fachleute gehen davon aus, dass jeder Deutsche pro Jahr bis zu ein Kilogramm Insektenfragmente verspeist – ohne davon zu wissen.

SCHMECKEN SCHIMMELPILZE?

Die Antwort: Nach allem, was man will. Tatsächlich ist es möglich, mithilfe von Bakterien oder auch Enzymen viele organische Ausgangsstoffe so zu verändern, dass sie den Geschmack von Erdbeeren, Erdnüssen oder Rindfleisch simulieren. Als organische Grundlage können dabei unterschiedliche Substanzen dienen – etwa Sägespäne, organische Reste aus Schlachthäusern oder eben auch Schimmelpilze. Der Trick: Solange ein Ausgangsmaterial auf natürliche Weise entstanden ist, darf die daraus konstruierte Geschmacksrichtung in Lebensmitteln als „natürliches Aroma“ bezeichnet werden.

Kann KUCHEN KREBS auslösen?

Hinter dem Begriff Butylhydroxyanisol (BHA) verbirgt sich ein Gemisch, das von der Lebensmittelindustrie als Antioxidativ eingesetzt wird. Damit kann man z. B. verhindern, dass das Fett in einer Kuchenmischung mit Sauerstoff reagiert und ranzig wird. Das Problem: Untersuchungen mit Mäusen haben gezeigt, dass die Einnahme ab einer gewissen Dosis zu Leberkrebs führt. In Europa ist der Stoff trotzdem zugelassen – allerdings nur bis zu einer Höchstmenge von 250 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Eine Menge, die man sich gut merken sollte – denn alles darüber hinaus gilt bereits als giftig!

Wieso ist GEN-MAIS doch GIFTIG?

Weshalb sollte man Nutzpflanzen – etwa Mais oder Soja – überhaupt genetisch verändern wollen? Was stimmt nicht mit den ursprünglichen, bereits hochgezüchteten Pflanzen? Fakt ist: Vor allem die Industrie hat Vorteile durch die Gen- Mutanten. Denn durch die Beeinflussung der Erbinformationen kann man beispielsweise Soja resistent machen gegen das Totalherbizid Glyphosat – und es massenhaft auf Sojafeldern einsetzen. Und Glyphosat hat nur ein Ziel: Pflanzen zu töten. Da genetisch veränderte Nutzpflanzen praktisch in einem Herbizid-Regen wachsen und gedeihen können, während alle anderen drum herum sterben, verführt die Gen-Veränderung zu einem ungehemmten Einsatz von Stoffen wie Glyphosat. Das Problem: Das Pflanzengift lagert sich dabei auf den resistenten Gen-Pflanzen ab und gelangt so auch in das Futter von Nutztieren, die in Europa auf dem Teller landen. Und das hat womöglich gefährliche Folgen – auch für den Menschen. Denn Glyphosat steht im dringenden Verdacht, die Darmflora so zu schädigen, dass sie sich eines gefährlichen Erregers nicht mehr erwehren kann: Die Rede ist vom Fäule-Bakterium Clostridium botulinum – der Auslöser von Botulismus – auch als sogenannte Fleischvergiftung bekannt. Tatsächlich hat es das Gift der Mikroben in sich. Es ist so tödlich, dass schon 40 Gramm davon ausreichen würden, um die gesamte Menschheit auszulöschen.

Warum wachsen CHINESISCHEN BABYS BRÜSTE?

ln Deutschland ist der Einsatz von Hormonen in der Viehzucht nicht grundsätzlich verboten. Sexualhormone beispielsweise sorgen dafür, dass die Sauen in einem Mastbetrieb alle gleichzeitig trächtig werden. Anders ist das mit Wachstumshormonen (z.B. Ractopamin). Die sind zwar seit 2012 durch die Welthandelsorganisation (WTO) ausdrücklich erlaubt, in Europa aber dennoch verboten. Und das hat seinen Grund. Niemand weiß genau, wie gefährlich der systematische Einsatz von Wachstumshormonen ist. Verlässliche Studien dazu sind bisher noch Mangelware. In China allerdings wurden Fälle bekannt, bei denen Mädchen im Säuglingsalter Brüste wuchsen, nachdem sie mit Milchpulver gefüttert worden waren, das von hormonbehandelten Kühen stammte. Tierversuche zeigen zudem, dass Wachstumshormone zu Fehlbildungen an den Geschlechtsteilen führen können. Doch wieso ist das ein Problem für Europa? Die Antwort: In den USA und Brasilien werden Wachstumshormone in der Tiermast eingesetzt. Die Einfuhr von Hormon-Fleisch nach Europa ist verboten. Doch mit dem Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den USA und Europa werden solche Importbeschränkungen neu verhandelt.

Wieso KAUT man SCHAF-SCHWEISS?

Schafe besitzen eine integrierte Pflegefunktion für ihre Wolle. Sie sondern über Talgdrüsen in ihrer Haut ein Sekret ab – das sogenannte Wollwachs (Lanolin). Gewonnen wird der Stoff, indem Schafwolle nach dem Scheren mit Chemikalien ausgewaschen wird, interessant ist er für die Lebensmittelindustrie aber aus einem anderen Grund: Die Lanolin- Verbindung ist in der Lage, das Vielfache ihres eigenen Gewichts in Wasser zu binden (Wasser-in-ÖI-Emulsion). Doch wie genau kommt jetzt diese I Hautabsonderung der Schafe in unseren Mund? Ganz einfach: Über Kau-gummis, denn dort darf Wollwachs – das sonst vor allem in der Kosmetik eingesetzt wird – gemäß EU-Richtlinien als Lebensmittelzusatzstoff verwendet werden. Das ist nicht nur unappetitlich, sondern auch nicht ganz ungefährlich: Da beim Auswaschen der Schafwolle Tenside haften bleiben, kann es zu allergischen Reaktionen kommen.

Wie schmeckt BRANDSCHUTZMITTEL?

Wenn Sie in den letzten Jahren Limonade in den USA getrunken haben, könnten Sie in diesen Genuss gekommen sein. Denn sogenanntes Bromiertes Pflanzenöl wird von der Lebensmittelindustrie nicht nur dazu eingesetzt, um Aromastoffe gleichmäßig in Getränken zu verteilen. Sondern es ist auch ein Stoff, der als Brandschutzmittel in Polstermöbeln und Feuerschutz-Kleidung verwendet wird. In Deutschland ist Bromiertes Pflanzenöl verboten, da es mit Entwicklungsschäden, neurologischen Schäden und Unfruchtbarkeit in Verbindung gebracht wird. In den USA allerdings ist das anders. Dort ist es seit den 70er-Jahren als Lebensmittelzusatz zugelassen – und wird bis heute in Limonade verwendet. Das Freihandelsabkommen TTIP könnte also auch uns Europäer bald wieder in den Genuss von Brandschutzmittel in Erfrischungsgetränken bringen.

Wie funktioniert der PESTIZID-TRICK?

Hierzulande sind wir längst daran gewöhnt, dass Obst und Gemüse völlig makellos in den Supermarkt-Regalen liegt. Strahlend rote, riesige Paprika verdanken wir aber vor allem dem großzügigen Einsatz von Pestiziden. Doch Pflanzenschutzmittel haben einen Nachteil: Man kann davon krank werden – sehr sogar. Studien zeigen mögliche Folgen auf: Krebs, Unfruchtbarkeit, Autismus, Asthma und Alzheimer. Die gute Nachricht: Eine Untersuchung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zeigt, dass die Pestizid-Rückstände auf rund 97 Prozent der getesteten Lebensmittel die Höchstwerte nicht überschreiten. Die schlechte Nachricht: Die EU-Pestizid-Regeln haben ein Schlupfloch: sogenannte „Pestizid-Cocktails“. Der Trick: Jedes Pestizid hat seinen eigenen Grenzwert. Und den kann man umgehen, indem man Cocktails mit verschiedenen Pestiziden einsetzt, die jeweils knapp unter dem Grenzwert liegen – aber in der Summe zu einer Konzentration der Giftstoffe führen. Ungefähr 25 Prozent aller Lebensmittel, die keinen zu hohen Einzel-Pestizidwert aufweisen, sind mit solchen Cocktails behandelt. Lebensmittelchemiker warnen vor gefährlichen Wechselwirkungen. Ihr Einsatz ist aber legal und unterliegt keinen gesonderten Höchstwerten.

Wie DÜNGT man mit NERVENGIFT?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es sein kann, dass die meisten Tomaten, Paprika oder Trauben im Supermarkt alle ungefähr gleich groß sind? Fakt ist nämlich, dass in der Natur selten etwas gleichmäßig wächst. Wie schafft das also die Lebensmittelindustrie? Die Antwort ist ernüchternd: mit chemischen Wachstumsreglern. Einer dieser Stoffe heißt Ethephon und wird eingesetzt, um das Ertragspotenzial voll auszuschöpfen. Zugelassen ist der Stoff in ganz Europa – wenn auch mit unterschiedlichen Grenzwerten. Das Problem: Ethephon wirkt wie ein Nervengift, das bereits in geringen Dosen (1,65 Milligramm pro Kilogramm) akute Gesundheitsgefährdungen nach sich zieht. Symptome sind Durchfall, Haut- und Schleimhautreizungen sowie neurologische Schäden – z. B. Depressionen oder Störungen der Bewegungsmotorik.

Warum SCHIMMELN BURGER nicht?

Im Jahr 1989 startet – eher unabsichtlich – ein interessantes Lebensmittelexperiment. Ein Mann kauft sich zwei Burger. Einen isst er gleich, den anderen steckt er in die Jackentasche – und findet ihn dort ein Jahr später wieder. Doch entgegen jeder Erwartung ist der Burger nicht verdorben – er sieht aus wie am ersten Tag. Wie kann das sein? Die Antwort: Niemand weiß es. Der Grund dürfte aber im Innern des Burgers liegen. Gemeint sind nicht etwa die Spuren von durchschnittlich 38 verschiedenen Pestiziden, die sich laut der US-amerikanischen Food and Drug Administration in jedem Burger-Patty finden lassen. Sondern Salz! Tatsächlich wird Burgerfleisch so stark gesalzen, dass es nicht verdirbt. Deshalb kann ein Cheeseburger problemlos auch noch Stunden, nachdem er ungekühlt in einem Schnellrestaurant herumlag, genauso gut wie ein frischer verkauft werden.

Quelle: Welt der Wunder 11/2015