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Hirschluch 2004

Sternstunden - Toleranz und Solidarität - Europa und die Weltpolitik

Inhalt

Toleranz und Solidarität

Zur Toleranz in der Geschichte der Republik der Vereinigten Niederlande

Utopie für eine neue Weltordnung - Menschenrechte und Demokratie

Älter Werden? Wie macht man das?

Abschiedsfeier

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Toleranz und Solidarität

Von Bob ter Haar

Einführung

Wir werden eingeladen einen wichtigen Übergang zu machen. Zwischen dem Zeitalter wovon Lo Blok berichtet hat und unserer Gegenwart liegt nicht nur ein langer Weg, sondern eine Schlucht, die schwer zu überbrücken ist. Die tiefen und schnellen Veränderungen, die wir in unseren verschiedenen Gesellschaften erleben, führen zu neuen Aufgaben, die als immer neue und unerwartete Belastungen erfahren werden. Wir haben immer weniger Zeit uns auf diese Veränderungen einzustellen, uns daran zu gewöhnen oder unsere Lebenseinsichten daran anzupassen. Diese Belastung sollen wir uns m.E. deutlich bewusst machen, wenn wir miteinander über Toleranz und Solidarität nachdenken. Dazu brauchen wir Geduld und Respekt. Allzu oft neigen wir dazu unsere Mitmenschen, die etwas schneller laufen können mit "progressiv" zu bezeichnen, und andere, die mehr Zeit brauchen, als "konservativ" zur Seite zu schieben. Ich vertraue darauf dass wir hier die Tradition des offenen Gesprächs weiterführen werden.

Toleranz meint die Fähigkeit zu tragen und zu ertragen. Wie mehr Belastung, wie weniger Toleranz?

Zwei Sachen stehen uns zu tun:

  • die neue Belastungen zu benennen, zu analysieren und der Einfluss auf unser persönliches Leben bewusst zu machen.
     

  • Zu untersuchen, wie wir unsere persönliche und gemeinsame Belastungsvermögen stärken können.

Die Aufgabe zur Toleranz kommt auf uns zu auf zwei Ebenen:

  • Die persönliche Ebene.
    Wie können wir in Ruhe und Frieden weiterleben, wenn wir täglich konfrontiert werden mit Umständen, die die soziale Stabilität gefährdet?
     

  • Die Ebene der Öffentlichkeit.
    Welche Politik unterstützen wir? Wird unser politischer Vorzug bestimmt im Rahmen unserer Toleranz?

Solidarität ist ohne Toleranz gar nicht möglich.

Solidarität meint, dass wir nicht nur unsere eigenen Interessen vertreten, sondern auch die Interessen unsere Mitmenschen dienen wollen. Dazu ist nötig, dass wir sie wenigstens ertragen können.

Es gibt zweierlei Solidarität.

  • Die Solidarität innerhalb unseres eigenen Lebenskreises. Solidarität mit Genossen, mit Leuten die mit uns etwas gemeinsames haben wie Geschichte, Nachbarschaft, Kultur, Religion. Solidarität mit Leuten von den wir auch Solidarität zurückerwarten können. Eine Solidarität die "sich lohnt".
     

  • Die Solidarität die sich nicht, oder nicht direkt lohnt. Die vielleicht gegen unsere eigenen direkten Interessen steht. Also eine Solidarität die uns belasten kann und unsere Toleranz unter Druck stellt.

Heute geht es um diese zweite, ganz schwierige Aufgabe.

Diese schwierige Aufgabe kommt zu uns in zwei Bereichen:

  • der private Bereich, da wo ich persönlich belastet werde oder erschüttert oder herausgefordert werde von diesen Änderungen, wo es meistens geht um direkte Probleme und direkte Lösungen die mich hier und heute treffen.
     

  • der öffentliche Bereich, wo meine politische Entscheidung gefragt wird. Wo es geht um welche Entwicklungen ich bevorstehe.

Analyse

Es gibt im Bereich unseres gemeinsamen Lebens zwei tief eingreifende Umbrüche:

 1.  Das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Das Ende des Zweites Weltkrieges bedeutete das Ende der souveränen Einzelstaaten. Wir sind auf dem Wege zu einem Vereinten Europa. Grenzen sind verschwunden, ab 1. Mai 2004 können unzählbar mehr Leute als vorher frei durch Europa wandern, sich unter uns niederlassen.

Nicht als Auswanderer die von uns unter Bedingungen geduldet werden, wie noch der Fall war in der Geschichte, die Lo Blok uns geschildert hat, aber als Gleichberechtigte, die auch teilen die Rechte, die in unseren demokratischen Grundgesetzen verfasst sind.

Migration ist also nicht Ausnahme, sondern hat eine strukturelle Form gefunden.

 2.  Der Zusammenbruch des Staatssozialismus / Kommunismus.

Das Ende des Staatssozialismus bedeutet die Überwindung des Kapitalismus. Heute hat die Globalisierung des freien Marktes die Alleinregierung über die Ökonomie übernommen. Wir leben faktisch nicht mehr in Staaten, sondern in "a global village". Es wird für Europa praktisch nicht möglich sein eine "Festung Europa" zu bauen, die das Hereinkommen von Menschen aus der Dritten Welt hundertprozentig verhindern könnte.

Diese beide Daten bringen Migrantenströme, die hauptsächlich nur in eine Richtung gehen: von der armen Seite unserer Erde zu der reichen Seite. Von der Kultur der nichtchristlichen Welt zur Kultur der christlichen Welt, von einer Welt, wo die Aufklärung kaum das Denken und Leben von Menschen beeinflusst hat, zu einer Welt deren Denken und Leben von dieser Aufklärung geprägt worden ist. Werte die wir dieser Aufklärung verdanken wie Demokratie, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung von Menschen verschiedenster Art begegnen Werte, die diese Entwicklung noch kaum praktiziert haben.

Folgen

Die Folgen dieser Wandlungen sind unübersehbar. Jedenfalls bedeuten diese Wandlungen Bedrohungen auf zwei Ebenen.

 1. Die ökonomische Ebene

Die Migration von "Armen" in unsere Gesellschaften ist eine direkte Bedrohung für die Qualität unserer Versorgungssysteme. Es ist schon jetzt unmöglich das Niveau der Sozialunterstützung zu behalten. Im sozialen Bereich heißt das, dass viele "neue Bürger" vom Anfang Konkurrenten sind für Bürger, die schon länger da waren und damit die Toleranz unter Druck bringen. Das gleiche gilt für den Wettkampf auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, der Gesundheitsfürsorge und der Bildung.

 2. Die soziale und kulturelle Ebene.

Das - meistens unfreiwillige - Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen und Lebensgewohnheiten und der schnelle Verlust der eigenen Lebensverbände der Neulinge verursachen tief greifende soziale Destabilisierungen, die an sich wieder Ängste und Vorurteile empor bringen.

Die ganz natürliche Reaktionen sehen wir in all unseren Ländern mehr oder weniger im gleichen Maße: Die Toleranz der ursprünglichen Einwohner nimmt rasch ab, was in die Entwicklung der Politik sichtbar wird. Die Maßnahmen zu viel schärferen Einwanderungsbedingungen wachsen täglich. Die Bemühungen Migranten und Asylanten abzuschieben werden brutaler. Der Einsicht, dass Neulinge ihre eigene Kultur so schnell wie möglich vergessen sollen und sich der schon vorhandenen Kultur anpassen sollen, scheint beinahe "common sence" zu werden.

Dass viele Neulinge unter diesem Druck das Eigene zurückzudrängen nicht durchhalten, führt zur Stärkung ihrer Überlebungskräfte, zur Radikalisieren und zur Zuflucht zum Fundamentalismus, eine Entwicklung, die die Destabilisierung stark stimuliert.

Was sollen wir tun?

Die Zeit der klaren und eindeutigen Antworten und Lösungen ist vorbei. Möglich und notwendig ist es dennoch uns darüber klar zu werden, in welche Richtung wir die Entwicklungen beeinflussen wollen.

Es gibt eine Reihe von Entscheidungsmomente. Erstens mal im persönlichen Bereich. Da fängt es wirklich immer an. Erst danach können und sollen Entscheidungen im öffentlichen und politischen Bereich getroffen werden können.

Einige Entscheidungsmomente:

  • Denke und handele ich kurzfristig, oder langfristig? Möchte ich hier und heute die Situation in meinem Interesse ändern, oder möchte ich versuchen in die Zukunft, in die Welt unserer Kinder und Enkelkinder investieren? Wie finde ich Geduld? Wie behalte ich meinen Traum von einer gerechten Welt?
     

  • Will ich Alles einsetzen, um jetzt und heute zu bewahren, was ich im Leben erworben habe, oder finde ich Offenheit und Freiheit zum teilen mit denjenigen die bisher weniger Chancen gehabt haben? Woher soll ich Mut finden zu teilen von dem, was ich erworben habe?
     

  • Ist meine Kultur, meine Religion, meine Lebensauffassung die Beste? Und möchte ich mich bemühen andere Menschen zu dieser Kultur und Religion zu bekehren? Welche Kultur meine ich dann? Die Kultur der weißen Mittelklasse, die Kultur der enttäuschten Arbeiterklasse? Die Kultur des vergangenen Sozialismus oder des wachsenden Neo-Liberalismus? Oder bin ich der Meinung, dass unsere Grundrechte auf Freiheit und Gleichberechtigung auch bedeuten, dass meine Kultur und Religion einen wichtigen Beitrag liefern können zur Entwicklung einer neuen pluriformen Kultur, die für die neuen Aufgaben mehr angemessen sein kann? Woher hole ich dann das Vertrauen, dass auch in anderen Kulturen und Religionen Kräfte der Menschenliebe und des Friedenswillens verborgen bzw. vorhanden sind?
     

  • Will ich die erworbene Kultur der Gleichberechtigung von Rasse, Geschlecht und Religion verteidigen? Oder stimme ich der Entwicklung einer Gesellschaft mit Erstrangigen und Zweitrangigen Bürgern zu? Wo finde ich in mir den Brunnen für meine Toleranz und wie kann ich Solidarität lernen mit denjenigen, die mir vorläufig nichts bringen und die Ruhe meines Leben bedrohen?

Zum Schluss

Wir sind hier zusammengekommen und nicht alleine zu Hause geblieben. Das ist eine Entscheidung gewesen, die für alles Andere grundlegend ist. Alleine geht es nicht. Weil wir das was wir sind, was wir aufgebaut haben, das was uns lieb geworden ist, nicht alleine geschafft haben. Wir sind hier, weil wir zugehören zu einer Geschichte, einer Bewegung, einem organisierten Traum. Wir können der Zukunft nicht entgegenleben, wenn wir nicht diese Bewegungen des Vertrauens erneuern. Wir werden dazu berufen, auch im kleinsten Bereich der Freunde, zu investieren in eine neue Ökumene, die weiter geht und umfassender sein wird als diejenige die uns gemacht hat, was wir heute sind. "Wir brauchen eine Bewegung der Erschütterten mit den Verschwiegenen."

Inhaltsverzeichnis


Anstöße zur Diskussion über Toleranz und Solidarität.

1. Denken Sie an die Lage in ihrer Heimat im Bezug auf Fremdlinge, Einwanderer, Asylanten:

  • Welche Belastungen erfahren Sie im Alltag?

  • An was nehmen Sie vor allem Anstoß?

  • Was erfahren Sie als bedrohend für sich selbst / für die Gemeinschaft?

(Einfach benennen, vielleicht nicht beurteilen)

2. Die Bibel sagt in Leviticus 19 : 33, 34 folgendes: "Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch selbst Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott."

  • Wie kann so ein Wort hilfreich sein?

3. Welche Integration wollen wir?

  • Welche Anforderungen möchten Sie den neuen Mitbürgern stellen?

  • Welche Formen des Entgegenkommens möchten Sie den ursprünglichen Einwohnern ( sich selbst) fragen ?

Einfach mit Stichworte aufschreiben.

4. Was sind unsere Perspective und Hoffnungen ?

  • Was erwarten Sie in ihrer Heimat ( persönlich/ in der Gesellschaft) in der nächsten Zukunft?

  • Welche Entwicklung erhoffen Sie in der weiteren Zukunft?

  • Welche Beiträge könnten Sie leisten?

5. Positive Erfahrungen

  • Kennen Sie Beispiele aus ihrer Heimat von Initiativen die positiv gewirkt haben im Bereich der Solidarität ?

Inhaltsverzeichnis


Zur Toleranz in der Geschichte der Republik der Vereinigten Niederlande (1579 – 1795)

Von Lodewijk Blok

Die Niederländische Republik verdankte seine Existenz und Identität einer Revolution. Im Kampf gegen den habsburgischen Landesherrn, den König von Spanien, waren religiöse, politische, soziale und wirtschaftliche Faktoren unauflöslich miteinander verknüpft.

Zur Identität der Republik, die sich am Ende des 16. Jahrhunderts stabilisiert hatte, gehörte das. Monopol der Reformierten Kirche auf Öffentlichkeit ihrer Gottesdienste. Nur Mitglieder dieser Kirche dürften politische Ämter bekleiden. Schon im Anfang des Jahres 1573 wurde von den Staaten der Provinz Holland jede Ausübung der katholischen Religion verboten. Mit einem Erlass der niederländischen Generalstaaten wurde 1581 das Verbot für das Territorium der freien Provinzen bestätigt und 1622, 1629, 1641 und 1648 in fast gleichen Wortlaut wiederholt. Nichtreformierte Glaubensgemeinschaften sollten ihre Zusammenkünfte heimlich durchführen in so genannten "schuilkerken", versteckten Kirchen. Nach Ansicht der militanten Reformierten waren die Katholiken in die Position von potentiellen Verrätern geraten. Päpstliche Verwegenheiten sollte man also nicht tolerieren.

Andererseits gab es persönliche Gewissensfreiheit. Als in den 70er Jahren die spanische Armee fast alle Städte in Flandern, Brabant, Geldern und Overijssel eroberte, wurde 1579 von Holland, Seeland und Utrecht einen militärischen Schutzbund gegründet, die Utrechter Union, die vorerst keine Erfolg nachzuweisen hatte.

Im Rahmen der Geschichte der Toleranz ist die Union von Bedeutung wegen des 13. Artikels wobei die Religionsproblematik an die einzelnen Provinzen verwiesen wurde. Dabei wurde aber die allgemeine Bedingung formuliert, dass jedermann persönliche Religionsfreiheit genießen solle und niemand wegen der Religion verfolgt werden dürfe. Übrigens blieb in 17. Jahrhundert die katholische Kirche zahlenmäßig die größte Religionsgemeinschaft. In Amsterdam waren um 1650 etwa 50 Versammlungsorte der Katholiken bekannt. Es handelte sich um eine heimliche Toleranz. Die Gewissensfreiheit bot der praktischen Toleranz Möglichkeiten.

Der politische Realist Wilhelm von Oranien (1533 1584) hat schon 1573 die Konsequenz aus der Lage gezogen und sich der Reformierten Kirche angeschlossen. Die Entwicklung der reformierten Gemeinden zur Kirche mit privilegiertem Status wurde prinzipiell kritisiert von Dirck Volkertszoon Coornhert (1513-1590). Dieser Kupferstecher, Drucker, autodidaktischer Theologe und hohe Beamte hat später die ausführlichste Abhandlung des 16. Jahrhunderts zur Religionsfreiheit verfasst: "Synodus van der conscientien Vryheydt" (1582).

Unser erste Zeuge war der Meinung der mündige und vernünftige Mensch solle in Religionsfragen anhand der biblischen Wahrheit selbst entscheiden und sich nicht auf Priester und Paffen verlassen. Wer den rechten Glaube habe und was der rechten Glaube sei, könnten sterbliche Menschen nicht entscheiden. Darüber wird einmal Christus als Richter urteilen. Einstweilen sollen die verschiedenen Glaubensrichtungen nebeneinander bestehen. Hier verwendet Coornhert für seine Argumentation die bekannte Parabel aus dem neuen Testament (Matthäus 13) über das Unkraut und den Weizen, die bis zur Ernte zusammen aufwachsen müssen.

Das die Gewissensfreiheit innerhalb der Reformierten Kirche ziemlich beschränkt war, wurde klar in der politischen Krise von 1617 - 1619, die mit einem Theologenstreit über die Prädestination angefangen hatte. Der Statthalter Prinz Maurits von Oranien (1567-1625) griff mittels eines Staatsstreichs ein. Eine Nationalsynode verurteilte die Auffassungen der Remonstranten, die der menschlichen Verantwortlichkeit einig en Raum zubilligten. Pfarrer und Theologieprofessoren wurden entlassen, Politiker festgenommen. Der Landesadvokat der holländischen Staaten wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Remonstranten bildeten 1619 in Antwerpen eine eigene Organisation. Schon 1630 wurde mit Wissen der Magistrat in Amsterdam die erste Remonstrantische "versteckte Kirche" gebaut.

Der Frieden von Münster bedeutete 1648 die formelle völkerrechtliche Anerkennung der Republik. Im gleichen Jahr wurde der Bau des neuen stolzen Rathauses in Amsterdam, des "Friedenstempels" begonnen. Der Frieden bedeutete auch eine Bestätigung der Position der öffentlichen Kirche, der Reformierten Kirche in der Republik. Die Katholiken, Lutheraner, Remonstranten. und Mennoniten hatten sich weiterhin mit einer untergeordneten Rolle, als Bürger des zweiten Ranges abzufinden.

Zur Erläuterung dieser sonderbaren Verhältnisse folgen jetzt einige Gedanken von Pieter de la Court (1619 -1695), leitender Tuchfabrikant, Kaufmann und politischer Publizist. Besonders sein zweites Buch von 1669 - schon 1671 erschien eine deutsche Übersetzung - soll hier kurz vorgestellt werden: "Anweisungen der heilsamen politischen Gründen und Maximen der Republicquen Holland und West-Friesland". Unser zweite Zeuge führt aus, dass Holland aus Mangel an natürlichen Reichtümer auf das Meer, die Seefischerei und den Handel angewiesen sei. Deshalb zeichneten sich Amsterdam und Holland durch ihren Wohlstand aus. Es gehe darum diesen köstlichen Segen des Ewigen zu bewahren. Zu den Mitteln dies zu sichern nennt De la Court an erster Stelle die Religionsfreiheit. Namentlich die Verfolgung der Katholiken wäre schädlich, weil die nämlich viele Ausländer und auch Holländer veranlassen könnten Holland zu verlassen. Es ist akzeptabel, das es eine öffentliche Kirche gibt, aber den Katholiken sollte man auch Freiheiten zubilligen. Zusammenkünfte der Katholiken könnten mit der Regierung angenehmen Priestern in Privathäusern bekannter Bürger zugelassen werden. Eine solche Politik werde den Untertanen Frieden und Freundschaft bringen und der wahren reformierten Religion Auftrieb verleihen. Verfolgung wäre zudem ungerecht, weil doch die Regierung und Reformierte sich immer des Kampfes gegen Spanien um die Freiheit rühmten.

Wie wurden Immigranten, bzw. Flüchtlinge, von der Republik der Vereinigten Niederlande aufgenommen. Vor allem handelt es sich dabei um reformierte Flüchtlinge aus den südlichen Niederlande - Artois, Hennegau, Brabant und Flandern. Die Eroberungen der spanischen Armee - z.B. Gent 1584 und Antwerpen 1585 - veranlassten viele Reformierte ihre Heimat zu verlassen. In den letzten Dezennien des 16. Jahrhunderts stärkten diese Flüchtlinge - etwa 100.000, darunter 300 Prädikanten - die junge nördliche Republik wirtschaftlich und geistig. Die flämischsprachigen Flüchtlinge waren schon um 1630 kaum noch als Gruppe erkennbar und in die nördliche Gesellschaft integriert. Die Integration der französischsprachigen Südniederländer brauchte mehr Zeit. Das hatte auch mit der Immigration von Hugenotten, Reformierte aus Frankreich, zu tun. Nach der Aufhebung des Toleranzediktes (1685) entschieden sich mehr als 200.000 reformatorische Christen Frankreich zu verlassen. Etwa 50.000 oder 60.000, darunter 360 Prädikanten, haben sich in der Republik niedergelassen. Die schon existierenden französischsprachigen "wallonischen" Gemeinden wurden gestärkt und neue gegründet. Die französischen Glaubensgenossen waren nicht nur wegen ihrer Religion willkommen Man versprach sich viel von den Fähigkeiten dieser Flüchtlinge für die Textil- und Seidenindustrie. In einigen Jahren erhielt Amsterdam 12.000 neue Einwohner, wovon mehr als 2.000 kostenlos das Bürgerrecht bekamen, vielen wurde für einige Jahre Steuerfreiheit gewährt. Als sich später auch arme Hugenotten als Zuwanderer meldeten, wurden ihnen solche günstigen Bedingungen nicht zugebilligt.

Nicht nur reformierte Glaubensgenossen wurden als Immigranten in den Niederlanden aufgenommen. Die jüdische Geschichte der Neuzeit fängt in den Niederlanden am Ende des 16. Jahrhunderts an, als sich die ersten Portugiesisch und Spanisch jüdischen Kaufleute, die Sefardim, in Amsterdam niederließen. Die Mehrzahl dieser Immigranten waren Neuchristen, das heißt Christen jüdischer Herkunft, die zunächst in Spanien und Portugal unter Zwang getauft worden waren. In Amsterdam angekommen wollten viele als Juden nach den althergebrachten Traditionen leben und gründeten eine Religionsgemeinde "Beth Jacob", eine Schule, ein Friedhof und eine koschere Fleischhalle.

In den Spuren der Sefardim kamen auch Aschkenasim, Juden aus Mittel- und Ost-Europa, die 1639 eine Gemeinde gründeten. In Amsterdam war 1670 die Hochdeutsche Gemeinde mit etwa 5.000 Mitgliedern schon zweimal größer als die Portugiesische. Dass es zur Zeit der Republik niemals zu einem Statut in Hinsicht auf die jüdischen Gemeinschaften gekommen ist, stand ganz in Einklang mit der dezentralisierten Struktur dieses Staates. In den Provinzialstaaten von Holland hat man ernsthaft versucht, ein Statut zu verabschieden. Dazu hatte der Rechtsgelehrte Hugo de Groot (Grotius, 1583-1645) ein Konzept geliefert. Im Grunde genommen war unser dritte Zeuge an diesen Fragen nicht so sehr interessiert. Es folgen einige Aspekte seiner Argumentation, "J.Meiier,(Hrsg.), Hugo de Groot; Remonstrantie nopens de ordre, dije in de landen van Holland ende Westvrieslandt dijent gestellt op de Joden" (Amsterdam 1949/5709):

  • Weil es offenbar der Wunsch des Allerhöchsten ist, das sie [die Juden] irgendwo verbleiben, warum denn nicht in Holland; zumal dies den Christen für die bessere Kenntnis der hebräischen Sprache nützlich sein könnte.

  • Die städtischen Obrigkeiten sollten aber nur einer beschränkten Zahl von Juden die Niederlassung ermöglichen.

  • Da es in Holland viele Religionsgemeinschaften gibt, sei hier das Prinzip der religiösen Gleichheit aller Einwohner sowieso nicht durchzusetzen.

  • Am wenigsten Schwierigkeit wird die Religion verursachen, die sich am meisten von den anderen unterscheidet, unter Brüdern wird doch am schärfsten gestritten.

  • Es sollte den Juden gestattet sein, ihre Gottesdienste in bestimmten Häusern abzuhalten, damit sie die christlichen Gutherzigkeit kennen lernen.

Am 8. November 1616 hat die Stadt Amsterdam eine, eigene Anordnung ('Keur') getroffen, in Bezug auf die jüdische Nation. Der Inhalt besagt u.a.:

  • Den Juden werden alle Beziehungen mit christlichen Frauen verboten.

  • Auch Versuche Christen zum Judentum zu bekehren und unchristliche Äußerungen sind verboten.

  • Die Juden sollen sich in aller Bescheidenheit benehmen und die Anordnungen der Stadt einhalten.

  • Mit einer speziellen Vereidigung wurde es den Juden ermöglicht in nicht jüdischen Gerichten den Rechtsweg zu beschreiten.

Seit der Anordnung von 1616 waren die jüdischen Gemeinschaften in Amsterdam als "Nationen" anerkannt. Sie besaßen eine große Autonomie in den Bereichen der Religion, des Unterrichts, der Ordnungsübung, der Besteuerung und Armenfürsorge. Die Hochdeutsche, Aschkenasische Synagoge von 1671 und die Portugiesische Synagoge von 1675 sind bis zum heutigen Tag imposante schöne Gebäude, die das Bild der Ostseite der Innenstadt von Amsterdam bestimmen.

Zu erwähnen ist, dass in wirtschaftlicher Hinsicht die jüdischen Gemeinschaften strikten diskriminierenden Beschränkungen ausgesetzt waren. So standen die Zünfte im allgemeinen den Juden nicht offen. Eine amsterdammer Kür verbot 1632 den Juden alle Ladengeschäfte. Zur Zeit der Republik gab es kaum Assimilation der jüdischen Nation. Zunächst hatte das natürlich mit der Religion und allem was damit zusammenhängt zu tun. Auch spielten die Autorität der Parnassim (Vorstandsmitglieder) und die jiddische Sprache eine Rolle. Die Armut war ein zusätzliches Merkmal der jüdischen Minderheitsgruppierungen. Am Ende des 18. Jahrhunderts waren 40 Prozent der portugiesischen und 70 Prozent der aschkenasischen Gemeinde bedürftig. Mozes Salomon Asser hat es mal so formuliert: "Man hat uns gestattet in der Öffentlichkeit Psalmen zu singen und vor Hunger umzukommen." In der Republik wurden 1796 etwa 30.000 jüdische Einwohner gezählt, wovon 25.000 in Amsterdam. Für die Stadt bedeutete das 11 Prozent der Bevölkerung. Das alte Regime wurde 1795 mit französischer Hilfe gestürzt. Die Republik der Vereinigten Niederlande musste der Batavischen Republik weichen. Es folgte zögernd die Modernisierung der Niederlande. August 1796 wurde mit einer Verfügung der gewählten Nationalversammlung alle christlichen Glaubensgemeinschaften gleichberechtigt. Nach längeren Diskussionen erhielten am 3. September 1796 auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaften die Gleichberechtigung.

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Anstöße zur Diskussion

  • Bis vor kurzem wurde man eingeladen Vorträge zu halten über Toleranz, Respekt usw. Jetzt ist die Thematik ganz klar verschoben und ist der Begriff Integration mehr an der Tagesordnung. Es ist mal Zeit anzudeuten, was man mit Integration meint und die meist ideale Form einer Integration zu umschreiben.

  • Ich möchte daran erinnern, wie in der Thora von Migranten geredet wird; zum Beispiel Exodus 23, Vers 9: "Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken, denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, derweil ihr auch seid Fremdlinge in Ägyptenland gewesen". (Lutherbibel 1534)

  • Der ungarisch-jüdische Autor György Konrad (1933):"Vom Exil. Ein Essay über das Verschwinden zu Lebzeiten" (Die Zeit, 22 Dezember 2003). Über den Auswanderer: "In der Heimat vermisst ihn niemand, in der Fremde erwartet ihn niemand." 

  • Salomon Korn, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, Frankfurt am Main zum Thema Normalität im Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland (Die Zeit, 5 Juni 2003): "Normalität setzt voraus Unterschiede anzuerkennen, um den Verdacht zu entgehen, sie pflegten Vorurteile, vermeiden es wohlmeinende Deutsche, über die Verschiedenheit von Juden und Nichtjuden zu sprechen. Doch erst die Einsicht ,dass Vielfalt der Normalfall ist, ebnet den Weg zu einem unbelasteten Zusammenleben.

  • Hinzuzufügen wäre: "Die Nostalgie einer homogenen Gesellschaft der Vergangenheit zu pflegen ist naiv und gefährlich. Naiv, weil es eine solche Gesellschaft auch in der Vergangenheit nie gegeben hat. Gefährlich, weil sich aus diesem Mythos leicht Xenophobische Vorstellungen entwickeln können." 

  • Und zum Abschluss eine Bemerkung der Kolumnistin Elsbeth Etty (NRC Handelsblad, 6 januari 2ffl): "Mit Gleichheit und Gleichberechtigkeit wird ein Zustand angedeutet, wobei man ohne Angst anders, verschieden sein kann."

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Utopie für eine neue Weltordnung - Menschenrechte und Demokratie

Von Walter Hiller

Seit dem Jahr 1948 gibt es das Dokument der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte". Dieses Dokument stellt etwas völlig Neues in der Geschichte der Menschheit dar. Hier wurde zum ersten Mal ein System von grundlegenden Prinzipien und Werten des menschlichen Zusammenlebens in freier Entscheidung von der Generalversammlung der Vereinten Nationen und damit von der Mehrheit der auf der Erde lebenden Menschen, vertreten durch ihre Regierungen, angenommen. Mit dieser Erklärung wird ein Wertesystem universal und eine Regelung für das Zusammenleben der künftigen Gemeinschaft aller Menschen und aller Staaten. In unserer europäischen Geschichte ist diese Universalität das Ergebnis einer ganz allmählichen Entwicklung. (Ausgehend von der französischen Revolution 1789, wird sie danach zur Grundlage einer neuen Staatsauffassung. Der Staat ist nicht mehr absolut.)

Menschenrechte in der Defensive

Alle Politik hat sich auf den international verbindlichen Menschenrechten zu gründen! Dieser Grundsatz war bis zum 11. September 2001 zumindest in Rechtsstaaten und in internationalen Organisationen Konsens. Der Kampf gegen den "Terrorismus" hat diesen Konsens aufgekündigt. Sicherheitspolitik wurde und ist das Gebot der Stunde. Und viele, auch westliche Regierungen betrachten und behandeln Menschenrechte als ein Hindernis für Sicherheit. Zweifelsohne ist Sicherheit ein zentrales und unbedingt schützenswertes Gut. Nur: Was ist Sicherheit? Und für wen gilt sie? Wer hier genau hinhört, wie z.B. in der NATO über einen "erweiterten" Sicherheitsbegriff diskutiert wird, hört nur Altbekanntes. Nach wie vor wird Sicherheit vor allem militärisch staatlich und ökonomisch strategisch gefasst und mit solchen Mitteln angestrebt. Der Irak- Krieg mit all seinen negativen Folgen macht dies deutlich und deshalb ist dieses Denken falsch und gefährlich. Sicherheit und Menschenrechte schließen sich nicht aus, sondern ergänzen und bedingen sich gegenseitig. Ein Sicherheitsbegriff ist erst dann wahrhaft "erweitert", wenn er sich als menschliche Sicherheit versteht. Nach dem von der UN seit 1994 entwickelten Konzept der menschlichen Sicherheit beginnt diese im Alltag der Menschen und das bedeutet letztlich: Menschen sollen frei von Not und frei von Furcht leben können.

Die globale Gesellschaft

Wenn wir davon ausgehen, dass Gesellschaft das umfassendste System menschlichen Zusammenlebens darstellt, so setzt dieses Zusammenleben potentiell die Beziehung bzw. Vernetzung jedes Menschen mit jedem Menschen voraus. Dies erfordert eine gewisse Dichte des Zusammenlebens, die sich global durch den Anstieg der Weltbevölkerung von 0,5 Mrd. 1500, auf 1,7 Mrd. 1900, auf 6,1 Mrd. 2000 ergeben hat und sich auf 8,9 Mrd. 2050 fortsetzen wird. Menschliches Zusammenleben macht soziale Regeln erforderlich und diese Regeln schafft und implementiert Politik. Die Geschichte lehrt uns, so Paul Kennedy in seinem Buch "Aufstieg und Fall der großen Mächte": Das internationale System, ob es nun eine Zeitlang von sechs oder nur zwei großen Mächten beherrscht wird, bleibt anarchisch das heißt, es gibt keine größere Autorität als den souveränen egoistischen Nationalstaat. Betrachten wir allerdings die Weltwirtschafts- und Weltfinanzstrukturen im Rahmen des Prozesses der Globalisierung, stellen wir fest: Global agierende Konzerne und Finanzinstitutionen übertreffen längst den Einfluss der Mehrzahl der 185 UNO- Mitglieder und selbst im Verhältnis zu den zwei Supermächten, den USA und China, ist ihr Einfluss beträchtlich. Dagegen liegt eine Alternative bzw. die Handlungsoptionen im globalpolitischen handlungsorientierten Bewusstsein einer globalen Zivilgesellschaft, in globalen Institutionen und einer global organisierten Demokratie.

Auf dem Weg zur Entwicklung einer Weltgesellschaft

Die Entwicklung zur Weltgesellschaft muss Nachhaltigkeit zur Voraussetzung haben. Diese Entwicklung ist dann mehr als der Übergang von arm zu reich, von der agrarischen zu einer industriellen Wirtschaft. Diese Entwicklung umfasst materiellen Reichtum, menschliche Würde, menschliche Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. Vor diesem Hintergrund brauchen wir eine wesentliche Erweiterung unseres herkömmlichen Gerechtigkeitsbegriffs. Dazu gehören: Einbeziehung der Natur, Schutz unserer natürlichen Umwelt, Akzeptanz des kulturellen Pluralismus, Rechtliche Integration kultureller Minderheiten, Einbeziehung zukünftiger Generationen, Garantie einer demokratischen Öffentlichkeit und sichern von rechtlichen und sozialen Bedingungen, die dem Einzelnen heute und zukünftig ein intaktes Leben in einer demokratischen Gesellschaft ermöglichen.

Menschliche Sicherheit betrifft sowohl die Gefährdung der individuellen Sicherheit innerhalb von Staaten, die durch unzureichende Fähigkeiten die Sicherheit ihrer Einwohner nicht garantieren können, als auch im globalen Sinne, was nach dem 11. September zu erhöhter internationaler Aufmerksamkeit führte. In der momentanen Situation ist die Gefährdung der Bewohner in den weniger entwickelten Ländern durch Terrorismus weitaus höher als in den USA oder Europa. Deutlich geworden ist aber auch: Die Welt befindet sich in einem außerordentlich bedrohten Zustand - bedroht sowohl durch Terrorakte, als auch wegen der harten Vergeltungsmaßnahmen. Gleichzeitig wird von bestimmten Stellen, Philosophen, Professoren, Politiker und Medien diese Auseinandersetzung als "Kampf der Kulturen" gedeutet und dabei die von wenigen Menschen verübten Terrorakte in ein vorgeblich globales Strickmuster eingefügt. Dagegen wird viel zu wenig über die Ursachen von Terrorismus nachgedacht und geredet. Wichtig dabei ist zu erkennen, wie die westlichen Staaten in der Zweiten und Dritten Welt wahrgenommen werden. Handeln sie wirklich im Sinne einer fairen und gerechten Zusammenarbeit und Entwicklung oder wird der Westen nicht vielmehr als ausbeuterisch und heuchlerisch wahrgenommen? Massenarmut in den Ländern des Südens ist nicht einfach Schicksal, sondern eine Konsequenz der gegenwärtigen Ordnung der Welt. Und Krieg zu führen gegen den Terrorismus, wie ihn die USA und andere "willige" Staaten ausgerufen und glauben führen zu müssen, ist ein Weg in die Sackgasse.

Menschenrechte beinhalten das Recht auf kulturelle Identität. Globalisierung findet statt in einer Welt mit kulturellen Unterschieden. Deshalb ist es verständlich, wenn andere Länder, z.B. islamische Staaten, sich gegen universelle Ansprüche der westlichen Kultur abgrenzen. Weltweit besitzen wir viele unterschiedliche Identitäten, die mit Religion, Sprache, Kultur, Nationalität, aber auch politischer Oberzeugung zu tun haben. Dabei spielt die Religion in weiten Bereichen eine nicht unwichtige Rolle, wobei genau auf dieser Basis religiöser Fundamentalismus sich noch stärker auf Religion konzentriert und mit Hilfe der Religion die Menschen auseinander dividiert. Religion stiftet eben keine alles umspannende Identität und kann sie auch niemals stiften. Von überragender Bedeutung ist doch viel mehr, dass wir die Menschen als jene außerordentlich reichen und vielseitigen Kreaturen anerkennen, die wir nun einmal sind. Deshalb sollte der Zugang zu kultureller Vielfalt im Prozess der Globalisierung als eine Quelle humanen Reichtums akzeptiert werden.

Menschenrecht als Recht auf Bildung. Allein durch Bildung, in welchem Land auch immer, ist soziale Integration möglich. Zweifelsohne besteht ein Zusammenhang zwischen Bildung und Lebenserwartung und Lebensqualität, zwischen der Fähigkeit zu lernen und zu schreiben und der Teilnahme an humanen Möglichkeiten. Noch sind etwa eine Mrd. Menschen Analphabeten. Der niedrige Stand der Entwicklung weiter Teile der Menschheit, wovon insbesondere Frauen betroffen sind, könnte durch eine entschlossene und aufgeklärte Anstrengung überwunden werden. (Bis 2015, so das Ziel der UN, soll die volle Alphabetisierung erreicht sein.)

Weltgesellschaft und Demokratie

Es ist höchste Zeit, effektive demokratische Strukturen globaler Politik zu schaffen. Die Akteure dieser Politik müssen demokratisch legitimierte Repräsentanten der globalisierten Gesellschaften und damit der Weltgesellschaft sein. Demokratie auf globaler Ebene hängt ab von der Leistungsfähigkeit wie der Legitimität der Institutionen. Demokratisierung der globalen Institutionen und damit der globalen Politik setzt eine klare konzeptionelle Entwicklung voraus, nämlich die Entscheidung für ein globalres System repräsentativer, also parlamentarischer Demokratie. Wo immer und in jedem Fall muss das System transparent sein und politische Alternativen möglich machen. Die bis heute existierenden und agierenden Institutionen entsprechen nicht einmal in Ansätzen dieser Vorstellung. Diese werden bestimmt von politischen und ökonomischen Machtinteressen der UN Sicherheitsrat als Instrument der Supermächte und die internationalen Finanzinstitutionen werden dominiert von den G 7, dem zwischenstaatlichen Entscheidungszentrum der globalen Wirtschaftspolitik.

Neue gerechte Weltordnung oder Barbarei - Eine andere Welt ist möglich (Attac)

Ein Blick zurück in unsere europäische Geschichte bis zur heutigen Einigung und dem friedlichen Zusammenleben in Europa zeigt, dass es ein langer und schwieriger Prozess war, der durch Kriege und Zerstörung führte und mit großem Leid und Elend für viele Menschen verbunden war. Und scheinbar ist es die Tragik und das Schicksal der Menschheit, erst über diesen Weg zueinander zu finden. Wichtig in diesem Prozess war aber, dass es immer Menschen und Gruppen gab und gibt, die mit starkem Willen, viel Geduld und letztlich einer überzeugenden Aufklärung diesen Weg verfolgten und nach vielen politischen Auseinandersetzungen das Ziel erreichten. Wenn wir heute über einen weiteren Schritt reden, dem Schritt hin zu einer Weltgesellschaft, so ist das nicht weniger utopisch als vor 50 Jahren die Vision einer Europäischen Union. Allerdings, der Weg zu einer befriedeten Weltgesellschaft wird auf Grund der gegenwärtigen Kräfte und Machtkonstellation genau so verbunden sein mit Krieg und Terror, wie wir das in Europa erleben mussten. Ein Konzept für diesen Weg ist das Dokument der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" und den weiteren in den vergangenen Jahrzehnten durch die UN erlassenen Konventionen. Es gibt keinen anderen Weg für eine Befriedung der Kulturen und der Völkergemeinschaft. Jeder andere Weg führt in die Barbarei.

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Älter werden

Von Irmgard Pfütze

Mit Gedanken von Hans – Dieter Hüsch, einem Kabarettisten aus Köln, möchte ich meine derzeitige Einstellung zum Älterwerden beginnen:

"Und hinter der Stirn wird der Mensch ein anderer
Kommt in die Jahre sagen die Nachbarn
Kommt in die Jahre
Sehen selbst nicht viel anders aus
Verwüstet verwahrlost
Dennoch ziehen Schönheit und Güte in Manches Gesicht
Gemüt kommt auf wie eine Serenade
Wer aufgibt wächst nicht mehr
Erst wenn alles getan alles ertragen alles gesehen
Und alles gelebt sind wir dem Himmel am nächsten
Und können unsere Rechenschieber vergessen
Denn unsere Maßstäbe taugen dann nicht mehr
Gott mißt mit anderen Ellen
Und lässt uns bis in den Himmel wachsen ..." 

Eine Frau aus unserer Gemeinde hat ein Zusammensein von jüngeren Rentnern organisiert. Diesem Kreis habe ich mich angeschlossen. Wir kommen einmal im Monat zusammen und sprechen über Themen, die uns interessieren.

Vor ein paar Monaten haben wir zu zweit ein Thema über Gelassenheit im Alltag vorbereiten wollen und es gab hinsichtlich des Vorbereitungstermins Schwierigkeiten. Die andere Vorbereitende hatte vormittags französisch, nachmittags englisch, den nächsten Tag Yoga, dann Fastenkursus, dann Tunesienreise etc., etc., ...

Es war schwierig, diese Abstimmung. Mitten hinein in unsere Diskussion kam der Brief der niederländischen Vorbereitungsgruppe mit der Thematik des Älterwerdens - wie man das macht - und ich dachte, meine Bekannte wäre für diese Thematik sehr geeignet und legte das Thema mit der Frage nach der Machart des Älterwerdens beiseite und freute mich auf die politischen Themen.

Ich dachte, wir sind in dieses Älterwerden hineingestellt und je nach unserem geistigen, seelischen und körperlichen Kräftevermögen können wir möglicherweise diese Lebensstufe leben.

Bei einem späteren Telefongespräch erzählte ich Rita, dass eines unserer Rentnerkreis-Themen "Gelassenheit im Alltag" ist und daraufhin sprach mich Rita an, ob ich über das Älterwerden etwas sagen könnte, da die Fragestellung "wie man das macht" doch sehr humorvoll gedacht sei. So habe ich in der Literatur etwas nachgesucht und bin bei Hermann Hesse stehen geblieben. Ich möchte aus seiner "Lektüre für Minuten" einiges zitieren:

"Das Alter hat viele Beschwerden, aber es hat auch seine Gnadengaben, und eine von ihnen ist diese Schutzschicht von Vergessen, von Müdigkeit, von Ergebenheit, die es zwischen uns und unseren Problemen und Leiden wachsen lässt. Es kann Trägheit, Verkalkung, hässliche Gleichgültigkeit sein, aber es kann, ein klein wenig anders vom Moment beleuchtet, auch Gelassenheit, Geduld, Humor, hohe Weisheit und Tao sein.

*

Was wäre mit uns Alten, wenn wir das nicht hätten: das Bilderbuch der Erinnerung, den Schatz an Erlebtem! Kläglich wäre es und elend. So aber sind wir reich, und wir tragen nicht nur einen verbrauchten Leib dem Ende und dem Vergessen entgegen, sondern sind auch Träger jenes Schatzes, der so lange lebt und leuchtet, als wir atmen.

*

Erst im Altwerden sieht man die Seltenheit des Schönen, und welches Wunder es eigentlich ist, wenn zwischen den Fabriken und Kanonen auch Blumen blühen und zwischen den Zeitungen und Börsenzetteln auch noch Dichtungen leben." 

Und zum Schluss aus seinem Gedicht "Stufen":

"Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten."

soweit Hermann Hesse.

Wenn wir in unserem Leben zurückdenken, dann haben wir wohl alle die Erfahrung gemacht, dass wir manchen Lebensraum alles andere als heiter durchlaufen haben.
Und – wenn ich an Bekannte und Freunde aus meiner Umgebung denke – dann kommt unsere jetzige Lebensstufe einer Bergbesteigung gleich, die uns Mühe abverlangt und der wir oft nicht mehr gewachsen sind.

Deshalb möchte ich mich auf Dinge besinnen, die unserer Lebensetappe eine gewisse Gelassenheit geben können.

Vor einiger Zeit zeigte uns eine Frau ihre Dias aus der Tatra (einem Hochgebirge in der Slowakei). Vor ungefähr 35 Jahren war ich selbst dort und obwohl es viele Jahre zurücklag – es war wieder so greifbar nahe:

Die Blumenwiesen
und oben auf dem Gipfel um mich herum: die Steine
und der Blick in die Täler
und ich atmete die Stille, die damals empfunden habe.

Nichts, aber auch gar nichts hatte sich geändert – es war ein beglückendes Gefühl.

Und das sollten wir in uns stark machen – die angenehmen Erinnerungen, von denen unser Gedächtnis bewohnt ist.

Dieses Innehalten an so gute Erfahrung kann uns gelassen machen und Vertrauen für das Leben geben, das noch vor uns liegt. Es ist auch ein Glück, dass wir nicht mehr ständig etwas leisten und tun müssen. Wir müssen nicht mehr alles fertig bringen, was wir in unserem Leben gern getan hätten.

Das bedeutet aber auch, dass wir einem der schwersten zu buchstabierenden Wörter in unsrem Leben Einlass geben: Geduld

d.h. ausharren, sich einlassen ohne das Ergebnis zu kennen.
Es ist die Zeit, in der ein Mensch mitunter nichts tun kann, als zu warten.

Es ist vielleicht die reifste Form der Gelassenheit, denn in diesem Zustand des Nichtstuns setzt man alle seine Kräfte ein.
So mancher von uns wird es gewöhnt sein, Probleme oder überhaupt das Leben durch Aktivität anzugehen, ständig ein Handy bei sich zu tragen, um immer erreichbar und informiert zu sein.

Und das Alter - wenn es ein bis’chen weise werden soll, dann bedarf es , dass ganz andere Töne in uns wach werden: die leisen Töne.

Ich habe in den vergangenen Jahren öfters eine Frau im Pflegeheim besucht. Wir kannten uns lange – aus einer Zeit, in der sie noch aktiv mitten im Leben stand.

Dann schwanden die Kräfte und es gab eine Zeit, da konnte sie nicht mehr sprechen und wurde durch eine Sonde ernährt.

Von dieser Frau ist etwas ausgegangen, was ich nicht hätte in Worte fassen können. Aber ich bin bei der Vorbereitung zum Thema Gelassenheit auf eine Betrachtung gestoßen, die mir einem Nachruf auf diese Frau, die inzwischen nicht mehr lebt, gleichkommt:

"Solche Menschen wohnen auch mitten unter uns, leise und langsam. Ihr Wettlauf ist vorbei. Sie haben keine Eile zu leben, sie haben die Ruhe, in der Welt zu sein und die Ruhe, aus der Welt hinauszugehen. Sie wissen: Alles hat seine Zeit, zum Reifen, zum Wachsen, zum Ernten, sie kennen die Geheimnisse des Herzens, stürzen sich nicht mehr in die äußeren Werke, Nichtstun bringt Verwandlung und Segen. Sie haben ihren Frieden gefunden, zu Lebzeiten. Im Laufe vieler Jahre sammelten sie Gewinne und Verluste, und häufiger als einmal führte das Leben manche von ihnen an die Grenzen der tiefsten Erkenntnis: dass es Tod und Auferstehung mitten im Leben gibt. Die Wiederholung solcher existenziellen Erlebnisse verdichtet sich zu einer Erfahrung, die man Lebensweisheit nennt. Einer Gelassenheit, von der uns nur alte Menschen berichten können, weil sie wissen, was jeder Mensch wissen sollte: dass wir sterben müssen. Heiter durchschreiten sie Raum um Raum, wie Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen" schrieb. Sie sahen zehntausend Dinge entstehen und vergehen, wieder und wieder. Ihr Werk ist getan. Wer sein Leben riskiert hat, muss das Ungelebte, den Tod nicht fürchten. Jene weisen Alten ziehen an der Spitze der Karawane, in der wir alle gehen, vom Leben in den Tod. Sie sind die Gestrigen und die Morgigen, gehen uns nur ein Stück voraus und zeigen ihre letzte große Übung: Loslassen in Gelassenheit."

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Von dem "Altwerden"

Von Terttu Pihlajamaa

Ich habe vor einem Jahr an einer Busfahrt mit 50 Senioren teilgenommen. Während der Reise durften die Reisenden selbst Programm aufführen, singen, Witze erzählen, und viele haben es auch von ganzem Herzen gemacht. Eine Frau ist zum Beispiel aufgestiegen, das Mikrofon gegriffen und diese Erzählung über das Altern, uns zur großen Freude, gelesen:

Heute

liegt alles viel weiter weg als früher.

  • Zu der Straßenecke ist es ein zweimal so langer Weg als früher und ich habe es bemerkt, dass ein Hügel dazwischen gewachsen ist.

  • Ich laufe nie mehr zur Bushaltestelle. Der Bus fährt schneller als früher ab.

  • Es kommt mir so vor, dass die Treppen steiler als vorher gebaut sind.

  • Hast du es beobachtet, dass man heutzutage so kleine Buchstaben in den Zeitungen anwendet. Es lohnt sich nicht um jemanden vorzulesen bitten, denn alle sprechen so leise, dass ich sie nicht hören kam.

  • Das Kleidmaterial ist heute so unelastisch, besonders um die Lenden.

  • Es ist beinahe unmöglich nach den Schuhriemen zu ergreifen, und ich weiß nicht, warum.

  • Sogar die Menschen haben sich geändert. Sie sind viel jünger als vorher, da ich in ihrem Alter var. Und anderseits sind die Menschen in meinem Alter viel älter als ich. Ich habe neulich eine von meinen ehemaligen Schulkameraden getroffen. Ach, meine Güte! Sie war so unglaublich alt geworden, dass sie mich nicht einmal wieder erkannte.

  • Ich dachte an jenen armen Menschen, als ich an diesem Morgen mein Haar kämmte und zu dem Spiegel guckte. Denk mal, dass man nicht mehr einen richtigen Spiegel machen kann.

Ihr kennt diese Gefühle und Gedanken wieder, nicht wahr!

Die alte Dame in dieser Beschreibung findet unbequeme Angelegenheiten und unerklärliche Veränderungen in ihrer Lebensumgebung. Alles ist anders als vorher. Sowohl sie selbst als auch die Menschen haben sich verändert. Sogar der Spiegel hat sich geändert, nicht aber nur ihr Aussehen. Sie selbst hat keine Falten oder Verkrümmungen. Es ist einfach so, dass die Spiegel heute lügen. Es mag wohl so sein, oder wie?

Es wird aber gefährlich dann, wenn sie unter den Veränderungen ihre Sicherheit verliert.

Das kann jedem passieren. In dieser Erzählung finde ich es positiv, dass die alte Dame die ganze Zeit nur nicht sich selbst angesehen hat. Vielleicht hat jeder auch eine solche Phase in seinem Leben zu erwarten.

ABER warum erzählte sie nicht, wie angenehm es ist vormittags und nachmittags ein Schläfchen zu machen, wenn man will, und sogar mit dem guten Gewissen. Sie erzählte nicht, dass sie jetzt ihre eigenen Routinen in ihrem Leben behalten kann. Dass es ihr erlaubt ist allein mit sich selbst zu sprechen, wenn sie so will. Dass sie nun langsam und mit den kleinen Schritten spazieren darf Ohne irgendeine Eile! Und dass sie auf einer Parkbank mit ihren Erinnerungen so lange sitzen darf, wie sie will. Ohne Eile! Sogar ihre Zerstreutheit darf sie akzeptieren. Sicher!

Verschiedene Unvollkommenheiten wieder erkennen wir in unserem Leben. So gern möchte ich noch das kleine Mädchen sein, von welchem die Mutter sagte: "Als die anderen spazierten, ist Terttu immer gelaufen." So gern möchte ich immer noch in den Bäumen und Türmen, auf den Dächern und hohen Felsen klettern um alles Schönes besser von oben zu sehen! Aber mein physisches Altern hatte schon seit langem angefangen. Die vorzeitige Abnutzung führte zum Operation der beiden Hüftgelenke.

Aber statt des Willens um aufzugeben hat doch aus der Gnade Gottes mir ein neues Leben angefangen. Das neue Leben ist mit den neuen Aufgaben zu mir angekommen. Als ich pensioniert wurde, hat eine ganz neue Lebensphase für mich begonnen. Ich kann solche Arbeitsaufgaben leisten, die ich gern habe. Es bedeutet, dass ich eine neue Herausforderung und eine Verantwortung übernehmen konnte. Und ich fühle es sinnvoll. Die Arbeit bedeutet mir eine neue Berufung und ich versuche alles "zum Lob seiner herrlichen Gnade" zu machen. Meine neue Berufung sind nun meine Kletterbäume, meine Dächer, Türme und Felsen.

Ist es so auch mit dir gegangen?

Ich vergleiche gern das Menschenleben mit dem Regenbogen. Er ist ebenso blendend schön vom Anfang zu Ende. Wer kann es bestimmen, dass nur der Frühling die einzige strahlende Jahreszeit ist? Ich fühle es so, dass der Herbst mit seinen Früchten ebenso berührend schön wie das Aufkeimen des Getreides im Frühling ist. Ja, der Herbst ist wenigstens ebenso schön, nicht wahr!

Warum ist der Herbst unseres Lebens so schön?

Weil der Alte sein Unglück in seiner Reife ruhig und besonnen übersteht. Wenn er zum Beispiel seiner Sorge Zeit genug gibt, wächst der kleine starke Punkt darauf, wo es aus der Sorge früher ein wunder Punkt gab. Wer seine eigene Sorge getragen und überwunden hat, der fürchtet sich nicht um die Sorgen des anderen zu tragen. Er sieht die Sonne, eilt sich gegen sie und findet eine neue, andere Meinung für sein Leben. Er lernt auf seine Nächsten und Mitmenschen zu hören, mit den Weinenden zu weinen. Und er macht es "zum Lob seiner Herrlichkeit".

Beim stillen Bitten hat er eine neue, innere Berufung gefunden. Die Sorge hat das Dienen gelehrt und von seinen eigenen Lebenserfahrungen zu teilen.

Wie viel Schönes könnten unsere Lebensjahre einräumen, wenn wir nur die Pforten öffnen, alles Schönes hineinzukommen!

Vor einigen Jahren habe ich eine bewegungsunfähige Frau in der Sauna in Stockholm getroffen. Ich fragte sie:

Hast du Träume?

Sie wunderte sich über meine Frage und antwortete:

Träume! Wie könnte ich Träume haben? Ich habe wirklich keine Träume.

Ich habe später diese Frau beim Essen im Restaurant getroffen. Sie wollte mit mir sprechen. Und sie fragte:

Hör mal, kennst du jemanden, der meine Sammlung von Gedichte drucken könnte?

Welche große Wendung und Veränderung, welch ein Wunder! Sie hatte einen Traum gefunden! Und dieser Traum war nicht der letzte.

Gib nicht deine Träume auf! Denn wenn deine Träume verschwinden oder sterben, wirst du wie ein Vogel, der seine Flügel verletzt hat und nicht mehr fliegen kann.

Ich habe einige Alten zu fragen gehört, warum Gott nicht zulässt sie schon zu Ihm kommen. Vielleicht darum, dass es in der Welt mehr Hunger nach der Liebe als nach Brot gibt.

Er lässt uns noch hier bleiben, weil Er hier solche Mitmenschen braucht, die die Liebe Gottes weiterstrahlen. Die Mitmenschen, die bereit sind um Opfer zu bringen. Eine solche Liebe habe ich im Sprechen, in den Augen, im Lächeln und im Dasein bei vielen Alten getroffen. Der reife Mensch hält sich dazu bereit, dass die Liebe Opfer verlangt. Die wichtige Berufung des Alten ist um es zu bitten, dass das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird. Wir haben Zeit zu bitten. Wir haben Zeit zu lieben.

Wenn ich das Zerbrechen irgendeines Herzen verhindern kann, bin ich mich nicht vergebens Existiert. Wenn ich die Schmerzen eines einzigen Menschen lindern kann oder die Angst eines einzigen Mitmenschen erleichtern kann, wenn ich einen kleinen erschöpften Vogel in dasNest aufheben kann, dann habe ich nicht vergebens gelebt.

Und wenn wir neue Kräfte brauchen um verschiedene Menschen zu treffen, können wir immer in die Stille des Hirtenpsalms fliehen: "Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser"

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Älter Werden? Wie macht man das?

Von Christoph Schnyder

Ich bin in einem Miethaus in Zürich aufgewachsen. Ganz oben wohnte Herr Wegmann, ein pensionierter Lehrer, der jeweils laute Gespräche mit den Blumen in seinem Garten führte. Wenn er im Treppenhaus hochstieg, grüsste er immer in Etappen:

"Guten Tag", dann ein Stockwerk höher, "Christoph". Der Gruss konnte sich auch über drei bis vier Stockwerke ausdehnen, wenn der Angesprochene mehrere Namen und Titel trug. Mein Bruder und ich fanden damals, wenn es mit uns einmal so weit sei, wollten wir unserem Leben mit einer rasanten Schlittelfahrt ein Ende setzen. Wir waren in diesem Sport so geübt, dass das ohne weiteres möglich gewesen wäre. Ich habe das Alter von Herrn Wegmann noch nicht erreicht, und doch schlittle ich bereits nicht mehr: aus weiser Einsicht übrigens!
Mein Rücken erträgt die unvermeidlichen Schläge nicht. Und ich möchte die Jahre, die ich noch lebe, nicht mit den scheusslichen Schmerzen verbringen, die mir mein Rücken schon angetan hat.

Aelter werden, wie macht man das, wenn man einen Rücken hat, dem man Sorge tragen muss? Da könnten viele von Euch wohl aus eigener Erfahrung mitreden. Mir wurde vom Arzt und vom Physiotherapeuten ein umfassendes Trainingsprogramm verpasst, das ich recht diszipliniert durchturne. Ausserdem mache ich Spaziergänge, Wanderungen, schwimme im Sommer, und ich möchte in diesem Juli/August eine Bergtour wagen, die ich schon lange geplant habe. Ob ich's schaffen werde?

Wie ich damit umgehen werde, wenn die Kräfte soweit abnehmen, dass Rückentraining, Spaziergänge, Schwimmen und Bergtouren nur noch mit Mühe oder gar nicht mehr möglich sein werden, weiss ich nicht. Ich bin fast sicher, dass mir das Eingeschränktwerden in der körperlichen Bewegungsfreiheit schwer fallen wird. Aber ich beschäftige mich zur Zeit wenig damit. Der Satz von Dietrich Bonhoeffer aus "Widerstand und Ergebung" bedeutet mir viel: ?Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen.? (Aus: "Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte").

Schwieriger als die Fragen um die Gesundheit ist für mich zur Zeit der zweite Themenkreis. Ich stelle ihn unter die Fragen: Werde ich noch gebraucht? Wozu bin ich noch gut? Ist es überhaupt richtig, in meinem Alter so zu fragen?

Ich habe seit Juni 1998 im Ausbildungs-Seminar für kirchliche Mitarbeiter der Presbyterianischen Kirche des Sudan jedes Jahr während 8 bis 9 Wochen unterrichtet und dabei grosse Herausforderungen erlebt und viel Anerkennung geerntet. Im letzten Dezember ist der zweite 3-Jahreskurs mit einer wunderbaren Diplomfeier zu Ende gegangen. Ich hatte der Kirche schon ein Jahr früher erklärt, ich würde 2003 siebzig und stünde ab 2004 nicht mehr zur Verfügung.

Ich bin unendlich dankbar, dass ein jüngerer Kollege meine Arbeit übernimmt; er steht jetzt dem sudanesischen Staff zur Seite. Ich hatte seit meiner Pensionierung mein Jahr so eingeteilt, dass ich rund zwei Monate für die Vorbereitung der Unterrichtstätigkeit in Afrika einsetzte, zwei Monate für den Unterricht selbst und einen Monat für die Nacharbeit. In der restlichen Zeit des Jahres genoss ich es, mehr Zeit für meine Frau, für die Kinder, Enkel und Freunde und Freundinnen zu haben. Dazu kamen einige kleinere Aufträge und Beratungen von Seiten meines früheren Arbeitgebers Basler Mission. Wenn jetzt die Lehrtätigkeit in Afrika wegfällt, werden mir Frau, Kinder, Enkel, Freunde, Freundinnen und die paar kleineren Aufträge genügen?

Mein zwei Jahre älterer Bruder hat eine Lehre als Töpfer gemacht, Kunstgeschichte studiert und sich auf Keramik spezialisiert. Er wurde Konservator am schweizerischen Landesmuseum für sein Fachgebiet. Er ist heute wohl einer der profundesten Kenner der Keramik der ganzen westlichen und der islamischen Welt. Er wird seit seiner Pensionierung für die Gestaltung von Ausstellungen und als Referent in Europa, Korea, Japan und China angefragt. In einer spannenden Radiosendung über Pensionierung in der Schweiz kamen die Gesprächsteilnehmer zum Schluss, dass der sogenannte Ruhestand für Experten eines Spezialgebietes kein Problem sei. Sie könnten sich meist vermehrt ganz auf ihre Arbeit konzentrieren und würden da auch immer wieder als Fachleute angefragt. Ich dachte da sofort an meinen Bruder. Von mir weiss ich, dass ich zu wenig Experte in meinen Fachbereichen Afrika und Erwachsenenbildung bin, um weiter angefragt zu werden.

Ich erlebte viel Erfüllung und Anerkennung in meiner Berufstätigkeit. Wie jetzt weiter, wenn diese ganz wegfällt?

Gewiss, langweilig wird mir nicht: Vorgestern half ich meiner Frau, die Blumenkisten auf der Terrasse einzurichten. Sie ist eine phantastische Gärtnerin, und alle unsere Besucher freuen sich über die bunte Pracht auf unserem Balkon. Ich bin zuständig für Frühstück, Einkauf und Erstellen der Ordnung in der Küche. Hier gilt knapp zusammengefasst: meine Frau schafft das kreative Chaos, ich die Ordnung. Unsere älteste Tochter hat sich auf ihren 40. Geburtstag ein Theaterstück mit ihren Fingerpuppen gewünscht, an dem ich wohl eine Woche gearbeitet habe. In Utrecht wünscht sich Joachim, unser Enkel, womöglich jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Theater mit anderen Fingerpuppen: Krokodil, Nilpferd, Hahn.... Aber es bleibt die Frage, vielleicht eine dumme Frage, aber sie ist da und meldet sich immer wieder:

  • Ist das alles?

  • Willst du dich damit zufrieden geben?

  • Die Frage hängt wohl auch damit zusammen, dass ich mehr als 20 Jahre im Austausch mit afrikanischen Menschen gelebt habe, die ?mit schwindendem Erfolg? an ihrer Tradition festhalten wollen, dass Weisheit, Erfahrung und Rat der Alten geachtet werden müssen, wenn eine Gesellschaft auf die Länge überleben will.

Weisheit hängt nach ihnen mit der Erfahrung der Alten zusammen, und sie fragen: wo sind Orte für die Erfahrungen der Alten in der europäischen Gesellschaft, deren Angebote, "Ordnungen" und Schulwissen so übermächtig über Afrika hereinbrechen.

Ich zitiere aus dem Buch "Hüter der Sonne: Begegnung mit Zimbabwes Aeltesten" (Frederking und Thaler, München 1996):

"Eines unserer Probleme ist die neue Weisheit. Sie bietet keinen Raum für die alte Weisheit unserer Völker. Die Weisheiten liegen im Widerstreit. Die neue Weisheit ist eine Weisheit der Eroberung, der Vertreibung anderer Weisheiten.
 

Die neue Weisheit kämpft um ihren Platz. Die alte Weisheit kämpft nicht um ihren Platz. Sie hat sich zurückgezogen und erwartet den Tag, an dem sie wieder aufgesucht werden wird. (S. 83f)."
 

"Für einen neuen Entwurf von der Zukunft müssen sich Alt und Jung zusammensetzen.

Sie müssen ein Gespräch miteinander führen, bei dem die Gebildeten nicht wie Vernichter auftreten. Westliche Bildung ist zur Dummheit geworden. Durch sie verliert das Leben seinen Zusammenhang. Jetzt stehen wir vor dem Abgrund und können bald stürzen. Wir müssen unbedingt in einen Dialog miteinander treten; es muss ein gemeinsames Bewusstsein für die Weisheit und die Dummheit unseres Landes entstehen. Führer müssen eine Vision habe, einen Traum für das ganze Land. Wir alle müssen diesen Traum in unseren Herzen tragen; wir alle müssen ihn teilen, damit wir das Land wieder zum Leben erwecken. Frauen sind Teil unseres Lebens, sie müssen an der Gestaltung einer Vision für unser Land beteiligt sein." (S. 111f).

Ich glaube, dass in den Worten von Zimbabwes Aeltesten viel Richtiges verborgen liegt: eine grosse Anfrage und Herausforderung für mich, für uns. Ist es da richtig, wenn ich mich mit Haushalten und Komponieren von Theaterstücken für Kinder und Kindeskinder zufrieden gebe? Die Kinder sind ja höchst wahrscheinlich von der Herausforderung mitbetroffen. Ich glaube nicht, dass wir auf die Herausforderung mit Programmen und Projekten antworten können. Zimbabwes Aelteste sehen wohl richtig, wenn sie nach einer Vision fragen, die in Quellen und Wurzeln des Lebens ihre Grundlagen haben muss. Ich versuche im letzten Abschnitt nach diesen zu fragen und will mit einer Tätigkeit einsetzen, mit der meine Frau und ich in den letzten Wochen begonnen haben.

Wir sind daran, unsere Dias und Fotos zu ordnen. Wann immer ich mich früher von einer Arbeit verabschiedete, versuchte ich Dokumente und Unterlagen so abzulegen, dass die Nachfolgenden sich möglichst leicht orientieren konnten, was ich getan hatte, und entscheiden, ob, wo und wie sie mit der Arbeit weiterfahren wollten, sofern das überhaupt von ihnen abhing. Nun will ich also versuchen, gleichsam mein ganzes Leben in Bildern und Dokumenten abzulegen. Meine Frau hat die Sache schon kreativ, originell und lustig in Angriff genommen: Arbeit im Missionshaus in Basel, Weltladen, Familienfeste usw. Es ist eine Lust, die Bücher durchzublättern: Erinnerungen hochkommen und wachsen zu lassen.

Ich bin noch am Suchen, ob ich das Ganze nach einigen Stichworten ordnen, ob in einige Lebensbereiche einteilen soll. Sicher weiss ich, dass ich Haufen von Bildern wegschmeissen werde. Bei vielen Dokumenten ist das schon geschehen.
Ich habe mit den Kindern vereinbart, dass sie das Wegwerfmaterial noch durchschauen können. Einiges Wenige wird nach Afrika gehen. Zwei bis drei Bilder sind vielleicht von Interesse für das Missionshaus in Basel. Aber für mich selbst soll etwas Schlankes, Ueberblickbares übrig bleiben: gleichsam ein Rechenschaftsbericht in Bild und Wort für mich selbst, vielleicht auch für Züsi, meine Frau und für unsere Kinder. Sicher werden in der Dokumentation meine /unsere Beziehungsnetze zur Sprache kommen: Afrika, Erwachsenenbildung im Kanton Bern, Missionshaus Basel; und in allem immer wieder die Familie, Freunde und Freundinnen, Mitarbeitende, auch heftige Auseinandersetzungen und Versöhnung. Wenn es gut geht, wird darin ein Satz von Max Frisch deutlich werden. Dieser wurde als älterer Man gefragt, wie er sein Leben beurteile. Er soll mit drei Worten geantwortet haben: "Ich habe gelebt". So möchte ich auf mein Leben schauen und dafür dankbar sein. Und schliesslich möchte ich versuchen, etwas davon festzuhalten, was mir der christliche Glaube bedeutet. Das wird schwierig sein: einerseits wegen meiner selbst, anderseits wegen meiner Umwelt. Wir haben in der "Sternstunden-Gruppe" davon gesprochen, wie wir auf der Suche sind nach einer Gemeinde, in der wir teilgeben und teilhaben könnten an dem, was der christliche Glaube eigentlich für uns wäre. Ich glaube, dass eine solche Gemeinde wichtig für mich wäre auch im Blick auf das Aelter Werden.

Aelter Werden, wie macht man das? Ich kann die Frage nicht allgemein beantworten.

Es gibt da kein "man" für mich. Ich kann die Frage nur als Herausforderung und Aufgabe für mich selbst gelegentlich wieder neu hören. Wenn es gut geht, finde ich Freundinnen und Freunde, mit denen ich darüber sprechen und vielleicht für ein paar Tage und Wochen grössere Klarheit gewinnen kann, wie es in diesen Tagen geschieht.

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Gebet der Theresa von Avila (1515 - 1582)

Herr, du weißt, dass ich von Tag zu Tag älter werde - und eines Tages alt. Bewahre mich vor dem Drang, bei jeder Gelegenheit etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer zu ordnen.

Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein. Bei meiner ungeheuren Ansammlung an Weisheit tut es mir leid, sie nicht weitergeben zu können, aber du verstehst, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr. Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freuden anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen. Ich wage auch nicht, um ein besseres Gedächtnis zu bitten, nur um etwas mehr Bescheidenheit und etwas weniger Bestimmtheit, wenn mein Gedächtnis nicht mit dem anderer übereinstimmt.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass auch ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswürdig wie möglich. Ich weiß, dass ich kein Heiliger bin, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Und Herr, lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

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Abschiedsfeier

Von John Arnold

Sonntag nach Himmelfahrt

Lukas Evangelium Kapitel 24, Vers 50.

Er führte sie (aber) hinaus nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel

Für Tony Blair sind die Flitterwochen als Premierminister längst vorbei. Mehr darüber brauche ich heute nicht zu sagen. Ich erinnere mich aber noch auf seinen erstaunlichen Wahlsieg im Jahre 1997, was für uns Briten ein Funke der Hoffnung war, das Ende einer Epoche und der Anfang einer anderen, hoffentlich besseren. Ich wohnte damals in Durham, in der Nähe von seinem Wahlkreis. Sobald das Resultat sicher war, fuhr er zum lokalen Flughafen, stieg in ein Flugzeug ein, fuhr auf in den Himmel und verschwand. Das nächste Mal, als man ihn im Fernsehen sah, saß er in 10, Downing Street, im Hause des Premierministers. Er traf Entscheidungen, verteilte Ministerien und nahm die Zügel der Regierung in die Hand.

Das ist ein Gleichnis von Himmelfahrt. Das Sichtbare, das Spektakuläre, das Denkwürdige ist die Fahrt in den Himmel. Das Wichtige dagegen, das Bedeutsame, die innerliche Bedeutung des äußerlichen Bildes ist die Machtübernahme. Seit Himmelfahrt, so meinen die Evangelisten leninistisch gesagt, ist die Machtfrage entschieden. Nach Matthäus: ‘(Ihm) ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.’ (Mt. 28,19.) Allein die Macht eines gekreuzigten ist etwas ganz anderes als die Macht eines weltlichen Siegers oder Eroberers. In Jesus ist Gottes Reich gekommen, ein Reich des Frieden und der Gerechtigkeit.

Die frühen Christen mussten aber bald begreifen, dass das Ende noch nicht, doch nicht gekommen war, dass die Parousia – das endgültige Kommen des Reiches in seiner Fülle – sich verschoben hatte, und dass sie auf absehbare Zeit in der Welt und in der Geschichte weiter leben würden. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mussten Marxisten ebenfalls begreifen, dass das endgültige Kommen des Kommunismus und das Verschwinden des Staates sich auf absehbare Zeit, vielleicht auf immer ebenfalls verschoben hatten.

Diese doppelte Mischung von Glaube und Politik, von ‘schon’ und ‘noch nicht’, ist der Hintergrund zu unseren Aufbaulagern und Ostertreffen gewesen. Wir haben eine Menge von der Geschichte der letzten fünfzig Jahre und von einander gelernt. Sicher haben wir verschiedene Konsequenzen daraus gezogen; wir haben verschiedene Meinungen darüber was wir erlebt haben. Eine immer sich wiederholende Erfahrung ist aber uns allen gemeinsam, die Erfahrung des Abschiednehmens.

Wenn ich zurückschaue, habe ich den Eindruck, als ob wir ständig voneinander Abschied genommen haben. Nicht nur für uns, sondern für ein ganzes Volk, eine ganze Generation, war die Erfahrung des Abschiednehmens bestimmend. Ich denke an Bahnhof Zoo, wie die Züge langsam um die Kurve fuhren und die Passagiere einerseits und die Zurückbleibenden andererseits weinten und mit Taschentüchern winkten. Ich denke an Helmstedt und Marienborn, an Checkpoint Charlie und vor allem an den Tränenpalast an der Nordseite von Bahnhof Friedrichstrasse, an so viel Leid, so viel Misere, so viel Verzweiflung

Vor zwei Jahren nach unserem Treffen hier bin ich auf der neuen Friedrichstrasse entlang gegangen. Als ich unter der Eisenbahnbrücke kam, hörte ich Musik, fröhliche, lockere Musik. Es schien aus dem Tränenpalast zu kommen. Ich schaute hinein; und tatsächlich spielten junge Musiker, und eine Tanzgruppe übte für die abendliche Schau. Mir kamen Tränen in die Augen, diesmal Tränen der Freude, und ich dachte an das Wort des Psalmisten: " Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen.” Das war auch ein Gleichnis – die Verwandlung des Tränenpalastes in einen Tanzpalast, eines Ortes der Trennung in einen Ort der Begegnung, eine Auferstehung aus dem Reiche der Verzweiflung in das Reich der Hoffnung, aus dem Reich des Todes in das Reich des Lebens.

In den ersten Jahren der Aufbaulager und der Ostertreffen haben wir von Jahr zu Jahr nie gewusst, ob wir einander wieder sehen würden. Das Abschiednehmen ist uns deshalb immer besonders schwer gefallen. Schuld daran waren die Instabilität der politischen Lage in Europa und die Willkürlichkeit des Staates. Trotz allem ist es uns aber gelungen zusammen zu bleiben; wir haben uns durch die verschiedenen Etappen des Lebens begleitet und sind zusammen alt geworden. Jetzt, beim Abschiednehmen, sind wir wieder nicht mehr sicher, ob wir uns wieder sehen werden. Schuld daran ist nicht die Politik, was immer nur ein vorübergehendes Phänomen ist, sondern der Tod, der letzte Feind. In unserem Alter ist das normal, wenn auch nicht akzeptabel. Deshalb ist die Erfahrung des Abschiednehmens von besonderer Bedeutung für uns.

Charakteristisch für das Abschiednehmens Jesu am Ende des Lukas-Evangeliums ist die Tatsache, dass es geschah in dem Er die Jünger segnete. Nicht nur seine Präsenz, sondern auch sein Abschied war ein Segen. Es hätte anders sein können – Rüge, Beschuldigung, Ärger und Zorn. Aber das war nicht sein Stil; und es soll auch nicht unser sein. Die Aufbaulager, die Ostertreffen, das gemeinsame Leben – in allen diesen Sachen sind wir ein Segen füreinander gewesen. Das wollen wir auch beim Abschiednehmen sein. Amen.

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