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Schweigen, das große Brahman 

Von José Ortega y Gasset

1930, Auszüge

Die Schüler fragten einmal den weisen Meister Indiens, welches das große Brahman sei - das heißt die höchste Weisheit. Der Meister antwortete nicht. Da sie glaubten, er habe sie nicht gehört, wiederholten sie ihre Frage. Aber der Weise fuhr fort zu schweigen. Sie trugen ihn zum dritten und vierten Mal, ohne dass ihnen bessere Antwort wurde. Als sie des Fragens müde waren, öffnete der Meister den Mund und sagte: "Warum habt ihr eure Frage so oft wiederholt, wenn ich euch doch auf die erste antwortete! Wisst, die höchste Weisheit ist Schweigen."

... Interessanter als diese ist eine andere Art der Unaussprechbarkeit. Wenn der Inder schweigt, weil sein Wissen sich nicht in Worten ausdrücken lässt, ist das eigentlich kein Schweigen. Schweigen heißt: nicht sagen, was man sagen kann. Und nur das ist eine fruchtbare Stille - nicht dass einfach die Worte fehlen, sondern dass sie verstummen, dass sie verschwiegen, zurückgehalten werden. ... Es gibt eine Weisheit von außerordentlicher Bedeutung, die ihrer eigenen Verfassung nach zum Schweigen verurteilt ist. Ihr Dasein und die Notwendigkeit, sie zu verheimlichen, geht uns recht eigentlich erst auf einer gewissen Höhe des Lebens auf. Natürlich handelt es sich dabei um ein Wissen über das menschliche Leben, über das unserer Nächsten und über unser eigenes. Diese Erkenntnis ist nicht rein generell, wie es im einen oder anderen Sinn alle wissenschaftlichen Einsichten, einschließlich der historischen, sind; sie ist ein konkretes Wissen von diesem oder jenen einzelnen Menschen, das sich durch allgemeine Überlegungen bereichern kann, aber ursprünglich durch und durch individuell ist. ...

Und das ist der Punkt, der mich hier beschäftigt. Denn soll ich mein Wissen von Ihnen definieren, so finde ich keine andere Eigenschaft als die, dass ich es verschweigen muss. Es ist eine Menge von Weisheit, die sich an der Menge von Stummheit misst, zu der sie verpflichtet. Und wäre ich noch scharfsichtiger und wüsste noch mehr von Ihnen, so müsste mein Schweigen noch undurchdringlicher sein. ...

Ich müsste meine Wissenschaft verheimlichen, bei Strafe, Ihnen schweren Schaden zuzufügen und, durch den Rückschlag, mich selbst zu verletzen, da unsere Freundschaft darüber zerbräche. Es ist niemandem gegeben, das Geheimnis dieses Wissens zu lüften, denn die Stille, die darüber verhängt ist, ist alt wie die Menschheit; wir sind gegen seinen ätzenden Tau nicht gerüstet. Man muss die folgenden Geschlechter allmählich erziehen, wenn man dahin gelangen will - und ich glaube, dass man dahin gelangen muss -, diese hermetisch abgeschlossene Wissenschaft ans Licht zu bringen, die wir einer vom anderen haben und alle verbergen.

Die Kenntnis vom Mitmenschen entsteht langsam, Tag für Tag. Sie schlägt sich in dünnsten Schichten wie ein unangreifbarer Staub auf unserem Grund nieder. Da wir sie so langsam erwerben, merken wir nicht, wie sie in uns wächst. Sie muss sich in großer Menge angehäuft haben, so dass die feinen übereinander ruhenden Schichten ein Lager von beträchtlicher Dicke bilden, bis wir eines Tages, wenn das Leben schon vorgerückt ist, auf einmal ihr Gewicht spüren. Dann wenden wir den Blick auf diesen unerwarteten unterirdischen Schatz, und der plötzliche Reichtum ängstigt uns mehr, als er uns freut. Denn wie soll wir ihn ausmünzen? Es handelt sich um äußerst individuelle Erkenntnisse, zu deren Formulierung es unzähliger Worte bedürfte. Und wäre es auch nur aus diesem Grund, der bloße Gedanke, sie mitzuteilen, ist tödlich. Wir erlahmen schon vor dem Versuch... und ziehen es vor zu schweigen. Nur von Zeit zu Zeit, an unserem eigenen Überfluss erstickend, beginnen wir vielleicht mit unserem besten Freund, von dem wir am wenigsten Missverständnisse und Verwechslungen befürchten, von unseren Menschenerfahrungen zu sprechen; aber gleich verzagen wir wieder und sinken in unsere Stummheit zurück. Indessen hat sich neues Wissen angesammelt, ohne dass das alte einen Auslass fand; der Reichtum wächst und mit ihm der Grund zum Schweigen. Überdies ist der größte Teil unserer Weisheit, weil er nicht nach außen drang, unformuliert geblieben; ihm fehlen darum die klaren Umrisse, die das Wort dem Gedanken aufprägt. Wir bearbeiten diesen Stoff nicht, der uns von selbst zufiel; wir ordnen und systematisieren ihn nicht. Nur von Zeit zu Zeit entnehmen wir ihm von ungefähr irgendeine allgemeine Bemerkung über die Wesensart "gewisser" Männer, "gewisser" Frauen. Die ganze Psychologie der gebildeten Gesellschaft beruht auf diesen winzigen und vagen Andeutungen, die uns zufällig entfahren.

Aber es gibt einen anderen, schwerwiegenderen und wesentlicheren Grund, der automatisch zum Verschweigen dieser Weisheit führt. Es ist offenbar notwendig, dass die Menschen, damit eine solche Erkenntnis des individuell Menschlichen zustande kommen kann, einen gewissen Grad der Individualisierung erreicht haben und die Intelligenz hinreichend verfeinert ist, um das Individuelle wahrnehmen zu können. Keines von beiden ist bei den wilden Völkern der Fall, bei denen das Menschenwesen noch kaum begonnen hat, sich zu differenzieren, und eher von einer anonymen, "standardisierten" Persönlichkeit her lebt. Die Bedingungen für die Entstehung eines solchen Wissens ergeben sich nur mit der Zivilisation. Aber die Zivilisation behindert uns gerade als solche an der freimütigen Äußerung unserer Urteile über unseren Nächsten. Sie lehrt uns, einander nicht zu verletzen, unsere Eindrücke zum Tabu zu machen und die genauen Meinungen, die wir uns über unsere Mitmenschen gebildet haben, zu verhehlen. So verurteilt dasselbe soziale Klima, das eine solche Weisheit ermöglicht, sie automatisch zur Unterdrückung, zu dem, was bei Freud "Zensur" heißen würde.

In der Tat, unser Wissen um das Menschliche erfüllt einen gewaltigen Teil unseres Geistes; aber wir halten es unter dem strengen Gebot des Schweigens, ungelüftet, und schleppen es traurig in uns herum wie einen geheimen Schatz, über den wir manchmal resigniert den Kopf beugen, darauf verzichten, ihn vorzuzeigen. "Besser schweigen", ermahnen wir uns, wenn es in uns emporsteigt von schwer aussprechbaren, unmöglich aussprechbaren Dingen, die wir jetzt, gerade jetzt dem Freund oder der Freundin zu sagen hätten. Die Zensur, die wir automatisch an unserer besten Weisheit, an unserem Wissen von unserem Nächsten, üben, bringt es um seine volle Entfaltung. Wen wir einen "Eindruck" von unseren Mitmenschen empfangen, geben wir uns, da wir ihn doch nicht mitteilen können, keine Mühe, ihn in Worte zu kleiden. So bleibt er roh, im Urzustand. Der verbale Ausdruck, wenn er auch nur Endophasie, inneres Sprechen, ist, präzisiert und klärt jedes intuitive und wortlose Wissen. Er ist vor allem die Bedingung dafür, dass es später den großen Gedankenprozessen unterworfen werden kann, ohne die kein Wissen seine volle Bedeutung erlangt. Der wichtigste dieser Prozesse ist die Systematisierung. Man überlege sich, wie weit wir es in unseres Kenntnis des Nächsten bringen könnten, wenn wir uns nicht mir den "Eindrücken" begnügten, die wir von ihm empfangen, sondern sie weiterverarbeiteten und zum Gegenstand einer fortlaufenden, geordneten und methodischen Untersuchung machten. Jede Ausgestaltung unseres Wissens vom Menschen muss dahinfallen durch die Zensur, die wir verhängen. Aber noch mehr. Man stelle sich vor, was die Physik heute wäre, wenn die Physiker ihre Beobachtungen vollständig verschwiegen hätten, so dass ein jeder nur das wüsste, was er in eigener, einsamer Bemühung herausgebracht hat. Eine solche Robinson-Physik wäre nie über die Elemente hinausgekommen. Die Wissenschaft braucht Zusammenarbeit, in der sich das Wissen des einen durch die Entdeckungen des anderes bereichert. Das Blickfeld jedes Forschers ist begrenzt; jeder hat seinen besonderen Gesichtswinkel, der andere Einstellungen ausschließt und ihn darum für gewisse Ansichten der Tatsachen blind macht. Nur die Zusammenfassung vieler Sehstrahlen, die auf einen Gegenstand gerichtet sind, gibt diesem seine Rundheit. Wenn wir uns unsere Kenntnisse von dem Nächsten gegenseitig mitteilten und verschiedene Geister sich mit ihnen beschäftigen könnten, kurz, wenn es möglich wäre, sie einer kollektiven Kultivierung, einer Kultur, zugänglich zu machen und sie nicht auf ein spontanes Gestammel beschränkt blieben - wie würde unsere Wissenschaft vom Menschen dann aussehen? Während das Wort "Anthropologie" heute eine rohe und lächerliche Disziplin bezeichnet, wäre es dann der Name des umfassendsten und reifsten Wissens. Wie Galilei zu seiner Stunde die nuova scienza, die Physik, ankündigen konnte - die typische Wissenschaft der modernen Zeit - ,so könnten wir die Anthropologie als nuova scienza, die strengste und Musterwissenschaft der Zukunft, ausrufen.

Damit verkennen wir nicht, dass das bisher beobachtete Schweigen sein gutes Recht hat. Man erinnere sich, dass es sich um eine Kenntnis von den Individuen als solchen handelt. In den Epochen, in denen der Mensch zum Individuum wurde, in denen die Individualität entstand, durfte eine so empfindliche Entwicklung nicht gestört werden. Jede Geburt geschieht im Dunkeln und im Geheimen. Es ist nicht wahr, dass die Schöpfung mit dem Licht begann, das in ihr wurde. Das Licht ist immer das letzte, das Werk des Sabbats. So gewiss ist alle Geburt geheimnisvoll und stumm, dass das Wissen selbst nicht spricht, während es entsteht. Darum gleichen die Wissenschaften in ihrem Beginn einem geheimen Schatz, den man nicht verraten darf. Jede Erkenntnis geht durch eine erste, esoterische Epoche: sie ist ein Mysterium. Sie ist Tabu. In Griechenland selbst, das auf so geniale Art indiskret und plauderhaft war, das in dem Logos das Wort vergöttlichte, beginnt die Mathematik und die Philosophie - bei den Pythagoräern, bei Plato und Aristoteles - als eine Geheimwissenschaft. Gegen das Ende seines Lebens ergreift Plato den Griffel und schreibt den berühmten "Siebenten Brief, um sich gegen das Gerücht zu verwahren, wonach er Jahre vorher dem Tyrannen Dionysius seine Ideen über die letzten Prinzipien der Natur enthüllt haben sollte. ...

Aber wenn die neugeborene Weisheit die Zuflucht der Unzugänglichkeit und des Schweigens braucht, so gilt doch nicht das gleiche für das gereifte. Im Gegenteil, es gibt eine Stunde in der Entwicklung einer Erkenntnis, in der sie laut werden muss, in der sie Ausbreitung und Mitteilung braucht. Dann nämlich, wenn sie "Wissenschaft" geworden ist. Die Wissenschaft ruft ihr ewiges "Heureka" in jedem Augenblick ihres Lebens. Sie dar, sie kann, sie will sich nicht zurückhalten.

Ebenso sollte man jetzt annehmen, dass die Menschen sich schon genügend daran gewöhnt hätten, Individuen zu sein, um ohne Schaden die Verbreitung des Wissens vom Nächsten ertragen zu können.

Es ist schade um den ungeheuren Schatz an Kenntnissen über ihre Nächsten und ihre Zeitgenossen, welche die letzten Generationen unausgesprochen mit ins Grab genommen haben. Die Männer vor allem, die in der Wissenschaft ein hervorragendes Talent bewiesen - was für wertvolle Nachrichten hätten sie uns über ihre menschliche Umgebung hinterlassen können, über die Personen, mit denen sie zusammenlebten, die Frauen, die sie liebten, die Kameraden, die an ihrer Seite kämpften! Wenn ich das Gewicht des Wissens erwäge, das ich selbst über die Menschen besitze, die in mein Leben eingegriffen haben, so entsetzt mich der Verlust dessen, was jene vortrefflichen Männer aufgespeichert haben müssen. Denn haben wir einmal erkannt, dass wir alle mehr oder weniger voneinander wissen, so ist klar, dass wir auf diesem Gebiet, wie auf allen anderen, eine Rangordnung der besser und schlechter Begabten aufstellen können. Es ist überraschend, wie schwerfällig und ungenau die meisten Menschen in der Erfassung ihres Nächsten sind. Die Gabe, den anderen zu durchschauen, ist, ebenso wie der Verstand, eine Fähigkeit, die der Anlage nach allen Menschen zukommt, aber auf einer höheren Stufe ein besonderes, nur wenigen verliehenes Talent bedeutet.

Wie groß jedoch auch immer der Anteil sei, der uns von dieser Weisheit gewährt wurde, es tut uns leid, sie stumm ins Grab mitzunehmen, es tut uns leid, sie nicht für die anderen und für immer "ausgesprochen" zu hinterlassen. Schließlich und endlich geht sie auf das, was uns das Nächste war, sie ist unsere Kenntnis vom konkreten Leben, die Lebenswissenschaft par excellence; Jahr für Jahr haben wir diese Beute beiseite gebracht, in der wir den Reichtum des vergänglichen Lebens abschöpften. Wir schreiben Bücher über dieses und jenes, über die Sterne oder über die Azteken. Und wir schweigen von den Erkenntnissen, die uns das Leben schenkte, indem wir es lebten. Ich finde es wenig großherzig, das Leben nicht mit dem Leben zurückzugeben. Darum meine ich, es sollte ein jeder, der zum Denken berufen ist, außer seinen fachlichen Büchern auch eines schreiben, das von seinem Lebenswissen handelt.

Eine solche Befreiung von unseren zurückgestauten Einsichten brächte große Vorteile mit sich. Ich nenne einen davon: Das Wissen, das wir von unserem Nächsten haben, umschließt das Wissen, das wir von dem Bild besitzen, das er sich von uns gemacht hat. Ja, mein Freund, ich kann Ihnen nicht nur sagen, wie Sie von innen sind, sondern auch, wie Sie mich sehen, wie meine Person vom Spiegel Ihrer Seele aufgefangen und zurückgeworfen wird. Wir wissen, nach welchen Gesetzen sich unsere Person in den anderen verzerrt. Meine Gleichung von Ihnen wird Ihnen schwerlich richtig erscheinen; aber wenn ich Ihnen das Bild entdecke, das Sie von mir haben, werden Sie sich wie in flagranti ertappt vorkommen. Dann werden Sie merken, dass wir wirklich füreinander durchsichtig sind. Und das ist eine Erkenntnis, von der ich viel für die Erziehung des Menschen erhoffe. Denn die meisten Fehler rühren daher, dass der Mensch das Geheimnis seiner Binnenwelt für undurchdringlich hält und seinen Körper wie eine Vermummung benutzt, um sein Inneres, sein wahres Wesen, zu verbergen. Als wäre das möglich! Wie oft sagten wir gern zu unserem Nächsten: "Warum machen Sie diese vergebliche Geste der Eitelkeit, wenn ich doch sehe, dass es nur eine Geste ist, dass Sie sich nicht für ein Genie halten, sondern im Gegenteil vor mir den Genialen spielen, damit ich Sie dafür halte und meine Überzeugung dann auf Sie übertrage?"

Mit allen Torheiten und Plumpheiten, die fast jedem gelegentlich unterlaufen und die sich von dem Glauben an die Undurchsichtigkeit der Person nähren, wäre es mit einem Schlag und für immer vorbei. Die meisten Irrtümer, die wir begehen, entspringen aus der Unkenntnis über unsere Stellung im Urteil der Welt. Wir selbst wissen gewöhnlich sehr wohl, was uns zukommt; das Gewissen mit seiner unterirdischen Stimme geht niemals fehl. Aber wir glauben, die anderen wüssten es nicht und wir könnten sie betrügen, indem wir ihnen vorspiegeln, dass wir einen höheren als den uns angemessenen Rang einnehmen. Und da die anderen uns nichts sagen, schließen wir, dass sie die Bewertung hinnehmen, die wir über uns selbst dekretiert haben.

Dieses Schweigen, das wir wahren, hat ernste Folgen. Ich halte es für die Ursache der normalen, aber darum nicht weniger sonderbaren Tatsache, dass wir voneinander, je älter wir werden, um so weiter entfernt, um so abgründiger getrennt sind, bis zu einer schmerzlichen Vereinsamung. Uns scheidet von dem Nächsten, was wir von ihm wissen und ihm verschweigen. Je mehr wir wissen, um so tiefer schweigen wir und um so hoffnungsloser vereinsamen wir. Es türmen sich um uns Gebirge des Schweigens. Junge Menschen dagegen leben einander näher, weil sie noch keine Meinung übereinander haben. Eine Annäherung an den alten Jugendfreund ist nur möglich, wenn eine "Aussprache" zwischen und stattfindet. Und die Aussprache besteht darin, dass jeder zu einem winzigen Teil das Geheimnis dessen lüftet, was er von dem anderen weiß.

Oder wäre es ein Übel, ein schwerer, nicht wieder gutzumachender Schaden für die Menschheit, wenn man die Lehre der Durchschaubarkeit der anderen verkündete und danach handelte? Ich weiß es nicht; die Zukunft wird es entscheiden. Das jedoch scheint mir jedenfalls klar zu sein, dass unser Wert sich bestimmt nach dem Gewicht an konkretem Wissen, das wir in uns tragen, nach der Menge dessen, was wir verschweigen müssen.

Es sollte uns nachdenklich machen, dass Gott so schweigsam ist! Wie gut wahrt er sein Geheimnis! Vielleicht ist er so dramatisch verstummt, weil er zu viel über unser Inneres weiß und ein einziges Wort, welches enthüllte, was er von uns denkt, uns vernichten würde. Wir aber können uns ihm auf keine andere Weise nähern als dem Freund - vermittels einer "Aussprache". Und diese besteht darin, dass ein jeder sich selbst etwas von dem sagt, was Gott ihm sagen könnte, aber höflich verschweigt.: dass wir uns die Wahrheit über uns selbst bekennen. Das Symbol dafür ist die Konfession, und es überrascht uns nicht, dass die "Confessiones" des heiligen Augustin nichts anderes sind als eine Beschreibung seines Weges zu Gott.

Noch muss der große Brahman weiter verschwiegen werden. Wenn wir es heute verstohlen zeigen - unsere Meinung über den Freund oder die Freundin -, erscheint das so ungewöhnlich, dass es als Feindschaft verstanden und missverstanden wird.

Aber warum sollten wir nicht langsam, nach und nach, mit dieser neuen Kultur, dieser "novissima scienza" beginnen? Zuerst wäre darüber nachzudenken, welche Ausdrucksform die angemessenste ist: Der Dialog? Die Memoiren? Oder vielleicht der Roman? Hat die Menschheit vielleicht den Roman erfunden als eine Sprache, die in der Schule der Kunst reifen müsste, um eines Tages die erste Ausdrucksform des großen Brahman zu werden?

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Christoph Gäbler 21.07.2010