Jan 012015
 

Buchbesprechung von Nico Plomp, August 2014 

Willibald Jacob hat mehrere Bücher geschrieben [u.a. >Eigentum und Arbeit<, >Leistung wofür?<, >Arbeiterpfarrer in der DDR< und >Trittsteine im Fluss< über seine Erfahrungen mit der Gossner Mission Gemeinden in Indien], aber das persönlichste ist sein letztes Buch, das mit dem Titel >AM RAND DIE MITTE SUCHEN< kürzlich erschienen ist. Es ist eine Chronik und umfasst Dokumenten, Fotos, Briefe an kirchliche und politische Autoritäten, aber auch die Prüfungsarbeit zum Theologischen Examen, eine Rede von Niemöller und kürzlich geschriebene Briefe an seine Kinder und Enkelkinder. Es hat mehr als 450 Seiten! Mit diesem Buch will Willibald die nächste Generation informieren über sein Leben und im Besonderen was ihn in religiösen und politischen Sinne bewegt hat.

Willibald Jacob, geboren 1932, hat eine besondere Epoche erlebt, die die Jüngeren sich kaum vorstellen können. Als Kind hat er den Krieg erlebt, davon die letzten zwei Jahre außerhalb Berlins im Riesengebirge, Sudetenland. Aber wichtiger ist die Nachkriegszeit, als er mit seiner Mutter und Schwester zurückkehrt in ein desolates Berlin und wo sie ihr Haus zerstört antreffen mit einem Bombentrichter im Garten von 20 Metern im Durchmesser. Der Vater ist nicht zurückgekehrt aus Russland und die Mutter sprach die damals nicht richtig verstandenen Worte ‚Vater ist gefallen‘. Wäre er zurückgekehrt, er hätte sich nicht zurecht gefunden. Der Vater hatte einen Schlachthof und die Mutter war in der Verwaltung tätig, aber zurückgekehrt wird der Betrieb den Sowjets übergeben. Die Mutter, die 1944 den zum Glauben gefunden hatte, macht eine Ausbildung zur Katechetin und übernahm Christenlehreklassen und baute Jugendkreise auf. 

Die Geschichte vom Buch fängt aber an um 1900 mit der Vorstellung der Großeltern und Urgroßeltern, die von Bosnien, Moravien und Sachsen nach Berlin – der Großstadt – kamen. Sein Großvater Emil Jacob ist Schmiedegeselle und kaufte sich 1920 ein Grundstück an der Feldmann Straße 120, was bis heute das Territorium der Familie Jacob ist. Damals befand es sich am Rande der Stadt, wo sich ringsum Wiesen und Gärten befanden. Hierauf verweist der Titel des Buches. Die Geschichte bis zum Krieg umfasst schon 70 Seiten mit vielen Einzelheiten über Berufe, Nachbarn und Familiengeschichten. Vermeldet wird ein außereheliches Kind, dessen Vater ein jüdischer Arzt war, bei dem die Mutter [Wilhelmine Jacob] für Hausarbeit angestellt war.

Nach dem Krieg, als alles zerstört war, repariert ein Mauermeister das Dach der Garage wo die Familie dann lebte und bekommt ein Fahrrad als Bezahlung. Das Durchregnen hörte dann auf. Ab Herbst 1946 bekommt der Kindergarten der Ev. Gemeinde in der Kirchengemeinde Weissensee einen Raum, in auch Gottesdienste stattfinden. Auf Seite 81 schreibt er sinngemäß: „Bei mir kam die Erkenntnis, dass diesen äußeren Trümmerfelde ein Inneres entsprach durchzogen von schmalen Wegen“.

In 1948 wird Willibald von Pfarrer Erhard Bisse konfirmiert, ein freundlicher aber unnahbarer Mann, bei dem der Mensch erst bei den gehobenen Ständen begann. Gleichzeitig hat der 16 jährige Willibald keine Lust mehr zur Schule zu gehen und seine Mutter wurde mit ihm nicht mehr fertig. Der Junge war unregierbar geworden, er hält es nicht mehr zu Hause aus. Ulrich Tietze, der Mann der Freundin seiner Mutter aus Kiel konnte Willibald eine Lehrstelle besorgen in Schleswig Holstein. Endlich nicht mehr an allem sparen müssen! Aber dann muss er die Zonengrenze, die damals schon bewacht war, passieren. Das gelingt in einer nächtlichen Tour und Willibald kommt in ein Lager in Ratzeburg und wird abgeholt von Ulrich Tietze, der ihn zu einem Bauer in Groß Buchwald bringt. Im Buch steht ein Protokoll von schwerer Arbeit pro Tag. Aber beim Heuen verletzt Willibald seine Knie und muss zwei Monate im Krankenhaus verbleiben. Dort hat er Zeit zur Besinnung; er fängt an, die Bibel zu lesen und entscheidet sich zurück nach Berlin zu gehen. Er will am Katechetischen Seminar in Weissensee studieren. Dieser Schritt bedeutete eine Umkehr im Leben.
In 1949 als Willibald das Katechetische Seminar in Weissensee besucht, hört er zum ersten Mal über die Gemeinden, die sich nicht der Ideologie gebeugt hatten, von den Beschlüssen der Synoden der Bekennenden Kirche 1934, das Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 und das Darmstädter Wort von 1947. „Wir hören von einer Minderheit und sind erschrocken und beschämt. Unser Volk, das zu 90% aus getauften Christen besteht, hat sich unter geringem Widerstand die christliche Prägung seines staatlichen und kulturellen Lebens in kürzester Frist rauben lassen. Das ist eine für uns Deutsche tief beschämende Tatsache.

Die amtliche Kirche hat sich gegenüber dem Angriff des totalen Staates und seiner Weltanschauung weithin als blind und taub erwiesen. Ihre Haltung ist so zum Verrat an der Kirche geworden. „IN DIESER LAGE RUFT UNS GOTTES WORT ZUR BUSSE“.
„Atemberaubend“ nennt Willibald das Programm von Katechetische Seminar. Er beschreibt auf vielen Seiten, was die unterschiedlichen Dozenten (Horst Symanowski und Horst Dzubba) angeboten haben. Er hört über das Ende des Konstantinischen Zeitalters.

  • Nicht der Staat kann die Bestimmung der Kirche erfüllen, sondern die Mitglieder als Teil einer lebendigen Gemeinde in Gehorsamkeit an Gottes Wort. 
  • Im Pietismus werden Menschen fromme Betrachter und Zuschauer und Fremde in der Welt. Aber man muss das Christsein im Leben und im gesellschaftlichen und politischen Handeln zeigen. Es klingt wie das Wort von Marx: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an sie zu verändern“. Dieser Appell gibt ihm ein Ziel im Leben und ist ein Weg, um seine Unruhe zu kanalisieren. 

Als 19-jähriger zog er mit einem Wohnwagen nach Briesen, um Jugendliche Christunterricht zu geben in Auftrag der Gossner Mission. Als er in 1953 zufälligerweise im Gefängnis verbleibt, organisiert er auch dort Gottesdienste. Nach dem Abschluss der Predigerschule 1954 geht Willibald nach Wittenberg als Vikar für Jugendarbeit und besucht auch wieder mit dem Wohnwagen und Fahrrad die Dörfer, um zu interrichten und Vorträge zu halten. 1955 besucht er in Auftrag der Gossner Mission in die Gegend der Stalinallee von Haus zu Haus Familien mit Gerhard Fuchs und Hans Forster. Wo Kirche abwesend oder unbekannt ist, bildet er Hauskreise. Auch in Treuenbrietzen, wo Willibald ab 1959 Pfarrer ist, organisiert er Dienstgruppen, wo versucht wird Kirchliches und Weltliches auf einander zu beziehen.

Willibald hat ein imponierendes Buch geschrieben, das sich nur auf 34 Jahre von seinem 82-jährigen Leben bezieht. Es imponiert wegen der vielen Einzelheiten, Namen, Vorfälle, Briefe und Dokumenten. Er muss eine enorme Erinnerung oder ein Archiv haben, wahrscheinlich beides. In einer Buchbesprechung ist es unmöglich, eine befriedigende Zusammenfassung zu geben. Es war eben schwer die Übersicht zu behalten. Ich machte mir selbst eine chronologische Übersicht und suchte im Internet Hintergründe z.B. zur Gossner Mission und Otto Dibelius. 

Das Buch zeigt die Entwicklung eines jungen Mannes, der in der chaotischen Nachkriegszeit erwachsen wird. Als 16 jähriger wird er ergriffen von der Biblischen Botschaft und wird sich der Großen Schuld bewusst, die das deutsche Volk mit dem Krieg auf sich geladen hat. Er ist ein Repräsentant einer Bewegung junger Christen, die sich gesellschaftlich engagiert und sich engagiert für Gerechtigkeit in der Welt. Es ist die Bewegung, wozu auch Dietrich Gutsch gehörte und dessen Schwung auch die Basis ist von der ÖJD und unserer Gruppe. Es ist absolut keine exklusiv deutsche Bewegung, die Buße tut, es ist nicht der einzige oder eben der primäre Anreiz; der Anreiz ist die Grausamkeit des Krieges und der Wunsch und gefühlte Pflicht, eine bessere Welt zu gestalten. Willibald ist ein Aktivist, der während seines ganzen Lebens versucht eine Verbindung zu machen zwischen Kirche und Gesellschaft und der Welt der Arbeit, Politik und Außerkirchlichem. Das ist die metaphorische Deutung des treffenden Titels des Buches AM RAND DIE MITTE SUCHEN.

Als die Kirche und im besonderes die individuellen Kirchenmitglieder Problemen erfuhren vom Staat, gab er nicht auf. Die Zweistaatlichkeit Deutschlands und die atheistische Obrigkeit, ist eine Konsequenz des Krieges und eine Sache von Buße tun aber auch eine bessere Voraussetzung für das Christentum, das sich nicht vom Staat kompromittiert lässt.

Das Buch ist eine Chronik, und enthält keine Betrachtung über die Bedeutung der Epoche oder ein Extrapolieren der heutige Zeit. Deshalb möchte ich zum Schluss Willibald zu einiger Betrachtung herausfordern und Willibald einige Fragen vorlegen, die sich beziehen auf das engagierte Christsein:

  • Wir haben viel gelesen über gute Zwecke und Absichten, aber ich möchte auch etwas über die Erfolge wissen. Wie dauerhaft waren die Hausgemeinden und was waren die Ereignisse politisch, kirchlich und im persönliche Bereich der Teilnehmer?
  • Wenn du zurückblickst, gibt es dann Sachen, wovon du jetzt meinst, dass hätten wir besser oder anders machen sollen? 

Wie zeitgebunden ist das Engagement gewesen? Wenn du in der heutigen Zeit ohne akute Kriegsdrohung, ungeahnter Wohlfahrt, Informations- und Reisemöglichkeiten 19 – 25 Jahre alt wärest, was denkst du wäre dann dein Engagement?

Lieber Willibald, ich sehne mich nach unserem Gespräch. Und ich möchte dich bitten, deine Dokumentationsarbeit für die nächsten 50 Jahre deines Lebens fortzusetzen.


Willibald Jacob: Am Rand die Mitte suchen, 457 Seiten, zahlreiche, tw. farbige Bilder, kart., 30 €,
Ludwigsfelder Verlagshaus, 2013, ISBN 978-3-933022-80-6


BIOGRAFIE WILLIBALD JACOB
für die Epoche beschrieben in seinem Buch AM RAND DIE MITTE SUCHEN
• 1932 Geburt
• 1948 Konfirmation/ Verläßt Berlin für Schleswig Holstein
• 1949 Katechetisches Seminar Weissensee; Begegnung Dietrich Gutsch
• 1950 Diakonenschule, Ost Nienstadt/ Friedenssynode der EKD in Weissensee
• 1951 Seminar für Kirchlichen Dienst Zehlendorf
• 1953-54: Predigerschule Paulinium; Verhaftet beim Aufstand am 17. Juni
• 1954-55 Vikar in Wittenberg/ Heirat mit Elfride Berndt / Erste Aufbaulager Erfahrung in Mainz
• 1955-59 Stalinallee: Bildung Hauskreisen mit Gerhard Fuchs und Hans Foster
• 1957 Erste ÖJD-Aufbaulager in Weissensee
• 1959 Pfarrer Treuenbrietzen
• 1961 Martin Niemöller besucht Treuenbrietzen/ Dienstgruppen: Versuch kirchliche Arbeit mit einem Weltlichen Beruf zu verbinden.
• 1966 Cottbus


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