Die Revolution der Hundertjährigen - Warum wir unser Altern neu erfinden müssen Von Frank Schirrmacher Die Gegenposition zu Schirrmacher finden Sie hier Jeder, der in dieser Gesellschaft in den nächsten 40 Jahren alt wird, wird für diese Gesellschaft ein Problem werden. Jeder, der Bekanntschaft mit seiner eigenen Vergänglichkeit macht, jeder, der die Traumatisierung der ablaufenden Lebenszeit erlebt, wird gleichzeitig das Trauma eines rapide alternden Landes verstärken. Wir reden von einem Erdbeben und tun so, als sei es ein Verwaltungsakt. Die Wucht, mit dem die Alterung der Bevölkerung dieses Landes jeden Einzelnen treffen wird, deutet sich heute überhaupt erst an. Sie droht nicht nur, wie man jeder Nachrichtenagentur entnehmen kann, die Sozialsysteme grundlegend zu verändern. Sie wird eine grundlegende und, wie viele meinen, unaufhaltsame Revolution in unserer Gesellschaft einleiten, in der alle gewohnten familiären und sozialen Beziehungen auf dem Spiel stehen. Was wir heute erleben, ist nur das leichte erste Zucken des Seismografen. 
| Bevölkerung nach verschiedenen Vorausschätzungen Quelle: Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung |
Demografie wird Innen- und Außenpolitik. Man hat gesagt, der Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 habe das 19. Jahrhundert zu Grabe getragen. Manches spricht heute dafür, dass jene demografischen Veränderungen, die 2014 zweifellos schon für jedermann mit Händen zu greifen sein werden, das 20. Jahrhundert beerdigen werden. Was uns bevorsteht, kommt mit der Wucht einer Naturgewalt. Altern, diese angstbesetzte und zutiefst verleumdete Lebenserfahrung des Menschen, wird zum ersten Mal zum Massenphänomen. Die erhöhte Lebenserwartung begegnet in Deutschland, aber auch in Japan, Italien und Spanien, dem säkularen Trend sinkender Geburtenzahlen. Niemals zuvor gab es eine Gesellschaft, in der mehr Alte als Junge lebten. Wir werden in diese Gesellschaft hineinwachsen, und viele der heute unter 50-Jährigen werden sie erleben. Wir wissen, was uns bevorsteht, aber delegieren das Problem an Politiker, die in Lebenszyklen von vier Jahren denken, wo es in Wahrheit um ein Leben von 80, ja 100 Jahren gehen wird. Vorsorge fürs Alter kann für die heute lebenden Generationen nicht bloß heißen, Geld zu sparen. Vorsorge heißt, sich darüber klar zu werden, dass wir in einem alternden Land alt werden, dessen innigste Botschaft lautet, dass Alter schlecht ist und den Menschen den Verstand raubt, so dass man im Arbeitsleben sie oft schon mit 50 fast als unzurechnungsfähig behandelt. Wir ziehen, wie einst die von uns so verachtete Gesellschaft der Kaiserzeit, mit dem falschen Weltbild in die Zukunft. All unsere Parameter über Alter und Jugend stammen aus Zeiten, in denen Altern die Ausnahme war. Das Land wird alt, und die Kultur, die wir geschaffen haben, nimmt den Alternden alles: das Selbstbewusstsein, den Arbeitsplatz, die Biografie und manchmal sogar das Leben. Das ist die Ausgangslage. Sie ist offenkundig unhaltbar. Jeder, der heute alt genug ist, einen Text wie diesen zu lesen, wird an der Entwicklung teilhaben. Spätestens im Jahre 2050 wird eine Gesellschaft entstanden sein, in der sich der Anteil der mindestens 80-Jährigen auf fast 12 Prozent verdreifacht haben wird. (Zum Vergleich: 1871, als Bismarck Reichskanzler wurde, betrug dieser Anteil 0,4 Prozent.) Aber was noch wichtiger ist: Die Hälfte des Landes wird älter als 48 Jahre sein, nach anderen Berechnungen sogar älter als 52. Das ist eine Welt, die fast nichts mehr mit der heutigen zu tun haben wird. Sie wird noch über die gleichen Autobahnen und Eisenbahnschienen verfügen, aber ihre soziale und seelische Infrastruktur wird sich grundlegend verändert haben. Wenn Sie glauben, dass 2050 noch weit und Sie davon noch fern sind, bedenken Sie, dass es sich dabei nur um den vorläufigen Gipfelpunkt einer Entwicklung handelt und der Weg dahin unsere besten Jahre sein werden. Wer glaubt, das alles sei ein Problem von Rente und Altersvorsorge, irrt. Es handelt sich - dafür jedenfalls sprechen alle Daten über Lebenserwartung und Lebensspanne - offenbar um einen anthropologischen Sprung. Wir haben die Aufgabe, unser Altern neu zu bestimmen. Die enorme Krise, der wir uns bald gegenübersehen, ist eine große Chance: die Chance, ein riesiges brachliegendes Areal, die Macht des Alters und des Alterns, neu zu entdecken. Der wirkliche Schock ereignet sich in Deutschland vermutlich zwischen 2010 und 2020. Die Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen wird in diesem Jahrzehnt in ihre ganz persönliche Alterskrise kommen. Angesichts der demütigenden Altersbilder, die in unserer Gesellschaft dann wohl immer noch kursieren, wird ein Klima großer Traurigkeit und Angst entstehen. Da durch die gestiegene Lebenserwartung auch noch viele Ältere aus anderen Generationen leben, wird es in Deutschland zu einem einzigartigen Mix von völlig unterschiedlichen Generationen kommen, die alle auf die eine oder andere Weise biologisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich als "alte" gezeichnet sind. Menschen, die aufs Gymnasium gingen, als Michael Jacksons Karriere auf dem Höhepunkt war, werden dann - 50-jährig - mit den dann 70- bis 80-jährigen Achtundsechzigern und womöglich auch noch der Generation des Zweiten Weltkriegs auf der "alten" Seite der Gesellschaft als neue gesellschaftliche Mehrheit zusammenleben. Die Nachkriegsalterskohorten, die glaubten, die Zeit des Kalten Krieges, die Atomkraftwerke, das Ozonloch nicht zu überleben, werden in eine Welt der 100-Jährigen hineinwachsen. Damit fertig zu werden ist nicht leicht. Unsere Gesellschaft wird aus zwei Richtungen untergraben: Zum einen sind die Menschen, um die es hier geht, alle schon geboren, und die Länge ihres Lebens wird vermutlich selbst die heute schon großzügig gezogenen Grenzen überschreiten. Und zum anderen wurden die Jungen, die wir für die Zukunft benötigen, niemals geboren. Die Zahl der über 60-Jährigen wird sich bis zur Jahrhundertmitte nahezu verdoppeln. Spätestens 2050 wird die Bevölkerung um etwa acht Millionen gesunken sein; gleichsam die dazugewonnene Bevölkerung der ehemaligen DDR wird sich halbiert haben. Wollte man den Altenquotienten des Jahres 2000 erhalten (wie viele Personen im Rentenalter auf 100 Erwerbstätige), müssten nach Berechnungen der Uno ungefähr 180 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern. Tatsächlich hat die Veränderung schon begonnen. Schulen werden geschlossen, Arbeitszeiten verlängert, Renten gekappt, Dörfer verlassen. Jedes zweite kleine Mädchen, das heute geboren wird, hat eine Lebenserwartung von 100 Jahren, jeder zweite Junge hat die Chance, 95 Jahre alt zu werden. Es handelt sich um eine neue anthropologische Lage noch zu unser aller Lebzeiten. Weil wir so unvorbereitet sind, werden wir in unmittelbarer Zukunft nicht nur eine politische, ökonomische, sondern auch eine geistige Krise erleben. Jetzt erst, 150 Jahre nach Beginn der technischen Moderne, muss der Mensch den Preis seiner fehlenden Anpassung zahlen. Wir haben Kriege und Bürgerkriege geführt, weil wir mit den Veränderungen der Moderne nicht zurechtkamen, aber jetzt geht es um einen Krieg, den wir mit uns selbst führen. Man hat niemals prähistorische Skelette von Menschen gefunden, die älter als 50 Jahre geworden waren. Die menschliche Lebensdauer betrug in 99,9 Prozent der Zeit, die wir diesen Planet bewohnt haben, 30 Jahre. Jetzt müssen wir innerhalb einer einzigen Generation 100 000 Jahre alte Prägungen unseres Körpers und unserer Kultur überwinden. Im Mai 2002 hat James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung und einer der weltweit renommiertesten Bio-Demografen, in der Zeitschrift "Science" einen Artikel veröffentlicht, der in den USA enorme Diskussionen ausgelöst hat, in Deutschland aber so gut wie gar nicht wahrgenommen wurde. Vaupel sagte, was die von Apokalypsen und Vernichtungsängsten geplagten Babyboomer nie glauben konnten: Wir alle leben viel, viel länger, als wir es uns heute vorstellen können. Und er warf der amerikanischen Regierung vor, sie verschätze sich in ihren Prognosen über unsere Lebensdauer auf gefährliche Weise. Während die Regierung für die nächsten sieben Jahrzehnte von einem Anstieg auf höchstens 83,9 Jahre ausgeht, rechnet Vaupel mit einer Lebenserwartung von bis zu 101,5 Jahren. 100-Jährige werden für heute schon Lebende zum Normalfall. Es gibt keinen Beweis, dass es überhaupt eine Grenze gibt. Selbst wenn es sie geben sollte: Wir sind noch nicht einmal in der Nähe des Maximums. 
| Der Trend, die Regressionslinie, ist als schwarze durchgehende Linie gezeichnet, der in die Zukunft weiter verlängerte (extrapolierte) Trend als durchgestrichelte graue Linie. Die horizontalen schwarzen Linien zeigen die jeweils postulierten Höchstgrenzen der Lebenserwartung, wobei der dazugehörige vertikale Strich das Jahr der jeweiligen Publikation angibt. Die gestrichelten Kurven stellen die von den Vereinten Nationen in den Jahren 1986, 1999 und 2001 projizierten Lebenserwartungen japanischer Frauen dar. Sie zeigen, wie radikal die Vereinten Nationen ihre Schätzungen zwischen 1999 und 2001 korrigiert haben. (Quelle: Vaupel, 2003) |
Die neue Lebenszeitressource verändert nicht nur die letzten Jahrzehnte des Menschen; sie revolutioniert unsere Vorstellungen von Lebenslauf und Lebensarbeitszeit. Wir, die wir gelernt haben, mit der Verschwendung von Wasser, Benzin und Nahrung verantwortungsvoller umzugehen, verschwenden das Wertvollste: die Lebenszeit. Menschen jenseits der 50 werden von dem getroffen, was die Amerikaner "ageism" nennen und was wir mit Altersrassismus übersetzen können. Sie werden ihres Selbstbewusstseins, ihres Verstands und ihrer Gesundheit beraubt. Es sind höchst eigennützige Gründe, die es auch für die künftigen Jungen lebenswichtig machen, dass die künftigen Älteren, die Mehrheit des Landes, ein starkes Selbstbewusstsein entwickeln, und sie lassen sich - wie die Alterung der Gesellschaft selbst - mit der Präzision eines Uhrwerks vorhersagen. Im Sommer 1993 erschien in der Zeitschrift "Foreign Affairs", der Strategiezeitschrift der amerikanischen Außenpolitik, ein Artikel, der zum Wirkungsvollsten gehören sollte, was dort - oder sonst wo in den vergangenen Jahren - je publiziert wurde. Verfasst von dem Politologen Samuel Huntington, ging es darin um den mittlerweile sprichwörtlich gewordenen "Clash of Civilizations", um die neue Weltordnung, die, so Huntington, vor allem an den Grenzlinien von muslimischer und westlicher Welt zu enormen Konflikten führen wird. Huntingtons Prognose wurde von vielen als Blueprint für die amerikanische Außenpolitik im 21. Jahrhundert verstanden. Jedenfalls schienen die nachfolgenden Ereignisse - bis hin zum Irak-Krieg - wie von Huntington modelliert. Wir werden aus dem Krieg der Kulturen nicht mehr entlassen werdenWeniger bekannt blieb ein Artikel, der sechs Jahre später in "Foreign Affairs" erschien und sich ausdrücklich auf Samuel Huntingtons Thesen bezog, aber scheinbar von etwas ganz anderem handelte: der Alterung der Gesellschaft. Peter G. Peterson, einst Nixons Wirtschaftsminister und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Lehman Brothers, publizierte unter dem Titel "Graue Dämmerung" seinen eigenen Krieg der Kulturen. Er sagte voraus, dass schon in der nächsten Generation "die ökonomischen und politischen Systeme der entwickelten Länder" durch die Alterswelle umdefiniert werden könnten. Am Ende schlug er einen "Altersgipfel" vor, an dem sich alle entwickelten Staaten beteiligen sollten, ein Vorschlag, der nur wegen der Anschläge auf das World Trade Center nicht sofort aufgegriffen wurde. Die Alterung der Industrienationen wird in den nächsten 30 Jahren durch die gewaltige Jugendwelle in den muslimischen Ländern überdeckt werden. "Es ist vielleicht kein reiner Zufall", schreibt Huntington, "dass der Anteil der Jugendlichen an der iranischen Bevölkerung in den siebziger Jahren dramatisch anstieg, wobei er in der letzten Hälfte dieses Jahrzehnts 20 Prozent erreichte, und dass die iranische Revolution 1979 stattfand." Seither hat es einen weiteren Modernisierungsschub in vielen anderen islamischen Ländern gegeben, und gleichzeitig ist eine Art Wirtschaftsbürgertum entstanden, aus dessen Mitte eine neue muslimische Jugend in die Welt tritt. In vielem gleicht die Protesthaltung der jungen Muslime jener der Studenten von 1968. Die aus Saudi-Arabien stammenden Gefolgsleute Bin Ladens reden über ihr Land nicht anders, als die Achtundsechziger einst über das ihre redeten. Immer mehr Kinder aus bürgerlichen muslimischen Mittelstandsmilieus sammeln sich, geprägt von einer fundamentalistischen Ideologie und erbittert über die Ungerechtigkeit der Welt, zu einer Wiederaufführung des Revolutionsdramas von einst genau in dem Augenblick, da die westlichen Revolutionäre, die Achtundsechziger aus Berkeley, Berlin und Paris, im Begriff sind, in Rente zu gehen. Huntington hat in seinem Buch auch jene Länder genannt, deren Jugendanteil nach Prognosen der Vereinten Nationen in den nächsten Jahren auf mindestens 20 Prozent steigen wird. Im jetzigen Jahrzehnt handelt es sich um Ägypten, Iran, Saudi-Arabien und Kuweit. Noch beunruhigender wird für uns die Entwicklung in Staaten sein, die Huntington aus Gründen ihres Altersaufbaus ab 2010 für gefährdet hält: Pakistan, den Irak, Afghanistan und Syrien. Man sollte bei aller Hoffnung auf den Dialog der Kulturen nicht übersehen, dass der radikale Islam in solchen Ländern an Boden gewonnen hat, deren typischer Einwohner ein Teenager ist: Palästina (Durchschnittsalter im Jahre 2000: 16,8), Saudi-Arabien (18,4), Afghanistan (18,1), der Irak (18,8) und Pakistan (18,9). James Hewitt, einer der Experten der amerikanischen Behörde für Social Security, hat in einem soeben erschienenen Artikel im "Harvard Generations Policy Journal" denn auch resümiert: "Jede vernünftige Theorie über die künftigen globalen Konflikte muss berücksichtigen, dass die blutigsten Krisen des zwanzigsten Jahrhunderts - von den großen Kriegen Europas über Japans Invasion der Mandschurei bis zur Kulturrevolution in China - immer mit einem Überschuss an Teenagern begannen." Hewitt nennt seinen Artikel "Die Geopolitik des Globalen Alterns". Jahrhunderthälfte bei gleichzeitigem Anwachsen der Jugendkohorten in den muslimischen Ländern aus der Sicht der USA strategisch und kulturell "die Welt fundamental verändern wird". Dass die "alten Alliierten", nämlich die modernen Wohlfahrtsstaaten, bereits jetzt in die Ära einer Alterungsrezession ("the era of aging recessions") eingetreten sind, die auf Dauer zu einem Hort der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Instabilität werden könnte, ist eine Sorge, die nicht nur den Vordenker der "Social Security"-Behörde umtreibt. "Die Epoche des globalen Alterns ist unwiderrufbar angebrochen." Wer das liest, hört in Rumsfelds Satz vom "alten Europa" nicht mehr die Beleidigung, sondern eine klare strategische Aussage. Und was geschieht mit einer Gesellschaft, die einen Überschuss an Älteren hat und gleichzeitig den Älteren diskriminiert und verdrängt? Wir haben dafür keine Daten, keine Erfahrung. Denn eine Gesellschaft mit mehr Alten als Jungen hat es noch niemals gegeben. Es ist ein Bild von großartiger Symbolik: In dem historischen Moment, da in den muslimischen Ländern der Anteil der Jugend auf 20 Prozent steigt, haben die meisten europäischen Länder diesen kritischen Wert zum ersten Mal in der Geschichte für die Älteren erreicht oder überschritten. Das Olympia-Attentat in München 1972, das eine ganze Generation prägte, erscheint in der Rückschau wie das Initial eines Generationserlebnisses, eine Kettenreaktion, die im 11. September ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Jetzt spricht vieles dafür, dass in den Jahrzehnten ihres Altwerdens, von 2010 bis 2050, die Krise zur Katastrophe wird. Wir werden aus dem terroristischen Krieg der Kulturen zeit unseres Lebens nicht mehr entlassen werden - der 11. September markiert auch hier den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Wir werden aber auch den Terror einer Gesellschaft erleben, die in dem Älteren eine Last sieht. Unlängst formulierte der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch in der "Süddeutschen Zeitung" die sehr zutreffende Überlegung, es könnte sein, dass in der alternden Gesellschaft der freiwillige Tod des Alten propagandistisch so verkauft wird wie einst der Tod fürs Vaterland. Das aber heißt auch, dass die Vorstellung ziemlich unrealistisch ist, wonach die Älteren von morgen auf Grund ihrer hohen Zahl die Jüngeren politisch dominieren werden. Wir werden uns in den Schutz der Jungen begeben. Die Jungen sind weniger, aber sie sind stark: Es sind die Polizisten, die Bankbeamten, die Journalisten, die Ärzte, die Krankenschwestern, die sich gegen uns auflehnen werden, wenn wir wirklich beabsichtigen, mit Hilfe unserer Wählerstimmen uns als ausbeutende Klasse über sie zu erheben. Daraus folgt: Nur wenn die Jüngeren heute schon selbst an einer Revolution der Altersideologie in unserer Gesellschaft arbeiten, haben sie die Chance, in der künftigen Gesellschaft das überlebenswichtige Selbstbewusstsein zu verankern. Paradoxerweise werden bei dieser Revolution diejenigen helfen, denen wir den "Jugendwahn" zu verdanken haben. Die 76 Millionen Babyboomer in den USA werden - obgleich in einem demografisch stabilen Land zu Hause - die Massenkultur verändern. Sie werden ihr eigenes Altern globalisieren, wie sie einst ihre Jugend vermarkteten. Sie werden die Kontrolle über 70 Prozent des Vermögens in den USA haben. Das, was "Jugendwahn" genannt wird, war schon immer ein Kaufkraftphänomen. "Diese Generation gräbt sich durch die Gesellschaft wie ein Trüffelschwein", schreibt die Anthropologin Helen Fisher, "und verändert die Geschichte mit jedem Tag, den sie älter wird." Die Babyboomer haben alles verändert, was je unter dem Begriff Kindheit und Jugend verstanden wurde. Sie haben die Welt durch ihre pure Masse verwandelt; denn ihre Masse schuf eine Kaufkraft, wie sie noch niemals zuvor in den Händen einer Jugend lag. Der Altersforscher Ken Dychtwald ist ein typisches Mitglied dieser Generation. 20 Jahre wartete er darauf, dass seine Zeit kommt. Geboren und aufgewachsen im Amerika der fünfziger Jahre, studierte er im Kalifornien der frühen siebziger Jahre und interessierte sich für Yoga und die Wirkung fernöstlicher Praktiken auf die westliche Seele. Schon bald fiel ihm auf, dass die Schnelligkeit, mit der sich jene typische Mischung von Pop, Politik und Siddharta in den Universitätsstädten und Metropolen verbreitet hatte, weniger mit Überzeugungen als mit der puren Macht der Masse zu tun hatte. Hier Dychtwalds Phänomenologie: Boomer haben nicht nur Nahrung gegessen - sie haben die Snacks, die Restaurants, die Supermarktindustrie umgewandelt, Boomer haben nicht nur Kleider getragen - sie haben die Modeindustrie verändert, Boomer haben nicht nur Autos gekauft - sie haben die Autoindustrie transformiert, Boomer hatten nicht nur Rendezvous - sie haben die sexuellen Rollenbilder und Praktiken verändert, Boomer sind nicht nur zur Arbeit gegangen - sie haben den Arbeitsplatz revolutioniert, Boomer haben nicht nur geheiratet - sie haben nach Jahrtausenden das Wesen der menschlichen Beziehungen und ihrer Institution verwandelt, sie haben sich nicht nur Geld geliehen - sie haben die Finanzmärkte verändert, sie haben nicht nur Computer benutzt - sie haben die Technologien verändert.
Diese Menschen, die einen ganzen Planeten nach ihrem Antlitz geprägt haben, gehen ab 2010 in Rente. Der Verrentungsprozess dauert mindestens bis 2029. Dann erst beginnt der Ruhestand für die 1964 Geborenen, des geburtenstärksten Jahrgangs. Es gibt in den USA unzählige Institutionen, Organisationen, Lobbyisten, Firmen, Webpages, die sich auf den Altersschock der Gesellschaft vorbereiten. Noch kommen sie nicht zum Zuge, weil ein Großteil der im Jahr 1946 Geborenen noch arbeitet. Doch es sieht so aus, als ob zumindest diese eine Hälfte unseres Planeten soeben damit begonnen hätte, in die Kristallkugel eines zukünftigen Selbst, des eigenen Alterns, zu blicken. Mit ungläubigem Staunen hat die "New York Times" soeben die elfte Ausgabe des Merriam-Webster gelesen. Ein Wörterbuch ist bekanntlich eine präzise Quelle für sozialen Wandel, denn es ist so etwas wie die materielle Ressource unseres Denkens. In diesem Duden der Amerikaner sind 10 000 neue Einträge aufgenommen worden, und zum ersten Mal übertreffen die Gesundheits- und Medizineinträge die Stichworte aus dem Bereich der Technologie und Computerwissenschaften - 40 Prozent der medizinischen Begriffe haben irgendetwas mit dem Altern zu tun. Die Babyboomer veränderten die Welt - Sie werden das auch im Alter tunIm Interview mit der "New York Times" gibt der Chef des US-Dudens die einzig sinnvolle Erklärung für diesen Wechsel: Die Babyboomer haben begonnen, sich mit ihrem eigenen Altern, aber auch mit dem Altern ihrer Eltern zu beschäftigen. Und dann sagt der Hüter des amerikanischen Wortschatzes: "Die Babyboomer haben alles verändert. Wir erleben jetzt das letzte und größte Beispiel der Veränderung, das Altern der Boomer. Wer glaubt, dass die Boomer als Teenager genervt haben und dass sie als junge Erwachsene unausstehlich waren, der wird sich über die Boomer als Ältere wundern. Sie werden ein Maß an Gesundheitsfürsorge und Zuwendung verlangen, das zumindest dem ihrer Eltern entspricht, obwohl die Eltern eine viel kleinere Gruppe waren. Die Boomer werden die Gesellschaft zwingen, sich mit Gesundheitsfürsorge zu beschäftigen, und sie werden uns zwingen, uns mit Gerontologie zu beschäftigen, ob wir wollen oder nicht." Natürlich haben wir längst gemerkt, dass unser Jugendkult mit den Tatsachen nicht mehr übereinstimmt. Natürlich lässt sich die Seele nicht auf Dauer belügen: Auch der naivste 40-Jährige merkt irgendwann, dass er nicht mehr jung ist. Der Ausweg, den die westlichen Kulturen, vor allem die Deutschen, gewählt haben, zeigt sich an der Infantilisierung von Medien, sozialen Rollen und der Öffentlichkeit. Die Tatsache, dass in Ländern, in denen nicht mehr so viele Kinder geboren werden, seit Jahren Jugendbücher wie "Harry Potter" an der Spitze der Bestsellerlisten stehen, lässt keine Zweifel darüber zu, wer eigentlich diese Bücher liest. Das Gleiche gilt für Revival-Kults bei Getränken, Nahrungsmitteln, Autos, Filmen und Fernsehsendungen - sie alle sind gleichsam der Erinnerungsinhalt einer Generation, die keine anderen historischen Erfahrungen gemacht hat und wie Peter Pan hofft, dem Altern zu entgehen, indem sie spielt. Die Veränderung unserer Vorstellungen, unserer Bilder davon, wie wir alt werden - von der Frage der Lebensarbeitszeit bis hin zu den Gehirnfunktionen des alternden Menschen -, entscheidet darüber, was aus uns allen wird. Wir Heutigen sind Kundschafter und Übergangsgeneration, eingespannt zwischen zwei verschiedenen Zeitebenen, und unsere Aufgabe ist es, Lebenszeit und Lebenswirklichkeit zu synchronisieren. Die extremistischste Unterstellung, die den älter werdenden Menschen in unserer Gesellschaft trifft, sind vor allem Zweifel an seinem Gehirn. Alte können sportlich sein und gute Blutwerte haben, Berge besteigen und Weltmeere durchkreuzen; der Zweifel an ihrem Gehirn aber sitzt wie Gift in ihrem Körper. Schon der 35-Jährige gilt vielen Betrieben als festgelegt; später bemängelt man fehlende Ideen und Inspirationen. Die nächsten Jahrzehnte unseres Lebens werden wir in einer Atmosphäre verbringen, in der, deutlicher oder undeutlicher, Kopf und Hirn zum Thema werden. Es wird unzählige Quiz- und Wissenssendungen geben, Neurobics werden auf Computer angeboten, geistige Ausfallserscheinungen werden panisch registriert. Im Kern wird ein großer Selbstzweifel in unsere Gesellschaft einziehen, der Zweifel nämlich, ob man sich selbst noch trauen kann. Bewusstsein und Gehirn sind die Angriffsziele des Altersrassismus. Es müssen Abwehrstrategien, psychische und körperliche, gegen die Gehirnwäsche aufgebaut werden. Orwells Vision der Gehirnmanipulation in seinem Roman "1984" ist keine territoriale und keine utopische Vision, sondern eine lebenszeitliche. Wer jenseits der 40 ist, wird dieser Operation unterzogen - nachdem ihn vorher schon Fernsehen, Werbung und biologische Konditionierung mürbe gemacht haben. Die amerikanische Akademie der Wissenschaften hat in einer ihrer Studien über die Folgen der Alterung für das Gehirn des Menschen bereits 1992 Beweise dafür geliefert, wie die Ideen über das Altern das Altern selbst verändern. Viele von uns erwarten beim Älterwerden wie selbstverständlich ein Nachlassen der Konzentrations- und Erinnerungsleistung. Diese Erwartung, das haben Studien belegt, "führt selber zu schlechterem Erinnerungsvermögen, und zwar weil sie geringere Anstrengungen und frühere Resignation auslöst, den Gebrauch adaptiver Strategien als unsinnig erscheinen lässt, weil sie dazu führt, dass man Herausforderungen meidet und ärztliche Hilfe nicht in Anspruch nimmt". Denken Sie bei solchen Sätzen nicht an das hohe Alter. Denken Sie an die nächsten Jahrzehnte, die Ihnen bevorstehen. 95 Prozent der Diskriminierungen, die unser Selbstbewusstsein erleidet, hat damit zu tun, dass man dem Menschen Abbau an Leistungsfähigkeit unterstellt. Die Ideologie der "has beens", der Ausgebrannten, vor allem in kreativen Berufen, ist längst in alle anderen gesellschaftlichen Bereiche eingewandert. In Wahrheit ist die Vorstellung des geistigen Abbaus nichts anderes als ein Konstrukt aus Angst und Vorurteil. Wir ziehen mit einem falschen Weltbild in die ZukunftNiemand sagt, dass sich Älterwerden ohne Leistungsverlust, ohne Abbau, ohne eine neue Langsamkeit vollzieht, niemand sagt, dass es leicht ist. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn eine Gesellschaft sich zum Hüter und Zensor des individuellen Bewusstseins macht. Wir akzeptieren, so schreibt der Psychologe Shinobu Kitayama, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg zu Reife und Erwachsenheit findet; wir akzeptieren wie selbstverständlich, dass die biologische Determination, etwa bei dem Pubertierenden, nur ein Aspekt unter vielen ist, und wir wissen alle, dass der Mensch aus der biologischen Struktur in eine kulturelle Struktur hineinwächst. Wir sollten deshalb auch die Linearität des Verfalls, die wir bei anderen und bei uns selbst unterstellen, als das erkennen, was sie ist: eine Konstruktion, die mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat wie die Teletubbies mit der sozialen Beziehung zwischen Menschen. Für uns Heutige ändert sich mit den Mehrheitsverhältnissen auch die Perspektive auf das Alter. Stereotyp für unsere Gesellschaft und Institutionen, für unsere Politik und Sozialsysteme, für unsere Familien und unser Ich kann nicht die Altersruine sein, als die die Evolution und hunderttausendjährige Geschichte des Homo sapiens unserem Bewusstsein den menschlichen Geist eingezeichnet haben. Die Norm sieht anders aus, und zwar selbst schon für eine Alterskohorte, die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts geboren wurde: Zwar wurde bei den Testpersonen eine Verminderung des "Niveaus der Erinnerungsleistung" festgestellt, aber nicht der Erinnerungsfähigkeit selbst. Wer lange in einer Stadt lebt - also in ihr älter geworden ist -, kommt schneller ans Ziel. Er kennt die Abkürzungen und kann selbst die jungen Hunde schlagen. Genau das geschieht durch Erfahrungen. Der "Erhalt der Lernfähigkeit", so schreiben die Wissenschaftler mit wissenschaftlicher Vorsicht, "deutet darauf hin, dass bei Abwesenheit einer demenziellen Erkrankung die Fähigkeit zum sinnhaften Austausch neuer Informationen als Voraussetzung geistiger Teilnahme am Geschehen in der Außenwelt bis ins höchste Lebensalter erhalten bleibt." Der Jugendwahn kann sich noch nicht einmal auf die Geschwindigkeit berufen. Wolf Singer, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, kann zeigen, dass Erfahrungen Strukturen im Gehirn hinterlassen, die die Geschwindigkeit des Jugendlichen dadurch kompensieren, dass der Erfahrene Abkürzungen nimmt, die der Jüngere nicht kennt. Die naturwissenschaftliche Rehabilitierung von Erfahrung ist in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen. Sie wird eine unserer wertvollsten Ressourcen in der Zukunft werden. So wie im Gehirn faktische Schäden schon allein durch schlechte Worte entstehen können, kann es zu Heilungen kommen durch die Anwendung des richtigen Wissens über sich selbst. Wir hegen, selbst nach heutigem Stand der Erkenntnisse, völlig falsche normative Vorstellungen über das Alter. Uns treiben Rollen- und Spiegelbilder, unterstützt von Fernsehen und Werbung, in eine ganz und gar anachronistische, hässliche, zweidimensionale Karikatur unseres Selbstbewusstseins hinein. Es ist die Vertreibung in ein Exil. Forscher, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten untersucht haben, ob ältere Menschen schlechter, unkonzentrierter, ineffizienter oder unzuverlässiger arbeiten, fanden - zumindest was die unter 80-Jährigen betrifft - fast nie Anhaltspunkte für diese Behauptung, eine Behauptung, die unser soziales, wirtschaftliches und kulturelles Leben mehr bestimmt als alles andere. Denn nicht nur der gesellschaftliche, auch der ökonomische Schaden ist so groß, dass wir ihn uns in Zukunft niemals mehr werden leisten können. Der Spiegel vom 15.03.04Weltbevölkerungswachstum 180 KB Die beiden Grafiken finden Sie in dem Buch Das Methusalem-Komplott von Frank Schirrmacher, Blessing Verlag 2004 
Wenig Sicherheit, kaum Strom - Die politische und wirtschaftliche Lage im Irak ist weiter höchst labil - was auch am Unvermögen der Besatzer liegtVon Heiko FlottauEs ist erst wenige Tage her, da glaubten die amerikanischen und britischen Besatzer des Irak für einen Augenblick, sie dürften Hoffnung schöpfen. Da legte das angesehene Forschungsinstitut Oxford Research International die Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage vor, die es im Auftrag der BBC, der ARD und anderer Fernsehanstalten zum ersten Jahrestag des Irak-Krieges durchgeführt hatte. Die Mehrheit der Iraker beurteilt demnach ihre persönliche Situation positiv - und ist zufriedener als vor dem Kriegsbeginn. Zwar brachte die Befragung auch zweischneidige Einstellungen zu Tage: So begrüßten die meisten Befragten zwar den Sturz Saddam Husseins - fast die Hälfte wünscht sich aber auch für die Zukunft "einen starken Führer" an der Spitze des Landes. Und bei aller Freude über die "Befreiung" sorgen sich die meisten weiter vor allem um ihre Sicherheit. Insgesamt aber zeigte die Umfrage ein positives Bild der Lage in dem kriegsgeplagten Land. Doch der Hoffnungsschimmer wurde kurz darauf schon wieder ausgelöscht. Der Anschlag auf das Hotel Mount Lebanon, bei dem am Mittwoch fast 30 Menschen starben, und der Tod zweier arabischer Fernsehjournalisten durch versehentlichen amerikanischen Beschuss in der Nacht zum Freitag untermauerte eine These, die der frühere UN-Chefwaffeninspektor Hans Blix so formuliert: die Invasion des Irak habe die Region polarisiert und die Bedrohung durch den Terrorismus verstärkt. Tatsächlich hat sich die von US-Präsident George W. Bush immer wieder vorgetragene These, durch den Sturz Saddam Husseins habe Osama bin Laden einen Verbündeten verloren, als falsch erwiesen. Im Gegenteil: Das Machtvakuum im Irak hat es den "ausländischen Kämpfern" der al-Qaida und anderer Terrorgruppen erst ermöglicht, in den Irak einzusickern und die Besatzungstruppen, mehr und mehr aber auch die Iraker selbst zu terrorisieren. Von "Mission Accomplished" ("Mission erfüllt"), wie Bush am 1. Mai vergangenen Jahres nach kaum sechs Wochen Krieg auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln" vor jubelnden Truppen verkündete, kann ein Jahr nach dem ersten Angriff auf Bagdad kaum die Rede sein. Auch politisch ist die Bilanz ein Jahr danach eher durchwachsen. Auf der Habenseite ist sicher die "Vorläufige Verfassung" zu verbuchen. Sie garantiert fürs Erste die Grundrechte, legt die Basis für eine Zivilgesellschaft und für demokratische Wahlen. Auch vor plötzlicher Einkerkerung und Folter braucht niemand mehr Angst zu haben - es sei denn, er gerät ins Visier amerikanischer Fahnder, die nach al-Qaida-Anhängern suchen. Unterm Strich aber sind nur wenige politische und wirtschaftliche Fortschritte zu verzeichnen. Das liegt vor allem an den Kardinalfehlern, die die Besatzer in der Stunde Null und in den ersten Wochen ihrer Herrschaft gemacht haben - und die bis heute nachwirken. Zunächst überließen Amerikaner und Briten Bagdad den Plünderern, vermutlich auch, um sie von größerem Widerstand gegen die einrückenden Truppen abzuhalten. Museen, Archive, Bibliotheken, Galerien, Universitäten wurden ausgeraubt - das historische Gedächtnis einer gesamten Nation wurde eliminiert.
Der zweite Fehler war die - ideologisch - begründete Auflösung der irakischen Armee. Fälschlicherweise glaubten die Besatzer, das Militär sei eine Säule der Herrschaft von Saddam Hussein gewesen. Tatsächlich war es eine ganz normale Armee von Wehrpflichtigen, die, wie der Krieg gezeigt hatte, keine sonderlichen Anstrengungen machte, das Regime zu verteidigen. Die Sicherheit im Irak wäre heute weit besser - und die Kooperationsbereitschaft der Iraker womöglich weit größer -, wenn die Armee intakt geblieben und von Amerikanern und Briten mit der Wahrung der öffentlichen Ordnung beauftragt worden wäre. Ein weiterer Fehler der Besatzer war, Exiliraker ins Land zurückzuholen und mit wichtigen politischen und administrativen Aufgaben zu betrauen. Diese Oppositionspolitiker hatten im Ausland jeglichen Kontakt zu ihrer Heimat verloren und werden deshalb von kaum einem Iraker akzeptiert. Verhassteste Figur im heutigen Irak ist Ahmed Chalabi, der aus London gekommene Vorsitzende des "Irakischen Nationalkongresses". In Jordanien wird er wegen Unterschlagung von Geldern gesucht, in Bagdad umgibt er sich mit einer eigenen Miliz, den so genannten "Free Iraqi Forces". Ebenso prekär ist, dass der von den Besatzern eingesetzte "Irakische Regierungsrat" ausschließlich nach ethnischen und religiösen Kriterien zusammengesetzt ist. Dem Irak könnte so das Schicksal des alten Jugoslawien drohen, das auseinander fiel, weil seine Regierung und Verwaltung nach ethnischen Gesichtspunkten gebildet wurden, politische Professionalität aber außen vor blieb. Der "Irakische Regierungsrat" jedenfalls gilt schon jetzt bei den meisten Menschen im Land als korrupt und inkompetent; auch ihn nimmt niemand wirklich ernst. Das größte Unvermögen der Besatzer aber zeigt sich in den Kleinigkeiten des Alltags: Ein Jahr nach Kriegsende haben viele Iraker noch immer nur für einige Stunden am Tag elektrischen Strom. Warum, so fragen sich viele, bringt es die führende Industriemacht der Welt nicht fertig, in einem Jahr Elektrizitätswerke und Telephonzentralen wieder herzurichten. Dafür gibt es einen einfachen, recht traurigen Grund. Die Kraftwerke sind überwiegend von Russland, Frankreich und Deutschland gebaut. Doch diese Kriegsgegner sind durch die Sieger vom Wiederaufbau des Landes weitgehend ausgeschlossen. Und so sehen viele Iraker auch ein Jahr nach Kriegsbeginn weiter in eine dunkle Zukunft. Süddeutsche Zeitung vom 20.03.2004 
Patrioten trauern nicht - Auch nach den Bomben bleiben Kritiker in der PflichtVon Judith ButlerManch einer in der amerikanischen Linken meint jetzt, die Vereinigten Staaten sollten sich ihrer Verantwortung als Besatzungsmacht stellen und in Irak für Recht und Ordnung sorgen. Doch darf man nicht vergessen, dass die oberste Pflicht einer Besatzungsmacht darin besteht, die Besatzung zu beenden. Im Falle Iraks heißt das für die USA, unverzüglich gemeinsam mit den Vereinten Nationen den Übergang zu einer internationalen Schutztruppe zu erarbeiten, die nicht nur den gesetzlichen Schutz von Menschen und Sachen wiederherstellt, sondern sukzessive die Notwendigkeit jeglicher amerikanischer Militärpräsenz überflüssig macht. Wenn Irak selbstständig werden soll, muss eine internationale Institution den Übergang von der amerikanischen Militärbesatzung zur Demokratie gewährleisten. Es ist entsetzlich, dass die USA jetzt Aufträge zum Wiederaufbau Iraks vergeben, als befände sich dieses Land nunmehr in ihrem Privatbesitz. Und es ist entsetzlich, dass Aufträge an Firmen gehen, die mit Richard Cheney und anderen Regierungsmitarbeitern einträgliche Verbindungen unterhalten. Auch wenn die USA für die Wiederherstellung der irakischen Infrastruktur aufkommen sollen, ja müssen, haben sie keinen wie auch immer gearteten Anspruch darauf, von der Verwüstung zu profitieren, deren Urheber sie sind. Ihre Zahlungen sollten als "Reparationszahlungen" behandelt werden, die durch Institutionen internationalen Rechts zu verwalten wären, also höchstwahrscheinlich den Internationalen Strafgerichtshof oder den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, wobei von irakischer Seite ernannte Vertreter als Prozessbeteiligte teilnehmen sollten. Natürlich besteht wenig Aussicht, dass sich die Regierung Bush einem solchen Vorgehen fügen würde; schließlich hat sie ja schon unter Beweis gestellt, dass ihre Verachtung internationalen Rechts und anderer Formen internationaler Solidarität durchgängig und konsequent ist. Sie verweigerte die Anwendung der Genfer Konventionen im amerikanischen Militärstützpunkt und Gefangenenlager Guantanamo Bay, verweigerte den Beitritt zum Internationalen Strafgerichtshof, brach den ABM-Vertrag und betrachtete die Vereinten Nationen als entbehrliches "Werkzeug", während sie damit beschäftigt war, einen Vierten Weltkrieg wahrscheinlicher zu machen. Mit "Die-Ins" in die ÖffentlichkeitEs entsetzt mich auch, amerikanische Soldaten in den Verschnaufpausen von ihren Tötungstouren Baseball spielen zu sehen oder zu sehen, wie sie unmäßig lange Trauerfeiern für einen ihrer gefallenen Kameraden abhalten, während Tausenden getöteten Irakern keine Trauerzeremonie zuteil wird. Und während ich, wie wir alle, zutiefst beunruhigt darüber bin, wie wenig effektiv Plünderungen und kriminelle Gewalttaten durch die US-Streitkräfte eingedämmt wurden, halte ich es gleichwohl für falsch, längerfristig eine ausgedehnte Übernahme von Polizeifunktionen durch das Militär zu fordern. Genau dafür gibt es schließlich internationale Friedenstruppen. Es ist an der Zeit, dass die Vereinigten Staaten eine schnelle und effektive Übergabe an diese internationalen Einrichtungen organisieren, um die vollständige militärische Besetzung Iraks mit Besitzansprüchen auf Rohstoffe, Arbeit und Profite zu verhindern, die derzeit droht. Neben einer Beendigung der Besatzung und einem raschen Übergang zu internationaler Friedenssicherung bleibt es entscheidend, dass die amerikanische Linke in ihren öffentlichen Bekundungen von Trauer und Bedauern nicht nachlässt. Die "Die-Ins" in Boston vor einigen Wochen waren überaus wirkungsvolle Aktionen und vermochten es sogar, die "Nachrichtensperre" zu durchbrechen, der die meisten Demonstrationen in diesen Tagen zu unterliegen scheinen. "Die-Ins" sind eine Erfindung der achtziger Jahre, damals als Zeichen des Protests gegen die Weigerung der Regierung, Gelder für die Erforschung von HIV und Aids zur Verfügung zu stellen - spektakuläre Aktionen auf offener Straße, die die tödlichen Folgen der Untätigkeit der amerikanischen Regierung symbolisierten: Große Gruppen von Menschen brechen mitten auf der Straße zusammen, während andere die Umrisse ihrer Körper mit Kreide auf den Asphalt zeichnen; Umrisse, die zurückbleiben, nachdem Polizisten all diese scheinbar leblosen Körper weggetragen haben, als brächten sie die Toten fort. "Die-Ins" erinnern aber auch an die Toten, bringen sie ins "Leben" zurück, in den öffentlichen Diskurs, vor unsere Augen, als so viele tote Körper, die nicht vergessen werden können und nicht vergessen werden dürfen. Rendezvous mit McCarthyUnd nun ist es durch eine US-Regierung wieder zu massiven Verlusten an Menschenleben gekommen, denen die USA einen irrealen Charakter verleihen wollen. Wir sollten die toten Iraker öffentlich betrauern und darauf drängen, dass öffentliche Plätze der Ort sind, wo der Wirklichkeit dieses Verlusts gedacht wird. Die Bildberichterstattung gleitet rasch über die Realität des von den USA verursachten Todes hinweg. Sie säubert den Horror. Es ist, als riskierten die amerikanischen Medien, würden sie die Bilder zeigen, dass Sympathie für das irakische Volk entsteht und die amerikanische Regierung in ihrer Blutrünstigkeit bloßgestellt wird. Die Funktion von "Die-Ins" besteht darin, an die Wirklichkeit dieser Morde zu erinnern und darauf zu bestehen, dass diese Leben Anerkennung finden und dass die amerikanische Aggression unannehmbar bleibt. In diesen Tagen geht eine offene und öffentliche Trauer über die von den Vereinigten Staaten getöteten Menschen das Risiko ein, "unpatriotisch" genannt zu werden, als setzte man das Land herab oder drücke gar Solidarität mit seinen Feinden aus, indem man Verantwortung für das Blutbad übernimmt, das es angerichtet hat. Die amerikanische Presse bringt nur handverlesene Fotos von Todesopfern, stellt nur äußert knapp dar, wie Menschen starben - etwa die sechzig Zivilisten auf einem Markt in Bagdad vor drei Wochen - und geht später nicht mehr auf das Geschehen ein, verfolgt es einfach nicht weiter. Man hat den Eindruck, investigativer Journalismus sei an sich schon zu einem "unpatriotischen" Umtrieb mutiert. Diese Art von Patriotismus lebt davon, die Folgen des amerikanischen Angriffs nicht zu sehen und nicht zu kennen. Noch die Szenen, die Iraker beim Plündern von Regierungsgebäuden und Museen zeigten, wurden von Donald Rumsfeld kritisiert, weil sie die Aufmerksamkeit vom Plot der "Befreiung" ablenkten, der ja die amerikanische Gewalt begründen soll. Journalisten, die öffentlich Zweifel an der US-Kriegsstrategie äußerten oder zu Formulierungen griffen, die nicht gänzlich vom Militär gebilligt waren, wurden öffentlich ihres Mangels an patriotischer Solidarität bezichtigt; einige verloren ihren Job. Kritik und Meinungsfreiheit scheinen nicht länger Teil jener Idee von Demokratie zu sein, die hier "verteidigt" wird. Die Journalisten, Nachrichtensendungen, Zeitungen, die sich die Anschuldigung "unpatriotischen" Verhaltens zu eigen machen, handeln aus der Furcht heraus, man würde sie eines zu großen Verständnisses für "den Feind" bezichtigen, mithin mangelnder Unterscheidbarkeit vom Feind. Das ist genau der Gesinnungsterror, der die McCarthy-Prozesse der fünfziger Jahre auszeichnete. Wen sollte es da noch überraschen, dass in Oregon eine Gesetzesvorlage eingebracht wurde, die in Antikriegsdemonstrationen einen Landesverrat erkennen will und all jenen mit Gefängnisstrafen droht, die das ausüben, was sie bislang für ihre in der Verfassung verankerte Redefreiheit hielten. Als die Verfassung außer Acht gelassen wurde, damit Bush die Präsidentschaftswahlen gewinnen konnte, wussten wir einfach noch nicht, dass sie binnen weniger Monate mit Füßen getreten würde. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Adrian. Frankfurter Rundschau vom 22.04.03 
"Das sind doch paranoide Slogans"Zbigniew Brzezinski, Ex-Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und graue Eminenz unter den amerikanischen Globalstrategen, sprach mit stern.de über Teherans nukleare Ambitionen und die Politik des selektiven Engagements Herr Brzezinski, seit mehr als 20 Jahren soll der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeiten. Wann hat das Land die Bombe? In zwei bis drei Jahren wird das Land wohl in der Lage sein, Atomwaffen zu bauen. Der israelische Sicherheitsberater Giora Eiland warnt, bereits im November erreiche der Iran den Punkt, von dem an es kein Zurück mehr gibt. Ja, ja, das waren die gleichen Quellen, die uns einflüsterten, der Irak stecke voller Massenvernichtungswaffen. Und wir haben erlebt, wie gefährlich Demagogie bei diesem Thema sein kann. Was passiert, wenn der Iran Atomwaffen hat? Ich glaube, die Bedrohung, die dann vom Iran ausginge, wäre gar nicht so groß. Das sehen die Regierungen in Washington und auch in Berlin ganz anders. Eine Atommacht Iran sei nicht hinnehmbar, heißt es. Nehmen Sie doch die Atommächte Indien und Pakistan. All die Vorhersagen, dass es zwischen den beiden Ländern zum Krieg komme, haben sich bislang nicht erfüllt. Wenn Atomwaffen tatsächlich den Frieden stabilisieren, warum ist dann die ganze Welt dagegen, dass der Iran die Bombe baut? Der Iran ist ein wichtiges Land in einer Krisenregion, umgeben von Atommächten. Deshalb ist es nicht wünschenswert, dass er in den Besitz von Atomwaffen kommt. Bisher ist Israel die einzige Atommacht im Nahen Osten, es soll rund 200 Atombomben besitzen. Man kann verstehen, dass die Iraner überzeugt sind, genau diese Waffen haben zu müssen. Teherans nukleare Ambitionen sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass man dort über ein Mittel der Abschreckung verfügen will. Der Iran selbst ist ja kein notorisch aggressives Land. Wenn wir wirklich wollen, dass die iranische Führung unsere Besorgnis ernst nimmt, müssen wir auch Verständnis aufbringen. Atombomben in den Händen fundamentalistischer Mullahs würden die Sicherheit der Welt bedrohen, heißt es aber bei Ihnen in Washington. Das sind doch irrationale und paranoide Slogans. Diese Argumentation erinnert verdächtig an die Demagogie, die vor dem Irak-Krieg verbreitet wurde und mit der dann die Gewalt gerechtfertigt wurde. Im Pentagon und in einigen Abteilungen des Außenministeriums ist aber schon wieder von "regime change" die Rede. Für Präsident Bush gehört der Iran zur "Achse des Bösen". Folgt auf den Sturz Saddams der "Regimewechsel" in Teheran? Sicher gibt es hier Menschen, die dieser Idee anhängen. Nach seiner Wiederwahl mag Präsident Bush sich sogar dazu ermächtigt fühlen, den Kurs solcher Regimewechsel fortzusetzen - zumindest verbal. Die USA werden doch jetzt schon in der arabischen und in der muslimischen Welt gehasst. Welche Folgen hätte so eine Politik? Die gesamte Region droht gerade in Flammen aufzugehen. Aber mit jedem weiteren Tag im Irak wächst auch in Washington die Erkenntnis, dass eine Iranpolitik, die das Feuer weiter anfacht, sehr ernste Folgen hätte. "Welche? Im Irak und in Afghanistan beispielsweise könnte der Iran fundamentalistische Gruppen verstärkt unterstützen. Wie kann der Iran dann gestoppt werden? Teheran möchte sich alle nuklearen Optionen offen halten. Atomwaffen bedeuten auch Prestige. Doch wir dürfen uns niemals allein auf militärische Macht verlassen. Wir müssen ein wirklich ernsthaftes Engagement in dieser Frage zeigen. Und wie soll das aussehen? Ich nenne das die Politik des selektiven Engagements. Die USA sollten den ersten Schritt tun. Die USA haben aber seit 25 Jahren Sanktionen gegen den Iran verhängt. Dennoch - die USA sollten bereit sein, einen bilateralen Dialog mit Teheran zu beginnen. Es könnten ja zunächst informelle Gespräche sein. Dabei würde zunächst über die Sicherheitsinteressen beider Länder gesprochen werden. Solche Gespräche sind in Nordkorea gescheitert, die UN-Atominspektoren wurden aus dem Land geworfen. Heute besitzt Nordkorea möglicherweise schon die Atombombe. Warum plädieren Sie nun auch im Fall des Iran für Appeasement, für eine Politik der Beschwichtigung? Verwechseln Sie Engagement nicht mit Beschwichtigung durch falsche Zugeständnisse. Wir müssen Vertrauen und Respekt aufbauen. Und so weit sind wir noch lange nicht. Das letzte Urteil über das iranische Nuklearprogramm steht noch aus. Daher muss auch klar sein: Wir müssen uns eine militärische Option immer offen halten. Welche Rolle spielt Europa in Ihrem Konzept? Der ehemalige Präsident Ali Rafsandschani verkündete vor wenigen Tagen, iranische Raketen könnten jetzt mehr als 2000 Kilometer weit fliegen und damit Europa erreichen. Europa ist betroffen, es liegt näher am Iran als Amerika. Aber politisch existiert Europa immer noch nicht. Das ist ein Riesenproblem. Beim Thema Irak stand Großbritannien an der Seite der USA, die Spanier und Italiener kooperierten, Deutsche und Franzosen aber erhoben das Nicht-Engagement nahezu zum moralischen Gebot. Die EU-Länder können sich einfach nicht auf eine einheitliche Strategie einigen. Es ist also ziemlich egal, wer sonst noch Gespräche mit dem Iran führt - entscheidend ist, ob sich die USA engagieren. Bis zum 25. November muss der Iran einen umfassenden Bericht bei den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vorlegen. Außerdem soll Teheran auf Urananreicherung verzichten. Wozu das Ultimatum? Glauben Sie mir, es wird nichts Dramatisches geschehen. Deutschlands Außenminister Joschka Fischer aber fürchtet: "Wir könnten in eine ernste Situation geraten." Ist das übertrieben? Was passiert denn, wenn der Iran die Forderungen einfach nicht erfüllt? Bricht dann einen Tag später der Krieg los? Zunächst käme der Iran vor den Sicherheitsrat. So wie vor knapp zwei Jahren auch der Irak, oder? Vielleicht. Und was würde der Sicherheitsrat unternehmen? Eine Militäraktion beschließen? Zunächst würden Sanktionen verhängt. Das tun die USA schon seit 25 Jahren. Aber würde auch Europa mit seinen Handelsinteressen wirklich harte Sanktionen befürworten? In den USA forderte der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry genau das: viel schärfere Sanktionen. Die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen sah er als größte Bedrohung für sein Land. Solche drakonischen Maßnahmen funktionieren nur, wenn alle mitmachen. Ich meine wirklich alle. Ich glaube, wir müssen uns an einen Tisch setzen und miteinander sprechen. Über Afghanistan, den Irak und vielleicht sogar auch über eine nuklearwaffenfreie Zone im Nahen Osten... Die entsprechende UN-Resolution hat Israel erst gar nicht unterzeichnet. In solchen Fällen kann man sich nur vorsichtig vortasten. Man kann niemandem eine Lösung aufzwingen. Das Gegenteil passiert. Schon wird über einen israelischen Militärschlag spekuliert - so wie 1981, als israelische Kampfflugzeuge den Atomreaktor Osirak im Irak zerstörten, rechtzeitig, bevor Saddam Husseins Nuklearprogramm richtig in Gang kam. Und gerade hat Israel 500 Bomben in den USA bestellt, die unterirdische Bunker zerstören können. Ein israelischer Militärschlag könnte nur mit amerikanischer Zustimmung erfolgen. Die israelischen Flugzeuge müssten über amerikanisch kontrollierten Luftraum fliegen. Eine israelische Aktion käme also politisch einer amerikanischen Militäraktion gleich. Die iranische Führung behauptet ohnehin, sie halte sich exakt an den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen NPT. Der erlaubt die friedliche Nutzung von Atomenergie und verspricht sogar Hilfe bei der Beschaffung der Technik - wenn auf Nuklearwaffen verzichtet wird. Der Vertrag kann sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Und einige doppeldeutige Paragrafen darin erlauben tatsächlich Tätigkeiten, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke genutzt werden können. Das ist die Realität, leider. Aber das steht im Vertrag. Wir haben offenbar keine Alternative dazu. Sollen die Europäer dem Iran wirklich nuklearen Brennstoff für dessen Atomkraftwerke liefern, falls Teheran auf militärische Programme verzichtet? Es ist zu früh, um über solche Belohnungen zu sprechen. Doch wenn wir nicht wollen, dass der Iran eines Tages Nuklearwaffen besitzt, dann sollten wir dem Land Zugang zu Atomenergie gewähren. Noch viel wichtiger ist: Wir müssen den Iranern das Gefühl geben, dass sie sich sicher fühlen können. Interview: Katja Gloger stern.de vom 18.11.04
Jean Baudrillard "Frankreich ist nur ein Land, Amerika ist ein Modell." Wie unüberbrückbar weit die Kluft zwischen französischen Intellektuellen und den amerikanischen derzeit ist, dokumentiert dieses Interview, das die Amerikanerin Deborah Solomon mit dem französischen Philosophen Jean Baudrillard geführt hat. Für Baudrillard, nach dessen berühmter Theorie "die Bilder der Medien mächtiger und wirklicher geworden sind als die Wirklichkeit selbst", ist Freiheit, aber auch der Einmarsch in den Irak nichts als eine Maskerade, ein Spiel. Sicher spricht Solomon heute den meisten amerikanischen Intellektuellen – von denen nicht wenige vor Jahren ja den Pariser Intellektuellen mächtig nacheiferten – aus dem Herzen, wenn sie Baudrillards "Sophistik" nun "ermüdend" findet. Deborah Solomon: Monsieur Baudrillard, können Sie als einer der gefeierten Philosophen Ihres Landes uns erklären, was die jungen Leute in der Banlieue gegen den Rest der Nation aufbringt? Jean Baudrillard: Es wird noch viel, viel schlimmer werden. Lange gab es so etwas eine relativ friedliche Koexistenz oder besser Kohabitation, aber meine Landsleute haben nicht allzu viel unternommen, um die muslimische Bevölkerung zu integrieren – das rächt sich jetzt. Frankreich hat sich immer als Einheit begriffen, doch dieses naturgegebene Selbstverständnis zerbricht gerade. Solomon: Vielleicht war das ja unvermeidlich. Viele amerikanische Beobachter hat es jedenfalls sehr überrascht, als die französische Regierung religiöse Symbole wie Kopftücher aus den öffentlichen Schulen verbannte. Baudrillard: Ja, die USA verfügen über eine lange Geschichte der Einwanderung. Ihre Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Ethnien zusammen, und, obwohl diese miteinander konkurrieren, ist und bleibt Amerika Amerika. Selbst wenn keine Amerikaner in den USA leben würden, gäbe es immer noch Amerika. Frankreich ist nur ein Land, Amerika ist ein Modell. Solomon: Würden Sie sagen, dass Amerika für das Ideal der Demokratie steht? Baudrillard: Nein, sondern für die Simulation von Macht. Solomon: Mit 76 Jahren vertreten Sie immer noch Ihre Theorie über Simulation und Simulacren, derzufolge die Bilder der Medien mächtiger und wirklicher geworden sind als die Wirklichkeit selbst. Baudrillard: All unsere Werte sind nur Simulationen. Was bedeutet Freiheit? Dass wir die Wahl haben, das eine Auto zu kaufen oder das andere. Das ist eine Schein-Freiheit. Solomon: Folglich glauben Sie nicht daran, dass die US-Regierung in den Irak einmarschiert ist, um ihn zu befreien? Baudrillard: Was wir beabsichtigen, ist, den Rest der Welt auf dasselbe Niveau von Maskerade und Parodie zu hieven, auf dem wir uns bewegen, also den Rest der Welt in ein Konstrukt zu verwandeln, auf dass die ganze Welt vollkommen künstlich wird. Dann besitzen wir eine allumfassende Macht. Es ist eine Art Spiel. Solomon: Wen meinen Sie mit "wir"? Baudrillard: Frankreich ist ein Nebenprodukt der amerikanischen Kultur. Wir alle sind ein Teil davon; wir sind globalisiert. Wenn Jacques Chirac zum Irak-Krieg Nein sagt, ist das eine Täuschung. Es soll suggerieren, dass die Franzosen eine Ausnahme darstellen, aber es gibt keine französische Ausnahmestellung. Solomon: Dass Frankreich sich dagegen entschieden hat, Truppen in den Irak zu entsenden, hat jedoch sehr konkrete Folgen für zahllose Soldaten, deren Familien und für den Staat. Baudrillard: So ist es wohl. Wir sind "gegen" den Krieg, weil es nicht der unsere ist. Amerika hat auch keine Soldaten geschickt, als wir in Algerien Krieg führten. Frankreich und Amerika sind also auf derselben Seite. Es gibt nur eine Seite. Solomon: Ist das nicht die Sorte von Sophistik, deretwegen französische Intellektuelle so ermüdend wirken? Baudrillard: Es gibt keine französischen Intellektuellen mehr. Was Sie französische Intellektuelle nennen, wurde von der Mediengesellschaft verschlungen. Die Intellektuellen reden im Fernsehen und in den Zeitungen, aber sie reden nicht mehr miteinander. Solomon: Glauben Sie, dass es in den USA Intellektuelle gibt? Baudrillard: Susan Sontag und Noam Chomsky haben wir als solche wahrgenommen. Aber das ist nur Ausdruck des französischen Chauvinismus. Wir betrachteten sie als unseresgleichen. Wir schenken dem, was von außen kommt, keine Beachtung. Wir akzeptieren nur das, was wir erfunden haben. Solomon: Waren Sie mit Susan Sontag befreundet? Baudrillard: Wir sahen uns von Zeit zu Zeit, aber das letzte Zusammentreffen war eine Katastrophe. Sie kam zu einer Tagung in Toronto und griff mich an – ich hätte geleugnet, dass es so etwas wie Wirklichkeit gebe. Solomon: Lesen Sie überhaupt Werke amerikanischer Autoren? Baudrillard: Ich lese viele amerikanische Romanciers: Updike, Philip Roth, Truman Capote. Ich ziehe amerikanische Belletristik der französischen vor. Solomon: Vielleicht ist die französische Literatur der französischen Theorie zum Opfer gefallen. Baudrillard: Unglücklicherweise hat es die französische Literatur auch ohne Hilfe der Theorie geschafft, zu Tode zu kommen. Solomon: Bei uns meinen manche, dass die Geisteswissenschaften an den amerikanischen Universitäten durch den Einfluss von Dekonstruktion und anderer französischer Theorien Schaden genommen haben. Baudrillard: Das war das Geschenk der Franzosen. Sie haben den Amerikanern eine Sprache gegeben, die diese nicht brauchen. Das ist wie mit der Freiheitsstatue. Kein Mensch braucht französische Theorien. Süddeutsche Zeitung vom 24.11.05 Deutsch von Christopher Schmidt |