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Was ist das Christentum?

Von Eugen Drewermann

Was Jesus vorschwebt, ist, dass wir den Weg des anderen nicht zu kennen brauchen und auch objektiv nicht kennen. Das einzige, was wir tun sollten, ist, den anderen zu begleiten, dahin, wohin er selbst gehen möchte, um nach Hause zu kommen. In den Stunden, wo es dunkel wird und wo er Angst hat, keinen Weg mehr sieht und sich allein fühlt, braucht er uns an seiner Seite. Nicht weil wir es besser wüssten für ihn, aber weil wir gemeinsam und vier Augen besser sehen als er allein mit angstverwirrten Augen. Das ist für mich das ganze Christentum. Keine Lehre, aber eine Form, aus Vertrauen zu leben und miteinander zu sein. Wir müssten sie uns aneignen, fühlsamer, poetischer - getragen von mehr Mitleid, von der Weite des Herzens, und wir müssten weg von dem Intellektualismus der patriarchalischen Enge und Angst, die wir vor uns selbst haben und deshalb andere vor uns haben.

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"Wir handeln mit Arroganz"

Eugen Drewermann und seine Ansichten zum Umgang mit der Menschenwürde

Die Menschenwürde ist auch der Rote Faden des Gesprächs, das Ben Zimmermann mit Drewermann führte.

Sie beschäftigen sich am Wochenende intensiv hier in Bremen mit dem Thema Menschenwürde. Hat die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann mit ihrem Rücktritt ihre eigene Würde bewahrt?

Eugen Drewermann: Sie macht auf mich menschlich einen überaus integren Eindruck, und ich hätte sie mir weiterhin gewünscht als Bischöfin und Vertreterin der evangelischen Kirche - nicht zuletzt wegen ihres Engagements gegen den Afghanistan-Krieg. Nach wie vor wird der Mensch Margot Käßmann außerordentlich viel zu sagen haben und ich hoffe, den Protestantismus würdig repräsentieren.

Ihre Vorbildrolle war durch Ihre Trunkenheitsfahrt schwer beschädigt Hätte sie trotzdem in Ihren Ämtern bleiben sollen?

Sie hat ihre Entscheidung zum Rücktritt damit begründet, dass sie ihrem Herzen folge. Das ist das, was jeder tun sollte.

Die menschliche Würde mehrerer Junger Menschen wurde auch von einigen Amtsträgern der katholischen Kirche schwer verletzt Sind das Verfehlungen Einzelner oder trägt die gesamte Institution dafür Verantwortung?

Die katholische Kirche gibt sich ganz große Mühe, die Vorkommnisse als Verfehlungen Einzelner hinzustellen, so wie dies auch viele andere Institutionen tun. Doch der katholischen Kirche sollte nicht nur gelegen sein an Prestigefragen, sondern an den Menschen - sowohl an den Tätern als auch an den Opfern. Denn die Täter sind in diesen Fällen mittelbar auch selbst Opfer. Opfer der Sexualmoral, der sie gefolgt sind und der sie unterlegen waren seit Kindertagen. Mit einem enormen Prägungsdruck, Sexualität mit Angst und Schuldgefühlen zu belegen. All das muss die katholische Kirche nicht nur mitverantworten, sie muss ihre Beteiligung an diesen Tragödien auch anerkennen. Robert Zollitsch, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, hat gesagt, das Zölibat habe nichts mit diesen Dingen zu tun, es handle sich um eine Veranlagung. Aber kein Genetiker, kein Neurologe würde behaupten, dass es eine Anlage zum Kindes-missbrauch gäbe. Dies alles ist bei Klerikern entwicklungspsychologisch geformt unter Mitbeteiligung der katholischen Kirche.

Widersprechen das Zölibat und die rigide Sexualmoral dem menschlichen Wesen?

Das ist so alt wie die Reformation. Als Martin Luther 1525 heiratete, wollte er vor aller Welt eines demonstrieren: Menschen können nicht frei seih, wenn sie sich die Liebe von einem Papst in Rom verbieten lassen. Niemand im Vatikan hat das Recht, Menschen vor die Wahl zu stellen, ob sie Gott heben oder einen Menschen. Dass man Gott in den Menschen hebt, ist das ganze Anliegen Jesu. Wie kann eine Kirche derartige Widersprüche aufbauen im Namen Gottes? Sie verleugnet Gott und tritt die Menschen mit Füßen.

Die Menschenwürde spielt auch beim Thema Hartz IV eine große Rolle. Ist die gegenwärtige Debatte, wie sie beispielsweise von FDP-Chef Guido Westerwelle geführt wird, unwürdig?

Das ist in schlimmster Weise auf "Bild"-Zeitungs-Niveau demagogisch. Es tut den Leuten unrecht, von denen Westerwelle redet. Und es ist ganz deutlich die Vertretung der machtgierigen und geldbesitzenden Klientel, für welche seine Partei offensichtlich angetreten ist.

Kann ein Mensch menschenwürdig von Hartz IV leben?

Nein, das kann er nicht. Jeder hat das Recht, auch am kulturellen Leben teilzunehmen - dass er ins Theater oder in den Zoo gehen und auch mal Bücher kaufen kann. Und das kann man mit Hartz IV nicht.

Ist es nicht ebenfalls ungerecht, wenn Geringverdiener mit ihren Steuern dafür zahlen, dass andere ohne Arbeit ähnlich viel Geld vom Staat erhalten?

Aber das ist doch genau der Punkt, der von Westerwelles FDP am meisten bekämpft wird, die Einführung von Mindestlöhnen. Das wäre die Lösung. Zurzeit haben wir doch die Situation, dass die Unternehmer Lohndumping weit unterhalb des Existenzminimums betreiben können und der Steuerzahler über zusätzliche Sozialtransfers noch dafür einspringen muss, dass ihre Profite horrende werden. So kann das Wirtschaftssystem nicht funktionieren.

Um Menschenwürde geht es auch in Afghanistan. Sie haben den Bundeswehreinsatz dort scharf kritisiert. Was ist daran unmenschlich, ein Volk von der Herrschaft mittelalterlicher Fundamentalisten zu befreien?

Zum Ersten haben wir gar kein Recht, so etwas zu tun. Das Prinzip des Völkerfriedens verbietet die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Der Krieg von USA und Nato ist völkerrechtswidrig. Zum Zweiten: Wir könnten eine innere und kulturelle Entwicklung in Afghanistan fördern, wenn wir wirklich die Menschen meinten. Es ist doch absurd: Ein Tag Krieg in Afghanistan kostet rund eine Milliarde Dollar. Man stelle sich vor, was man machen könnte, wenn die Afghanen diese Kosten persönlich zugeteilt bekämen. Wir handeln mit der Arroganz, die Afghanen weiterbilden zu müssen. Das wollten die Sowjets auch - und sind kläglich gescheitert. Jedenfalls kann man "mittelalterliche" Zustände nicht mit steinzeitlichen Methoden wie Krieg und Besatzung verändern.

Wollen Sie bezweifeln, dass der Krieg dort eine Reaktion auf die Anschläge des 11. September 2001 war?

Ja. El Kaida hatte Ausbildungslager dort, die von den Taliban geduldet wurden. Das rechtfertigt aber keinen Krieg, der seit acht Jahren andauert und unglaublich viele Opfer kostet. Es ist inzwischen der fünfte Krieg, den europäische Staaten, jetzt unter US-Befehl, in Afghanistan führen - umgekehrt nie. Hätte man auf den 11. September reagieren wollen, hätte man Saudi-Arabien angreifen müssen. In Wahrheit ging und geht es um geostrategische und wirtschaftliche Ziele - zwei Erdölpipelines; als die Taliban Juli 2001 in Bonn diese Ziele ablehnten, waren die Angriffspläne Optionen des Pentagon.

Sie werden mit den Worten zitert: "Wir jagen nicht die Terroristen, sondern sind selber Terroristen in Afghanistan." Überziehen Sie nicht mit Ihrer Kritik?

Nein, ganz und gar nicht. Die Nato hat 1989 als Verteidigungsbündnis aufgehört zu existieren und ist zu einem Angriffsbündnis mutiert. Sie ist seither so viel wie eine kriminelle Vereinigung, an der wir nicht mehr beteiligt sein sollten. Zudem: Wir töten im Verhältnis 1:20 effizienter als die "Terroristen". Tucholsky hat recht: Soldaten sind Mörder.

Was ist - angesichts Ihrer heftigen Kritik - mit der Würde der deutschen Soldaten, die schließlich vom Parlament, also der Volksvertretung, nach Afghanistan geschickt wurden?

Sie sollten desertieren. 70 Prozent der Deutschen sind gegen den Krieg in Afghanistan und wollen den sofortigen Rückzug. Doch außer der Linkspartei sagt das niemand im Bundestag. Die Frage an eine funktionierende Demokratie sollte sein, warum unsere gewählten Volksvertreter nicht das sagen, was das Volk will, sondern ganz anderen Interessen folgen - der Rüstungslobby zum Beispiel oder dem immensen Druck der Amerikaner.

Zur Person: Dr. Eugen Drewermann gilt als einer der streitbarsten Kritiker der katholischen Kirche in Deutschland. Dem studierten Theologen wurde wegen seiner Ansichten in Schriftauslegung und Moraltheologie 1991 die katholische Lehrerlaubnis und ein Jahr später die Predigtbefugnis entzogen. Zu seinem 65. Geburtstag trat Drewermann 2005 aus der römisch-katholischen Kirche aus. Er arbeitet als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und Seelsorger.

Weser Kurier vom 20.10.2010

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Christoph Gäbler 28.09.2011