Apr 122019
 
Ein Leben für die Mission

Von Friedhelm Beyreiß

Teil 1

Inhalt

Fortsetzung Teil 2


Vorwort

Schon als Kind wurde ich mit dem Leben und Wirken meines Urgroßvaters, des Missionars Johannes Kabis bekannt gemacht. Da gab es im mütterlichen Nähzimmer eine Vitrine, in der sich Muscheln, Elefanten aus Ebenholz, geschnitzte Figuren und steinerne Hindugottheiten befanden, aber auch so exotische Dinge wie das Skelett einer Schlange, eine irdene Rassel oder unbekannte Früchte und Samenkapseln. Außerdem gab es unendlich viele Geschichten, Berichte und Anekdoten meiner Mutter über ihren Großvater und die Jugend ihrer Mutter, die diese in Indien verbracht hatte, die ich immer wieder gerne hörte. Vor einigen Jahren bekam ich aus einer Erbschaft zahlreiche Dokumente, Briefe, Fotos und sonstige Schriftstücke meines Urgroßvaters, die in den beiden Generationen vor mir sorgfältig bewahrt worden waren, so dass mein Interesse erneut geweckt wurde, mehr über diesen Vorfahren zu wissen. Ich fand einige gedruckte Broschüren, teils von meinem Urgroßvater selbst verfasst, teils von anderen Autoren über ihn geschrieben, und schließlich erhielt ich durch einen Onkel die von ihm gesammelten und zusammengestellten Briefe, welche Johannes Kabis während seines Aufenthaltes in Indien an seine Missionsstation in Deutschland geschickt hatte. Somit stand reichlich Quellenmaterial zur Verfügung, um ein Lebensbild einer Missionarsfamilie in Südindien zu verfassen.

Ich möchte es nicht versäumen, an dieser Stelle allen denen ganz herzlich zu danken, die mir bei meinen Nachforschungen behilflich waren, ganz besonders meiner Frau, die diese Arbeit aufmunternd und kritisch begleitet hat.


Kindheit und Ausbildung

Johannes Kabis wurde am 1. August 1853 als Sohn des Archidiakonus Heinrich Kabis in Rudolstadt / Thüringen geboren. Der Vater war ein in Rudolstadt bekannter und beliebter Prediger, der insbesondere am fürstlichen Hof besonderes Ansehen genoss. Die Familie des Fürsten Adolf wählte ihn zu ihrem Beichtvater und beauftragte ihn mit der Konfirmation ihrer Kinder, der späteren Großherzogin Marie von Mecklenburg und des letzten regierenden Fürsten. Johannes Kabis wurde als Kind häufig zur Gesellschaft des gleichaltrigen Prinzen Günther auf das Schloss geladen und blieb auch in späteren Jahren der fürstlichen Familie freundschaftlich verbunden. Während der Schulzeit am Landesgymnasium in Rudolstadt festigte sich in dem damals fünfzehn Jährigen der Wunsch, Missionar zu werden. Nach einigen Bedenken stimmte der Vater zu, und Kabis konnte im Oktober 1868 in das Missionshaus in Leipzig eintreten. Im Frühjahr 1872 bestand er das Abitur am dortigen Nikolai-Gymnasium, begann das Studium der Theologie und legte im Frühjahr 1876 mit gutem Erfolg sein erstes theologisches Examen an der Leipziger Universität ab. Zur Ableistung seiner Militärpflicht trat er als Einjährig-Freiwilliger in das ebenfalls in Leipzig stationierte 107. Infanterie Regiment ein und bestand am Ende seiner Dienstzeit die Reserveoffizierprüfung.


Unterwegs nach Indien

Nach erfolgter Ordination wurde Kabis bereits zu Pfingsten 1877, zusammen mit zwei anderen Missionskandidaten, in der Nikolaikirche zu Leipzig zum Missionsdienst nach Indien abgeordnet. Über Amsterdam, Rotterdam und Harwich ging die Reise nach London. Dort war ein einmonatiger Zwischenaufenthalt eingeplant, um die Kenntnisse der englischen Sprache zu verbessern. Am 2. September schließlich trat Johannes Kabis auf dem englischen Passagierdampfer Navarino die fünfwöchige Reise nach Indien an und erreichte am 8. Oktober wohlbehalten die südindische Hafenstadt Madras.

Die Fahrt durch´s Rote Meer ist heiß und unangenehm; ihr atmet die von zwei Wüsten, rechts und links, erhitzte Luft. Darum wohl euch, wenn erst die enge Straße von Bab el-Mandeb hinter euch liegt. Das von den Engländern befestigte Felsennest Aden in Südarabien bietet auch noch einen interessanten Anblick, aber noch mehr werdet ihr euch belustigen über die kleinen schwarzen Somalijungen, die dort auf kleinen Booten an die Dampfer herangerudert kommen und mit dem Geschrei: „Have a dive! Shall we dive!“ sich ins Meer stürzen und mit den Fischen um die Wette schwimmen. Reiche Reisende werfen dann wohl vom Schiff aus Silberstückchen ins Meer, die diese gelenkigen Wasserratten sehr geschickt durch Tauchen aus dem Meereswasser heraufholen. Dem Taucherspiel dieser Negerjungen könntet ihr lange zusehen, aber ihr habt Eile und der Weg ist noch weit. Also immer weiter nach Südosten! Einsam und melancholisch im blendenden Sonnenglanze seht ihr als letztes Felsenriff Afrikas das Cap Guardafui, d.h. Hüte dich! Gar manches Schiff ist dort zu Schaden gekommen. Immer weiter geht’s nun hinein in den schönen großen indischen Ozean. Hier ist´s nicht wie im Roten Meer, wo ihr fast immer, sei es im Westen oder Osten, die felsige Küste oder Felseninseln seht. Hier erblickt ihr dagegen mehrere Tage lang, soweit das Auge reicht, nichts als den großen herrlichen Ozean und darüber ausgespannt den schönen blauen Himmel. Da endlich taucht die große paradiesische Insel Ceylon auf mit ihren hohen Bergen im Innern, ihren üppigen Palmenwäldern, ihren duftenden Zimmetgärten an der Küste. Das deutsche Schiff geht im Hafen von Colombo auf der Westküste von Ceylon vor Anker, um dann nach China oder Australien weiterzufahren. Ihr müsst ihm also untreu werden und einen dort vor Anker liegenden englischen Dampfer besteigen. In rascher Fahrt geht´s um die alte Wunderinsel herum. Das Grün der Palmenwälder, hoch emporsteigende Gebirgsketten locken euch zu einem Streifzug durch dies wunderbar schöne Fleckchen der Erde. Aber schon geht die Reise nordwärts hinein in den Meerbusen von Bengalen nach dem Festlande von Ostindien, die Koromandel-Küste entlang. Am dritten Morgen wirft die aus dem Meer auftauchende rote Morgensonne auch schon verklärend ihre goldenen Strahlen auf die Zinnen der großen, weitausgedehnten Handelsstadt Madras. Immer klarer und deutlicher heben sich das alte Fort St. George, der hohe Leuchtturm und andere monumentale Gebäude und Paläste dieser Hauptstadt von ganz Südindien mit ihren 452.000 Einwohnern am hellen Horizont ab. Die Anker rasseln ins Meer. Ihr habt den Hafen von Madras erreicht. Nun schnell an´s Land. Wie Adler eine fette Beute, so umschwirren sogleich zahlreiche dunkelfarbige, halbnackte Bootsleute mit ihren nur mit Stricken zusammengenähten großen Booten das Dampfschiff. Doch nehmt euch in acht! Diese braunen Bootsleute reißen euch fast in Stücke. Jeder möchte euch in sein Boot haben. Nehmt das nächste mit 10 Ruderern bemannte große Boot! Mit Singsang tauchen sie die Ruder in´s Wasser. Bald seid ihr in der schäumenden Brandung. Haltet das Segeltuch über euch, damit das aufspritzende Meereswasser euch nicht benässt! Jetzt stößt das Boot auf den Strand. Nun lasst euch von den Bootsleuten an den trockenen Strand hintragen. Gott sei Dank, nun habt ihr wieder festen Boden unter den Füßen. Ihr seid in Ostindien, und wie schnell, liebe Kinder, ging die Reise! Ohne die Flügel der Gedanken hättet ihr 4 Wochen gebraucht.

( Ein Tag in Majaweram S.6 ff )


Tranquebar 1877 – 1879

Den Heiden zu predigen bin ich ausgesandt, und das werde ich, solange ich lebe, für meine eigentliche Arbeit halten. Das ist mir das höchste und erste.

( Briefe an die Direktoren, 4.2.1880 )

Die Hoffnung, möglichst bald nach seiner Ankunft mit der eigentlichen Missionstätigkeit beginnen zu können, sollte sich für Kabis nicht erfüllen. Zunächst musste er sich der schwierigen Aufgabe stellen, die Tamilensprache zu erlernen, sich in die neue, für ihn völlig ungewohnte Umgebung einzuleben und sich an das tropische Klima zu gewöhnen. Begierig nahm er die neuen Eindrücke in sich auf und berichtete in seinen Briefen an die Heimat anschaulich von ihnen.

Es ist schon spät am Abend, und ich dachte erst, mit den kurzen Notizen in mein Tagebuch die heutige Tagesarbeit beschließen zu können und lehnte mich schon feiernd in den Stuhl zurück, ließ die Arbeit des verfloßenen Tages noch einmal prüfend an der Seele vorübergehen und lauschte dem schönen indischen Abendconcert, dessen Melodien und Harmonien Ihnen sicherlich noch im Gedächtniß sind. Zu dem gellenden Geheul der Schakale stimmt so schön das monotone taktmäßige Quaken der Frösche und das lustige Zirpen der faulen Grillen. In der Ferne Hundegebell und indische Hochzeitsmusik, ab u. zu das grauenhafte Gekreisch der Nachteulen, an der Wand das Schnalzen der niedlichen Eidechsen, in den dunklen Stubenecken das Geknapper von Ratten und die schrillen Töne der Moschusmäuse, über mir das unheimliche Flattern der Fledermäuse. So fehlt´s also auch in später Abendstunde nicht an Gesellschaft und allerlei Kurzweil.

( Briefe an die Direktoren, 4.2.1880 )

Die Aufgabe, möglichst schnell und dennoch gründlich die Sprache zu erlernen, wurde dadurch erschwert, dass er zunächst in der Verwaltung in Tranquebar eingesetzt wurde, einer kleinen Stadt etwa 300 km südlich von Madras, und somit keinen ständigen Kontakt mit der indischen Bevölkerung hatte. So versuchte er, wann immer die Verwaltungsarbeit ihm Zeit ließ, andere Missionsstationen aufzusuchen, um dort einen Einblick in die eigentliche Missionsarbeit zu erhalten. Diese Reisen waren oft recht mühsam und schwierig, erfüllten Kabis jedoch mit großer Freude, da er nun in unmittelbaren Kontakt zu der Bevölkerung kam. Ihn erschütterte aber auch die tiefe Not und das große Elend, das er in den Dörfern, und dort besonders unter den Paria, den Kastenlosen und damit weitgehend rechtlosen und unterdrückten Einwohnern, sah.

Ankunft in Majaveram

Der 11. November war ein rechter Monsuntag. Grauschwarz sah der Himmel aus, und der Regen ergoss sich in Strömen. Es war also nicht gerade einladendes Reisewetter, und doch wollte ich an diesem Tag nach Majaweram reisen zum großen alljährlichen Badefest am Kaweri, das schon am 15. Oktober begonnen hatte, und nun vom 13. bis 15. November mit drei Hauptfesttagen endigen sollte. Ich konnte also die Reise nicht aufschieben, und schon hielt auch der gemütliche indische Ochsenwagen vor dem Missionshaus. Eine Matratze und mein Köfferchen als Kopfkissen gaben der Karrenlaube im Innern schnell das behaglichste Aussehen, und so stieg ich trotz Wind und Wetter wohlgemut hinein. Lustig trabten die Buckelochsen durch die stille Europäerstraße zu Trankebars Königstor hinaus. Aber o weh! Der Regen ließ nicht nach. Immer heftiger schlug er auf das gewölbte Karrendach. Schon drang er durch das Flechtwerk, so daß es mir auf der nassen Matratze bald gar ungemütlich wurde. Breite Lachen fluteten über die Straße, und auch das muntere Traben der Ochsen war in dem tiefen Schmutz nur zu schnell in ein schleppfüßiges Tempo übergegangen. Ja, als ich nach Olugumangalam kam, also meinem 18 englische Meilen entfernten Ziele erst um eine Meile näher gekommen war, kehrten die Ochsen einfach um, trotzdem der Fuhrmann die durch die Nase gehenden Zügel recht grausam anzog und den Ochsen die Schwänze drehte. Bald darauf steuerten sie auf eine Hecke zu, deren stachelige Kakteen sie aber zur Umkehr zwangen. Aber halbwegs zerteilte sich der graue Himmel, und die Sonne machte untergehend noch ein recht freundliches Gesicht und spiegelte sich wohlgefällig in den weithin überschwemmten Reisfeldern. Ich war glücklich, mein nasses Lager verlassen zu können, und wanderte recht frohen Mutes neben oder vor dem Wagen her. Jetzt in der kühlen Zeit, wo alles so herrlich grünt und sproßt, wie daheim zu Pfingsten, ist es eine wahre Lust, hier zu wandern, und ich konnte es nicht lassen, meinem fröhlichen Herzen mit einigen Liedern Luft zu machen, trotz der lauten Ochsenkommandos und der großen Augen, die der Fuhrmann dazu machte. Im Schatten mächtiger Banianen mit ihrem schönen grünen Laub und den herabhängenden Luftwurzeln, und der Pu-Arsubäume mit ihren großen gelben Blüten führte eine breite rotgelbe Straße durch die fruchtbarsten Reisfelder, die alle eingedämmt und unter Wasser gesetzt waren. Die herrlichsten Baumgruppen mit darunter weidenden großen Rinderherden, Kokos- und Palmyrahaine unterbrechen die flachen Reisfelder und geben der Gegend ein wirklich malerisches, aber doch recht fremdartiges Aussehen. Kein Baum, kein Strauch, kein Vogel, die Scharen von Krähen ausgenommen, keine Wiesenblume erinnert an die Heimat. Und nun erst die Pariadörfer durch die ich kam! Ach, elende Hütten, vier niedrige Lehmwände mit einem Dach von Bambusrohr und geflochtenen Palmblättern. Da sieht man kein Fenster, und ein niedriges Türloch ist der Eingang. Auch sieht man nicht, wie daheim, die Kamine lustig rauchen, durch Dach und Türloch sucht sich der Rauch vom Herdfeuer seinen Weg, und in den Dörfern ist eine widerliche, drückende Luft.

Und wie entsetzlich sehen die Bewohner dieser Hütten aus, die armen Paria! Ich meine, es kann keine armseligeren Leute geben. Da bringen eben, wie ich vorbeikomme, vier beinahe ganz nackte Männer auf den Schultern einen mit den Füßen an einem Stamm aufgehängten gefallenen Ochsen geschleppt, um ihn dann zu teilen und zu essen. Einige nackte und verwildert aussehende Kinder und drei, vier Frauen kommen dazu. Ein zerlumptes und schmutziges ungenähtes Stück Zeug bekleidet sie notdürftig. Auf ihre Köpfe war trotz der grauen Haare sicher noch kein Kamm gekommen. Es tat mir das Herz weh, als ich diese armen, so tief gesunkenen Paria sah. Es war ein eigener Kontrast, von ihren Hütten aufwärts blickend in die über ihnen in majestätischem Bogen sich wölbenden Kronen der Kokospalmen und dahinter in den schönen blauen Himmel zu schauen. Ich kam auch durch mehrere Sudradörfer, die viel sauberer und reinlicher aussehen, und durch eine kleine Stadt, die sich nur durch ihren größeren Götzentempel von den Dörfern unterschied. Überhaupt ist der heimische Unterschied von Stadt und Dorf hier nicht zu sehen. Nur die Kaste gibt den Leuten und ihren Häusern ein verschiedenes Gepräge. Ich hatte nicht gedacht, dass der Unterschied zwischen Sudra und Paria so in die Augen fallend sei, wie ich es bei dieser Reise zu sehen bekam. Auffallend war mir ferner das bunte Leben auf der Landstraße. Viele Wagen zogen denselben Weg, und noch mehr Kulis mit schweren Lasten auf dem Kopfe kamen eilenden Schrittes an mir vorüber. Aber auch sonst sah ich viele Männer und Frauen, letztere meistens mit einem auf der Hüfte reitenden Kinde, und da es ein Regentag war, gingen fast alle mit einem aus Palmblättern geflochtenen Regendach auf dem Kopfe. In den Städten benutzten die Vornehmeren für kürzere Wege ein flaches rundes geflochtenes Schirmdach mit ganz kurzem Stiele. Aber hier auf der Landstraße hatten die meisten ein großes haubenartiges Dach auf dem Kopfe, das nach hinten bis auf die Schenkel herabreicht. Es machte anfangs auf mich einen komischen Eindruck, diese auf braunen nackten Beinen wandelnden Dächer zu sehen. Wer kein solches Schirmdach hatte, hüllte sich während des Regens in das Zeug des aufgewickelten Turbans und ließ es nach dem Regen im Winde flattern und trocknen. Auffallend ist es aber bei solcher Wanderung, dass man so viele Faulenzer sieht. Da sitzt einer an der Straße und scheint zu träumen, ein anderer hat sich ausgestreckt, um sich zu sonnen, ja zwei fand ich, die mitten auf der Landstraße saßen und sich etwas erzählten. Sie ließen sich auch nicht durch unseren Wagen stören, der ihnen ausweichen musste.

Dorfszene bei Tranquebar

Und welch ein Unterschied in den Straßen eines Dorfes oder Stadt hier und daheim! Fast vor jedem Haus sieht man ein oder zwei solcher Faulenzer mit untergeschlagenen Beinen sitzen. Träumerisch schauen sie ins Blaue und kauen ihren Betel, oder sie haben sich lang ausgestreckt und schlafen. Aber das Volk lebt hier vielfach aus der Hand in den Mund und arbeitet nur, wenn der Hunger sich meldet.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 10 ff )

Im November 1879, gut zwei Jahre nach seiner Ankunft in Indien, konnte Kabis endlich seine Verlobte im Hafen von Madras begrüßen, und bereits zwei Tage später wurde die festliche Hochzeit begangen. Nun konnte das junge Paar endlich nach Majaveram übersiedeln, einer kleinen Stadt in der Nähe von Tranquebar, und die dortige Missionsstation übernehmen. Die eigentliche Missionsarbeit, die Kabis so lange herbeigesehnt hatte, begann und sollte an diesem Ort sieben Jahre dauern.


Majaveram 1879 – 1887

Ich gehe mit großer Freudigkeit und fröhlichem Mute auf mein neues Arbeitsfeld und meine l. Frau freut sich auch herzlich, dort die Mädchenschule übernehmen zu dürfen.

( Briefe an die Direktoren, 4.12.1879 )

Nachdem das junge Paar sich häuslich eingerichtet hatte, wurde Kabis von seinem Vorgänger, Missionar Wannske, in die verschiedenen Aufgaben und Arbeiten auf der Station eingeführt. Da ihm das Predigen ganz besonders wichtig war, begleitete er Wannske täglich auf dessen Ausritten, um möglichst viel zu lernen und von den Erfahrungen des Älteren zu profitieren.

Stillschweigend waren wir eine Strecke nebeneinander durch die Stadt geritten, als Bruder Wannske in einer belebteren Straße plötzlich haltmachte und zu mir sagte: „So, hier predige mal.“ Die am vorhergehenden Tage gut einstudierte und im Sattel noch eben wohl überdachte kurze Predigt schien mir in diesem Augenblick wie mit einem Schwamm aus dem Gedächtnis gewischt, und ich hatte keinen größeren Wunsch, als dass mein Begleiter für mich das Wort ergreifen möchte. Aber mein Sprung vom Pferd war ein Sprung ins Wasser. Ich musste wohl oder übel schwimmen, und schon hatte sich ein Schwarm Neugieriger um uns gesammelt. So fing ich denn an, indem ich einen aus der Menge, der mir am vertrauenerweckendsten aussah, mit der Frage anredete: „Wenn du einmal krank bist, wen wirst du da rufen?“ „Den Arzt.“ „Jawohl, aber nicht alle Kranken rufen den Arzt. Ein Kranker, der den Arzt ruft, muss dreierlei wissen: 1. dass er krank ist, 2. dass er sich selbst nicht helfen kann und 3. dass er selbst den Wunsch haben muss, wieder gesund zu werden.“ Nachdem diese Sätze mit Beispielen erläutert, verstanden und zugegeben waren, wurden sie auf die uns innewohnende Krankheit der Sünde angewandt, und vom Arzt der Sünder erzählt, mit der schliesslichen Aufforderung, sich an diesen Arzt zu wenden. Ermutigt durch den Verlauf dieser ersten Predigt, ritten wir noch nach verschiedenen Punkten der Stadt und ihrer Umgebung, wo ich zu meiner Übung überall dasselbe predigte. In einem Hain von Mango- und Ölbäumen außerhalb der Stadt sahen wir eine einsame und elende Hütte seitwärts am Wege liegen. Halt, dachte ich, die Bewohner dieser Hütte haben vielleicht das Evangelium noch nie gehört, denen musst du heute auch noch predigen. Gedacht, getan. Ich ritt schnell auf die Hütte zu, während Bruder Wannske im Schatten der Bäume abstieg. So klein jenes Hüttchen war, es barg doch viele Bewohner. Abgesehen von einigen pechschwarzen Schweinchen, die in munterem Spiel grunzend um die Hütte jagten, war es bewohnt von einem Ehepaar, zwei alten Frauen, die wohl Mutter und Großmutter sein konnten, und einer ganzen Schar Kinder, die sich bei meinem Erscheinen nicht etwa verblüfft zurückzogen, sondern auf Kommando ihrer Eltern mit den tollsten Purzelbäumen und gymnastischen Kunststückchen mir entgegenturnten, während die Alten fleißig weiter Körbe flochten. Ich hatte eine Kurawerfamilie vor mir, ein Volk, das wohl mit unseren Zigeunern verwandt ist. Einige Winke mit der Reitgerte brachten das kleine Künstlervolk zur Erkenntnis, daß sie sich in dem Glauben getäuscht hatten, ich würde ihre Künste mit Geld belohnen. Als sie mich nun mit gespannter Erwartung umstanden, was ich eigentlich von ihnen wolle, fragte ich den Vater: „Höre, wenn du krank bist, wen rufst du denn da?“ „Niemanden“, war die unerwartete Antwort. „Wieso, brauchst du denn in Krankheitsnot keinen Arzt?“ „Nein, wir suchen und machen uns selbst Arznei. Wir helfen uns selbst.“ Da paßte nun freilich meine Predigt nicht, und in meiner Verlegenheit rief ich Bruder Wannske zu: „Du, die Leute brauchen keinen Arzt und helfen sich selbst. Komm her und hilf mir.“ Auf dem Heimritt mußte ich mich natürlich tüchtig auslachen lassen. Aber ich lachte mit, und eine gute Lehre habe ich mir daraus gezogen.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 15 f )

Diese öffentlichen Predigten verliefen nicht immer friedlich. Oft wurde Kabis von aufgebrachten Brahmanen oder auch Moslems in eine hitzige Diskussion verwickelt, die hin und wieder in Tätlichkeiten auszuschreiten drohte. Insbesondere die Brahmanen als Hüter der Religion einerseits und Arbeitgeber bzw. Ausbeuter der Parias andererseits, sahen es nicht gerne, wenn Missionare von der Gleichheit aller Menschen vor Gott predigten. Traten die Parias nun tatsächlich zum christlichen Glauben über, mussten sie zahlreiche Repressalien erdulden, verloren häufig ihre Arbeit, wurden körperlich bedroht oder mussten mit ansehen, wie ihre Hütten durch Brandstiftung aufgebrachter Grundbesitzer zerstört wurden. Immer wieder hereinbrechende Epidemien, z.B. Cholera und Typhus, oder Missernten durch ausbleibenden Regen verschärften die Situation. Kabis versuchte diese Not zu lindern, indem er wiederholt Teile seines ohnehin bescheidenen Gehaltes für den Kauf von Nahrungsmitteln verwendete, möglichst viele Arbeiter auf der Missionsstation beschäftigte, oder Waisenhäuser für elternlose Kinder einrichtete. Die Bitte um zusätzliche Mittel durchzieht alle Briefe, die er in diesen Jahren an das Missionshaus nach Leipzig schickte.

Und nun noch eine Bitte, die ich schon einige Male getan und die mir zu wiederholen nicht leicht ist, da es eine Bitte um Geld ist. Dies gibt mir den Mut vor meinen verehrten Vorgesetzten die Bitte auszusprechen, die mehr verausgabten 112 Rp. mir gütigst nachzubewilligen.

( Briefe an die Direktoren, 22.3.1882 )

Als Kabis in Majaveram eintraf, fand er in der Stadt und den zahlreichen umliegenden Dörfern, die von der Station aus betreut wurden, bereits eine Gemeinde von etwa 900 Christen vor, fast ausnahmslos Parias. Zwar versuchte er in den Folgejahren, Kontakte zu angesehenen Hindus zu pflegen, nicht zuletzt auch in der Absicht, das Los der Parias zu verbessern, die Taufe eines Sudra oder Brahmanen blieb jedoch die Ausnahme. Gerade die Kastenmitglieder wurden durch ihre Angehörigen einem enormen Druck ausgesetzt, wenn sie sich taufen lassen wollten.

Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit mit einer ganzen Anzahl Brahmanen zusammen, die mich eine Weile ruhig anhörten, dann aber aufs lebhafteste angriffen und ihre Religion verteidigten. Der Streit drehte sich um die Frage, ob wir durch gute Werke selig werden könnten. Ein Brahmane behauptete, Gott habe eine Wage in der Hand, mit der er jedes Menschen Verdienst abwäge. In der einen Wagschale seien unsere Sünden. In die andere müssten wir unsere guten Werke legen, und unser Streben müßte dahin gehen, unsere Sünden durch entsprechende gute Werke auszugleichen. Ein anderer fragte: „Was ist Sünde? Was ist Tugend? Beides ist gleich, denn beides wird von Gott gewirkt. Wie kann er das eine bestrafen und das andere belohnen?“ So brachte jeder seine Weisheit vor. Sie waren unter sich im Widerspruch, aber alle darin einig, mich zum Schweigen bringen zu wollen. Um ihnen zu zeigen, daß Gott unsere Werke nicht als sündentilgend anerkennen könne,  fiel mir schließlich folgendes Gleichnis ein. Ich fragte sie, ob sie als Brahmanen mit einem Paria essen und ihn in ihr Haus aufnehmen würde. „Auf keinen Fall“, war die Antwort und in den feisten Gesichtern sah man ordentlich den Ekel und das Entsetzen darüber, nur an so etwas zu denken. „Warum würdet ihr aber nicht mit einem Paria essen?“ „Weil sie ein unreines Geschlecht sind.“ „Wenn nun aber ein Pariakind von klein auf wie ein Brahmanenkind erzogen, täglich im Fluß gebadet, wie ihr gekleidet und reinlich gehalten, mit gleicher Nahrung gespeist, kurz, ganz wie ihr großgezogen würde, würdet ihr mit einem solchen Kinde essen und Gemeinschaft haben?“ „Nein, ein Paria bleibt immer ein Paria, er mag tun, was er will.“ „Seht,“ sagte ich nun, gerade so ist´s mit einem Sünder. Er mag tun, was er will, er bleibt doch ein Sünder. Er mag sich täglich im Kaweri (benachbarter Fluss) baden, täglich im Tempel opfern, er mag Almosen geben und als Einsiedler leben. Er bleibt ein Sünder und Gott kann ihn nicht in sein Haus aufnehmen und mit ihm Gemeinschaft haben.“

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 22 )

Als christlicher Missionar war es für Kabis immer wieder schmerzlich, den starken Einfluss und die ungeheure Macht mit ansehen zu müssen, welche die Hindureligion auf die Massen ausübte. Traurig über diesen Einfluss, aber doch auch fasziniert von den vielen Eindrücken, schildert er ein Badefest, an dem er im Jahr 1885 teilnahm.

Der heilige Badeteich in Kumbakonam

Am 28. Febr. war ich in Combaconam um das große Vedafest anzusehen, das nur alle 12 Jahre gefeiert wird, weil nur alle 12 Jahre die Ganga in jenem großen Teiche zu Comb. sich badet u. das Wasser sündenreinigend macht. Wäre der Besuch jenes Badefestes ein Gradmesser für den dermaligen Stand des Heidentums, so müßte man mutlos die Hände sinken lassen denn das Fest war so stark besucht, wie kaum je zuvor. Die innerhalb der letzten 12 Jahre erbauten Eisenbahnen dienten dazu, den Zusammenlauf der Menschen größer zu machen, als er je war. Hunderttausende strömten auf der Bahn zusammen. Die Bahn konnte die Menschen nicht befördern, trotzdem alle Güterwagen zum Personenverkehr benutzt wurden und der Güterverkehr für 14 Tage eingestellt wurde. Nur mit größter Mühe gelang es mir, an dem Haupttage nach Comb. befördert zu werden, und das Gedränge auf dem Bahnhofe war so groß, daß ich nur dank meiner festen Arme und Schuhe durch den Knäuel der Barfüßler kam. Mehrere Frauen u. Kinder sind, wie mir Polizisten erzählten, an jenem Tage einfach erdrückt worden. Die Straßen Comb.`s wogten von Menschen. Kein Wagen oder sonstiges Gefährt durfte in der ganzen Stadt fahren, um Unglück zu vermeiden. Br. Wannske u. ich bahnten uns den Weg zu dem berühmten Teich, wo sich ein wunderbares, mir unvergeßliches Schauspiel unsern Augen bot. Sie erinnern sich wohl des großen viereckigen Teiches mit seinen ringsumlaufenden Steinstufen u. den 16 Tempelchen ringsum am Ufer desselben. Eins dieser Tempelchen bestiegen wir, um das ganze Schauspiel übersehen zu können. Von allen 4 Seiten strömten die Mengen zum Teiche, der selbst von Menschen wimmelte. Das ganze glich einem großen Ameisenhaufen u. darüber kreisten hunderte von Adlern, die auf die aufgescheuchten u. in die Höhe schnellenden Fische Jagd machten. Das Ganze eingerahmt von Tempeln u. Palmenhainen – in der That ein echt indisches Bild. Die Municipalität hatte, um Unglück zu vermeiden, den Teich mit großen Pumpmaschinen halb auspumpen lassen u. so war im Teiche etwa 4 Fuß tiefer schwarzer Schlamm nur übriggeblieben u. in diesem Tintenschlamme wateten und badeten die Leute u. zwar mußten alle untertauchen u. auch etwas davon in den Mund nehmen für die innere Reinigung. Es war ein wunderbarer Anblick, wie die Volkshaufen in weißen u. bunten schönen Kleidern die Teichstufen hinabstiegen, um schwarz, über u. über mit Schlamm bedeckt, einer Büffelherde gleichend, wieder herauszukommen. Ich konnte es beobachten, wie vielen, bes. jungen reichen Frauen es große Überwindung kostete, in die schwarze Schlammfluth zu tauchen. Minutenlang standen sie im Schlamm u. konnten sich nicht entschließen, bis endlich die weniger scrupulösen Schwiegermütter sie mit Gewalt untertauchten. Die männliche Jugend hatte den Ekel vor dem Schlamme schneller überwunden u. jagten wie eine Herde Schweine drin herum, nach den Plantanen u. Cokus außen haschend, die der Ganga durch Hineinwerfen ins Wasser reichlich geopfert wurden. Nach dem Schlammbade gingen dann die Leute, über u. über mit Schlamm bedeckt, durch die Stadt nach dem Covery, um dort sich zum 2. Male zu baden u. vom Schlamme zu reinigen, ein Nachbad das übrigens dazugehört, um ganz von Sünden sich rein zu waschen. Ach, wann wird die Zeit wohl kommen, daß die sich so zum heiligen Taufwasser drängen werden?

( Briefe an die Direktoren, 28.3.1885 )

Bei seiner täglichen Arbeit wurde Kabis tatkräftig durch seine Frau unterstützt, die sich nicht nur um Haus und Familie sorgte, sondern daneben auch noch intensiv die Nähschule für verwaiste Mädchen betreute. Oft wurde die Arbeit durch unvorhersehbare und kaum beeinflussbare Vorkommnisse erschwert: Der lang erwartete Monsun blieb aus oder setzte verfrüht ein, so dass Wege und Straßen nicht mehr passierbar waren, wichtige Mitarbeiter erkrankten, so dass Kabis deren Aufgaben mit übernehmen musste oder das Dach des Hauses brach zusammen. Letzteres Missgeschick wurde durch die überall gegenwärtigen Termiten verursacht, die ständig und allgegenwärtig Hab und Gut bedrohten.

Ja, lieben Freunde, wenn ich an all den Schaden denke, den die weißen Ameisen mir allein während der letzten 13 Jahre zugefügt haben, so könnte ich mit Fug und Recht diese rücksichtslosen, unbarmherzigen Feinde für unsere allergefährlichsten Hausgäste halten. Wem soll ich sie vergleichen? Einem Heer von Vandalen, nur mit dem Unterschiede, daß die weißen Ameisen nicht bloß in Legionen und Tausenden, sondern in ungezählten Myriaden ihr schonungsloses Zerstörungswerk treiben. Die Naturforscher nennen sie mit Recht Termitina, Termiten, d.h. die Unglück-Bringenden, und auch die zur Unterscheidung der verschiedenen Arten gewählten Beinamen sind bezeichnend genug. Da heißt die eine Art die „kriegerische“, eine andere hat den Nebentitel „fatalis“, d.h. die verhängnisvolle, wieder eine andere heißt „die lichtscheue“, und noch eine andere Sorte geht unter der Firma „die schreckliche“, eine Bezeichnung, die ich der ganzen Gesellschaft geben würde, wenn ich eine Naturgeschichte zu schreiben hätte. Die Tamulen nenne sie allesamt Kareijan. Ganz Indien scheint von diesen Tieren wie unterminiert zu sein; denn soweit ich auch in Indien herumgekommen bin, überall traf ich diese guten Freunde wieder an, überall dieselbe Klage und Plage. Ihre mächtigen Bauten und Labyrinthe findet man draußen im Garten unter einem Baum, um einen Busch herum, auf wüsten Flächen oder am Chausseerande, auf Bergen und in Thälern, kurz überall. Ich habe oft ihre Bauplätze beobachtet. In einem Umkreise von 5 – 6 Fuß Durchmesser und mehr führen sie aus der Erde pyramidale Türme in die Höhe, die täglich höher werden, ohne dass man von den fleißigen Bauleuten etwas hört und sieht. Nach jeder Nacht ist der Bau bedeutend fortgeschritten, bis alle die einzelnen Türme und Haufen sich zu einem großen Haufen und Hügel vereinigen, aus dem einzelne Türme und Spitzen noch besonders hervorragen. Ja, wenn die Termiten draußen im Garten, im Wald und auf der Heide blieben, wohin sie gehören, da könnte man ihr Freund bleiben und ihre Bauten bewundern, so aber dringen sie als die geschworenen Feinde aller menschlichen Arbeit in unsre Häuser ein, und wir befinden uns in einem beständigen Verteidigungskrieg gegen sie und ziehen leider nur zu oft den kürzeren.

Dorfschule in Kumbakonam

Auch dieses Haus ist, wie alle indischen Häuser, von ihnen unterminiert. Unterirdisch haben sie ihre Minen durch die Grundmauern des Hauses geführt, und ist erst mal ein kleiner Tunnel eröffnet, dann ziehen sie in ungezählten Scharen ein. Obwohl der Fußboden unter uns mit großen Ziegelsteinen gepflastert und mit einer Lage fest verstrichenen Kalkes bedeckt ist, so kommen sie doch in der Nacht überall aus kleinen Löchern, die sie gebohrt, durch, überziehen die Fußbodenmatten mit Erde und würden nicht nur solche Löcher hineinfressen, wie ihr sie hie und da seht, sondern, wenn sie nicht jeden Morgen in ihrer Arbeit gestört würden, die Matten einfach auffressen. Seht euch einmal in unserm Zimmer um.

Da könnt ihr sehen, wie wir in beständigem Kampfe mit den Termiten leben. Meinem Harmonium habe ich durch aufeinander gelegte Ziegelsteine vier Füße gemacht, und diese selbst stehen wieder auf Blechtafeln, um es gegen das Eindringen dieser Tiere zu schützen. Dort der Schrank steht auch ebenso auf besonderen Steinen und ist von der Wand handbreit abgerückt, damit die Ameisen nicht von der Wand aus nach dem Schranke eine Brücke schlagen und in demselben ihr Zerstörungswerk beginnen können. Und schau hier meine Bibliothek! Manche Werke haben sie ganz verschlungen, andere haben sie nur halb aufgefressen, bei einigen sich sogar mit dem schönen Einbande begnügt. Besonders in den zwei ersten Jahren meines indischen Aufenthalts, als noch keine sorgsame Hausfrau diesen Gästen auf die Finger sah, da waren sie immer schneller mit einem Buche fertig als ich und studierten besonders fleißig, wenn ich auf Reisen war und sie niemand störte.

Den schlimmsten Schaden aber tun sie, wenn sie sich durch die Wände bis in den Dachstuhl des Hauses emporgearbeitet haben, und nun von der Hausmauer aus die Balken des Daches anfressen, ja sie oft ganz aushöhlen, ohne daß man von außen etwas gewahr wird. Wie manches Dach haben sie schon zu Fall gebracht! Die vielen Hausreparaturen in Indien kommen hauptsächlich auf ihre Rechnung.

( Ein Tag in Majaweram, S. 33 ff )

Neben dem Predigen und Taufen, für Kabis stets die wichtigste Aufgabe, die ihm auch die größte Befriedigung gewährte, gab es aber noch zahlreiche andere Pflichten, welche die Führung einer großen Missionsstation mit zahlreichen Gemeinden in den umliegenden Bezirken mit sich brachte. Zwar war es für ihn eine große Freude, in einem Nachbarort eine Kirche bauen zu lassen, zugleich aber auch eine schwere Pflicht, oblag ihm doch als Nichtfachmann nicht nur ein Großteil der Planung, sondern auch die Materialbeschaffung, Bauüberwachung, Auseinandersetzung mit Behörden und schließlich die leidige finanzielle Abwicklung. So sollte in Shiali zur Erinnerung an den ersten Missionar Bartholomäus Ziegenbalg, der von 1706 bis 1719 in Südindien wirkte. eine neue Kirche errichtet werden. Diese Kirche sollte, im Gegensatz zu den sonst gebräuchlichen Kapellen und Gebetshäusern, ein massiver Steinbau werden, der sich durchaus mit einem Kirchenbau in Deutschland messen konnte.

Bericht und Eingabe an das Hochwürdige Missionskollegium zu Leipzig betreffend die Jubiläumskirche zu Shiali. Hochwürdige Herren. Da der Kirchbau in Shiali ohne Zweifel mehr kostet resp. schon gekostet hat, als vorher berechnet war, so ist auf Anordnung des hochw. MissionsKirchenRaths der Bau zur Zeit bis auf Weiteres sistirt worden, und ich komme der Aufforderung des hochw. K.Raths hiermit nach, wenn ich im Folgenden an Sie kurz über den Bau berichte und motivire, warum das Estimate überschritten worden, und für den übrigen Bau ein revidirtes Estimate einreiche mit der dringenden Bitte, die Nachbewilligung nicht zu versagen, da es sonst schlechterdings unmöglich ist, den Bau solid und einigermaßen einer Jubiläumskirche entsprechend zu vollenden. Sobald der Befehl von Ihnen kam, mit dem Bau der Kirche voranzugehen, machten Br. Zietzschmann und ich uns daran, einen Plan und Estimate auszuarbeiten innerhalb der uns gesteckten Grenzen von 5000 R. Es war nicht leicht, bei der Größe, die für die Shialikirche nötig ist, einen möglichst kirchlich geschmackvollen Plan für jene Summe herzustellen. Endlich aber wurde ein Plan und Estimate fertig u. dies wurde nach Begutachtung u. Revision eines befreundeten Ingenieurs vom hochw. Miss.K.Rath resp. von Ihnen genehmigt. Als ich nun im März dieses Jahres ernstlich an den Bau ging und nun dazu den in der Hauptsache von Br. Zietzschm. skizzirten Plan studierte, missfiel mir vor Allem, daß Chor u. Schiff in gleicher Breite waren, u. nach reiflicher Überlegung u. Beratung, glaubte ich den Plan so ändern zu müssen, daß der Altarplatz schmäler wurde und vom Schiff durch Einziehung der Mauern und einen großen gothischen Bogen getrennt würde. Durch diese Änderung bekommt der ganze Bau ein viel schöneres und kirchlicheres Aussehen

( Briefe an die Direktoren, 11.12.1885 )

Es folgen nun zehn engbeschriebene Seiten, in denen Kabis nicht nur die Überschreitung der bewilligten Summe begründet, sondern darüber hinaus um weitere Mittel bittet, um die Bauarbeiten zu einem endgültigen Abschluss bringen zu können. Der Bau zog sich letztlich über fast vier Jahre hin, erst 1888 konnte die Kirche eingeweiht werden. Zuvor folgten aber noch viele Eingaben nach Leipzig, um die benötigten Mittel zu erhalten. Soweit die Witterung es zuließ, verließ Kabis schon frühmorgens die Station, um die umliegenden Gemeinden zu besuchen, oft mit dem Pferd, bei längeren Besuchen mit dem Ochsenkarren. Nachdem in den ersten Jahren Predigt und Taufe im Vordergrund seiner Tätigkeit gestanden hatten, kamen nun zunehmend Verwaltungsaufgaben hinzu: Besprechungen mit eingeborenen Pastoren, Schulvisitationen, Planung oder Renovierung eines Bethauses oder Besichtigung und Erwerb von geeigneten Grundstücken für einen Kirchen- oder Schulneubau, um nur einige der zahlreichen Aufgaben zu nennen.

Außerdem galt es häufig, die neugetauften Christen zu unterstützen, sei es mit materieller Hilfe bei drohender Hungersnot oder auch mit der Vertretung ihrer Ansprüche vor Gericht. Kam Kabis schließlich am späten Vormittag wieder auf die Station zurück, warteten dort in der Regel schon etliche Bittsteller auf ihn, um ihm ihre großen und kleinen Nöte vorzutragen oder um Unterstützung oder Schlichtung eines Streites zu bitten. Die Nachmittage waren dann mit der Anfertigung von Berichten ausgefüllt, mit der Erledigung der umfangreichen dienstlichen und privaten Korrespondenz oder mit den zeitaufwendigen Monatsabschlüssen, den Abrechnungen der vielen Einnahmen und Ausgaben der Station. Erst gegen Abend fand er die Ruhe und Muße, ein Buch zu lesen oder die letzten Nachrichten des Reichsboten, eine Zeitung die er regelmäßig bezog, um den Kontakt zur Heimat nicht ganz abreißen zu lassen, Allerdings lag deren Erscheinungsdatum immer fünf bis sechs Wochen zurück. Aktuelle politische Informationen standen ihm nur in der heimischen, englischsprachigen Presse zur Verfügung.

Auf Predigtreise im Ochsenkarren

Ich habe auch in diesem Jahre so viel als möglich unter den Heiden gearbeitet, aber die hiesige Station erfordert nebenbei ein gut Stück Zeit für Verwaltungsarbeiten, daß man nicht seine ganze Hauptkraft der Hauptsache so widmen kann, als man möchte. Es ist gut, daß ich ein munteres Pferd habe, das mich täglich in der Frühe hinaustreibt. Den Tag über ist meine Stube dann wie ein Taubenschlag, u. die meisten Tage bin ich kaum einmal 5 Minuten allein.

( Briefe an die Direktoren, 19.12.1885 )

Kein Wunder, dass bei dieser Arbeitsbelastung, lediglich unterbrochen durch den jährlichen Urlaub in den Bergen, nur wenig Zeit für die Familie blieb. 1880 wurde die erste Tochter Maria geboren. Die Freude war sehr groß, und bei der Taufe erhielt sie als Zunamen den indischen Namen „Kirubei“, das bedeutet auf deutsch Gnade. Auch das zweite Kind, Elisabeth, die im Jahr 1882 folgte, erhielt, wie alle folgenden Kinder, einen indischen Zunamen: „Samathanam“, das bedeutet Friede. Trotz der häufigen Abwesenheit des Vaters verlebten die beiden Mädchen eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit in Majaveram.

Sonnige Kinderjahre durften wir dort erleben. Wie schön war’s, wenn wir mit den lieben Eltern auf die Berge durften. In Sänften wurden wir hinaufgetragen. Einmal sahen wir dort einen Wald voll Affen, die lustig von Baum zu Baum sprangen. Das machte uns viel Spaß. Wir holten uns die Apfelsinen von den Bäumen und schaukelten uns auf den schwankenden Zweigen der Ölbäume. In den Kaffeeplantagen spielten wir Verstecken. Viel Freude machte es uns, als wir einmal den lieben Vater auf einer Reise im Ochsenwagen begleiten durften.

Allerhand Erlebnisse mit Schlangen und Skorpionen haben wir auch gehabt und wurden oft von unserem Schutzengel behütet. Vater brachte mir einmal eine Lachtaube mit. Ich hatte sie gefüttert und legte mich auf der Schwelle zwischen Halle und Veranda zum Mittagsschläfchen nieder. Da höre ich ein Piepsen und denke, es ist meine Lachtaube. Da sehe ich über mir zwei Schlangenschwänze herabhängen. Auf meinen Ruf „Bambu! Bambu!“ kommt Vater mit einem Stock bewaffnet, und nun beginnt eine Schlangenjagd. Die eine Schlange wurde erlegt, die andere entkam. Einmal fanden wir einen Skorpion im Puppenbettchen. Und wie manchmal haben uns die Raben unser Butterbrot aus der Hand fortgeholt! Vater bekam einmal einen Affen geschenkt. Auf dem großen Flambobaum hatte er sein Quartier und hat uns viel Spaß gemacht. Die verschiedensten Papageien hatten wir, die allerlei sprechen konnten. Viel Freude machte mir ein zahmer Star, Maina. Bei Tisch saß er stets auf der Lehne meines Kinderstühlchens hinter mir. Wir fütterten ihn mit Heuschrecken. Ein lieber Spielkamerad war ein Truthahn. Jeden Tag seiften wir ihn ab. Wir wollten ihn mit nach Deutschland nehmen und dachten, in Deutschland muss alles weiß aussehen. Der Truthahn war aber schwarz. Das rührende Tier ließ sich auch die Procedur ganz geduldig gefallen. Zum Lohn bekam er dann ein Halsband umgebunden, aber weiß waschen konnten wir ihn doch nicht. Da musste er auch in Indien bleiben.

Einmal starb ein Kälbchen, und da die Kühe in Indien keine Milch geben, wenn das Kälbchen nicht daneben steht, wurde es ausgestopft und an einem Baum befestigt, damit es die weißen Ameisen nicht auffressen sollten. Wenn dann die Kuh gemolken wurde, ließ man das Kälbchen herunter. Zu Weihnachten war die Kirche mit bunten Papierguirlanden geschmückt. Nach der Christvesper bekamen erst die Waisenkinder und Diener und alle Leute auf der Station beschert. Dann kam das Christkind auch für uns. Die Puppe und das Bettchen und das Neue Testament, das ich zum letzten Weihnachtsfest in Indien 1886 bekam, habe ich noch.

Manchmal gingen wir mit den Eltern durch ein kleines Palmwäldchen, das nah am Missionshaus lag, bis zum Kaweri spazieren. In der Regenzeit, wenn viel Wasser im Kaweri war, warfen wir Blumen hinein und freuten uns, wenn sie so schnell fortschwammen. In der trockenen Zeit konnten wir hindurch gehen. Da sahen wir die braunen, flinken Tamulen die glatten Kokosstämme hinaufklettern, so hoch, daß man sie kaum noch sehen konnte und Kokosnüsse herunterholen. Wie gern aßen wir die Kokosnüsse und tranken die Kokosmilch! Überhaupt, wie köstlich waren die indischen Früchte! Bananen und Mangos, Apfelsinen und Ananas. Wir liebten es sehr, wenn wir abends beim Mondenschein hinaus durften. Der Mond war so hell, daß man bei seinem Schein lesen konnte. Es machte uns Kindern Spaß, uns gegenseitig auf den Kopf zu treten, auf den Kopf, den der Schatten warf. Es kam uns so wunderbar vor, daß der Mond immer mit uns ging, wenn wir weiter gingen. Wie treulich haben unsere lieben Eltern für uns gesorgt und uns eine glückliche und sonnige Jugendzeit beschert! Abends betete Mutterle mit uns und sang uns noch ein Lied. Noch fühle ich ihre liebe Hand sanft über mein Köpfchen streicheln. Vom Bett aus konnte ich gerade auf einen großen Mangobaum sehen, der von vielen tausend Glühwürmchen hell erleuchtet war. Ein wundervoller Anblick, den ich nie vergessen werde. Als ich größer wurde, machte ich unter Mutterles Leitung die ersten Schreib- und Strickversuche und lernte lesen und schreiben. Dann kam die Zeit heran, daß wir nach Deutschland mußten.

( Aus meiner Jugendzeit, S. 1 f )

Im Herbst 1886 war Maria, die älteste Tochter, sechs Jahre alt geworden, und dieser Geburtstag brachte einen tiefen Einschnitt in das Familienleben mit sich, die Ausreise nach Deutschland. Da Maria ganz besonders an ihrer, nur ein Jahr jüngeren Schwester Elisabeth hing, und diese ohnehin im folgenden Jahr Indien hätte verlassen müssen, wurde schweren Herzens beschlossen, sich von beiden Kindern zu trennen. Ein Heimaturlaub kam für die Eltern noch nicht in Frage, so dass die beiden einem befreundeten Missionarsehepaar mitgegeben werden sollten, die ihren Heimaturlaub antraten. Die Abreise sollte noch vor dem geplanten Umzug nach Madras erfolgen, so dass die Kinder sich nicht noch für einige Monate in eine neue Umgebung eingewöhnen mussten, bevor sie Indien endgültig verließen.

Diener und Kinderfrau mit der ältesten Tochter Maria

In einigen Wochen feiert unser ältestes Kind Marie ihren 6. Geburtstag, und es beschleicht uns eine rechte Wehmut bei dem Gedanken, dass wir ihr zum letzten Male in Indien ihren Geburtstagstisch aufbauen. Da unser Mariechen von Natur ein etwas zartes Kind ist, so sehen wir an ihr doch recht die Notwendigkeit ein, sie zum Besten ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung nach Deutschland zu schicken. Da sie aber in so inniger Liebe an ihrer jüngeren Schwester, der viel robusteren Elisabeth hängt, so möchten wir dies Schwesternpaar nicht gern trennen, sondern Elisabeth auch gleich mitschicken, da sie ein Jahr später doch auf alle Fälle auch gehen müsste. Ich habe deshalb nach reiflicher Überlegung gestern ein Gesuch an das hochw. Missions-Kollegium via Tranquebar eingereicht mit der Bitte, die Reisekosten meiner zwei ältesten Kinder für Frühjahr 1887 zu bewilligen und möchte mit diesem Privatbrief jene Bitte noch einmal herzlich aussprechen. Meine Frau und ich können ja die Kinder nicht selbst heimbringen, da wir Gott sei Dank so frisch und gesund sind, daß wir noch nicht an die Heimreise denken.

( Briefe an die Direktoren, 6.9.1886 )

Dann kam die Zeit heran, dass wir nach Deutschland mussten. Wie mag der armen Mutter das Herz geblutet haben, wenn sie an die Trennung dachte. Uns erzählte sie viel Schönes von Onkel und Tante, von Vettern und Bäschen, von der Schaukel und dem Schnee, dass wir voller Erwartung waren und uns freuten. Am 14. April 1887, am Reisetag, wachte ich früh auf und weckte meine Schwesterlein mit den Worten: „Liesbethchen, steh schnell auf, heute reisen wir nach Deutschland.“ Ich dachte wohl, dass wir noch heute in Deutschland ankommen würden. Mutterle hatte mir meine Puppe so schön zurecht gemacht. Der liebe Vater betete mit uns und segnete uns, und dann nahmen wir Abschied von der lieben Mutter, und fuhren mit Vater nach Madras. Ein kleines Schiff brachte uns zum Grossen. Wir stiegen eine Strickleiter hinauf. Vater zeigte uns unsere kleine Kabine, in der wir schliefen. Dann gingen wir mit ihm auf Deck und nahmen Abschied von ihm. Da wurde uns erst recht klar, was Abschied nehmen heisst, als Vater im kleinen Schiff wieder fortfuhr und wir allein, ohne Vater und Mutter, auf dem grossen Schiff zurück blieben. Wir haben viel unter Heimweh gelitten. Aus dem kleinen, runden Kabinenfensterchen schauten wir in die Wellen, bis wir endlich einschliefen. Elisabeth mochte nichts essen, sie weinte fort und fort, ich musste sie trösten. In Ceylon bestiegen wir das grosse Schiff „Hohenstaufen“, das uns nach Deutschland brachte.

( Aus meiner Jugendzeit, S. 2 )

Wie tröstlich für die Eltern, bei allem Schmerz, den ihnen die Trennung bereitete, dass ihnen noch die Töchter Martha und Gertrud blieben, und das fünfte Kind unterwegs war. Nach sieben Jahren intensiver Arbeit endete für die Missionarsfamilie die Zeit in Majaveram, eine Zeit, an die Kabis sich später immer wieder gerne mit wehmütiger Rührung erinnerte, und die er als seine schönste Zeit in Indien bezeichnete. Der Weisung des Missionsdirektoriums gehorchend, musste er schweren Herzens von seiner geliebten Station, seinen Mitarbeitern und zahllosen einheimischen Freunden Abschied nehmen, um in Madras eine neue Aufgabe zu übernehmen. Etwa eintausend Christen, die er in diesen Jahren getauft hatte, bereiteten ihm einen rührenden Abschied.


Madras 1887 – 1890

Die Arbeit, die Kabis auf der neuen Station vorfand, unterschied sich grundlegend von seinen bisherigen Aufgaben. Zwar gab es auch im dortigen Distrikt einige kleinere Pariagemeinden, die seelsorgerlich zu betreuen waren, der Schwerpunkt der Tätigkeit lag jedoch eindeutig in der Führung einer Stadtgemeinde, die hauptsächlich aus gebildeten Sudras bestand und bereits eine feste Ordnung und ein gut organisiertes Gemeindeleben besaß. Weitere Aufgaben ergaben sich durch die Betreuung der höheren Schulen vor Ort, insbesondere der Fabriciusschule.

Kabis brauchte erst eine gewisse Zeit, um sich in die neuen Verhältnisse einzuleben, so dass aus den ersten Monaten kaum Berichte vorliegen. Groß war die Freude in der Familie, als die beiden Schwestern im September 1887, also ziemlich bald nach der Ankunft in Madras, einen Bruder bekamen, dem zwei Jahre später ein weiterer Bruder folgte. So waren die Eltern doch ein wenig getröstet in ihrem Schmerz über die Trennung von den beiden ältesten Mädchen. Diese waren inzwischen bei Verwandten in Deutschland untergebracht, besuchten dort die Schule zusammen mit ihrer Cousine, und fühlten sich in der neuen Heimat recht wohl.

Die Fabriciusschule vor dem Umbau

In Volksberg verlebten wir eine ungetrübte, glückliche Kindheit, an die wir nur dankbaren Herzens zurückdenken können. Wir wurden sehr einfach erzogen, sehr einfach in der Kleidung und sehr einfach im Essen. Zum Vesper gab es trocken Brot und Nüsse, oder einen Apfel oder Zuckerbirnen von unserem Birnbaum. Zum Abendbrot bekamen wir Suppe oder Bratkartoffeln, oder Milch und Brot eingebrockt, nur sonntags Tee und ein Stückchen Zucker darin und Butterbrot und ein Scheibchen Wurst darauf. Wie glücklich und zufrieden waren wir dabei.

Eine grosse Freude wars, wenn die Briefe aus Indien kamen. Wie treu schrieb uns unser Mutterle! Jeden Sonntag war pünktlich der Brief da. Durch diese Briefe schlang sich ein festes Band um uns, sodass wir unsern Eltern nicht entfremdet wurden, wie das leider bei so vielen Missionarskindern der Fall ist.

( Aus meiner Jugendzeit S. 4 )

Im November 1888, wurde die Einrichtung einer eigenständigen Gemeinde mit einem einheimischen Pastor im Stadtteil Pursebakam beschlossen. Dieser Pastor erwies sich als ausgesprochen tüchtig und wurde von seiner Gemeinde sehr schnell angenommen und anerkannt, so dass Kabis durch ihn eine wesentliche Entlastung erfuhr. Mussten doch nun die Gemeindemitglieder nicht mehr wegen jeder noch so unbedeutenden Angelegenheit den Missionar aufsuchen, sondern konnten sich direkt an ihren einheimischen Pastor wenden. Besonders erfreut war Kabis darüber, endlich einen Brahmanen taufen zu können, wenngleich die Begleitumstände für ihn schwierig und konfliktträchtig waren. Dieser Mann, dessen Bekanntschaft Kabis durch einen Oberlehrer der Fabriciusschule gemacht hatte, war als Hindupriester in den vornehmen und wohlhabenden Familien tätig, um dort bei Trauerfeierlichkeiten die entsprechenden Zeremonien mit den alten Sanskritformeln zu vollziehen, bei Geburten das Horoskop zu stellen, oder für eine Hochzeit den günstigsten Tag zu berechnen. Nach ersten Kontakten mit einigen Missionaren, die ihm auf verschiedenen Reisen begegneten, entschloss er sich, das Priesteramt aufzugeben und in einer Druckerei durch Korrektur lesen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, da er neben der Tamilensprache auch Telugu und Sanskrit beherrschte.

Durch seinen Kontakt mit dem Oberlehrer, in dessen Haus er nun häufiger zu Gast war, brach er darüber hinaus auch mit seiner Kaste. Seine Frau stand dem Wunsch ihres Mannes, Christ zu werden, ablehnend gegenüber, und als sie kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes starb, wurden das kleine Mädchen und ein dreijähriger Sohn von Verwandten aufgenommen. Der Brahmane hielt trotzdem an seinem Vorsatz fest, obwohl die Kinder ihm auf der Straße nachriefen „Ein Papan (Brahmane) ist Paria geworden!“ und er von seiner Verwandtschaft bedrängt und beschimpft wurde: „Du treuloser Heuchler, schämst du dich nicht? Wehe uns, dass du unser Priester gewesen bist. Ist denn alles Lüge, was du uns als Wahrheit gelehrt hast? Scheust du nicht zurück vor der schrecklichen Zeremonie, die höchstens Paria an sich vollziehen lassen?“ Trotz dieser Widerstände ließ er sich unter großer Anteilnahme der Gemeinde taufen, aber nun begannen erst die eigentlichen Schwierigkeiten.

Er verlangte von seinen Verwandten die Herausgabe seiner Kinder, wurde jedoch an der Tür abgewiesen. Einen Paria, einen nunmehr Kastenlosen und Unreinen wollte man nicht im Haus haben. Auch Kabis Vermittlungsversuche brachten keinen Erfolg, und ein in letzter Verzweiflung gestarteter Entführungsversuch des kleinen Sohnes gelang nicht. So blieb dem Vater nur der Weg vor ein Zivilgericht und eine Klage mit ungewissem Ausgang. Neben diesen Schwierigkeiten gab es aber auch viel Positives zu berichten. Eine besondere Freude war es für Kabis, bei seinen zahlreichen Hausbesuchen einen lebendigen christlichen Glauben vorzufinden.

Als ich am Anfang meiner Tätigkeit sämtliche Christenhäuser der Reihe nach besuchte, wurde ich in keinem fortgelassen, ohne dass man mich aufforderte, mit der Familie zu beten. In den meisten Familien wird regelmäßig Hausandacht gehalten, und um die Gemeinde an die Hauptgebetszeiten am Morgen und Abend zu erinnern, habe ich seit Anfang dieses Jahres das Läuten der Gebetsglocke eingeführt, wie seinerzeit in Majaweram. Unvergesslich ist`s mir, der ich an meine armen Pariachristen gewöhnt war, wie ich, als ich hier in Njanamuttu Pülleis Haus das erste Mal eine Abendandacht hielt, auf meine Frage, ob sie ein Lied mitsingen könnten, die Antwort erhielt: „O gewiss, soll ich den Gesang mit dem Harmonium begleiten?“ Der Hausvater besitzt nämlich ein kleines Harmonium, das er selbst zur Pflege des Hausgesangs spielt.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria S. 32 )

Viel Zeit und Kraft brauchte Kabis auch für die Verwaltung und den Ausbau der verschiedenen Schulen, die ihm unterstanden. So war zum Beispiel für die bereits oben erwähnte Fabriciusschule, einer Mittelschule für Jungen, auf Grund der ständig steigenden Schülerzahlen ein Neubau dringend notwendig, und der Mangel an geeigneten Lehrkräften für die Mädchenmittelschule, die zu jener Zeit noch weiblich zu sein hatten, machte ihm große Sorgen. Darum beklagte er in seinen Eingaben an das Missionshaus in Leipzig das völlige Fehlen europäischer Missionslehrerinnen oder Gemeindediakonissinnen.

Die englischen Missionsgesellschaften sind mit vollen Segeln dem Zuge der Zeit gefolgt und haben eine ausgebreitete Arbeit unter heidnischen und christlichen Mädchen und Frauen. Wenn in einem Punkte, so sind wir hierin hinter fast allen Missionen zurück, wenn ich auch die treue, aufopfernde Arbeit vieler unserer Missionsfrauen voll anerkenne. Aber so wenig daheim auch die tüchtigste Pfarrfrau bei ihren häuslichen Pflichten in einer größeren Gemeinde die Arbeit einer Gemeinde- und Schuldiakonissin ersetzen kann, so wenig kann eine Missionarsfrau eine europäische Lehrerin ersetzen. Zudem handelt es sich ja nicht nur um die Pflege und Leitung unserer Mädchenschulen. Die Missionsdiakonissinnen, an die ich denke, haben die Aufgabe, sich auch in die heidnischen Senanas Eingang zu verschaffen, in die der indischen Verhältnisse halber unser Wort nicht dringen kann. Schuldiakonissinnen sind es, die wir zunächst in unserer Mission dringend brauchen.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 34 f )

Diese Eingabe wurde offensichtlich so ernst genommen, dass bereits 1890 die erste Missionslehrerin in Indien eintraf, der in den Jahre 1891, 1895 und 1899 weitere folgten, so dass im Jahr 1910, als Kabis Indien verlassen musste, siebzehn Missionsschwestern bzw. Missionslehrerinnen im Einsatz waren.

Im Frühjahr des Jahres 1889, Kabis war nun fast zwölf Jahre ohne Unterbrechung in Indien tätig, bat er nach reiflicher Überlegung um den sicherlich verdienten Heimaturlaub für das Frühjahr des kommenden Jahres.

Da uns natürlich viel daran liegen muss, schon bei Zeiten zu wissen, ob die Heimreise erlaubt wird, oder nicht, ist es auch für mich wohl höchste Zeit, die Gründe anzuführen, die mich bewogen, um Urlaub zu bitten. Als erster und gewöhnlichster Grund wäre ja mein körperliches Befinden anzuführen. Durch Gottes Gnade ist ja meine Gesundheit noch nicht so gebrochen oder untergraben, daß ich ohne Gefahr absolut nicht noch länger bleiben könnte. Aber ich spüre meine indischen zum Teil recht schweren und arbeitsreichen Dienstjahre von Jahr zu Jahr mehr und habe das bestimmte Gefühl, dass eine Heimreise im nächsten Jahre gerade noch zur rechten Zeit die Erholung brächte, die für Leib u. Seele nötig, um durch Gottes Gnade noch eine Reihe von Jahren hier arbeiten zu können, was mein größter Herzenswunsch ist. Denn dass mir meine Arbeit hier sehr lieb und im Laufe der Jahre immer mehr ans Herz gewachsen, brauche ich Ihnen nicht zu versichern. Ist aber eine Erholung nötig, so ist sie zur rechten Zeit eine doppelte Erholung. Gleiches gilt natürlich auch von meiner l. Gehilfin, deren Umstände menschlich gerechnet eine Heimreise im Frühjahr 1890 gestatten, während später wieder hindernde Umstände leicht eintreten könnten. (bestehende Schwangerschaft)

Der andere Grund, der uns zur Bitte um Urlaub nötigt, sind unsere Kinder, von denen die Älteste, dann 6 ½ Jahre alt, wegen ihrer zarten Constitution nach Hause sollte, während die 4. hier in Madras nie recht gesund wird und uns beständig Sorge macht, so dass verschiedene Doktoren geraten haben, sie sobald wie möglich nach Hause zu bringen. Dies kränkliche Kind können wir aber unmöglich Jemandem mitgeben. Zudem haben sich durch den Tod meiner teuren Eltern die Verhältnisse daheim so geändert, dass wir diese Kinder selbst mal wo unterbringen müssen.

( Briefe an die Direktoren, 6.5.1889 )

Dem Gesuch wurde nach einigem Hin und Her stattgegeben. Zuvor musste aber für eine Vertretung gesorgt werden, zumal ein anderer Missionar zur gleichen Zeit Heimaturlaub machen wollte, Schließlich konnte die Familie im April 1890 Indien verlassen. Eine recht beschwerliche Überfahrt, das jüngste Kind war erst knapp ein halbes Jahr alt, stand bevor.


Erster Heimaturlaub 1890/91

Wie wundervoll war dann nach drei Jahren das Wiedersehn mit den geliebten Eltern, mit den beiden Schwesterlein und den zwei kleinen unbekannten Brüdern! Schon lange waren unsere kleinen Herzen voll Vorfreude, und als dann am Sonntag, den 18. Mai 1890 die Freudenbotschaft kam: „Noch heute kommen wir in Volksberg an!“, kannte unser Glück keine Grenzen. Girlanden wurden gewunden und Sträusschen aus Vergissmeinnicht und Immergrün, der Eltern Lieblingsblumen, gemacht. Die wollten wir den Eltern bei der Ankunft überreichen. Da Martha sehr neugierig war, Maikäfer kennen zu lernen, suchten wir welche und drückten sie ihr dann gleich beim Empfang in die Hand. Endlich, endlich kam der Wagen an, der die lieben Eltern von der entfernten Station abholte. Das ganze Dorf hatte sich in der Nähe des Pfarrhauses versammelt. Alle wollten sich an dem frohen Ereignis mitfreuen und Zeuge unseres Glückes sein. Wer kann das Glück in Worte fassen, das unsere Herzen erfüllte, als Vater und Mutter uns nach drei Jahren langer Trennung in ihre Arme schlossen und uns wieder an ihr Herz drückten! Glückselige Tage des ungetrübten Beisammenseins folgten. Ich konnte abends oft vor Glück nicht einschlafen. Es war doch kaum zu glauben, dass nur durch eine Wand getrennt, die lieben Eltern nebenan schliefen.

( Aus meiner Jugendzeit, S. 4 )

War auch die Freude über das Wiedersehen bei allen Beteiligten sehr groß, so war sie doch bei den Eltern nicht gänzlich ungetrübt. Das Elternhaus, in dem Kabis so viele schöne Jahre verlebt hatte, gab es nicht mehr, da Vater und Mutter in der Zwischenzeit gestorben waren und sich die Geschwister in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatten. So kam die Familie bei einem jüngeren Bruder unter, der ein großes Pfarrhaus bewohnte und ein ganzes Stockwerk freimachen konnte. Es war nicht einfach, die notwendigen Möbel und Gerätschaften für eine achtköpfige Familie zu organisieren, und als endlich das Nötigste vorhanden war, in dem Bewusstsein zu leben, dass die Abreise von Deutschland schon wieder näher rückte.

Da Kabis während seines Deutschlandurlaubs nur 2/3 seines indischen Gehaltes erhielt, das Leben in der Heimat aber doch erheblich teurer als in Indien war, stellten sich zudem schnell finanzielle Sorgen ein. So sah er sich nach sechsmonatigem Aufenthalt in Deutschland gezwungen, eine entsprechende Bitte an das Missionskollegium zu stellen.

Hochwürdige Herren. In der Meinung, dass der Erziehungsbeitrag der Mission sich während des Urlaubs eines Missionars auf alle Kinder beziehe, um auf diese Weise den für einen kinderreichen Vater empfindlichen Gehaltswegfall von 1/3 seines indischen Gehaltes wieder gut zu machen, bat ich Herrn Direktor um einen Erziehungsbeitrag für alle meine 6 Kinder. Herr Direktor schrieb mir aber, dass ich nach Wortlaut und Sinn der betreffenden Regeln nur einen Beitrag für die Kinder zu beanspruchen hätte, die ich bei meiner Rückkehr nach Indien in der Heimat zurücklassen würde. In Folge davon ist also meine Jahreseinnahme während des Urlaubs von 3.500 auf 3.033,33 Mk zurückgegangen. Ich würde selbstverständlich mit dieser Verminderung der Jahreseinnahmen vollständig zufrieden sein und nie daran gedacht haben, wegen dieser Verminderung an und für sich beim hochw. Collegium vorstellig zu werden, wenn ich mich nicht in Folge der Wirthschaftsresultate der letzten 6 Monate und um meiner eingetretenen finanziellen Nöte willen leider gezwungen sähe, mich mit einer diesbezüglichen Bitte an das hochw. Collegium vertrauensvoll zu wenden.

Ich bin während meiner 13 jährigen Dienstzeit nie mit einer derartigen Bitte an das hochw. Collegium gekommen und tue es diesmal nur mit Widerstreben und nach langem Zögern und reiflicher Überlegung. Aber da ich trotz aller Sparsamkeit in Erfahrung gebracht, dass von Monat zu Monat die Ausgabe die Einnahme immer mehr übersteigt, habe ich mich zu obiger Bitte gezwungen gesehen. Was das Leben jetzt in Deutschland kostet, noch dazu für einen in der Heimat fremd gewordenen, der sich auf ein Jahr um seiner Familie willen eine eigne Häuslichkeit gründen muss, brauche ich nicht näher zu beschreiben und auszuführen. Abgesehen davon, dass man in Indien seinen Hausrat mit Verlust verkaufen muss, um nach 1 ½ Jahren sich Alles wieder teuer neu anzuschaffen, hat man hier in Deutschland trotz der größten Einschränkung eine Menge Haus- und Küchengerät anzuschaffen, den man nicht mit nach Indien nehmen kann. So hat man z.B. auch für einen Winter die ganze Familie mit teurer Wintergarderobe zu versorgen, die einem, wenn man hier bliebe, im nächsten Jahre wieder zu Gute käme, uns aber bei der Rückkehr nach Indien nutzlos ist. So könnte man noch Vieles anführen zum Beweis dafür, dass ein Urlaubsjahr finanziell sich gar schwierig gestaltet. Nur eines möchte ich noch erwähnen, dass man nach so langer Abwesenheit doch auch gern mal seine Verwandten wiedersehen möchte und also Reisen zu machen hat, die man sich, wenn man immer hier wäre, auf Jahre verteilen würde.

Meine dringende Bitte Ihrer väterlichen Fürsorge vertrauensvoll ans Herz legend, verbleibe ich, hochw. Herren, Ihr gehorsamstergebener Joh. Kabis

( Briefe an die Direktoren, 19.12.1890 )

Dieser dringenden Bitte wurde drei Monate später entsprochen, eine Entscheidung, die nicht nur Kabis mit großer Freude erfüllte, sondern auch von den anderen Missionaren mit Genugtuung aufgenommen wurde, kam sie doch auch ihnen zugute.

Die gemeinsamen Monate vergingen wie im Fluge. Zwar blieb Kabis viel Zeit für die Familie, er war aber auch immer wieder auf Reisen, sei es, um Verwandte zu besuchen, oder aber, was ziemlich häufig vorkam, auf Missionsfesten aus seiner Arbeit zu berichten und unermüdlich um Spenden für seine Missionsaufgabe zu bitten. Das Weihnachtsfest wurde gemeinsam gefeiert und sollte allen Beteiligten noch lange in froher, aber auch wehmütiger Erinnerung bleiben. Viel zu bald schon musste an die bevorstehende Rückkehr nach Indien gedacht werden, und die Frage nach der Unterbringung der Kinder rückte immer mehr in den Vordergrund der Überlegungen. Der Wunsch der Eltern, die Kinder möglichst gemeinsam im Verwandtenkreis unterzubringen, ließ sich nicht verwirklichen. Wer kann schon, zusätzlich zu den eigenen Kindern, fünf weitere aufnehmen. Lediglich der jüngste Sohn Siegfried sollte die Eltern wieder nach Indien begleiten. Schließlich ergab sich die Möglichkeit, die vier Mädchen gemeinsam in einem Hildesheimer Pensionat zu lassen, während der kleine Walter bei einer Pfarrfamilie in der Nähe von Hannover untergebracht wurde. Dort war kurz zuvor der eigene Sohn, ebenfalls mit Namen Walter, gestorben, und die traurigen Schwestern wünschten sich sehnlichst wieder einen Bruder. So waren die Kinder räumlich nicht allzu weit getrennt, so dass gegenseitige Besuche noch möglich waren. Keine rundherum befriedigende, aber unter den gegebenen Umständen doch bestmögliche Lösung. Zwar wurden die Mädchen im  gut versorgt, die eigentliche Liebe und Geborgenheit sollten sie jedoch in den folgenden Jahren im Haus der Pflegeeltern ihres Bruders finden.

Am 28. Juli 1891 brachten uns die Eltern nach Hildesheim in unsre neue Heimat. Vorher nahmen wir Abschied von unserm Brüderlein Siegfried, der solange in Rötha blieb und dann mit den Eltern als kleines Trostkind wieder mit nach Indien ging. Am 1. August feierten wir noch in Hildesheim den Geburtstag des lieben Vaters und dann kam der Abschied. Diesmal wurde er uns viel schwerer, wussten wir doch viel besser, was es bedeutete. Ich sehe noch die Eltern in die Kutsche steigen und zur Bahn fahren, nachdem sie mit uns gebetet und herzzerreißenden Abschied genommen hatten. Es ist doch bitterschwer, wenn Eltern und Kinder so auseinander gerissen werden. Mit Tränen füllen sich die Augen, wenn man nach so vielen Jahren daran zurück denkt.

( Aus meiner Jugendzeit S 5 f )

Ich leugne nicht, dass mir der Abschied von der Heimat diesmal sehr schwer und sauer geworden ist. Das Losreißen von den 5 Kindern war doch gar zu bitter und noch ist die Sehnsucht nach denselben nicht ganz überwunden.

( Briefe an die Direktoren, 5.9.1891 )

Die Rückreise ging über Holland und England, und nach einer insgesamt ziemlich ruhigen Überfahrt betrat die nunmehr recht kleine Familie im September 1891 wieder indischen Boden.


Tranquebar 1891 – 1893

Wieder zurück in Indien, erwartete Kabis ein völlig neues Aufgabengebiet. In Vertretung eines Amtsbruders, der sich zum Heimaturlaub in Deutschland aufhielt, sollte er den Vorsitz im heimischen Kirchenrat übernehmen. Diese Aufgabe erforderte nicht nur den vollen Einsatz, sondern auch ein erhebliches Maß an Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen, galt es doch, die Anordnungen der vorgesetzten Dienststelle in Deutschland durchzusetzen. Außerdem musste Kabis immer wieder zwischen verschiedenen Missionsstationen vermitteln, Kompetenzstreitigkeiten schlichten oder die Verteilung der ohnehin knappen finanziellen Mittel regeln.

Die Neu-Jerusalemkirche in Tranquebar

Daneben mussten die Kirchenratssitzungen vorbereitet und eine umfangreiche Korrespondenz erledigt werden, sei es mit einheimischen Verwaltungsbehörden, mit Gerichten, mit den anderen Missionsstationen oder dem Missionshaus in Leipzig, ganz zu schweigen von der Etataufstellung, -abrechnung und -verwaltung, Arbeiten, die einen erheblichen Zeitaufwand notwendig machten. Schließlich mussten die zugehörigen Gemeinden, die inzwischen schon häufig von eingeborenen Pastoren geleitet wurden, regelmäßig besucht und die Schulen visitiert werden. Die weiten Entfernungen zwischen den einzelnen Stationen, die meistens mit dem Ochsenkarren und nur selten mit dem Pferdefuhrwerk zurückgelegt werden mussten, machten diese Reisen oft recht schwierig.

Es ist eine anstrengende Arbeit, so von Dorf zu Dorf zu ziehen bei dieser Hitze u. alle Tage zu predigen, examiniren u. bes. Stunden lang mit den Leuten zu reden etc. Dazu die schlechten Wege; heute musste unser Wagen immer von 3 Leuten gehalten werden, damit wir nicht umgeworfen wurden. Durch einen Fluss mussten wir erst uns tragen lassen auf den Schultern der Leute, dann ging unser Gepäck auf den Köpfen der Leute durchs Wasser u. dann erst die Ochsenwagen. Das Wasser war so tief, dass die Ochsen schwimmen mussten u. das Wasser hoch über der hohen Radachse durch den Wagen rauschte.

( Briefe an die Direktoren, 2.7.1892 )

Eine große Freude war es für Kabis, als er bei einer Visitation der Station Majaveram, auf der er ja gut sieben Jahre gelebt hatte, viel noch von ihm getaufte Christen wiedersehen konnte, die ihn stürmisch begrüßten.

Schließlich soll noch eine Visitationsreise erwähnt werden, die Kabis für drei Wochen per Segelschiff nach Rangun führte, der heutigen Hauptstadt Birmas, damals noch als Teil des britischen Kolonialreiches zu Indien gehörend. Dorthin waren zahlreiche christliche Tamilen ausgewandert, die seit 1878 eine eigenständige Gemeinde bildeten. Diese Gemeinde besaß ein Gelände, auf dem nicht nur eine Schule und eine Kapelle errichtet worden war, sondern im Lauf der Zeit auch billige Mietwohnungen für eingewanderte Tamilen.

Die Synodalen der Kirchenratssynode

Die Häuser, nach Landessitte aus Holz errichtete Pfahlbauten ohne sanitäre Einrichtungen, waren der Stadtverwaltung ein Dorn im Auge, stellten sie doch einen Fremdkörper innerhalb der schnell aufblühenden Stadt dar. Durch viele schikanöse Auflagen und mit fadenscheinigen Gründen wurde der Kirchengemeinde der Besitz an diesem Gelände abgesprochen, die Wohnungen sollten abgebrochen und das Land innerhalb eines Monats geräumt werden. Durch energischen Einspruch bei der Stadtverwaltung und langwierige Verhandlungen gelang es Kabis schließlich, den Räumungsbefehl rückgängig zu machen. Trotzdem waren mit dieser Entscheidung noch längst nicht alle Probleme gelöst, und Kabis sollte sich in den Folgejahren noch mehrmals in Rangun aufhalten.

Im April 1892 konnte hocherfreut die Geburt einer Tochter bekannt gegeben werden, so dass die Familie nun wieder aus vier Personen bestand. Der Kontakt zu den vier anderen Kindern in der Heimat wurde ausschließlich von der Mutter aufrecht erhalten, da es die tägliche Arbeit dem Vater nur erlaubte, einen kurzen Gruß anzufügen. In ausführlichen Briefen, im regelmäßigen Abstand von drei Wochen geschrieben, berichtete sie anschaulich von den täglichen Ereignissen auf der Station und beantwortete gewissenhaft die in der Zwischenzeit eingegangenen, und immer sehnsüchtig erwarteten Briefe und Kartengrüße der Kinder.

Meine inniggeliebten Herzenskinder!

Wirklich, ich hab es recht entbehrt, dass ich so lange Euch allzusammen nicht geschrieben habe und die drei Wochen wollten mir gar nicht vergehen, obwohl jede einzelne so schnell dahingeeilt ist. Mein Trost ist, dass Ihr dazwischen doch Einzelbriefe erhalten habt, und solche Euch zu schreiben ist mir ja auch ein Herzensbedürfnis und manchmal unerlässlich. Nun werden wir heute Abend Eure Briefe von Ostern erhalten und wenn diese Zeilen in Eure Hände gelangen, ist das Pfingstfest schon nah vor der Tür. Eure lieben Briefe sind allwöchentlich unser größtes Glück und Freude.

( Briefe an die Kinder, 2.5. 1892 )

Ebenso gehörte es zur Aufgabe der Mutter, die umfangreiche private Korrespondenz zu erledigen, die vielen Briefe an die große Verwandtschaft, aber auch an die Freunde in der Heimat, die oft mit großen und kleinen Spenden die Missionsstation unterstützten und natürlich auch ein Dankeschön erwarteten. Bei ihrer täglichen Arbeit wurde sie von zwei Dienern unterstützt, die sowohl für die Zubereitung der Hauptmahlzeit als auch für die Reinigung und Instandhaltung des Hauses zuständig waren. Daneben gab es noch eine einheimische Kinderfrau für die Betreuung der beiden Kinder. Weitere Angestellte waren draußen im Garten zu beaufsichtigen. Dieses Personal war letztendlich nicht unbedingt notwendig, die Anstellung ermöglichte es den einheimischen Christen aber doch, ihren täglichen bescheidenen Lohn etwas aufzubessern. In Zeiten großer Dürre und damit verbundener Hungersnot wurden zeitweise über 200 Menschen beschäftigt, aber darüber wird noch an anderer Stelle zu berichten sein. Zweimal wöchentlich versammelte die Mutter außerdem die Mädchen der umliegenden Dörfer zur sogenannten Mädchennähschule, um ihnen so Fertigkeiten zu vermitteln, die Grundlage für eine spätere Arbeitstätigkeit sein konnten. Im Februar des Jahres 1893 kehrte der beurlaubte Missionar wieder nach Tranquebar zurück, so dass Kabis den Vorsitz im Kirchenrat in seine bewährten Hände zurückgeben konnte und voller Freude auf seine Station in Madras zurückkehrte, die er vor fast genau drei Jahren verlassen hatte.


Madras 1893 – 1901

Wieder zurückgekehrt auf seine alte Station, erwartete Kabis viel Arbeit. Einerseits waren in der Zwischenzeit viele Aufgaben unerledigt geblieben, da sein Vorgänger mit der Stationsführung überfordert gewesen war, andererseits stand die Visitationsreise des Leipziger Missionsdirektors unmittelbar bevor. Der Empfang sollte natürlich so festlich wie möglich sein, und Kabis nahm sofort die entsprechenden Vorbereitungen in Angriff.

Als die Reisegesellschaft am 23. Oktober in Madras eintraf, wurde sie von einer großen Menschenmenge der beiden Stadtgemeinden begeistert empfangen und nach Landessitte zur Begrüßung mit Girlanden bekränzt. Die eigentliche Visitation begann dann einige Wochen später und verlief zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten. Der Bitte der Gemeindemitglieder, das Schulwesen in der weiteren Planung stärker zu gewichten, sowie der konkreten Forderung nach einem Ausbau der Fabriciusschule, wurde entsprochen, so dass bereits am 21. November die feierliche Grundsteinlegung erfolgte. Eine Urkunde, welche die Geschichte der Schule belegte, zu der Zeit besuchten 96 christliche und 177 andersgläubige Schüler die Schule, wurde in dem Grundstein eingemauert, und der Missionsdirektor persönlich vollzog die Grundsteinlegung, nachdem er die besondere Bedeutung dieser Missionsschule gewürdigt hatte. Der Grundstein trug die Inschrift: Dieser Grundstein der Evang.-luth. Fabriciusschule wurde von Missionsdirektor von Schwartz am 21. November 1893 gelegt. Eph. 2,20.

Bereits ein dreiviertel Jahr später, am 12. Juli 1894 konnte die Schule eingeweiht werden. Kabis war es gelungen, einen der Mission freundlich gesinnten Bauingenieur für die Anfertigung des Bauplanes und für die Bauaufsicht zu gewinnen, der sich sogar bereit fand, ohne Bezahlung zu arbeiten. Das große, architektonisch recht ansprechende Gebäude, hob sich deutlich von den umliegenden Häusern des Stadtteils Pursebakam ab. Zur Einweihung erschienen nicht nur einheimische Regierungsvertreter, Repräsentanten der Kolonie deutscher Kauf leute, sondern auch der deutsche Konsul. Selbst die Prinzessin Thekla von Schwarzburg Rudolstadt, der Kabis noch aus seiner Jugendzeit freundschaftlich verbunden war, hatte es sich nicht nehmen lassen, zwei eigenhändig in Holz gebrannte tamilische Sprüche als Wandschmuck für den Schulsaal zu stiften.

Neben dem Schulausbau sorgte sich Kabis insbesondere um die wirtschaftlich Not der zum christlichen Glauben übergetretenen Parias. Bislang besaß die Mission zahlreiche Grundstücke, die jedoch in der Regel unmittelbar zur jeweiligen Station gehörten und mit dem Missionshaus, einer Kapelle oder Kirche, einem Schulgebäude und einigen Wohnhäusern für das Personal bebaut waren. Kabis bemühte sich nun, darüber hinaus Land zu erwerben, um es den Christen zur landwirtschaftlichen Nutzung zu überlassen, und so ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.

Die Fabriciusschule nach dem Umbau

Ich bin zwar kein Landschwärmer, weil ich aus Erfahrung die Mühe und Arbeit kenne, die die Verwaltung von solchen Missionsländereien mit sich bringt, aber es lässt sich nicht leugnen, dass Landbesitz der Mission viel mehr Einfluss verschafft als Geldbesitz, und dass erfolgreiche Arbeit unter den Parias oder Ackerbau betreibenden Sudras Ankauf von Land oft zur dringenden Notwendigkeit macht. In B. ist in Jahresfrist eine kleine Gemeinde von fast 100 Seelen gesammelt, aber mit wie viel Noth gilts zu kämpfen, da die Landbesitzer gegen die neuen Christen das Aushungerungssystem anwenden u. die Feindschaft des Großgrundbesitzers, dem ¾ des ganzen Dorfes gehört, noch nicht nachlässt. Ich habe den Leuten von der Regierung Land verschafft, aber das ist noch nicht genügend.

( Briefe an die Direktoren, 2.12.1894 )

Bevor jedoch der Landkauf in Angriff genommen werden konnte, mussten zahlreiche Altverträge aus früheren Jahren umgeschrieben und korrigiert werden. Bislang wurden die Grundstücke, da vom jeweiligen Missionar erworben, auch seitens der Behörde auf dessen Namen eingetragen. Nun ergab sich aber die Situation, dass zahlreiche Missionare schon nicht mehr in Indien lebten bzw. schon gestorben waren, so dass sämtliche Grundbucheintragungen so geändert werden mussten, dass nun die Missionsgesellschaft Eigentümerin der Ländereien wurde. Diese Landkäufe erforderten erhebliche finanzielle Mittel, die Kabis auch immer wieder aus eigener Tasche bestritt oder zunächst verauslagte, wenn die dafür vorgesehenen und bewilligten Gelder nicht ausreichten. So war es nur eine Frage der Zeit, dass er sich selbst wieder in finanziellen Schwierigkeiten befand.

Der dümmste finanzielle Streich, den ich je gemacht, war es, dass ich mein kleines väterliches Vermögen mir nach Indien kommen ließ u. doch war die Veranlassung dazu, dass ich mit meinem Gehalt absolut nicht auskommen konnte u. die Zinsen gerne zur Tilgung meiner Schulden haben wollte. Trotz unserer Sparsamkeit im Aufwand für uns hatten wir keinen Pfennig zurücklegen können. Ich habe seiner Zeit für 20 Mk nicht einmal 12 Rup. bekommen, als ich mein Geld herauskommen ließ, u. nun sind die 20 Mk = 18 R. 10 As. werth u. der Zinsfuß steht hier nun auch auf 3 ½ %, also ich hab furchtbar viel an meinem kleinen Vermögen verloren. Der Verlust eines Pferdes, dann der Diebstahl von 156 Rup. und Anschaffung von Pferd und Wagen hier waren die Veranlassung, dass ich mir mein Geld von Deutschland kommen ließ. Seit ich gesehen, dass mein bisschen Geld hier für Missionszwecke immer mehr zusammenschmilzt, hätte ich’s längst gern wieder nach Hause geschickt, um bei all der Not ringsum nicht in Versuchung zu kommen, es anzugreifen, wenn nicht inzwischen das Silber so im Wert gesunken wäre.

( Briefe an die Direktoren, 2.12.1894 )

Im Juni 1896 hatte Kabis die große Freude, die erste Missionslehrerin in Madras begrüßen zu können. So hatten seine diesbezüglichen Eingaben doch Erfolg gehabt, und die Frauenmissionsarbeit konnte beginnen. Zwar musste die Schwester zunächst noch im Missionshaus wohnen, es gelang Kabis jedoch schließlich, einen Neubau durchzusetzen, so dass im Oktober 1900 ein Haus für zwei Schwestern zur Verfügung stand. Bereits ein Jahr zuvor war in dem zum Stadtteil Pursebakam zugehörigen Pariaviertel eine Zweigschule für Mädchen eingerichtet worden, so dass nun auch die Kinder der Ärmsten eine Schule besuchen konnten.

Trotz der zahlreichen Pflichten in der Stadtgemeinde gelang es Kabis immer wieder, sich für die ihm so wichtige Aufgabe, die Verkündigung der christlichen Botschaft freizumachen. Wann immer möglich, begab er sich in die umliegenden Landgemeinden, um dort zu predigen, zu unterrichten, und die Bekehrten schließlich zu taufen. Im Lauf der Jahre trat diese Arbeit immer mehr in den Vordergrund, beanspruchte schließlich seine ganze Zeit und fand ihre Würdigung in dem Ehrentitel „Vater der Parias“, der im gegen Ende seines unermüdlichen Einsatzes gegeben wurde.

Bereits zu Beginn seiner Tätigkeit in Madras im Sommer 1893 erschienen vier christliche Parias bei Kabis, um ihn um Unterstützung im Kampf gegen ihren Großgrundbesitzer zu bitten. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Ärmsten, hatte die Regierung zu jener Zeit einen Erlass beschlossen, nachdem sich die Parias um brachliegendes Land bewerben konnten, das wegen nicht bezahlter Steuern von der Regierung vereinnahmt worden war. Als die vier nun die entsprechenden Anträge stellten, fürchtete der Grundbesitzer um seinen Einfluss und ließ eines Tages diejenigen Felder abernten, die er zuvor an die Dorfbewohner verpachtet hatte. Dabei drohte er, jeden zu erschießen, der ihn an dieser Vergeltungsaktion hindern würde. Die Einwohner wandten sich an das nächstgelegene Gericht und reichten Klage gegen ihren Unterdrücker ein. Als ihnen jedoch recht bald klar wurde, dass sie mit der Parteilichkeit und Bestechlichkeit des Richters zu rechnen hatten, suchten sie Kabis auf, um diesen um Beistand zu bitten. Er erklärte sich bereit, sie zum Gerichtstermin zu begleiten, musste jedoch vor Ort feststellen, dass auch er durch seine Anwesenheit nichts bewirken konnte und dass der Richter eindeutig Partei für den Grundbesitzer ergreifen würde.

Missionsschwester und Schülerinnen der Mädchenschule

So bemühte sich Kabis mit Erfolg, dass die Klage an den nächsthöheren Gerichtshof verwiesen wurde. Dort wurde das Verfahren eröffnet und der Grundbesitzer aufgefordert, sich vor Gericht zu rechtfertigen. Dieser bekam es daraufhin mit der Angst zu tun und bat nun seinerseits den Missionar um Vermittlung. Eine solche Bitte konnte Kabis nur recht sein, war ihm doch nicht daran gelegen, den einflussreichen Mann zum Feind der Pächter zu haben. Es kam zu einem Treffen zwischen allen Beteiligten, und der Streit konnte außergerichtlich beigelegt werden. Der Grundbesitzer erklärte sich bereit, Schadenersatz zu leisten, in Zukunft auf Vergeltung zu verzichten, und das Land wieder wie zuvor den Leuten in Pacht zu geben. Dieser Vorfall, so unbedeutend er an und für sich auch war, sollte für die weitere Missionsarbeit große Folgen haben. Kabis Erfolg verbreitete sich im Dorf wie ein Lauffeuer, zwanzig Familien meldeten sich zum Taufunterricht an, und noch im gleichen Jahr konnten 42 Dorfbewohner getauft werden. Ein während der Taufzeremonie einsetzender Regen wurde von den Einwohnern für ein gutes Vorzeichen gehalten und brachte der kleinen Christengemeinde weiteren Zulauf. Nun wurde der Bau eines Bet-und Schulhauses notwendig, da die Gottesdienste bislang unter freiem Himmel oder in einem Stall abgehalten wurden.

Man gewöhnt sich ja im Leben an alles, auch an einen Ochsenstall für gottesdienstliche Zwecke. Aber, wenn an Regentagen das Vieh den Stall nicht verlassen konnte, und Ochsen und Büffel während der Predigt anfingen zu brüllen, oder die Ziegen wohl auch ihre Sprünge durch die Schar der Andächtigen machten, wirkte das doch sehr störend.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 49 )

In den folgenden Monaten wurde Kabis immer öfter in die Nachbardörfer gerufen, um auch dort zu predigen. Viele der Neugetauften hatten Verwandte in den umliegenden Dörfern und wünschten, dass auch diese sich zum christlichen Glauben bekehren sollten. Dass hinter diesem Wunsch oft handfeste wirtschaftliche Interessen standen, war Kabis dabei durchaus bewusst.

Diese Bewegung unter den Parias ist nicht als eine rein religiöse anzusehen, sondern wird verursacht durch die furchtbar gedrückte Lage und Armut dieser jahrhundertelang in den Staub getretenen Volksklasse. Es ist, als ob die Parias jetzt aus einem langen Schlafe aufwachten und nun ihr Elend doppelt fühlten. Verzweifelnd an jeder Hilfe von seiten ihrer Priester oder Götter, ergreifen sie freudig die Hand des Missionars, die sich ihnen entgegen streckt. Er ist der Mann ihres Vertrauens. Zu ihm drängen sie sich in Scharen und bitten um Unterricht. Wenn nun der Missionar sich noch so viel Mühe gibt, unwürdige Taufbewerber zurück zu halten, so wird doch bei solchem Zudrang mancher mit durchschlüpfen, der dem auf den Felsen gesäten Samen gleicht.

( Sechs neue Gemeinden, S. 2 )

Mit der Entstehung neuer christlicher Gemeinden, allein innerhalb eines Jahres wurden 726 Personen getauft, brach die Feindschaft der Großgrundbesitzer wieder auf, denen die neu gewonnene Freiheit und das wachsende Selbstbewusstsein der Parias ein Dorn im Auge war. Insbesondere derjenige Grundherr, mit dem sich Kabis bereits zuvor auseinandergesetzt hatte, zeigte nun wieder offene Feindschaft. Als infolge von Seuchen zahlreiches Vieh in den Dörfern verendete und die Christen durch fehlende Arbeit in immer größere Not gerieten, forderte er sie auf, zu den alten Göttern zurückzukehren.

Ihr Toren, welchen Gewinn habt ihr nun davon, dass ihr Christen geworden seid? Euer Gott kann euch ebenso wenig helfen wie euer Missionar. Kommt zurück, und ihr sollt wieder Land in Pacht erhalten.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 50 )

In dieser schwierigen Situation erfuhr Kabis von einer Brahmanenwitwe, der Besitzerin des benachbarten Dorfes Kanachawallipuram, welche ihr Landgut verkaufen wollte, das an eben jenen Großgrundbesitzer verpachtet war. Der Antrag an den Kirchenrat in Tranquebar, das Gut zu kaufen, wurde sehr zögerlich und ausweichend beantwortet, so dass Kabis sich nach langem Bedenken dazu durchrang, unter Einsatz seines bereits oben erwähnten väterlichen Erbteils, das Gut zu erwerben. Der Kaufpreis wurde ihm erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt durch eine Spendensammlung in Deutschland wieder zurück erstattet.

Ganesha

Der Kauf, von den Christen mit großem Jubel begrüßt, vergrößerte das Ansehen des Missionars erheblich, so dass sich weitere Parias zum Taufunterricht drängten, unter ihnen auch alle Arbeiter des neu erworbenen Landgutes. So kam es auch, dass der nicht mehr benötigte, in Stein gehauene Wishnu, mit seiner Frau Lakschmi, der Göttin des Glücks und der Schönheit, auf dem Schoß, langsam in Vergessenheit geriet und, von Kakteen überwuchert ein sicherlich recht unwürdiges Dasein fristete. Einige Jahre später entdeckte ihn der Gutsverwalter, zeigte ihn Kabis bei seinem nächsten Besuch und dieser beschloss, da es gerade der Geburtstag seiner Frau war, ihr die Figur als Geburtstagsgeschenk mitzubringen. Unter erheblichem Kraftaufwand wurde der schwere Stein auf den Ochsenkarren geladen, der Kabis wieder zurück zur Bahnstation brachte. Dort weigerten sich die Packer aber zunächst standhaft, die Figur zur Waage zu bringen. Erst ein reichliches Trinkgeld veranlasste sie, sich an die Arbeit zu machen, nicht ohne vor und nach dem Transport im Gebet zu verharren. Auch der Beamte, der die Waage bediente, verharrte ehrfürchtig und andachtsvoll, und ein reicher Kaufmann empörte sich über die unwürdige Behandlung des erhabenen Hindugottes und bot Kabis fünfzig Rupien, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Besitz für einen Ungläubigen nur Unglück bringen würde. Nur mit Mühe gelang es, die 200 Pfund schwere Figur in den Zug zu befördern.

Nach einem Zwischenaufenthalt im heimischen Studierzimmer in Madras erklärte sich der Kapitän eines deutschen Schiffes bereit, die Figur mit nach Deutschland zu nehmen, wenn Kabis für den Transport an Bord sorgen würde. Natürlich tauchten nun wieder die gleichen Probleme auf und erst nach mehreren großzügigen Trinkgeldzahlungen aber auch etlicher Drohungen durch gläubige Hindus, konnte Wishnu seine Reise nach Deutschland antreten, wo er im Museum des Leipziger Missionshauses seine letzte Zuflucht fand. Im Jahr 1896 hieß es für die Familie wieder Abschied zu nehmen, der Sohn Siegfried musste nach Deutschland geschickt werden, um dort die Schule zu besuchen. Zwar war es den Eltern eine große Beruhigung, dass sich die Pflegeeltern ihres Sohnes Walter bereitgefunden hatten, auch dieses Kind bei sich aufzunehmen, so dass die Brüder nun wieder zusammen waren, der Abschied fiel ihnen aber doch unendlich schwer.

Ach das Opfer fällt uns diesmal blutsauer und das Herz will uns schier brechen im Gedanken an den Abschied. Nun der Herr, um dessen Dienstes willen wir das Opfer zu bringen haben, wolle uns nahe sein mit seinem Troste, unsere Herzen stark machen und uns überwinden helfen.

( Briefe an die Direktoren, 24.2.1896 )

Aber der Alltag ging weiter, und das Töchterchen Gudrun blieb den Eltern noch für zwei Jahre als Trostkind erhalten. Als dann jedoch auch von dieser jüngsten Tochter, dem letzten Kind die Trennung schlug, fiel sie dem Vater sehr schwer, war diese Tochter ihm doch besonders an das Herz gewachsen. Während es sonst zu den Aufgaben der Mutter gehörte, den Kontakt zu den Kindern zu halten, finden sich nun in dem Nachlass auch Kartengrüße, die der Vater seiner jüngsten Tochter nach Deutschland schickte. So zum Beispiel eine Ansichtskarte, die einen jungen Mann in entspannter Haltung auf einem Liegesessel zeigt, Zeitung lesend und Zigarre rauchend, eine Flasche Wein neben sich auf dem Tisch, mit folgendem launigen selbstverfassten Vers:

Auf dem Stuhle Vater sitzt, liest die Zeitung, raucht und schwitzt. Gudrun bring den Fächer her, liebes Kindlein fehlst mir sehr. Kannst Du nicht mal bei mir sein und mein Vaterherz erfreun? Tausend Küsse senden wir, Gud.`durch diese Karte hier. Ich und auch Dein Mütterlein unserm jüngsten Töchterlein. Wünschen Dir, es ist schon wahr, ein gesegnet Neues Jahr.

( Madras, 13. Dezember 1900 )

Neben den traurigen Stunden des Abschieds, gab es aber auch durchaus heitere Begebenheiten, von denen Kabis zu berichten wusste.

Während der eingeborene Pastor noch mit den Leuten verhandelte, eilte ich ins Sudradorf, wo mir der Dorfschulze ein kleines Rasthaus zur Verfügung gestellt hatte. Mein Diener war dahin vorausgeeilt, mir meine Mittagsmalzeit zu kochen. Erhitzt und ermüdet kam ich dort an und war eigentlich zu erschöpft, um essen zu können. Ich konnte aber meiner Müdigkeit nicht nachgeben. Ein großer Menschenschwarm hatte vor dem Rasthause auf meine Ankunft gewartet, begierig zu sehen, wie der Europäer den Reis und Karri, den sie hatten bereiten sehen, verzehren würde. Das Rasthaus war nun just auch wie eine Schaubühne, ein 3 Fuß hoch gelegener überdachter Raum mit nur 3 Wänden. Auf der Frontseite ruhte das Dach auf einigen Holzsäulen. Einen Tisch und Stuhl gab`s natürlich nicht in dieser Herberge. Die Kiste, in der ich mein Kochgeschirr hatte, musste den Stuhl, der Esskorb den Tisch ersetzen. Als ich denselben mit Tischtuch, Teller und Essgeschirr feierlich gedeckt hatte, bat ich die neugierige Menge, sich zu entfernen und mich in Frieden essen zu lassen. Auf einige ältere Leute machte meine Bitte Eindruck. Sie gingen, um – bald wieder zu kommen, aber das jüngere Volk wollte sich das Schauspiel nicht entgehen lassen, das ich ihnen ohne Frage gab, und amüsierte sich sichtlich, einmal einen Europäer mit Messer, Gabel und Löffel essen zu sehen.

( Sechs neue Gemeinden, S. 11 )

Auch eine andere Begebenheit soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Der Herr Schulze bedauerte, mir keinen Stuhl anbieten zu können. Er hatte den seinigen zu einer Hochzeit verliehen. Ich war schon ganz froh, der Ehre entronnen zu sein, einen Stuhl benutzen zu müssen, dem ohne Frage unangenehme Insassen nicht gefehlt hätten, als ein nahe stehender Mann den Dorfschulzen daran erinnerte, dass ja der Karnam (Rechnungsführer) einen Stuhl besitze. Trotz meines Einspruches brachte man bald ein staubiges Möbel, das zum Glück (wenigstens nach der Bedeutung des tamulischen Wortes „Narkali“ (Vierbein für Stuhl) kein Stuhl mehr war, da ihm außer einer Armlehne das 4. Bein fehlte. Ich war froh, dass ich auf dem Rande der Veranda sitzen bleiben konnte.

( Sechs neue Gemeinden, S. 33 )

Dem Erwerb des Landgutes folgten in den nächsten Monaten in rascher Folge weitere Landkäufe, zumeist Ländereien der Christen, denen durch Zinsverzug der Verlust ihres Landes an die Wucherer drohte. In den folgenden Wochen und Monaten ergriff die Bewegung immer mehr Dörfer, so dass Kabis die Arbeit kaum noch bewältigen konnte. Aber auch die Verantwortung für die vielen Menschen lastete schwer auf seinen Schultern.

Ich weiß oft nicht mehr, was ich tun soll. Die Sorge, wie es mit all diesen Leuten werden soll, wird mir zu viel, und ich möchte fast, daß sie lieber gar nicht kämen. Denn mit dem ersten Unterricht ist es nun einmal nicht getan. Nach der Taufe fängt die Sorge und die Not erst für mich an. Aber dann meine ich freilich wieder, es nicht vor Gott verantworten zu können, sie abzuweisen.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 54 )

Wie die Liebe erfinderisch ist im Wohltun, so ist der Hass erfinderisch zu schaden. Die Gegner wissen, dass ein Paria sich lieber auf den Rücken schlagen lässt als auf seinen Magen. So schlagen sie mit Vorliebe auf diese empfindliche Stelle und hängen für die getauften Parias den ohnehin schon hochhängenden Brotkorb noch ein gut Teil höher. Die Last dieser Bedrückung wurde durch die Teuerung der letzten Jahre beträchtlich vermehrt. Es war zum Teil furchtbar, was viele meiner armen Christen in den letzten Jahren gelitten haben. Aller Not konnte ich natürlich nicht steuern, aber dadurch, dass ich meinen letzten Pfennig hingab, und durch die barmherzige Hilfe von Freunden, die mir für meine vielen neugetauften Christen eine Extragabe zukommen ließen, konnte ich doch hier und da in der größten Not helfen.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 61 )

Aber auch ganz äußerliche Dinge erschwerten die Arbeit des Missionars. So schien es oft fast unmöglich, den Namen oder das Alter eines Täuflings in Erfahrung zu bringen.

Hindumahlzeit

Viele schwierige Fragen gibt es da zu lösen, und bleiben sie ungelöst, so werden sie ein Hindernis für die Taufe. Nicht geringe Mühe macht es zum Beispiel, das Alter der Katechumenen festzustellen. Nur wenige haben eine Ahnung wie alt sie sind. Mancher Graukopf denkt, er habe die dreißig noch vor sich und wie oft wird mir die Antwort zuteil: „Wenn sie es nicht wissen und noch fragen müssen, wie sollen wir es wissen, die wir doch nichts gelernt haben?“ Man bekommt jedoch mit der Zeit eine gewisse Übung, das Alter der Einzelnen zu schätzen.

Die große Hungersnot von 1876/77 und sonstige Ereignisse dienen dabei oft als Anhaltspunkte. Selbst die Feststellung der Namen ist nicht leicht. Eheleute wissen oft die Namen ihrer Eltern nicht, die sie nie beim Namen gerufen haben. Da müssen andere ihnen zu Hilfe kommen. Eltern sind im Zweifel über die Namen ihrer Kinder. Oft geben sie allen Kindern denselben Namen, etwa den des Dorfgötzen, den sie am meisten fürchten. Schon glaubt man, mit einer Familie im Klaren zu sein, da stellt sich heraus, dass die Leute nicht 5, wie sie angaben, sondern 9 Kinder haben. Die 4 Töchter hat der Vater nicht als Kinder gerechnet.

( Johannes Kabis, ein Vater der Paria, S. 59 )

Trotzdem war es für Kabis natürlich immer wieder eine ganz besondere Freude, in einem neuen Dorf die ersten Christen taufen zu können. Allerdings war es oft ein langer Weg von der Anmeldung der ersten Taufwilligen bis zu deren Aufnahme in die neugegründete Gemeinde. Ein einheimischer Katechet musste eingestellt oder abgeordnet werden, um die Katechumenen zu unterrichten, ein Schulgebäude, oft nur ein nach allen Seiten hin offener Raum, von einem Palmdach vor Sonne und Regen geschützt, musste gebaut werden, und eine Kapelle, aus Lehm errichtet, eher einer Hütte als einer Kapelle gleichend, sollte auch nicht fehlen. Waren diese Voraussetzungen jedoch endlich geschaffen, konnte Kabis die feierliche Einweihung des neuen Gotteshauses und die Taufe vollziehen. Anschaulich berichtet er von einem solchen Ereignis in einem Pariadorf im nördlichen Landbezirk von Madras.

So war die Kapelle zur Einweihung fertig, als ich am Abend des 21. Oktober von Sendrajenpaleiam nach Tiruper kam. Halbwegs waren mir die Katechumenen entgegengekommen und begrüßten mich voller Freuden. Im hellen Mondschein auf der Straße mussten der Pastor und ich uns bekränzen und mit Limonen beschenken lassen. Dann ging es mit Sang und Trommelklang in Prozession nach Tiruper. Der Weg war entsetzlich und führte in einem trocknen Flussbett über Steingeröll. Rührend war die Besorgnis der Leute, dass ich meinen Fuß nur ja nicht an einen Stein stoßen möchte. Trotz des hellen Mondscheins begleiteten mich zwei Fackelträger, die mir wegen des erstickenden Qualmes sehr lästig waren, und die ich trotz aller Bemühungen nicht von meiner Seite vertreiben konnte. Sie riefen beständig „Vorsicht, Vorsicht!“ und fassten mich wie ein kleines Kind am Arm an, wenn ich auf dem Geröll zu straucheln schien. Man muss ja als Missionar in Indien sich viel Liebenswürdigkeiten, die einem oft recht lästig sind, gefallen lassen, um den Leuten ihre Freude nicht zu verderben. Als wir am Sudra-Dorfe vorbeikamen, waren die Sudras aus Neugierde trotz der vorgerückten Abendstunde in großen Scharen herbeigekommen und bildeten förmlich Spalier. Neugierig folgten sie uns bis zum Pariadorf. Als wir in dessen Straßen einbogen, wurden Böllerschüsse abgefeuert und auf dem Hügel vor der Kapelle wurde Feuerwerk abgebrannt.

Während wir dann zum Kapellenhügel hinaufzogen, wurde die Kapelle von bengalischem Feuer beleuchtet. Das war wirklich ein schöner Anblick. Alles jubelte und freute sich, daß der Einzug so erfolgreich gelungen war. Da die Kapelle erst am anderen Morgen eingeweiht werden konnte, übernachtete die ganze Versammlung auf dem Platze neben der Kapelle. Ich war sehr müde, deshalb hielt ich gleich nach unserer Ankunft die Abendandacht im Freien bei Mondschein und legte mich schlafen auf mein Feldbett, das im Schatten eines Baumes aufgestellt wurde. Die Lehrer baten mich um Erlaubnis, mit den Kindern noch eine Weile singen zu dürfen, da viele Heiden da seien, die gern noch etwas hören möchten. Die Tamulen scheinen in mondheller Nacht keine Müdigkeit zu kennen, und so erlaubte ich ihnen zu singen. Sie sangen mich schnell in Schlaf ein. Als ich in der Nacht von einem heftigen Windstoß erwachte, bot sich mir ein wundersames Bild. Rings um mein Bett herum lagen die Sänger am Boden und schnarchten, und die andächtigen Zuhörer waren auch gleich an Ort und Stelle eingeschlafen. Im Nordosten sah ich es heftig und ununterbrochen blitzen und dunkles Gewölk aufsteigen. Als der Morgen graute, war der ganze Himmel von Regenwolken umzogen. Der Monsun, vor dessen Eintritt ich diese Taufgottesdienste noch gern hatte halten wollen, hatte ohne Frage angefangen. Wir mussten uns beeilen, wenn wir vor Beginn des Regens wenigstens noch die Einweihung der Kapelle vollziehen wollten. In aller Frühe wurde deshalb in Ermanglung eines Glöckleins die Trommel gerührt zum Zeichen, dass der Gottesdienst bald beginnen werde. Es war 8 Uhr, als die Katechumene, sauber gekleidet vor der Kapelle versammelt waren. Die Lehrer der benachbarten Gemeinden waren mit ihren Schulkindern gekommen, das Fest verherrlichen zu helfen. Mit Gesang zogen wir dreimal in Prozession um die neue Kapelle. Vor der verschlossenen Tür machten wir dann Halt, und ich las abwechselnd mit Pastor Dewasagajam einige Psalmen. Dann zogen wir mit dem Liede „Alangara waselale kowilukkul pochiren“ (Tut mir auf die schöne Pforte“) in die Kapelle hinein, und nachdem alle Platz genommen und zur Ruhe gekommen waren, vollzog ich die Weihe und gab der Kapelle den Namen: „Zum guten Hirten“. Freilich dürfen sich die Missionsfreunde unter solcher Kapelle nicht eine Kapelle nach deutschem Stil vorstellen.

Schwesternhaus in Madras

Die Mauern sind nur aus Lehm aufgeführt; gothische Bogen fehlen ihr auch; das Dach ist aus Bambusstangen zusammengebunden und mit Palmblättern und Stroh eingedeckt. Das Ganze hat 57 Rupien zu bauen gekostet. Aber der schönste Schmuck fehlte diesem Gotteshause doch nicht: Die Taufgemeinde von 80 Seelen, die es füllte.

( Sechs neue Gemeinden, S. 25 f )

Als im Lauf weniger Jahre mehr als 2500 Personen getauft waren, wurde es deutlich, dass die Aufgaben nicht mehr von einem einzelnen Missionar zu bewältigen waren. Neben der Arbeit in den Landgemeinden musste ja auch noch die Stadtgemeinde in Madras von ihm versorgt werden, die Schulen vor Ort nicht zu vergessen.

So kam es zur Teilung des großen Landbezirkes und zur Neuberufung zweier einheimischer Pastoren, die zwar der Aufgabe einer eigenverantwortlichen Stationsverwaltung noch nicht gewachsen waren, als Hilfsgeistliche aber viele Amtshandlungen übernehmen konnten, die zuvor Kabis zu erfüllen hatte. Die Berufung eines zweiten Missionars, obwohl dringend erforderlich, verzögerte sich jedoch noch, nicht zuletzt durch Kabis Widerstand, dem es offensichtlich schwer fiel, Verantwortung abzugeben, und der sich wohl auch vor möglichen Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten mit einem neuen Kollegen scheute. Als dann aber schließlich im November 1900 ein zweiter Missionar berufen wurde, konnte Kabis an den dringend notwendigen Heimaturlaub denken. Unterstanden ihm doch Mitte des Jahres 81 Ortschaften mit 4294 Christen, 30 Kirchen und Kapellen sowie 53 Schulen mit insgesamt 1432 Schülern.

Durch die Übernahme des Districts seitens Bruder Gäblers ist es mir möglich geworden, das hochwürdige Collegium zu bitten, mir für nächstes Jahr Urlaub in die Heimat gütigst gewähren zu wollen, und zwar etwa von Ende Juli oder Anfang August an. So gern ich auch den erbetenen Urlaub schon etwa zu Ostern antreten möchte, so wird mir das nicht gut möglich sein, da ich im Interesse der Arbeit gern noch einige Zeit hier sein möchte, nachdem Bruder Gäbler auch Tiruvallur übernommen hat. Außerdem möchte ich auch noch die Rechnungen der landwirtschaftlichen Unternehmungen abschließen, was erst Ende Juni geschehen kann. Meine Bitte um Urlaub wird dem hochw. Collegium nicht überraschend kommen, da ich ja im nächsten Sommer seit meinem ersten Urlaube mit Gottes Hülfe 10 Dienstjahre vollendet haben werde und die letzten Jahre auf mir eine doppelte Arbeitslast gelegen hat, unter der ich schon im verflossenen Jahre manchmal zu unterliegen fürchtete. Ich fühle, daß wenn ich nicht mal plötzlich ganz zusammenbrechen soll, ich einer baldigen Ausspannung, Ruhe und Erholung in der Heimat dringend bedürftig bin. Dazu kommt, dass auch im Interesse unserer 7 Kinder daheim, von denen 2 seit Jahren leidend sind, unsre baldige Rückkehr in die Heimat dringend geboten ist. Darum ersuche ich das hochw. Collegium ergebenst, mir den erbetenen Urlaub zu gewähren und für mich und meine Frau das Reisegeld zur Heimreise gütigst bewilligen zu wollen.

In Ehrerbietung und Hochachtung verbleibe ich eines hochwürdigen Collegiums gehorsamster Joh. Kabis.

( Briefe an die Direktoren, 23.11.1900 )

Dem Ersuchen wurde zu Beginn des folgenden Jahres stattgegeben, so dass einer Reise nach Deutschland nichts mehr im Wege stand. Der Bau eines weiteren Schulgebäudes konnte beendet werden, die Rechnungsabschlüsse wurden getätigt, und nachdem Kabis den zweiten Missionar in seine neuen Aufgaben eingeführt und seinem Nachfolger die eigene Station ordnungsgemäß übergeben hatte, konnten er und seine Frau Anfang Juli das Schiff nach Deutschland besteigen. Nur ungern ließ ihn seine Gemeinde ziehen. In einem Abschiedsbrief, den sie ihm zusammen mit einer goldenen Medaille überreichten, gaben sie ihren so unterschiedlichen Gefühlen wie Freude, Dankbarkeit und Trauer mit bewegenden Worten Ausdruck. Mitfreude mit ihrem Missionar, der nun endlich den wohlverdienten Urlaub antreten und seine lange vermissten Kinder wiedersehen konnte, Dankbarkeit für den unermüdlichen Einsatz, die einzelnen Verdienste wurden genauestens aufgelistet , aber auch Trauer über die Trennung und den Verlust eines treusorgenden Vaters.

…. And last but not least, your genial good will, gentle manners, pleasant countenance, patient forbearance and abundant sympathy and love have won many heart from amongst us , that will for generations preserve your name in our homes as an ideal to be followed. We pray, that God Almighty will grant you and your dearly beloved wife, who has endeared herself to us by her unassuming manners and constant acts of love and kindness, a safe voyage home, a pleasant and happy stay there and a save return amongst us with renewed vigour to labour for us and our children….

( Abschiedsbrief der Pastoren und Ältesten vom 24.7.1901 )


Zweiter Heimaturlaub 1901 – 1903

Wie viel anders gestaltete sich dieses Mal die Rückkehr in die Heimat, wurden die Eltern doch nun von sieben Kindern begrüßt, einige von ihnen schon fast erwachsen. Und wie viele Sorgen erwarteten sie. Elisabeth, die Zweitälteste, war einige Jahre zuvor an einem schweren Ischiasleiden erkrankt, zu dem dann noch eine Rückentuberkulose kam. Sie hatte längere Zeit in verschiedenen Krankenhäusern und Sanatorien verbracht, zuletzt dank einer großzügigen Unterstützung der Großherzogin Thekla von Mecklenburg, in einem Heim in der Nähe von Genua. Die freundschaftliche Verbindung zu der ehemaligen Prinzessin von Schwarzburg Rudolstadt hatte also noch immer Bestand. Nun war Elisabeth seit einiger Zeit gesundheitlich wieder halbwegs auf der Höhe, da wurde bei Gertrud, der viertältesten Tochter, Epilepsie festgestellt, einem Leiden, für das es damals noch kein wirklich wirksames Medikament gab.

Trotzdem war die Wiedersehensfreude unbeschreiblich, als die Eltern, nachdem sie zuvor bereits die erkrankten Töchter bei Verwandten im Elsass besucht hatten, endlich auch mit ihren fünf anderen Kindern in Halle zusammentrafen. Dort hatte inzwischen Maria, die Älteste, ihr Examen als Lehrerin bestanden und eine erste Anstellung gefunden. Die anderen vier Geschwister besuchten noch die dortige Schule.

Im Herbst 1901 kamen die lieben Eltern auf Urlaub nach Deutschland. Nun galt es, ihnen ein Nest zu bauen. Wie schwer ist es für Missionarsleute, sich für ein Jahr in Deutschland einzurichten. Wir suchten in Halle eine Wohnung und fanden sie in der Germerstraße 5. Missionsfreunde borgten allerlei Hausgerät. Und schließlich war alles da, was notwendig gebraucht wurde. Wie viel Freude machte mir das Sorgen und Einrichten für die geliebten Eltern! Als dann der Tag des Wiedersehens vor der Tür stand, fuhren wir nach Hohenmölsen. Unvergesslich ist mir der Tag, als die lieben Eltern auf dem Bahnhof eintrafen und wir 5 Kinder mit den Verwandten sie erwarteten. Mit Elisabeth und Gertrud hatten die Eltern schon im Elsass ein Wiedersehen gefeiert. Die beiden Schwestern kamen erst nach Halle, als der Haushalt im Gange war. Tante Julie Kabis, Vaters älteste Schwester, kam zu uns, um Mutter zu helfen. Die Zeit in Halle war wunderschön und wir genossen sie in vollen Zügen. Wie schön waren die beiden Weihnachtsfeste und unsere Geburtstage alle.

( Aus meiner Jugendzeit, S. 8 f )

Wie schon beim ersten Heimaturlaub, zehn Jahre zuvor, waren die Tage und Wochen völlig ausgefüllt und verplant: Besuche in der zahlreichen Verwandtschaft sowie Vortragsreisen und Predigten auf den verschiedenen Missionsfesten ließen die Zeit im Fluge vergehen. Eine ganz besondere Freude war es für Kabis, sein 25 jähriges Amtsjubiläum in der Heimat begehen zu können. Viele Gratulanten stellten sich ein, und die Verwandtschaft versammelte sich zu diesem Festtag fast vollzählig, so dass der Tag mit einem großen Familienfest gefeiert werden konnte. Im Hinblick auf die Krankheit der beiden Töchter und in Anbetracht der Tatsache, dass die Familie bereits 25 Jahre in Indien verbracht hatte, wurde die Alternative, in der Heimat zu bleiben, um dort eine Pfarrstelle zu übernehmen, ernsthaft in Erwägung gezogen. Die Versuchung war groß, da Kabis in der schwarzburgischen Heimat sofort eine Pfarrstelle übernehmen konnte und auch die fürstliche Familie ihm zu einem solchen Schritt riet. Aber die Sehnsucht nach Indien und der Wunsch, die dort so erfolgreich begonnene Arbeit fortzuführen, waren stärker, so dass die Entscheidung für Indien fiel.

Die Kabisfamilie in Halle

Zunächst musste Kabis aber noch um eine Verlängerung des Urlaubes bitten, da sich die Unterbringung der jüngsten Kinder als recht problematisch erwies und seine Malariaerkrankung noch nicht völlig ausgeheilt war.

Hochwürdige Herren.

Da ich am 1. August 1901 meinen Urlaub angetreten habe, so müßte ich Anfang Januar eigentlich Deutschland wieder verlassen, um nach Ablauf von 1 ½ Jahren incl. der Reise mit dem 1. Febr. wieder in Indien in die Arbeit eintreten zu können. Bislang glaubte ich diesen Urlaubstermin einhalten zu können, aber seit wir die Unterbringung unserer 7 Kinder und die Wiederauflösung unsers Haushaltes ernstlich in Beratung gezogen, stellen sich Schwierigkeiten in den Weg, die mich zwingen, um eine Urlaubsverlängerung zu bitten.

Ehe wir wieder nach Indien zurückkehren können, müssen wir für ein Unterkommen unserer 7 Kinder sorgen, von denen die drei Jüngsten noch die Schule besuchen. Der Umstand, daß Verwandte in Güstrow unser jüngstes Töchterchen zu sich nehmen wollen, hat uns veranlaßt, auch für unsre 2 Söhne, Güstrow als neuen Schulort zu wählen. Der Schulwechsel ist aber nur zu Ostern möglich und findet die Schulaufnahme am 20. April statt.

Zudem soll in der Osterzeit auch unser Sohn Walther confirmiert werden. Bei seiner Confirmation wären wir gern zugegen, umso lieber, als wir bei der Confirmation unserer 4 ältesten Töchter nicht zugegen sein konnten. Erst wenn wir zu Ostern die 3 schulpflichtigen Kinder untergebracht haben (und auch die Versorgung unserer 4 ältesten Töchter wird uns bis zu jenem Termin noch viele Schwierigkeiten bereiten) können wir daran gehen, unsern Haushalt hier aufzulösen, für unsre neue Ausrüstung für Indien zu sorgen und die nötigen Abschiedsbesuchsreisen zu machen. Unter diesen Umständen wird es nicht möglich sein, vor der 2. Hälfte des Mai die Reise nach Indien anzutreten, aber selbst wenn es möglich wäre, wäre es doch nicht geraten, schon im Mai, der heißesten Jahreszeit, wieder in Indien anzukommen.

Außer den genannten Gründen kommt bei der Bitte um Nachurlaub auch noch mein Gesundheitszustand mit in Frage. Meine wiederholte Erkrankung an Malariafieber nach dem Urlaubsjahr macht es nötig, vor der Rückkehr nach Indien mich völlig kurieren zu lassen.

So bitte ich, das hochwürdige Kollegium wolle mir Nachurlaub bis etwa Ende Mai und zwar in Anbetracht meiner großen Familie ohne Gehaltsabzug gütigst gewähren und verbleibe mit ehrerbietiger Hochachtung einem hochwürdigen Kollegium dankbar ergebener und gehorsamer Joh. Kabis

( Briefe an die Direktoren, 3.11.1902 )

Der Bitte wurde entsprochen, Kabis selbst konnte noch seinen Sohn Walter konfirmieren, und nachdem auch die ältesten Töchter untergebracht waren, für Gertrud war ein Pflegplatz in den Rotenburger Anstalten gefunden, hieß es erneut Abschied nehmen, wurde die Familie nach fast zwei Jahren wieder auseinander gerissen.

Wie bitterschwer war das Auflösen des Haushalts! Man konnte es kaum fassen und glauben, dass die ganze glückliche Familie nun wieder in alle Winde zerstreut werden sollte. Noch ein letztes gemeinsames Gebet, und dann musste geschieden sein. Die Eltern brachten die drei Kleinen nach Güstrow und besuchten uns dann noch einmal in Dresden auf der Rückreise. Das war zu schön.

( Aus meiner Jugendzeit, S. 9 )

Nach einem kurzen Verwandtenbesuch im Elsass bestiegen Kabis und seine Frau im Juni in Genua das deutsche Schiff „Prinz Heinrich“ und betraten fünf Wochen später wieder indischen Boden.