Mrz 132012
 

Joachim, der Lokomotivführer?

Von Hans-Jochen Tschiche

Er wird als früherer DDR-Bürgerrechtler gefeiert – Joachim Gauck lässt sich das gern gefallen. Dabei sprang er erst spät auf den fahrenden Zug. Ein Vertreter der DDR-Opposition erinnert sich.

Joachim Gauck wird überall als ehemaliger DDR-Bürgerrechtler herumgereicht. Er fährt ganz ungeniert auf diesem Ticket durch die politische Landschaft. Er war, das muss man ihm zugestehen, ein integrer Pfarrer der Mecklenburgischen Landeskirche. Er hat sich nie auf fragwürdige Weise mit den Sicherheitsbehörden eingelassen. Und er hat sich auch nicht gescheut, in seinen kirchlichen Ämtern ein offenes Wort zu wagen. Die Sicherheitsbehörden haben ihn überwacht. Aber in der entstehenden Opposition unter dem Dach der Kirche ist er mir nie begegnet.

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelangte die westliche Friedenspolitik auf ihren Höhepunkt. Die Angst vor dem atomaren Inferno ging um. Neue Trägerraketen standen im Osten, und im Westen sollte nachgerüstet werden. Beide deutsche Teilstaaten würden im Fall eines Krieges zu einer atomar verseuchten Mondlandschaft. Im Schatten dieser Ereignisse wurde die Friedensdekade der DDR-Kirchen geboren. Ihr Motto: Schwerter zu Pflugscharen.

In einzelnen Gemeinden sammelten sich Friedensgruppen, zu denen auch Nichtchristen gehörten. Die Mehrheit der evangelischen Kirchengemeinden aber verschlossen sich dieser Arbeit. Die Öffnung riskierten nur einzelne Pfarrer und Kirchengemeinden – vor allem in großen Städten. Die kirchlichen Oberen versuchten diese aufmüpfigen Gäste zu domestizieren. Schließlich sei man zwar für alle, aber nicht für alles da. Ein Bischof erklärte, wir haben zwar eine Position, aber wir sind keine Opposition.

Ich war von Anfang an dabei, aber von Gauck habe ich nie etwas gehört.

Die Verantwortlichen der Kirche wurden den Verdacht nicht los, dass hier politischer Leichtsinn Platz greift. Der Staat könnte gereizt werden und andere kirchliche Arbeitsfelder behindern. Ein führender Kirchenmann bat, man möge doch immer daran denken, dass durch öffentliche Äußerungen von Gruppenmitgliedern staatliche Stellen nicht das Gesicht verlieren dürften. Eine spannungsvolle Geschichte: Die Kirchenoberen bremsten, die Aufmüpfigen drängten. Gauck ist nie dadurch aufgefallen, dass er gedrängt hat.

Gauck, Joachim: Bundesbeauftragter für Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, DDR - Bundesarchiv (PND 119323710)

Joachim Gauck 1990
Bundesarchiv, Bild 183-1990-1218-302 / Grimm, Peer / CC-BY-SA

Es entstand eine winzig kleine alternative Bewegung im real existierenden Sozialismus. In den Augen der Stasi gehörten nie mehr als 3000 bis 4000 Menschen dazu. Die DDR hatte 16 Millionen Einwohner. Trotzdem beunruhigte sie die weltliche Obrigkeit. Die Gruppen entwickelten das Netzwerk „Frieden konkret“, dessen Vertreter sich einmal im Jahr trafen. Aus dieser Bewegung kamen die Leute, die man heute die Bürgerrechtler nennt. Sie forderten die Demokratisierung des sozialistischen Staates. Ich war von Anfang an dabei. Von Gauck habe ich in dieser Zeit nie etwas gehört.Er sprang erst spät auf den fahrenden Zug

Etwa seit 1987 wollten wir aus dem Gewächshaus der Kirche ausziehen und im Freiland der Öffentlichkeit eine gesellschaftliche Organisation gründen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1989 erfasste die DDR eine Gründungswelle von oppositionellen Gruppen. Am bekanntesten wurde das Neue Forum. Joachim Gauck gehört nicht zu den Vätern dieser Gründung. Er sprang erst später auf den fahrenden Zug auf. Wenn ich heute die veröffentlichte Meinung wahrnehme, wird er immer als Lokomotivführer der Oppositionsbewegung beschrieben. Er hat sich das nach meinem Wissen auch immer gefallen lassen.

Im März 1990 wurde ich in die Volkskammer gewählt, rauschebärtig, mit verknitterten Hosen und ohne Schlips. Ein Mensch unbürgerlichen Aussehens und linker Gesinnung. Hier begegnete ich Gauck zum ersten Mal: ein gepflegter Herr mit elegantem Anzug, natürlich mit Schlips, sonorer Stimme und selbstbewusstem Auftreten. Nach einigen Sätzen mit ihm war mir klar: Er ist ein Mann konservativ-bürgerlicher Gesinnung. Zwei fremde Welten trafen aufeinander. Viele meiner Freunde aus der Opposition wollten die DDR reformieren und nicht im Westen ankommen. Das war 1990 vorbei.

Wir waren die Türöffner, andere aber haben die Politik gemacht. Linkes Denken war Gauck immer schon suspekt, die DDR hasste er. Die mehrjährige Haft seines Vaters war der Nährboden, aus dem dieser Hass wuchs.

Eine Versöhnungskommission hat Gauck nie gefordert

Im Sommer 1990 war er am Ziel seiner Sehnsucht. Er stimmte dem Einigungsvertrag bedingungslos zu. Hartnäckig verfolgte er noch ein anderes Ziel. Er wollte, dass die Akten der Staatssicherheit im Osten blieben und er zu ihrem Verwalter berufen wird. Beides erreichte er. Das war ein Geschenk der westdeutschen Politik an ostdeutsches Verlangen. So konnten wir das Innenleben eines Geheimdienstes besichtigen.

Eine bohrende Frage für Politiker: Wie legitim ist das Wirken im Verborgenen, am Rande der Legalität? Die Behörde von Gauck war eigentlich gegründet worden, um Opfer zu rehabilitieren, Täter zu entlarven und die DDR im kollektiven Bewusstsein als Unrechtsstaat festzuschreiben. Eine Versöhnungskommission aber hat Joachim Gauck nie gefordert.

Als die DDR aus der Geschichte verabschiedet wurde, war Gauck einen großen Schritt vorwärtsgekommen. Er war in der Welt der westlichen Konservativen angekommen. Er sei ein linker, liberaler Konservativer, meinte er, was immer das sein mag. Er gehört zu jenem Teil der westlichen Gesellschaft, der den Markt entfesselt hat und ganze Länder in die Pleite führte. Effizienz und Tempo sind die neuen goldenen Kälber. Die Hektik bringt die Menschen um ihre Gesundheit. Wer es nicht schafft, ist selber schuld.

Wer sich so hofieren lässt, wird Gefangener seiner Eitelkeit

Gauck schwärmt von der Freiheit, die ihm alle Wege öffnet. Wer nach der sozialen Absicherung fragt, will nach seiner Ansicht zurück zu den dürftigen Fleischtöpfen der DDR, wo andere ihm den Fraß vorwarfen. Kapitalismuskritik hält er für absurd.

Wir brauchen als erste Frau oder als ersten Mann im Staate aber einen Menschen, der vordenkt, der die Wirklichkeit wahrnimmt, die Bedrohungen benennt und nach Alternativen fragt. Das Motto „Ich bin da angekommen, wo ich schon immer sein wollte, und es soll grundsätzlich alles so bleiben“ ist zu wenig für das Amt des Bundespräsidenten. Ein Mann, von keinem Selbstzweifel geplagt, von einer Aura kindlicher Eitelkeit umgeben, der in der Öffentlichkeit mit einer herablassenden Jovialität seine Worte auf seine Zuhörer herabfließen lässt, bietet zwar ein interessantes Schauspiel, aber erfüllt nicht die Erwartungen an einen Präsidenten.

Was mich in Rage gebracht hat, war eine Preisverleihung in München. Gauck wurde mit den Geschwistern Scholl verglichen. Er hat das nicht zurückgewiesen und ist nicht schamrot geworden. Wer sich so hofieren lässt, droht der Gefangene seiner Eitelkeit zu werden.


Süddeutsche Zeitung vom 27.02.2012

Hans-Jochen Tschiche, 82, war seit 1968 in der DDR-Opposition aktiv. Der Pfarrer leitete die Evangelische Akademie in Magdeburg.


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