Apr 252018
 
2375 Tage im „Paradies“ und im „Wunderland“ gefangen

Von Erich Klappert

Dem Gedächtnis der 411 untergegangenen Mitinternierten beim Untergang der „van Imhoff“ am 19.01.1942. Besonders zur Erinnerung an die dabei mit untergegangenen sechs Missionaren der Rheinischen Mission. Im 150. Jubiläumsjahr der VEM (vormals Rheinische Mission) 1828-1978, was zugleich in mein 70. Lebensjahr fällt.


Inhalt

  1. EINE GEGENÜBERSTELLUNG
    Der Tobasee
    Das Tobaland
    Einige Vergleiche zwischen Indonesien und Indien
    Wunderland Indien
  2. DIE GEFANGENSCHAFT IN SUMATRA (10.05.1940 – 28.12.1941)
    1. Die Zeit in Fort de Kock (Bukit Tinggi) (12.05.1940 – 05.10.1940)
    2. Die Zeit in der Alasvallei (08.10.1940 – 22.12.1941)
    Aktuelles aus zensierten Karten von Lager zu Lager
    3. Die unerwartete Überfahrt nach Indien
    Der Abschied vom Baktakland
    Die Fahrt mit der „Ophir“ (29.12.1941 – 08.01.1942)
  3. DIE GEFANGENSCHAFT IN INDIEN (09.01.1942 – 11.11.1946)
    Die ersten Eindrücke von Indien
    1. Das Lager in Ramgarh (13.01.1942 – 21.07.1942)
    Die Nachricht vom Untergang der „van Imhoff“ (19.01.1942)
    Die Auswirkung auf die zurückgebliebenen Frauen
    2. Das Lager in Deoli (24.07.1942 – 19.04.1943)
    Am Rande der Wüste Tharr
    3. Das Lager in Dehra Dun (21.04.1943 – 11.11.19146)
    In den Vorbergen des Himalajas
    Auf dem Gipfel der Vorberge (Clouds End – 2.148 m)
    Die Siwalikhügelkette
    Das Wunder hört im Wunderland nicht auf
    Das Leben im Lager Dehra Dun 
  4. DIE HEIMREISE (11.11.1946-03.12.1946)
    Die Reise bis Hamburg
    Die Entlassung (10.12.1946)
    Das Wiedersehen mit Frau und Kind (10.07.1947)
    Ausklang und Bitte
    Kleiner Mentawai-Anhang
    Djagomandri

Einleitung

Wie es zu dem langjährigen Aufenthalt in Indonesien und Indien kam

Wohl niemals wäre mir der Gedanke gekommen, daß ich in meinem Leben außer in Indonesien auch noch fast fünf Jahre in Indien verbringen würde. Das hing natürlich mit dem Verlauf des 2. Weltkrieges und mit meinem Dienst als Missionar der Rheinischen Mission von 1936 – 1940 in Sumatra zusammen.

Vom 10. Mai 1940 bis Ende 1941 waren alle Deutschen Indonesiens erst in Sumatra und dann bis Ende 1946 in Indien interniert. Wir waren stets in großen Lagern von einigen tausend Männern in verschiedenen „Bloks“ oder „Wings“ zusammen. Was die Holländer als „Blök“ bezeichneten, nannten die Engländer „Wing“.

Von diesen großen Weltreisen hat man mir an meiner Wiege sicherlich nichts gesungen. Meine Kindheitszeit verlebte ich während der Hungerjahre des 1. Welt­krieges in Siegen, wo ich am 10.04.1908 geboren wurde. Von vier Geschwistern bin ich noch alleine übrig. Meinen Eltern war es besonders schwer, dass sie kurz nach dem Krieg einen Sohn von 23 Jahren und eine Tochter von 21 Jahren begraben mussten. Trotzdem gaben sie mich noch für den Missionsdienst frei.

Im CVJM Siegen-Hain war ich dafür von einem der Leiter erwärmt und gewonnen worden.

In den Jahren 1927 bis 1934 war ich im Seminar der Rheinischen Mission in Barmen, wo ich auch am 25.07.1934 zum Missionsdienst ordiniert wurde. Im selben Jahr verlobte ich mich mit Anna Büdenbender aus Siegen, die ich aber wegen der damaligen Geld- und Devisenschwierigkeiten erst am 11.03.1938 in Sumatra heiraten konnte. Sie ist mir in all den langen Jahren eine liebe und treue Frau, eine tapfere Mitstreiterin im oft schweren Missionsdienst – ganz besonders im heißen Mentawai 1954 -1959 – gewesen. Gottes Güte schenkte uns drei Kinder. In Sumatra wurde am 21.07.1939 Bertold und am 14.09.1940 Anneliese geboren. Während der erzwungenen Trennung ist meine Frau in den sieben Jahren mit den Kindern wohl ein dutzendmal umgezogen. In Wiehl wurde in unserer „zweiten Ehe“ am 19.03.1949 unsere Ingeborg geboren. Während un­serer Mentawaizeit ist unsere Tante Marta Büdenbender den drei Kindern eine liebevolle Vizemutter gewesen.

Im Folgenden soll nun von den schweren und ereignisvollen Jahren der ge­trennten Gefangenschaft – erst eineinhalb Jahre in Sumatra und dann noch fünf Jahre in Indien – einiges berichtet werden. Zur Einfühlung in die so anderen Verhältnisse zunächst eine Gegenüberstellung zwischen dem „Paradies“ und dem „Wunderland“.

I. Eine unvollständige Gegenüberstellung

Indonesien wird gerne als „Paradies“ bezeichnet. Das kommt sicher daher, weil es direkt unterm Äquator liegt und ein immergrünes, regenreiches und fruchtbares Inselland von bezaubernder Schönheit ist. Seine viel­fachen Naturschätze sind so groß, dass keine Korruption das Land zugrunde richten kann. Wieviel tausende von Kilometern (etwa 5000 von Westen nach Osten) und wieviel tausende von großen und besonders kleinen Inseln (etwa 3000) zu Indonesien gehören, wird wohl nie ganz zu zählen sein. In Mentawai fuhren wir einmal in eine vertiefte Bucht und auf einen Blick boten sich alleine in dieser Bucht etwa 20 kleinere Inseln unseren erstaunten Blicken dar. Dieses kleine sonst nichts Besonderes darbietende wenige 100 Meter breite Inselparadies werde ich in meinen Gedanken nicht los. Zählt man dieses kleine Inselparadies gar nicht mit, sondern nur die unbewohnten Kokospal men insein, dann wird man leicht auf über 10.000 kommen. Und jede Insel hat ihre reizvollen Buchten, Schluchten und Höhenzüge.

Eine der vier ganz großen Inseln ist Sumatra. In dem ebenen Ostteil der Insel werden Reis, Kautschuk, Kaffee, Tabak und Ölpalmen angepflanzt. In Höhen­lagen über 1.000 Meter im Westen gedeiht nicht nur guter Tee, sondern auch Kartoffeln und auch alle hier bekannten Gemüse und Kohlarten. Und wo man keine schöngeschwungenen terrassenförmigen Reisfelder anlegen kann, wird selbst noch Trockenreis angebaut.

Die Bewohner sind braune, schwarzäugige Malaien, zu denen auch das Volk der Batak gehört. Steht man an der Äquatorlinie, was ein eigenartiges Gefühl ist, und zieht sich in Gedanken eine Linie nördlich bis Medan, dann hat man unge­fähr das Gebiet, in dem man überall Batak antreffen kann. Es sind fleißige, kluge und geschickte Menschen, die sich allerorts Ellenbogenfreiheit ver­schaffen. Unter dem großen Pioniermissionar Ludwig Nommensen begann 1861 die von Gott so gesegnete Batakmission. Nommensen erhielt später den Ehrentitel „Apostel der Batak“. Unter seiner Führung ist bis 1918, seinem Todesjahr, der Haupteinbruch ins Heidentum erfolgt. In etwa 900 Kirchen und Schulen mit ein­heimischen Lehrern und Pfarrern wurden fast 200.000 Batakchristen betreut. Heute geht es schon in die Millionen, die die große Kirche der Batak in ihren verschiedenen volksmäßigen und theologischen Schattierungen umfasst.

Als Missionar hatte ich das große Glück, in der Landschaft Uluan am Ausgang des Tobasees bis dahin, wo das Wasser des Asahanflusses sich in zwei gewaltigen Wasserfällen seinen Weg durchs Gebirge zur Ostküste hin bricht, meinen Arbeits­bereich zu haben.

Rund 20.000 Christen gehörten damals zu den 30 Gemeinden des weiten Be­zirkes. Mein Besuch galt sowohl den Gemeinden in den tiefen Abhängen und Schluchten zum Tobasee hin wie im Berggebiet nahe bei den beiden gigan­tischen 60 und 300 Meter hohen Wasserfällen. Ich wohnte in Djandjimatogu direkt am Tobasee, und der See selbst war meine große Badestube. Ganz be­sonders schön waren die Mondscheinabende, wenn im Mondlicht der Wind vom See leise in den langen Blättern der jungen Palmen spielte. Mehr als noch- so viele Worte es vermögen, sollen einige Reime – in der Internierung ent­standen – meine Eindrücke und Gefühle über diesen an die 100 Kilometer langen und etwa 50 Kilometer breiten Berg- und Vulkansee vermitteln. Der See umfließt die Insel Samosir, die so groß ist, dass einige 100.000 Men­schen dort wohnen und leben können.

Der Tobasee
  1. Hochliegender See
    In stolzer Höhe thronst du da in königlicher Macht,
    Dein Wasser durchbricht die Berge im Fall in wilder Pracht.
  2. Tiefsinnender See
    Deine großen Tiefen sind den Höhen der Berge gleich,
    Schon manchen zogst du für immer hinunter in dein Reich.
  3. Stillruhender See
    Wie ein Kristall Gottes ruhst du in grüner Umgebung,
    Spendest den Menschen, dem Vieh und dem Feld holde Labung.
  4. Wildschäumender See
    Winde fallen dir zu von den umgebenden Bergen,
    Rütteln dich auf aus dem Schlaf, zieren dein Haupt mit Kronen.
  5. Fischspendender See
    Fische birgst du in deinen Weiten und Tiefen gar viel,
    Im Einbaum stehend, rudert der Fischer den Fang zum Ziel.
  6. Lichtverklärter See
    Im Regenbogen bricht Gottes Gnad‘ sich in den Wogen,
    Zum Segen, nicht zum Unheil du bist, mahnt dich sein Bogen.
  7. Sonnenreicher See
    Die warme Luft flimmert und zittert auf deinem Rücken,
    Nach heißem Tag gewährst du Kühlung in deinen Fluten.
  8. Mondscheinheller See
    Mondlicht übergießt deine Fläche mit silbernem Schein,
    Leis‘ säuselnde Palmen wiegen in sanftem Wind dich ein.
  9. Erwachender See
    Wer je dich im Licht des jungen Tages aufstrahlen sah,
    Vergisst nie deine Schönheit ob er auch fern oder nah.
  10. Erquickender See
    An deinen Ufern möchte‘ ich drum ruhen im Palmenschatten,
    Möchte mein Herz erquicken an deinen grünen Matten.

(20.6.1946 Dehra Dun)

Während Ostsumatra mit seinen weiten Küsten- und Dschungelgebieten sich – vom Flugzeug aus gesehen – wie ein riesiger grüner Teppich, in dem die Orte verschwinden, tief unten ausbreitet, hat die Westküste bis 3.000  Meter hohe Gebirgszüge mit eingeschnittenen Hochtälern, die sich gut für den Reisbau in Terrassenform eignen. Der Teil, der den Tobasee als Blickfang auf der Landkarte hat, wird von dem Volk der Batak bewohnt, das sich von den Hochtälern, wie z.B. dem Silindung- und Tobatal aus nach Norden und Süden, bis hin zur flachen Ostküste un­aufhaltsam ausbreitet. Damit ging auch die Ausbreitung des Evangeliums im ganzen Land weiter.

Wer durchs Land reist, sieht staunend, wie überall weißgestrichene und gutbesuchte Kirchen und Schulen der ewiggrünen Landschaft ein helles und freundliches Gepräge geben. Das Tobatal ragt deshalb heraus, weil der Reisbau sich zwischen den hohen Bergen einerseits und dem Ufer des Sees andererseits vollzieht. Wieder möchten einige Reime dazu verhelfen, sich noch besser in dieses von Gott auserwählte und reichgesegnete Gebiet – einem Garten Eden zu vergleichen – zu versetzen.

Das Tobaland
  1. Toba war vor hundert Jahren noch unbekannt,
    Ein Wunder Gottes machte es weithin bekannt.
    Im Tale herrschte Unsicherheit und viel Krieg,
    Doch Gott behielt im Kampf über Satan den Sieg.
  2. Das Tobaland ist schön wie ein Garten Eden,
    Einstmals war es völlig verschlossen für jeden.
    Den Tobasee hielten die Heiden für heilig,
    Sahen ihn Fremde, mordete man sie eilig.
  3. Das Tal ist umgeben von viel hohen Bergen,
    Weiße Wölklein ruh’n des Morgens in den Hängen.
    Auf den Mittagsregen folgt heller Sonnenschein,
    Drauf säuselt es in den Palmen so zart und fein.
  4. Von den Höhen fällt der Wind mit Macht in das Tal,
    An des Ufers Rand bricht sich die Woge mit Schall.
    Spannt Gott seinen Bogen am Tag über das Land,
    So wirft spät der Mond darüber sein Silberband.
  5. Manch ein Bächlein von den Bergen zum See hin rinnt,
    Der See selbst im „Asahan“ nur den Ausgang find’t.
    Weil der Wasserspiegel über achthundert liegt,
    Der Fluss in wuchtigen Fällen zur Küste springt.
  6. Doch wenn es in Strömen hoch in den Bergen gießt,
    In rasendem Lauf das Wasser zur Tiefe schießt.
    Kahle Steine bleiben, wo einst Ackerboden,
    Wie’s vor Jahren geschah in „Bakara“ droben.
  7. Schaut man ins Tal zurück von „Habinsarans“ Höh’n,
    Füllt der See es ganz aus spiegelblank, rund und schön.
    Vom Tal her liegen die Berge zum Greifen nah,
    Doch zwischendrin liegt weitausgedehnte „Sawah“.
  8. Reisfeld an Reisfeld das ganze Tal rings ausfüllt,
    Niemandes Hunger bleibt in Toba ungestillt.
    Grünende Fluren labt befruchtender Regen,
    Er macht das Herz dankbar für den Gottessegen.
  9. Wenn goldgelb das Feld dann wogt zur Zeit der Ernte,
    Regen sich in den Dörfern fleißige Hände.
    In den Scheunen türmt sich der Reis gleich den Bergen,
    Mit Gaben für Kirch‘ und Schul‘ tut man nicht kargen.
  10. Von stolzer Bergeshöh‘ sieht man die Dörfer kaum,
    Das Tal ist eine einzige grünende Au.
    Nur weil Bäume umringen ein jegliches Dorf,
    Erkennt man am dunkleren Grün sie endlich doch.
  11. Schmale Pfade bilden den Weg von Dorf zu Dorf,
    Alte Häuser mit Satteldach findet man noch.
    Das schnitzwerk-verzierte Haus auf viel Pfählen ruht,
    Ist innen vom Feuer verraucht, sonst fest und gut.
  12. Unterm Haus baut man Pferd- und Schweinestall mit ein,
    Ein Schattenplatz dient vorm Haus der Hausweberei.
    Beim Erscheinen im Dorf gibt’s stets Hundegebell,
    Doch bataksche Hunde beißen zum Glück nicht schnell.
  13. Frühmorgens und spätabends geht der Fischer aus,
    Im Einbaum rudert er stehend den Fang nach Haus.
    Von „Samosir“ segeln volle Boote zum Markt,
    Nach alten Gesängen rudert man Takt um Takt.
  14. Feind, Feind gellte oft früher der Ruf durch das Land,
    Als man sich noch nicht im Glauben an Christum fand.
    Doch als Christen leben die Stämme im Frieden,
    Halten sie auch die „Marga“ sehr streng geschieden.
  15. Ludwig Nommensen pries hier Jesum den Heiden,
    Musste deshalb manches von ihnen erleiden.
    Jahrzehnte diente er eifrig im Tobatal,
    Apostel der Batak ist drum sein Ehrennam‘.
  16. Viele Kirchlein zieren das Land in Berg und Tal,
    Die Jugend lernt in den Schulen all überall.
    In „Laguboti“ war die Handwerkerschule,
    In „Balige“ hielt man Heilgehilfenkurse.
  17. Manch batakscher Jüngling, der dort eifrig gelernt,
    Verdiente als „Tukang“ im Lande sich viel Geld.
    Schlug man sich einst in Dorfkriegen blut’ge Wunden,
    Wird jetzt in Polikliniken gut verbunden.
  18. Heiden unterscheiden sich von den Christen gleich,
    Äußerlich sieht man, wer innerlich worden reich.
    Der Wechsel im Land recht augenfällig ist,
    Gott selbst sprach hier sein mächtig Wort: Es werde Licht.
  19. Den Aussätzigen half man in „Huta Salem“,
    In ihrer Kirche sangen sie fein das Amen.
    Die Blinden lernten in „Hephata“ Blindenschrift,
    Ihre geflochtenen Körbe man nie vergisst.
  20. Sichtbar ruht so des Himmels Segen auf dem Land,
    Im Weltkrieg blieb die Kirche das einende Band.
    „Pandita, Guru und Sintua“ sind am Werke,
    Mög‘ Gott sie weiter füllen mit Geist und Stärke.
  21. Toba ist in der Welt nun nicht mehr unbekannt,
    Gottes Werk daselbst eine feste Stätte fand.
    Jesu teures Blut brachte ihnen den Frieden,
    den der Heide sonst sucht vergeblich hienieden.

(21.6.1946 Dehra Dun).

Einige Vergleiche zwischen Indonesien und Indien

Ist nun Sumatra mit seinen braunen Menschen, seinen Bergen, Ebenen, Seen und Reisfeldern, seinen Kohlen-, Silber- und Goldgruben .und erst recht mit seinen reichen Ölfeldern wohl typisch für das weite regenreiche Insel­reich, d.h. für das „Paradies“, so ist das „Wunderland“ doch wohl in allen Dingen ganz anders gestaltet. Fährt man von Bombay aus in östlicher Rich­tung durch Land, dann hat man den Eindruck eines riesigen weithin flachen Hochlandes mit einem erhöhten nach der Küste zu wieder abfallen­den Rand. So konnte man von den Vorbergen des Himalajas aus geradezu hunderte von Kilometer in die Tiefe des Landes schauen. Nach Norden zu verstärkt sich der Rand zu dem fast unübersteigbaren Himalaja Gebirge. Es ist als ob die Welt daselbst auf zehntausende von Kilometern klotzartig abgeriegelt würde. In tiefen Bergesschluchten suchen die Flüsse sich ihre Wege. Bildet der Ganges im Osten, so bildet der Indus im Westen hinter der Wüste Tharr eine gewaltige Tiefebene.

Während es in Indonesien beinahe täglich regnet – in Mentawai rechneten wir um die Mittagszeit mit einem kräftigen Tropenregen, so dass die Wasser­tropfen auf dem Meer grade Linien zogen – so ist das Klima in Indien, dem weiten Hochland entsprechend, ein monatelang trockenes Binnenlandklima.

Von Januar oder Mitte Februar, wo es noch vereinzelte Gewitter geben kann, bis zur Monsunzeit im Juli fällt kein Regen und das Thermometer steigt von Woche zu Woche bis an die 55 Grad im Schatten.

Man kann aber diese 55 Grad trockener Hitze ebenso gut aushalten, wie die küstenfeuchte stets schwitzige Wärme Indonesiens von +30 Grad im Schatten. In Indien muss man nur unheimlich viel trinken.

Es ist ein Stück vom „Wunderland“, das man dabei kaum schwitzt, denn die heiße, trockene Luft beseitigt gierig jeden Schweißtropfen. Wer es sich leisten kann, sucht darum in diesen heißen unerträglichen Wochen vor der Monsunzeit – wo sogar die Steine in den Häusern sich noch im Schatten warm anfühlen – die Vorgebirgswelt des Himalajas auf, um dort wenigstens frischere Luft zu haben.

Die regenreiche Monsunzeit dauert etwa drei Monate. Sobald der erste Regen fällt, beginnt auch schon die Arbeit auf dem Land. Weil ja noch immer Treibhausklima ist, staunt man, wie schnell die Saat hochschießt, und man in drei bis vier Monaten schon ernten kann. Während in Indo­nesien tagaus, tagein dieselben klimatischen Bedingungen sind – Aus­nahmen würden auch hier nur die Regel bestätigen -, ist in Indien von November bis etwa Mitte März die weitaus angenehmste Zeit. Würde aber der Monsun, der langsam von Osten nach Westen über das ganze Land zieht, einmal ausbleiben, dann bedeutet das nicht nur Hunger, sondern Sterben für Millionen und Abermillionen von Menschen. Man lebt eben in Indien stets von der Hand in den Mund. Die Zeitungen brachten schreckliche Bil­der von verhungerten Menschen, als einmal der Monsun nur einen Teil des Landes nicht berührt hatte.

Ein großer Unterschied besteht auch in Bezug auf die Hautfarbe und Ge­sichtszüge der Menschen. Während man in Indonesien durchschnittlich nur braune malaiische Gesichter sieht, begegnet man in Indien Menschen aller Schattierungen. Vom tiefsten schwarz über kaffeebraun bis zum gelblichen typischem Mongolengesicht ist alles vorhanden. Besonders auffällig sind die helleren offenen Gesichter derer, die wohl stärker von den arischen Ureinwanderern abstammen, und die der indogermanischen Völkerfamilie zu­zurechnen sind. Jeder siebte Mensch auf der Welt ist ein Inder.

In der Religion sind die Hindus mit +- 550 Millionen einfach beherr­schend. Wohin man auch kam, sah man etwas von der Fülle ihrer Götter­figuren, die man auf 30 Millionen schätzt. Im Osten und Westen des Landes kommen noch rund 100 Millionen Moslems zu den 550 dazu, was 1947 zur Trennung des Landes in Hindustan und Pakistan führte. Als wir zuerst 1942 in der Provinz Bihar interniert waren, hatten wir da – wo wir auf un­seren Spaziergängen mit Moslems in Berührung kamen – schon das böse Ge­fühl, dass es bald zu einer blutigen Auseinandersetzung kommen könnte.

Das ließ auch nicht lange auf sich warten. Nur der Entschluss Gandhis, bis zum Tode zu fasten, konnte damals das Allerärgste soeben noch ver­hindern. So kam es – als Indien 1947 selbständig wurde – sogleich zur Trennung. Gandhi selbst aber wurde 1948 von einem Fanatiker ermordet.

Die gewaltige Entfernung zwischen Ost- und Westpakistan wurde den Be­dingungen des Landes und der Menschen, in einem politischen Gebilde vereint zu sein, auf die Dauer nicht gerecht. Inzwischen ist nach Krieg, Unruhen und Hungersnöten Ostpakistan 1971 zu dem selbständigen Bangladesh geworden.

In Indonesien ist es eher umgekehrt. Dort stehen die Moslems nicht an zweiter, sondern an erster Stelle. Sie sind in allem vor- und beherr­schend. Und wie die Moslems sich in Indien vor einem Blutbad fürchteten, so tun das heute in Indonesien die Christen. Von den 130 bis 140 Mil­lionen Menschen machen die Christen zusammen noch nicht 10% aus. In Indien fallen die 2 bis 3% Christen noch weniger ins Gewicht. Die Pantja Sila Staatsgrundlage (Glaube an Gott, Humanismus, Nationalismus, Demokra­tie und soziale Gerechtigkeit), die unter Präsident Sukarno 1945 pro­klamiert und 1949 allgemein anerkannt wurde, sichert auch den Christen Religionsfreiheit zu. Abgesehen von einigen fanatischen Aufständen der Moslemseite, hat der Staat sich dankbarerweise bis jetzt fest daran ge­halten. In Mentawai, wo auf den vier Inseln die meisten Bewohner Christen geworden sind, bekamen wir gerade im Fastenmonat Ramadan einen Vorge­schmack davon, was wenige fanatisch eingestellte Moslems anrichten können.

Es ist ja auch schwer zu sehen, wenn die einen am Tage essen und rauchen dürfen, was den andern strikt verboten ist. Zum Glück konnten wir be­ginnende Streitigkeiten noch immer schnell beilegen. In allen Kirchen und Gemeinden baten wir die Christen, im Monat Ramadan sich in allem zurück­zuhalten und keinen Moslem zu provozieren. Eins steht aber fest, dass die Moslems in Indonesien und Indien den größten Block in der gesamten mos­lemischen Welt bilden.

Ein großer Unterschied zwischen den genannten Ländern besteht auch im Haus­bau in den Dörfern. Wird in Indonesien weithin und ganz besonders an den Flüssen und Meeresniederungen das Haus auf Pfählen gesetzt, so ist das in Indien nicht der Fall. Einmal hat man in Indien weniger Erdbeben zu fürchten, und zum andern ist Holz Mangelware. Die meisten Dörfer bestehen aus niedrigen Häusern mit angebautem Kuhstall und sind aus luft- und sonnenge­trockneten Lehmziegeln gebaut. Wohl können ihnen die Regenfluten der Monsunzeit leicht schaden, aber sonst halten sie sicher so lang wie die oft aus Bambusrohr und Mattenwände leicht gebauten schwankenden Hütten der Indonesier. In Indien haben die Häuser entweder flache Dächer oder sie sind mit kleinen lehmgebrannten Schindeln bedeckt. In Indonesien gibt es keine flachen Dächer. Das schräge Dach wird mit den Fasern der Zuckerpalme – wie z.B. das kunstvolle Satteldach im Batakland – oder mit den Blättern der Kokospalme – wie z.B. die Häuser in Mentawai – bedeckt. Unsere Baracken in Dehra Dun waren mit Stroh gedeckt, was dem Regen nicht standhielt. Das eine wie das andere macht einen ärmichen Eindruck.

Aufs Ganze gesehen ist die Bevölkerung im „Wunderland“ Indien wohl doch noch elender dran als in Indonesien, wo man zu jeder Zeit irgend­welche Früchte wie Bananen, Ananas, Botik, Erdnüsse, Süßkartoffeln usw. anpflanzen und nach einigen Monaten auch schon ernten kann. Die absolute Abhängigkeit von dem Monsunregen lässt das in Indien einfach nicht zu. Wie diese Millionenmassen in Indien sich überhaupt ernähren können, ist mir bis heute ein unlösbares Rätsel. So bescheiden und weithin zufrieden die Bevölkerung auch im Ganzen ist, so fehlt eben doch oft das Allernötigste zum Leben. Was man alleine in Indonesien an Nahrungsreichtum aus dem Meer holt, denn die 3.000 und mehr Inseln haben all überall reiche Fischgründe, das fällt im Binnenland Indiens vollkommen weg. Und jedes Jahr kommen zwischen 10 und 15 Millionen neue Esser dazu. Armut, Krankheit, Arbeits­losigkeit, Seuchen, Hunger und Elend sind die vorherrschenden Kennzeichen Indiens. Dennoch ist Indien ein Wunderland und wird wohl deshalb als Wunderland bezeichnet, weil man sich unaufhörlich über alle möglichen Dinge wundern muss und auch wirklich wundern kann. So hieß es z.B., dass es noch nie so heiß war wie in unserer Zeit in Ramgarh; dass es noch nie so viel Monsunregen gab wie in unserer Zeit in Deoli, und dass es noch nie so viel Schnee gab wie in unserer Zeit in Dehra Dun. Also doch ein „Wunderland“, was ich an Ort und Stelle versuchte, in einigen Reimen festzuhalten

Wunderland Indien

  1. Indien nennt man das Wunderland,
    Auch ich dort manches wundersam fand.
    Als wir stiegen in Bombay an Land,
    Sumatra aus dem Gesichtskreis schwand.
  2. Elektrische Schnellbahn gab es hier,
    Nicht vermutet in Bombays Revier.
    Quer durch’s Land ging dann unsere Fahrt,
    In Ramgarh rasierten wir den Bart.
  3. Der Himmel war blau den ganzen Tag,
    Das Land geerntet und trocken lag.
    Die Januarnacht war ziemlich kalt,
    Es wunderte sich schon Jung und Alt.
  4. Tagsüber war’s zuerst wunderbar,
    Die Luft so trocken, warm und ganz klar.
    Von Tag zu Tag stieg dann die Hitze,
    Bis man ganz unerträglich schwitzte.
  5. Im Mai kam recht heiße Luft dazu,
    Fünfundvierzig Schattentemperatur.
    Für viele wurde es schon zu heiß,
    Hitzschläge kühlte man nun mit Eis.
  6. Juli setzte der Monsun dann ein,
    Der Sturm fegte unheimlich vorbei.
    Der Regen floss herab in Strömen,
    Dachpfannen flogen von den Dächern.
  7. Von Ramgarh ging’s dann nach Deoli,
    Vorbei an der Wunderstadt Bundi.
    Weiße Häuser, mitten drin ein See,
    Es war wie im Märchen mit der Fee.
  8. Warf Hitze in Ramgarh uns auf’s Ohr,
    In Deoli regnet’s wie nie zuvor.
    Die Baracken fielen dabei ein,
    Wir wunderten uns der Schweinerei.
  9. Sandstürme lernten wir dort kennen,
    Die man sonst hört mit Namen nennen.
    Alles floh vor Wind und vor Hitze,
    Staub drang durch die Barackenritze.
  10. Die Wüste Tharr lag ganz nahebei,
    Es war uns bald alles einerlei.
    Nachts hielt man es innen nicht mehr aus,
    Bettgestelle kamen nun vor’s Haus.
  11. Weihnachten feierten wir, oh je!
    Die Watte im Baum ersetzte den Schnee!
    Nicht nur die Kerzen brannten recht hell,
    Die Watte auch fasste Feuer schnell.
  12. Es ging noch einmal gut ab vor Ort,
    Vor der heißen Zeit waren wir fort.
    Dehra Dun war unser großes Ziel,
    Wo es uns soweit ganz gut gefiel.
  13. War es im Sommer recht drückend schwül,
    so war’s doch im Winter nicht zu kühl.
    Das Wunder blieb auch hier nicht ganz aus,
    Im Winter kam der Schnee bis ins Haus.
  14. Fegte auch Heißluft über das Land,
    Kein Eis je vom Himalaja schwand.
    Da alles voller Gegensatz ist,
    Kennt das Wunder weder Zeit noch Frist.
  15. Man kann alles ganz gut ertragen,
    Wird’s heiß muss man nach Simla fahren.
    Kommt der Monsun dann von der Küste,
    Dann wird es grün selbst in der Wüste.
  16. Indien drum ein Wunderland ist,
    Niemals weiß man recht woran man ist.
    Soll’s werden des Nachts warm, dann wird’s kalt,
    Denn Regen gibt’s in Hagelgestalt.
  17. Ja, man nennt’s mit Recht: das Wunderland.
    Selbst ich hier manches wundersam fand.
    Doch will ich’s gerne verlassen bald,
    Denn nichts geht über das Heimatland.

(13.06.1946 Dehra Dun)

Meinen Eindruck vom „Wunderland“ fand ich in einem Gruß bestätigt, den ich 1976 von Indien bekam. U.a. heißt es dort:

„Für uns ist alles hier sehr fremd: das Klima, das Essen und vor allem die Menschen und ihre Gewohnheiten. Die Probleme dieses Landes sind überwältigend“.

Doch nun nach diesen mehr einführenden kleinen Überblicken zu den eigentlichen Ereignissen der Gefangenschaft in der Internierungszeit vom 10. Mai 1940 in Sumatra bis zum 10. Dezember 1946 dem Entlassungstag aus dem Lager Neuengamme in Hamburg.