Nov 292018
 

Jüdische Stimme für Frieden

Ich bin Tanya Ury und als Mitglied der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, möchte ich, in Solidarität mit meinen palästinensischen Schwestern und Brüder, heute hier in Bonn, für eine friedliche Lösung in Palästina/Israel sprechen.

Ich möchte nicht nur an die 220 Palästinenser, die für ihrer Rechten demonstrierten, erinnern, – darunter auch Kinder –, die vom israelischen Militär in Gaza, nahe dem Grenzzaun, in diesem Jahr gezielt getötet wurden, als sie friedlich für ihre Rechte demonstrierten, sowie an die 2.300, die verletzt wurden, als sie eine Ende der Blockades eingeforderten – das Ende der Besatzung in Palästina.

Mit gewaltfreien Aktionen haben sie an die „Nakbah“ erinnert, die „Katastrophe“ vor 70 Jahren, in 1948, als Israel seiner Gründung verkündete – auf Land, das schon von Palästinensern bevölkert war. Heute haben sich die Lebensbedingungen für die Palästinenser kaum verbessert – die Arbeitslosigkeit bei den unter Fünfundzwanzigjährigen beträgt über 60%.

Präsident Trumps Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, ebenfalls im März 2018, vor den verheerenden Attacken auf unbewaffneten palästinensische Bürger, nach dem „Großen Rückkehrmarsch“ in Gaza, war eine Schritt, der die Hoffnung der palästinensischen Bevölkerung im geteilten Jerusalem weiter frustrieren sollte. Diese Aktionen, in all ihrer Bösartigkeit, waren Vorboten des ungerechten Gesetzes, das ein paar Monaten später verabschiedet wurde. Dieses legte fest, dass nur die jüdische Bevölkerung das Recht auf nationale Selbstbestimmung in Israel hätten, als dessen offizielle Sprache das Hebräisch deklariert wurde – Arabisch wird jetzt bloß mit einem „Sonderstatus“ klassifiziert.

Wie kann Israel sich eine Demokratie nennen, wenn es 1.8 Millionen arabische Einwohner – circa 20% der Gesamtbevölkerung – auf diese Weise behandelt?

Ich bin britisch-deutsche Künstlerin und Schriftstellerin – weder Israelin, noch Palästinenserin – doch als Jüdin bin ich entsetzt über diese anhaltenden Ungerechtigkeiten, die in meinem Namen in Israel geschehen, einem Land, das Israel den Palästinensern widerrechtlich weggenommen hatte. Auch im Namen der „Jüdischen Stimme für einen Gerechten Frieden“ rufen wir zur Beendigung der Belagerung und Besatzung des Gazastreifen auf.

Sep 222018
 
Eine Kampfansage an die Profiteure des Hungers auf der Welt

Krieg, Umweltzerstörung und Ausbeutung: Die Profite global agierender Konzerne werden oft auf Kosten der Umwelt und der Menschen in Entwicklungsländern eingestrichen, und westliche Staaten messen häufig mit zweierlei Maß, wenn es um Menschenrechte und Waffenexporte geht. Jean Feyder, international anerkannter Experte für Entwicklungsfragen und langjähriger Vertreter Luxemburgs bei den Vereinten Nationen in Genf, fordert in seinem Buch Leistet Widerstand! die Politik mit klaren Worten auf, endlich zu handeln und der globalisierten Gleichgültigkeit den Riegel vorzuschieben. Ein Auszug.

  • Artikel 1 der Menschenrechtserklärung besagt: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.«
  • Artikel 2: »Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.«
  • Artikel 3: »Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.«
  • Artikel 25: »Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.«

Drei Jahre nach dem Ende der Hölle des Zweiten Weltkrieges wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zur Grundlage für eine neue Weltordnung. Wo bleibt die Umsetzung dieser Erklärung und dieser Artikel, wenn jeden Tag 25.000 Menschen, hauptsächlich Kinder, an Hunger und Unterernährung sterben, eine Milliarde Menschen auf unserem Planeten jeden Tag an Hunger leiden, jedes Jahr immer noch rund eine Million Menschen an AIDS/HIV sterben, 445.000 an Malaria und mehr als 500.000 Frauen während oder nach der Geburt ihr Leben verlieren? Selten waren Rassismus und Intoleranz so weit verbreitet.

Wo bleibt die Umsetzung des Rechtes des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung, ein Recht, das im ersten Artikel sowohl des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte wie im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verankert ist? Warum schweigen wir, wenn in Gaza eine ganze Bevölkerung in einem Gefängnis unter freiem Himmel von extremer Armut bedroht ist und keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser und anderen Grundnahrungsmitteln hat? Was ist mit der Würde jener Menschen in Griechenland, die in Mülltonnen herumstöbern müssen, um das Allernotwendigste zum Überleben zu finden? Wie können die unerbittlichen, erfolglosen Austeritätsprogramme in Griechenland noch länger hingenommen werden?

Es ist an der Zeit, die Kultur der Menschenrechte in den westlichen Staaten zu überdenken und den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten dieselbe Bedeutung beizumessen wie den zivilen und politischen. Der Kampf gegen jede Form von Folter, für Presse- und Meinungsfreiheit bleibt unerlässlich. Aber warum wird es so still im Westen, wenn es darum geht, die Achtung des Rechtes auf Leben, auf Ernährung, auf Gesundheit, auf Erziehung von Millionen von Mitmenschen einzufordern?

Der Stellenwert der Menschenrechte gegenüber den Rechten der multinationalen Unternehmen ist neu zu bestimmen, wie es auch die Richter des Internationalen Tribunals gegen Monsanto verlangen. Konzerne haben Verantwortung zu übernehmen für die Achtung der Menschenrechte. Das ist nicht auf freiwilliger Basis zu erreichen. Verträge sind auszuarbeiten, die der Straflosigkeit der multinationalen Unternehmen bei der Verletzung der Menschenrechte ein Ende setzen. Genau dies entspricht dem Auftrag einer in Genf vom Menschenrechtsrat eingesetzten Arbeitsgruppe, die eine weltweite Bürgerinitiative voll unterstützt.

Nicht nur die Achtung der Menschenrechte, auch soziale Werte, wie Gerechtigkeit und Solidarität sind in der Gesellschaft stärker zur Geltung zu bringen. Das Bruttoinlandsprodukt als oberster Maßstab der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist durch einen Fächer von Indikatoren, die für Lebensqualität stehen, zu ersetzen – ein Perspektivwechsel, für den es auch in Deutschland eine klare Mehrheit geben sollte.

Wir leben auf einem gefährlichen Planeten, der von einer Vielzahl von Krisen bedroht ist: Finanzkrise, Eurokrise, Hungerkrisen, Klimakrise, Flüchtlings- und Migrantenkrise, Terrorismus, Energiekrise und Militarismus.

Die Ausgaben für Waffen steigen Jahr für Jahr, 2016 erreichten sie 1.686 Milliarden Dollar, davon entfielen 611 Milliarden allein auf die USA, während für Entwicklungshilfe nur knappe 143 Milliarden aufgeboten wurden. Es ist an der Zeit, dass alle Industriestaaten ihren in der UNO und in der EU vorgesehenen Verpflichtungen nachkommen und wenigstens 0,7 Prozent ihres nationalen Reichtums für Entwicklungshilfe bereitstellen. Und die EU-Staaten müssen endlich die Politikkohärenz, die in Artikel 208 des Vertrages von Lissabon vorgesehen ist, ernst nehmen und aufhören, mit einer Hand zwei-, dreimal wegzunehmen, was sie mit der anderen im Entwicklungsbereich geben.

Europa muss endlich dem Neoliberalismus im Finanz- und Handelsbereich eine klare Absage erteilen. Der Staat hat prioritär die Interessen der Gesellschaft durchzusetzen, nicht die der Konzerne. Für viele Experten ist die Finanzkrise von 2008 noch lange nicht überwunden. Die getroffenen Regulierungsmaßnahmen werden als weitgehend unzureichend angesehen. Wir leben in einem System, in dem tagtäglich 98 Prozent aller Transaktionen im Finanzsektor getätigt werden und nur zwei Prozent in der Realwirtschaft. Neue Finanzblasen können jeden Moment entstehen und auf einmal platzen. Effektive Regulierungsmaßnahmen sind einzuführen: Banken müssten Einlage- und Kreditgeschäfte streng von allen Investitions- und Spekulationsgeschäften trennen, Hedgefonds und Handel mit Derivativen sind zu unterbinden, wie auch jede Spekulation mit Agrarrohstoffen.

Steuerparadiese sind zu beseitigen. Es wäre zweifelslos im Interesse jedes Landes, jedes Staates und aller Bürger und Bürgerinnen, wenn die Konzerne und Kapitalbesitzer überall einen gerechten Steueranteil bezahlen würden. Die Umsetzung neuer EU-Besteuerungsdirektiven für multinationale Unternehmen ist aufmerksam zu verfolgen, auch um mögliche Schlupflöcher aufzudecken. Steuerverwaltungen sind zu verstärken. Konzerne wie auch die Finanz- und Fondsindustrie haben ihre Gewinne, die sie in Entwicklungsländern erwirtschaftet haben, auch dort zu versteuern und dürfen diesen Ländern nicht ihre Steuersubstanz entziehen und so die Resultate der öffentlichen Entwicklungshilfe wieder vernichten.

Wie vom Collectif Tax Justice Lëtzebuerg verlangt, soll offen und transparent geklärt werden, wer vom Steuersystem profitiert, wie viel, wo und durch wen. Das Steuergeheimnis großer Konzerne darf nicht als Vorwand dienen, um Aufklärung zu verhindern. Diese Aufklärungsarbeit sollte einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss anvertraut werden, dessen Einsetzung bisher ergebnislos nur von einer Partei, Die Linke (Déi Lénk), gefordert wurde.

Wir brauchen völlig andere Handelsregeln. Wie es über hundert Universitätsprofessoren fordern, sind Verhandlungen über Handelsverträge in voller Transparenz zu führen und sowohl die Parlamente wie auch die Bürger sind bei der Vorbereitung von Verhandlungsmandaten einzubinden. Beide Seiten haben klare Verpflichtungen gegen den Klimawandel und die Treibhausgasemissionen einzugehen wie auch im Bereich der Besteuerung multinationaler Konzerne. Handelsverträge haben nachhaltiges Wirtschaften zu begünstigen. Der ökologische Fußabdruck muss verringert werden. Die Menschenrechte und die ILO-Arbeitsnormen sind voll zu respektieren.

Von größter Wichtigkeit sind gerechtere Beziehungen und Handelsspielregeln gegenüber den Entwicklungsländern. Anstatt eine noch stärkere Liberalisierung ihrer Wirtschaften einzufordern, anstatt wirtschaftliche Partnerschaftsabkommen aufzuzwingen und ratifizieren zu lassen, wäre es für die EU notwendig und sinnvoll, eine neue Entwicklungs-, Handels- und Landwirtschaftspolitik einzuführen. Diese müsste den enormen Produktivitätsunterschieden in Industrie und Landwirtschaft Rechnung tragen, Exporte zu Dumpingpreisen stoppen und das Prinzip der Nichtreziprozität wieder zur Anwendung bringen. Schluss muss sein mit der skandalösen Doppelmoral einer EU, die die Entwicklungsländer zu mehr Liberalisierungsmaßnahmen nötigt, zugleich aber den eigenen Agrarmarkt schützt und hohe Zölle auf die Importe sensibler Agrarprodukte erhebt!


Jean Feyder: „Leistet Widerstand! Eine andere Welt ist möglich“, 256 Seiten, Westend Verlag, 1. März 2018

Quelle: Das kritische Tagebuch

Sep 132018
 

Kaiserswerth

Wer heute durch Kaiserswerth bei Düsseldorf schlendert, findet Erholung auf einem Spaziergang am Rhein. Wenn der Fluss mit hohen Wolkentürmen über sich im Gegenlicht schimmert, steigen hinter den scharf geschnittenen Linien der Silhouetten Bilder meiner Erinnerung auf. Weite Wiesen ziehen sich am Ufer hin, unterbrochen von Linien struppiger Weiden mit bizarren Formen. Hier wuchs ich auf.

Als ich ein Kind war, verwandelten sich die Kopfweiden in Ritterburgen oder Räuberhöhlen, ihre Zweige zu Indianer­bogen. Unzugänglich eingezäunt liegt jetzt die Welt meiner wil­den Kindheit mit ihren echten und fantasierten Abenteuern. Ungezählte, verträumte Stunden verstrichen, wenn wir zwi­schen den Kieseln am Ufer spielten, mein Bruder und ich, wenn unsere Mutter mit uns an den Rhein ging. Spannend wurde es, wenn wir die Schleppkähne mit ihren Lastbooten zählten. Wie viele tuckerten flussauf, wie viele glitten den Rhein hinunter? In der Zeit von 1947 bis 1950 waren sie mit Kohle und Holz unterwegs, so vollgeladen, dass sie im Wasser zu versinken schienen. Manche hatten ihre Güter unter einem Verdeck verborgen.

Wir mochten Flaggen. Flussaufwärts kamen die Schiffe mit den rotweißblauen Streifen von und fuhren flussabwärts nach Rotterdam. Im Sommer 1947 gingen wir dort an Land und betraten zum ersten Mal Europa. Wir kamen als Inter­nierte, als zivile Kriegsgefangene aus Indonesien, das damals trotz Unabhängigkeitserklärung immer noch als niederlän­dische Kolonie galt. Nach einer sechswöchigen Reise auf der Intrapura, einem Ozeandampfer, ließen wir die tropische Welt unseres Geburtslandes endgültig hinter uns.

In Kaiserswerth verbrachte ich die ersten Jahre meiner Kind­heit ohne Stacheldraht. Ein Leben in Freiheit war es nicht. Im „besetzten“ Deutschland waren wir nicht so frei, die Grenze nach Holland zu überschreiten, um wie früher mit holländischen Kindern zu spielen. Im Lager der Heilsarmee, in Medan, auf der Insel Sumatra machten wir es möglich. Wir Kinder, deutsche und holländische, unterliefen das Ver­bot uns mit den Feindeskindern zu treffen, ständig. Das „besetzte Deutschland“ war in Zonen aufgeteilt. Wir lebten in der englischen Zone der Westmächte. Mit unseren deutschen Freunden sangen wir lauthals „Wir sind die Eingeborenen von Trizionesien“ auf dem Schulweg, schmuggelten leise ein heimwehkrankes „Indonesien“ dazwischen.

Nachdem wir das Lager hinter uns gelassen hatten, umfuhren wir die halbe Welt auf den weiten Ozeanen. In dem Land, das uns Heimat und Freiheit versprach, gab es enge Grenzen. Der Fluss überschritt Grenzen. Der Rhein, der träge dahinfließende Strom, nahm seinen Weg in die Freiheit des grenzenlos offenen Meeres.

Aus der Richtung stromaufwärts brachten die Schiffe rote Fahnen mit weißen Kreuzen mit. Sie kamen von Basel, der Stadt mit den blauen Straßenbahnen, aus der Schweiz, die keinen Krieg kannte. Dort begann der Rhein. In den Schweizer Bergen verbrachten wir Geschwister den Sommer 1948 in großer Freiheit, als die siebenjährige Stacheldrahtzeit kaum ein Jahr hinter uns lag. Wir kamen als deutsche Hungerkinder auf kleine Bauernhöfe frommer Mennoniten.

Die vorüber ziehenden Schiffe waren das Zuhause unserer Klassenkameraden, der Schifferkinder aus dem Kinderheim der Barbarossaschule, der Kaiserswerther Diakonissenanstalt, die wir als Externe besuchten. Die Schifferkinder hatten immerzu Heimweh. Ihr Kinderleben lang waren sie unterwegs auf schwankendem Boden. Die Eltern gaben diesen kleinen Menschen in ihrem unsteten Leben Halt, wenn die Ufer – sich unablässig verändernd – an ihrem Schiff vorüberzogen.

Im Heim waren sie eingesperrt – unter viel zu vielen Kindern – mit viel zu vielen fremden Erwachsenen – getrennt von ihren Eltern – hinter Mauern, die sie nicht verlassen durften. Man hielt sie gefangen – uns ließ man frei.

In dieser Landschaft, an diesem Ort lernte ich, ein deutsches Kind in Deutschland zu sein. Vorher war ich ein deutsches Kind in Indonesien. Ich war auf dem Weg in die Freiheit. Bis dahin kannte ich nur Gefangenschaft. Die Anpassung an die deutsche Kultur war und blieb ein Weg der Stolpersteine.

In Deutschland lebten wir mit unserem Vater zusammen, den wir vorher nur vom Hörensagen kannten. Nach seiner Internierung in Indien, kam er schon im Winter 1946, vor uns, nach Deutschland. Er erklärte uns die unbekannte Welt Europas. Außer ihm, schien niemand auf den Gedanken zu kommen, dass uns Europa und das kriegszerstörte Deutschland verstörten. Er nahm mich, das achtjährige Kind bei der Hand, benannte und beschrieb zuerst die Natur. Das war eine Entdeckungsreise, die Staunen und Lernen wunderbar verband. Zum Fürchten schienen dann auch die Menschen nicht mehr, aber fremd. Sie waren anders, nicht so freundlich wie Indonesier und rochen ungewohnt.

Konfliktreicher ging es bei dem Erwerb von Verhaltensformen und Einhalten von Regeln zu. Für uns ließ sich alles Deutsche in einem Wort zusammenfassen: VERBOTEN. Das Wort stand zudem auf zahllosen Schildern.

Ich hatte einen strengen Vater. Er hatte uns als Babies zuletzt gesehen. Er tat so, als sei der Zeitsprung gleichgültig. Er konnte nicht begreifen, dass für uns unsere Mutter die einzige Person in unserem Leben war, auf die es ankam. Er kannte uns nicht, wir ihn nicht. Es gelang ihm, diese Kinder aus der tropischen Welt, aus dem Lager, nicht nur mit den ihm bekannten oder dem Klischee wohlerzogener Kinder zu vergleichen. Er respektierte uns, soweit es ihm möglich war. Wir entsprachen so gar nicht seinem Wunschbild.

Selbst unsere Mutter tat sich in der neuen Umgebung schwer mit uns. Waren diese Wilden ihre eigenen Kinder? Wir hatten keine Ahnung, dass man an unserem Verhalten Anstoß nehmen könnte. Wir übertrugen naiv die Regeln der gewohnten Welt in die neue. Erwartet wurde von uns, dass wir uns wie deutsche Kinder benahmen. Indonesier waren wir nicht, obwohl manches von ihrer Kultur für uns selbstverständlich war. Deutschsein misslang uns zunächst gründlich. Es entsprach nicht den Standards, die man mit recht von uns zu verlangen glaubte.

Was waren wir? Wanderer zwischen den Welten: gefangen und frei, asiatisch und europäisch? Oder waren wir etwas Drittes? Weltbürger, die sich überall zu Recht finden? Würden wir die Welt, nicht nur einen kleinen Ausschnitt, unser Zuhause nennen? Könnte man vergessen machen, woher wir kamen?

Wenn mein Vater hinter unserem scheinbaren Ungehorsam diese, unsere „Dritte Welt“ ahnte, versuchte er behutsam oder unerbittlich genau, uns an unsere Umgebung zu gewöhnen. Er erzählte, las vor, belehrte und wies auf Zusammenhänge hin. Er schaffte Ordnung in dem unverständlichen Chaos, in dem wir uns unversehens wiedergefunden hatten. Ich wünsche jedem Kind einen Vater, der ihm die Welt erklärt.

Schleppkähne gibt es kaum noch. Heutzutage sind riesige Containerschiffe auf dem Rhein unterwegs. Manchmal düsen Motorboote vorbei oder Ruderboote ziehen in Ufernähe dahin. Der Fluss scheint weniger fleißig als früher. Damals stieß ein Schiff beinahe an das vorhergehende.

Gelassen zieht der Rhein dahin, immer noch lebensgefährlich mit seinen Strudeln, von modernen Brücken überspannt. Weitläufige Industrieanlagen türmten sich in meiner Kinderzeit nicht an seinen flachen Ufern. Inzwischen versperren sie den Horizont unter dem weiten Wolkenhimmel. Meine Kindheitstage sind, wie das Leid der einsamen Schifferkinder, im Fluss der Zeit versunken.

Ich gehe gern an den Rhein zurück. Ich mag die weite Landschaft, den immer gleichen Fluss. Er ist nicht mehr derselbe, wie ich auch nicht mehr dieselbe bin, wenn ich wiederkomme. Meinen Kindern Bettina, Friedemann und Annina zeigte ich den Fluss am liebsten, wenn er im Frühjahr über die Ufer tritt. Er verlässt souverän sein Bett, wenn er die Schmelzwasser aus den Alpen mit ausholender Bewegung über Wiesen und Äcker verteilt, in die Häuser und Städte dringt. Nur er kennt seine selbstgewählten Grenzen. Wie der Wind lässt er sich seine Freiheit nicht nehmen. Unaufhörlich weht der Wind am Rhein. Meine Enkel Lukas, Tobias, Samuel wachsen in Dresden an dem Ufer der Elbe mit seinem unvergleichlichen Panorama heran, wo ich mit ihnen spielte, wie ich es am Rhein tat, als ich ein Kind war. Manchmal nehme ich sie mit nach Kaiserswerth mit dem weiten Blick auf die schlichte, niederrheinische Landschaft.

Barbarossaschule 1947-1950

Bei den Kaiserswerther Diakonissen ging ich von der dritten bis zur fünften Klasse zur Schule. An Lehrschwestern war ich gewöhnt, nicht aber an eine Klasse mit 67 Schülern. In der Lagerschule auf Sumatra hatten wir zu siebt um einen Tisch gesessen. Schwester Emmi gehörte zu unserem täglichen Leben wie alle Lagerinsassen auch. Ein Privatleben gibt es im Lager sehr, sehr eingeschränkt.

Schwester Änne gehörte nicht zu meinem Leben. Sie vertrat die Öffentlichkeit. An den Mangel an Vertrautheit hatte ich mich zu gewöhnen. Ich saß staunend auf einer langen Bank zwischen Kindern, die wild wedelnd ihren Arm hochreckten, um eine Antwort loszuwerden, als ginge es um ihr Leben.

Manche Mädchen trugen Schürzen, an denen man erkannte, dass sie Schifferkinder, Heimkinder, waren. Mich schaudert noch heute, wenn ich daran denke, dass die Diakonissen für sie gleichzeitig Lehrerinnen, Erzieherinnen und Betreuerinnen waren. Sie ersetzten ihnen Verwandte, Freunde und die Gesellschaft außerhalb der Heimmauern. Diese unheilvolle Vermischung privater und öffentlicher Bedürfnisse nahm den Heimkindern jede Rückzugsmöglichkeit und verhinderte Nähe. Ich bedauerte meine Freundinnen unter ihnen sehr.

Pflichterfüllung und unbedingter Gehorsam erzeugte im Unterricht ein Klima angespannter Ängstlichkeit. Für Freude oder gar Humor gab es selten eine Gelegenheit, stattdessen wurde mit Ächtung, Beschämung, Einsperren und Nahrungsentzug in Hungerzeiten gedroht. Schlimm waren die Züchtigungen mit dem Stock und die Demütigungen vor unseren Augen.

Ich trug als Missionarskind eine schwere Bürde. Ich war zu meinem Entsetzen verpflichtet, nie mehr als fünf Fehler im Diktat zu machen, gut zu rechnen, still zu sitzen, nicht mit meinen Nachbarn zu schwätzen, wie der Austausch brisanter Neuigkeiten verunglimpfend bezeichnet wurde. Wie konnte man mir nur die lebenswichtigen, getuschelten Gespräche mit den Banknachbarn verübeln? Ich musste mich dafür schämen und zur Strafe in der Ecke stehen.

In der Barbarossaschule schrieb ich nicht mehr auf meine Tafel aus Sumatra, ein Geschenk meiner Patentante, Schwester Magdalene. Das Gehäuse war mit javanischer Schnitzarbeit verziert. Man klappte die Tafel auf und konnte links rechnen und rechts schreiben. Karos und Linien hatte meine Mutter mit einer Stricknadel hinein gezeichnet.

Die deutsche Tafel war leicht, aus einem Stück. Auf der Vorderseite gab es Linien für das dritte Schuljahr, die schon recht nah übereinander lagen. Auf die Rückseite schrieben wir die „Rechenpäckchen“ in die kleinen Karos. An der rechten Seite baumelte mein unentbehrliches Läppchen zum Auswischen.

Außerdem gab es einen zweistöckigen Griffelkasten. Den oberen Teil schob ich immer wieder auf und zu. Er war für spitze Griffel und den marmorierten Federhalter gedacht, nicht zum Spielen. Ich konnte ihn auch seitwärts drehen, um im unteren Teil nach den Buntstiften zu wühlen. Ich liebte meinen Griffelkasten mehr, als die Geheimnisse der deutschen Rechtschreibung.

Wir schrieben auch auf Papier in Hefte, an die ich leider kein Läppchen zum Auswischen hängen konnte. Wenn mir eine Fee diesen Wunsch erfüllt hätte, wäre mir mancher Kummer erspart geblieben. Obwohl jeder Klecks im Heft schrecklich geahndet wurde, kleckste ich riesige, hochinteressante Gebilde, die aus der Feder, ohne mein Zutun, auf das schäbige Nachkriegspapier flossen. Stillsitzen war heilige Pflicht? Wieso eigentlich? Ich war doch nicht tot, ich war quicklebendig und neugierig. Zuwiderhandlungen wurden mit Strafarbeiten bestraft. Was die Fehler im Diktat anging, schaffte ich anstandslos fünfzehn. Für alle Fehler über die geduldeten fünf hinaus, bekam ich mit dem Stock Schläge auf die Hände. Zahlen tanzten irritierend vor den Augen oder purzelten als Kakophonie durchs Ohr. Diesem Chaos war ich hoffnungslos ausgeliefert. Das Versagen im Rechnen wurde mit furchteinflößenden Drohungen für mein weiteres Leben bedacht. Ich sei eine Null und scheine es bleiben zu wollen. Ich sei ein Missionarskind, das anstatt ein Vorbild zu sein, nicht nur sich, sondern die Mission blamiere. Ich wurde ein trauriges Kind, das lieber weniger Übles in die Welt gebracht hätte, es aber nicht zu verhindern wusste.

Ich starrte auf das Bild mit der Frakturschrift, an der kahlen Wand des Klassenzimmers. Da stand in geschnörkelter Schrift in Holz eingebrannt: „Du musst zunehmen. Ich aber muss abnehmen“. Darunter war noch JOH. zu erkennen und einige Zahlen. Ich bete vertrauensvoll: Herr Jesus, kannst du mir zeigen, wie „zunehmen“ geht? „Abnehmen“ gelang mir mit Schätzwerten, mit denen Schwester Auguste, meine Mathematiklehrerin, leider nie einverstanden war. Ich war ein hoffnungsloser Fall.

Es gab etwas unvergleichlich Schönes in diesem grausamen Grau. Nie wieder sind mir Menschen begegnet, die mit soviel Fantasie, in einer so poetischen Sprache Biblische Geschichten erzählen konnten, wie die Kaiserswerther Diakonissen. Wenn ich das Neue Testament in der Ausgabe des britischen Militärs las, das mir mein Vater für die langen, heimwehkranken Monate in der Schweiz mitgegeben hatte, begleiteten mich ihre Bilder. Der Rhythmus ihrer Worte tröstete. Ihr bedeutungsvoller Stimmklang während des Erzählens leitete mich in eine lichtvolle Welt.

Durch Lesen eroberte ich mir eine ungeahnte, freie Welt außerhalb der drückenden Schulatmosphäre. Mein Vater war nach dem „Desaster des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches“ bemüht, seinen Kindern eine bessere Welt zu zeigen. Er bereute seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Im Lager lernte er bei den Engländern demokratisches Gedankengut kennen. Er bemühte sich, englische und amerikanische Kinderbücher aufzutreiben. In diesen Notzeiten waren es Hefte in DIN A 4-Format auf schlechtem Papier. Ich bekam: „Pu der Bär“, „Alice im Wunderland“ und „Huckleberry Finn“ in die Hand. Mein Vater glaubte an die Kraft poetischer Sprache und las selbst viel. Die Besatzer bemühten sich, die neue Generation in Deutschland über Bücher, zu einer demokratischen, westlich orientierten Mentalität zu erziehen. So trugen sie dazu bei, aus meiner Generation Europäer zu machen. Bewusste Europäer lassen enge, nationale Einstellungen hinter sich.

Wer heute über das Kopfsteinpflaster durch die Gassen in Kaiserswerth schlendert, gelangt vielleicht auf die Friederich-von-Spee-Straße, an der meine Schule lag. Die Barbarossa-Schule und das Kinderheim sind verschwunden. Geübte Augen mögen noch den alten Schulhof ausmachen, wo damals Kinder in langen Reihen zur Ausgabe der Schulspeisung anstanden. Obwohl wir hungerten, meckerten wir über die süßen Nudelsuppen. Wer sich weigerte sie zu essen, bekam einen „ermunternden“ Hieb mit einem kleinen Rohrstock. Ein Dogma, mit dem unerbittlicher Zwang ausgeübt wurde, hieß: „Iss deinen Teller leer!“ – „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“.

Niemand wusste mit Sicherheit, ob und wann es wieder etwas zu essen gab. Kinder erkennen oft nicht, dass es die Erwachsenen gut mit ihnen meinen. Ohne die Schulspeisung der Aliierten hätten manche Menschen meiner Generation das Erwachsenenalter nicht erreicht.

Ein geschichtsträchtiges Städtchen

In der Schule hörte ich, dass der Name Kaiserswerth verriet, dass hier einmal eine Insel im Rhein war. Das imponierte mir. Weil ich auf einer Insel geboren war, wollte ich gern auf einer Insel leben. Ich lernte erstaunliche Dinge. Eine normale Straße war früher ein römischer Knüppeldamm. Der Heilige Suitbert missionierte ungläubigen Germanen, unsere Vorfahren. Mein Vater missionierte Indonesier. Ich wunderte mich daher sehr, dass unsere Vorfahren Heiden waren. Die Suitbertkirche erinnerte an diesen Heiligen. Der Stauferkaiser Friederich I, genannt Barbarossa, ließ eine Burg, eine Pfalz, von der eine eingezäunte Ruine am Rheinufer geblieben ist, bauen, als sie noch auf jener Insel (Werth) im Rhein lag. Wenn ich zwischen den verfallenden Mauern herumkletterte, träumte ich von dem deutschen, rotbärtigen Kreuzfahrer und dem englischen Prinzen Ivanhoe.

Der Priester und Jesuitenmönch Graf Friedrich von Spee sammelte und dichtete nicht nur wunderschöne geistliche Lieder, sondern bewahrte manche Frau, die als Hexe verurteilt wurde, vor dem Scheiterhaufen. Sein eigener Orden verfiel während der Gegenreformation in mittelalterliche Barbarei und Aberglauben durch das Unwesen der Inquisition. Ihn lernte ich durch meine Lehrerinnen als Schützer der unabhängigen Hebammen kennen, die zu Unrecht als Zauberinnen verfolgt wurden. Ferner brachten mir meine haubengeschmückten Lehrerinnen bei, dass im neunzehnten Jahrhundert Kaiserswerth zur Wiege der Inneren Mission und Diakonie wurde. Diakonissen hatte es vorher nicht gegeben.

Friedrich-Spee-Akademie nennt sich die Seniorenvereinigung in Wuppertal, der Stadt in der ich jetzt lebe. Kostenlos stellt sie sich Senioeren, die im letzte Lebensabschnitt noch eine Aufgabe bewältigen wollen, zur Verfügung. Diese Gesellschaft bekämpft auf diese Weise uneingestandene Alterseinsamkeit, Gefühle der Sinnlosigkeit und des Überflüssigseins und lässt die Mitglieder ihren Talenten und Interessen gemäß im Austausch Ziele verfolgen, die sie sich vorher nicht zu getraut haben. So wirkt dieser Mann, der in Kaiserswerth geboren wurde, hinweg über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit.

Als ich in den vierziger Jahren des letzen Jahrhunderts die Schule der Diakonissen besuchte, waren sie eine mächtige Institution am Ort. Sie unterhielten die bedeutende Krankenanstalt und Pilgerhäuser in Rom und Jerusalem. Sie sind rar geworden, die Diakonissen. Sie prägen das Stadtbild nicht mehr. Einige von ihnen gehen langsam über das holperige Pflaster. Alt, manche uralt geworden. Ihre modernisierte Tracht scheint seltsam steif wie eine Uniform. Als ich ein Kind war, eilten sie, sie eilten – sie gingen nie gemächlich – in ihren langen, dunkelblauen, weißgepunkteten Baumwollkleidern, die sich im ewigen Wind vom Rhein her, bauschten. Mit den zierlichen Rüschenhauben aus weißem Tüll hatten sie etwas rührend Mädchenhaftes an sich. Die modische Kleidung der Kaiserswerther Bürgerinnen bestimmte der Gründer der Diakonissenanstalt, Theodor Fliedner zur Schwesterntracht.

Im Umgang waren die Diakonissen streng, durchdrungen von Hingabe als Pflicht, ohne Wenn und Aber, unerbittlich gegen sich und andere. Grausam ahndeten sie gnadenlos auch die kleinen Verfehlungen eines Kinderlebens. Ich kann mich nicht erinnern in ihrer Schule gelacht zu haben. Geweint wurde viel und oft. Spielen gehörte leider zu den Unerlaubtheiten, Weinen auch. Selbstverständlich wurde nicht geweint, auch nicht, wenn geschlagen wurde. Es wurde häufig geschlagen.

Ob Theodor Fliedner diese Strenge beabsichtigte, weiß ich nicht. Ich wurde gelehrt, ihn und Florence Nightingale, die legendäre Krankenschwester, die ihn beriet und mit ihm zusammenarbeitete, wie Heilige, fraglos, zu verehren. Das weiße Stammhaus der Schwesternschaft am Markt ist noch immer ein ehrfurchtgebietender Ort.

Von den Schwestern lernte ich nicht nur wahnsinnige Angst vor Autoritäten sondern auch ziviles Engagement. „Man kann etwas gegen das Elend in der Welt tun“, sagten sie und handelten danach. Ich wurde auch in die Frauenemanzipation eingeführt, als es dieses Wort im allgemeinen Sprachschatz noch nicht gab. Mut und Initiative lebten sie vor. Helden brauchten keine anmaßenden Einzelkämpfer zu sein. Es gab sie ebenso in der Gemeinschaft der Dienenden, die der Armut, der Unwissenheit und dem Leid der Kranken oder der verlassenen Kinder die Stirn boten.

Dienen war die Legitimation und Garantie für die Freiheit, die sich Frauen herausnahmen, wenn sie ohne den Schutz von Ehe und Familie, ein unabhängiges Leben führten. Dem Menschen ist nur gedient, wenn ihm professionell gedient wird, war die Devise dieser gut, bis sehr gut, ausgebildeten Frauen, als die Gesellschaft Frauen noch kein Recht auf Bildung gewährte. Demut und Dienen war ihr Gesetz. Sie waren immer im Dienst, ohne Ansprüche, nie privat. Manche verkümmerten bei dieser Haltung zu emotionalen Krüppeln. Das ahnte ich als Kind nicht, wenn ich nachts mein Kissen nass weinte aus Angst und Schrecken vor der Schule und mich wieder für irgendetwas Unbestimmtes schuldig fühlte. Das Gelübde der Ehelosigkeit wurde erst eingeführt als sich, Armen- und Krankenpflege und Haushaltsführung nicht mehr vereinbaren ließen.

In meiner Grundschulzeit bin ich ausschließlich von geistlichen Schwestern unterrichtet worden. Meine Lehrerinnen in Deutschland waren Diakonissen der Inneren Mission, die Schwestern im Lager auf Sumatra gehörten der Äußeren, der Rheinischen Mission an, wie meine Eltern.

Bei meinen Erinnerungen halte ich mir vor Augen, was für ein Kind ich war. Meine schulischen Kenntnisse waren lückenhaft, mein Verhalten noch nicht der deutschen Umgebung angepasst. Ich lebte in einem Prozess der allmählichen Anpassung. Ich würde nie ganz und gar dem deutschen Bild eines wohlerzogenen Mädchens entsprechen. Meine Prägung gleicht mehr einem doppelt belichteten Foto. Die deutschen Schüler, die mit mir gemeinsam die Barbarossaschule besuchten, erinnern sich gern an ihrer Schulzeit. Sie kamen mit den Schifferkindern kaum in Berührung. Sie entsprachen den Erwartungen ihrer Eltern und Lehrer, ich leider nie, so sehr ich mich auch bemühte.

Ein wenig verwundert betrachte ich die gegenwärtige, sterile Landschaft, dieses kleinen Ortes. Die geordneten Wiesen, die neuen Häuser, architektonische Experimente sehr wohlhabender Bürger, das flanierende Publikum auf dem asphaltierten Uferweg, in aktueller Mode. Es stellt Eleganz und teuren Geschmack zur Schau. Man fühlt sich als Düsseldorfer. Künstler haben sich hier niedergelassen. Galerien prägen das Stadtbild. Cafés laden zum Bleiben.

Ich habe den Krieg nicht in Europa erlebt, aber den Nachkrieg. In der Nachkriegszeit war Kaiserswerth eine Idylle. Der Vergleich mit dem kriegszerstörten Ruhrgebiet, wo meine Großeltern lebten, jagt mir noch heute einen Schrecken ein. Wie manche Idylle hatte der Ort etwas Unheimliches an sich.

Ein hoher Bunker aus Kriegszeiten, der so gar nicht in die Anmut seiner Umgebung passt, wurde nie abgerissen und bietet Platz für Wohnungen.

Die kopfsteingepflasterte Hauptstraße führt zum Stammhaus der Kaiserswerther Diakonie. Hier halten Touristenbusse. Die geschichtlichen Anfänge der Sozialarbeit und des Gesundheitswesens bleiben aktuell. Ihre Entwicklung in unserer Zeit geht weiter in den Krankenanstalten mit modernster Medizin und professioneller Patientenbegleitung.

Auf einer Nebenstraße gelangt man zur Suitbertkirche. An ihrer Außenmauer gibt es eine Märtyrerstele des Künstlers Gerresheim mit der Darstellung der Krematorien der Konzentrationslager, der mittelalterlichen Scheiterhaufen mit brennenden Hexen, den heißen Quellen, in denen in Japan Christen, die der Jesuitenorden gewonnen hatte, ertränkt wurden, das Inferno von Hiroshima – und mittendrin – Graf Spee mit Liederbuch und Nachtigall gegen das Grauen in der Welt. Mit unseren japanischen Freunden stehen wir manchmal vor diesem Epitaph, der das Märtyrertum japanischer Christen mit dem europäischer verbindet. Die ersten Christen Japans wurden in heißen Quellen verbrüht. Jahrhunderte lang lebten später japanische Christen in der Gegend von Hiroshima und Nagasaki, bis 1945 genau hier der Atomblitz alles zerstörte und sein Rauchpilz sich über dem „Scheiterhaufen“ ausbreitete. Das Epitaph zeigt das Leid des Atomkrieges parallel zu dem der ersten Märtyrer. Es verbindet es mit den jüdischen Märtyrern den Krematorien, den „Scheiterhaufen“ der deutschen KZs, auf denen jüdische Menschen in Massen in Rauch zum Himmel aufstiegen.

In der Ortsmitte liegt der Klemensplatz mit den Straßenbahnen nach Düsseldorf und Duisburg. Folgt man der Straße flussabwärts, kommt man an Bürgerhäusern vorbei, alten und neuen. Bomben fielen hier kaum. Eine Allee führt zum Schloss Kalkum und seinem Park. Im frühen Frühjahr verwandeln blühende Annemonen die Wiesen ringsum in luftige, weiße Teppiche.

Die Hungerwinter 1947/48

Im Winter kommt der Rhein immer noch aus seinem Bett, überschwemmt die Wiesen und zaubert kleine oder größere Seen zwischen die Weiden. Wenn er es streng meint, frieren sie zu. Er meinte es in den ersten Wintern, die ich als Tropenkind dort verbrachte, bitterstreng. Eisschollen glitten den Fluss hinab. Auf den Rheinwiesen froren die Wasserlachen zu. Mein Vater lehrte uns auf dem glatten Eis zu rutschen. Die anderen Kinder hatten Schlittschuhe oder als Ersatz, interessante Erfindungen aus Sperrholz oder Gummireifen an den Füssen. Es gab rote Backen, riesiges Gejohle und Getobe und Gelächter auf dem Eis. Nur ich rutschte aus und fiel hin, immer wieder. Ich blies auf meine erfrorenen Finger und beschloss, den Winter zu hassen. Die Schiffe auf dem Rhein tuten unheimlich, wenn undurchdringlicher Winternebel die Landschaft verschluckte. Ich fürchtete solche Tage. Vor dem langen Schulweg im weißlichen Nichts graute mir.

Wenn der Frühling kam, wälzte sich das Tauwasser – tausend Kilometer weit aus den Bergen kommend – bis in unsere Niederungen und überschwemmte die Rheinwiesen, kroch am Deich entlang, hinauf bis zu dem großen Haus, in dem wir wohnten. Es leckte erst an dessen hohen Schutzmauern, machte Ernst und holte sich, was der Keller hergab. Äpfel schwammen hinaus, gefolgt von leichtem Koks. Kartoffeln versanken schnell. Wir hingen aus den Fenstern und jammerten ihnen nach wie auch die Erwachsen, weil wir Hunger hatten, nie gestillten Hunger. Alle hatten Hunger. Alle froren. Die wechselnden Jahreszeiten waren für mich und meinen Bruder eine unerhörte Erfahrung. Im Herbst brachte er weinend bunte Blätter zu meiner Mutter. Verzweifelt schluchzte er: „Der Baum hat alle Blätter weggeschmissen. Ich habe sie ihm zurückgegeben. Er hat sie nicht genommen.“

Eiszapfen brachte er dagegen entzückt mit, um sich daran im Sommer die Hände zu „kälten“. Er legte sie vorsorglich auf die Heizung, um in Empörung auszubrechen, dass diese ihm die Eiszapfen gestohlen und dafür Wasser zurückgelassen habe. Böse Zeiten brachen an, wenn wir lange, gestrickte Strümpfe an einem Kleidungsstück, „Leibchen“ genannt, anknöpften und die mit Stroh versetzte Wolle an den Beinen unerträglich zu kratzen begann. Die Brotsuppen wurden wässriger, die Brotscheiben durchsichtig, die Kartoffeln blieben abgezählt, wurden nur immer kleiner. Ich versuchte mich in der großen Küche nützlich zu machen, wurde aber verjagt.

Haus Heimatfreude

Fast am Ortsende, an der Grenze zu Wittlaer steht an der Arnheimerstraße das große, rote Haus, in dem ich von 1947 bis 1950 aufwuchs. Über der mächtigen Freitreppe prangt immer noch die Inschrift HAUS HEIMATFREUDE. Wie bitterer Hohn klang dieser Name in den Ohren meiner Eltern, die hier eine schlimme dreijährige Leidenszeit unausgesetzter Schikanen nach der siebenjährigen Internierung erlebten.

Die Rotbuchen stehen nicht mehr, der hohe Zaun ist abgerissen – die Fahnenstangen mit ihrem schmiedeeisernen Emblem MT (Missionstöchterheim) sind fort. Geblieben ist der riesige Garten, nicht das Spalierobst. In den Sommernächten musste mein Vater mit anderen männlichen Mitbewohnern die Bäume vor Dieben schützen. Es gibt einen Rasen, wo sich einmal gepflegte Gemüsebeete ausdehnten. Er breitet sich auch dort aus, wo einmal aller Hungersnot zum Trotz, Blumen in paradiesischer Schönheit den Hang am Haus zierten. Niemand hetzt mehr über das Gelände wie Schwester Milli mit ihrer schiefen Haube, die Furie meiner Kindheit. Niemand schreitet umher, um gelassen Giftpfeile mieser Schäbigkeit zielgenau in das Herz meiner eingeschüchterten Eltern zu bohren, wie es Schwester Anna so unvergleichlich beiläufig erledigte. Ein eleganter, steriler Anblick bietet sich dem Besucher.

Die Schilder an den Klingeln verraten Adressen von Juristen und Wirtschaftsfirmen. An der Tür, die früher Pforte hieß, gibt es reges Leben. Junge, schicke Leute eilen hinaus und hinein mit Aktentaschen oder Laptops unter dem Arm.

Dahinter war einmal mein Zuhause. Eine wunderschöne Wendeltreppe führte nach oben. Eine kleine nach unten in den Keller und in die riesige Küche mit der Köchin Edeltraut und den Haustöchtern, jungen, christlichen Frauen, die lernen sollten, was sie einmal als Hausfrauen brauchten. In jener Zeit wurde ein Mädchen Mutter und Hausfrau oder Wirtschafterin in einem christlichen Haus oder Heim, wenn sie nicht heiratete.

Die Nachkriegszeit machte diesem Frauenbild ein Ende. Da die Männer im Krieg geblieben waren, übernahmen sie deren Aufgaben und Berufe. Ich war nicht nur von einem Erdteil in den anderen gewechselt, von Asien nach Europa, sondern auch vom Krieg in den Nachkrieg.

Der Hintereingang von Haus Heimatfreude war uns Kindern vorbehalten. Der Weg über die rote, gebohnerte Diele zur Treppe blieb ein Spießrutenlauf, weil unsere Schuhe oder nackten Füße selten den Reinlichkeitsanforderungen des Hauses entsprachen. Es gab Schmutz, den wir trotz gutem Willen nicht sahen und dafür bestraft wurden. Für deutsche Augen waren sie eben dreckig. Fassungslos standen wir vor Bohnermaschinen, die mit Wachs und Tuch von schweißtriefenden, hübschen jungen Mädchen hin und her geschoben wurden. Ihr Haar hatten sie unter Kopftüchern versteckt. Sie selbst verschwanden hinter weißgestärkten Schürzen, die durch irgendeine Zauberei nie fleckig wurden. Man durfte sich nicht mit ihnen unterhalten, weil sie pausenlos arbeiten mussten.

Einmal jedoch nahmen sie uns zum Ährenlesen mit auf den Acker vor dem großen Haus. Der Bauer ließ für die hungernde Bevölkerung Ähren liegen, die die Mähmaschine nicht erfasst hatte. Ährenlesen in Deutschland war für uns so schön wie Reisstampfen in Sumatra.

Ein anderes Mal zeigten sie mir, wie man einen Schneemann baut. Ich blieb allein zurück, als meine Eltern und mein Bruder zu einer Tante fuhren, weil ich krank war. Das Fieber sank und ich durfte in den Garten. Es war Schnee gefallen. Den hatte ich noch nie gesehen und ihn für die Erfindung einer schönen Geschichte gehalten. Eifrig schaufelte ich ihn mit den Händen in eine Hausecke, nahm einen Stock und modellierte damit einen Schneemann in die weiße Masse. Ich war allein und doch sehr glücklich, dass ich schon im Lager einen Schneemann aus Papier ausschneiden musste. So wusste ich doch genau, wie ein echter Schneemann auszusehen hatte. Die Haustöchter lachten mich herzlich aus. Gemeinsam rollten wir drei Ballen und setzten sie auf einander. Dem letzten Ballen zauberten wir mit Kohlestückchen ein Gesicht ins runde Nichts. Eine Möhre für seine Nase, wie man sie im Lesebuch sah, hätten wir lieber gegessen.

Bei einem Arztbesuch wurden wir auf eine Waage gestellt und hinausgeschickt, damit wir nicht mitkriegten, was sich die Erwachsenen über unser Gewicht zu sagen hatten. Es war ein Alarmsignal, das die Weichen für einen Aufenthalt in der Schweiz stellte.

Das erste Zuhause in Deutschland

Unser erstes Zuhause lag in der dritten Etage von Haus Heimatfreude. Das Zimmer für uns Vier: Vater, 42 , Mutter 43, Tochter 8 und Sohn 7 Jahre alt. Ein einziges Zimmer, unser Zuhause für drei Jahre. In dem Raum standen zwei hinter einander gestellte Betten für die Eltern, ein ovaler Tisch mit einer Decke, deren Spitzen auf den Boden reichten, ein Sofa mit hoher Lehne, zwei Stühle und ein eingebauter Schrank für unsere Habseligkeiten, ein Waschbecken. Ein Podest unter dem Fenster, mit Stuhl und Nähkorb war unser aller Lieblingsplatz.

Bruder Hartmut, Mutter Johanna und Dietlind 1948

An dem Tisch aßen wir. Meine Eltern hatten um dies bisschen Privatsphäre bitter gekämpft. Wir waren in einem Altersheim untergekommen. Während des zweiten Weltkrieges waren die Töchter der Missionare, für die das Haus vorher bestimmt war, evakuiert und zum Teil in alle Winde verstreut worden. Als das Haus seine Funktion verlor, öffnete es zu Kriegsende seine Pforte für alte, pflegebedürftige Missionsleute. In der allgemeinen Wohnungsnot und Zwangswirtschaft musste es Flüchtlinge wie uns, die nicht bei Verwandten unterkommen konnten, aufnehmen.

Am Anfang waren wir als Familie gezwungen worden, an dem Leben im Heim mit seinen Regeln teilzunehmen. Dasselbe Schicksal traf noch vier weitere Familien in derselben Lage. Sie taten sich zusammen, um dem despotischen Regiment der Schwestern zu entgehen. Meine Eltern versuchten alles, um sich wenigstens teilweise selbst zu versorgen. Ihnen wurde meines Vaters Gehalt bis auf ein Taschengeld abgenommen, unsere Lebensmittelkarten, ohne die niemand in der damaligen Zeit irgendetwas kaufen konnte, einbehalten.

Mit meinen Eltern und den Mitbewohnern ging man um, wie mit unmündigen, renitenten Kindern. Die beiden Schwestern demütigten sie und brachten sie arglistig um ihre Rechte. Als ehemalige Lagerinsassen waren sie passiv geworden. Geschwächt von Hunger, Krankheit und Gefangenschaft, wurden sie um den letzten Rest ihres Selbstbewusstseins gebracht. Aus dieser Mentalität der Abhängigkeit mussten sie sich befreien, um ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Erst in der Mitte meines Lebens, hörte ich, wie viele Missionstöchter dieses Heim als gebrochene Menschen verließen. Sie sollten eigentlich zu tüchtigen, christlichen Persönlichkeiten erzogen werden. Als ich „Ehemalige“ befragte, ergab sich ein weit gestreutes Spektrum. Manche lobten die Lebensgemeinschaft. Sie erzählten von Hochzeiten, an deren Vorbereitung alle Altersstufen beteiligt wurden. Sie lobten den Sinn für Schönheit, der ihnen vermittelt wurde. Sie lobten die lange Verantwortlichkeit, die die Schwestern auf sich nahmen, wenn die Eltern der Zöglinge noch im Ausland waren. Sie begleiteten und berieten die jungen Frauen in der Ausbildungszeit und bei der Partnerfindung. Das geschah ausschließlich für ihre Lieblinge.

Ich erlebte, wie eine Frau von achtzig Jahren, von unstillbaren Schluchzen geschüttelt, sich weigerte, über diese Zeit Aussagen zu machen. Sie wandte sich wortlos ab, weil sie nie mehr daran erinnert werden wollte.

Der tyrannische Stil der Schwestern blieb sich gleich, ob sie die anvertrauten Zöglinge erzogen oder ein Alters- und Flüchtlingsheim führten. Während die „Ungeliebten“ hungerten, luden die Schwestern gleichzeitig ihre Verwandten oder Lieblinge aus den Zeiten ihres Aufenthaltes im Töchterheim von außerhalb zu Festessen ein. Mit Hilfe der unterschlagenen Lebensmittelmarken wurden Menschen beköstigt, die keinen Anspruch darauf hatten. Mich empört immer noch, wie ohnmächtig meine Eltern ihrem hinterhältigen Tun ausgeliefert waren.

Wie wir Geschwister lernten, einen Vater zu haben

Mit unseren Lebensgewohnheiten eckten wir Kinder ständig an. An einem Tisch zu sitzen, war eine ganz und gar ungewohnte Haltung für uns. Wenn wir saßen, dann mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, nur ausnahmsweise in der gleichen Haltung auf einem Stuhl. Auf der anderen Seite der Weltkugel, sagte mein Vater, herrschten andere Sitten, die auf dieser nicht mehr gälten. Er übernahm unsere Erziehung für die europäische Welt mit europäischen Methoden. Die unterschieden sich von dem sanften, bejahenden Umgang, den wir von meiner Mutter kannten, sehr. Auch meine Mutter war indonesischer geworden als mein Vater.

In der kleinen Küche, die die Bewohner des dritten Stocks benutzen durften, tauschte sich meine Mutter mit Tante Thea, der Mutter von Uli, meines Bruders älterem Freund, aus. Ich hörte mit gespitzten Ohren, dass „unsere Männer in Dhera Dhun, in Indien, nie Kinder um sich gehabt hätten, dass sie deswegen so seltsam streng und weltfremd mit ihnen umgingen“. Familie Meyer war in der gleichen Lage wie wir. Herr Meyer, ein Kollege meines Vaters, hatte die Internierungszeit mit ihm geteilt. Frau Meyer und ihr Sohn waren die ersten Jahre der Internierung mit meiner Mutter zusammen auf Sumatra durch diverse Lager gegangen. Unter der japanischen Besatzung gelangten sie auf die Gefangeneninsel Onrust und erlitten ein viel härteres Schicksal als wir.

Wenn wir uns nach dem Abendbrot um den Tisch versammelten, betete mein Vater das Abendgebet. Es nahm kein Ende. Die gesamte, uns unbekannte Verwandtschaft wurde aufgezählt, als müsste man Gott an jeden Einzelnen erinnern. Das war tatsächlich der Sinn dieser Zwiesprache, von der wir uns ausgeschlossen fühlten und grausam langweilten.

Es wurden Fritz und Gustav, zwei Onkel, Brüder meiner Mutter, erwähnt, die „vermisst“ waren. Das hieß, sie waren aus dem Krieg nicht wieder zurückgekehrt. Sie waren dort geblieben. Man wusste nicht wo. Meine Mutter malte sich schreckliche Bilder von Lagern aus, von denen sie gehört hatte. Wir versuchten sie zu trösten, so gut wir konnten. Sie weinte viel und oft.

Mein Vater las lange und unverständliche Dinge aus der Bibel vor. Wenn eine Geschichte, in dem nicht endenden Redefluss vorkam, spitzten wir die Ohren. Meist hielt er sich an ungewöhnliche Namenslisten. Das seien „Register“, erklärte er. Jedes Wort der Bibel sei kostbar. Man dürfe keines auslassen. Hinter jedem Namen stände ein ganzes Leben. Er las keine einzelnen Geschichten, er las stets ein ganzes Buch im Zusammenhang. Die Bibel bestand aus vielen Büchern. Wir staunten, dass er Leute kannte, die die gesamte Bibel mit all ihren Büchern von vorn bis hinten durchgelesen hatten. Das war uns fremd.

Wir begegneten der animistischen Welt der batakschen Indonesier. Wir lernten im Lager das Christentum in der Gestalt der holländischen Heilsarmee kennen. Meine Mutter las uns Geschichten aus ihrem „Gottbüchlein“ vor. Sie erzählte mehr, als dass sie vorlas. Ihre „Gotteswelt“ war uns nah, ein vertrautes Zuhause wie ihre Stimme. Uns an die christliche Welt des Vaters zu gewöhnen, dauerte. Wir würdigten sie sehr viel später.

Die Eltern Johanna und Gustav Rebuschat 1938

Unter dem Tisch, mit der gestickten Decke und ihren langen Fransen, war mein „Häuschen“. Ungestört, spielend, verbrachte ich dort Stunden um Stunden. Traumzeiten waren das, ziemlich weit entfernt von der Wirklichkeit. Manchmal ergab sich eine Gelegenheit, unbemerkt den Gesprächen der Erwachsenen zu lauschen. Ich strengte mich an, zu verstehen, was ich hörte. Ich war neugierig, weil sie von den Dingen sprachen, die unser Leben in Deutschland so bedrückt und traurig machten.

Sie vergaßen mich. Sie vergaßen sich. Sehr oft tauchte das Wort Nazi auf, mit dem ich nicht viel anfangen konnte. Wenn ich danach fragte, wurde mir ausweichend geantwortet oder geschwiegen. In Deutschland wurde viel geschwiegen. Wenn es sehr wichtig wurde, wenn eine Erklärung zum Greifen nahe lag, wurde abrupt geschwiegen.

Wenn die Namen der Geschwister meiner Mutter fielen, weinte sie herzzerbrechend. Ich mochte meinen Vater bei diesen Gelegenheiten nicht. Leider verdächtigte ich ihn zu Unrecht, dass er meine Mutter absichtlich quälen wollte, wenn er sie offenbar schonungslos in die Verstricktheit seiner und ihrer Familie in deren nationalsozialistische Vergangenheit einweihte.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland besuchte er die Verwandten, die sich in der britischen Zone befanden. Sie informierten ihn über die katastrophale Lage nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches. Sie berichteten von den Kriegsjahren mit ihrem unaussprechlichen Leid. Sie standen nicht nur vor den Trümmern ihrer Häuser, sondern auch vor denen ihres Lebens. Die grimmigen Folgen aus der Hitlerdiktatur drückten so schwer wie der Hunger. Was ihnen heilig gewesen war, stellte sich als Irreführung von dämonischem Ausmaß heraus. In der Luft lag unausgesprochen bleiern das Wort Schuld. Davon wollte niemand sprechen. Daran durfte keiner rühren. Das Eingeständnis von Schuld blieb aus. Jahrzehntelang.

In meinem schwarz-weißen Weltbild gab es nur schuldige Kinder. Kinder waren an allem schuld. Erwachsene ließen sich nichts zu Schulden kommen. Meinem kindlichen Gefühl für Gerechtigkeit misstraute ich, weil die Erfahrung mir sagte, dass jede Anstrengung, es Erwachsenen recht zu machen, vergeblich sei. Ich musste mich immerzu entschuldigen, auch für Dinge, die ich nicht getan oder unterlassen hatte. Wie oft habe ich gezwungenermaßen gelogen. So wurde ich immerzu hoffnungslos schuldig.

Ich erschrak, als ich erkannte, dass auch Erwachsene einander wehtaten. Sie fügten Kindern Schmerz zu, weil er ihnen in einer fernen Zukunft nützlich sein sollte. Der Schmerz, den Erwachsene einander antaten, schien keinen anderen Sinn zu haben, als den, einander weh zu tun. Die ethische Ordnung in meiner acht- bis zehnjährigen Vorstellung war von dem realitätsfernen Miteinander der Müttergesellschaft im Lager geprägt. Wenn ich meinen Vater bat, sein verletzendes Verhalten zu erklären, sagte er: „Das verstehst du nicht. Die Gründe liegen tiefer.“ Meine Mutter hob seufzend die Arme und stöhnte: Wo kämen wir hin, wenn …? Danach folgten als Erklärung irgendwelche „Nebelbomben“. Meiner Generation wurde das Fragen als ungehörig aberzogen.

In Haus Heimatfreude begegnete mir zum erstenmal bewusste Bosheit. Gezielte Verletzung. Mobbing, Schikanen, die Giftquelle für unablässigen Kummer, panische Angst und Jammer meiner unglücklichen Eltern. Noch immer von Nazi-Deutschlands Ideologien beseelt, deformierten die beiden Schwestern Alfs die Menschen um sich herum. Am schlimmsten fand ich, dass meine Eltern sich untereinander wehtaten. Denn sie gaben sich gegenseitig die Mitschuld an den Gräueln des Krieges.

Alle unsere Verwandten waren ausgebombt. Das Geschäft einer Schwester meiner Mutter war in Flammen aufgegangen. Die Flucht unserer Verwandten aus Ostpreußen endete mit ihrem Tod beim Untergang des Schiffes Wilhelm Gustloff. Mein Vater war dem Untergang der Van Imhoff auf dem Gefangenentransport von Sumatra nach Indien knapp entgangen. Die Nachrichten von der schuldhaften Verstrickung der geliebten Menschen zur Zeit des Naziregimes nahmen kein Ende. Mein Vater war Parteimitglied gewesen und suchte vergeblich eine Stelle als Pfarrer.

Mein Vater schlug uns, vor allem meinen Bruder. Das kannten wir nicht. Mein Verhältnis zu meinem Vater bewegte sich zwischen Liebe und Angst. Die Enge in dem kleinen Zimmer wurde im Winter unerträglich. Die Gereiztheit wuchs. Als wir nicht mehr zu Viert in dem kleinen Zimmer schlafen konnten, bekam ich eine Kammer. Ich teilte sie mit der viel älteren Doris Schrey, die mir aus der Internierungszeit vertraut war. Auch in diesem Zimmer gab es ein Podest unter dem hohen Fenster mit einem winzigen Tisch. Auf dem machte ich meine Hausaufgaben und träumte in die Rotbuchen hinauf. Nach mir nahm mein Vater dort Platz. Ich bin oft unter dem klappernden Geräusch seiner „Erika“, einer Reiseschreibmaschine, eingeschlafen. Zuletzt kam Doris. Mein Bruder wurde mit Freund Uli und Herrn Rudi Brandt auf einem Zimmer untergebracht. Rudi war schon zwanzig Jahre alt. Eine tolle Entdeckung. Vielleicht war er verliebt. Wir lagen auf der Lauer. Seine beiden Schwestern waren ständig verliebt. Wir beobachteten sie. Neugierig versuchten wir zu erfahren, wie sie sich in ihren Rollen als Mann und Frau unterschieden.

Den zahlreichen Erwachsenen konnten wir entfliehen, wenn wir hinaus auf die Rheinwiesen zogen. Die hohlen Weidenbäume, nahmen uns auf, wie uralte Menschen, die ein Kind verstehen, ohne dass es etwas erklären muss. In ihren Zweigen ließ sich klettern, schaukeln und träumen. Die Jungen wollten unentwegt kämpfen – als Ritter, Indianer, Soldaten. Einmal fanden sie ein Depot brauchbarer Patronen, auf denen sie fleißig klopften, um sie zum Platzen zu bringen. Welche Heere von Schutzengeln haben Wache gehalten. Die Abenteuer mit einem verrotteten Boot auf dem Schwarzbach lockten mit reizvollen Gefahren. Mein Vater, ein passionierter Karl-May-Leser, erweiterte unsere Spiele mit neuen Vorschlägen, während meine Mutter vor Angst verging. Da es noch keine Waschmaschinen gab, Seife selten oder gar nicht auf Marken zu bekommen war, durften wir uns nicht schmutzig machen. Das Verbot war das natürliche Ende jeden abenteuerlichen Spiels. Die Kleiderspenden in den Care-Paketen aus Amerika enthielten glücklicherweise einen „Mottenmantel“, d.h. einen zerlöcherten Kindermantel in unbestimmter Schutzfarbe. Dieses Gewand flatterte meinem Bruder malerisch um die mageren Beine. Ohne das gute Stück zog mein Bruder nie mehr in irgendwelche Unternehmungen. Uli versuchte es ihm gleich zu tun, mit einem mausgrauen Etwas, das genau so wie ein ausgewachsener Kindermantel aussah. Wen und wozu inspirierte der wohl? Zu nichts als Kinderkram, gewiss nicht zu atemberaubenden Erlebnissen, wie ein Mottenmantel es vermag.

Immerhin war es Uli, der die streng gehüteten Liebesbriefe seiner Eltern fand, als die beiden Freunde Brennmaterial für ihre Erdhöhle brauchten. Diese Alternative zu den luftigen Nestern in den Weiden bauten sich die Beiden, als es kühler wurde. Mit geklauten Streichhölzern, eine sorgsam gehütete Kostbarkeit in jenen Tagen, machten sie es sich an einem nasskalten Wintertag schön warm in dem unterirdischen Zimmer. Tante Theas Entsetzen kannte keine Grenzen, als sie den Verlust bemerkte. Den nahm der Onkel gelassen, was meine Mutter zu heller Empörung trieb.

Kindliche Albträume

Kinder haben eigene Wege ihren Kummer auszudrücken. Ich erinnere mich, wie ich auf dem Gelände hinter Haus Heimatfreude den Grundriss eines Schiffes in den Sand kratzte, sorgfältig Maschinenräume, Schlafsäle und Decks und Reling einzeichnete. Mit diesem, in den harten Boden gekritzelten Schiff, spielten wir Intrapura, der Name des Schiffes mit dem wir Sumatra verlassen hatten. Wir segelten über die uns bekannten Meere. Wir nahmen die beiden etwas verständnislosen, aber willigen Töchter von Frau Wölk, einer Hausangestellten und Flüchtlingsfrau, mit auf die Reise von Indonesien nach Deutschland.

Nachdem wir in den Hafen eingelaufen waren, änderte ich das Programm und zeichnete aus dem Schiffsoval ein Haus Heimatfreude, mit verschiedenen Zimmern, Küche und Keller. Die einzelnen Kammern markierte ich sorgfältig mit Steinen und Mustern. Danach verteilte ich die Rollen. Uli wurde Hausmeister, mein Bruder Krankenschwester und eine von den Wölks Töchtern Köchin.

Laut rief ich triumphierend: „Ich bin Schwester Milli und kann euch alles verbieten!“ In dem Augenblick griff eine harte Faust nach mir, schüttelte mich, dass mir Hören und Sehen verging und schrie mich an: „Das nimmst du sofort zurück! Entschuldige dich für diese Lüge! Aber plötzlich!“ Ich starrte in zwei blitzblaue Eisaugen und brüllte zurück: „Nein!“. Ich starrte auf die schiefe Schwesternhaube und die Furienfratze, die keifend, allerdings vergeblich, verlangte, mich zu entschuldigen.

Meine Mutter liebte diese Begebenheit. Sie erzählte oft genüsslich, wie die empörte Schwester Milli mich zu ihnen in den Garten gezerrt habe, mich vor sie hinstellte und verlangte, mich zu zwingen, mich bei ihr, für meine freche Lüge zu entschuldigen. In dem Moment lachte Professor Eichholz und seine Frau schallend los. Auch eine Art Konflikte zu entschärfen. – Die beiden waren als Feriengäste in Haus Heimatfreude und mit meinen Eltern befreundet.

Als ich als Studentin nach Wuppertal kam, erzählte mir Professor Eichholz diese Episode mit großem Vergnügen. Dass ein unerschrockenes Kind dem gefürchteten Drachen wagte, die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, bliebe ihm und seiner Frau unvergessen. Meine Mutter mochte ihn seit ihrem „Bräutekurs“ für angehende Missionarsfrauen sehr gern, weil er für seine Auslegungen des neuen Testamentes jüdische Quellen benutzte. Eine Weise biblischer Auslegung, die mein früh verstorbener Großvater als Schneider bei einem Rabbiner zu lernen versucht hatte.

Es ergab sich, dass mein Mann als Student und später, als Kollege, das theologische Erbe von Georg Eichholz fortsetzte. Mit Frau Eichholz blieben wir bis zu ihrem Tod freundschaftlich verbunden.

Der Krieg zwischen mir und den Schwestern Alfs blieb über die Jahre mit unterschiedlicher Intensität bestehen. Schwester Milli, besann sich irgendwann darauf, dass sie einmal angetreten war, Missionarstöchter zu erziehen. So kam es wohl, dass sie mir an einem Sommerabend zeigte, wie sich die Blume „Schlafmützchen“, für die Nacht vorbereitet. Ich sehe die hagere Gestalt mit der weißen Haube sich sanft über Blumen beugen, mir ihre Eigenarten ,,beschreibend“. Für mich als Tropenkind öffnete sich damit die Tür zu einem liebevollen Interesse an der europäischen Pflanzenwelt, die anders als die vermisste, exotische, auch schön war.

Ein anderes Mal nahm Schwester Milli mich mit in ihr Wohnzimmer, wo ihre Fotografien an der Wand hingen. Ich wollte auch einmal solche wunderbaren Bilder machen können wie sie. Natürlich hasste unsere Familie Schwester Milli aus tiefster Seele. Dennoch erwähnte meine Mutter stets wenn ihr Name genannt wurde, dass sie betörend gut fotografiere, Blumenarrangements gestalte wie die niederländischen Maler und unbegreiflicherweise auch noch Reste verblichener Schönheit in ihrem Gesicht leider nicht zu übersehen seien, wo sie doch ein hässlicher Tyrann und schikanöser Folterknecht sei.

Unter Schwester Millis Regie erstand alljährlich in der getäfelten Eingangshalle ein Wunderwerk von einem Weihnachtsbaum vom Boden zur Decke reichend, über und über mit glitzerndem Schnee bestreut. An seiner Spitze leuchtete ein Stern. An seinen Zweigen hingen silberne Kugeln. Ob dazwischen weiß-silberne Engel flogen, weiß ich nicht genau. Ich sehe sie zwar vor mir, bin mir aber nicht sicher, ob sie nicht doch aus Wunsch und Fantasie dahin gelangt sind.

Unter den langen Zweigen am Boden zogen Kamele in langer Karawane. Solche hatte ich wenige Monate vorher am Suezkanal, kurz vor Port Said gesehen. Eine Schafherde, wie sie vor wenigen Wochen auf den Rheinwiesen graste, drängte sich zusammen. Die Stadt Bethlehem gab es und einen Ziehbrunnen, Menschen aller Art, die prächtigen Könige, die ärmlichen Hirten und den Stall mit dem Kind in der Krippe und Maria und Josef.

Vom Heiligabend bis zum Epiphaniastag, zwölf heilige Nächte lang, versammelte sich die Hausgemeinde um den Baum, um Weihnachtslieder zu singen. Die greisen Missionare oder ihre Frauen, fast alle verwitwet, kamen aus ihren Zimmern, alle Angestellten ließen die Arbeit ruhen, alle Heimkehrer, das waren Leute aus dem Ausland wie unsere Familie, oder solche, die aus den östlichen Teilen Deutschlands geflüchtet waren, oder Soldaten, die krank aus Lagern zu ihren Familien zurückfanden. Alle, alle, stimmten in die innigen Melodien ein.

Ich wartete sehnsüchtig auf das Lied vom „Morgenstern, der leucht’ daher zu dieser Stunde“. Von meinem Bett aus konnte ich ihn hinter der dunklen Rotbuche aufsteigen sehen und als Abendstern, wenn ich schlafen ging. Ich liebte diesen Stern, der mich die Nacht begleitete und morgens in den Tag entließ, seitdem das Kreuz des Südens nicht mehr über meinen Nachthimmel wanderte. Meine Eltern zeigten uns, wie die Milchstraße über den nördlichen Sternenhimmel führt und der Mond uns treu begleitet, wo immer wir uns befänden. Ehe uns die Augen zufielen, las uns unsere Mutter „Peterchens Mondfahrt“ vor.

Am zweiten Weihnachtstag wurde ich mit „Weihnachtskind“ angeredet. Es wurde mir zu meinem neunten Geburtstag gratuliert. Das blieb bis zu meinem elften Geburtstag so. Die Familien feierten ihr eigenes Fest auf ihren Zimmern. Wir hatten uns riesige Mühe gegeben mit unseren Geschenken für die Eltern und noch viel mehr für alle Verwandten. Mein Bruder und ich stickten Kissenbezüge. Den Stoff „organisierten“ die Eltern. Organisieren bedeutete ein Netz mannigfacher Kanäle aus Tausch-, Kauf- oder Gefälligkeitsaktionen. Das Stickgarn lieferten uns Mutters mitgebrachte Bestände aus der Internierungszeit. Trotz Krieg gab es immer noch Waren nach europäischem Geschmack in Medan, als wir Sumatra verließen. Im kriegszerstörten Deutschland waren Garne nicht mehr aufzutreiben.

Alle Verwandten hatten uns mit Gaben bedacht. Solch ein Weihnachten, mit diesem Hin und Her von Geschenken, war Freude und Last. Letzteres durfte man aber nicht laut sagen, sonst war man ein verwöhntes Gör.

Was haben wir Kinder gestöhnt, wenn Weihnachten vorüber, aber die Bedankungsbriefe unter der strengen Aufsicht meiner Eltern geschrieben werden mussten: auf Holzpapier, auf dem die Tinte zerfloss. Die Eltern meckerten, empörten sich. Zornglühend standen sie hinter mir, drohten, pochten mit langen, unerbittlichen Zeigefingern auf die vielen Fehler. Sie endeten mit ihrem Credo: „Man muss sich schämen, dass man dich kennt“.

„Ich kenne diese Leute doch nicht“, quengelte ich herum. „Das sind Verwandte, keine Leute“, hieß es. Also quälte ich mir weiter diese Briefe mit den unechten Gefühlen ab. Es gab immer wieder unvorhersehbare Hürden auf dem Weg deutsch zu werden.

Nach Weihnachten machte sich mein Vater wieder auf, um auf langen Reisen als Reisemissionar für die Mission zu predigen. Er leitete Schulwochen und vertrat erkrankte Pfarrer. Er war sehr fleißig und wollte unbedingt eine Pfarrstelle bekommen. Weil er aber Mitglied in der NSDAP gewesen war, erschien das im Nachkriegsdeutschland fast unmöglich. Da er mit seinen Predigten der damals noch unabhängigen Rheinischen Mission hohe Kollekten einbrachte, war sie nicht daran interessiert, ihn los zu werden.

Mein Vater gab uns Kindern ein Heftchen, um für den „Dankopferring“, zu sammeln. Das bedeutete, dass ich von nun an monatlich einmal von Tür zu Tür ging, die alten Missionare im Haus um eine Spende bat und diese ordentlich in ein Büchlein eintrug und das Geld in einem Säckchen aufbewahrte, das mein Vater als Gefangener genäht hatte. Wenn ich bei den Bewohnern anklopfte, gelangte ich jedes Mal in ein anderes Reich, je nachdem, auf welchem Erdteil der jeweilige alte Mensch als Missionar gearbeitet hatte und welche Dinge ihn bis zu seinem Tod begleiten sollten. Ich lernte von den erzählfreudigen Alten eine Menge über ihr Leben in fernen Ländern und ihr bleibendes Gefühl von Fremdheit im eigenen Land. Sie lehrten mich, meine kleine Welt in die Fremdheit Deutschlands einzuordnen. Alle wurden mit Onkel und Tante angeredet, wie meine Blutsverwandten. Ich wusste nicht, woran ich war. Wo begann das Fremde? Wo endete die Vertrautheit. Die Jahre in Haus Heimatfreude, waren im Grunde die Fortsetzung des Lagerlebens unter ähnlichen Bedingungen – aber in Deutschland. Das machte mir die Anpassug nicht leichter.

Onkel Rudersdorf schilderte, wie er im Urwald auf Nias vom Pferd stürzte, als er die Tiger brüllen hörte. Er hinkte seit seinen Unfall.

Frau Rabeneck nannte mich zartes Wesen. Zwar giftete ich zurück, dass ich nicht verwest sei, aber sie blieb dabei. Sie erklärte mir noch manche sprachlichen Missverständnisse, die ich nicht immer willig korrigierte. Deutsch war in Deutschland doch viel schwerer, als in Sumatra.

Auf der Bettkannte sitzend zeigte mir Onkel Diehl chinesische Schriftzeichen. Ein Kringel bedeutete „Mund“, ein Strich darin aber „sprechen“. Ein Dach stand für „Haus“, das Strichlein darin „Frau“ und „Frieden“. Zwei Strichlein wandelten es in „Unfrieden“. Da lachten wir beide, weil wir an die bösen Schwestern dachten, die uns das Leben so schwer machten. „Onkel Diehl, du siehst aus wie ein Chinese.“ sagte ich. „Dietlind, du siehst aus wie eine kleine Batakfrau“, sagte er. „Weißt du, wir Menschen passen uns an“. Wenn das so war, würde ich auch mal deutsch aussehen mit schöner, weißer Haut. Die deutschen Kinder würden aufhören zu rufen: „Mit dösigen Chinesen mit gelber Haut spielen wir nicht“. Das Chinin gegen Malaria ließ mich sehr lange gelblich aussehen. Die hellen Kinder taten dasselbe wie die dunklen Indonesischen, die nicht mit Weißen spielen wollten.

Ich erfuhr, wie weh es alten Menschen tut, einsam zu sein. Ich wurde geliebt, verwöhnt und nie getadelt, wie sonst in meinem Kinderleben. In Haus Heimatfreude wurde „die sprichwörtliche Missionsfamilie“ unter seinen Bewohnern gelebt.

Großeltern, Tanten und Onkel

Meine Großeltern mütterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Das tut mir heute noch leid, weil ich meiner Großmutter sehr ähnlich sein soll, ihre Heiterkeit, ihr Temperament, ihre Gesprächigkeit, die Freude an offenen Türen und ihr arbeitsames Wesen geerbt haben soll. Nur ihr kastanienbraunes Kraushaar habe ich nicht geerbt, was meine Mutter bedauerte. Sie war sehr oft traurig, dass ihre Eltern gestorben waren, ohne ihre Enkel gesehen zu haben und wir nie erleben würden, wie es wäre, gerade diese Großeltern zu haben. Schon als neunjähriges Kind verlor sie ihren Vater. Wir hatten großes Mitleid mit ihr, weil wir einen Vater hatten und sie nicht. Ihre Mutter starb im Krieg. Als die Bomben auf Gelsenkirchen fielen, verbrannten mit ihnen alle Fotos und Dokumente. Ich beneide Menschen, die Akten, Briefe und Bilder besitzen, die sie mit ihren Wurzeln verbinden.

Die Eltern meines Vaters lebten in Gelsenkirchen. In Deutschland waren wir nicht mehr die einzigen Rebuschats auf der Welt. Wir besuchten unsere Großeltern unter dem löchrigen Dach der Methodistischen Kirche. Sie lebten mit meiner Tante Friede, der jüngsten Schwester meines Vaters zusammen.

Nebenan wohnte meines Vaters Schwester Lotte mit unserer Cousine Sigrid und ihrem Mann Fritz. Schüsseln standen auf dem Boden, in die der Regen hinein tropfte. Meine Großmutter jammerte. Mein Großvater schickte sich ins Unvermeidliche. Meine Tante Friede sorgte für eine Mahlzeit und ein Lager für die Nacht bei unserem ersten Besuch. Die Gemüsesuppe hatte meine Oma gekocht. Sie schmeckte uns himmlisch gut. Meine Großmutter sagte, Kochkunst bestehe daraus, aus nichts eine leckere Speise zu bereiten. Am nächsten Tag nahm sie mich mit auf den Markt. Zierlich wie sie war, eilte sie auf ihren hübschen Pumps davon. Sie drehte und wendete das Gemüse, sie tippte auf Fischleiber, meckerte und feilschte, zog jammernd ihre Lebensmittelmarken und einige Scheine aus dem schäbigen Portemonnaie. Mit dem mager bestückten Netz zogen wir ab.

Meine Großmutter fand ich schön, weil sie veilchenblaue Augen hatte und langes, schwarzes Haar mit einigen Silberstreifen darin. Meinen Opa liebte ich sofort. Er hatte pechschwarze Augen und stotterte ein wenig. Er versuchte trotz seines Alters auf dem methodistischen Friedhof zu arbeiten und fuhr mit meinem Onkel Fritz Ware aus: Fische. Sie rochen beide immerzu nach Fisch.

Meine Cousine Sigrid hatte keine Schuhe. Sie wurde im Kinderwagen gefahren, obwohl sie schon vier Jahre alt war, wenn sie auf die Straße wollte. Wir beneideten und bedauerten sie in einem Atemzug. Unsere Mutter hatte Leder aus Sumatra mitgebracht, aus denen der Schuster uns Winterschuhe gemacht hatte.

Auf dem Trümmerfeld vor der Kirche brachten uns die Pfarrerskinder, richtige Großstadtgören, bei, wie man auf den Gerüststangen ausgebombter Häuser balanciert, klettert und in unbekannte, einstürzende Keller gelangt. Wie man Angst vor Granaten überwindet und sich vorsichtig weiter tastet, ins Ungewisse, das so spannend lockt.

Als meine Tanten Charlotte und Friede sich am Sonntag zum Gottesdienst auf die Kirchbank setzten, hoben sie ihre dunkelrosa Plisseeröcke so hoch, dass man ihre hellrosa Unterröcke sehen konnte. Ihre Haare wickelten sie zu Locken auf und sprachen ein Deutsch voller Fehler. Ich wunderte mich sehr, wie seltsam Deutschland war, wenn man aus Kaiserswerth herauskam.

An dieser Stelle möchte ich erzählen, wie ich meinen Großvater zum aller ersten Mal kennen lernte. Das war im Juli 1947. Kaum waren meine Mutter und mein Bruder von der Malaria genesen, die sie gleich bei der Ankunft in Haus Heimatfreude packte, als wir uns auf den Weg nach Gelsenkirchen machten.

Zuerst ging es mit der Straßenbahnlinie 11 nach Düsseldorf an ausgebombten Häusern vorbei. Vor dem Bahnhof wurde mein Vater von fremden Leuten flüsternd angesprochen, ob er dies oder das kaufen oder tauschen wolle. Das war der Schwarzmarkt, wie ich hörte. Von außen konnte ich nichts Schwarzes erkennen und schloss daher, dass es sich wohl um etwas verborgenes Inneres handelte.

Auf dem Bahnsteig drängten sich Unmassen von Menschen, die ins Ruhrgebiet fahren wollten. Als der Zug eingelaufen war und zischend hielt, schob mein Vater meinen Bruder durchs Fenster, damit er schnell Plätze belegen konnte.

Ich liebte Züge. Die Dampfloks sausten als gigantische Ungetüme mit Lampen wie glühende Augen in die Halle. Dabei ließen sie mit Höllenlärm weißen Dampf entweichen, während die Räder nach und nach zur Ruhe kamen. Es roch auch gut nach Kohle. Mein Bruder lag inzwischen der Länge nach über der Bank, wie ihm mein Vater befohlen hatte, um Plätze für uns zu reservieren. Die Reisenden schoben mit schwerem Gepäck an ihm vorbei. Meine Mutter hatte zum Glück einen Sitzplatz in dem überfüllten Zug.

Die Leute kamen vom „Hamstern“. Auf den Bauernhöfen am Niederrhein hatten sie ihre Wertsachen gegen Essbares getauscht oder für horrende Preise gekauft. Die Menschen drängten sich überall. Selbst auf dem Dach der Züge saßen die Mutigsten, wie wir es heute nur aus indischen Filmen kennen. Der Zug fuhr durch ein verwüstetes Trümmerland. Ich sah in Räume wie in klaffende Wunden. Zerfetzte Tapetenreste winkten herüber. Eine Hängelampe schaukelte an einer Zimmerdecke, die von drei Seiten einsehbar war. Als wir Essen-Altenessen durchquerten, zogen nicht endende Trümmerhaufen an meinem Blick vorbei. Kein Baum, kein Gartenstück, nichts als Hügel aus zerbrochenen roten und grauen Steinen.

In Gelsenkirchen führte uns mein Vater in einen Park. Auf einer Wiese standen hohe Steine. Grabsteine wie sich herausstellte. Mein Großvater arbeitete auf diesem methodistischen Friedhof als Gärtner und Totengräber. Bergmann „unter Tage“ wie früher konnte er in seinem Alter nicht mehr sein. Wir schlichen, uns hinter den Steinen versteckend, heimlich an zwei gebückte Gestalten an, die eine Grube aushoben. Mein Vater fasste uns an den Händen und lief mit uns auf sie zu. „Vater da sind sie“, rief er. Der alte Mann schaute mich mit kohlrabenschwarzen Augen an, lächelte und sagte, „Marjellchen, Tochterchen, da bist du ja“. Das war der Anfang einer innigen Liebe.

Mein Großvater nahm mich zu einem Stein, auf dem stand: Gustav Dziewas 1913. „Da unten liegt dein anderer Großvater“, sagte er. „Der Vater von der Johanna“. Die Johanna war meine Mutter, die mein Vater wie alle Welt, Hanna nannte. „Sein Grab sollte schon lange Platz machen für ein anderes, aber ich wollte es behalten, bis ihr zurückkommt. „Mein Großvater sprach abgehackt, als müsse er die Worte mühsam aus irgendwelchen Tiefen holen. Mein Großvater Rebuschat, der Gustav hieß wie mein Vater, hatte dafür gesorgt, dass das Grab nicht eingeebnet wurde, bevor wir nach Deutschland kamen. „Die Kinder sollen wissen, woher sie kommen“, sagte er zu meinem Vater. Die wurzellosen Angereisten aus dem fernen Asien sollten ein Zuhause finden.

Er zeigte mir noch ein zweites Grab. Darauf stand: Esther Dziewas. Das war meines vermissten Onkels Gustav erste Frau, die sehr jung an einem Hirntumor gestorben war. Eine Schwester meiner Mutter, Tante Emmi, meinte später, man habe sie wahrscheinlich durch einen Euthanasieeingriff sterben lassen. Als Krankenschwester konnte sie das beurteilen.

Meine Großmutter besuchten wir in einem anderen Sommer im „Bergmannsheil“, einem Krankenhaus. Sie lag mit mindestes sechs anderen Frauen in einem Saal, in einem Bett am Fenster. Zwischen langen, schwarzgrauen Haaren lag ihr zartes Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen. Als mein Vater sie sanft streichelte und ansprach, schlug sie sie auf und sagte mit tiefer Stimme. „Kinder“.

Ich erinnere mich nur noch daran, wie meine Mutter sie nach Medikamenten fragte. Daraufhin lächelte sie schief, hob das Kopfkissen an und wies auf die gehorteten Tabletten, die sie alle nicht eingenommen hatte, bevor sie wieder das Kissen darüber gleiten ließ. Meine Eltern schüttelten den Kopf. Meine Mutter verkündete: „Sie wird wieder gesund“. Sie wurde wieder gesund und starb erst Jahrzehnte später im Alter von 95 Jahren, als eine der sechs ältesten Einwohner von Gelsenkirchen.

Vorher musste mein Vater allerdings zweimal im Jahr, mit Familie oder ohne, im Frühjahr und Herbst an ihr „Sterbelager“ eilen, weil sie Abschied nehmen wollte, sich aber jedes Mal entschloss, doch noch weiter zu leben. Von ihr werde ich später erzählen, denn ich liebte sie herzlich und war neidisch auf meine Kusine, die immer bei ihr lebte.

An einem Tag während dieses Besuches nahm mich mein Vater mit auf einen breiten Platz, der von riesigen Trümmerhaufen umringt war. „Das ist kein Platz“, erklärte mein Vater, „das ist die Poensgenstraße. Hier war ich ein Kind. Wo wir stehen, stand einmal das Haus, das dein Großvater kaufen wollte. Die Bomben waren schneller.“ Die Bomben ließen ihren Tod bringenden Regen so lange auf die Stadt mit den Zechen und Hochöfen, auf die „Stadt der tausend Feuer“, wie sie einmal hieß, fallen, bis aus ihr eine „tote Stadt“ wurde. Städte, mit gänzlich zerstörter Infrastruktur wurden so bezeichnet. Die Not der Restbevölkerung war unvorstellbar. Mein Vater bückte sich, hob etwas Rundes, gänzlich Verkohltes auf, zeigte es mir und meinte, die Reste eines Topfes in der Hand zu halten. „Das ist, was geblieben ist“, seufzte er und murmelte, „Phosphor“.

Meine Tanten sprachen von Verdunkelung und „Christbäumen“, die brennend vom Himmel fielen, das waren aber nichts anderes als leuchtende Bombenpakete aus Phosphor. Sie erzählten von Nächten in Kellern und lichterlohen Flammen auf den Straßen. Von zusammen stürzenden Häusern, die die Fluchtwege versperrten, wenn die Sirenen Entwarnung heulten.

Ich kannte die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki nur vom Hörensagen, weit weg von der Insel Sumatra, wo ich hinter Stacheldraht aufwuchs, abgeschnitten vom Rest der Welt.

Die Atombomben, die im August 1945 auf ihr eigenes Land fielen, zwangen die Japaner zur Kapitulation und zum Verlassen ihrer eroberten Gebiete, darunter Indonesien. Der nachfolgende Kolonialkrieg bewirkte, dass wir als deutsche Kriegsgefangene ausgewiesen wurden. Mein Zuhause lag seitdem nicht mehr hinterm Stacheldraht, sondern hier im kriegszerstörten Deutschland.

In Europa lernte ich den zweiten Weltkrieg über seine Spuren im Nachkriegsdeutschland kennen, in dem meine verzweifelten Eltern Reste des Vorkriegsdeutschland suchten.

Im Sommer 1947 stand eines Tages in der Eingangshalle von Haus Heimatfreude eine schwerbepackte Familie. Der Mann war ein Riese. Sein Rucksack mächtig. Seine kleine Frau trug einen kleineren. An den Händen hielten sie zwei kleine Jungen. Der Mann war mein Onkel Walter, seine Frau, meiner Mutter Schwester Emmi, die Jungen meine etwas jüngeren Vettern aus Schmalkalden in Thüringen Hans-Martin und Peter. Wir tobten mit ihnen durch das Haus und schliefen „Kopf-bei-Fuß“ einträchtig in dem überraschenden Gefühl: „Wir sind eine große Familie“ Die Reinholds reisten aus der russischen Besatzungszone an. Ein Jahr später, mit Gründung der Bundesrepublik und der Demokratischen Republik Deutschland konnte man das nicht mehr. Danach blieb nur noch die Flucht über die „grüne Grenze“, das hieß über Wiesen, Felder und Wälder, aus dem Osten in den Westen.

Mittlerweile konnten wir Deutschlands Zonen mit den scharf bewachten Grenzen unterscheiden. Meinen Eltern bin ich dankbar, dass sie mich nicht für zu jung hielten, mir politische Zusammenhänge zu erklären. Bei persönlichen Fragen lautete die Abwehr leider monoton: „Das verstehst du noch nicht.“ Meine Mutter hielt sich an einen Satz ihrer Mutter: „Kinder sperrt Augen und Ohren auf. Ihr lebt in geschichtlichen Zeiten“. Von nun an gehörte ich dazu: zu einer Familie, Schule, Stadt, zu einer Besatzungszone in einem geteilten Land. Sie hatten alle eine deutsche Geschichte.

Im Tropengenesungsheim

Im Oktober 1947 fuhren wir nach Tübingen ins Tropengenesungsheim. Als wir auf dem Stuttgarter Bahnhof auf den Zug warteten, hörten wir, wie Arbeiter ihre Reparaturen an der Bahnhofshalle mit lautstarkem Schwäbisch begleiteten. Mein Bruder stellte sich interessiert zu ihnen, kam zurück und meinte sachlich: „Also deutsch sprechen sie nicht, holländisch und malaiisch auch nicht, nicht mal englisch oder japanisch. Die reden wahrscheinlich französisch. Das kenne ich nämlich nicht.“

In Tübingen, im Kinderkrankenhaus wurden wir in einem riesigen Schlafsaal untergebracht, den wir glücklicherweise mit den Kindern aus der Internierung teilten. Noch im Mai und Juni machten wir gemeinsam in ebenso großen Schlafsälen die Schiffsreise von Sumatra nach Rotterdam. Wenn die Krankenschwester verschwunden war, erzählten wir von den Erfahrungen im fremden Deutschland, vom Heimweh nach Sumatra und der wenig verständlichen Welt, in die wir geraten waren.

Ich konnte mit einer Sensation aufwarten. Ich wusste nämlich, was sich in dem Stück leerer Sinaiwüste, an dem wir vorbeigefahren waren, zugetragen hatte, als wir nicht dabei waren. Schwester Gertrud, meine Lehrerin, konnte mit allen Details berichten, wie die armen Israeliten mit ihren Kindern und allem Gepäck vor dem bösen Pharao aus Ägypten flohen. Ägypten? Das war da, wo in Port Said unzähligen Boote unser großes Schiff umkreisten, ein Zauberer zu uns an Bord kletterte, dem kleinen Werner blitzschnell Küken aus dem Hemd holte und eins nach dem andern über das Deck laufen ließ.

Die Israeliten aber, als sie ans Rote Meer gelangten, konnten leider nicht auf die andere Seite schwimmen. Sie schleppten ihre Sachen und die kleinen Kindern mit sich. Zum Schwimmen war es zu weit. Das hätten wir mit eigenen Augen gesehen. Ich wüsste leider nicht, warum sie kein Schiff anhielten. Eines hätte sie vielleicht auf die andere Seite gebracht. Die Schwester hätte davon nichts, aber etwas anders, berichtet. Es hätten sich im letzten Moment, rechts und links, zwei Mauern aus Wasser, aus nichts als Wasser, aufgetürmt. Das gesamte Volk wäre, ohne sich die Füße nass zu machen, zwischen den Wassermauern auf die andere Seite des Roten Meeres gewandert. Die bösen Ägypter, die wären hinter den Israeliten hergejagt. Mit Pferden, wahnsinnig schnell. Auf die andere Seite wären sie nie gelangt. In dem Augenblick, wo die Ägypter mitten im Roten Meer ankamen, seien die Wassermauern über ihnen zusammengestürzt. Arme Ägypter! Alle sind ertrunken. Ihre Pferde auch. Auch ihre Kampfwagen. Eben alle und alles sei im Roten Meer versunken.

Warum hätten sie die Israeliten so gequält? Die mussten in der heißen Wüstensonne Pyramiden bauen. Moses, ihr Anführer, habe einen ägyptischen Aufseher vor Zorn totgeschlagen und sei mit seinem Volk geflohen. Das Rote Meer habe sich gespalten, weil er mit seinem Bambusstab ins Wasser schlug. Aus diesem Zauberstab habe er schon vorher eine giftige Schlange gezaubert, die sich auf den Pharao zu schlängelte. Mit giftigen Schlangen wüssten wir ja Bescheid. Man könne kaum glauben, was Mose mit seinem Zauberstab angestellt habe.

Ich wunderte mich insgeheim, warum die Israeliten nicht durch den Suez-Kanal gezogen waren, der war schmal und schlug keine Wellen. Das wagte ich niemanden zu fragen und überhaupt wäre die Geschichte nicht mehr so spannend gewesen und am Ende ohne Wunder und Zauberei ausgekommen.

Die Krankenschwestern nahmen uns mit zu den Streuobstwiesen. Die Äpfel schienen uns ungenießbar sauer. Nach und nach gewöhnten wir uns an den neuen Geschmack. Wir hatten Hunger. Den dicksten Apfel mit den rötesten Backen brachten wir Bertold Klappert ans Krankenbett. Man hatte ihm ein Ohr wegen einer Mittelohrvereiterung aufgemeißelt. Er lag still und unansprechbar unter seiner Decke. Bertold war im Lager mein Klassenkamerad und sollte später mein Mann werden. Seine jüngere Schwester Anneliese und ich bekamen Malaria. Zusammen lagen wir in einem kleinen Isolierzimmer. Anneliese war gerade sieben Jahre alt und in die erste Klasse eingeschult worden. Bitter beklagte sie sich, dass ihre Klasse in Siegen schon beim großen „T“ seien, sie aber hier festgehalten würde und gewiss den Anschluss verpasse. Mir war gleichgültig, was meine Klasse zurzeit lernte und wo ich sie einzuholen hatte, wenn ich zurückkäme.

Meine Mutter hörte in der Klinik, dass sie Skorbut habe. Ihr fielen in kurzer Zeit alle Zähne aus. Außerdem hatte sie sich in den Internierungsjahren eine unheilbare Darmkrankheit zugezogen. Meines Vaters Asthma, sein Nierenleiden, seine übergroße Nervosität waren unter den damaligen Umständen nicht zu behandeln. Bertolds Mutter, meine zukünftige Schwiegermutter, erlitt eine Fehlgeburt.

Tropengenesungsheim Tübingen um 1950 © Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth

Wie viel Leid damals in dem Tropengenesungsheim aufbrach, wurde uns erst als wir erwachsen waren, bruchstückhaft mitgeteilt. Es gab Situationen, in denen das damals übliche Schweigen gebrochen wurde. Wenn unsere Eltern verzweifelten, warben sie bei uns um Trost und Verständnis. Wir waren zu jung und überfordert. Welche Kinder waren das damals nicht, in ihrem Verhältnis zu den schwer geschädigten Erwachsenen? Niemand war da, sie psychologisch zu begleiten. Sie hätten es bitter nötig gehabt. Niemand war da, die Traumatisierten zu trösten. Jedermann hielt seine Kriegserlebnisse für die schrecklichsten. Man kannte sich aus mit Flucht, Vertreibung und Bombardierungen. Der Kriegsschauplatz auf der andern Hemisphäre der Welt war kaum jemand bewusst. Das Schicksal unserer Eltern weckte Befremden, aber kein Mitgefühl.

In ihren Augen waren wir Kinder dafür da, ihre Last mitzutragen. Wir hatten doch alles miterlebt. Sie hatten gelitten. Wir Kinder waren davongekommen. Dafür hatten sie alles getan. Sie hatten fast Menschenunmögliches geleistet, uns eine behütete Kindheit zu schaffen, alles Böse von uns fern zu halten und uns ein heiteres Leben in einem heiteren Land zu ermöglichen, das nicht umsonst als paradiesisch galt.

Wir wurden früh dazu erzogen, unserer Wahrnehmung zu misstrauen. Finstere Vorkommnisse sollten wir in einem positiven Licht sehen und solange umdeuten, bis sie in das Bild einer glücklichen Kindheit passten. Wir wurden zur Schönrednerei verbogen, als wir unsere verletzten Eltern gerne ungeschönt geliebt hätten. Die schlichte Wahrheit, dass eine Kindheit in Gefangenschaft keine schöne Kindheit ist, durften wir nicht einmal denken.

Vom „Gefängnis Nachkriegsdeutschland“ in die Freiheit der Schweiz

Im Frühjahr 1948 hörte meine Mutter gar nicht mehr auf zu weinen. Einmal weckte sie mich, was sie nie, nie tat, um den Schlaf ihrer Kinder nicht zu stören, der zu oft gestört worden war. Sie weckte mich mit den Worten, die ich nicht vergessen habe in all den Jahren danach. „Kind, wach auf! Israel ist heute ein Staat geworden. Du erlebst, was deine Vorfahren vor dir erleben wollten. Das Versprechen ist wahr geworden, die Juden kehren heim in ihr Land.“ Sie hatte uns Kindern in dem Jahr davor im KZ Neuengamme das Krematorium gezeigt, in dem man jüdische Gefangene verbrannte. Wir sprachen über unsere Freunde, die Avés, die durch ihre Flucht nach Indonesien, dem Inferno entkommen waren.

Es handelte es sich um eine jahrhundertealte Hoffnung unsere Familie, die darauf wartete, den wiederkehrenden Messias mit eigenen Augen zu sehen. Wenn er käme, bräche eine neue Zeit der Gerechtigkeit an – allerdings unter der Bedingung, dass Israel wieder in sein Land zurückkehre. Über Generationen hatten die Familien meiner Eltern diesen Glauben bewahrt. Jede rechnete fest damit, diese messianische Zeit zu erleben. Bitteres Leid sollte ein untrügliches Zeichen seines Kommens sein. Apokalyptisches Leid brach über die Welt im und nach dem zweiten Weltkrieg herein, also schien seine Zeit gekommen.

Für die Tränen meiner Mutter gab es viele Gründe. Der schmerzlichste war wohl die bevorstehende Trennung von ihren Kindern, die zu dem Zeitpunkt acht und neun Jahre alt waren. Wir Geschwister waren unterernährt. Schweizer Familien nahmen deutsche Hungerkinder bei sich auf. Meine Mutter schrieb Briefe in den Schweizer Jura, an Frau Loosli auf dem Moron, um meinen Bruder einzuführen und an Frau Minder in La Motte bei St Ursanne als Gebrauchsanweisung für mich.

Uns lockte das Abenteuer. Mit einem Kindertransport und einer Adresse um den Hals kamen wir in Basel an. Wir wurden in eine blaue Straßenbahn und später in einen elektrischen Zug nach Délémont gesteckt. Unbekannte Schweizer halfen uns freundlich weiter. Wir hielten ihre Fürsorge für selbstverständlich. Kinder scheinen mir in der Nachkriegszeit weniger gefährdet gewesen zu sein als heute, wo überall Gewalt und Missbrauch lauert.

Ein elektrischer Zug fuhr in den Bahnhof. Das war etwas anderes, als die deutsche Dampflok, die mit Kohle, wie sie mein Großvater als Bergmann aus dem Bergwerk geholt hatte, mit Getöse davon dampfte. Der Schweizerische Zug bewegte sich wunderbarerweise geräuschlos. Er hinterließ weder Dampf noch Staub. Die Mitreisenden fütterten uns mit Schokolade. Diese ungeahnte Köstlichkeit schmeckte uns so gut. Sie lachten, als wir sie zögernd probierten und beinahe zuviel davon aßen. Seltsamerweise sprachen die Menschen, soweit weg von Deutschland mit dem vertrauten Klang, mit dem die Familie Surbeck in Brastagi gesprochen hatte. Später erklärte meine Mutter uns, dass Herr Surbeck Schweizer Konsul gewesen sei. Von nun an würde man ein Vierteljahr schwyzerdütsch oder französisch auf uns einreden. In Délémont trennten sich die Wege für uns Geschwister zum ersten Mal im Leben. Auf beide wartete eine Zeit voller Wunder und unvergesslicher Erlebnisse und das schlimme Heimweh.

An der Bahnstation wurde ich auf einen Leiterwagen gehoben. Danach ging es nach La Motte und weiter in die Berge des französischen Jura auf einen winzigen Bauernhof. Mit der etwas älteren Käti kletterte ich bergauf und -ab, den Geißen, d.h. den Ziegen, hinterher. Wir sammelten Walderdbeeren oder Holz. Ein Jahr zuvor hatte ich das Heidibuch von Johanna Spyri gelesen. Jetzt lebte ich dieses Leben selbst. Einen Peter gab es auch. Der wohnte weiter unten, auf einem Hof, der Milch zu Käse verarbeitete. Dort halfen wir, oder störten, dass weiß ich nicht so genau. Abends tröstete mich Elisabeth, Kätis ältere Schwester, wenn das Heimweh aus dem Herzen bis zu den Tränen in den Augen drang, so wie der Mond am Himmel höher stieg und die Sterne blinkten. Sie sang mir ein Lied zum Trost. In den Refrain: „Sternli, liebs Sternli, guet Nacht!“ fiel ich ein.

Samstags wurde ich in einen Holzzuber gesteckt und mit einer Bürste abgeschrubbt. Das Wasser hatte die Sonne gewärmt. Sonntags kam ein Prediger auf den Hof. Wir Kinder sammelten Blumen für den weißgedeckten Tisch, begrüßten die Nachbarn, die zu Fuß oder mit Pferdewagen erschienen und saßen in der ersten Reihe in der guten Stube. Wenn wir vor Langeweile mit den Füßen scharrten, entließ man uns in die Freiheit.

In die einklassige Schule mit ihren sieben Schülern brauchte ich nach gescheiterten Versuchen dem, in Französisch gehaltenen Unterricht, zu folgen, nicht gehen. So verbrachte ich die Zeit mit Blumen, Schmetterlingen, Käfern und den Wolken am Himmel und ihren Spiegelbildern in den Pfützen. Moos liebte ich, seinen Duft, die winzigen Tiere, die den Waldboden bevölkerten. Manchmal ackerte ich mich durch ein Buch in Schwyzerdütsch mit Sagen und Gedichten.

Ich las in der Taschenbibel, die mir mein Vater mitgab. Die bunten Geschichten beflügelten meine Fantasie. Ich träumte und träumte. Wenn es regnete, saß ich mit angezogenen Beinen träumend auf einem Balken. Vor Nebel und Gewitter im Gebirge befiel mich panische Angst. Die Geißen drängten sich tröstend um mich.

Mit Käti suchte ich im Wald nach Walderdbeeren, die wir in eine Tonschüssel mit Buttermilch schütteten, nicht ohne immer wieder ein wenig zu naschen.Im Garten gruben wir die ersten, winzigen Kartoffeln aus, kochten sie und brachten die dampfende Schüssel auf den Tisch. War das ein fröhliches Schmausen.Das Bergleben machte mich stark. Unter freiem Himmel knetete ich mit Frau Minder gemeinsam den Teig mit bloßen Armen im Backtrog. Käti zeigte mir, wie man mit einem langen Holzschieber das fertige Brot aus dem Steinofen holte, ohne es fallen zu lassen. Am meisten liebte ich den Duft des frischen Brotes: dies helle, runde Schweizer Brot mit der Kruste ringsum und den kleinen Holzkohlestückchen unter dem Boden. Es gab einen Klecks Honig und ein Stückchen Butter auf den Tellerrand. Beides wurde mit dem Messer verrührt und genüsslich Bissen für Bissen auf das Brot geschmiert. Die Schweiz war das Land in dem Milch und Honig floss. Ich war mir fast sicher, dass die alten Geschichten manchmal hielten, was sie versprachen.

In der Pfanne gebratene Käsestücke erfüllten die rußige Küche mit einem köstlichen Geruch. In der Küche am hellen Fenster stand der grobe Tisch. Die Tischplatte scheuerten wir so lange, bis sie hell und weich war. Darauf stand eine Schüssel mit Pellkartoffeln für alle. Mit dem Brot oder der Kartoffel tunkte man in die Käsepfanne und schob sich den Bissen in den Mund. In La Motte konnte ich wie gewohnt mit den Händen essen, was in Deutschland verpönt war. Nicht so gerne erinnere ich mich dunkel daran, dass ich mit Annemarie aus Hannover verglichen wurde. Sie war den Minders so viel sympathischer, als dies exotische Tropenkind mit seinem unverständlichen, undeutschen Verhalten.

Am ersten August bekam ich einen Franken, kein kleines Räppli, nein, einen großen, runden Franken, in die Hand gedrückt. Wir fuhren allesamt im Pferdewagen nach Bern, kehrten bei der Verwandtschaft ein und machten uns auf zum „Märit“, der Kirmes. Käti und ich bekamen kleine, rote Fahnen mit einem weißen Kreuz. Wir wedelten heftig und ausdauernd mit der Schweizer Flagge, wie alle Kinder ringsum. Mein neu gewonnener Wohlstand erlaubte mir, mit dem Kettenkarussell zu fahren und hoch über die Häuser der Stadt zu fliegen. Er reichte noch für eine Armbanduhr, die immer halb Vier anzeigte, die Stunde des „Vieri“, der Vesper am Nachmittag, die ich so liebte. Junge, kräftige Bauern traten als Ringer gegen einander an. Nach strengen Regeln zwangen sie sich aus dem Ring, in dem sie standen heraus. Sie rangen, boxten nicht, sich gegenseitig zu Boden. Herr Minder machte sich einen Spaß, warf die Beine in die Luft und stellte sich auf seinen Grauschädel. Andere Männer liefen auf den Händen. Sie spielten Nachlaufen. Wir Zuschauer klatschten und feuerten sie an. Am Abend schossen Raketen durch den nachtblauen Himmel. Es zischten rote, grüne, gelbe und blaue Lichtsträuße auf über unsere andächtig erhobenen Gesichter nieder. Ich durfte mein „Zuckerhütli“ auf den Rand des Springbrunnens stellen, wo es unermüdlich seine Lichtkaskaden versprühte. Ein kleinerer Springbrunnen aus Licht. Träume verzaubern nicht mehr als diese Wunder zur Feier des Schweizer Nationaltages.

Kurz danach kramte Herr Minder in der Abenddämmerung in dem großen Kleiderschrank. Zu meiner grenzenlosen Überraschung brachte er ein Gewehr hervor. Als er sich seine Uniform angezogen, seinen Tornister geschultert und sein Käppi aufgesetzt hatte, begleiteten wir ihn den Berg hinab. Von überall kamen Bauern, die jetzt Soldaten geworden waren, um sich in der Käserei zu treffen. Ich stand in der verräucherten Küche – fragend. Mir wurde immerhin soviel verständlich, als dass die Männer für eine Weile Soldat waren, jedes Jahr aufs Neue übten, ihr Land im Kriegsfall zu verteidigen. Auf diese Weise hatte die Schweiz tausend Jahre lang in Frieden gelebt.

So eine Sorte von Soldaten war mir, die ich Revolutions- und Kolonialheere, auch die alliierten Streitkräfte des Zweiten Weltkriegs erlebt hatte, noch nicht begegnet.

Minders waren arme Menoniten. Tiefgläubige Menschen wie sie, nahmen aus Barmherzigkeit hungernde Kinder ihrer deutschen Feinde auf, auch wenn sie selbst kaum ihr Auskommen hatten. Wie arm sie waren, erfuhr ich, als Elisabeth Lehrerin werden wollte. Minders verkauften ihren Hof, um ihrer Tochter das Studium zu bezahlen. Auf diese nüchterne Weise lernte ich früh, dass Bildung etwas kostet. Dass man sich Bildung etwas kosten lassen muss. Dass Eltern Hab und Gut weniger wert sein kann, als das Glück ihrer Kinder.

An einem heißen Tag wurden allerhand Habseligkeiten auf den Leiterwagen gepackt, die Pferde angespannt. Ich durfte neben Herrn Minder sitzen. Ich starrte auf den hellen, ungepflasterten Weg unter uns, der in die Gegenrichtung, also rückwärts zu laufen schien, während wir schnell vorwärts fuhren der Stadt Porrentruy, an der französischen Grenze, entgegen. Ich lebte nun am Rande der Stadt, musste zum Einkaufen die französischen Wörter üben und und hatte leider wieder niemanden zum Spielen, weil alle Kinder in der Schule waren. Ich stromerte durch die Gegend. Ich sah den Bienen im Lindenbaum zu, sammelte Lindenblüten für Tee, setzte mich neben den Dorfdeppen und verging vor Mitleid mit ihm. Am Nachmittag versammelten sich die Leute auf der Bank unter der Linde und redeten über Krieg und Frieden. Einmal scharte sich die Familie um ein Radio, aus dem, lange nicht gehörte, holländische Worte drangen. Königin Wilhelmina übergab das Königreich der Niederlande in die Hände ihrer Tochter Juliana. Deren Tochter Beatrix war nur wenige Monate älter als ich und wurde in demselben Augenblick Kronprinzessin. An der Schule, die nach ihr benannt war, kamen wir oft vorbei, als ich noch im Lager, in Medan auf Sumatra, lebte. Das war nun schon ein Jahr her.

Als es wieder nach Hause ging, traf ich meinen Bruder wieder. Mit dem Kindertransport ging es von Basel zurück nach Düsseldorf. Als wir die Grenze hinter uns ließen, fuhren wir durch die zerstörten deutschen Städte, die wir beinahe vergessen hatten. Die Trümmerlandschaften ähnelten sich. Die Trostlosigkeit steckte an. Die älteren Kinder zogen Gardinen vor die Fenster. Wir vertrieben uns die Zeit mit Erzählen und Spielen und Singen, um nicht zu sehen, was uns erwartete. Als ich auf dem Düsseldorfer Bahnhof meinen Vater erkannte, auf Schwyzerdütsch „Vuoti“ jubelnd in seine offenen Arme lief, sagte er freundlich korrigierend: „Vati, Töchterchen, Vati“.

In der Straßenbahn nach Kaiserswerth zog er sein Portemonnaie hervor und zeigte uns das neue Geld: DM und Pfennige. Die alten RM, also Reichsmark, nahmen sich recht schäbig dagegen aus. Vierzig, 40 DM, hatte jeder Deutsche bekommen, als wir uns in den Schweizer Bergen tummelten. Alle bekamen gleichviel. Nichtdestotrotz ging die Ungleichheit sofort los. Auf dem Schwarzmarkt gab es umgehend alle Waren, die zuvor als Kriegsfolge vom Erdboden verschwunden schienen. Im Nu kamen die „Raffkes“ zu Geld und Konsum, während die meisten Menschen nicht wussten, wie sie satt werden sollten. Es wurde gehamstert, getauscht, übers Ohr gehauen, erpresst. Mir ist trotzdem nicht erinnerlich, dass irgendjemand Angst vor Dieben oder Gewalt hatte.Ich bin sehr behütet worden in diesen Zeiten, mehr oder weniger abgeschirmt von der Wirklichkeit. Die Erwachsenen wollten herbe oder erschreckende Erfahrungen von uns fernhalten.

An die wilden Zeiten der Währungsreform und die Geschichten, die später darüber erzählt wurden, dachte ich, als 1989, sofort nach der Wiedervereinigung, Schwärme von Glücksrittern in einer Zwei-Wochen-Frist die ehemalige DDR auf ihren kapitalistischen Raubzügen überfielen und ausräuberten.

Meine Mutter, die den Schrecken des ersten Weltkriegs in Gelsenkirchen erlebte, tat alles, um uns Geborgenheit, Zuversicht und vor allem Menschenliebe vor zu leben. Sie erfuhr als Halbwaise die Verarmung der Familie während der Inflationszeit am eigenen Leibe. Einfühlung und Großzügigkeit und schwarzer Humor waren ihre Waffen, wenn die Gier der Menschen das Leben schwer erträglich machte.

Mein Bruder und sein Freund Uli liebten Geld, eröffneten einen Blumenhandel, kamen zu kleinem Wohlstand in Sachen Taschengeld. Ich wurde von ihnen zum Blumenpflücken angestellt und mit einem äußerst mageren Lohn abgespeist. Das hielt ich für die Ordnung der Welt, wie auch alle Erwachsenen, die diese Sträuße kauften. Sie lobten amüsiert die beiden Jungen für ihren Unternehmergeist. Dass Frauen weniger verdienten, war fraglos genau das, was ihnen durch ihr bloßes Frau-sein zustand. Ich wurde bitter und wünschte zum ersten mal, ich wäre doch lieber ein Junge geworden. Ich hasste die ungleiche Behandlung. Diese abwertende Haltung gegen die Frauen wurde damals durch die enorme Tüchtigkeit der „Trümmerfrauen“, die ohne Männer Häuser aufbauten, Firmen in Gang brachten, ihre Familien ernährten, kleideten und die Kinder erzogen, erwähnt und gelobt. Politische Lehren zog man nicht daraus. Die meisten Kinder packten zu Hause tüchtig mit an und fanden doch noch Zeit zum Spielen.

In die Schule ging ich nach der langen Ferienzeit in der Schweiz nicht mehr gern. Meine Eltern schimpften mit mir, um auf diese Weise meine Wissenslücken zu stopfen. Das versuchten die Schwestern mit der Unterstützung ihres Rohrstockes auch vergeblich. In der Schweiz schimpfte niemand mit mir. Ich begann zu träumen und zu grübeln, mich von der Wirklichkeit abzukoppeln dahin, wo ich unerreichbar wurde. Ich las ununterbrochen. In Haus Heimatfreude gab es eine Bibliothek. Hinter den dunklen Glasschränken standen die Bücher, Rücken an Rücken. Hinter jedem Titel lag eine unbekannte Welt. Ich entdeckte meine Enge. Schon in der Schweiz lernte ich deutsche Namen für Pflanzen und Tiere. Durch Geschichten erfuhr ich, wie die Menschen meines neuen Lebenskreises dachten und fühlten.

Manchmal las ich Dinge, die das Gegenteil von dem schienen, was ich so fest zu wissen glaubte. In einem gelben Buch stand: „Die Liebe ist Gott“. Das schrieb Mahatma Gandhi, von dessen Hungerstreik meine Mutter erzählte, als wir Bombay, heute Mumbai, mit dem Schiff anliefen. Das lag nicht einmal zwei Jahre zurück. Ich hatte auf bataksch und deutsch gelernt zu singen: „Gott ist die Liebe, er liebt auch mich, Holong di roha ni de bataku.“ Ich fragte meine Mutter, welche Reihenfolge gelte. Sie erklärte mir, dass ich die Richtige schon gelernt habe. Nichts sollten wir Menschen hochmütig vergotten, nicht einmal die Liebe. Auch das sei Götzendienst. Götzendienst sei schlimmer als der Tod, weil er von Gott trenne. Der Tod sei aber im Gegensatz dazu, das Tor zu einem immer währenden Leben in Gottes Nähe.

Ich fand Bücher einer Ottilie Wildermuth, an deren Inhalt ich mich nicht mehr erinnere. Der Name der Schriftstellerin gefiel mir: dies musikalische „Ottilie“ und gleich danach der „wilde Mut“. So sollte ein Dichtername klingen.

Ich versenkte mich in die verschiedensten Märchenbücher. Meine hungrige Fantasie suchte immerzu neue Nahrung. Bei meinen Eltern verschlang ich Marc Twains „Tom Sawyer“, Swifts „Alice im Wunderland“ und „Pu der Bär“. Mein Vater las uns komödiantisch Kybers Tiergeschichten, meine Mutter Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ vor, Frau Meier, Ulis Mutter, Defoes „Robinson Crouso“.

Als ich Weihnachten 1948 zehn Jahre alt wurde, bekam ich ein hellblaues dickes Buch: „Komtesschen und Zigeunerkind“ von meinen Eltern geschenkt. Ähnlich wie im Heidibuch trifft ein blondes, zartes Mädchen auf eine dunkle kräftige Freundin. Die eine stammt aus einer überzüchteten, künstlichen, die andere aus einer primitiv-naiven Welt. In diesen beiden Kindern und ihren Konflikten mit der Umwelt fand ich mich wieder. Als ich dies Buch verlor, trauerte ich ihm nach wie einem verschwundenen Freund.

In diesem Winter lernte ich tränenreich sticken und häkeln für die Weihnachtsgeschenke. Für ein Mädchen stellte ich mich enttäuschend ungeschickt an. Wir waren oft krank, was eine angenehme Erfahrung war, weil wir bei den Eltern schlafen durften. Langeweile kam nicht auf, weil meine Mutter mit uns deutsche Gesellschaftsspiele spielte. Bis dahin kannten wir diese Art Zeitvertreib noch nicht.

Neuorientierung der Eltern 1949

Mein Vater versuchte in seinen eigentlichen Beruf als Missionar zurück zu kommen. Alle Länder, in denen die Rheinische Mission gearbeitet hatte, schlossen die Grenzen für die Deutschen mit ihrer Nazivergangenheit: Namibia, Indonesien, das Holland in einen Kolonialkrieg verwickelt hielt und China, das durch den wachsenden Einfluss Mao Tsetungs kommunistisch wurde. Als Heimatmissionar war er nicht sehr glücklich, obwohl er in dem engen, fremdenfeindlichen Deutschland, das er vorfand, viel bewegen konnte.

Er brannte vor Begeisterung für den ökumenischen Weltrat der Kirchen, der sich in jenem Jahr in Amsterdam zusammen fand. Ich hatte mitteilsame Eltern, die uns Kindern an ihrem Leben und dem Geschehen in der Welt teilhaben ließen.

Johanna und Gustav Rebuschat 1951

Vergeblich suchte mein Vater nach einer Pfarrstelle. Er war in der NSDAP gewesen. Diese Tatsache versperrte ihm den Weg, auch wenn der Missionsdirektor Berner erklärende Worte fand und entlastende Briefe schreib. Meine Eltern wurden immer verzweifelter und trauriger. Onkel Rudi und Tante Marlies Mennenöh, Mutters Schwester in Krefeld, versuchten vergeblich eine Pfarrstelle zu finden. Unser Vetter Peter kam manchmal zu uns zum Übernachten, dann gefiel uns das deutsche Familienleben denn sonst hatte es seine länger werdenden Schattenseiten.

Geschlagen wurden wir immer häufiger, besonders mein Bruder. Die räumliche Enge, die aussichtslose Lage ohne Perspektive für die Zukunft und unser Ungestüm, das ja auch der Stacheldraht nicht hatte bezwingen können, machte das Familienleben oft zur Hölle.

Meine Mutter grübelte viel. Sie war nicht mehr die Mutter, die wir bis dahin gekannt hatten. Wenn es ihr gut ging, bewältigte sie die aussichtslosesten Lagen mit einem lakonischen, schwarzen Humor. Obwohl sie zur Schüchternheit neigte, kannte ihr respektloser Humor keine Tabus und schonte keine Eitelkeit.

Wenn sie fröhlich war, ging ihr Übermut mit ihr durch. Sie konnte jede Situation ad hoc in Reime fassen. Sie spielte mit Wörtern wie mit Bällen. Mit dem ernstesten Gesicht brachte sie mit absurden Einfällen falsches Getue und Arroganz zu Fall, in dem es in erlösendem Gelächter unterging. Auf eine sublime Art war sie subversiv, wenn es ihr darum ging, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen. Sie lebte überzeugend ein Paradox. Als tief religiöser Frau war ihr nichts heilig und ihrem souveränen Spott ausgeliefert, wenn Heiliges mit falschem Zungenschlag daher kam. Als ich älter wurde, machte sie mich mit ihrem Liebling, Heinrich Heine bekannt, als kein Mensch in Deutschland von ihm sprach.

In der Kaiserswerther Zeit begannen meiner Mutter Depressionen nach einer Lungenentzündung. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass ihre Brüder bei der SS gewesen waren. Sie liebte ihre Schwestern herzlich, aber einige behielten die NS-Gesinnung bei. Der Krieg hatte aus den Menschen, die sie liebte, andere gemacht. Sie hatte in ihrer jungen Ehe so viele Auseinandersetzungen mit meinem Vater gehabt, weil er, ohne ihr Wissen, in die Partei eingetreten war, als er schon in Sumatra, sie aber noch in Deutschland war. Mein Vater gab ihrem Drängen zu spät nach. Die Internierung überraschte ihn, ehe dem Antrag auf Austritt aus der NSAP stattgegeben werden konnte. Jetzt trugen sie die Folgen, indem es für meinen Vater keine Pfarrstelle zu geben schien.

Angekommen in Deutschland

Ostern 1949 sollte ich eigentlich aufs Mädchengymnasium gehen. Weil mein Schulbesuch häufig unterbrochen wurde, ließ man mich das fünfte Schuljahr in der Barbarossaschule machen. Dieses Jahr, ohne die Konkurrenz der besseren Schüler, genoss ich sehr. Es förderten mich die Schwestern in jeder Hinsicht. Der Lehrplan war spannend. In Erdkunde wurde Deutschland in den Grenzen von 1939 unterrichtet. Ich bekam eine ausgezeichnete Grundlage für die Kenntnis, des Landes, das meine Heimat werden sollte mit. Der Geschichtsunterricht wurde nicht weniger packend entlang geschichtlicher Spuren in Kaiserswerth gestaltet. Deutsche Geschichte gab es anhand von Sagen, vorwiegend Rheinsagen. Da die Kaiserswerther Diakonissen überzeugte Nazis gewesen waren, hörte ich abenteuerliche Göttersagen aus Walhalla, dazu auch die Heldengeschichten der Nibelungen. Die Schwestern konnten begeistern, ob nun mit biblischen Geschichten oder heidnischen Götterwelten. Wir lernten Balladen auswendig und deklamierten sie begeistert, weil es die einzige Möglichkeit war, Theater zu spielen.

Im Religionsunterricht bekam ich einen Lehrer, den ersten überhaupt. Er zeigte uns, wie man die Gleichnisse des Neuen Testamentes deuten konnte. Mir ging eine neue Welt auf, als ich lernte, Symbol und Wirklichkeit zu unterscheiden.Ich verliebte mich geradezu in die Realität. Durch scharfe Beobachtung und bohrendes Nachfragen versuchte ich ihr näher zu kommen. Bis dahin sprang ich mit meiner Fantasie dahin, wo es leichter und angenehmer war. Fantasie und Wirklichkeit zu trennen gelang mir nicht so genau, wie ich es mir wünschte und wie es meine Umwelt von mir vergeblich erwartete. Mein Weltbild behielt magische Vorstellungen und blieb etwas archaisch. Den Zugang zur Abstraktion fand und finde ich mühsam.

Ich lernte schwimmen. Mein Badeanzug bestand aus der Unterwäsche, einem Leibchen, an das eine Unterhose geknöpft wurde. Algen färbten die weiße Wäsche grün. Meine Mutter jammerte, weil sie sie nicht sauber bekam. Ich hatte ja nur zwei Garnituren.

Trotz der überstrengen „Zucht“, mit der ich unterrichtet wurde, denke ich doch dankbar an die Lehrerinnen zurück, die meine unbändige Neugier zu befriedigen suchten, mein lebhaftes Temperament nicht noch öfter bestraften und meine verletzliche Naivität nicht noch häufiger in beschämenden Situationen zur Schau stellten, wozu sie Gelegenheit gehabt hätten. Das Beste, was sie zu geben hatten, gaben sie an uns Nachkriegskinder weiter.

Das Jahr 1949 blieb aufregend. Trizionesien gab es nicht mehr. Die Bundesrepublik Deutschland wurde gegründet. Die Ostzone blieb zwar noch jahrzehntelang die „Zone“, aber sie hieß offiziell DDR. Die Verwandtschaft in Schmalkalden „machte über die grüne Grenze“ und kam in den Westen. Die letzten Heimkehrer wurden aus den Lagern in Russland und Europa entlassen, die Entnazifizierungslager geleert.

Einige Familien, mit denen wir die Internierungszeit teilten, bekamen ein „deutsches Kind“, d.h. ein in Deutschland geborenes. Dazu gehörte auch meine Schwiegerfamilie.

Mein Bruder und ich waren nun deutsch. Die Sozialisationsformen, die soweit auseinandergeklafft waren, konnten wir besser kontrollieren. Die Unterschiede verwischten sich, verschwanden nie ganz. Für die Lagergeneration blieb eine starke Verletzlichkeit bestehen, wenn es um Freiheit und Selbstbestimmung ging. Die Unsicherheit, im Austragen von Konflikten, war für uns, die wir „so lieb“ erzogen worden waren, ein Problem.

Der Horizont weitet sich

Die Versorgungslage blieb angespannt. Es wurde gehungert und gefroren. Der Kalte Krieg wurde bedrohlicher von Tag zu Tag. Die Amerikaner versorgten die hungernde Bevölkerung in Berlin über eine Luftbrücke. Uns wurden Care-Pakete aus Amerika geschickt. Ich bekam ein warmes Kleid, mit großen, schwarz-weißen Karos. Wenn mein Vater Evangelisationswochen auf dem Lande abhielt, brachte er manchmal etwas zum Essen für uns Kinder mit. Er war immer für eine Überraschung gut. Einmal nahm er uns in den Circus „Hagenbeck“ mit. Das große Zelt stand auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Drinnen roch es gut nach Sägespänen. Die Kapelle spielte laut knatternd. Wir starrten gebannt auf die Pferde, erschraken vom Knall der Peitsche, mit der der Dompteur sie zum Laufen auf den Hinterbeinen brachte. Über die Künste der Tiger konnten wir uns gar nicht beruhigen, weil sie für uns den Schrecken schlechthin bedeuteten, wie für deutsche Kinder der Wolf. Im Circus unterwarfen sie sich einem menschlichen Willen, rissen zwar das Maul auf, blieben aber ungefährlich hinter den hohen Gittern.In der Pause konnten wir die Tiere von nah besehen, bis uns mein Vater den Pferdedompteur als seinen Freund aus der Internierung in Indien vorstellte. Der Herr roch gut nach Pferd, trug einen gepflegten Anzug und zeigte uns liebevoll die Tiere, die wir anfassen oder füttern durften.

Im Dezember des Jahres wurde Indonesien unabhängig. Die Jahrhunderte währende Kolonialzeit fand ihr Ende. Bald sollten andere Länder folgen. So viele Dinge gingen in diesem Jahr zuende. So viele begannen.

Der Krieg war zuende. Ein Friedensvertrag kam nicht zustande. Es blieb bei einem Waffenstillstand, der sich zum Beginn der längsten Friedensperiode in Europa entwickelte. Unsere neue Verfassung, das Grundgesetz, bildete provisorisch den Anfang der demokratischen Gesellschaft und erwies sich als unverzichtbare Basis. Auf der materiellen Seite des täglichen Lebens brach die Zeit der Surrogate an. Es gab keinen Honig, aber Kunsthonig usw. Das ehemals Echte wurde vom Ersatz ersetzt: Ersatzkaffee, Zuckerersatz. Anstelle von Leder wurde gepresster Karton verwendet. Meine Großmutter backte Bratkartoffeln mit Wasser anstelle von Fett, tat Eiermehl in den Pfannkuchenteig statt der Eier. Mein Vater rauchte „Eigenheimer“ in der Pfeife. Das war Tabak von den Feldern am Niederrhein, der fein geschnitten wurde.

Erfindungen, wie z.B. die Raufasertapete aus Holzspänen und vor allem Kunststoffe, läuteten eine neue Ära ein. Das Wort ECHT gedieh zum seltenen Markenzeichen, wo es vorher die Normalität gewesen war.

Ich wuchs in eine Welt hinein, wo „Trümmerfrauen“ Behausungen aufbauten, aus Abfall, Kleidung, Schuhe und Möbel fabrizierten. Männer, gefallen, vermisst oder noch in Kriegsgefangenschaft, blieben weitgehend unsichtbar.

Wenn wir zu Tante Fitting, der ältesten Schwester meiner Mutter nach Wanne-Eikel fuhren, lernten wir vor fast leeren Geschäften Schlange zu stehen. Wir rechneten mit den winzigen Mengen der Lebensmittelmarken. Zum Einkaufen brauchte man eine kleine Schere, um die Marken abzuscheiden. Satt wurde kaum jemand, aber man tat als ob. Im kleinen Garten meiner Tante war jedes Eckchen mit Kartoffeln bepflanzt. Tomaten wurden in Blumentöpfen gezogen. Resteverwertung setzte dem Erfindergeist auf keinem Gebiet eine Grenze.

Während wir in Haus Heimatfreude am mager gedeckten Tisch saßen, die Haustöchter die Zimmer reinigten und alle Heiminsassen zur Untätigkeit verdammt blieben, gab es ringsum, niemanden, der irgendwem irgendetwas abnahm. Man schuftete rastlos für das schiere Überleben. Meine fleißige Mutter reagierte auf die Art ihrer neuen Gefangenschaft mit beidseitiger Nervenentzündung der Arme.

Mitten in dieser ärmlichen Bedürftigkeit gab es alljährlich für alle Schulen in Kaiserswerth einen Martinszug mit Laternen, einem Schimmel vorneweg mit einem Heiligen Martin darauf, glücklichen, singenden Kindern und aufgeregten Schwestern, die mit wehenden Kleidern im Dunkel für Ordnung sorgten. Die Barbarossaschule durfte sich der Stadtschule anschließen. Mein Vater verdammte das „katholische Getue“ lautstark. Wir hatten keine Ahnung von dem Unterschied zwischen evangelisch und katholisch, liebten den Heiligen Martin, der hoch zu Ross jedem von uns einen Weckmann aus Hefeteig mit Tonpfeife auf dem Bauch in die offene Hand drückte. Wenn der Novemberwind vom Rhein herüber unsere selbstgebastelten Laternen schaukelte, der Mond durch die kahlen Äste der hohen Bäume auf dem Wall schien und die Martinslieder erklangen, war ich selig vor Freude. Für meinen Bruder begann der Höhepunkt des Festes später, wenn er mit den anderen Kindern von Haustür zu Haustür zog. Die Kinderschar grölte die Martinslieder und ließ sich die schönsten Leckereien in den mitgebrachten Sack schütten. Zuhause wurde triumphierend verglichen, wer am erfolgreichsten war. Die ganz Schlauen stellten sich gleich zweimal an. Soviel Süßigkeiten gab es nur einmal im Jahr.

Noch heute, wo ich fast dreiundsiebzig Jahre alt bin, macht es mir ein unbeschreibliches Vergnügen für die singenden Martinskinder Süßigkeiten bereit zu stellen. Am 11. November summe ich leise das klassische Martinslied mit den Lieblingszeilen: „St Martin ritt hin weg in Eil mit seinem halben Mantelteil“.

Eine Reise durch Frankreich brachte uns, Bertold, meinen Mann und mich, nach Tours. In dieser Stadt erzählen die hohen Kirchenfenster der Kathedrale von dem sozialen Lebenswerk des Bischofs Martin. Seine Methoden sind so modern, als sei er ein Heiliger unserer Zeit, der nicht die individuelle Wohltätigkeit, sondern die strukturelle, soziale Verantwortung realisierte. Er war ein Römer in den wilden Zeiten des untergehenden Imperiums. Von ihm wird überliefert, er habe Christus selbst im Schneetreiben auf sich zukommen sehen. Nach dieser Begegnung sei er Christ geworden.

Uns begegneten die Bettler am Wegrand mit amputierten Gliedern, auf Holzkrücken gestützt. Das waren heimkehrende Soldaten, die versuchten ein wenig zu betteln, weil sie keine Lebensmittelmarken hatten.

Diese Marken machten es auch den alten Nazis schwer, sich vor dem Zugriff der Militärregierung zu verstecken. Die meisten von ihnen suchten abgelegene Ortschaften auf, wo sie auf Gleichgesinnte zu treffen hofften, die ihnen Unterschlupf gewährten. Nach der Gründung der Bundesrepublik wagten sie sich langsam aus der Versenkung. In dieser Zeit gelang es vielen Menschen trotz ihrer politischen Vergangenheit im öffentlichen Leben Fuß zu fassen.

Aufbau nach der Währungsreform

Inzwischen wurde nicht mehr lange nachgefragt und mit dem Aufbau begonnen. Mein Onkel Fritz in Gelsenkirchen beteiligte sich an einer Baugruppe, die kleine einstöckige Häuschen in Gemeinschaftsarbeit errichtete. Die Siedlung entstand hauptsächlich ohne die Hilfe von Baumaschinen. Das Gelände wurde gemeinsam enttrümmert, das vorhandene Material aus den Trümmern bearbeitet und ein wenig Neues „organisiert“. Organisieren war das Wort der damaligen Zeit. Es beschrieb legales und illegales Beschaffen auf dunklen Kanälen zwischen tauschen, kaufen und klauen. Bald zogen meine Großeltern mit ihrer jüngsten Tochter Friede und die Familie Schieling, Fritz, Charlotte und Sigrid in das neue Zuhause, mit dem winzigen Gärtchen dahinter.

Ihre Möbel bekamen die Schielings vorerst nicht zurück. Sie hatten vor ihrer Evakuierung in einer arisierten Wohnung gelebt. Nach ihrer Rückkehr aus dem Harz waren sie mit meinen Großeltern unter jenem undichten Dach der methodistischen Kirche untergekommen. Der Onkel kam seelisch zerstört aus der Gefangenschaft in Kreta heim. Die Not schien sich ins Unerträgliche zu steigern. Meine Großeltern waren zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus Ostpreußen eingewandert. Ein armseliges Leben ließen sie damals hinter sich, in einem armseligen fanden sie sich im Alter wieder.

Seltsamerweise verstanden die beiden Schwestern meines Vaters es nicht, wie andere Frauen, berufstätig zu werden. Die beiden Familien lebten in einer Fantasiewelt, in der es ihnen nie langweilig wurde, weil sie an ihrem Lebensroman aus Erinnerung, Wünschen und realen Ereignissen spannen. Meine Großmutter umhäkelte Taschentücher mit zarten Spitzen, wie es ihre hugenottischen Vorfahren Jahrhunderte lang vor ihr machten. Das Material konnte sie „retten“. Für eine gewinnbringende, „praktische“ Tätigkeit hielt sich die bitterarme Bergmannsfrau zu schade. Wie sehr Illusionen eine lebenserhaltende Funktion haben, konnte ich an meiner Gelsenkirchner Verwandtschaft staunend studieren.

In der ärmlichen Welt der Entbehrungen, gab es die „geretteten Dinge“. Gerettete Handtücher z.B. trugen eine imaginären Heiligenschein. Man unterschied die geretteten Dinge, die mit dem Zusatz „wie im Frieden“, bezeichnet wurden von den „unechten Kunstdingern“. Mit der Mangelwirtschaft entwickelte sich eine blühende Innovationsindustrie: Produkte aus der Chemie für Hygiene, Medizin (Antibiotika) und Textilien.

Da die alte Welt unwiderruflich vernichtet war, wollte man sie mit Nachahmungen restaurieren. An die von Hitler verbotene Bauhaustradition wollte offenbar kaum jemand anknüpften. Die Moderne hatte einen schweren Stand. Unschöne, enge, graue Häuserzeilen entstanden. Miefiges Kleinbürgertum etablierte sich. Mutig Neues zu wagen wurde gescheut. Des ersten Bundeskanzlers Adenauers Devise: „Keine Experimente“ verhinderte viel.

Zeitgleich hatte sich die literarische Gruppe 47 gegründet und schrieb modernste Poesie und Prosa. Kabarett und Theater fanden unter ärmlichsten Bedingungen statt. In Düsseldorf sang „Das Kommödchen“ seine frechen Lieder. Es war kein Geld da, aber es wurde Kunst gemacht. Echtes, durch und durch Echtes.

Mein Onkel Erich, der jüngere Bruder meines Vaters, kam einäugig aus dem Krieg. Sein Glasauge faszinierte uns immer wieder. Er fand Arbeit als Eisenbahner und zog die uneheliche Tochter seiner Schwägerin auf. Ein „Ami“-Kind. Diese Cousine hatte eine Mutter in Amerika und einen unbekannten amerikanischen Vater und war irgendwie Geheimnis umwittert. Obwohl ich elf Jahre alt wurde, hielt man mich für zu klein und dumm, um das Schicksal meiner Cousine erklärt zu bekommen. Auch dieser Winter war hart und lang. Meine verzweifelte Mutter erkrankte wieder lebensgefährlich an einer Lungenentzündung. Wir bangten um ihr Leben. Meine Klassenlehrerin, Schwester Gertrud, starb an einer Gallenoperation. Da ich sie wegen ihres strähnigen, roten Haares Wetterhexe genannt hatte, litt ich unter Schulgefühlen und meinte, ihren Tod verschuldet zu haben. Eine junge, unverheiratete Lehrerin, die ihre Tante manchmal in Haus Heimatfreude besuchte, befreundete sich mit unserer Familie. Sie warf sich unter den Zug, als sie feststellte, dass sie schwanger war. Sexualität schien lebensgefährlich zu sein. Sie konnte einem Kind den Vater nehmen wie meiner Cousine oder manchen Frauen das Leben, wie der netten Lehrein. Es wurden die schlimmsten Geschichten über russische Soldaten getuschelt. Niemand erklärte mir, was ich nur halb verstand. Auf meine bohrenden Fragen bekam ich nur die Antwort, dass ich nichts davon verstände. Darum hatte ich doch gefragt. Wenn ich so eine Feststellung laut heraus sagte, war ich frech. Mädchen hatten nicht frech zu sein. Mädchen steckten ihre Nase nicht in Dinge, von denen sie nichts verstanden. Sie hatten zu tun, was man ihnen sagte. Widerrede war verächtlich oder eine Strafe wert.

Meine Kinder lernten schon im Kindergarten:

„Der, die, das − wer, wie, was,
wieso weshalb, warum,
wer nicht fragt, bleibt dumm.“

Meine Kinder sollten und durften wissen.

Ich wuchs in einer bleiern schweigenden Zeit auf. Wollen durften Kinder nichts. Uns musste der Wille gebrochen werden. Das Argument auf unsere Nachfragen lautete:

Kinder, die was wollen,
kriegen was auf die Bollen.

Neue Horizonte 1950

Die erste, die kriegerische Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war vorbei, als mein Vater die Nachricht bekam, dass auch die Leidenszeit in Haus Heimatfreude, die ihnen die Freude an der Heimat so gründlich verdorben hatte, zuende sei. Er bekam im Februar 1950 als Heimatmissionar der Rheinischen Mission in Wuppertal-Barmen eine Wohnung in Rheydt, damals noch kein Ortsteil von „München-Gladbach“, dem heutigen Mönchengladbach.

Bei der Abmeldung meines Bruders Hartmut aus der Barbarossaschule bekam meine Mutter einen tiefen, tröstenden Blick von Schwester Gertrud mit guten Wünschen für das weitere Leben ihres unterbegabten Schülers. Auf der Sonderschule, einer „Hilfsschule“ sei er gut aufgehoben. Meine empörte Mutter war nicht in der Lage, ihr zu erklären, dass ihr Schüler in sie verliebt sei. Er verstumme, wenn er sie dümmlich anlächlte vor lauter Glück, dass sie ihn aufgerufen habe. Triumphierend schloss sie, wenn sie später diese Episode mit viel Dramatik zum Besten gab: „Heute noch würde ich ihr gern unter die Nase reiben, dass mein Sohn ein gutes Abitur auf dem Humanistischen Gymnasium schaffte. Aber das hätte sie nicht verdient.“

Die Familie zog ohne mich um. Um das fünfte Schuljahr zu beenden, nahm mich eine Nachbarsfamilie auf. Mit den sieben Geldermannskindern tobte ich durchs Haus, genoss zum ersten Mal ein Familienleben in einem Privathaus.

Als das Heimweh zu groß wurde, kam ich nach Rheydt in eine Wohnung, die zum ersten Mal, ausschließlich für unsere Familie bestimmt war. In der säkularen Volksschule, die auch mein Bruder besuchte, ging es mir sehr gut. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Die Kinder sprachen Dialekt, ohne berichtigt zu werden. Die Lehrerin war eine Riesin, uralt und kam ohne Stock aus, obwohl wir an die achtzig Schüler waren. Beim Rechnen wurde mir beigestanden. Ich war plötzlich an nichts Schuld, denn ich schubste und klaute nicht. Fertigkeiten im „Abgucken“ und „Pfuschen“ holte ich erst auf dem Gymnasium nach. Es wurde viel gesungen. Malen kostete Material und entfiel. Ich erinnere mich nicht, dort in Religion unterrichtet worden zu sein. Es gab Sport auf dem Schulhof. „Seilchen springen“ in der Pause.

Von nun an ging ich sehr gern zur Schule. Die meisten Lehrer waren im Krieg gefallen, darum wurden sie von Pensionären ersetzt. Weibliche Lehrerinnen füllten allmählich die Lücken. Meine Lehrerinnen am Gymnasium würden jung und weiblich sein. Männliche Lehrer alt, kriegsversehrt und nur ausnahmsweise jünger.

Ostern 1950 startete ich in ein neues Leben im Elternhaus auf der Von-Galen-Straße 92, in Rheydt. Zufällig hatte so unser Zimmer in Haus Heimatfreude geheißen. Nach den fünf vielfach unterbrochenen Jahren in der Volksschule mit Koedukation, begannen neun ununterbrochene auf dem Mädchengymnasium. Nach einer klerikalen Erziehung durch Schwestern würde ich nun eine säkulare genießen.

Sechs Jahrzehnte ohne Krieg in Europa lagen vor mir, vierzig Jahre ein geteiltes und zwanzig Jahre ein wiedervereintes Deutschland, achtzehn Jahre eines vereinten Europa mit einheitlicher Währung. Ein Leben in Freiheit, nach demokratischen Regeln wartete auf mich.

Die Frauen meiner Generation würden sich allmählich emanzipieren. Die alten Landkarten mit den Kolonialgebieten würden ungültig werden. Neue Nationen in Asien, Afrika, und Lateinamerika würden als Dritte Welt und Schwellenländer die Weltkarte ordnen. Die archaischen Ethnien würden verdrängt werden oder ganz verschwinden. Atombomben würden zu Versuchszwecken weiterhin gebaut und gezündet werden, aber bis heute nie mehr zu kriegerischen Zwecken eingesetzt werden.

Die Natur, in der ich ein Kind war, meine eigentliche Welt, würde ihr Gesicht gänzlich wandeln. Selbst das Klima Europas würde sich den wärmeren Zonen meines Geburtslandes annähern. An meinem sechsundsechzigsten Geburtstag würde ein Tsunami die nördlichste Spitze Sumatras wegreißen, die Gegend in der mein Vater und Schwiegervater interniert waren.

Erinnerungen wandeln sich mit dem Erinnernden. In den ersten Jahrzehnten meines Lebens haderte ich mit den Niederlagen und Wunden, die ich mir in den Konflikten mit meiner Herkunft in Schule und Lebenswelt einhandelte.

„Dietlind, es war ja so schwer Sie zu erziehen, dies Naturkind unter Bürgerstöchtern“, würde meine Lateinlehrein zwanzig Jahre nach dem Abitur stöhnen. Es war weder für das „Naturkind“ noch für das „weitgereiste Missionarskind“ leicht, sich in der engen Welt, die es vorfand, zurecht zu finden. Trotz Stacheldraht und Gefangenschaft hatte das Kind, das ich war, gelernt, dass die Welt sich außerhalb seines Horizontes nach anderen Gesetzen bewegte.

Mein Bruder hatte wenige Wochen nach unserer Ankunft empört gefragt: „Wo sind den hier endlich die braunen Menschen!“ Man reagierte peinlich berührt. Das Dritte Reich hatte durch Reise- und Informationsverbote eine rigide, engstirnige Mentalität hinterlassen, für die neue Horizonte verschlossen oder verboten schienen. Es blieb unangefochtene Übereinkunft, sich, trotz der Niederlage durch den Krieg, einer besseren Rasse angehörig zu fühlen, als es Farbige waren. Die eurozentrischen Vorstellungen schränkten schon die bloße Wahrnehmung der östlichen Hemisphäre ein.

In den Köpfen regierte der Kolonialismus. Er versuchte trotz seines Zusammenbruchs in den Freiheitskämpfen weiter die Geschicke der Länder zu manipulieren oder gar zu dirigieren, als das Regieren nicht mehr möglich war.

Heute sehe ich mein Leben mit mehr Verständnis und Anteilnahme. Die Bausteine und Möglichkeiten, die es mir gab oder verweigerte, erkenne ich leidenschaftsloser und nüchtern. C´est la vie. So ist das Leben. So war mein Leben.

Das Leben meiner Eltern war von Leid und Unglück geprägt, darum sollten wir es einmal besser haben. Als mein Vater (42) nach dreizehnjähriger Abwesenheit sich im Nachkriegsdeutschland zurechtfinden musste, versuchte er eine berufliche Existenz auf zu bauen, uns zu ernähren und seiner Vaterrolle nach besten Vermögen nachzukommen.

Meine Mutter (43) kam nach zehnjähriger Abwesenheit zurück in ein Land, an das sie sich vergeblich anzupassen mühte. Sie war trotz Gefangenschaft selbständige Unternehmerin gewesen. In der Nachkriegszeit wurde sie gezwungen, in die alte Frauenrolle zurück zu kehren. Sie wurde chronisch krank und verlor trotz tiefster Depression nie ihren Humor.

In der fremdenfeindlichen Nachkriegszeit lebten unsere Eltern auf eine weltoffene Weise, die sie fremd machte im eigenen Land.

Die Geschwister Hartmut und Dietlind 1954

Obwohl ich alt geworden bin, stoße ich immer wieder auf Nahtstellen, an denen meine Prägung mir die Anpassung an die deutschen Verhältnisse erschwert. Beim Schreiben dieser Erinnerungen bekam ich einen Hinweis auf das Buch:

David C. Pollock, Ruth E. Van Reken, Georg Pflüger: Third Culture Kids: Aufwachsen in mehreren Kulturen / Franke 2. Auflage 2007

Nach den Untersuchungen dieser Autoren sind mein Bruder, ich und mein Mann keine „seltsamen Vögel“ mehr, sondern Menschen, die allen Ortswechseln zum Trotz ihre Identität und Heimat gefunden haben. Mein Bruder arrangierte Hilfsgüterfahrten nach Polen und Rumänien und den Schüleraustausch. Mein Mann arbeitete als Theologieprofessor an den ökumenischen Strukturen unserer Kirche besonders mit Japan und Indonesien. Ich habe mich als Logopädin für die sprachliche und soziale Eingliederung von Migranten jeden Alters eingesetzt. Wichtig und gegenläufig zum Trend war mir der Respekt und Erhalt der Zwei- oder Mehrsprachigkeit, und über den achtsamen Umgang mit den eigenen kulturellen Wurzeln in der deutschen Sprache heimisch zu werden. Als Vorlesepatin in einem vornehmlich türkischen Kindergarten gelang es mir, mit dem Team für die Einführung von zweisprachigen Bilderbüchern sogar die Familien mit in den Spracherwerb ein zu beziehen. Bei den Veranstaltungen saßen die türkischen Familien auf den Boden, die deutschen auf Stühlen. Die Stadtbibliothek zog nach und stattete ihre Bestände mehrsprachig aus. Als Third Culture Kids setzen wir die Prägung durch unser Geburtsland, die Anpassung an unsere Heimat zu einem Zuhause in der Welt um, das sich nicht durch enge, nationale und kulturelle Grenzen abhalten lässt, seine Fenster und Türen offen zu halten

Rhein bei Kaiserswerth

Strom, großer Strom
dein Wasserfinger
verwischt die Linie
zwischen Himmel und Erde
dort, wo das Auge,
nie aber du,
endet

Strom, der gleiche, immer,
niemals derselbe,
deine weite Straße
mündet im Herzen der Meere

Wo aber mündet meine Straße,
wenn die Wasserfinger meiner Tränen
die Linie zwischen
Himmel und Erde
verwischen?

Ins Ungefähre
wo die Ufer abhanden kamen.

Danksagung

Eingebettet in die Ansichten und Fotos von Kaiserswerth und seine diakonischen Anstalten sind meine Erinnerungen an diesen Ort, an dem ich die Nachkriegszeit von Juli 1947 bis zum März 1950 verbrachte. Ich kam aus der Internierung in Sumatra/Indonesien als Achtjährige, die lernte, sich in der neuen Welt zu Recht zu finden und heimisch zu werden. Davon wollte ich meinen Kindern erzählen.

Meiner Schwiegertochter Katrin Klappert verdanke ich die doppelte Autorenschaft. Als Designerin strukturierte sie das Layout so, dass nun die angesprochenen Leser der heutigen Zeit den Text verstehen können. Mit detektivischem Gespür brachte sie die Fotos zusammen, die die längst vergangene, historische Ansicht des Städtchens sichtbar machen. Unser besonderer Dank gilt der Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth in Düsseldorf und dem Archiv der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal für ihre Unterstützung und die Zuverfügungstellung von Bildmaterial.

Katrins Bebilderung folgen dem Erzählgang über Schule, Wohnhaus und Alltag, der nun fast siebzig Jahre zurückliegt. Mit diesem „Zweiten Blick“ werden meine Erinnerungen nicht nur für die heutige Zeit verständlich, sondern auch in einen objektiven Rahmen gebracht, der sie aus ihrer hermetischen Privatheit holt.

Mit ihrer „graphischen Erzählung“ begleitet sie den Werdegang eines jungen Menschen, der die erste Kultur seines Geburtslandes mit der zweiten seiner neuen Heimat mental und emotional zu einer dritten Kultur zu verbinden sucht. Wie ich trotz einer Kindheit hinter Stacheldraht, als „Naturkind“, mich in die europäische Trümmerwelt der Nachkriegszeit, eben auch über die Natur zu Recht zu finden suchte. Durch die mir bekannten Strukturen der Äußeren Mission fand ich in der Inneren Mission einen Übergang, in eine nicht gänzlich unvertraute Umgebung, zumal ich mich erneut wie im Lager unter Heimkindern wiederfand. Die Geborgenheit des idyllischen Kaiserswerth erleichterte den Weg in das, was meine deutsche Heimat werden sollte.

Text und Bilder wollen zeigen, welchen Bogen zwischen der östlichen und westlichen Hemisphäre das Kind, das ich war, spannen musste, um eine „Dritte Welt“ aus beiden Biographien zu schaffen. Ich bin ein „Third Culture Kid“, wie auch mein Mann, Bertold Klappert, mit einer fast identischen Kindheit. Die innere Rückschau der Worte bekommt durch die Bilderzählung unserer Schwiegertochter sinnliche Anschauung und Struktur.

Von Herzen danke Ich meiner Schwiegertochter Katrin Klappert, meinen Erinnerungen ihre Gestaltung mit auf den Weg zu geben (Vgl. die PDF).


Was uns prägt

Wenn ich nichts mit mir anzufangen wusste, klopfte ich am Nachbarzimmer an. Einmal saß ich mit dem alten Herrn, der dort wohnte, auf der Bettkante. Die Nachttischlampe war angeschaltet und warf ihren Schein auf einen Notizblock, auf dem entstand unter seiner Hand eine kreisrunde Kalligrafie. Das ist das chinesische Wort für Mund, sagte er. Und, fuhr er fort, das ist das Wort für sprechen und zeichnete einen Kringel in den Mund. Natürlich war das die Zunge. Ich staunte. Ein Bild, ein Wort, nicht, wie ich es gelernt hatte: viele Buchstaben hintereinander ergeben ein Wort und eine Bild muss erst dazu gezeichnet werden.

Später als Logopädin zeichnete ich meinen Patienten, die durch einen Schlaganfall ihre Sprache verloren hatten, diesen Kreis für Mund und darein die Zunge. Das sei unsere Aufgabe, erklärte ich ihnen, Mund und Zunge zum Sprechen zu bringen und dazu das schreiben, Chinesisch schafften wir es schon. Das fanden sie komisch und wollten gleich mit dem „Schreiben“ beginnen, Mund gleich Kreis, Sprechen gleich eine Zunge darin.

Der alte Mann war lange Zeit Missionar in China. Jetzt, 1948, lebte er neben unserer Familie, die aus dem Lager aus Indonesien gekommen war, in dem großen Haus in Kaiserswerth. Ich war neun Jahre alt und neugierig, darum bat ich ihn um noch ein Schriftzeichen. Auf dem Block entstanden zwei geschwungene Bögen. Das war das Dach eines chinesischen Hauses. So etwas kannte ich aus meiner Heimat Sumatra. Ein Haus, sagte der alte Herr, und zeichnete eine Figur darunter. Unter dem Dach eines Hauses ist eine Frau, das heißt Frieden. Wir staunten beide über die Schreibkunst der Chinesen. Es entstand dann noch ein drittes Haus mit zwei Frauen. Streit, sagte der alte Herr, zwei Frauen unter einem Dach – bedeutet Streit.

Der alte Missionar war für mich Onkel Diehl. Ich kam aus der großen „Missionsfamilie“ mit Tanten und Onkeln. Meine Eltern hatten Brüder und Schwestern. (Die Muslime regeln die Anrede auch so). Onkel Diehl, fragte ich ihn: Warum siehst du aus wie ein Chinese? Weil ich die Chinesen liebe, sagte er. Wenn man lange genug das anschaut, was man liebt, dann sieht man ihm am Ende ähnlich. Tante Adele, die Missionsschwester in Kanton gewesen war, gab dieselbe Antwort.

Als Liping, meine chinesische Freundin, ihren Laptop zum ersten Mal aufklappte, sah ich die vertrauten lateinischen Buchstaben. Sie klickte und vor mir öffneten sich chinesische Schriftzeichen. Ich staunte, wie damals als Kind. Hier war in unserer digitalen Welt möglich, beide Schriften simultan auf einem Schreibgerät zu benutzen. Zu jedem Zeichen gab es dazu die Liste der Bedeutungsoptionen.

Auch meine japanischen Freunde benutzen Computer, die ihre Schriftzeichen, sogar in solche, mit chinesischem und japanischem Ursprung, unterscheiden.

Eine grundlegende Neuerung musste akzeptiert werden: Die chinesische Schrift wird horizontal und nicht mehr vertikal geschrieben.

Wenn ich über solche Erinnerungen stolpere, fällt mir der Untertitel zu meinem geliebten Heidi-Buch von Johanna Spyri Band 2 ein: Heidi kann brauchen, was es gelernt hat.


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Aug 112018
 
Der Westen ist bereit, alles zu tun, um Syrien zu unterwerfen.

Von Karin Leukefeld

Die Liste der westlichen Interventionen in Syrien ist lang und vermutlich ist vieles nicht bekannt, weil Geheimdienste und die zuständigen Regierungen noch nicht gezwungen waren, alle Aufträge offenzulegen.

Die geostrategische Lage Syriens könnte für Nord und Süd, Ost und West von großem Nutzen sein, würde die staatliche Souveränität des Landes von seinen Nachbarn und internationalen Akteuren respektiert. Das Land hat eine Brückenfunktion, die über Jahrtausende Kontinente und Kulturen miteinander verbunden hat. Fremdherrschaft – mal für 100, mal für 400 Jahre – ist in Syrien bekannt.

Die letzte Fremdherrschaft, das Osmanische Reich, zerfiel vor 100 Jahren. In Syrien und in der Levante hoffte man auf staatliche Unabhängigkeit. Doch der ungezügelte Machthunger des Westens und seiner Verbündeten hat der Region seit 100 Jahren weitere Bevormundung, Teilung und immer neue Kriege beschert.

Die Lehren, die der Westen angab, aus dem letzten großen Krieg 1939 bis 1945 gezogen zu haben und die in der UNO-Menschenrechtserklärung aufgeschrieben wurden, werden ausgehebelt. Weil diese Regeln die Schwächeren schützen, werden sie von denjenigen, deren Machthunger sie nicht nutzen, heute lächerlich gemacht und missachtet.

Der letzte Angriff begann 2011 und ist noch nicht beendet. Mit einem großen Arsenal neuer Technologien und mit der Zerstörung des Völkerrechts soll Syrien unterworfen werden. Doch der Westen hat sich verrechnet. Syrien und seine Verbündeten ¬– Russland, Iran, die Hisbollah und die BRICS-Staaten – setzen sich zur Wehr. Damit behauptet Syrien sein Recht auf Selbstbestimmung, wie es die UNO-Charta vorsieht.

Einhundert Jahre Einmischung

Als die großen europäischen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich sich 1916 die arabischen Provinzen des zerfallenden Osmanischen Reiches in dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen untereinander aufteilten, war der 1. Weltkrieg noch im Gange. Beide Kolonialmächte wollten ihre Interessen in der Region sichern: Transportwege, Häfen, Rohstoffe. Die Kooperation mit arabischen Kräften gegen das Osmanische Reich und seine deutschen Verbündeten basierte auf dem falschen Versprechen, man werde die arabische Unabhängigkeit unterstützen.

Tatsächlich diente sie ausschließlich den eigenen nationalen französischen und britischen Interessen. Ein Jahr nach dem Sykes-Picot-Abkommen versprach Großbritannien im November 1917 mit der Balfour-Erklärung der zionistischen Nationalbewegung Unterstützung bei der „Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina“.

Großbritannien bediente sich gleich drei Mal mit Land – Palästina –, das ihm gar nicht gehörte. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen bediente es erstens die eigenen Interessen. Zweitens versprach London der arabischen Nationalbewegung das Land – Syrien-Palästina – für einen unabhängigen arabischen Staat, der bis zum 36. Breitengrad vorgesehen war. Drittens versprach London das gleiche Land – Palästina – der zionistischen Nationalbewegung, die gar nicht von dort stammte.
Der damalige US-Präsident Woodrow Wilson sprach zu der Zeit noch von einer ganz anderen, neuen Nachkriegsordnung und neuen internationalen Beziehungen. Vor dem Kongress stellte er im Januar 1918 sein „Friedensprogramm“ vor: die „14 Punkte Erklärung“.

Er sprach sich für eine transparente Politik, gegen Geheimabkommen, für Entschädigung kolonialisierter Völker und für das Selbstbestimmungsrecht der Völker aus. In diesem Sinne war er auch gegen das „Sykes-Picot-Abkommen“ und schlug stattdessen eine Befragung der Bevölkerung vor, die in der Levante lebte. Eine Kommission sollte durch die befreiten arabischen Gebiete der Levante und durch die Türkei reisen, um deren Vorstellung über die eigene Zukunft zu sammeln. Der Bericht sollte dann auf der Pariser Friedenskonferenz Beratungsgrundlage werden.

Die King-Crane Kommission war im Juni/Juli 1918 rund 6 Wochen in der Levante unterwegs. Ihr Bericht ergab in einer ersten Zusammenfassung der überreichten 1875 Petitionen folgendes: Mehr als 70 Prozent wollten keine politische Teilung von Syrien und Palästina: Einheit von Kilikien im Norden, syrische Wüste im Osten, Palästina bis Rafa im Süden; absolute Unabhängigkeit Syriens, keine jüdische Einwanderung und keinen zionistischer Staat; keine Mandatsmacht Frankreich und sie lehnten sowohl das Sykes-Picot-Abkommen als auch die Balfour-Erklärung ab.

Frankreich und Großbritannien behinderten und verzögerten die Arbeit der Kommission, die zionistische Nationalbewegung diffamierte den Bericht der Kommission als „einseitig“. Die Vorstellungen Wilsons über eine neue internationale Politik und der Bericht der King-Crane-Kommission wurden bei der Pariser Friedenskonferenz schließlich ignoriert. Geschwächt stimmte Wilson für die USA der Balfour-Erklärung zu, kritisierte aber weiter das Sykes-Picot-Abkommen. Der Völkerbund akzeptierte schließlich das Sykes-Picot-Abkommen als Vorlage für die Neuordnung der arabischen Provinzen. Syrien wurde geteilt und unter französisches Mandat gestellt, Großbritannien wurde Mandatsmacht für Palästina, Transjordanien, Irak und Ägypten.

Mit Unterstützung des Völkerbundes – Vorläufer der Vereinten Nationen – beschlossen die damals mächtigen europäischen Staaten genau das Gegenteil von dem, für das sich die Bevölkerung der Levante (Syrien-Palästina) in ihren Petitionen ausgesprochen hatte. Der britische Feldmarschall Archibald Wavell, der während des 1. Weltkrieges in Palästina und auf dem Sinai eingesetzt war, kommentierte die Ergebnisse der Pariser Friedenskonferenz treffend mit den Worten: „Nach dem Krieg, der ‚jeden Krieg beenden‘ sollte, haben sie jetzt einen Frieden geschaffen, der jeden Frieden unmöglich machen wird.“

Sieg des Kreuzes über den Halbmond

Nach der Teilung von Syrien-Palästina legte Frankreich 1922 einen weiteren Teilungsplan für Syrien vor. Danach sollten fünf neue Staaten innerhalb von Syrien entstehen, die Syrer lehnten das ab. General Henri Gouraud führte die französischen Truppen in Syrien. Nach dem Einmarsch in Damaskus soll Gouraud zum Grab von Saladin gezogen sein, dem Befreier von Jerusalem und Sieger über die Kreuzritter (im Jahre 1187). Am Grab von Saladin soll Gouraud gerufen haben: „Wach auf Saladin. Wir sind wieder da. Meine Anwesenheit hier heiligt den Sieg des Kreuzes über den Halbmond.“

Während der Mandatszeit gab es eine Fülle von Eingriffen in die Struktur der syrischen Bevölkerung und des Landes. Städte und Gefängnisse wurden gebaut, das französische Schulsystem eingeführt. Eine Armee wurde gegründet, Religions- und Volksgruppen wurden ebenso gegeneinander ausgespielt wie politische Parteien und Oppositionsgruppen.

Manche unterwarfen sich dem Mandatssystem und kollaborierten. Andere suchten Unterstützung für ihr Anliegen in der Türkei, in den Golfstaaten oder in Jordanien. Politische Einheit zu finden, war schwer. Ob Parteiengründungen, Aufstände, Regierungsbildungen – alle Versuche der Syrer, politische Unabhängigkeit zu erreichen, wurden von Frankreich behindert, blockiert, blutig niedergeschlagen.

Offiziell endete 1943 das französische Mandat über Syrien. Tatsächlich zogen die Franzosen erst im April 1946 unter dem Druck der Briten ab. Noch im Mai 1945 waren in Damaskus Demonstrationen gegen die Mandatsmacht von Frankreich mit Luftangriffen unterdrückt worden. Bei französischen Angriffen auf das Parlament und die Zitadelle in Damaskus starben hunderte Syrer.

Falsche Freunde I

Großbritannien, die USA und die Sowjetunion gehörten 1946 zu den ersten Staaten, die die Unabhängigkeit Syriens anerkannten. Während die Sowjetunion den jungen Nationalstaat mit Wirtschaftshilfe, Bildung, Ausbildung und Rüstungshilfe unterstützte, zeigte sich schon bald, was die Unterstützung von Großbritannien und den USA wert war.

Deren wichtigster Partner nach dem 2. Weltkrieg in der Region war der Staat Israel, der 1948 mit militärischer Gewalt in Palästina gegründet worden war. Syrien war immer gegen diese Staatsgründung gewesen, stimmte auch 1948 bei der UNO dagegen und führte für Palästina Krieg gegen Israel. Dafür bezahlt das Land bis heute.

Der US-Auslandsgeheimdienst CIA, die Central Intelligence Agency, war in den ersten von drei Putschen allein im Jahr 1949 in Syrien involviert. Der Putsch brachte im März 1949 General Husni al-Za’im ins Amt des Präsidenten. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Auflösung des Parlaments. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen lockte Al Za‘im Antoun Saadeh, den Gründer der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei, der SSNP, und erklärten Gegner Israels aus Beirut, wo er verfolgt wurde, nach Damaskus und sicherte ihm Unterstützung zu. Nur wenige Tage später lieferte Al Za’im Saadeh in den Libanon aus, wo er erschossen wurde.

Hintergrund der Machtübernahme von Al Za’im war die harte Haltung des vorherigen Präsidenten Schukri al Quwatli gegen Israel und gegen die Freigabe von syrischem Land für den Bau der Transarabischen Pipeline, der TAP, die von der saudisch-US-amerikanischen Ölgesellschaft ARAMCO vom Persischen Golf ans Mittelmeer gebaut werden sollte. Al Za’im hatte vor seiner Machtübernahme der CIA seine Unterstützung für den Bau der Pipeline zugesagt, zudem wollte er mit Israel einen Friedensvertrag aushandeln. Und so kam es. Dennoch währte die Macht Al Za’ims nicht lange.

Schon im August 1949 wurde er von syrischen Gegnern wieder aus dem Amt geputscht und ermordet. Ein dritter Putsch im Dezember 1949 bestätigte schließlich den zuvor vom Parlament gewählten Hashim al Atassi als Präsidenten. Bis 1973 blieb Syrien politisch ein Vulkan mit widerstrebenden Parteien, mit konkurrierenden persönlichen und politischen Interessen, die von den Interessen und dem Geld der regionalen Akteure und deren internationalen Partnern durchzogen waren.

Nach dem Überfall Israels auf die Golanhöhen, die Sinai Halbinsel und das Westjordanland im Juni 1967, dem die Besatzung folgte, kam es zu drei Kriegen zwischen Ägypten, Irak, Jordanien, Syrien auf der einen und Israel auf der anderen Seite. Der letzte Krieg 1973/74 endete mit der Entsendung einer UN-Blauhelmmission, die eine entmilitarisierte Pufferzone auf den Golanhöhen zwischen Israel und Syrien kontrollierte.

Israel wurde zum westlichen Vorposten in der Levante, Syrien wurde zwischen dem Westen und der Sowjetunion zum Frontstaat. Das Land war eingekreist von der Türkei als südöstlichem Pfeiler der NATO, von der Atommacht Israel als engem Verbündeten Europas und der USA mit ehrgeizigen zionistischen Expansionsplänen, von Jordanien, das zu einer Art Militärbasis für den Westen geworden war, vom Irak, der nach der iranischen Revolution 1979 und während des achtjährigen Iran-Irak-Krieges 1980 bis 88 Partner des Westens und Saudi Arabiens war und schließlich von Saudi Arabien, das mit einem Bündnis aus Monarchie und dem dogmatischen Wahabismus das Gegenteil von dem verkörperte, was Syrien als säkularer, sozialistischer und fortschrittlicher Staat anstrebte.

Ein Aufstand der Syrischen Muslimbruderschaft von 1978 bis 1982 brachte Syrien eine unruhige Zeit, Regierung und Armee hatten hohe Verluste. Syrien versuchte sich zu wehren und bescherte der Muslim Bruderschaft eine tödliche Niederlage. Europa bot den verfolgten Muslimbrüdern politisches Asyl an. In Aachen und London entstanden neue Zentren der syrischen Muslim Bruderschaft, Großbritannien und Deutschland sicherten sich ein Pfand, um Syrien gegebenenfalls unter Druck zu setzen.

Syrien ging 1979 ein Bündnis mit dem Iran ein, um die westliche und NATO-Umkreisung zu durchbrechen. Es unterstützte die kurdische Arbeiterpartei PKK aus der Türkei, deren Führer Abdullah Öcalan in Syrien im Exil lebte und unter den Augen Syriens die Partei politisch und militärisch für den Kampf gegen die Türkei aufbauen konnte.

Mit dem Ende der Sowjetunion 1989 verlor Syrien seine Schutzmacht und musste sich neu orientieren. Unter Vermittlung der USA verhandelte es mit Israel über einen Frieden auf dem Golan, der in einen gesamten Frieden zwischen Israel und Palästina eingebettet sein sollte. US-Außenministerin Madeleine Albright reiste sogar nach Damaskus, um mit Assad zu sprechen. Erreicht wurde nichts.

Falsche Freunde II

Nach dem Tod von Hafez al Assad im Jahr 2000 wurde sein Sohn Bashar zum Präsidenten gewählt. Der Westen öffnete die Türen für Syrien, das sich in vielerlei Hinsicht neu orientieren musste. Die EU bot Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen an, Syrien wurde Mitglied in der Mittelmeer Union und im Barcelona-Prozess.

Europäische Staaten schickten Experten nach Syrien, die jeden Winkel des Landes politisch, wirtschaftlich und kulturell erkundeten. Europäische Firmen fanden in Syrien einen neuen Absatzmarkt, oft im Rahmen von Public Private Partnership, einer neuen Wirtschaftsinitiative, in der private Unternehmen mit staatlichen Institutionen kooperieren. Es fand ein reger Austausch zwischen europäischen Staaten und Syrien statt, von dem vor allem die junge syrische Generation profitierte.

Trotz dem Ende der Ost-West-Konfrontation, vielleicht aber gerade deswegen stabilisierte sich das Klima in der Region nie, Syrien war umgeben von Kriegen und Konflikten. 2003 der Angriff auf den Irak, bei dem Syrien seine Kooperation mit den USA verweigerte. 2005 folgte der Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri in Beirut, für den der Westen Damaskus und Bashar al Assad verantwortlich machte. Es folgten der israelische Krieg im Libanon 2006, Israels Feldzüge gegen den Gazastreifen. Israel bombardierte in Syrien eine Baustelle, auf der angeblich eine Atomfabrik entstehen sollte. Wiederholt kam es zu Anschlägen. 2008 wurde der Kommandeur der Hisbollah, Imad Mughniyeh, durch einen Mossad-Anschlag in Damaskus getötet.

Trotz anhaltendem innen- und außenpolitischem Druck erlebte Syrien eine beispiellose Blütezeit. Die war allerdings auf Sand gebaut, wie sich im Frühjahr 2011 schnell herausstellte. Noch war nicht klar, was in Syrien geschah, als westliche Politik und Medien bereits den „Aufstand gegen die Diktatur Assad“ ausmachten. Im französischen Außenministerium wurde Klartext geredet.

Die französischen Journalisten Christian Chesnot und George Malbrunot beschreiben in ihrem Buch „Les Chemins de Damas“ einen heftigen Streit im Frühjahr 2011. Der damalige französische Botschafter in Damaskus, Eric Chevallier erklärte: „Das Regime von Assad wird nicht stürzen, Assad ist stark.“ Er sei vor Ort, nahe dran und habe viele Regionen Syriens besucht, so Chevallier.

Nirgends habe er „das Regime schwächeln“ sehen. „Reden Sie keinen Unsinn“, sei Chevallier von dem Präsidentenberater für den Nahen und Mittleren Osten, Nicolas Galey angefahren worden. „Wir sollten uns nicht an die Fakten halten, sondern über unsere Nasenspitze hinaus sehen.“ Chevallier hielt dagegen und wurde von Galey heftig zurechtgewiesen: „Ihre Informationen sind uns egal, sie interessieren nicht. Bashar al Assad muss gestürzt werden und er wird stürzen.“ Ein Beobachter im Raum berichtete den beiden Journalisten, es sei klar geworden, dass Galey, der Präsidentenberater nicht zu einer Beratung gekommen sei, sondern um „eine klare Botschaft zu vermitteln: es ging darum, dass der Sturz von Assad unvermeidlich ist. Und allen müsse klar sein, dass abweichende Meinungen im französischen diplomatischen Corps „nicht toleriert“ würden.

Tatsächlich gab es im Frühjahr 2011 bereits eine Agenda zum Sturz des syrischen Präsidenten und die ehemalige Mandats- und Kolonialmacht Frankreich war ganz vorne mit dabei. Regionale und internationale Geheimdienste agierten an vorderster Front in der Türkei, im Libanon, Irak und Jordanien, um Geld, Kämpfer, Waffen und Logistik nach Syrien zu schleusen.

Die Region wurde zu einem Militär- und Waffenlager. Frankreich, Großbritannien und Deutschland förderten so genannte „zivilgesellschaftliche Gruppen“, bildeten Bürgerjournalisten aus, schickten Radioempfänger, Kameras, Laptops. Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen gaben an, den Verfolgten in Syrien eine Stimme zu geben. Dass dabei auch gelogen wurde, wurde schnell unter den Tisch gekehrt. Das lesbische Mädchen Amina aus Damaskus beispielsweise, das 2011 ein Tagebuch veröffentlichte, bis es angeblich vom syrischen Geheimdienst verschleppt worden war, entpuppte sich als der US-Bürger Tom MacMaster, der in Schottland studierte und zum Spaß ein bisschen gebloggt hatte.

Westliche Medien konzentrierten sich auf die Darstellung einer ihrer Meinung nach „moderaten Opposition“ und von „Bürgerjournalisten“. Andere Berichte aus Syrien wurden zunehmend ignoriert oder als „staatliche Propaganda“ abgetan.

Die Themen, mit denen Politik und Medien den syrischen Präsidenten Bashar al Assad unter Druck setzten sollten, waren bereits 2006 in einer Korrespondenz der US-Botschaft in Damaskus mit dem US-Außenministerium benannt worden. Bekannt wurden sie durch Wikileaks.

Das gute Ansehen von Bashar al Assad sollte zerbrochen werden, dafür sollte die innersyrische Kritik an den Wirtschaftsreformen, der Korruption, der Lage der Menschenrechte, der Rechte von Kurden und die syrische Unterstützung für islamistische Terroristen herausgestellt werden. Im Fall von besonderen Ereignissen oder von Unruhen, sollten die USA das Klima für Proteste aktiv fördern oder in Stellungnahmen eine Protestbewegung unterstützen.

Im Jahr 2011 war es soweit. Es begann eine humanitäre, zivilgesellschaftliche Intervention in Syrien, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte. Die ganze Bevölkerung Syriens sollte nach dem Willen westlicher Regierungen eingebunden werden. Medien wurden dafür zum wichtigsten Instrument. Grundlage für die Intervention war die einseitige Unterstützung für bestimmte Teile der Protestbewegung, während andere Oppositionelle ignoriert und die syrische Regierung dämonisiert wurden.

Versprochen wurden Freiheit und Demokratie und nicht weniger als der Sturz von Assad, für den es „keine Zukunft in Syrien“ geben sollte. Auch an die eigene Bevölkerung „daheim an den Funk- und Fernsehsendern“ richtete sich eine Botschaft: Die syrische Zivilgesellschaft befände sich im Krieg gegen einen Diktator, so die Botschaft. Die Bevölkerung in Europa und in den USA wurde aufgerufen, Partei zu ergreifen in diesem schmutzigen Krieg gegen Syrien.

Die Liste der westlichen Interventionen in Syrien ist lang und vermutlich ist vieles nicht bekannt, weil Geheimdienste und die zuständigen Regierungen noch nicht gezwungen waren, alle Aufträge offenzulegen. Die geostrategische Lage Syriens könnte für Nord und Süd, Ost und West von großem Nutzen sein, würde die staatliche Souveränität des Landes von seinen Nachbarn und internationalen Akteuren respektiert.

Doch die Lehren, die der Westen vorgab, aus dem letzten großen Krieg 1939 bis 1945 gezogen zu haben und die in der UNO-Menschenrechtserklärung aufgeschrieben wurden, werden ausgehebelt. Weil diese Regeln die Schwächeren schützen, werden sie von denjenigen, deren Machthunger sie nicht nutzen, heute lächerlich gemacht und missachtet. Syrien soll unterworfen werden, mit allen Mitteln.


Karin Leukefeld, Jahrgang 1954, studierte Ethnologie, Islam- und Politikwissenschaften und ist ausgebildete Buchhändlerin. Sie engagierte sich für die Organisations- und Öffentlichkeitsarbeit unter anderem beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), Die Grünen (Bundespartei) sowie der Informationsstelle El Salvador. Seit dem Jahr 2000 ist sie als freie Korrespondentin im Mittleren Osten tätig und seit 2010 in Damaskus akkreditiert.

Quelle: https://www.rubikon.news/artikel/die-welteroberer

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Aug 032018
 
Die als Demokratie getarnte Elitenherrschaft kollabiert

Mit der Demokratie ist es eine vertrackte Sache. Alle Staatsgewalt, sagt man, geht vom Volke aus. Aber wo geht sie hin? Was genau bedeutet „Herrschaft des Volkes“? Dass alle herrschen? Aber über wen herrschen sie dann? Wiederum über alle, lautet die Antwort, also über sich selbst – ein theoretisches Dilemma, das schon Aristoteles bewusst war. Auch praktisch türmen sich enorme Schwierigkeiten auf. Was Bertolt Brecht über den Kommunismus sagte, das gilt auch für die wörtlich verstandene Demokratie: Sie ist das Einfache, das schwer zu machen ist.

Wie ist die demokratietheoretische Diskussion der letzten hundert Jahre mit dem skizzierten Dilemma umgegangen? Vereinfacht gesagt lautete ihre Parole: Weniger Demokratie wagen! Sie neigte dazu, der politischen Weisheit des Volkes zu misstrauen. Wirkmächtige Autoren wie Gaetano Mosca, Vilfredo Pareto, Robert Michels oder Joseph Schumpeter legten die konzeptionellen Grundlagen dessen, was wir heute als „demokratische Elitenherrschaft“ bezeichnen.

Womit wir auf ein neues Dilemma stoßen. Denn inwiefern kann eine Elitenherrschaft demokratisch sein? Das Argument ihrer Befürworter ist einfach: Das Volk bestimmt in allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen seine Repräsentanten. Und die regieren dann – oder herrschen. Doch die so ausgewählten Eliten handeln nicht völlig losgelöst vom Wahlvolk; sie sind geerdet, rückgekoppelt. Denn schon bald stehen erneut Wahlen an, und die Eliten wollen bestätigt werden. Also wäre es unklug, wenn sie die politischen Präferenzen des Volkes oder großer Bevölkerungsteile ignorierten. Was das Volk will, so die Theorie, fließt ins Regierungshandeln ein, findet zumindest Berücksichtigung. Und wenn nicht, folgt ein Strafgericht des Volkes – und neue Eliten kommen ans Ruder.

Nimmt man Abraham Lincolns berühmte Definition – er beschrieb Demokratie als „government of the people, by the people, for the people“ –, dann ist offenkundig, dass sich die Theorie demokratischer Elitenherrschaft auf den letztgenannten Aspekt konzentriert: für das Volk. Das System beruht auf der „responsiveness“, also der Ansprechbarkeit oder Empfänglichkeit der Regierenden für die Wünsche und Forderungen der Regierten. Der italienische Politikwissenschaftler Giovanni Sartori spricht in diesem Zusammenhang von „Output-Demokratie“, also von einer Demokratie, die dem Volk nützt oder es zufriedenstellt. Und er unterscheidet sie vorteilhaft von der „Input-Demokratie“, die auf immer stärkere Beteiligung beziehungsweise Partizipation des Volkes an den Entscheidungsprozessen setzt (1).

Es ist keineswegs so, dass die Verfechter der Output-Demokratie von ihren Gegnern und Kritikern nicht herausgefordert oder unter Begründungszwang gesetzt worden wären. Im Gefolge der Protestbewegungen in den 1960er Jahren etwa wurden die Begriffe „Demokratisierung“ oder „Demokratisierung aller Lebensbereiche“ zu Schlagworten.

Turnusgemäße Wahlen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in vielen gesellschaftlichen Bereichen Reformbedarf bestand. An den Fabrik- oder Kasernentoren, so wurde geargwöhnt, ende die Demokratie. Unter Demokratisierung verstand man einen Prozess hin zu mehr Partizipation, mehr Transparenz, mehr Machtkontrolle. Der Begriff Demokratie wurde mit Diskussion, Reform oder Veränderung assoziiert. Erreicht werden sollte das über eine Stärkung der Input-Seite. In Deutschland griff Willy Brandt entsprechende Forderungen in seiner ersten Regierungserklärung auf. Er wolle „mehr Demokratie wagen“, versprach der neue Kanzler.

Walter Lippmann nimmt in der Kontroverse zwischen den Verfechtern von Input- und Output-Demokratie eine Position ein, die es schwer macht, ihn zweifelsfrei zuzuordnen. Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig zu sein: Aus einem elitären Elternhaus stammend, in Elitenkreisen verkehrend und ihnen zugehörig, war er ein scharfsinniger Anwalt eines elitären Demokratieverständnisses. Zudem kombinierte er diese elitäre Konzeption mit technokratischen Überlegungen, die seinerzeit nicht nur in den USA en vogue waren.

Lippmann ging es nicht nur um einen möglichst vorteilhaften Output, sondern auch darum, Regierungshandeln zu rationalisieren, zu versachlichen, zu entideologisieren. Wenn man, so seine Erwartung, „unabhängige“ Experten einbeziehe, sich die „objektive“ Wissenschaft dienstbar mache, parteilich ungebundene Informationsbüros schaffe, dann könne man planen, steuern, krisenhafte Prozesse frühzeitig erkennen und gestalten.

Wie er sich das konkret vorstellte, erläuterte Lippmann anhand eines – leicht skurrilen – Beispiels:

„(…) dem Abdruck vergleichender Statistiken über die Säuglingssterblichkeit (folgt) oft ein Zurückgehen der Sterblichkeitsquote von Säuglingen. Städtische Beamte und Wähler hatten vor der Veröffentlichung in ihrem Bild von der Umwelt keinen Platz für diese Kinder. Erst die Statistiken machten sie sichtbar, so sichtbar, als ob die Säuglinge einen Ratsherrn gewählt hätten, um ihre Beschwerden an die Öffentlichkeit zu bringen“ (2).

Der Vorschlag, fachlich kompetente Einrichtungen zu kreieren, die den Regierenden Daten und Informationen präsentieren, auf deren Grundlage sie dann rationale oder, wenn man so will, „sachlich richtige“ Entscheidungen treffen können, hat erst nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere in den 1960er und 70er Jahren, breiten Widerhall gefunden. Begriffe wie Planung, Steuerung, Prognose, Kybernetik oder Verwissenschaftlichung hatten seinerzeit einen positiven Klang und fanden Eingang in politische Prozesse. Dies natürlich auch vor dem großen Hintergrund der Ost-West-Systemkonkurrenz, von der damals noch keineswegs absehbar war, welche Seite am Ende die Oberhand behalten würde.

Wie viele andere Anwälte elitärer Demokratiekonzeptionen warnte Walter Lippmann eindringlich vor den vermeintlichen Gefahren und Illusionen einer Input-Demokratie. Doch zugleich – und das ist seine große Stärke und erschwert zugleich seine eindeutige Zuordnung – blieb er sich der Fallstricke der von ihm präferierten Output-Demokratie lebhaft bewusst.

Wo verbergen sich diese Fallstricke? Letztlich in der fragwürdigen Vorstellung einer „responsiveness“ der Regierenden gegenüber den Regierten. Denn: Was sollte, was könnte Eliten, die nach Legitimation suchen oder wiedergewählt werden möchten, davon abhalten, die Wünsche und Forderungen der Bevölkerung zu manipulieren? Und zwar so zu manipulieren, dass die Bevölkerung genau das fordert und wünscht, was der Elite vorschwebt? Dass sie sogar – im Extremfall – gegen ihre ureigenen Interessen handelt?

Das probate Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, heißt Propaganda. Aus Sicht der Herrschenden mag sie „notwendig“ sein. Aus demokratietheoretischer Perspektive sieht das völlig anders aus. Auf Dauer kann Propaganda demokratische Prozesse zersetzen und pervertieren. Echte Demokratie und Propaganda sind prinzipiell unvereinbar (3). Zugegeben, so explizit formuliert Lippmann das nicht. Aber es dürfte kaum zu bezweifeln sein, dass er die demokratiegefährdende Wirkung von Propaganda frühzeitig erkannt hatte.

Auch wenn diese Aussage spekulativ ist: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Walter Lippmann, würde er heute leben, zu dem Schluss käme, dass manche seiner Erwartungen an die Output-Demokratie getrogen haben, viele seiner Befürchtungen hingegen eingetroffen sind. Und es ist kaum anzunehmen, dass er an seiner elitär-technokratischen Demokratiekonzeption unter heutigen Bedingungen weiter festhielte.

Eine derartige Entwicklung hatte sich bereits zu Lebzeiten Lippmanns angedeutet. Trotz aller Übereinstimmung mit den Hauptlinien der US-Politik muss man festhalten: Aggressive, imperiale Außenpolitik und repressive, elitäre Innenpolitik auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit oder diverser Minderheiten waren seine Sache nicht.

Daniel Ellsberg berichtet zum Beispiel, dass Lippmann während der Kuba-Krise frühzeitig die Möglichkeit ins Spiel brachte, den Sowjets entgegenzukommen und die US-Raketen in der Türkei abzuziehen – was dann tatsächlich geschehen ist, heute aber nur selten erwähnt wird (4). 1968 wiederum, so David Talbot, hat Lippmann den charismatischen Bobby Kennedy ermuntert, sich um die Präsidentschaft zu bewerben (5).

Noch wichtiger: Lippmann war ein früher Kritiker des Vietnam-Kriegs, wobei er seine Einwände im privaten Kreis noch schärfer artikulierte als in seinen Zeitungskolumnen. Damit zog er sich nicht nur den Zorn des damaligen Präsidenten Lyndon Johnson zu. Auch viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab, verließen verärgert sein Haus oder kamen Einladungen zu seinen legendären Partys nicht mehr nach. Lippmann zog sich frustriert aus Washington zurück und übersiedelte nach New York (6).

Wie würde Lippmann, der an die Kraft guter Argumente glaubte, dem an Rationalität und zivilen Umgangsformen lag, den Zustand der USA heute beurteilen? Gewiss nicht so wie Bundespräsident Steinmeier, der kürzlich in einem Vortrag das hohe Lied auf die amerikanische Demokratie anstimmte und nicht anstand, „Demokratie“ und „Amerika“ in eins zu setzen (7).

Schon zu Lippmanns Lebzeiten gab es nüchterne und wenig schmeichelhafte Analysen der realen Machtstrukturen im politisch-ökonomischen System der USA, etwa durch C. Wright Mills (8). Diese Strukturen treten seither immer deutlicher zutage (9). Selbst der frühere Präsident Jimmy Carter sieht sein Land inzwischen auf dem Weg von der Demokratie zur Oligarchie (10).

Die Einschätzung Carters wird immer öfter durch wissenschaftliche Untersuchungen untermauert (11), nicht zuletzt durch die viel zitierte Studie der Politikwissenschaftler Martin Gilens und Benjamin Page (12). In einer aufwändigen statistischen Analyse kommen sie zu dem Resultat, dass ökonomische Eliten und ihre organisierten Interessengruppen die Regierungspolitik maßgeblich bestimmen, während die Durchschnittsbürger und deren Interessenvertretungen nur geringen oder gar keinen Einfluss ausüben.

Wenn eine Mehrheit der Bürger mit den Interessen der ökonomischen Eliten kollidiert, wird sie in der Regel den Kürzeren ziehen; wenn sie einen grundsätzlichen Politikwechsel erstrebt, wird sie ihn nicht erreichen. Anders gesagt: Die Mehrheit regiert nicht, von „responsiveness“ der Regierenden gegenüber den Regierten kann keine Rede sein.

Wenn man die USA nicht länger als „Demokratie“ ansprechen kann – wie dann? Sheldon Wolin hat dazu einen erhellenden Vorschlag unterbreitet. Der 2015 verstorbene Princeton-Professor, neben Hannah Arendt der bedeutendste Politiktheoretiker der vergangenen Jahrzehnte (13), sah in den USA ein neuartiges politisches und gesellschaftliches System heraufziehen. Er nannte es „inverted totalitarianism“, also „umgekehrter Totalitarismus“ (14).

Anders als im klassischen Totalitarismus (Nationalsozialismus und Stalinismus) bleibt das Institutionengefüge im „umgekehrten Totalitarismus“ scheinbar intakt. Niemand stellt die Verfassung infrage, regelmäßig finden Wahlen statt, die Medien sind frei, die Rechtsprechung unabhängig. Aber jede dieser Institutionen, jedes dieser Verfahren ist ausgehöhlt, bis zur Unkenntlichkeit verändert — nur die Fassaden bleiben stehen. Die tatsächliche Macht liegt beim „corporate state“, und sie wird ständig weiter nach oben verlagert. Die Bevölkerung verharrt in Unsicherheit, wird in Resignation und Apathie, in Passivität und Entpolitisierung getrieben.

Auch wenn die Propagandisten des Mainstreams weiterhin von „our democracy“ schwadronieren – die Wirklichkeit sieht anders aus. Schon seit Jahren sind Begriffe wie „unsichtbare Regierung“, „permanente Regierung“, „Infragovernment“ oder „Deep State“ in Umlauf. Gerne als „verschwörungstheoretisch“ abgetan, haben auch sie ihren Weg längst in seriöse wissenschaftliche Studien gefunden. Und sie werden offenbar auch von einer Mehrheit der Bevölkerung für plausibel gehalten.

Erst kürzlich ermittelte die Monmouth University in einer repräsentativen Umfrage, dass 74 Prozent der US-Amerikaner sicher sind oder mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass auf nationaler Ebene ein Apparat existiert, der die Bezeichnung „Deep State“ verdient (15).

Für die — sichtbar oder unsichtbar — Herrschenden sind das zweifellos alarmierende Nachrichten, zumal sie zeitgleich feststellen müssen, dass ihre Kraft zur ideologischen und propagandistischen Durchdringung der Gesellschaft im Schwinden begriffen ist.

Nehmen wir beispielhaft das Helsinki-Treffen zwischen Trump und Putin: Obwohl maßgebliche politische Kräfte der USA, allen voran die etablierten Medien, über die Begegnung der beiden Präsidenten in bislang ungekannter Heftigkeit hergefallen sind, zeigen Umfragen, dass große Teile der US-Bevölkerung die Sache anders beurteilen. Und trotz einer nun schon zwei Jahre währenden „Russia Russia Russia“-Kampagne des US-Mainstreams ergibt eine neue Gallup-Umfrage, dass nur ein kaum messbarer Teil – weniger als ein Prozent! – der Bevölkerung in der Russland-Frage ein drängendes Problem sieht (16). Die Menschen haben offenbar ganz andere Sorgen.

Walter Lippmann hat sein Buch „Die öffentliche Meinung“ zu einer Zeit geschrieben, als die moderne, massive, flächendeckende Propaganda noch in ihren Anfängen steckte und ihr furchterregendes Potenzial allenfalls zu erahnen war. Dass die Wirksamkeit von Propaganda auch an unverrückbare Grenzen stoßen könnte, schien vor diesem Hintergrund eine eher abwegige Überlegung zu sein.

Und doch ist es so. Man sollte die Möglichkeiten der Propaganda nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Sie ist nicht allmächtig. Dem schon zitierten Abraham Lincoln wird — allerdings unverbürgt — der Satz zugeschrieben: Man kann alle Leute einige Zeit und einige Leute allezeit zum Narren halten, aber nicht alle Leute allezeit.

Der Bruch steht dann zu erwarten, wenn die Alltagsrealität der Menschen und die von der Propaganda geschaffene fiktive Welt immer weiter auseinanderklaffen. Diese Bruchstelle hat das politische System der USA offenkundig erreicht. Die existenzielle Krise des Systems ist manifest. Und es handelt sich dabei nicht zuletzt um eine Krise der herrschenden Elite.

Selbstverständlich ist „die Elite“ kein monolithischer Block. Sie hat ihre Meinungsverschiedenheiten, ihre Konflikte, ihre Rivalitäten. Solange solche Auseinandersetzungen nach fairen Regeln und mit sachlichen Argumenten ausgetragen werden, solange man gegenüber der Öffentlichkeit den Schein des wechselseitigen Respekts wahrt und dem Rivalen keine finsteren Absichten unterstellt, ihm also nicht, wie es in den USA gerne heißt, seine patriotische Gesinnung abspricht, ist anzunehmen, dass die Bevölkerung das Spiel mitspielt und die Autorität der Herrschenden nicht infrage stellt.

Wenn es jedoch innerhalb der Elite zu einem Kampf bis aufs Messer kommt, wenn die eine Seite der anderen die schlimmsten Dinge nachsagt, wenn jeglicher Kompromiss ausgeschlossen ist, dann ist Gefahr im Verzug. Die Stabilität des Systems erodiert.

Wenn also — um wieder am Beispiel zu argumentieren — die Gegner des Präsidenten Trump dessen Russland-Diplomatie offen als „Verrat“ brandmarken und sich in eine hysterische Kampagne hineinsteigern, wenn sie den Konflikt auf offener Bühne und in aller Rücksichtslosigkeit austragen, dann zertrümmern sie die Geschäftsgrundlage des ganzen Regierungsmodells. Sie setzen jegliche Glaubwürdigkeit, jegliches Vertrauen aufs Spiel. Derart zerschlagenes Porzellan lässt sich kaum wieder kitten. Der Erosionsprozess ist unumkehrbar.

Was sich derzeit im politischen System der USA abspielt, hätte einem nüchternen und um politische Rationalität bemühten Analytiker wie Walter Lippmann einiges abverlangt.

  • Was hätte er wohl zu „Russiagate“ gesagt, jenem ebenso unbegreiflichen wie unerträglichen politischen Trommelfeuer, jener schrillen eliten-internen Hysterie, die in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Fakten- und Beweislage steht?
  • Wie hätte er die Machenschaften der Geheimdienste, allen voran der Intelligence-Abteilung des FBI, im Hinblick auf den offenkundig unerwünschten Donald Trump kommentiert?
  • Ist ernstlich vorstellbar, dass er sich auf die Seite der „CIA-Demokraten“ (17) geschlagen und ein missliebiges Wahlergebnis mit der „Kriegshandlung“ einer feindlichen Macht erklärt hätte?

Einen abermaligen, aber sicher nicht seinen letzten Höhepunkt erreichte das wilde Um-sich-Beißen der Elite nach dem Trump/Putin-Gipfel. Thomas Friedman beispielsweise, der ebenso einflussreiche wie berüchtigte „New York Times“-Kolumnist, glaubte allen Ernstes, jeden einzelnen republikanischen Abgeordneten — und mit ihnen jeden einzelnen Bürger seines Landes — vor folgende Wahl stellen zu dürfen: „Bist du auf der Seite von Trump und Putin oder auf der Seite der CIA, des FBI und der NSA?“

Die Ungeheuerlichkeit dieses Ansinnens ist bislang kaum angemessen gewürdigt worden. Es handelt sich um den völlig unkaschierten Versuch, den Deep State gegen die immerhin legitime, weil gewählte Regierung in Stellung zu bringen.

Damit wird die US-Verfassung von den Füßen auf den Kopf gestellt. Denn: Nicht der Präsident muss den „Diensten“ berichten, sondern sie ihm. Nicht der Präsident muss den „Diensten“ Rechenschaft ablegen, sondern sie ihm. Nicht der Präsident ist den „Diensten“ zur Loyalität verpflichtet, sondern sie ihm. Wenn Trump dekretiert, dass Russland nicht „unser Feind“ ist, dann haben die „Dienste“ sich dem zu fügen. Alles andere wäre der erste Schritt zum Coup d’État (18).

Wie jede Krise, so hält auch diese mindestens zwei Möglichkeiten bereit. Sie kann Neues und Besseres hervorbringen, oder sie kann im Desaster enden. Beginnen wir mit dem Positiven!
Ich hatte es schon kurz angesprochen:

Was von den verfeindeten Kräften in ihrem erbitterten Machtkampf derzeit an Propaganda geboten wird, verfängt immer weniger. Es läuft immer öfter ins Leere. Wenn Propaganda ohne weiteres als Propaganda zu durchschauen ist, verpufft ihre Wirkung. Das Publikum wendet sich gelangweilt oder angewidert ab.

Für uns, die wir die unappetitliche Schlacht von diesseits des Atlantiks verfolgen, bietet sie – abgesehen von einem gewissen Unterhaltungswert und steigendem Popcorn-Konsum – keinerlei intellektuelle Herausforderung.

Egal, ob „Russiagate“ in den Trump-geschüttelten USA oder „Nowitschok“ im Brexit-geschüttelten United Kingdom (weitere Beispiele ließen sich anfügen) — ungeachtet ihrer Allgegenwart und ohrenbetäubenden Lautstärke ist diese Art der Propaganda derart überdreht, maßlos, inkohärent, kurzum: von solch idiotischer Besessenheit, dass sie kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlockt. Die Performance ist von so bestürzend miserabler Qualität, dass man beinahe Mitgefühl für die subalternen Stoßtrupps entwickeln möchte, die sich diesen Irrsinn Tag für Tag ausdenken müssen.

Es ist pure Zeitverschwendung, wenn rationale Kritiker dieses politischen Schmierentheaters jeder neuen propagandistischen Umdrehung, jeder neuen Tatarenmeldung, jedem neuen Täuschungsmanöver gewissenhaft nachspüren und mit sachlichen Argumenten beizukommen versuchen. Die Auseinandersetzung damit lohnt sich nicht. Gäbe es im Westen noch so etwas wie einen gesellschaftlichen Diskurs — ja, dann vielleicht. Aber so?

Die Lächerlichkeit des Schauspiels, der Panikmodus der Akteure, ihre offenkundige Unfähigkeit, tatsächliche Krisen zu bewältigen, dazu ihre obsessive Beschäftigung mit Pseudo-Krisen, bieten der System-Opposition, zumal in den USA, ungeahnte Chancen. Die großen politischen Alternativen, also die grundlegende Veränderung des Systems und die nachhaltige Stärkung der Input-Demokratie, sind vielleicht näher, als manche glauben möchten.

Es besteht kein Grund, vor den gegenwärtig noch dominanten Kräften in Ehrfurcht zu erstarren. Sie sind ratlos, sie sind angeschlagen, sie agieren nicht wie erwachsene, verantwortungsbewusste Menschen, sondern wie Halbwüchsige auf dem Schulhof. Man kann sie intellektuell, argumentativ oder ideologisch nicht mehr ernstnehmen. Insofern braucht auch niemand Angst vor ihnen zu haben.

Und doch – und damit kommen wir zur negativen Seite: Unterschätzen darf man sie auch nicht! Wieder muss man in diesem Zusammenhang an Sheldon Wolin erinnern. Er hatte sein Buch über den „umgekehrten Totalitarismus“ noch während der Präsidentschaft George W. Bushs geschrieben. Kurz nach der Wahl Obamas, die weithin mit großen Hoffnungen verknüpft wurde, legte er eine aktualisierte Neuauflage vor, in der er eine ätzend-realistische und aus heutiger Sicht geradezu prophetische Einschätzung dieses Präsidenten präsentierte. Den Aufstieg Donald Trumps hat Wolin nicht mehr erlebt. Doch er hätte ihn nicht überrascht. Er hätte ihn zwar nicht für zwangsläufig, aber folgerichtig gehalten.

Gegen Ende seines 93 Jahre währenden Lebens hat Sheldon Wolin eine Mahnung ausgesprochen, die man als sein Vermächtnis begreifen kann: Sollte der „umgekehrte Totalitarismus“ irgendwann an Grenzen stoßen, sollte die Bevölkerung ungehalten, widerspenstig und ungehorsam werden, sollte die Systemfrage auf die Tagesordnung kommen, dann werden die Masken der Eliten fallen. Sie werden in ihrem Abwehrkampf zu genau jenen Mitteln greifen, die wir aus dem klassischen Totalitarismus kennen: Gewalt und Repression. Die Aggressivität, die das Außenverhalten des Staates schon seit langem kennzeichnet, wird sich nach Innen kehren.

Es mehren sich die Anzeichen, dass Sheldon Wolin auch mit dieser düsteren Prognose Recht behalten könnte. Und, so glaube ich: Ein redlicher und selbstkritischer Intellektueller wie Walter Lippmann hätte seiner Einschätzung mit hoher Wahrscheinlichkeit zugestimmt.


Quellen und Anmerkungen

(1) Giovanni Sartori, Demokratietheorie. Darmstadt 1992
(2) Walter Lippmann, Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird. Herausgegeben von Walter Otto Ötsch und Silja Graupe. Frankfurt/Main 2018, S. 319f.
(3) Das ist eine der Kernthesen von Jacques Ellul, The Political Illusion. New York 1967
(4) Daniel Ellsberg, The Doomsday Machine. Confessions of a Nuclear War Planner. London/New York 2017, S. 195
(5) David Talbot, Das Schachbrett des Teufels. Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg von Amerikas heimlicher Regierung. Frankfurt/Main 2016, S. 551
(6) David Halberstam, The Powers that Be. Urbana/Chicago 2000, S. 546-548
(7) https://www.rubikon.news/artikel/der-transatlantiker
(8) C. Wright Mills, Die amerikanische Elite. Gesellschaft und Macht in den Vereinigten Staaten, Hamburg 1962
(9) http://www.unz.com/article/political-sciences-theory-of-everything/
(10) https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/jimmy-carter-u-s-is-an-oligarchy-with-unlimited-political-bribery-63262/
(11) Ron Formisano, American Oligarchy. The Permanent Political Class. Champaign, Illinois 2017
(12) https://www.cambridge.org/core/journals/perspectives-on-politics/article/testing-theories-of-american-politics-elites-interest-groups-and-average-citizens/62327F513959D0A304D4893B382B992B/core-reader
(13) https://www.truthdig.com/articles/sheldon-wolin-and-inverted-totalitarianism/
(14) Sheldon S. Wolin, Democracy Incorporated. Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism. Princeton/Oxford 2008
(15) https://www.monmouth.edu/polling-institute/reports/monmouthpoll_us_031918/
(16) https://www.zerohedge.com/news/2018-07-19/gallup-shows-how-much-americans-really-care-about-situation-russia
(17) https://www.wsws.org/de/articles/2018/07/30/dems-j30.html
(18) https://nationalinterest.org/feature/trump-putin-summit-and-reliving-cold-war-26201?page=0%2C1


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Aug 012018
 
Klagemauer TV entlarvt Verderben bringende Medienlügen zu CO2

Die Lüge der Hauptmedien beginnt bei der Vortäuschung ihrer Vielfalt, obgleich sie sich doch bald weltweit in nur noch einer Hand befinden. Durch konsequente Unterdrückung von Gegenstimmen erhalten sie brandgefährliche Lügen aufrecht. Doch immer mehr Leute durchschauen den Schwindel und kündigen die Abos. Die ganz großen Meinungsmacher allerdings lassen sich nicht so leicht abschütteln. Sie erhalten sich mittels Zwangsgebühren zumindest technisch weiter am Leben.

Aug 012018
 
Neoliberalismus und die Schaffung eines Systems
der organisierten Verantwortungslosigkeit

Diese Entwicklungen des Unsichtbarmachens der tatsächlichen Zentren politischer Macht haben im Gefolge des Neoliberalismus, als einer Extremform des Kapitalismus, einen weiteren Höhepunkt erreicht. Zum einen hat der Neoliberalismus eine Ideologie geschaffen, welche die bewußten Entscheidungen der Eliten als bloße Konsequenzen rationaler Naturgesetzlichkeiten eines (fiktiven) ‚freien Marktes‘ deklariert und sie damit jeder Verantwortlichkeit entzieht. Zum anderen wurden im Gefolge des Neoliberalismus neue Arten politischer Akteure geschaffen: nämlich Großkonzerne als wirkmächtigste politische Akteure. Diese wurden im Zuge einer vorgeblich gleichsam naturgesetzlichen Entwicklung, der sog. ‚Globalisierung‘, mit Rechten ausgestattet, die sie vollkommen einer demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht entziehen und sie zu den ‚perfektesten‘ totalitären Strukturen machen, die je in der Kulturentwicklung geschaffen wurden.

Dieser Prozeß stellt im Effekt nichts anderes dar als eine systematische Verrechtlichung der organisierten Kriminalität der besitzenden Klasse. In seinem Rahmen wurden und werden systematisch Mechanismen geschaffen, durch die sich ökonomische Macht in politische Macht transformieren lässt (und umgekehrt politische Macht wieder in ökonomische). Auf diese Weise ist es zu einer gigantischen Machtverschiebung von Regierungen zu Großkonzernen gekommen, so dass die tatsächlichen Zentren der Macht nun noch viel schwerer erkennbar sind als je zuvor.

Das ist gerade der Kern der neoliberalen Revolution ‚von oben‘- einer Revolution, die sich nicht nur auf den Bereich der Wirtschaft beschränkt, sondern die das gesamte gesellschaftliche Leben umfasst und auf die Schaffung eines neuen Menschen, eines auf eine Konsumentenrolle reduzierten Menschen zielt, der seine freiwillige Knechtschaft als höchstes Glück ansieht.

Neoliberalismus als totalitäre Ideologie

Im Neoliberalismus lassen sich leicht typische Merkmale von Totalitarismus identifizieren, also Merkmale autoritärer Formen von Herrschaft, die alle sozialen Lebensverhältnisse durchdringen.

Als Prototyp des Totalitarismus läßt sich der Faschismus ansehen. Obwohl sowohl Faschismus wie Neoliberalismus einen totalitären Charakter aufweisen, unterscheiden sie sich wesentlich in Zielsetzung und Charakter – beispielsweise ist der Neoliberalismus auf ‚Globalisierung‘ angewiesen, der Faschismus auf einen nationalen Rahmen. Gleichwohl lassen sich strukturell einige Gemeinsamkeiten identifizieren.

Eine vergleichende Betrachtung kann auch dazu beitragen, besser zu verstehen, warum sich gerade Vertreter des Neoliberalismus bisweilen von den Möglichkeiten totalitärer Herrschaftsformen fasziniert zeigen.

Beide, Neoliberalismus und Faschismus, verbindet ein Hass auf „1789“, also auf die sozialen und politischen Errungenschaften der Aufklärung. 1789 wurden durch die französische Nationalversammlung die Bürger- und Menschenrechte verabschiedet. Aus der Perspektive des Neoliberalismus und des Faschismus steht das Jahr 1789 für Sozialstaat und egalitäre Demokratie.

Beide verbindet ein Sozialdarwinismus mit seiner Verglorifizierung der Starken und seiner Verachtung der sozial Schwachen. Beide sind elitär und teilen eine Verachtung des Volkes. Beide verlangen eine Anpassung und vollständige Unterordnung unter eine Fiktion, den ‚freien Markt‘ auf der einen Seite, das ethnisch homogene ‚Volk‘ auf der anderen Seite.

1789 und die Errungenschaften der Aufklärung

Worum handelte es sich bei den durch „1789“ symbolisierten Positionen, die zwei so unterschiedliche totalitäre Systeme wie Neoliberalismus und Faschismus zu ihrem Hauptgegner gemacht haben?

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die 1789 von der französischen Nationalversammlung beschlossen wurde, formuliert in ihren 17 Artikeln grundlegende Bestimmungen über natürliche und unveräußerliche Rechte von Menschen und über die Beziehung von Menschen und Staat. In der Präambel legen „die Vertreter des französischen Volkes, als Nationalversammlung konstituiert“ dar, dass sie „unter der Berücksichtigung, dass das Vergessen oder Verachten der Menschenrechte die alleinigen Ursachen des öffentlichen Unglücks und der Verderbtheit der Regierungen sind“ eine Erklärung über die natürlichen und unveräußerlichen Rechte der Menschen beschließen. Hierzu gehören:

Artikel 1: Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.

Artikel 2: Der Zweck jeder politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Menschenrechte. Das Ziel einer jeden politischen Vereinigung besteht in der Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Menschenrechte. Diese Rechte sind Freiheit, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.

Artikel 3: Der Ursprung jeder Souveränität liegt ihrem Wesen nach beim Volke. Keine Körperschaft und kein Einzelner kann eine Gewalt ausüben, die nicht ausdrücklich von ihm ausgeht.

Artikel 6: Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens. Alle Bürger haben das Recht, persönlich oder durch ihre Vertreter an seiner Gestaltung mitzuwirken. Ob es schützt oder straft: es muss für alle gleich sein. Da alle Bürger vor ihm gleich sind, sind sie alle gleichermaßen, ihren Fähigkeiten entsprechend und ohne einen anderen Unterschied als den ihrer Eigenschaften und Begabungen, zu allen öffentlichen Würden, Ämtern und Stellungen zugelassen.

Ebenso wie ihre amerikanischen Vorbilder legt die französische Menschenrechtserklärung eine Universalität der Menschenrechte zugrunde. Dies bedeutet: Sie müssen nicht erst geschaffen und gewährt werden.

Diese Erklärung von 1789 formulierte ein radikales und folgenreiches politisches Programm. Denn die naturrechtliche Gleichheit aller Menschen und die sich daraus ergebenden Rechte können nur durch eine konsequente Demokratisierung und radikale soziale Reformen gesellschaftlich umgesetzt werden. Von den Nutznießern der herrschenden Ordnung wurde sie daher ebenso entschieden bekämpft wie von all jenen, die eine tiefe Verachtung des Volkes hegen und eine Elitenherrschaft für die einzig ‚vernünftige‘ Herrschaftsform halten. Das lässt den Hass verstehen, den gleichermaßen  Neoliberalismus wie Faschismus gegen das durch „1789“ symbolisierte Denken hegen.

Im Kern der Aufklärung steht das Ziel, den menschlichen Geist aus den Fesseln seiner Vorurteile zu befreien und aus vernunftfähigen Menschen vernünftige Menschen, und somit auch mündige Bürger, zu machen. Aus dem Denken der radikalen Aufklärung lassen sich eine Reihe zentraler Prinzipien herausarbeiten. Das wichtigste Prinzip läßt sich als humanitärer Universalismus bezeichnen, nämlich die Anerkennung einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen. Der Mensch hat, Kant zufolge, „nicht bloß einen relativen Wert, d. i. einen Preis, sondern einen inneren Wert, d. i. Würde“. Er kann daher keinen „Marktpreis“ haben, weil er als „Person“, d.h. als autonomes vernunftbegabtes Wesen, „Zweck an sich selbst“ ist und niemals als bloßes Mittel für die Interessen anderer ‚verzweckt‘ werden darf.

Ein universeller Humanismus schließt alle Ideen einer Vorrangstellung der eigenen biologischen, sozialen, kulturellen, religiösen oder nationalen Gruppe aus, insbesondere also Rassismus, Nationalismus oder Exzeptionalismus.

In enger Beziehung damit steht ein weiteres Prinzip, nämlich das Recht auf politische Selbstbestimmung. Jeder Bürger soll einen angemessenen Anteil an allen Entscheidungen haben, die das eigene gesellschaftliche Leben betreffen. Alle Bürger haben somit ein Recht auf umfassende demokratische Mitwirkung an allen relevanten gesellschaftlichen Aspekten. Zentrale Bereiche einer Gesellschaft, insbesondere die Wirtschaft, dürfen nicht von einer demokratischen Legitimation und Kontrolle  ausgeklammert werden. Alle Machtstrukturen haben ihre Existenzberechtigung nachzuweisen und sich der Öffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen, sonst sind sie illegitim und somit zu beseitigen.

Ein weiteres wichtiges Prinzip lässt sich als moralischer Universalismus bezeichnen: Moralische Kriterien, nach denen wir Handlungen anderer bewerten, müssen wir auch zur Bewertung unserer eigenen Handlungen heranziehen.

Gegen diese Prinzipien entwickelten sich von Anfang an gewaltige Widerstände in verschiedenen Strömungen der sog. Gegenaufklärung. Die Gegenaufklärung ist gerade durch ein Negieren dieser Prinzipien gekennzeichnet, insbesondere durch Haltungen, die eine prinzipielle Vorrangstellung der eigenen biologischen, sozialen, kulturellen, religiösen oder nationalen Gruppe zum Ausdruck bringen. Neoliberalismus und Rechtspopulismus bilden, aus unterschiedlichen Perspektiven, heute wesentliche ideologische Zentren einer Gegenaufklärung.

Die Prinzipien und Ideen der radikalen Aufklärung reichen in ihrem Kern weit in die Ideengeschichte zurück. In der Zeit der Aufklärung wurden sie indes besonders prägnant formuliert. Seitdem wurden sie kontinuierlich verfeinert und in viele Richtungen weiterentwickelt. Sie stellen die wohl größten gesellschaftlichen Errungenschaften dar, die wir in dem mehr als 2000jährigen Kampf für eine menschenwürdigere  Gesellschaft gewonnen haben. Heute, in der Zeit einer radikalen Gegenaufklärung, sind sie im öffentlichen Diskussionsraum praktisch vergessen worden, sie wurden ihrer Radikalität beraubt und sind zu bloßer ‚Aufklärungs‘-Rhetorik politischer Festansprachen verkommen. Dadurch stehen sie uns als Leitideen, mit denen wir unsere Erfahrungen gedanklich organisieren können und mit denen wir unsere Veränderungsenergie kollektiv bündeln und wirksam machen können, praktisch nicht mehr zur Verfügung. Wir sind nicht nur sozial fragmentiert, wir sind entpolitisiert, wir sind weitgehend in politische Apathie und Resignation getrieben, und wir sind vom Besten unserer sozialen Ideengeschichte entwurzelt worden. Warum? Damit wir politisch orientierungslos bleiben und damit wir vergessen, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Zu den bedeutendsten Beiträgen einer solchen Weiterentwicklung gesellschaftspolitischer Ideen der Aufklärung gehören die Arbeiten von Ingeborg Maus. Maus hat das Kernprinzip der Demokratie, nämlich die Verbindung von Volkssouveränität, Menschenrechten und Rechtsstaat, sorgfältig aus den Ideen der radikalen Aufklärung rekonstruiert und nimmt es  in seinen radikalen Implikationen für eine Demokratietheorie ernst.

Das sind keine Folgen zufälliger Entwicklungen, sondern Erfolge einer jahrzehntelangen systematischen Indoktrination durch die herrschenden Eliten. Mehr als 50 Jahre Elitendemokratie haben uns gezeigt, wohin dieser Weg führt. Es ist der Weg der Zerstörung. Der Zerstörung von Gemeinschaft, der Zerstörung der Idee von Gemeinschaft, der millionenfachen Zerstörung von Leben, der Zerstörung von kultureller und zivilisatorischer Substanz – vor allem in der Dritten Welt – und der Zerstörung unserer ökologischen Grundlagen. Die Nutznießer dieser Zerstörung haben keinen Grund, diesen Weg der Zerstörung zu ändern. Die dazu notwendige Veränderungsenergie kann nur von unten kommen – von uns. Das ist unsere Aufgabe und das ist unsere Verantwortung.


Quelle

Rainer Mausfeld, Die Angst der Machteliten vor dem Volk, Demokratie-Management durch Soft Power-Techniken, Seite 33 bis 39
https://www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/pubs/Mausfeld_Die_Angst_der_Machteliten_vor_dem_Volk.pdf
Vortragsausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack&feature=youtu.be&t=1h28m1s


Link
Jul 282018
 

Die Stigmatisierung von Skeptikern dient den Profitinteressen der Konzerne

Das verheerendste am gefürchteten Klimawandel ist, meiner Meinung nach, der Umgang mit dem Begriff „Klimawandel“ an sich. Er wird als Webstuhl für eine Storyline benutzt, die der Verhinderung, Verfälschung und Ablenkung vom dem, was wirklich nach Handlungsbedarf drängt, dient. Es geht bei den eifrig erstellten Klimaberichten nicht in erster Linie um den Schutz unseres Lebens, es wird vielmehr ein Kontext erzeugt, der einem übersättigten ökonomischen System neue Möglichkeiten und Absatzfelder verschafft auf Kosten der Menschheit rund um den Globus.

Der so genannte menschengemachte Klimawandel und die zugrunde liegende Treibhaustheorie sind bis dato immer noch fachlich umstrittene und mit Fehlern behaftete Hypothesen, die auf von Computern errechneten möglichen Szenarien beruhen. Doch eines wurde durch das öffentliche Durchpressen dieser wackeligen Konstruktion leider schon erreicht: nämlich, dass der Blick von den gewaltigen, bereits bestehenden Zerstörungen unserer Umwelt, die dringend unserer Aufmerksamkeit bedürfen, fortgelenkt wird.

Ist Ihnen beim Lesen der obigen Zeilen auch gleich dieser eine bestimmte Begriff auf der Zunge gelegen?

Es ist ein leichtes, doch schmerzliches Zusammenzucken, das einen ergreift, wenn der Begriff „Klimawandel-Leugner“ in einem Gespräch fällt. Ein aufgebrachter Tonfall, ein empörter Gesichtsausdruck und verachtende Missbilligung in den Augen, sie untermalen die Frage des Gegenübers: “Willst du etwa sagen, dass es gar keinen Klimawandel gibt?!“

Nein, so weit wollte ich ja gar nicht gehen. Ich wollte nur einmal laut darüber nachdenken, darüber sprechen, meine eigenen Beobachtungen mit denen anderer vergleichen, unterschiedliche Fakten sammeln und mir eigene Gedanken dazu machen. Welch ein frommer Wunsch, muss ich feststellen, denn im öffentlichen Raum ist dies fast unmöglich. Ich habe auch gelernt, dass es besser ist, nicht mit solch einem Ansinnen in sozialen Medien unterwegs zu sein, da man sonst unter einer Flut von Hates und Dislikes begraben wird: “Klimawandel-Leugner!!“

Doch woher kommt diese reflexartige und heftige Abwehr? Wie entsteht die deutliche Ablehnung breiter Massen, sich gedanklich auch nur bis in die Nähe einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu begeben? Wieso wird die Erzählung vom menschengemachten Klimawandel so bereitwillig als Paradigma aufgenommen, obwohl es nicht wenige renommierte Wissenschaftler gibt, die Fehler in den Studien aufzeigen und zu anderen Schlüssen kommen? Und vor allem: Warum erzeugen kritische Äußerungen so häufig eine extrem hohe emotionale Abwehrspannung?

Verhinderung

Geläufige Begriffspaare mit „Leugner“ am Ende finden sich in unserer Sprache nicht viele. Doch gibt es sehr wohl ein prominentes und ausdrucksstarkes, für die Auseinandersetzung mit unserer Geschichteprägen des Begriffspaar: „Holocaust-Leugner“.

Dieser Begriff bezeichnet das Bestreiten oder die weitgehende Verharmlosung des Holocaust. Den Holocaust in Frage zu stellen, stellt einen politisch und moralisch verwerflichen Akt dar, der im gesellschaftlichen wie politischen Umfeld verurteilt und sogar geahndet wird. Es geht hier nicht um eine inhaltliche Verbindung zweier völlig verschiedener Themen, sondern darum, dass rein begrifflich gesehen durch die Verwendung des Wortes „Leugner“ eine Nähe, ein Bezug zu einem bestimmten Gefühl, einer bestimmten Haltung hergestellt wird.

Die dem Begriff „Holocaust-Leugner“ innewohnende Missbilligung und Verurteilung sowie die daraus resultierende emotionale Wirkung wird also sprachlich, durch die Verknüpfung eines beliebigen Begriffs mit dem Wort „Leugner“, auf diesen übertragen.

Das „Leugner“ in „Klimawandel-Leugner“ zielt in seiner Wortkonstruktion eben auf diesen gefühlsmäßig stark negativ besetzten Hintergrund des Begriffs „Leugner“ ab. Wer möchte in der Folge also schon gerne als Leugner bezeichnet werden? Der Leugner-Begriff funktioniert ebenso zuverlässig wie ein Elektrozaun. Wer die Denkbarriere übertritt und öffentlich seine Skepsis äußert, wird mit einem empörten “Klimawandel-Leugner!“ pariert. Damit ist dann alles gesagt.

Neben dem „Klimawandel-Leugner“ ist auch vom „Klima-Skeptiker“ die Rede. Dieser ist von jeder Nähe zum Leugner befreit, stellt aber ebenfalls eine Titulierung, eine Zuschreibung dar, die mit einer klar ablehnenden und abwertenden Konnotation behaftet ist. Auf diese Art können in die Öffentlichkeit eingebrachte kritische Betrachtungen abgebogen, verhindert oder unterbunden werden- einfach per Hinzufügen eines bereits emotional besetzten Begriffs, der einem anderen, einen ganz bestimmten Beigeschmack anheften kann. So setzt dann zuverlässig die in der Öffentlichkeit vorbereitete, emotionale, reflexhafte Abwehr ein, bevor es überhaupt zu einer Auseinandersetzung kommen kann. Der „Leugner“-Begriff macht es möglich, einen Denk-Bann auf fast jedes beliebige Thema zulegen.

Machen wir es uns besser noch einmal ganz bewusst, dass überhaupt nichts verwerflich daran ist, Fragen zu stellen, präsentierte Fakten anzuzweifeln und diese überprüfen und diskutieren zu wollen. Ganz im Gegenteil: Sollte nicht der Fragende, der Skeptiker, derjenige, der sich mit der Welt auseinandersetzt, gesellschaftliche Anerkennung erfahren? Es sind unter anderem genau diese Qualitäten, die wir in unserer Gesellschaft brauchen!

Denn sie sind der Kern eines demokratisch geführten Diskurses, der Entwicklung und Erkenntnis befördert und die Grundlage bildet, auf der wissenschaftliches Arbeiten und forschendes Denken erst gedeihen können. In Zeiten, in denen das Postfaktische auf so mächtige Weise Verbreitung findet, ist es geradezu Pflicht für jedermann, genau zu prüfen und zu hinterfragen, was und von wem ihm an Informationen angeboten wird und wem oder wozu diese dienlich sein könnten.

Verfälschung

Das Bewusstsein für den proklamierten kritischen Anstieg des CO2-Werts hat uns unter anderem die Energiesparlampen, die Begrenzung der Wattzahl für etliche Elektrogeräte, das Wissen um unseren ökologischen Fußabdruck und einen großen Boom bei den erneuerbaren Energien beschert. CO2, Kohlenstoffdioxid, ist ein Spurengas und besteht aus der chemischen Verbindung von Kohlenstoff und Sauerstoff. Kohlendioxid ist in Wasser löslich und uns im Alltag als Kohlensäure (umgangssprachlich) gut bekannt. Sie sorgt in Sprudelgetränken für den frischen Zisch. Kohlenstoff und Sauerstoff sind zwei der Grundstoffe, die Leben von Grund auf erst möglich machen.

Ihre Stoffkreisläufe bauen aufeinander auf und bedingen sich gegenseitig. Pflanzen benötigen zur Photosynthese Kohlenstoffdioxid und produzieren dabei Sauerstoff. Was die Umwelt, inklusive dem Menschen, an Kohlenstoffdioxid abgibt, wandeln die Pflanzen in für uns lebenswichtigen Sauerstoff um. Das Ökosystem ist so genial aufgebaut, dass das ausgeschiedene Stoffwechselprodukt des einen, jeweils zum Lebenselement für den andern wird.

Müsste das nicht bedeuten, dass eine umso größere Kohlendioxidmenge, die die Pflanzen zu Sauerstoff umwandeln, für den Menschen ein Mehr an jenem für ihn lebenswichtigem Sauerstoff bedeutet? Doch welche CO2-Menge ist hierbei von der Vegetation zu bewältigen? An verschiedenen Universitäten weltweit, zum Beispiel in Amerika, in der Schweiz und in Neuseelandinteressierte man sich ganz speziell für die Auswirkung von CO2 auf die Vegetation.

In Deutschland haben die Universtäten in Gießen (1) und Geisenheim(2) in eigenen Versuchsanlagen dazu geforscht. Dort wurden so genannte FACE (Free Air Carbon Dioxide Enrichment) Versuche durchgeführt, bei denen verschiedene Nutzpflanzen im Freiland durch Begasungsanlagen unterschiedlichen Konzentrationen an Kohlendioxid ausgesetzt wurden. Dem vorausgegangen waren schon seit längerer Zeit Versuche mit der Einführung von CO2-Mengen in geschlossene Systeme, also in Gewächshäuser. Diese zeigten, dass sich dort eine Düngung mit CO2 sehr positiv auf den Ertrag und die Effizienz der Pflanze auswirkte.

Auch die Freilandversuche sind gut dokumentiert und ihre Auswertung sehr aussagekräftig. „Eine Meta-Analyse über 15 Jahre ergab einen Anstieg der Produktion von 5 bis 7 Prozent bei Reis und 8 Prozent bei Weizen. In Australien wurde – je nach Pflanze – sogar eine Biomassenzunahme von 20 bis 49 Prozentbeobachtet, (…) (3).“ Zum Beginn des 19. Jahrhunderts soll der CO2-Wert in unserer Atmosphäre nur 280 ppm („Parts per million“, ein Millionstel) betragen haben und hat sich bis zum Jahr 2015 auf 400 ppm erhöht.

Wie bedenklich ist nun eigentlich dieser Anstieg? „Aus den Röhren wird je nach Windrichtung und -stärke Kohlenstoffdioxid geblasen. Innerhalb der Versuchsfläche ergibt sich so eine vordefinierte Kohlenstoffdioxidkonzentration. Dies kann ein Fixbetrag über der Normalkonzentration (meist +200 ppm) sein, meist ist es jedoch ein festgelegter Wert, der je nach Versuch zwischen 475 und 660 ppm liegt. Dies sind Werte, die zum Beispiel am Ende des Karbonzeitalters vor rund 300 Millionen Jahren herrschten und nach einigen Berechnungen auch für Ende des 21. Jahrhunderts erwartet werden (4).“ „Das in der natürlichen Umgebungsluft enthaltene CO2 liegt mit einem Anteil von derzeit ca. 400 Teile pro Million (Parts per Million = ppm) unterhalb des für C3-Pflanzen wie Weizen, Roggen oder Reis zum Wachstum optimalen Anteils von ca. 800 bis 1000 ppm.

Wird den Pflanzen zusätzliches Kohlenstoffdioxid zur Verfügung gestellt, können die Pflanzen besser beziehungsweise schneller wachsen (5). “Eine andere Referenzgröße, um sich ein Bild davon zu machen, ab wann eine kritische CO2-Konzentration erreicht sein könnte, gibt folgendes Beispiel. Nach der Klassifizierung der Raumluftqualität (Empfehlung für Schule) nach DIN EN 13779 von 2007 bis 2009, wird bei einer absoluten CO2-Konzentration in der Innenraumluft von bis zu 800 ppm, dem Raumklima eine hohe Raumluftqualität zugesprochen. Bei 800 bis 1000 ppm CO2-Konzentration spricht man immerhin noch von einer mittleren Raumluftqualität (6).

Selbst in einem geschlossenen Raum sind also diese vergleichsweise hoch erscheinenden Konzentrationen aushaltbar. Durch einfaches Lüften kann die CO2-Konzentration umgehend wieder gesenkt werden. Einer Erderwärmung durch erhöhte Konzentrationen an CO2, wie bei der Treibhaustheorie des Weltklimarats beschrieben, steht die Beobachtung einer Verringerung der Sonnenflecken und einer damit einhergehenden abnehmenden Sonnenaktivität gegenüber. Dies deutet dann aber statt auf eine gewaltige, sprunghafte Erderwärmung, auf eine merkliche Abkühlung des Erdklimas und gar auf das Heraufdämmern einer kleinen Eiszeit hin (7).

Es gibt viele interessante Aspekte und Fragen im Zusammenhang mit dem Klima, die es zu kennen und zu bedenken lohnt. Doch in der veröffentlichten Storyline über den menschengemachten Klimawandel sind diese kaum zu finden.

Die öffentliche Darstellung, die weitgehend vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem Weltklimarat, ausgegeben wird, ist und bleibt einseitig und es wird deutlich, dass kein Interesse an einer breitgefächerten Betrachtung und Diskussion des Themas besteht.

Renommierte Wissenschaftler, die vor Jahren zunächst dem Weltklimarat in der Entwicklung und Darstellung der Treibhaustheorie folgten, relativieren heute ihre damaligen Aussagen. So zum Beispiel Prof. von Storch, als „Klima-Realist“ auf Platz 81 der 100 einflussreichsten Deutschen genannt(8). Er wird wie folgt von Wikipedia zitiert: „Er geht von der Existenz eines hauptsächlich durch Menschen verursachten Klimawandels aus, bezweifelt jedoch die Nachhaltigkeit einer seiner Meinung nach zu alarmistischen Position. Wissenschaftler und wissenschaftliche Institutionen sollten Wissen schaffen. Wenn sie stattdessen mit vereinfachten und simplifizierten Äußerungen – ähnlich Interessenverbänden – versuchten, eine Agenda im Namen des Guten durchzusetzen, würden sie den längerfristigen Erfolg ihrer Arbeit gefährden (9).“

In einem aufschlussreichen Spiegel-Gespräch vom Juni 2013 sagte Prof. von Storch:“ Wir stehen vor einem Rätsel, seit 15 Jahren steigt die Temperatur nicht mehr an. Sollte die globale Erderwärmung weitere 5 Jahre pausieren, steckt in den Modellen ein fundamentaler Fehler – und die Vorhersagen müssten korrigiert werden (10).“

Gerhard Gehrlich und Ralf D. Teuschne, beide von der TU Braunschweig, haben 2009 ein sehr lesenswertes Papier mit dem Titel „Falsifizierung der atmosphärischen CO2-Treibhauseffekte im Rahmen der Physik“ herausgebracht. Dort ist in der Zusammenfassung zur Treibhauseffekttheorie folgendes zu lesen: “Nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kann eine solche planetare Maschine niemals existieren.

Trotzdem wird in fast allen Texten der Globalklimatologie und in einer weit verbreiteten Sekundärliteratur stillschweigend vorausgesetzt, dass ein solcher Mechanismus physikalisch möglich ist (11).“Weiter im Text halten die Autoren im Abschnitt „Diese Arbeit“ fest: „Wenn man jedoch unter Verwendung der Suchbegriffe ,Glashaus-Effekt‘, ,Treibhauseffekt‘, usw. in den klassischen Lehrbüchern der Experimentalphysik oder Theoretischen Physik nachschlägt, so stellt man – möglicherweise zu seiner Überraschung und Enttäuschung – fest, dass dieser Effekt nirgendwo beschrieben wird, mit wenigen Ausnahmen, wo in aktualisierten Auflagen plötzlich Werke aus der Klimatologie zitiert werden (12).“

Solch wichtige Aussagen und Anmerkungen von Fachleuten werden aber völlig ignoriert oder verschwiegen.

Es ist meiner Meinung nach auch ein Zeichen fehlender Seriosität, wenn jene Wissenschaftler, die auf die Fehler, der tatsächlich eigens zur Untermauerung der Treibhaustheorie angefertigten Studien, hinweisen und weitere Fakten in die Diskussion einbringen, öffentlich, fachlich und persönlich diskreditiert werden, statt einen sachlichen Austausch mit ihnen anzustreben.

Entsteht denn nichtgenau auf diese Art der Eindruck, dass das nicht zugelassen werden soll, was die nützliche Konstruktion der festgelegten Erzählung stören könnte? Als Beispiel für den Versuch einer massiven Diskreditierung sei Prof. Kirstein genannt, Professor für Geographie an der Universität Leipzig, der seit 40 Jahren im Bereich Klimadynamik forscht. Kirstein ist erfahrener Fachmann und gern gehörter Redner, der in der Öffentlichkeit mit Vorträgen auftritt, in denen er für ein Laienpublikum verständlich, datenbasiert und fachbezogen die gängige Klimathese auf den Prüfstein stellt und relativiert.

Es darf doch nicht um politische Befindlichkeiten gehen, nicht um Profilierungsspielchen von Wissenschaftlern, auch nicht um Profite für große Akteure auf den Märkten– es muss um unsere Erde, um den Schutz und den Erhalt eines einzigartigen ökologischen Systems und schlicht und ergreifend um unser aller Existenz gehen.

Vertuschung

Es sind schlimme Bilder, die zeigen, wie völlig ermattete Menschenschlangen sich durch ein karges Nirgendwo kämpfen, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie leben können. Hitze und Dürre haben ihnen ihre Heimat und ihre Lebensgrundlage genommen, ihre Wasserquellen versiegen lassen, Krankheit und Tod über sie gebracht. Nun sind sie auf der Flucht und hoffen, an einem Ort, an dem sie nicht abgewiesen werden, sich wieder ein Leben aufbauen zu können. Verantwortlich für ihre Misere ist der Klimawandel – so wird uns gebetsmühlenartig vorgetragen.

Wer aber berichtet ebenso häufig von den großen Konzernen wie Nestle, die trotz Dürrekatastrophe in Äthiopien 50.000 Liter Wasser pro Stunde aus dem Boden pumpen, während 42 Millionen Äthiopier keinen Zugang zu sicherem Wasser haben(13)? Wer erzählt von den mit Produktionsabfällen ausländischer Firmen verseuchten Flüssen und den damit für Menschen und Tiere unbewohnbar gewordenen Gebieten Afrikas? Wer berichtet von den sich bislang selbst versorgenden Kleinbauern, die von übermächtigen ausländischen Agrarbetrieben verdrängt werden und daraufhin gezwungen sind, Trinkwasser und Grundnahrungsmittel eben diesen Großerzeugern teuer abzukaufen?

Die Story vom Klimawandel ist eine sehr praktische Erklärung für die Folgen der Ausbeutung von Land und Menschen, da sich hierfür nicht ein Individuum, ein Konzern öffentlich rechtfertigen muss, sondern die Gemeinschaft wird, mit dem Vorwurf ihrer eigenen Gier konfrontiert, als Ganzes verantwortlich gemacht.

Jeder muss sich an seinem ökologischen Fußabdruck messen lassen. Die Gewinne aus der Ausbeutung streichen die Konzerne schamlos ein, doch die moralische Verantwortung wird kollektiviert und an die Konsumenten abgetreten.

Der Kapitalismus, dem dieses Handeln entspringt, unterliegt einer Steigerungslogik. Ohne Steigerung geht er zugrunde. Das, was dem Konsumenten als pure Verbrauchsgier, durch die er sich auch an der erhöhten CO2-Entstehung schuldig macht, zugeschrieben wird, ist genau das Verbrauchssteigerungsverhalten, das der Kapitalismus, seiner Logik folgend, einzufordern und zu befeuern gezwungen ist, damit er sein eigenes Fortbestehen sichern kann. Wie sollen, bei einem dem System unabdingbar stetig ansteigenden Verbrauchs, die CO2-Emissionen in Höhe von 40 Prozent bis ins Jahr 2020 gesenkt werden? Von 1990 bis 2015 gelang es, die Emissionen um ca. 28 Prozent zu senken, bevor sie 2016 wieder leicht anstiegen. Was genau wurde durch den politischen Aktionismus von Subventionierungen und EU-Vorgaben bewirkt, was erreicht, was verbessert?

Ist ihnen einmal aufgefallen, wann und wie oft Sie in den letzten Jahren die Begriffe Umweltverschmutzung, Umweltbelastung oder Umweltzerstörung gehört haben? Die Häufigkeit ihrer Nennung hat zugunsten eines anderen Begriffs deutlich abgenommen: Es ist der Klimawandel.

Unter diesem Sachbegriff aus der Klimatologie wird zur Zeit in der Öffentlichkeit ein Katastrophenszenario konstruiert, das zur Folge hat, dass das bereits bestehende Ausmaß der Zerstörung, der Verschmutzung und der gravierenden Belastung weiter Teile unserer Umwelt, in den Hintergrund und aus dem aktuellen Blickfeld rückt.

Auch wenn man nicht wie ich am menschengemachten Klimawandel zweifeln mag, sollte man bedenken, dass seine argumentative Kraft hauptsächlich auf einer Prognose, einer Möglichkeit durch von Computern simulierte Szenarien beruht. Seine volle Wirkkraft soll sich also erst in einer zeitlich nur zu vermutenden, mittelfristigen Zukunft entfalten. Viele Wetterphänomene werden inzwischen vorauseilend als Anzeichen für den sich vollziehenden Klimawandel gedeutet, wodurch sich die ausgegebenen Katastrophentheorien einfach schon mal selbst bestätigen.

Den Blick nun sorgenvoll in die Zukunft gerichtet und in der Gegenwart nach nichts außer nach Anzeichen für das zu suchen, was laut Storyline gefunden werden soll, übersieht man fatalerweise das Naheliegende. Es gibt nur allzu viele Möglichkeiten um sofort, hier und heute mit der Rettung des Planeten zu beginnen. Die weitaus gravierenderen Probleme liegen nicht in einer simulierten und ungefähr vorausberechneten Zukunft, sondern beispielsweise in alten Salzabbaustollen, die als Endlager für Atommüllfässer benutzt werden.

Diese Fässer erodieren bereits und es besteht höchster Handlungsbedarf auf Grund der austretenden Radioaktivität. Von herumliegender Uranmunition, krebserzeugendem Feinstaub, dem die Meere verseuchenden Mikroplastik, über ein sich ausweitendes Artensterben, bis hin zu einer erschöpften, ausgelaugten und mit Chemikalien belasteten Landwirtschaft gäbe es genug, was heute und jetzt zu bedenken und zu tun wäre und ganz vorne im Fokus von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stehen müsste. In dieser Betrachtung sind Angst, Sorge und Endzeitdenken berechtigt, zumindest aber verständlich. Akut werden wir nicht von einem erderwärmenden Treibhausgas bedroht, sondern von unseren Altlasten, unseren Umweltsünden – den bereits begangenen und denen, die immer noch, jenseits unseres abgelenkten Blickes, über den ganzen Globus ausgegossen werden.

Die Umweltzerstörung sollte als solche auch beim Namen genannt werden, sie muss im Bewusstsein unserer Gesellschaft präsent bleiben, damit der Finger auf die richtigen Stellen gelegt und gerettet werden kann, was noch zu retten ist.

Bei der Storyline des Klimaschutzes gewinnen die Konzerne, die uns mit ihren nunmehr klimafreundlichen oder gar klimaneutralen Produkten erfreuen und uns darin unterstützen, richtig zu konsumieren. Das heißt aber nichts anderes, als dass Konsumströme einfach gewinnbringend auf neue Felder umgelenkt werden.

Die Steigerungslogik wird nicht unterbrochen. Beim konsequenten Umweltschutz jedoch könnten eben diese Konzerne ohne ein Umdenken zu großen Verlierern werden, da hier Konsumreduktion und Konsumverzicht unabdingbar sind.

Sand im Getriebe

Die aufgeblähte Aufmerksamkeit, die einem möglicherweise eintretenden Klimawandel zu Teil wird, verdrängt und behindert die überfällige Forderung nach einem radikalen Schutz unserer Umwelt und dem dementsprechenden Handeln. Wer sich in Versuchung geführt sehen sollte, erneut das Gespenst des Klimawandels für Armut, Flucht, Elend und Zerstörung von Landhauptverantwortlich zu machen, möge bitte die alten Greenpeace Magazine unter dem Bett hervorkramen und sich ein wenig Zeit nehmen darin zu blättern.

Kaum etwas hat sich für unsere Umwelt nachhaltig verändert. Trotz der aufwendigen Förderung erneuerbarer Energien und neuerdings kostenpflichtigen Plastiktüten ist das Prinzip an sich dasselbe geblieben und nun sogar global geworden: die Ökonomie wütet deregulierter und fahrlässiger denn je. Das schlechte Gewissen und die Kosten an Gesundheit und Lebensqualität trägt der Konsument, denn selbst hieraus lässt sich über die Öko-Schiene noch Profit generieren.

Ginge es den Bedenkenträgern des menschengemachten Klimawandels tatsächlich um eine bessere und gesündere Welt, würde als Hauptziel nicht eine in erster Linie wirtschaftsfördernde Maßnahme, wie das langfristige Herumspielen der Industrie mit CO2-Werten und ökologischen Fußabdrücken im Vordergrund stehen. An Stelle dessen wäre die Eindämmung von rücksichtslosen, ökonomischen Übergriffen auf die gesamte Ökologie, sprich die Eindämmung der Ausbeutung in jeglicher Art und Form das angestrebte Ziel!

Wie auch immer das tatsächliche Risiko im Rückblick einmal bewertet sein wird, zur Zeit ist die Storyline vom Klimawandel sicher nicht die heiße Spur zur Bewahrung und Heilung unserer Erde. Sie ist nur mehr Sand in die Augen einer Gesellschaft gestreut, die sich scheut von menschengemachter Umweltzerstörung zu sprechen. Unangenehme Fragen, die dazu zu stellen wären, sind nicht erwünscht. Die Geschichte vom bösen Klimawandel ist aber bedauerlicherweise vor allem anderen dies: Der Sand im Getriebe eines jeden wachen Bewusstseins, dass bereit wäre die Ärmel für einen ehrlichen, effektiven und nachhaltigen Schutz unserer Umwelt hochzukrempeln.

Das Erreichen des Klimaziels im Jahr 2050, die Reduzierung der Emission von CO2 um 85 bis 90 Prozent im Vergleich zur Menge der Emissionen im Jahr 1990, dürfte uns noch ordentlich beschäftigen. Es stellt sich jedoch die Frage, falls benanntes Ziel tatsächlich erreicht werden sollte, ob wir uns stolz auf die Schulter klopfen und unseren großen Erfolg feiern könnten. In welchem Zustand wird sich unser Planet dann befinden, wird auch ihm dann noch zum Feiern zumute sein?


Quellen und Anmerkungen

(1) https://www.uni-giessen.de/fbz/fb08/Inst/pflanzenoek/face2face?set_language=de
(2) https://www.hs-geisenheim.de/forschung/institute/gemuesebau/ueberblick-institut-fuer-gemuesebau/klimafolgenforschung/face/
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Free_Air_Carbon_Dioxide_Enrichment
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Free_Air_Carbon_Dioxide_Enrichment
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Kohlenstoffdioxid-Düngung
(6) https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/pdfs/kohlendioxid_2008.pdf
(7) https://deutsch.rt.com/international/60838-droht-neue-eiszeit-russische-wissenschaftler-sagen-eisige-zeiten-voraus/
(8) https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Storch
(9) https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Storch
(10) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-98091084.html
(11) http://fortschrittinfreiheit.de/veroeffentlichungen/falsi.pdf
(12) http://fortschrittinfreiheit.de/veroeffentlichungen/falsi.pdf
(13) https://netzfrauen.org/2017/04/12/aethiopien-nestle/


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Jul 242018
 
Verloren im Nebel: Klimamanipulation ist allzu echt

Von Lee Harding, Frontier Centre for Public Policy am 18. Februar 2018

Geben Sie nicht dem seltsamen Wetter die Schuld an den Kohlendioxidemissionen. Unternehmen und Regierungen haben das Wetter seit Jahrzehnten ganz bewusst verändert.

„Wie ist das Wetter?“ ist weit mehr als ein flacher Gesprächsanfang. Es ist ein ernstes Problem.

Viele wären überrascht, wenn sie wüssten, dass das wissenschaftliche Interesse am Wetter vor 100 Jahren über die bloße Beobachtung hinausging und zu einer völligen Veränderung führte. Eine kurze Übersicht über die wichtigsten Nachrichtenberichte und öffentlichen Dokumente in den Vereinigten Staaten bestätigt eine weitgehend ignorierte Dimension des vom Menschen verursachten Klimawandels.

Die erste Person, von der bekannt ist, dass sie eine erfolgreiche Wetteränderung behauptet, war der „Ohio Rain Wizard“, Frank Melbourne. Als er 1891 gefragt wurde, wie er es tat, sagte er nur: „Es ist die Infusion bestimmter Chemikalien in die Luft durch eine Maschine meiner Erfindung“.

1902 schuf Charles Hatfield eine Mischung aus 23 Chemikalien in großen, verzinkten Verdampfertanks, die angeblich Regen anzogen. Im Mai 1905 berichtete die Dawson Daily News: „Die unbestreitbare Tatsache ist, dass Hatfield 19 Mal in die Berge ging, um Regen zu bringen, und 19 Mal regnete es, als er es versprach.“ Er wurde von Händlern in Los Angeles bezahlt, um 18 Zoll Regen in einer bestimmten Zeit zu bringen und erhielt seine 1.000 Dollar Belohnung. Die Stadt San Diego heuerte ihn später an, um eine Dürre zu beenden, aber das Ergebnis war eine Sturzflut, die umfangreiche Schäden verursachte und Hatfield seine Belohnung verweigerte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wetterumschwung ernsthaft vorangetrieben.

Am 13. November 1946 flog ein Pilot der Forschungsabteilung von General Electric Dr. Vincent J. Schaefer 50 km vor der Küste von New York. Nachdem sie eine Höhe von 4.270 Metern erreicht hatten, setzte Schaefer 1,36 kg Trockeneis frei und erzeugte einen Schneesturm.

Sein Forscherkollege, Nobelpreisträger Dr. Irving Langmuir, sagte 1950, unter den richtigen Bedingungen könnten nur 30 mg Silberjodid in der Atmosphäre die gleiche Kraft entfesseln wie eine Atombombe.

Das Wettermodifikationsrennen war im Gange. Präsident Dwight D. Eisenhower gründete 1953 einen beratenden Ausschuss zu diesem Thema. Den Vorsitz führte Kapitän Howard T. Orville, der The American Weekly 1958 mitteilte, dass es unerlässlich sei, die Russen bei der Wetterbeherrschung zu schlagen.

1966 gab Homer E. Newell dem Interdepartementalen Komitee für Atmosphärische Wissenschaften ein empfohlenes nationales Programm zur Wetteränderung heraus.

In den nächsten 12 Jahren wurde die Wetteränderung in großem Umfang und effektiv umgesetzt. Diese Bemühungen wurden 1978 in einem 750-seitigen Bericht an den Ausschuss für Handel, Wissenschaft und Verkehr des US-Senats dokumentiert.

„Die Flugzeuge des Verteidigungsministeriums arbeiten bei jedem Wetter in den mittelatlantischen Staaten“, erklärte der Bericht. In den südlichen Grafschaften von Pennsylvania würden bis zu 160 Flüge zum Wetterwechsel innerhalb von 24 Stunden durchgeführt. Manchmal zerstreuten diese Flugzeuge Eiskeime, um die zu erwartenden Sommerstürme zu zerstreuen. Zu anderen Zeiten wurden Winterstürme in Regen verwandelt, die den Boden der Fruchtbarkeit auslaugten und die Ernteerträge erodierten. Manchmal kam es zu Dürren und Überschwemmungen. Die Pennsylvania State University hat unter Missachtung des Gesetzes geforscht und über die Ergebnisse gelogen. Die Schule beschäftigte sich mit Erpressung, half bei der Behinderung des Gesetzes durch andere staatliche und Bundesbehörden. Der Bericht nannte es „ein meteorologisches Watergate“.

Im Senatsbericht heißt es, dass bis 1973 mindestens 62 Nationen Wetteränderungen vorgenommen wurden. „Die internationale Zusammenarbeit beim Austausch von Ideen und Methoden der Wasserveränderung war ebenfalls umfangreich.“ Im November 1975 haben die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen ein viertägiges Treffen abgehalten, um unter anderem die mögliche Haftung der WMO und der anderen Teilnehmer am weltweiten Niederschlagsverbesserungsprogramm zu diskutieren. Der Report sagt auch, daß die Vereinigten Staaten die Stärke der Hurrikane änderten.

Die militärischen Vorteile und rechtlichen Verpflichtungen der Wetteränderung haben dazu geführt, dass die Täter in den 40 Jahren seit diesem Bericht den Mantel der Geheimhaltung bevorzugen. Gleichwohl haben Beobachter wie Jim Lee und der Kanadier Domenic Marrama von climateviewer.com und Dane Wigington von geoengineeringwatch.org umfangreiche und störende technologische Eingriffe in unser Wetter bestätigt, die bis heute andauern.

Diese Geschichte lehrt uns eine wichtige Lektion. Geben Sie nicht dem seltsamen Wetter die Schuld an den Kohlendioxidemissionen. Das ist eine angenehme Ablenkung, die von Unternehmen und Regierungen, die das Wetter absichtlich verändert haben, begrüßt, wenn nicht sogar gefördert wird.

Bürger Kanadas und anderer Nationen brauchen keine Kohlenstoffsteuern. Sie brauchen ihre Regierungen, um das volle Ausmaß der Wetterveränderungen aufzudecken, unabhängig davon, ob es sich um akademische, korporative oder militärische Projekte handelt. Von dort aus muss eine strenge Regelung, wenn nicht gar ein völliges Moratorium folgen.

Jedes internationale Abkommen über den Klimawandel, das Wetterveränderungen ignoriert, ist bestenfalls ein Fehlversuch und schlimmstenfalls eine List.

Wer die Frage „Wie ist das Wetter?“ am besten beantworten kann, will die Antwort für sich behalten.


Lee Harding ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frontier Centre for Public Policy.
Quelle: http://troymedia.com/2018/02/18/climate-manipulation-real/

Übersetzt mit www.DeepL.com Translator


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