Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in
der Umwelterziehung
Wer von uns kennt nicht das schlechte
Gewissen, wenn er oder sie sich mal wieder nicht umweltgerecht verhalten hat:
Heizung hochdrehen, statt Pullover anziehen, Licht ausschalten vergessen, mit
dem Auto fahren, statt öffentliche Verkehrsmittel benutzen, im Urlaub auf die
Kanarischen Inseln fliegen, statt eine Radtour durch Deutschland zu unternehmen
etc. Uns wird mulmig zumute, wenn wir daran denken, welche Erde wir unseren
Kindern übergeben, die aber sollen es besser machen als wir.
Also fangen wir früh an mit der Umwelterziehung,
- in der Grundschule - besser noch im Kindergarten. Allerdings, die
Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Umweltbildung ist groß. Es gibt auch
hier eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. De Haan und
Kuckartz (1995) schreiben:
"Ob und wie pädagogisches Handeln Wirkung
zeigt, wird in der Regel nicht untersucht Im Bereich der Umwelt scheint uns
aber die Kluft zwischen dem pädagogischen Bemühen und seiner Wirkung
besonders groß zu sein."
Aufgrund eines von ihnen erstellten Reviews
aller in den letzten 10 Jahren in Deutschland erstellten Studien zum Thema
Umweltbewusstsein und Umweltverhalten kommen sie zu dem Schluss:
"Trotz verstärkter Aufmerksamkeit für
ökologische Fragen in den Schulen und in der Jugendarbeit ist im Umweltverhalten
der Jugendlichen wie der Erwachsenen kein entsprechend sensibilisiertes Handeln
zu verzeichnen."
Lange Zeit hielt man es für ausreichend, Schüler
über Umweltgefahren aufzuklären. Umweltbewusstsein stelle sich damit ein und die
notwendigen Schlussfolgerungen für umweltgerechtes Verhalten würden die Schüler
dann schon selbst ziehen. Diese Überschätzung der Wissenskomponente ist typisch
für naturwissenschaftliches Denken, das in der Umweltbildung lange Zeit dominant
war und ist. Die mit dieser Haltung in aller Regel verknüpfte Distanz zur
Politik führte folgerichtig auch zur Vernachlässigung der politischen Bildung in
der Umwelterziehung. So wird Umweltbildung häufig auf das Ziel reduziert,
individuelles umweltgerechtes Verhalten zu fördern. Kollektive Bedingungen
umweltbelastenden Handelns sowie die gesellschaftlichen Zusammenhänge der
Umweltproblematik bleiben bei dieser Sichtweise meist ausgeklammert.
Insbesondere von vielen Grundschullehrer(n)/-innen wird es als unmöglich und
häufig auch als überflüssig angesehen, die gesellschaftliche Dimension der
Umweltproblematik in den Unterricht mit einzubeziehen (Kahlert 1991, Krol
1993).
Nicht verwunderlich ist, dass auch bei den
Lehrkräften eine starke Ernüchterung bis hin zur Resignation hinsichtlich
der Aufgabe der Umweltbildung festzustellen ist. Lehrkräfte, die sich dennoch
für Umweltbildung engagieren, werden selten unterstützt sondern häufig eher
marginalisiert (Reichel 1995). Viele Lehrer/-innen fühlen sich daher zu
Recht allein gelassen mit dieser anspruchsvollen Bildungsaufgabe.
R. Kyburtz-Graber berichtet aus ihrem
Umweltbildungsprojekt, dass viele Projektlehrerinnen und -lehrer daran
zweifelten, ob sie überhaupt berechtigt seien, den Kindern und Jugendlichen
Umweltbildung zuzumuten, sie zweifelten daran, ob Umweltbildung als
Bildungsaufgabe überhaupt noch legitimiert sei und ob es Aufgabe der Schule
wäre, Umweltprobleme an die junge Generation heranzutragen. Bezüglich der
Grundschule sei auch häufig das Argument zu hören, man solle die kleinen Kinder
doch mit den Umweltgefahren verschonen, es wäre eh alles schlimm genug. Woher
solle denn überhaupt noch der Lebensmut kommen. Etliche Lehrkräfte, die sie
befragte, hatten inzwischen resigniert und fühlten sich der Umweltbildung
überdrüssig, insbesondere jene, die sich Mitte der 80er Jahre für Umweltbildung
engagiert hatten.
Umweltgerechtes Handeln braucht ein dafür förderliches
soziales Umfeld
Für die meisten Menschen steht in ihrem Alltag
nicht die natürliche, sondern die gesellschaftliche Umwelt im Vordergrund. Was
wir tun oder lassen, ist normalerweise nicht von ökologischen Prinzipien
geleitet - auch wenn wir aus ökologischer Sicht eigentlich wissen, dass das
menschliche Leben uneingeschränkt auf die natürliche Umwelt angewiesen ist. Es
ist die Situation im privaten, beruflichen und öffentlichen Bereich, die unser
Leben und Handeln in erster Linie prägt. Die Menschen haben meistens nicht die
Absicht, die Umwelt zu belasten, sondern sie wollen oder müssen zur Arbeit
fahren, Güter herstellen oder einkaufen. Sie suchen Erholung, sie wollen
Freundinnen und Freunde besuchen oder Sport treiben. Umweltbelastungen sind so
gesehen ökologische Nebenfolgen von Handlungen. Die Gefährdung der Umwelt
erfolgt also meist nicht willentlich, wohl aber in vielen Fällen wissentlich.
Wenn der umweltbelastende gesellschaftliche
Lebensstil verändert werden soll, müssen die soziale Einbettung von Handlungen,
d. h. die realen Handlungsbedingungen von Individuen, sozialen Gruppen,
Betrieben und gesellschaftlichen Systemen und Subsystemen mit berücksichtigt
werden (Hirsch 1993).
Veränderungen hin zu einem nachhaltigen
gesellschaftlichen Lebensstil müssen dort stattfinden, wo Menschen tätig sind.
Naturwissenschaftliche Fakten allein reichen nicht für Problemlösungen.
Die Fragen, warum Individuen, soziale Gruppen,
Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes wider besseres Wissen handeln und
wer die Schuld an der Umweltkrise trägt, sind falsch gestellt. Zu fragen ist
vielmehr:
Wie müssen oder können die Bedingungen des
Handelns geändert werden, damit negative ökologische Nebenfolgen verringert
werden?
Umweltbildung muss deshalb dort ansetzen, wo
Handlungen stattfinden und wo die Wechselwirkungen zwischen individuellem
Handeln und strukturellen Bedingungen besonders gut nachvollziehbar sind: in
sozialen Systemen bzw. Handlungssystemen, z. B. der eigenen Schule. Sie bietet
sich als Handlungsfeld für die Untersuchung umweltgerechten Verhaltens als
erstes an, denn an vielen, sogar den meisten Schulen werden elementare
ökologische Grundsätze missachtet.
Gewicht des Schulranzens, gesundes Frühstück,
Wahrnehmung und Herstellung des eigenen Wohlbefindens, angemessenes
Verhältnis von Arbeit und Pausen, Spannung und Entspannung, Lärm, Rücksicht
auf die Mitmenschen, rauchen, rauchen im Lehrerzimmer.
Intelligente Ressourcen-Schonung: keine Verschwendung, aber auch keine übertriebene Sparsamkeit,
Wassersparen, keine Wasserhähne unnötig laufen lassen, Spartaste auf dem
Klo, Regenwassernutzung, Schutz des Grundwassers, keine schädlichen Stoffe
ins Waschbecken oder ins Klo schütten; Energiesparen, Energiesparlampen,
Licht ausschalten beim Verlassen des Raumes, Fenster und Türen von geheizten
Räumen schließen, angemessenes Lüften, automatische, witterungs- und
raumangepasste Temperaturregelung der Heizung; Sonnenkollektoren auf dem
Schuldach; Benutzung des privaten Autos oder öffentlicher Verkehrsmittel,
Fahrrad fahren, Maßnahmen der Verkehrsberuhigung im Schuleinzugsbereich, (Klassen-)Reiseziele,
Gebäude, Klassenräume und Mobiliar pfleglich behandeln; Sparsamer Gebrauch
von Papier, Benutzung von Umweltpapier; Müllvermeidung, Mülltrennung und
Recycling, Kompost.
Kauf umweltverträglicher Produkte: keine Getränkedosen, Flaschenmilch, ökologisch verträgliche
Reinigungsmittel.
Ökologische Gestaltung des Schulhofs und seine achtsame Nutzung.
Die Umweltpilotschule
Eine Umweltpilotschule betrachtet also die eigene
Schule als ein Lernfeld, in dem umweltgerechte Verhaltensweisen praktiziert und
eingeübt werden. Sie entwickelt Regeln, die in der Schule Geltung haben und wie
selbstverständlich von allen befolgt werden. Weil es aber noch lange Zeit
Verrichtungen geben wird, die Umweltbelastungen verursachen, überlegt sie
kontinuierlich, wie aufgrund der Analyse der Schule als soziales Handlungssystem
Bedingungen im Lebensraum Schule verändert und Handlungsalternativen gefunden
werden können, die Ressourcen schonen und die Umwelt weniger belasten.
Das Leben in der Schule soll also an ökologischen
Kriterien ausgerichtet sein. Dies bezieht sich auf alle Bereiche der Schule.
Siehe links unten die Liste von Maßnahmen und Aktivitäten, die man in Angriff
nehmen könnte.
Ökologisches Handeln ist nicht nur auf die
Schule beschränkt. Im Gegenteil, in dem Maße in dem die gesellschaftliche
Bedingtheit der ökologischen Krise ins Blickfeld gerät, sollten auch
außerschulische Handlungsfelder aufgesucht werden, sei es für die ökologische
Problemwahrnehmung, die Analyse solcher Handlungsbereiche oder eigene
Aktivitäten im Umfeld der Schule.
Umweltpilotschulen verstehen sich insofern auch
als Stadtteilschulen. Sie nehmen sich als einen Teil des Gemeinwesens mit
vielfältigen Vernetzungen in ihrem näheren und vielleicht auch entfernteren
Umfeld wahr. Sie arbeiten mit Institutionen und Initiativen zusammen und
betätigen sich auch vor Ort mit ihren Schülern an sogenannten außerschulischen
Lernorten.
Konkrete Maßnahmen und Erfahrungen einer Bremer
Grundschule als Umweltpilotschule
Der Schulhof wurde entsiegelt und ökologisch
umgestaltet. Die Einrichtung und Betreuung der Gartenanlagen gibt Anlass für
vielfältige Erfahrungen und Lerngelegenheiten.
Wer nimmt einen Tausendfüßler in die Hand,
huch das kitzelt, Regenwürmer sind kalt, Zwiebeln haben einen Wurzelkranz,
Triebe brechen leicht, selbst geerntete Kartoffeln sind gar nicht sehr
schmutzig, Pellkartoffeln mit Butter und Salz schmecken prima, ich kann sie
selber kochen, Pflanzen wachsen bei Pflege, ein gemeinsames Beet schafft
gemeinsame Verantwortung, wenn wir leise sind, hören wir Geräusche,
Vogelstimmen, Gartenarbeit macht Spaß - ernten erst recht, aber auch: zerstören
ist sinnlos.
Der Einstieg in die Getrenntmüllsammlung mit
Alu-Tonne und Papiercontainer wurde organisiert, übersüsses Kakaogetränk im
Tetrapack zum Frühstück wurde im Rahmen einer aufklärenden Aktion durch
Flaschenmilch ersetzt.
Auf pflegliche Behandlung der Schulräume, des
Mobiliars und der übrigen Gegenstände und Unterrichtsmaterialien wurde
hingewirkt, eine achtsame und regelmäßige Entsorgung des Mülls durchgesetzt.
Insgesamt wirkt die Schule jetzt freundlicher und lebendiger.
Ebenso wie in der räumlichen Gestaltung der
Schulräume und dem täglichen Ablauf des Schullebens soll die ökologische
Grundhaltung auch im Unterricht zum Tragen kommen, in ethischen Einstellungen
und Werthaltungen, im Ansprechen ökologischer Gesichtspunkte bei
unterschiedlichsten Unterrichtsinhalten sowie durch die wohldosierte
Thematisierung aktueller Krisen und Problemlagen.
Letzteres kann z. B. ein Thema wie Konsum sein,
was brauche ich wozu, was sind meine Bedürfnisse, wie erreiche ich
Zufriedenheit, was bedeutet für mich Glück, was empfinde ich als Luxus, den ich
mir manchmal gönnen möchte, was als Überfluss oder unnötige Produkte.
Die Grundschule am P. hat außerdem vielfältige
Bezüge zum Stadtteil hergestellt; u. a. auch, um für die Schülerinnen und
Schüler in einem sozial schwierigen Stadtteil ein Angebot für Aktivitäten am
Nachmittag bereitzustellen und damit zugleich für ein Betreuungsangebot für
diese Zeit zu sorgen. Der folgende Vernetzungsplan zeigt die Vielfalt der
einbezogenen außerschulischen Initiativen und Einrichtungen des Stadtteils, die
teils in der Schule Angebote machten, teils die Schülerinnen und Schüler zu sich
einluden und so mit der Schule kooperierten.
Mit den verschiedenen Gruppen kooperierten:
Bremer Tierschutzverein und Tierheim an der Hemmstraße, BUND-Bremen,
Bürgerparkverein, Amt für Stadtentwässerung und Stadtreinigung, Bremer
Abfallberatung, Recyclinghof Findorf, Radio Bremen, Weserkurier,
Kleingarten-Verein, Gartenbauamt, Beiratsfraktion der Grünen im Stadtteil,
Ortsamt, Stadtteilbeirat, Kirchengemeinde, Kindergarten, Hort, Schüler und
Lehrer benachbarter Schulen, Gesundheitstreffpunkt, Landessportbund, WWF,
Elternbeirat, Uni-Bremen, WIS, Sparkasse Bremen.
Beispielhaft seien die Aktivitäten der
Tierschutzgruppe geschildert, die an der Schule zusammen mit dem Bremer
Tierschutzverein und dem Tierheim an der Hemmstraße ins Leben gerufen wurde. Die
Aktivitäten waren vielfältig und griffen in hohem Maße die Anregungen der
Schüler/-innen auf. So wurde ein Bauernhof im Bremer Umland besucht. Spannend
für Stadtkinder, zugleich ein Einblick in artgerechte Tierhaltung./Nistkästen
wurden gebaut und angebracht./Im Winter wurden Futterglocken hergestellt und
aufgehängt. Es erfolgten Besuche im Tierheim. Dort werden hauptsächlich
herrenlose, hilfsbedürftige Hunde (ca. 40) und Katzen (ca. 190) versorgt, bis
ein neuer Besitzer gefunden wird, aber auch andere Heimtiere wie Vögel, Igel,
Kaninchen, Mäuse, Meerschweinchen und Hamster werden betreut. Das Wissen über
diese Tiere und ihre artgerechte Haltung wurde erweitert und die Achtung vor der
jeweiligen Eigenart der Tiere gestärkt. Die Kinder gaben in loser Folge eine
Tierschutzzeitung heraus, in der sie für den Tierschutz werben und Informationen
über Tiere an andere Kinder vermitteln. Der Erlös des Weihnachtsbasarstandes
wurde dem Tierheim gestiftet.
Das Suchen und Aufsuchen von Lernorten außerhalb
des Klassenzimmers ist ein Weg der Schule, die Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten
der Kinder zu erweitern und so die Lerndefizite in einer veränderten Umwelt zu
vermindern. Häufig bieten sich dort Tätigkeiten an, die für andere ganz konkret
nützlich sind. Der Klassenraum wird verlassen, um Lernorte aufzusuchen und
Erfahrungsräume zu erkunden, wobei der Schulgarten Klassenraum aber Lernort
bleibt, an dem Erfahrungen außerhalb der Schule vorbereitet, geordnet und
reflektiert werden. Somit werden Lernorte außerhalb des Klassenzimmers nicht vom
Unterricht im Klassenzimmer isoliert, sondern sind Elemente eines erfahrungs-
und handlungsorientierten Unterrichts.
Erfahrungen In dem Maße, wie die Schule als
Ganzes sich als eine Gemeinschaft versteht, in der umweltgerechtes Verhalten
praktiziert wird, in dem Maße wandelt sich ihr Gesicht. Die umweltfreundliche
Gestaltung des Schulbetriebes wird nur in Zusammenarbeit mit allen, mit
Hausmeister, Schulleitung, Eltern und Schülern und vor allem dem ganzen
Kollegium erreicht. Alle Mitglieder der Schulgemeinschaft kümmern sich um die
Einhaltung der entwickelten Regeln.
Umweltgerechtes Verhalten soll täglich geübt
werden, wie das Zähneputzen. Je früher Kinder lernen sich umweltgerecht zu
verhalten, desto selbstverständlicher ist ihnen dieses Verhalten. Erst
selbstverständliches Verhalten führt zur notwendigen Verhaltenssicherheit und
hat die Chance, später in den eigenen Lebensstil integriert zu werden.
Zu bedenken ist, dass auch selbstverständlich
gewordene Regeln, die schon einen gewissen Lebensstil widerspiegeln, immer
wieder erklärt werden müssen, ihr Sinn ist immer wieder aufs Neue zu
legitimieren, und es muss deutlich werden, dass es sich um von Menschen
gemachte, gemeinsam verabredete Regeln handelt. Thematisiert werden müssen auch
Regelverletzungen oder Abweichungen und ihre Sanktionen, sowie Toleranz
gegenüber begründeten anderen Entscheidungen. Selbstverpflichtungen und die
Übernahme von Verantwortung können leicht beeinträchtigt werden durch zu starre
Handhabung von Regeln; zudem finden sie häufig in solchen Bereichen statt, die
noch keinem Regelwerk unterliegen.
Bei allem Enthusiasmus kommt es darauf an, bei
dem Einfordern umweltgerechten Verhaltens lieber etwas bescheidener zu sein, um
sich nicht selbst oder das ganze System zu überfordern, das bedeutet auch
Maßnahmen nur Schritt für Schritt umzusetzen oder auch Aktionen aufzugeben, wenn
sie sich nicht durchhalten lassen.
Ebenso wichtig ist das authentische Verhalten der
Erwachsenen. Kinder haben ungeheuer feine Antennen für doppelbödiges Verhalten
von Lehrern und Lehrerinnen. Nur solche mit authentischem Bewusstsein und
Handeln können überzeugen. Durch eigene, vorbildhafte Handlungen und
Überzeugungen bringen sie sich in den Arbeitsprozess in der Schule mit ein.
Bündnisse und Verpflichtungen auf Gegenseitigkeit schaffen Nähe und fordern
Engagement.
Literatur
De Haan, G./Kuckartz, U. (1995):
Phänomene des Umweltbewusstseins. In: Greenpeace (Hrsg.). Neue Wege in der
Umweltbildung. Beiträge zu einem handlungsorientierten und sozialen Lernen.
Verlag Die Wirtschaft, Göttingen
De Haan, G./Kuckartz, U. (1998).
Umweltbewusstseinsforschung und Umweltbildungsforschung: Stand, Trends, Ideen.
In: De Haan, G./Kuckartz, U. (Hrsg.). Umweltbildung und Umweltbewusstsein.
Forschungsperspektiven im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Leske & Budrich,
Opladen. S. 13-38
Hirsch, G./Kyburz-Graber, R.
(1993): Handlungsorientierung in der Umweltbildung ernst nehmen. Das
Forschungsprojekt "Umweltbildung in Maturitätsschulen". In: Eulefeld, G.
(Hrsg.): Studien zur Umwelterziehung. Ansätze und Ergebnisse empirischer
Forschung, Bd. 2, Kiel, S. 125-142
Kahlert, J: (1991):
Alltagstheorien der Lehrer über den Zustand der Natur. In: Eulefeld, G. u.a.
(Hrsg.): Umweltbewusstsein und Umwelterziehung, Kiel, S. 65-93
Krol, G.-J. (1993): Ökologie als
Bildungsfrage? Zum sozialen Vakuum der Umweltbildung. In: Zeitschrift für
Pädagogik. Jg. 39, H. 4, S. 651-672
Kyburts-Graber, R. (1998):
Sozioökologische Umweltbildung als partizipativer Prozess. In: De Haan, G./Kuckartz,
U. (Hrsg.): Umweltbildung und Umweltbewusstsein. Forschungsperspektiven im
Kontext nachhaltiger Entwicklung. Leske & Budrich, Opladen, 5. 151-168
Reichel, N. (Hrsg.) (1995):
Politik und Praxis der Umwelterziehung. Beiträge der internationalen
OECD-Konferenz vom 6.-11. März 1994 in Braunschweig, Frankfurt/M.
Anmerkung
Die Arbeit ist entstanden im
Zusammenhang mit einem Projekt der Schulbegleitforschung (Das Bremer
Lernortenetz Umweltbildung: Außerschulische Einrichtungen als Partner der
Umweltpilotschulen.) Es wurde unterstützt durch den Senator für Bildung,
Wissenschaft, Kunst und Sport der Hansestadt Bremen.
PROJEKT: Bürgerpark-Kinder
Ein Park kann verzaubern, er ist anregend und bietet
Vielfalt
In vielen Städten gibt es Parks. Oft gelten sie
als schützenswert. Nicht immer wird deutlich für Kinder, warum sie mögliche
auferlegte Vorschriften einhalten sollen.
Es macht Sinn, Kindern über das sinnliche
Erfahren und den Blick für das Schöne, den Erholungswert eines Parks
näherzubringen. Erklärungen von Zusammenhängen im Parkleben sowie praktisches
Tun vermitteln Verständnis für den Erhalt solch einer Umwelt.
Parks sind oftmals keine "Umwelt", die den
Ansprüchen der Naturschützer entspricht. Aber sie gehören zum kulturhistorischen
Erbe, schaffen Identifikation mit dem Gemeinwesen Stadt. Sie dienen als Erholungs- und Rückzugsraum im Geschehen der Stadt. Sie helfen, das Klima der
Stadt zu verbessern. Sie sind öffentlicher Raum, sie bieten vielerlei
Möglichkeiten der Begegnung von Alt und Jung, Mensch und Tier, pulsierendem
Treiben und Ruhe und Natur.
Unser Artikel soll Anregung bieten für
Kolleginnen und Kollegen "ihren Park" als außerschulischen Lernort zu nutzen.
Der Bremer Bürgerpark ist ca. 200 ha groß.
Der größere Teil wurde als Park 1866 von Franz W. Benque entworfen und
bereits ein Jahr später umgesetzt. Der Park umfasst große Wiesengelände und
feuchte Flächen, entwässert durch Wasserzüge und Anpflanzungen von vielerlei
Gehölz. Heute sind 70 % der Gesamtfläche des Parks bewaldet.
Im Park gibt es verschiedene Gebäude aus
unterschiedlichen Zeiten. Sie dienen als Wohnhäuser der Parkbediensteten, der
Gastronomie und dem Hotelgewerbe. Heute ist der Park erweitert durch den
Stadtwald, der einen naturbelasseneren Charakter hat. Der Bremer Bürgerpark ist
ein Erholungsraum, eine Grüne Lunge und ein historisches Denkmal. Es gibt Rad-
und Reitwege, Wasserzüge mit Booten, eine Waldlaufbahn, Spielplätze,
Rodelflächen, Minigolfanlagen, ein Tiergehege, Sportwiesen für Tai-chi u. a.
Eine gemeinsame Idee des Gründungskomitees von
1860, bestehend aus einigen Bremer Kaufleuten, schaffte es, die vorhandene
Viehauftriebsweide der Stadt zu einem Erholungspark umzugestalten "zu dem alle
Bevölkerungsschichten Bremens Zugang haben sollten".
Der Bürgerpark ist ein wichtiges
Identifikationsobjekt für Bremer Bürger. Er ist für die Grundschule Pulverberg
eine noch gut erreichbare Erholungszone. Herr Damke und die
Bürgerpark-Verwaltung zeigten Interesse an der Zusammenarbeit mit Schulen, da
sie die Zielgruppe Kinder/Jugendliche auf die Freizeit- und
Erholungsmöglichkeiten im Park gerichtet aufmerksam machen wollten. Unser
Projekt fand anfangs einmal wöchentlich am Nachmittag von 14.00 - 17.00 Uhr
statt, später wurden Veranstaltungen zehn Wochen hintereinander oder aber
vierzehntägig angeboten.
Bis heute gibt es den Bürgerpark-Verein,
einen unabhängigen Trägerverein, der "ausschließlich zum Zwecke des Erhalts und
der Pflege des Parks" eingerichtet wurde und besteht. Die Tradition der
Selbstinitiative "Bremer Bürger arbeiten für Bremer Bürger" hat bis heute
ein tragendes Konzept.
Auch bei den Bürgerpark-Kindern ist die
Eigeninitiative gefragt. Natürlich gibt es einen Angebotsrahmen:
Kennenlernen des Parkdirektors und des Parks,
Arbeit am Plan,
Pflanzaktionen,
Nistkästenarbeit,
Tiergehege,
Bäume, Blätter, Knospen,
Wiesenblumen, Bodentiere,
Bienen,
Müllsammeln,
Spielplätze,
Denkmäler im Park und ihre Pflege,
Kremserfahrt.
Die Schüler selbst wählen aus. Anschließend
werden die Aktionen mit dem Bürgerparkverein abgestimmt. (Sind Räume frei, ist
das Tiergehege begehbar, hat der Gärtner Zeit, uns die Bienen zu zeigen?)
Hierbei üben die Schüler Eigenbeteiligung, Tragen von Mitverantwortung, Abwägen
verschiedener Interessen ("Sachargumente gegen Macht44), Konsensbildung, Übung
von demokratischem Verhalten.
Jeder Besuch im Park bietet vielerlei
Möglichkeiten, hier nur einige Beispiele:
Besuch im Tiergehege
Fragen zum Tiergehege wurden in einer
Vorbesprechung von den Schülern erarbeitet und aufgeschrieben:
Arbeitsblatt: Im Tiergehege
1. Wie viele Tiere sind im Gehege?
2. Welches Tier ist das älteste und größte?
3. Wie viele Junge bekommen Meerschweinchen?
4. Wie alt können Ziegen werden?
5. Wie alt werden Wildschweine?
6. Hausschwein oder Wildschwein - wer ist
stärker?
7. Was fressen Wildschweine?
8. Welche Tiere können zusammen im Gehege
leben?
9. Wie weit kann ein Lama spucken ?
Auf dem Weg zum Gehege entdecken wir ein
freilaufendes Reh. Eine Schülergruppe beobachtet es und wundert sich über die
gute Tarnfarbe. Diese Schüler überlegen noch eine Weile: War das Tier braun,
schwarzbraun oder grau? Am Ende des Unterrichtsganges schlagen wir im
Bestimmungsbuch nach.
Eine zweite Gruppe beobachtet Eichhörnchen, die
aus dem Winterversteck Nüsse und Eicheln holen. "Guck mal, wie das Eichhörnchen
den Pilz hält!" Die Schulung der Sinne, der Wahrnehmung, Beobachtung und
Austausch von Gefühlen sind wesentliche Anteile der von uns verstandenen
Umweltbildung.
Im Tiergehege werden zwei Schüler von den Eseln
Felix und Kasimir besonders begrüßt. Kasimir "liebt" Knöpfe und Anoraks. Auf
diese Weise hofft er auf Streicheleinheiten. Die meisten Kinder lachen darüber,
doch Jacob aus der Vorklasse hat geweint, als Kasimir seinen Knopf schnappte.
Der Tierpfleger, Herr Persen, hatte Verständnis für den Jungen und
erzählte ihm die Geschichte von Kasimir: "Kasimir ist noch sehr jung. Er wurde
mit der Flasche aufgezogen, dadurch hat er großes Vertrauen zu Menschen. Er kam
erst vor kurzer Zeit in den Park." Jacob hat sich schnell beruhigt.
Umwelterziehung ist spannend und
abwechslungsreich. Sie kann uns helfen, andere und anderes zu verstehen.
Pflanzaktion
In Absprache mit der Park Verwaltung halfen die
Bürgerpark-Kinder den Gärtnern beim Pflanzen. Es gab vier Gruppen mit jeweils
vier Kindern.
Zwei Gruppen hoben Pflanzlöcher aus und setzten
Büsche unter Anleitung. Zwei andere Gruppen hängten parallel dazu Nistkästen
auf. Sie lernten, dass Einfluglöcher verschieden sind, je nach Art
und Größe der Tiere, dass die Standorte der Nistkästen unterschiedlich sein
müssen, je nachdem ob es Meisen- oder Fledermauskästen sind.
Die "Pflanzkinder" suchen regelmäßig ihre
Arbeitsfelder mit den Eltern oder Großeltern auf. Diese Aktion hat ihnen den
Nutzen von gesellschaftlicher Arbeit verdeutlicht. Alle Bürgerpark-Kinder
identifizieren sich mit "ihrem" Park. Sie sind sehr stolz auf ihre
Abschlussurkunde als Bürgerpark-Kinder.
Bei den Kindern meiner Klasse konnte ich sehr
deutlich feststellen, dass sie ihre Erfahrungen im Park auf Handlungen in der
Schule übertragen konnten. (Freiwilliger Müllsammeldienst in der Pause,
Pflastern eines Gartenweges in den Osterferien.)
Die Geschichte des Parks
Eine Schülerinnengruppe wollte gerne einiges über
die Geschichte des Parks und die verschiedenen Denkmäler wissen.
Die Anregung wurde aufgegriffen. Wir erarbeiteten
die Sage der Gräfin Emma als Spenderin der Bürgerweide. Es entstand ein
Theaterstück, die Texte haben die Kinder im Deutschunterrichterarbeitet. Das
"Schauspiel" wurde den Eltern im Schulungsraum der Parkverwaltung gezeigt. Sogar
ein Zeitungsredakteur kam zu Besuch. "Gräfin Emma" wurde in der örtlichen
Tageszeitung veröffentlicht.
Orientierungen nach Plan
An einem Plan vom Park lernten die Schüler sich
zu orientieren. So konnten sie nach Absprache Aufgaben in Kleingruppen ohne
Betreuung übernehmen. Für viele Schüler/-innen war das besonders verlockend. Ihre
Untersuchungen (Tiere fangen in der Becherlupe und genauer beobachten; Rehe
beobachten mit dem Fernglas) hatten die Qualität von Abenteuern.
Beobachten von Vögeln
Die Vogelbeobachtungen führten wir am Vormittag
im Zusammenhang mit einer Unterrichtseinheit "Tiere im Winter" durch.
In diesem Jahr begleitete ich zwei Schulklassen
der Jahrgangsstufe drei alle vier Wochen einen Unterrichtsvormittag lang. Ich
klärte die Bedingungen im Park ab, meine Kolleginnen kümmerten sich um das
Erscheinen der Schüler. Wir fuhren gemeinsam zum Park und zur Schule zurück.
(Dieses Modell funktionierte nur, weil ich bereit war, meinen "freien Tag" dafür
zu verwenden.)
Die Schüler/-innen hatten bereits über die Amsel
einiges im Unterricht erarbeitet. Im Schulungszentrum des Parks hörten wir
gemeinsam Vogelstimmen vom Band (Krähe, Meise, Ente, Amsel, Specht, Wasserralle
/ Blässhuhn). Nach zweimaligem Abhören und Benennen der Vogelstimmen zogen sie
in Fünfergruppen los, um die Vögel zu hören und zu entdecken. Sie sollten
möglichst "Spuren" von den erkannten Vögeln (z. B. Federn) mitbringen.
Für manche Kinder war es sehr schwer, Geräusche
zu erhören, andere genossen die Aufgabe, denn sie setzte Ruhe voraus. Nach ca.
30 Min. trafen wir uns erneut im Schulungsraum. Die unterschiedlichen
Erfahrungen wurden ausgetauscht. Jeder hatte mindestens eine Vogelart entdeckt
und gehört. Als Arbeitsbögen standen Vorlagen von den erkundeten Vogelarten zur
Verfügung. Jedes Kind konnte einen Vogel genau ausmalen. Hierbei wurden auch die
Abbildungen aus den Bestimmungsbüchern zu Rate gezogen.
Bäume im Zyklus des Jahres
Während des Schuljahrs haben wir unseren Baum
immer wieder aufgesucht. So konnten wir die Veränderungen im Laufe des Jahres
feststellen. Ein "Steckbrief für meinen Lieblingsbaum" eignet sich gut als Spiel
zum Fühlen, Riechen und Beschreiben. Ein Kind sucht sich "seinen" Baum auf dem
Weg im Park aus. Im Schulungsraum beschreibt es diesen Baum. Andere Kinder
dürfen ihn suchen.
Eine "Wegbeschreibung" bedeutet, Spuren erkennen
und wiedererkennen. Ein Kind benennt Stationen/Spuren auf dem Weg zu "seinem"
Baum. Andere Kinder müssen ihn anhand der Beschreibung finden. Alle
vorgestellten Übungen sind Beobachtungsaufgaben und Stille-Übungen.