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Groß Väter See 2006

Versöhnung - Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte - Was heißt es, Jubiläum zu feiern?

Inhalt

Versöhnung

Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte

Was heißt es, ein Jubiläum feiern

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Inhaltsverzeichnis


Die vier Freunde der Versöhnung - Das Schalom Paradigma

Von Anne Bay Paludan

Lasst mich diesen Beitrag mit einer "Legende für vier Stimmen" anfangen. Sie ist vom mennonitischen Friedensarbeiter John Paul Lederach geschrieben und von Britta und John Nicholson übersetzt. Er nennt sie "Die Vier Freunde der Versöhnung". Dieser Text wurde von mir für eine Radiosendung ein wenig bearbeitet und gekürzt.

Die Vier Freunde der Versöhnung

JPL hat seine Vision von Versöhnung in einer anderen Version in seinem Buch, Building Peace, 1997, beschrieben. Durch seine Erfahrungen als Friedensarbeiter wurde er dazu geleitet, Versöhnung in einem Bildnis von Psalm 85 darzustellen, welcher vier Grundelemente der Versöhnung nennt, es heißt dort: "Wahrheit und Barmherzigkeit sind zusammengetroffen, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst."

Meine Vision über Versöhnung, so wie sie durch diese Legende inspiriert und illustriert ist, ist also vielfältig und komplex, alle Aspekte müssen zum Ausdruck kommen, sie muss aber ganzheitlich, holistisch, gelebt und praktiziert werden.

Einleitung: Kontext der Vision - These - Hypothese -

Die Überlegungen über Versöhnung, die ich hier mit euch teilen möchte, gehören ursprünglich in einen ganz anderen Zusammenhang.

In 1996-97 habe ich für die dänische, volkskirchliche Entwicklungshilfe - DanChurchAid – eine Studie im Hinblick auf eine so genannte Versöhnungsstrategie durchgeführt, die auf praktischen Beispielen aus Afrika basierte. Zu einer solchen Strategie gehörten auch theologische Betrachtungen über die Verankerung dieser Strategie in dem christlichen Glauben und der christlichen Vision, auf die diese Hilfsorganisation ihre Arbeit aufbaut. Es geht also um den Zusammenhang von Vision und Praxis, oder darum, wie sie eine konkrete Versöhnungspraxis beeinflussen würde also um die Spannung zwischen Glaubensgrundlage und Glaubensvision.

Meine These gründet sich auf persönlichen Erfahrungen und Gespräche aus Afrika, besonders Südafrika, Ruanda und Kenia, auf Erfahrungen von Praktikern, die sich seit langem mit Versöhnung und Friedensarbeit beschäftigt haben - vor allen JPL - und auf eigene Lesefrüchte moderner und alter Einsichten und Studien. Unter diesen sind auch die biblischen Geschichten, Studien und Analysen mit ihren uralten Einsichten in die menschlichen Natur, in die gesellschaftliche Dynamik und die gesellschaftlichen Grundstrukturen, so wie wir sie im alten Testament erleben. Ich stütze mich dort auf den Sprachforscher Johannes Pedersen.

Versöhnung: Begriffsklärung

Ganz kurz kann ich einleitungsweise sagen, dass sich der Begriff Versöhnung in meiner Untersuchung nicht auf persönliche Verhältnisse bezieht, sondern es geht um Versöhnung auf gemeinschaftlicher Ebene, etwa zwischen Gruppen innerhalb eines Dorfes, oder zwischen Dörfern, oder zwischen ethnischen Gruppen usw. (auf Englisch würde man "Community" sagen).

In generellen Termen verstehe ich unter dem Ausdruck Versöhnung, Prozesse, Ereignisse oder Vorgänge, die zur Wiederherstellung – (oder vielleicht besser: Herstellung oder neuer Schöpfung), menschlicher Gemeinschaften und zwischenmenschlicher Beziehungen führen. Es geht also nicht notwendigerweise darum, zum vorherigen Status Quo zurückzukehren, besonders nicht wenn dieser Status der Grund des Konflikts war. Versöhnung muss die Möglichkeit eröffnen für die Veränderung der dem Konflikt zugrunde liegenden Ursachen und für die Heilung der post-konfliktuellen, gemeinschaftlichen Traumata.

Ein Beispiel aus Kenia

Nehmen wir ein Beispiel aus Kenia: Nach einem ethnischen Konflikt, in dem eine ethnische Gruppe eine andere vertrieben hatte, begann der kenianische Kirchenrat einen Hilfseinsatz in Rift Valley, es gab materielle Hilfe, Kleider, Essen, Unterbringung unter blauen UNO Plastik-Zelten. Als die Vertriebenen zurückzukehren wagten, wurde es klar, dass man mehr als materielle Hilfe brauchte, um das notwendige Vertrauen in der Gemeinschaft zu fördern. Das Hilfsprogramm wurde zu einem Versöhnungsprogramm ausgeweitet. Ein Gemeinschaftskomitee aus Mitgliedern beider ethnischer Gruppen wurde eingerichtet, und schrittweise haben die Gruppen sich genähert (das Vertrauen in die gemeinsame Zukunft wurde dabei daran gemessen, bis zu welchem Grad man den UNO Plast durch einheimisches Stroh ersetzt hatte).

Aber um erneuten Konflikt zu vermeiden war es nötig, die Ursachen des Konflikts zu verstehen, und der Friedensrat – der das Gemeinschaftskomitee ersetzt hatte - hat sich deshalb bemüht diese Frage aufzuklären. Es wurde klar dass der Konflikt im großen Ganzen eine politische Manipulation alter Streitigkeiten über das Recht auf Landbesitz war. Mit diesen neu gewonnenen Einsichten hat man begonnen sich politisch zu organisieren, um eine gerechte Ordnung in der Frage des Besitzes an Grund und Boden zu erreichen.

Als das nächste Mal ein Konflikt drohte und die junge Männer, die Krieger, mit Gewalt drohten, haben die traditionellen Ältesten und der Friedensrat die Jungen überzeugt, dass sie nur Opfer einer politischen Manipulation waren. Sie haben die Gewalt aufgegeben - man kann sagen, dass der Versöhnungsprozess gelungen war, mindestens diesmal. Es kommt ein nächstes Mal, und noch eins, - Versöhnung ist wie Liebe - nie ein für alle Mal gelungen, sie muss immer aufs neue gewonnen werden.

In diesem Verlauf zeigen sich vier Elemente des Versöhnungsprozesses - das tägliche Brot, die Vertrauensbildung und gegenseitiger Akzeptanz, Erläuterung und Aufklärung sowie Menschenrechte, es sind die zivil-politische Rechte: Frieden, Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit.

Schalom als Bild der Versöhnung

Im Laufe der Entfaltung meiner eigenen Arbeit mit Versöhnungsprozessen, haben mich die biblischen Bilder der "Schalom" als eine besonders passende Deutung beeindruckt. In den Strukturen dieser Bilder habe ich meine eigenen Erfahrungen und Überlegungen wieder erkannt.

Schalom bedeutet in der alten Israelischen Gesellschaft nicht nur Frieden, sondern komplexe, vielartige Zustände und Prozesse, die im Gleichgewicht zusammenwirken müssen, um Versöhnung herzubringen oder richtiger: Versöhnung zu fördern, denn Versöhnung ist eine Gabe, man kann sie nicht selber schaffen. Ist ein Aspekt nicht da - so die These - ist auch Versöhnung noch nicht da.

Die biblische Vorstellung von Schalom im Propheten Jesaja ist die Vision einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft, in welcher, wie es heisst, "der Wolf und das Lamm friedlich zusammen leben" (Jesaja 11, V. 6-9), wo Segens-Ströme reichlich fließen, an denen alle teilhaben können; die "Vollheit", das "Ganze", die "Erfüllung" beruht auf dem Gleichgewicht und das Zusammenwirken von Wahrheit und Barmherzigheit, Gerechtigkeit und Frieden, wie es durch den dänischen Sprachforscher Johannes Pedersen in einem seiner Hauptwerke (Israel I-IV) erläutet worden ist.

Diese Deutung des versöhnten Lebens finden wir in John Paul Lederachs Legende wieder. Sie liegt zu Grunde seine Wiedererkennung vom Bild der vier Grundelementen in Psalm 85 als Ausdruck seiner Erfahrungen mit Versöhnung, "Wahrheit und Barmherzigkeit sind zusammengetroffen, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst."

Inklusivität

Als eine Reflexion einer christlichen Lebens-Deutung braucht diese Vision der Versöhnung eine Ergänzung. Wie das Alte Testament nur unvollständig die christliche Vision deutete. Besonders fand ich dass das Element Barmherzigkeit eine Erweiterung oder Vervollständigung brauchte. Sie kommt aus dem radikalen Verständnis von Barmherzigkeit aus den Seligpreisungen, das im Gebot "Liebet Eure Feinde" zum Ausdruck kommt, Matthäus 5. V. 43 ff: "Ihr habt gehört dass gesagt ist: 'Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.' Ich aber sage Euch: Liebet Eure Feinde. Segnet die Euch fluchen; tut wohl denen die Euch hassen…"

Ich verstehe diese radikale Deutung der Barmherzigkeit so, dass es keine vollständige und liebende Gemeinschaft geben kann, kein vierfaches Gleichgewicht, kein Schalom, wenn nicht alle, die Ökumene, Teil der Gemeinschaft sind, eben die Feinde, die Täter so wie die Opfer. Vielleicht kann man in der neutestamentlichen Koinonia, die als liebende und sich gegenseitig vertrauende Gemeinschaft der letzten Zeiten beschrieben ist, die Vision von Schalom wieder erkennen, ein Abglanz oder eben eine Widerspiegelung davon ahnen.

Die Vision von Schalom, die ich bisher gezeigt habe, wie sie sich für mich schrittweise entfaltet hat, mit dem radikalen Ergänzung vom Neuen Testament, kommt für mich der komplizierten und vielfältigen Wirklichkeit von Versöhnung nahe. Diese Vision ist auf der einen Seite ein gegenwärtiger Zustand, auf der anderen Seite eine grundlegende sowie eine eschatologische Vision: Grundlage, Gegenwart und Endzeit. In ihrer Vierfaltigkeit kann sie als Paradigma der Versöhnung gedeutet werden, kann als Analyse-Werkzeug dienen, doch mit dem Vorbehalt, dass sie immer wieder kritisch korrigiert werden muss.

Die Zeit als Dimension des Paradigmas - Prozess der Versöhnung

Welche Konsequenzen hat diese radikale Vision von Versöhnung für die täglichen Aufgaben sowie für die langfristige Politik und Strategie einer kirchlichen Hilfsorganisation? Wie schon gesagt, kann man das Schalom Paradigma als Verstehens- und Deutungswerkzeug anwenden, wenn man eine post-konfliktuelle Wirklichkeit verstehen möchte, und sie kann damit zur Förderung einer Wiederherstellung, oder neue Entstehung von Gemeinschaften und Beziehungen zwischen Gemeinschaften dienen.

Zeigt dann die Analyse einer Wirklichkeit oder eines Prozesses, dass ein Aspekt vom Schalom Paradigma nicht da ist, oder nur mangelvoll, dass es ein "Unterschuss" gibt, muss man beim Mangel einsetzen, um die Versöhnungsprozess zu unterstützen. Ist ein Aspekt nicht da, ist auch Versöhnung noch nicht da.

Zum Beispiel hört man Kirchen sagen, dass man Partei nehmen muss für die Armen (Medellin: Präferentielle Option für die Armen). Es gibt ja immer Arme und Unterdrückte. Aber wenn konkrete Gruppen von Armen Freiheit und Gerechtigkeit gewinnen und die Macht besitzen, was machen sie dann mit den Reichen und den Henkern? Sie verschwinden nicht, oft muss man eben mit ihnen täglich zusammen leben, z.B. die reichen Farmer im südlichen Afrika, die ins Dorf zurückgekehrten Kindersoldaten in Liberia.

Von Zeit zu Zeit muss man also immer wieder aufs Neue den Kontext analysieren, und immer dazu bereit sein, neu anzufangen, um sich dem Gleichgewicht anzunähern. Die Reise zur Versöhnung folgt also nicht einer geraden Linie, aber sie ist ständige Annäherung an das angestrebte Ziel, sie bewegt sich zwischen Konflikt und Wiederherstellung des Gleichgewichtes.

Die Zeit gibt dem Schalom Paradigma eine dynamische Dimension, die Vision des Reiches Gottes, die zwischen der ursprünglichen Vision der paradiesischen Grundbedingungen der menschlichen Existenz und der Vision von einem neuen Himmel, einer neuer Erde gespannt ist und in konstanter Bewegung ist. Dieser "Schalom Horizont" wirkt als zeitliches und qualitatives Korrektiv, von dem was wir um der Versöhnung willen machen. Unser Kompass auf dieser Reise wird von der Schalom Vision ständig korrigiert.

[Dynamische Herstellung, über Zeit]
[die 2 Achsen]

Einwände

Wenn ich meine These vorgetragen habe, bin ich verschiedenen Einwänden begegnet. Zum Beispiel:

1. Das Resultat war schon von Anfang an gegeben.
(Faktisch war das nicht so. Ich habe auf halbem Wege eine Idee gefunden (Lederach) und eine Hypotese ausgearbeitet und geprüft. Die These, die aus diesem Vorgang entwickelt wurde, soll immer wieder geprüft werden. Eigentlich dürfte ich zu den verschiedenen Kontexten zurückkehren, um die heutige Lage wiederzusehen und die bisherige Entwicklung zu studieren.

2. Die These ist all zu "christlich"/kirchlich.
Sie ist nicht zum Beispiel in einem islamischen Kontext anwendbar. In Südafrika fühlten sich einige islamische Apartheid-Gegner von der WVK (TRC) entfremdet, besonders wegen des zentralen Begriffes Versöhnung - Rechtfertigung, so sagten sie, is für sie der Hauptbegriff.

3. Dies alles ist zu schematisch - so ist die Wirklichkeit ja nicht.
Nur, wenn man Strategien und Programme machen will, muss man systematisch arbeiten.

4. Nur sozio-ökonomische Entwicklung kann Versöhnung schaffen.
("Nur Vergeben" reicht nicht).

Die Meinungen über den Versöhnungsprozeß sind geteilt, - nicht alle sind sich darüber einig, wie der Weg zu einer solchen Herstellung des Gleichgewichtes aussehen soll, wie wir das in der Legende der vier Freude der Versöhnung dargestellt haben:

Zitat – die Legende

Oft hört man Kirchen sagen dass man Partei ergreifen muss für die Armen (Medellin: Präferentielle Option für die Armen). Vielleicht - aber nicht als das definit letzte Wort, sondern nur als das Vorletzte, als eine vorläufige Strategie.

  • Einige meinen dass Versöhnung im Wesentlichen die Bekehrung des Herzens, der Reue, dem Bekenntnis und der Vergebung ist;

  • Andere finden, dass nur wenn Frieden im Lande zurückgekehrt ist im Sinne der sozio-ökonomischen Entwicklung, "das gute Leben";

  • Andere bestehen darauf: keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit und Strafe.

  • Andere: Keine Versöhnung ohne Wahrheit. Die Wahrheit macht uns frei, mit der öffentlichen Herstellung der Wahrheit über die Henker können wir anfangen, eine gemeinsame Geschichte aufzubauen.

Meine Erfahrung und meine Studien finden aber ihren Ausdruck in dem notwendigen Gleichgewicht, in der Vervollständigung der vier Aspekte und in der Einbeziehung der Feinde, so dass Opfer und Überlebende sowie die Henker zusammen leben können.

5. Die Henker dürfen exkommuniziert werden. 
Ruandische Kirche: Man kann sie aus Respekt vor den Opfern nicht mitnehmen. Nur, sie verschwinden ja nicht in der blauen Luft… Dieser Einwand bringt mich zu einer weiteren Kritik an dem Versöhnungsgedanken, der von Tutu hervorgehobenen Vergebung für die Verbrecher:

6. Die unversöhnbare Kränkung, der rechtfertige Zorn.
Gibt es Verbrechen, so fragt man, die so ungeheuerlich sind, dass man sie nicht nur nicht vergeben kann, sondern auch nicht vergessen darf? - aus Respekt von den Opfern. Ist Vergebung immer das Beste? Muss man nicht den Zorn ernst nehmen? So hat ja die Familie von Steve Biko argumentiert. Dieses Jahr feiert man das 10-jährige Jubiläum des WVVK, und insbesondere Tutu unterstreicht, dass man viel mehr für die Strafverfolgung hätte tun sollen - also es bestand ein Unterschuss, ein Mangel, an Gerechtigkeit. (So wirkt also das Analysewerkzeug!)

Schluss

Meine These bleibt eine Hypothese, da ich nicht wissenschaftliche Methoden angewandt habe. Deshalb lade ich Euch auch ein, mir zu widersprechen, oder meine These mit weiteren Beispielen zu ergänzen und zu unterstützen.

 

Anlagen

Schalom Paradigma

Für meine Aufgabe für DanChurchAid habe ich das Schalom Paradigma sowieso auf "Entwicklungssprache", Praxis-Sprache übersetzt: Erziehung, Heilung, Menschenrechte, sozio-ökonomische Entwicklung.

Das dynamische Paradigma im zeitlichen Kontext ...

Das Paradigma wirkt als Analyse-Werkzeug - wenn man zum Beispiel eine neue Situation, einen neuen Kontext untersuchen will mit der Absicht, ein Entwicklungsprogramm anzufangen und eine versöhnende Wirkung anstrebt. Man untersucht wo der Versöhnungs-"Unterschuss" ist, and setzt dort ein. Wichtig ist aber, sich die ganze Zeit die volle Schalom-Vision vor Augen zu halten. Sie ist wie ein Horizont, die unser Praxis vollständig umgibt, die als Korrektiv unserer Handlungen wirkt.

Wir bewegen uns über Zeit, auf einer Zeitlinie, historisch durch Annäherungsversuche zur Versöhnung, rauf und runter auf einer Skala zwischen ursprünglichem, jetzt verratenem Vertrauen durch Konflikte, durch Stadien der Gemeinschaftsbeziehungen wieder gegen Hoffnung auf Wiederherstellung des Vertrauens / der Zuversicht, mit der Erinnerung vom verlorenen Paradies hinter uns und mit der Vision der neuen Erde und des neuen Himmels vor uns. Man kann wohl sagen dass wir eschatologisch leben und handeln. Immer werden wir gefragt, wo wir im Paradigma sind - als "Barometer" wie man in Südafrika sagt - and was heute nötig ist.

Jesaja 11 Vers 6-9

6
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

7
Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.

8
Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.

9
Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Matthäus 5. V. 43-48

Ihr habt gehört dass gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen." Ich aber sage Euch: Liebet Eure Feinde. Segnet die Euch fluchen; tut wohl denen die Euch hassen.

Bittet für die, so Euch beleidigen und verfolgen, auf dass Ihr Kinder seid Eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn Ihr liebet, die Euch lieben, was werdet Ihr für Lohn haben. Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn Ihr nur zu Euren Brüdern freundlich seid, was tut Ihr Sonderliches? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt Ihr vollkommen sein, gleich wie Euer Vater im Himmel volkommen ist.
(Luther-Bibel).

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Attac der Bürgerlichen

Ein Mann reist durch Europa und wirbt bei den Reichen für Gerechtigkeit – mit Erfolg

Von Harald Schumann, Augsburg

Golden und blau schimmern die Säulen, und die Saaldecke ist mit kostbaren Hölzern ausgelegt – das Kurhaustheater zu Augsburg ist so prächtig wie das Publikum an diesem Tag gediegen und bürgerlich. Der Chef der örtlichen Genossenschaftsbank dankt seinen Kunden für das Erreichen der ersten Bilanzmilliarde. Der Regierungspräsident spricht ein Grußwort. Ringsum sind die Tische schon eingedeckt für das anschließende Menü.

Nur der Festredner verbreitet hartnäckig unangenehme Botschaften. Ein massiger Mann im knittrigen grauen Anzug steht auf der Bühne und erzählt von der "perversen Struktur" der globalisierten Wirtschaft und der "globalen Apartheid": Ein Fünftel der Weltbevölkerung beanspruche vier Fünftel des gesamten Reichtums. Allen Nationen, auch Deutschland, drohe die "Brasilianisierung", die extreme Spaltung in Arm und Reich, warnt er. Denn "bestimmte Akteure" nutzten die Globalisierung, "um gar nichts mehr für den sozialen Ausgleich zu bezahlen". So geht das eine Stunde lang, und die Zuhörer lauschen gebannt, selbst dann noch, als der Mahner auf der Bühne die Einführung globaler Steuern fordert.

Nein, der Redner ist kein Revoluzzer, der in die falsche Kulisse geraten ist. Der donnernde Applaus, der mehrfach den Saal erfüllt, gilt dem Mathematiker Franz Josef Radermacher, 56, Professor für Informatik in Ulm, Chef des "Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung" und ein Universalgelehrter wie aus dem Bilderbuch. Sein Forschungsgebiet ist die künstliche Intelligenz, aber auch die Frage, "wie der Superorganismus Menschheit in Balance mit seinen Ressourcen kommen kann". Radermacher hat die Globalisierung studiert und gleich ein Musical darüber geschrieben. Er ist nicht nur Wissenschaftler, sondern außerdem Präsident des Bundesverbands für Wirtschaftsförderung, Mitglied der wissenschaftlichen Beiräte beim Bundesverkehrsministerium, bei der Landesregierung Baden-Württemberg und einem guten Dutzend weiterer Gremien. Kurz: Er ist ein Mitglied der Elite.

Vor allem aber ist Radermacher Hirn und Motor einer höchst ungewöhnlichen Gruppierung, die sich anschickt, der europäischen Politik eine ganz neue Note zu verleihen: der Initiative für einen "Global Marshall Plan", die mittlerweile bis in die höchsten Kreise der Bundespolitik vorgedrungen ist. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von eher bürgerlichen Honoratioren, die Radermacher und sein Freund Josef Riegler, der frühere österreichische Vizekanzler aus der konservativen ÖVP, vor drei Jahren um sich scharten, um für mehr globale Gerechtigkeit zu streiten.

Ihr Konzept erscheint einfach, aber es wirkt subversiv. So wie einst die US-Regierung dem vom Krieg zerstörten Europa mit großzügigen Billigkrediten, dem Marshall-Plan, zu Wohlstand verhalf, so sollen nun die reichen Länder den Armen der Welt finanzieren, was ihnen ohnehin längst versprochen wurde: die Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Die 191 Unterzeichner-Staaten versicherten unter anderem, bis 2015 die Zahl der von Hunger oder Durst bedrohten Menschen mindestens zu halbieren, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zu senken und jedem Kind auf dem Planeten eine Grundschulausbildung zu ermöglichen. 100 Milliarden Dollar jährlich würde das nach Schätzung der UN kosten, nur zahlen will bisher kaum eine Regierung. Die Vision der Marshall-Planer lautet daher: Weltweit soll eine Art globaler Mehrwertsteuer auf internationale Kapitaltransaktionen oder den Handelsverkehr erhoben werden. Die Einnahmen sollen dem Ausbau von Infrastruktur oder Gesundheitswesen in ärmeren Ländern dienen.

Als Gegenleistung sollen die Entwicklungsländer sich zur Einhaltung von sozialen und ökologischen Mindeststandards verpflichten, damit im globalen Wettbewerb nicht länger die schrankenlose Ausbeutung billiger Arbeitskräfte und Umweltzerstörung belohnt werden. Umsetzen soll das die Welthandelsorganisation, die jetzt schon Weltstandards setzt, bisher aber nur zu Gunsten von Investoren.

Nur so, durch eine "weltweite ökosoziale Marktwirtschaft", sei eine "Ressourcendiktatur" der Reichen zu vermeiden, meint Radermacher und beruft sich auf das "Modell Europa": "Wir gewähren Beitrittsländern finanzielle Hilfen, dafür fordern wir die Einhaltung von Regeln, warum sollte das nicht auch weltweit möglich sein?"

Das entspricht im Kern dem, was auch die Globalisierungskritiker von Attac seit Jahren fordern. Doch das ficht den Professor nicht an. "Jeder sensible Mensch, der sich mit diesen Themen beschäftigt, kommt zu ähnlichen Schlüssen, das hat nichts mit Ideologien zu tun", sagt er.

Allerdings gelingt es ihm und seinen Mitstreitern auf verblüffende Weise, diese klassischen Anliegen der Linken auch in Kreisen des konservativen Bürgertums zu verbreiten. Knapp drei Jahre nach dem Start reicht die Liste der Unterstützer vom Verband der Wirtschaftsjunioren über die Handwerkskammer Münster bis zu Managern von Siemens und Daimler-Chrysler, General Electric und Goldman Sachs. Sogar die Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU) und Matthias Platzeck (SPD) haben das Konzept unterschrieben. In Österreich setzte sich der konservative ÖVP-Politiker und frühere EU-Kommissar Franz Fischler an die Spitze der Bewegung. Mittlerweile sind dort acht der neun Bundesländer offizielle Unterstützer.

Gut 200 Mal pro Jahr erklärt Radermacher das Programm den verschiedensten Auditorien. So war er etwa in der letzten Juniwoche zunächst in Klagenfurt und Salzburg, dann im Augsburger Kurhaus und bei der Nürnberger Lokalgruppe von Attac. Am Freitag stand ein Treffen mit Matthias Platzeck an, anschließend ein Vortrag bei den Rotariern von Schleswig-Holstein und schließlich ein Seminar für Führungskräfte bei Siemens.

Ein längeres Gespräch kann da nur im Zug stattfinden, "mein wichtigster Arbeitsplatz", sagt Radermacher. Da gibt er dann zwischen Augsburg und Ulm in der ersten Klasse ein wenig Einblick in sein anstrengendes Dasein.

So leidenschaftlich er über seine Visionen spricht, so kühl betrachtet er sich selbst. Warum er sich das antut, das Leben aus dem Koffer, bei dem sogar die Treffen mit der eigenen Frau per Terminkalender organisiert werden müssen?

"Na ja, es ist doch wissenschaftlich zu beweisen, dass die Menschheit nicht zwangsläufig ins Chaos driften muss."

Und darum stellen Sie Ihr ganzes Leben in den Dienst einer politischen Idee?

"Natürlich gibt es eine Wertebasis bei mir, das nenne ich die neuronale Ebene."

Und woher kommt die?

"Ich verspüre eben starke Empathie, ich fühle mit den Elenden, im Herzen bin ich der katholische Pfadfinder meiner Jugend geblieben."

Alles fing wohl damit an, dass er über die Bevölkerungsexplosion las, erinnert er sich. "Das hat mich nicht mehr losgelassen." Als er schließlich die Idee eines Global Marshall Plan ausarbeitete, bedrängten ihn Freunde, politisch aktiv zu werden. "Das hat mich fokussiert", beschreibt er seinen Wandel.

Zu Hilfe kam ihm die Fähigkeit, sein Publikum zu begeistern. Je brisanter seine Forderungen, desto mehr verfällt er dabei in den jovialen, rheinischen Akzent seiner Aachener Heimat, etwa, wenn er bei den Augsburger Bankern fordert, "dass inner vernünftigen Ökonomie die mittem meisten Jelld auch die meisten Steuern zahlen", aber "de Regierung nur noch den Mittelstand belastet, weil se an bestimmte Leute nich mehr rankommt".

Gleichwohl gerät er nie in den Verdacht, ein verkappter Linker zu sein. Er führe "keine Neiddebatte", sagt Radermacher, sondern er sei "nur ein Mathematiker, der sich die Zahlen ansieht". Und da hätten er und sein Team "mathematisch bewiesen", dass nur die Gesellschaften erfolgreich sein könnten, in denen die Ungleichverteilung in Grenzen bleibt. Große Ungleichheit wie in Brasilien sei genauso destruktiv wie kommunistische Gleichheit für alle, die niemanden ansporne. Ein "vernünftiger Equity-Faktor", eine Maßzahl für Verteilungsgerechtigkeit, sei, wenn bei den ärmeren 80 Prozent der Bevölkerung wenigstens die Hälfte aller Einkommen lande. Im globalen Maßstab seien es aber nicht mal 20 Prozent.

Für alle Wohlstandsbürger, denen bei solchen Reden mulmig wird, hat der Überzeugungstäter aus Ulm dann eine wichtige Botschaft: Niemand muss sich schuldig fühlen, wenn er zu den Gewinnern zählt. Jeder Unternehmer, jeder Regierungspolitiker befinde sich "im klassischen Gefangenendilemma", sagt Radermacher. Wenn er allein sein Verhalten ändere, ohne dass sich die Regeln ändern, etwa beim Billigeinkauf in asiatischen Ausbeuterfabriken oder beim Steuernsenken für die Reichen, müsse er gegen die Wettbewerber verlieren. "Wir haben aber nichts davon, wenn der überethische Unternehmer Pleite geht, weil er keine Leute entlässt", lautet eine von Radermachers Kernformeln. "Nur Gewinner können auf Änderung der Regeln drängen."

Das kommt an, gerade bei den Erfolgreichen. Denn, so Radermacher, "intuitiv wissen doch alle, sogar die angeblich skrupellosen Investmentbanker, dass es katastrophal schief läuft in der Welt, sie wissen nur nicht, was sie dagegen tun sollen, ohne sich selbst zu schaden."

Das ist auch Thema, als sich der politische Mathematiker sechs Stunden nach seinem Auftritt vor den Augsburger Bankern seinem vielleicht kritischsten Publikum stellt: einer Lokalgruppe von Attac in Nürnberg. Österreichische Attac-Aktivisten waren es, die ihm den Vorwurf machten, er verschaffe den Verursachern der wachsenden sozialen Spaltung auch noch eine Entschuldigung. Nun sitzen 40 Zuhörer im Saal eines neuen Bürgerzentrums aus Beton und Glas vor ihm, die davon gewiss gehört haben. Doch am Ende gewinnt Radermacher auch dieses Publikum mit der Forderung, "wir müssen auch die Zustimmung der Leute gewinnen, die Attac als Problem sieht." Er sagt es nicht, aber jeder versteht es: Attac mobilisiert die Straße, die Marshallplaner die Eliten.

Ob all das die Initiative auf die große Weltbühne heben wird, wagt auch Radermacher noch nicht zu hoffen. "Natürlich sind wir im Verhältnis zur Aufgabe eine lächerlich kleine Truppe", gesteht er. Immerhin aber steht ihm der neue Bundesverband für Wirtschaftsförderung zur Seite, der mehr als 1000 Unternehmer und Manager zu seinen Mitgliedern zählt und ausdrücklich die Marshallplan-Idee unterstützt. Das verleiht der Initiative einiges Gewicht.

Als größten Erfolg rechnen sich Radermacher und seine Mitstreiter an, dass sie auch bei Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler auf offene Ohren stießen. Hintergrund ist ein persönlicher Brief an Merkel, in dem Radermacher auf eine neue Entwicklungsfinanzierung drängte. Später wurde ihm zugetragen, dass einige Passagen von Merkels Schlüsselrede beim Welttreffen der Mächtigen, dem World Economic Forum in Davos im Januar, auf seine Anregung zurückgehen, etwa Merkels Forderung nach einem "neuen Ordnungsrahmen für unsere Welt", ohne den "schwere soziale Verwerfungen" drohen würden.

Nun hoffen die Marshallplaner, dass Merkel ernst macht und diese Themen beim G-8-Gipfel einbringt, der nächstes Jahr in Heiligendamm stattfinden wird. "Wir werden sie beim Wort nehmen", sagt Radermacher. Eine große Werbekampagne im nächsten Frühjahr soll den nötigen öffentlichen Druck herbeiführen.

So wächst die Idee langsam zu einer Organisation heran. 14 Lokalgruppen mobilisieren mittlerweile für den Plan. In einem Hamburger Büro helfen vier junge Leute bei der Koordination der zahlreichen Veranstaltungen. Finanziert wird das Unternehmen durch den Verkauf von Büchern aus der Feder von Radermacher und seinen vielen Unterstützern.

Und im Übrigen, natürlich, müsse man die Perspektive mathematisch sehen, erklärt der Missionar aus Ulm. Wenn von 16 Aktiven jeder jedes halbe Jahr zwei weitere überzeugen würde, die es genauso halten, "dann wäre in weniger als 15 Jahren die gesamte Menschheit gewonnen".

Der Tagesspiegel vom 15.07.2006

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ABSCHIED VOM GROSSVÄTERSEE
oder: "wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen"

Von Gudrun Weissker

Sonntag, 28. Mai

9.45 Uhr: Alle versammeln sich am Bus beziehungsweise bei den Autos auf dem Parkplatz, es wird kontrolliert, dass keiner vergessen wird, denn hier in der Heide, "wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen", wäre kaum eine Möglichkeit, nachzukommen.

Ja, alle sind da, die Autos dürfen starten, jeder mit genauer Fahrtroute ausgestattet.

Die achtzehn "Fußgänger" besteigen den Bus, und sie sind gute Repräsentanten Europas: Anita (S), Anne (DK), Carl (D), Christoph (CH), Eva (D), Gudrun (D), Gudrun (NL/DK), Johanna (D), Karin und Klaus (D), Kurt (D), Lauri (SF), Leonie (D), Nico (NL), Ria und Eduard (NL), Rita (NL) und Zeeger (NL). Von den 10 Ländern der Konferenz sind noch sechs vertreten – die Leute aus Ungarn, Tschechien, England und den USA sitzen in Pkws. Es ist alles gut geplant, besonders zeitlich. Wir werden in Weißensee Gottesdienst feiern und Mittag essen. Dann, 13 Uhr, trennen sich unsere Wege – eine Gruppe kann, so gewünscht, noch einmal nostalgisch den Weißen See umrunden, die andere den Tatort am Wannsee aufsuchen und Erinnerungen heraufholen. Und wer zum Zug muß, hat genügend Zeit dazu.

Die Busgesellschaft hat uns einen großen Bus geschickt, so kann sich jeder auf zwei Plätzen ausbreiten. Auf dem Bus steht zu lesen, daß er dem Unternehmen Micky Tours Reisedienst GmbH gehört und diese Firma Fahrzeuge mit 26-70 Plätzen mit VIP-Service anbietet. Wir haben bereits alles bezahlt, und wir haben auch VIP-Fahrgäste vorzuweisen – so kann also eigentlich nichts schief gehen...

Bis auf eine Kleinigkeit. Unser Busfahrer lässt uns wissen, dass er Startschwierigkeiten hat. Er ist schon vor einer Stunde gekommen und hat gleich seinen Betrieb informiert, damit sie den Werkstattwagen schicken, und ebenso den ADAC. Hilfe wird gleich kommen. Wir nehmen es zur Kenntnis, Klaus beruhigt die Gruppe: wir haben reichlich Zeit eingeplant, zwei Stunden bis Gottesdienstbeginn. Zwar gibt es in Berlin gerade eine Radfahrt, aber die Polizei – "dein Freund und Helfer" – hat uns gesagt, wie wir fahren können, um ihnen nicht zu begegnen; und selbst wenn, kann es sich maximal um 20 Minuten Wartezeit handeln. Die ist wohl auch der Grund, dass wir etwas länger auf die gerufene Hilfe warten müssen. Üben wir uns also in Geduld, es wird schon werden.

Allerdings zieht es sich doch in die Länge. Klaus hat inzwischen mit Frau Rodenhagen vom Heim gesprochen, und der Hausmeister kommt mit einem Starterkabel. Müsste so ein Ding nicht auch im Bus mitgeführt werden? Fragt nicht, es geht ja los! Die Klappe hinten ist geöffnet, wir haben eine halbe Stunde Verspätung, aber gleich wird es losgehen. Hört Ihr nicht schon angenehme Geräusche?

Unter diesen Geräuschen nehmen wir nicht gleich wahr, was passiert ist: der Daumen des Fahrers ist irgendwie in den Treibriemen gekommen, die Küchenfrauen stürzen mit dem Verbandskasten heran, jemand treibt auf dem Gelände einen Arzt auf, andere suchen nach der Daumenkuppe, die nicht zu finden ist. Unsere Abfahrtsabsichten verblassen bei diesen Vorgängen. Jemand ruft die 110, und dieses Auto erscheint mit Tatü-Tata und nimmt den Fahrer mit.

10.30 Uhr erscheint tatsächlich der Werkstattwagen. Was wir jetzt brauchen, ist aber ein Busfahrer. Der colatrinkende Knabe aus dem Werkstattwagen hat natürlich keinen Busschein. In der Firma gibt es keinen Dispatcher, sondern nur eine hilflose Sekretärin. Der Chef ist unterwegs. Bei ihm hört nur die Mailbox. Alle sind unterwegs.

Johanna bedenkt, dass es nützlich ist, in Vorbereitung des Gottesdienstes eine kleine Singstunde zu veranstalten. Die Seligpreisungen werden psalmodiert, da ist es nötig, zu wissen, wie der unterschiedlich lange Text jeweils der Melodie zugeordnet wird. Also probieren wir das aus. Die Seligpreisungen aus der orthodoxen Liturgie hat Dietrich so besonders gemocht. Ich denke an ihn.

Wieder hilft uns die Heimleitung. Frau Rodenhagen organisiert einem Busfahrer aus dem Nachbardorf, der auch glücklicherweise zuhause ist und mitkommt. Er ist bereit, und nach Berlin zu bringen, wenn die Busfirma mit einem Fax bestätigt, daß sie ihm den Bus anvertraut. Leider scheint auch das Faxgerät nicht zu funktionieren oder die fachkundige Bedienung fehlt. Wir warten vergeblich, und langsam drängt die Zeit.

Ich bekomme Katzenspielgefühle, wenn ich an unsere Mickey Mouse Firma denke. Jemand murmelt etwas von "real existierendem Kapitalismus".

11.30 Uhr: Jetzt brauchen die Holländer aber endlich ein "kopje koffie"! Die Küche neben uns hat welchen, alle springen aus dem Bus und erfrischen sich. Und während wir Kaffee trinken, organisiert uns Klaus gleich noch ein Mittagessen dazu, denn dafür ist nun in Berlin keine Zeit mehr. "Bitte nehmen Sie keine Klöße", sagt die Köchin, "die sind abgezählt. Aber Kartoffeln und Kraut und Fleisch können Sie gern haben." Auch Nachtisch erwartet uns. Leider muss ich ihn stehen lassen, denn nun endlich hat Klaus den Chef erwischt und eine mündliche Genehmigung, den Bus die halbe Strecke durch den freundlichen Nachbarn fahren zu lassen. Dann will uns der Chef entgegenkommen mit einem eigenen Fahrer.

11.52 Uhr fahren wir ab, mit gut zwei Stunden Verspätung. Die Freunde in Berlin, die mit den PKW gefahren sind, haben auch inzwischen gegessen und warten auf uns.

12.20 Uhr Wir bewegen uns auf historischem Gelände. Hier wohnten in DDR-Zeiten, gut bewacht vom Staatssicherheitsdienst, unsere Häuptlinge. Und siehe da, nach der Zerpenschleuse und nach Klosterfelde kommt uns von Wandlitz her ein schwarzer Mercedes entgegen – wie im Kino. Der Bus fährt an die Straßenkante links heran, der Mercedes auch, und der Chef erscheint persönlich zum Austausch der Busfahrer – es erinnert an den Austausch der jeweiligen Gefangenen zwischen Ost und West auf der Glienicker Brücke, ein Akt höchster Brisanz.

Wir sagen nach Weißensee durch, dass wir nun bald kommen; alles ist vorbereitet, und wir können unseren Abschlussgottesdienst mit feiern. Es ist ein guter Gottesdienst, auch wenn John Arnold seine Predigt nicht selbst halten kann; John Nicholson liest sie in aller Eindrücklichkeit. Mich beeindruckt, dass die Fürbitten in den zehn Muttersprachen gebetet werden. Wir sind Jahrzehnte miteinander bekannt/befreundet. Nehmen wir Deutsche es nicht zu selbstverständlich hin, dass die Konferenzsprache unsere Muttersprache ist? Schon mit Englisch kämen wir wahrscheinlich ganz schön ins Schwitzen, den Gedanken der anderen zu folgen. Jedenfalls sollten wir die vorbereiteten Papiere wirklich schon vor Programmbeginn austeilen, damit alle besser den Ausführungen folgen können. Und die Schreiber sollten sich um gute Gestaltung und Übersichtlichkeit bemühen.

Für den Abschied bleibt nicht viel Zeit. Klaus hat mit dem Busfahrer gesprochen, dass er uns nun noch zum ZOB, dem Zentralen Omnibusbahnhof am Funkturm fährt, damit Anne und Lauri ihren Bus erreichen. Auch für Christoph wird es eng. Klaus hilft mit dem glücklicherweise in seiner Hand schon befindlichen ab heute gültigen neuen Fahrplan und mit der Idee, in Spandau zuzusteigen. So endet unsere gemeinsame Fahrt in Westkreuz – und wenn es der Busfahrer gewusst hätte, hätte er viel näher heranfahren und uns 300 m Fußweg ersparen können. Das erfahre ich hinterher durch Ronny, der als S-Bahn Mitarbeiter auf dem Bahnhof Westkreuz arbeitet, ebenso die Fahrzeit nach Spandau: 15 Minuten. Christoph hat seinen Zug gerade noch erwischt, weil er auf demselben Bahnsteig kam, gegenüber. Eine Treppe wäre schon zu zeitraubend gewesen. Wir telefonierten darüber. Und wie erging es Anne und Lauri? Wie seid Ihr anderen alle heimgekommen? Hat Euch der Alltag gleich wieder umschlungen, oder fandet Ihr die Zeit zum Luft holen und Umschalten?

 


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