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Klemm 1999
Stellungnahmen
Schmitz 2002
Lehrerarbeitszeit
Stellungnahmen 2003
GEW 2003
GEW 2004

Lehrerarbeitszeit in Hamburg

So wird die Arbeitszeit berechnet

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Ab 1. August soll die Lehrerarbeitszeit völlig neu berechnet werden. Jede Tätigkeit der Pädagogen - ob Unterricht, Korrektur, Vorbereitung, Koordination oder Elterngespräch - wird mit so genannten Zeitwerten erfasst.

Das Kernstück der Reform: Jedes Fach in jeder Klassenstufe wird mit einem Faktor belegt. Für eine 45-minütige Deutschstunde in der fünften Klasse eines Gymnasiums ist ein Faktor von 1,6 vorgesehen. Das entspricht einer Arbeitszeit von 72 Minuten. Für die Sportstunde in derselben Klassenstufe gibt es 56 Minuten. Das bleibt auch für den Sportunterricht in der achten Klasse so, während der Deutschlehrer in dieser Klasse wegen des höheren Korrekturaufwands pro Unterrichtsstunde 76 Minuten erhält. Für den Leistungskurs Deutsch im 3. und 4. Semester werden 80 Minuten Arbeitszeit angerechnet.

Die direkten Unterrichtsaufgaben sollen 75 Prozent der Arbeitszeit ausmachen. Auf den Rest entfallen Verwaltungsaufgaben (15 Prozent) sowie allgemeine Aufgaben wie die Teilnahme an Konferenzen oder Aufsichten (zehn Prozent). Grundlage des Modells ist die 40-Stunden-Woche, die im öffentlichen Dienst außerhalb der Schulen bereits seit 2002 gilt (Lehrer bislang 38,5). Nach Ansicht des Senats bedeutet das eine zusätzliche Unterrichtsstunde pro Lehrer. Basis ist künftig eine Jahresarbeitszeit von 1770 Stunden.

Mit der Einführung des Modells wird der Anspruch der Schulen auf Lehrerstunden pauschal um 3,5 Prozent gesenkt (Bedarfsabsenkung). Nach Ansicht von Kritikern bedeutet die Neuregelung insgesamt eine Einsparung von 1000 Lehrerstellen. Diese Arbeitsleistung müsse von den verbleibenden Pädagogen erbracht werden. Bildungssenator Rudolf Lange (61, FDP) betont, dass die Stellenzahl mit 13 700 unverändert bleibt. Allerdings sind Aufgaben wie das Abi nach zwölf Jahren oder dritte Sportstunde hinzugekommen.

Hamburger Abendblatt vom 24.05.03

Welche Lehrer mehr unterrichten müssen

Kommission plant kleine Revolution: Die Arbeitszeit soll für jeden Pädagogen individuell ermittelt werden.

Von Peter Ulrich Meyer

Hamburgs Lehrer werden in Zukunft zum Teil mehr Stunden unterrichten müssen als bisher. Das gilt zum Beispiel für Sportlehrer, die wenig Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts benötigen. Deutschlehrer dagegen, die aufwendige Klassenarbeiten korrigieren müssen, können eventuell mit einer Entlastung rechnen.

Es ist eine kleine Revolution, wenn Wirklichkeit wird, was die von Bildungssenator Rudolf Lange (FDP, 61) eingesetzte Lehrerarbeitszeitkommission jetzt vorgeschlagen hat: Erstmals soll die individuelle Belastung der Lehrer Grundlage für die Bemessung der Arbeitszeit werden. Statt wie bisher alle Lehrkräfte zum Beispiel der Gymnasien oder Grundschulen über einen Kamm zu scheren, soll in Zukunft nach Fächern, Klassenstufen und Schulformen unterschieden werden.

Für jedes Fach auf jeder Stufe ist ein so genannter Zeitwert festgelegt: Einem Lehrer, der Deutsch in der achten Klasse eines Gymnasiums unterrichtet, wird pro Unterrichtsstunde (45 Minuten) eine Arbeitszeit von 102 Minuten angerechnet. Ein Sportlehrer derselben Klasse erhält jedoch nur 75 Minuten. Anderes Beispiel: Grundschullehrern wird pro Unterrichtsstunde eine Arbeitszeit von 78 Minuten gutgeschrieben. Der Charme des neuen Modells liegt darin, dass alle Lehrertätigkeiten einbezogen und extra ausgewiesen werden. Klassenlehrer bekommen drei Stunden zusätzlich angerechnet. Wer Aufsicht führt oder die Bibliothek leitet, bekommt einen Zeitwert zugesprochen. Genau so funktioniert es für alle Schulleitungs- und Koordinationsaufgaben, für Konferenzen oder Projektbetreuung. Selbst wer sich als Lehrer um den Schulgarten kümmert, kann dies 1,5 Stunden pro Woche tun.

Grundsätzlich gilt in Zukunft für alle Lehrer wie im gesamten öffentlichen Dienst die 40-Stunden-Woche (bisher: 38,5 Stunden). Weil das neue Modell nach dem Prinzip der Jahresarbeitszeit gerechnet ist, bedeutet das eine Jahresleistung von 1766 Stunden. Zieht man die Schulferien ab, ergibt sich eine wöchentliche Arbeitszeit von 46,5 Stunden. Allerdings können die Lehrer einen Teil in den Ferien ableisten: etwa Unterricht vorbereiten oder Arbeiten korrigieren.

Der Senat hat den Rahmen des Modells noch in anderer Weise vorgegeben: Was immer die Aufgaben der Schulen sind, die Zahl der Lehrer ist festgesetzt: 13 700 im Jahr 2003, 13 800 im 2004 und 13 900 im Jahr 2005. Mit dieser Steigerung soll die wachsende Schülerzahl aufgefangen werden. "Ich bekenne mich zu der Aufgabe, dass wir mit dem, was wir haben, auskommen müssen", sagt Kommissionschef Reiner Schmitz, Schuldezernet der katholischen Kirchengemeinden.

Um mit der vorgegebenen Lehrerzahl auszukommen, mussten die so genannten Bedarfsgrundlagen um drei Prozent abgesenkt werden. Ein Beispiel: War es durch Zusatzstunden bisher möglich, an Gesamtschulen aus zwei Klassen drei Lerngruppen zu machen, so wird es in Zukunft nur möglich sein, aus drei Klassen vier Gruppen zu bilden.

Experten gehen davon aus, dass 900 bis 1000 Lehrerstellen fehlen, wenn man die alten Bedarfsgrundlagen zum Maßstab macht. Schmitz hält die Mehrbelastung für zumutbar. "Man kann nicht einerseits 2,4 Prozent mehr Gehalt einstreichen und andererseits sagen, mich interessiert nicht, wie der Senat die Schulen organisiert", sagt Schmitz. Die Bedarfe - wie Klassengrößen und Lehrerstundenzuweisung - seien "in den Zeiten des Pillenknicks hochgeschraubt worden, als es relativ viele Lehrer und wenige Schüler gab". Lange will die Vorschläge jetzt prüfen. Denkbar ist, dass im August ein Pilotprojekt an ausgewählten Schulen startet.

Hamburger Abendblatt, 17.01.03

Weniger Zeit für SchülerInnen - mehr Arbeit für LehrerInnen

Stopp der Umsetzung des Senats-Lehrerarbeitszeitmodells

In der Sitzung am 26. März hat die Deputation der Behörde für Bildung und Sport (BBS) mit den Stimmen der Deputierten aus dem Lager der Regierungsfraktionen grünes Licht für die Umsetzung eines neuen Lehrerarbeitszeitmodell gegeben. Die GAL-Fraktion lehnt die Einführung eines neuen Arbeitszeitmodells unter den gegeben Bedingungen strikt ab. Die Verschlechterungen der individuellen Förderbedingungen für SchülerInnen sind unverantwortlich und werden die Qualität von Hamburger Schulen nachhaltig verschlechtern.

Was kommt bei den SchülerInnen an - wie wird sich Schule verändern?

Bisher bekommt man den Eindruck, das neue BBS-Arbeitzeitmodell für LehrerInnen verändere "nur" die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Dass dem so ist, wird auch von der Behörde nicht bestritten. Würde die 40-Stunden-Woche (als Folge der Jesteburger Beschlüsse) beispielsweise mit einer Pflichtstunde für alle LehrerInnen umgesetzt, so entspräche dies in etwa 500 Stellen. Mindestens genauso gravierend ist jedoch, dass mit dem Modell in Zukunft kaum noch Förderangebote bei den Hamburger SchülerInnen ankommen werden.

Die Basisfrequenzen führen zu radikalem Abbau von Förderungsmöglichkeiten. Die Konzentration auf die Basisfrequenzen wird in den Schulen zu einer massiven Verknappung von Teilungs-, Förder- und Differenzierungsunterricht führen.

Die Konzentration auf die neuen "Basisfrequenzen" und die niedrige Faktorisierung des Förderunterrichts, (i.d.R. mit Faktor 1,2) beispielsweise der DAZ-Stunden, bei den Vorschulklassen oder der Integration in Regelklassen erspart ca. 10% der bisher eingesetzten Stellen (Bericht S. 39). Woraus die Kommission die niedrige Bewertung für den Förderunterricht ableitet, bleibt ihr Geheimnis. Dazu kommt eine Absenkung der insgesamt zur Verfügung stehenden Stellen beim Förderunterricht (z.B. PLUS-Programm) allein im Grundschulbereich um 8% (Bericht, S. 50).

Die festgesetzten Basisfrequenzen sind der Dreh- und Angelpunkt in dem Modell. Nur Schulen, die diese Frequenzen deutlich überschreiten, werden über zusätzliche Ressourcen verfügen, um Fördermaßnahmen in dem bisherigen Umfang für ihre SchülerInnen durchführen zu können. Schulen, die die Basisfrequenzen genau erreichen oder unterschreiten, werden dagegen deutlich weniger Ressourcen als bisher zur Verfügung haben. Um die Auswirkungen der Einführung des basisfrequenzgesteuerten Modells genau abschätzen zu können, müsste bekannt sein, wie die Frequenzen in den Schulen bzw. Schulformen heute konkret aussehen. Erst dann wird ersichtlich, wie die Schulen nach dem neuen Modell ausgestattet sein werden und welche Fördermaßnahmen nicht mehr realisiert werden können. Nimmt man die bisher bekannten Zahlen ergibt sich z.B. folgendes Bild:

SEK I (7-9/10)
Tatsächliche Klassengrößen 2001 im Durchschnitt/Neue Basisfrequenz
Hauptschule ca. 20,5/19,5
Realschule ca. 24/21
Gymnasium ca. 25/24

Klassen 1 - 4 Grundschule
Ist 2001 ca. 24
Neue Basisfrequenz 23

Nimmt man als Vergleich die bekannten Grundlagen für das Schuljahr 2001/02, wird deutlich: Für die SchülerInnen der Klassen 5- 10 fallen pro Woche/pro Klasse weg

  • in Gymnasien ca. 1,8 Teilungsstunden;

  • in Hauptschulen ca. 1,8 Teilungsstunden;

  • in Realschulen ca. 1 Teilungsstunde;

  • in Gesamtschulen bis zu 3 Teilungsstunden;

  • Integrierte Haupt- und Realschulen (IHR-Schulen; bezogen auf die Klassenstufen 7 bis 10 je Klasse) 3,5 Teilungsstunden.

Die Kürzungen schlagen also insbesondere bei den integrierten Schulssystemen voll auf die Förderung der SchülerInnen durch. Damit werden Gesamtschulen noch massiver an der Umsetzung ihres pädagogischen Auftrages gehindert und damit auch in ihrer Existenz bedroht. Integrierte Haupt- und Realschulen werden damit vollständig zerstört.

Es ist davon auszugehen, dass im HR-Bereich jeder 10. Standort nicht zu halten sein wird. Ähnliches gilt auch für die Grundschulstandorte.

Insbesondere Grundschulen und kleinere Haupt- und HR-Schulen werden aufgrund ihrer aktuellen Schülerzahlen gar nicht in der Lage sein, eine deutliche Überschreitung der Basisfrequenzen zu organisieren. Sie haben z.B. für eine Klasse zu viele, für zwei Klassen aber zu wenige SchülerInnen. Wie diese "Schulen selbst entscheiden, mit welcher Frequenz sie ihre Klassen organisieren" wollen, bleibt völlig unklar. Nach der Logik des Modells bedeutet dies offensichtlich, dass es Schulen ohne jeden Förderunterricht geben wird, oder dass diese beispielsweise jahrgangsübergreifenden Unterricht anbieten müssen oder vor die Alternative gestellt werden, den Standort "aufzugeben".

Fehlende Transparenz

Was genau an den Schulen passiert wird, kann die BBS bis heute nicht erklären. Alle Annahmen des Modells, das nun umgesetzt werden soll, basieren auf rein theoretischen Modellrechnungen. Beispielmodelle, die die Ausstattung einer Schule "vorher" (nach dem Pflichtstundenmodell und den Sonderaufgaben und -maßnahmen) und "nachher" (Arbeitszeitmodell und Zuweisung nach Basisfrequenzen) möglich werden ließen, kann (und will?) die Behörde nicht vorlegen. Nicht einmal die grundsätzlichen Angaben werden gegeben: Mit welchen Klassengrößen (also tatsächlichen Frequenzen) die Schulen zurzeit arbeiten (s. Kleine Anfrage der GAL Drs. 17/2441).

Mehr als 30 Unterrichtsstunden für LehrerInnen wird Normalität

Die Chancen für die "durchschnittliche" Lehrkraft in den verschiedenen Schulformen, ihre Arbeitszeit i. S. einer "Zeitsouveränität" (Bericht, S. 47) in dem Verhältnis 75 % U-Aufgaben inklusive der Pflichtstunden und 25 % "Rest" aufzuteilen, stehen schlecht. Dazu sei das Beispiel einer vollbeschäftigten Lehrkraft an einem Gymnasium mit den Fächern Deutsch und Sport zitiert (Bericht, Anlage 9, S. 5). In diesem Beispiel einer Gymnasiallehrkraft, die ein Fach mit hohem und ein Fach mit niedrigerem Zeitfaktor unterrichtet, entspricht die Zahl der erteilten Unterrichtsstunden mit 24 der zur Zeit gültigen Unterrichtsverpflichtung einer Lehrkraft am Gymnasium. Zusätzlich hätte sie eine halbe Unterrichtsstunde für Vertretung zu erteilen. Um auf die erforderliche Zahl von 46,5 Zeitstunden pro Woche zu kommen, wird in diesem Beispiel angenommen, dass die Lehrkraft neben der Betreuung der Handballmannschaften auch eine Klassenlehrerfunktion wahrnimmt und Verbindungslehrer ist. Dafür werden ihr 6,5 Zeitstunden angerechnet. Angenommen, diese Lehrkraft würde keine der angegebenen Funktionen wahrnehmen, hätte sie bei einem Durchschnittsfaktor von 1,5 zusätzlich 4,3 Unterrichtsstunden zu erteilen, also insgesamt 29 Unterrichtsstunden. Das wäre bezogen auf die heutige Unterrichtsverpflichtung eine Erhöhung um 5 Unterrichtsstunden. Würde diese Lehrkraft zwar die Handballmannschaften betreuen, aber sonst keine Funktionen wahrnehmen, hätte sie 4,5 Zeitstunden zusätzlich abzuleisten. Das ergäbe drei weitere Unterrichtsstunden. Diese Lehrkraft hätte also statt heute 24 Unterrichtsstunden künftig (zusätzlich zur Betreuung der Handballmannschaften) eine Unterrichtsverpflichtung von 27,5 Unterrichtsstunden wöchentlich. Viele andere vergleichbare Beispiele lassen sich entsprechend nachrechnen.

Hier stellt sich die Frage, mit welchen Steuerungsinstrumenten eine Erhöhung der Pflichtstundenzahl für eine große Zahl der LehrerInnen auf z. T. sogar über 30 Pflichtstunden vermieden werden kann. Eine Antwort kann die Behörde dazu offensichtlich nicht geben. Eine andere Frage stellt sich bei folgender Modellrechnung: Organisiert eine Schule einige ihrer Klassen weit über der Basisfrequenz - z. B. mit 32 SchülerInnen - so erhöht sich damit die Zahl der SchülerInnen, die eine Lehrkraft zu betreuen hat. Die Lehrkraft muss mehr Korrekturen leisten, mehr Schüler- und Elterngespräche führen usw. Eine Berücksichtigung der Klassengröße bei der jeweiligen Faktorisierung ist jedoch nicht vorgesehen.

Flächendeckende Umsetzung ist nicht genügend vorbereitet

Da die Einführung des Modells ein "grundlegendes Umdenken", eine Neuorganisation der EDV-Verwaltung an den Schulen sowie eine umfassende Schulung aller Beteiligten erfordert, rät die 2. Lehrerarbeitszeitkommission von einer schnellen Einführung ab. "Alle Experten halten eine Teilerprobung für erforderlich, weil eine flächendeckende Umsetzung nur schwer lösbare Implementationsprobleme erzeugt, die dann fälschlicherweise dem Arbeitszeitmodell zur Last gelegt werden könnten" (Bericht, S. 67). Dennoch hat sich die Behördenleitung entschlossen, gegen diesen Rat der Experten aus den Schulen und auch der Kammern die flächendeckende Einführung zum Schuljahr 2003/04 umzusetzen. Wenige Monate bevor in den Schulen alles organisiert und umgesetzt werden soll, liegen weder in der Behörde noch für die Schulen entsprechende Zeitpläne und Konzepte für die EDV-Umstellung und Schulungen von Schulleitungen und LehrerInnen vor.

Umgehung der Bürgerschaft

Mit dem bisherigen Vorgehen machen der Senat und die Behördenleitung der BBS deutlich, sie verhindern wollen, dass

  • Veränderungen der Bedarfsgrundlagen für das Hamburger Schulwesen

  • die völlige Neugestaltung der Lehrerarbeitszeit

  • die äußerst problematische Verschränkung der beiden Maßnahmen miteinander

in der Bürgerschaft beraten und beschlossen werden. Wer so handelt, scheut offenbar eine parlamentarische und öffentliche Diskussion zu dem vorgelegten Modell. Besonders problematisch dabei: Damit wird der Versuch unternommen, dem Parlament künftig jegliche Entscheidungen zu den Bedarfsgrundlagen im Schulbereich zu treffen zu entziehen. Der Bürgerschaft bleibt lediglich der Beschluss der Zahl der insgesamt zur Verfügung stehenden Lehrerstellen.

Zwar berät der Schulausschuss das Modell auf Antrag der GAL. Doch hat die Koalitionsmehrheit im Ausschuss dafür gesorgt, dass dies erst am 05. Juni 03 geschieht - zu einem Zeitpunkt an dem bereits alle Weichen gestellt sind.

Infos aus der GAL-Bürgerschaftsfraktion vom 28.03.03

Stellungnahme der Sozietät Mathematik zum neuen Lehrerarbeitszeitmodell

Die 2. Hamburger Lehrerarbeitszeitkommission hat am 17. Februar 2003 einen Bericht vor-gelegt, der ein Modell zur Ermittlung bzw. Festlegung der Lehrerarbeitszeit enthält. Das Modell soll ab August 2003 flächendeckend an allen Hamburger Schulen erprobt werden.

Die Sozietät Mathematik, in der alle mit der Lehrerbildung im Unterrichtsfach Mathematik in Hamburg befassten Institutionen vertreten sind, nimmt dazu wie folgt Stellung:

Zur Konstruktion des neuen Lehrerarbeitszeitmodells

Trotz vieler behördentypischer Verklausulierungen macht der "Bericht der 2. Hamburger Lehrerarbeitszeitkommission vom 17. Februar 2003" (im Folgenden: Bericht2) mit wünschens-weiter Klarheit deutlich, auf welcher Basis er zustande gekommen ist, welche Gesichtspunkte dabei eine Rolle gespielt haben und - im Umkehrschluss - welche nicht.

Der Zeitaufwand für die ihrem Anspruch nach ganzheitliche, Kindern und Jugendlichen zu-gewandte Tätigkeit von Lehrerinnen und Lehrern ist schwer zu messen. Die dazu vorliegenden empirischen Studien (Bericht2, 13 ff.) kommen trotz der in der Sache begründeten Un-Einheitlichkeit zu gemeinsamen Feststellungen:

  • Ein standardisiertes Tätigkeitsprofil mit einheitlicher Arbeitszeit existiert nicht. Insofern lassen sich immer nur Durchschnittswerte ermitteln, von denen im Einzelfall erheblich abgewichen wird.

  • Die ermittelten Durchschnittswerte liegen eher bei 50 als bei 40 Stunden je Woche (Be-richt2, 16).

Für die Hamburger Schulen kommt die 1. Hamburger Lehrerarbeitszeitkommission zu Durchschnittswerten für die Jahresarbeitszeit zwischen 1745 Stunden (Grund-, Haupt- und Realschulen) und 1850 Stunden (Gymnasien) (Bericht2, 28).

Empirische Fakten bzw. darauf bezogene Untersuchungen sind ausdrücklich nicht die Basis des neuen Lehrarbeitszeitmodells. Der Grund dafür wird offen benannt: "Die bisherigen Untersuchungen zur Lehrerarbeitszeit haben zwar viel Aufwand für die Erfassung der tatsächlich geleisteten Lehrerarbeitszeit investiert, die ermittelten hohen Zeitwerte haben aber die Arbeitgeberseite eher davon abgehalten, durch Aufgabenkritik und Normensetzungen eine neue Lehrerarbeitszeitregelung zu treffen" (Bericht2, 20). Die Empirie wird daher ersetzt durch das "Prinzip der Auskömmlichkeit" (Bericht2, 29 ff.), welches ganz prosaisch besagt, dass das Hamburger Schulwesen mit den politisch gesetzten Ressourcen auskommen muss:

  • Die Jahresarbeitszeit wird im Zuge der Erhöhung der Arbeitszeit für Landesbeamte von 38,5 auf 40 Stunden in der Woche auf 1770 Stunden pro Jahr und Stelle festgelegt.

  • Die in den Jahren 2003 bis 2005 zur Verfügung stehenden Lehrerstellen (13700, 13800 und 13900) sind vorgegeben.

  • Die prognostizierten Schülerzahlen sowie die Stundentafeln und vergrößerten Basisfrequenzen (durchschnittliche Klassenstärken) in den verschiedenen Schulformen und -stufen stehen ebenfalls fest.

Hieraus lassen sich auf eindeutige Weise zunächst die Bedarfe an abzuhaltenden Unterrichtsstunden ermitteln, daraus wiederum die erforderliche Unterrichtsverpflichtung je Stelle. Um auf 1770 Stunden jährliche Arbeitszeit zu kommen, sind jetzt nur noch den verschiedenen Aufgaben einer Lehrkraft passende Arbeitszeitwerte zuzuordnen. "Das Prinzip der Auskömmlichkeit beinhaltet also keineswegs einen Auftrag zur Einsparung von Lehrerstellen; deren Zahl ist vielmehr gesetzt" (Bericht2, 29). Dieser Feststellung ist zuzustimmen: Die Sparmaßnahmen haben bereits stattgefunden (und werden voraussichtlicht unabhängig vom Lehrerarbeitszeitmodell weitergehen), es geht hier nur darum, sie nachträglich auszufüllen und nach Möglichkeit bildungspolitisch zu legitimieren.

Die Behauptung allerdings, die Arbeitszeitwerte für die verschiedenen Einzelaufgaben so setzen zu wollen, dass sie "für eine professionelle und qualitativ anspruchsvolle Erledigung der Aufgaben ausreichen" (Bericht2, 29), ist angesichts der harten, nicht veränderbaren Vorgaben bestenfalls eine fromme Lüge, und in der Tat spielen professionelle und qualitative Gesichtspunkte in dem gesamten vorliegenden Bericht keine Rolle. Möglich ist es allenfalls, dafür zu sorgen, dass die verschiedenen Arbeitszeitwerte "in akzeptablen Relationen zueinander stehen" (Bericht2, 29). Allerdings sind auch diesem Aspekt enge Grenzen gesetzt, weil diejenigen Teilaufgaben, die die physische Anwesenheit der Lehrkraft erfordern, hinsichtlich ihres Zeitwerts schließlich nicht beliebig heruntergerechnet werden können:

  • So kann etwa die mit einer Unterrichtsstunde verbundene reine Unterrichtszeit schwerlich mit weniger als 45 Minuten veranschlagt werden. Tatsächlich sind dafür 48 Minuten vor-gesehen, was eine in der Fünfminutenpause von einer Klasse in die andere hastende Lehrerin in die surreale Lage versetzt, 2 Minuten dieser Zeit als Freizeit verbuchen zu müssen.

  • Auch der Pausenaufsicht und der Teilnahme an Konferenzen kann kaum weniger als die pure Präsenzzeit zugerechnet werden.

  • Bei Klassenreisen allerdings gelingt dem neuen Lehrerarbeitszeitmodell genau dieses Kunststück: "Die Zeit für die Klassenreise wird bei Vollzeitkräften durch die entfallende Arbeitszeit in der Schule abgegolten" (Bericht2, 35). An dieser Stelle ist von Zeitwerten plötzlich keine Rede mehr, sondern es gilt das alte Prinzip, demnach ein Beamter seinem Dienstherrn rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen habe. Auf der anderen Seite wird mit spitzem Bleistift im Arbeitszeitkonto der einzelnen Lehrkraft als Soll verbucht, wenn Stunden wegen der Reise einer Fachklasse ausfallen.

Von derartigen, eigentlich unnötigen Betrügereien einmal abgesehen, die aber bei den Betroffenen zu besonderer Erbitterung führen müssen, ist es eine zwangsläufige Folge des Modellansatzes selber, dass die zugeordneten Arbeitszeitwerte zu Lasten derjenigen Teilaufgaben gehen, die zu Hause oder in Freistunden im Lehrerzimmer zu erledigen sind. Da sie sich einer direkten Überprüfung entziehen und nicht die persönliche Anwesenheit an der Schule erfordern, können sie beliebig heruntergerechnet werden. Und sie müssen heruntergerechnet werden, weil anders das vorgegebene Ergebnis von 1770 Arbeitsstunden im Jahr nicht herauskommen kann. Auf die Unterrichtstätigkeit im engeren Sinne bezogen, handelt es sich hierbei um die Zeiten zur Vor- und Nachbereitung, für Schüler- und Elterngespräche sowie für die Konzeption und Korrektur von Klassen- und Hausarbeiten.

Konsequenzen für das Unterrichtsfach Mathematik

In Anlage 4 des Berichts sind die unterrichtsbezogenen Arbeitszeitwerte für die Grundschulen, die Gesamtschulen und die Gymnasien aufgeführt. In der Sekundarstufe I sind demnach für den Mathematikunterricht von je 4 oder 5 Unterrichtsstunden in der Woche 60 Minuten für die Vor- und Nachbereitung vorgesehen. Dazu kommen 30 Minuten je Woche für die Korrektur von Hausarbeiten (unabhängig von der Klassenstärke), also 60 - 90 Sekunden je Schüler. Für die Grundschulen sind etwas geringere, für die Studienstufen etwas höhere Arbeits-zeitwerte festgelegt.

Angesichts der bekannt schlechten Ergebnisse einschlägiger Studien (TIMSS, PISA, LAU) auch und gerade im Fach Mathematik sind die Bemühungen aller lehrerbildenden Institutionen darauf gerichtet, wegzukommen von einem Mathematikunterricht, der sich auf den Drill unverstandener Techniken beschränkt, hin zu einem wirklichen Verständnis von und aktivem Umgang mit Mathematik in einer von ihr stark geprägten Gesellschaft. Für einen derart anspruchsvollen Mathematikunterricht sind zunächst einmal die Lehrkräfte selbst in ihrer Ausbildung, aber auch durch Fortbildungsmaßnahmen zu befähigen, Mathematik aktiv zu betreiben und sich mit ihren fachlichen und didaktischen Dimensionen auseinander zu setzen. Kontinuierlich den Unterricht vorbereitende und begleitende Tätigkeiten dieser Art sind für einen anspruchsvollen Mathematikunterricht, der aus der zuletzt durch PISA dokumentierten Misere herausführt, unverzichtbar. Sie setzen an den Schulen entsprechende Rahmenbedingungen voraus.

Die gerade mal 12 bis 15 Minuten Vor- und Nachbereitungszeit, die das Lehrerarbeitszeitmodell je Unterrichtsstunde Mathematik veranschlagt, dürften demgegenüber knapp dazu ausreichen, vorgefertigte Aufgaben aus einem Ordner zu ziehen und zu kopieren. Von der Möglichkeit, eigene Gedanken zum Unterricht zu entwickeln, neue Konzepte zu erproben und sich selber aktiv mit Mathematik auseinander zu setzen, kann hier keine Rede sein. Die Lehrkräfte werden damit auf eine Art des Mathematikunterrichts festgenagelt bzw. zurückgeworfen, von der alle mit der Misere der Mathematikausbildung professionell Befassten heute wissen, dass sie überwunden werden muss.

Aus der im neuen Lehrerarbeitszeitmodell völlig an den Rand gedrängten Sicht einer "professionellen und qualitativ anspruchsvollen Erledigung der Aufgaben" (Bericht2, 29) wären die veranschlagten Arbeitszeiten für die Vor- und Nachbereitung des Mathematikunterrichts mindestens zu verdreifachen.

Der viel zu knapp bemessenen Vor- und Nachbereitungszeit für den Mathematikunter-licht korrespondiert die vorgesehene Zeit für die Konzeption und Korrektur von Klassenarbeiten. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum in Gesamtschulen 30 Minuten weniger Zeit für die Konzeption und 90 Minuten weniger für die Korrektur aufzuwenden sind als an Gymnasien. Aber auch wenn man von den höheren Werten für das Gymnasium ausgeht (60 Minuten Konzeption, 300 Minuten Korrektur), so geben die (nach Aufstellung eines Bewertungsschemas verbleibenden) ca. 10 Minuten Korrekturzeit je einzelner Arbeit wenig Raum für ahn-spruchsvollere, offene Aufgabenstellungen. Sofern im Unterricht selbst nur Techniken gedrillt und in den Klassenarbeiten wieder abgefragt werden, sind diese 10 Minuten allerdings ausreichend. Insoweit ist das Lehrerarbeitszeitmodell in sich durchaus schlüssig. Aber sind die daraus zu ziehenden Konsequenzen wirklich gewollt?

Die Beschränkungen, die das von Behörde für Bildung und Sport verordnete Arbeitszeitmodell den Lehrerinnen und Lehrern auferlegt, konterkarieren in dramatischer Weise den Auftrag derselben Behörde, die neuen Rahmenpläne im Fach Mathematik umzusetzen, in denen ein offener, realitätsbezogener, problem- und schülerorientierter Mathematikunterricht gefordert und hohe Ansprüche an die Konzeption und Korrektur von Klassenarbeiten formuliert werden. Dieser Auftrag ist unter den Bedingungen des vorliegenden Arbeitszeitmodells nicht zu erfüllen. Das sollte dann aber auch in aller Deutlichkeit gesagt werden. Als logische Konsequenz - die von einer Behörde für Bildung eigentlich erwartet werden kann - wären sowohl die neuen Rahmenpläne als auch die darauf bezogenen Kerncurricula des Landesinstituts Ausbildung zurück zu nehmen.

Die mit dem neuen Lehrerarbeitszeitmodell verbundenen Probleme sind sicher keine des Mathematikunterrichts allein. Sie wurden hier am Beispiel des Fachs Mathematik nur exemplifiziert. Die daraus zu ziehende Quintessenz ist insofern verallgemeinerbar:

Seit es Schule gibt, hat es immer auch den Typus des wenig engagierten Lehrers gegeben, der in seinen 30 bis 40 Dienstjahren den immer gleichen, eher schlecht als recht vorbereiteten und entsprechend miserablen Unterricht gibt. Das Lehrerarbeitszeitmodell macht diesen Typus zum für alle verbindlichen Leitbild und dokumentiert damit, wie sehr die Bildung in Hamburg inzwischen auf den Hund gekommen ist.

Die Sozietät Mathematik ist eine Behörden übergreifende Kommission, in der alle an der LehrerInnenausbildung im Fach Mathematik in Hamburg beteiligten Institutionen vertreten sind:

  • Fachbereich Mathematik der Universität Hamburg,

  • Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg

  • (Fachdidaktik),

  • Landesinstitut Ausbildung (Staatliches Studienseminar),

  • Landesinstitut Fortbildung (Institut für Lehrerfortbildung)

Verantwortlich:
Sprecher der Sozietät Mathematik
Prof. Dr. Claus Peter Ortlieb
Fachbereich Mathematik der Universität Hamburg
Bundesstraße 55
20146 Hamburg

mailto:ortlieb@math.uni-hamburg.de

Sozietät Mathematik, Hamburg, 16.06.03

Schreiben von Deputationsmitgliedern zum geplanten Lehrerarbeitszeitmodell an den Präses

Sehr geehrter Herr Senator Lange,
sicherlich muss ein Senator darauf reagieren, wenn der Senat eine Arbeitszeiterhöhung für die Hamburger LehrerInnen beschließt. Zweifellos ist es auch richtig, nach neuen Arbeitszeitmodellen für LehrerInnen zu suchen. Problematisch ist es jedoch, wenn beides gleichzeitig unternommen und überhastet umgesetzt wird. Mit der Einführung des neuen Lehrerarbeitszeitmodells wird dies immer deutlicher. Die Probleme häufen sich, und die Situation an den Schulen spitzt sich immer weiter zu. Die Proteste von Eltern, SchülerInnen und Eltern gegen das Modell gehören inzwischen zum Alltag einer wachsenden Zahl von Schulen. Dabei ist ein hohes Maß an Unfrieden zwischen LehrerInnen, SchülerInnen, Eltern und Behörde entstanden.

Wir halten diese Entwicklung für äußerst problematisch und führen diese auf Ungereimtheiten im Modellvorschlag, dem von der Behördenspitze gesetzten Zeitdruck und auf die fehlenden Transparenz bei der Umsetzung zurück:

1.

Im Laufe der letzten Monate hat die Behördenleitung mit verschiedenen Vorlagen und Schriftstücken immer neue Berechnungen und Zahlen z.B. zur Zahl der SchülerInnen, der ReferendarInnen oder der unterschiedlichen Bedarfe in den Schulen aufgeführt (u.a. der Lang- und Kurzfassung des Berichtes der Lehrerarbeitszeitkommission, der Vorlage für die schulischen Kammern und die Deputation). Für "normale" Eltern, LehrerInnen oder Deputierte sind die Zahlen und Berechnungen kaum oder gar nicht mehr nachvollziehbar. Neben der fehlenden Transparenz ist aber auch eine offensichtlich gezielte Umgehung der Öffentlichkeit und der demokratischen schulpolitischen Organe (schulische Kammern und Deputation) zu beklagen, wenn in der Umsetzungsphase immer wieder neue und für die jeweils betroffenen Schulen und SchülerInnen gravierende Veränderungen am Modell vorgenommen werden.

Hier einige Beispiele:

  • Die Sonderschulen sollten - wie von Deputation beschlossen - bei der Umsetzung des Arbeitszeitmodells weitgehend außen vor bleiben. Basisfrequenzen waren für diese Schulform nicht vorgesehen. Als Deputierte erfahren wir aus der Zeitung, dass nun auch die Sonderschulen ihre Klassen mit neuen Basisfrequenzen organisieren müssen und bekommen dies erst auf Nachfrage von der Behörde auch bestätigt. Offen ist damit die Frage, welche Einsparungen diese Schulen damit hinzunehmen haben.

  • Ein weiteres Beispiel: Rein rechnerisch oder faktisch - das haben wir noch nicht verstanden - wird auch der bedarfsdeckende Unterricht der ReferendarInnen - deren Unterricht als quasi Auszubildende ja keinerlei Faktorisierung unterliegt - auf den Faktor 1,5 angehoben. Damit kann zwar vielleicht gerechnet werden - aber tatsächlich können diese Stunden doch gar nicht in den Schulen ankommen? Oder bedeuten die Veränderung, dass der bedarfsdeckende Unterricht für ReferendarInnen tatsächlich von sechs auf acht Unterrichtsstunden erhöht wird?

  • Noch ein Beispiel zur Zahl der eingeplanten Stellen für die Fortbildung. In einer Mitteilung des Senates an die Bürgerschaft (Drucksache 17/2875) sind 41 Stellen angegeben. In den Berichten und in der Vorlage für die Deputation waren bisher andere Zahlen genannt. Die Behörde erklärt auf unsere Nachfrage, warum jetzt 41 Stellen vorgesehen sind, folgendes: "Sie sind ein Ersatz für die 92 Fortbildungsstellen. Im LAZ-Bericht auf Seite 44 wurde mit 27,5 Stellen geplant. Die Depu-Vorlage (Seite 5) benennt 41 Stellen für den Fortbildungstopf. Die erste Zahl ist ein Vorschlag, die zweite ein Zwischenstand. Die endgültige Zahl lautet 37 Stellen". Können Sie diese Angaben nachzuvollziehen? Auch wenn die Differenz zwischen 41 und 37 nicht groß ist, so steht zu befürchten, dass auch bei all den anderen Bedarfen kleinere oder größere Unstimmigkeiten versteckt sind. Zudem stellt sich die Frage weshalb der Bedarf von 92 Fortbildungsstellen um über 50% auf 40 abgesenkt wird?

  • Ein letztes Beispiel: Durch die Beratungen in der Deputation wissen wir, dass sich aufgrund der katastrophalen Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt die Zahl der SchülerInnen in der Dualen Ausbildung (Teilzeit) zum 01. August 2003 stark verringern wird. Dagegen haben uns die Fachleute in der Behörde mitgeteilt, dass sich mindestens in der selben Größenordnung (Tendenz wachsend!) SchülerInnen für Vollzeitbildungsgänge angemeldet haben. Die Bildungsgänge kosten wesentlich mehr und erfordern zusätzliche Stellen. Die Behörde hat selbst berichtet, dass im laufenden Schuljahr nach der Herbststatistik trotz von 56.945 auf 56.331 gesunkener Schülerzahlen ein gestiegener Bedarf von rd. 10 Stellen zu verzeichnen war. Diese Entwicklung beruhe allein auf der Verschiebung zwischen Teil- und Vollzeitbeschulung. Für das kommende Schuljahr wird es nun eine unvergleichlich höhere Verschiebung zu den Vollzeitbildungsgängen kommen (bis zu 2000 SchülerInnen)! Eine zusätzlich Versorgung der Schulen ist aber laut Auskunft nicht vorgesehen. Wird hier die Versorgung der beruflichen Schulen zusätzlich abgesenkt?

Weitere Beispiele ließen sich anführen.

2.

Am 05. Juni 2003 haben Sie der Presse die Interpretation einer Modellrechnung für elf Hamburger Schulen vorgelegt. Demnach müssten etwas weniger als die Hälfte der Lehrer mehr unterrichten, der größte Teil ein bis zwei Unterrichtsstunden in der Woche. 90 Prozent der Haupt- und Realschullehrer müssten sogar genauso viel oder weniger unterrichten. Deutlich wurde dabei, dass nur eine Haupt- und Realschule in die Stichprobe aufgenommen wurde, und, dass zumindest die Frage der teilzeitbeschäftigten LehrerInnen keine Berücksichtigung fand.

Als Einschätzung hielten Sie die Berechnung dennoch für "aussagefähig in der klaren Tendenz". In der Öffentlichkeit wurden diese Tatsache und auch die Berechnungsgrundlagen mehrfach in Zweifel gezogen. Dennoch haben Sie die Zahlen, die der Elfer-Modellrechnung zu Grunde liegen, bis heute - man muss schon sagen - geheim gehalten. Trotz mehrfacher Nachfragen und Bitten haben Sie bis heute weder die schulischen Kammern noch die Mitglieder der Deputation, noch die Schulöffentlichkeit Einsicht in die Grundlagen Ihrer Berechnungen nehmen lassen.

Als Deputierte sind wir über dieses Verhalten empört. Nicht nur wird das demokratische System von Kammern und Deputation umgangen. Es drängt sich auch der Verdacht auf, dass die Zahlen einer kritischen öffentlichen Überprüfung nicht stand halten - warum sonst werden sie nicht veröffentlicht?

Wir erwarten, dass Sie uns die Zahlen umgehend zur Überprüfung zur Verfügung stellen!

3.

Immer mehr Lehrerkollegien haben Beschlüsse gefasst, dass an ihren Schulen bestimmte Angebote, wie Sportfeste, Musik- und Theateraufführungen, sowie Klassenreisen, wegen des Modells nicht mehr angeboten werden können. In der Presse war inzwischen von massenweisen Stornierungen bei Schullandheimen zu lesen, sogar von Schließungen traditioneller Einrichtungen war die Rede. Sportlehrer haben zudem ihre Absicht bekräftigt, im Jahr des Schulsports an Wettbewerben wie "Jugend trainiert für Olympia" nicht mehr teilnehmen zu wollen. Wir halten diese Angebote für einen unverzichtbaren Teil des schulischen Lebens und haben daher bei der Behördenleitung nachgefragt, wie groß die zu erwartenden Einschränkungen sein werden, und was die Behörde dagegen zu unternehmen gedenkt.

Auch die Elternkammer hat in einem Beschluss die Behörde aufgefordert, sicherzustellen, dass es zu keinen Einschränkungen kommt. Auf unsere Nachfrage hin in der Deputation mussten wir erstaunt erfahren, dass die Behördenleitung über keinerlei gesicherte Informationen verfügt, welche Beschlüsse an welchen Schulen gefasst wurden. Und schlimmer - sie möchte dies auch nicht per Nachfrage in den Schulen in Erfahrung bringen. Unabhängig davon, wer für diese Beschlüsse verantwortlich ist, stellt das Wegbrechen der zusätzlichen Angebote eine Verschlechterung der schulischen Qualität insgesamt dar.

Wir erwarten, dass die Behörde hier Klarheit schafft und mit Umsicht im Sinne der SchülerInnen für Abhilfe sorgt.

Aus vielen Gesprächen mit Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen und MitarbeiterInnen der Behörde für Bildung und Sport wissen wir, wie sehr in der Schulbehörde und in den Schulen gerungen wird, das neue Modell mit all seinen Ungereimtheiten "irgendwie" umzusetzen, und den Schaden für die SchülerInnen dabei möglichst gering zu halten. Die Unklarheiten und Unsicherheiten zeigen, wie wenig Einzelaspekte bei der Umsetzung ausreichend bedacht werden konnten und wie wenig ausgegoren das gesamte Projekt noch ist. Hier wird für uns überdeutlich, weshalb die unabhängige Lehrerarbeitszeitkommission dringend vor einer überhasteten und flächendeckenden Einführung des Arbeitszeitmodells gewarnt hat. Wenn Staatsrat Behrens uns gegenüber nun von einem "wirklich großem Experiment" spricht, halten wir dies angesichts der Situation in den Schulen für ausgesprochen verantwortungslos. Experimente und Modellversuche sind lebenswichtig für Entwicklungen in der Schule - aber man macht keine Experimente mit hunderttausenden, SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern!

Mit diesem Vorgehen hat die Behördenspitze nicht nur die Akzeptanz für eine ganze Anzahl positiver Ansätze, die sich im Modellvorschlag der Lehrerarbeitszeitkommission wiederfinden zerstört. Zerstört wurde bei vielen Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen und auch bei uns Deputierten das Vertrauen in ein verantwortliches Behördenhandeln. Als ehrenamtliche Mitglieder der Behördenleitung der Behörde für Bildung und Sport halten wir dieses Vorgehen der Behördenspitze für unverantwortlich. Es hat mit modernem adminisitrativen Handeln nichts mehr zu tun. Wir finden, dass hier die Grenze des Zumutbaren überschritten ist und haben daher den Weg gewählt, auch die Öffentlichkeit hierüber zu informieren.

Statt der Formulierung dieser Kritik, hätten wir lieber einen Beitrag zu Befriedung der Situation geleistet. Wir meinen jedoch, dass Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen ein Recht darauf haben, in der aktuellen Entwicklung, Klarheit und Wahrheit über die Probleme bei der Umsetzung des Modells zu erhalten.

Deshalb appellieren wir an Sie, Herr Senator Lange:

Schaffen Sie Transparenz! Trennen Sie die Diskussion um die Einführung eines Lehrerarbeitszeitmodells von der Erhöhung der Lehrerarbeitszeit und der Absenkung der Bedarfsgrundlagen der Schulen.

Stoppen Sie die überhastete Einführung des Arbeitszeitmodells.

Mit freundlichen Grüßen gez. Armin Oertel, Christian Freitag, Meike Jensen, Jan Riecken, Karen Medrow-Struß,  Erik Pust (Mitglieder der Deputation der BBS)

Hamburg,  den 27.06.03

 

Christoph Gäbler 28.09.2011