Dez 062011
 

Ansprache von Günther Hoßfeld beim Sommerfest des Kollegiums der Gewerbeschule13 am 13.07.2001 in Hamburg

Lieber Christoph, sehr geehrter Herr Burghard, sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!

„Heute mach‘ ich mir kein Abendbrot, heut mach‘ ich mir Gedanken“. Das war seinerzeit die Ankündigung des Bürgerschrecks Wolfgang Neuss. Aber warum sollte am selben Abend nicht beides möglich sein – nicht wahr? Allerdings: für das Gedankenmachen, sagte mir Sabine Pook, seien für mich nur bis zu zehn Minuten eingeplant. Fortsetzung der Montagsrunde mit anderen Mitteln also. Dort würde man allerdings schon bei einer Ausdehnung der Redezeit über mehr als zwei Minuten an den Gesichtern und der Unruhe der Teilnehmer erkennen, dass ihnen die Weitschweifigkeit bereits starkes Unbehagen bereitet. Das verdichtete Ergebnis des Nachdenkens sind dort immer kurze Statements, die die Zuhörer in der Regel mit der Frage kommentieren, wo überhaupt das Problem sei, was sagen soll, dass sie in dem ganzen Vorbringen überhaupt keine Substanz erkennen könnten. Also zehn Minuten für „heute mach‘ ich mir Gedanken“ ist wie gesagt eigentlich sehr üppig bemessen. In der Kürze die Würze usw. usw., kann man sich sagen und eine Erwägung zur Aufmerksamkeitsspanne bestärkt einen darin. Also alles gut! Aber am Wochenende habe ich dann die Saga der Gewerbeschule13 durchgearbeitet und würde eigentlich gern mit meinem Wissensvorsprung hier beeindrucken. Die verehrten Festgäste würden sich dann alle irgendwann gedankenschwer und kenntnisreich auf dem Heimweg befinden, aber ein Sommerfest hätten Sie sich dann doch irgendwie anders vorgestellt. Worum geht es? – 33 Jahre die Berufsschule in Idee und Gestaltung (so ein Buchtitel von vorgestern) und insonderheit mit den Beispielen Steinhauerdamm und Nettelnburg seit 1978 unter Beachtung aller Vorgaben aus der immer sprudelnden Innovationsquelle Hamburger Straße. – In 10 Minuten? – Erhard Eppler hat ein Buch geschrieben über George Orwells Kavalleriepferde beim Hornsignal. Das Horn bläst der Zeitgeist, die Kavalleriepferde sind die Zeitgenossen. Die Pferde richten sich umstandslos aus, wenn das Signal ertönt, so ist das bei der Kavallerie eben. Dieses Bild geht bei Eppler über in die Legosteine der Plastikwörter, aus denen sich durch schnelles Zusammenstecken große Türme bauen lassen, deren Instabilität exponentiell mit ihrer Höhe wächst. Auch Epplers sogenannte Fahnenwörter sind ganz wichtig bei beschleunigter und hoch verdichteter Kommunikation auf dem Feld innovativer Neugestaltung des Schulwesens. Verdichtung ganz wichtig! Verwesentlichung ist nicht mehr so in. Also heute verdichteter Bericht von mir über 33 Jahre! Lehrer Fröbel, der im vorvorletzten Jahrhundert bereits die ganz Kleinen an einen disziplinierten Umgang mit der Zeit heranführte, hat die Quintessenz des modernen Time-Managements bereits gezogen:

Sehet nur, sehet nur!
Wie der Pendel an der Uhr,
Geht das Ärmchen hin und her,
Doch nicht kreuz und doch nicht quer,
Denn es geht Schlag auf Schlag,
Immer Tick und immer tack.
Tick, tack; tick, tack.

33 Jahre lang! Am 1. Febr. 1968 in der Frühe treten Christoph Gäbler und Günther Hoßfeld in das Referendariat ein im Gebäude der Gewerbeschule Werft und Hafen – wenn ich mich nicht irre. Das berühmte Jahr 68 war angebrochen, aber die sogenannten 68er standen auf dem langen Marsch durch die Institutionen noch ganz am Anfang. Seminarleiter Dr. Meyer-Bothling gab bei der Begrüßung zunächst einmal den Hinweis, dass nun Schluss mit lustig sei, wie man wohl heute sagen würde. Seine Diktion war eine andere, die aber auch schon 1968 nach Vergangenheitssehnsucht klang. Er sagte nämlich: „Wer auf die preußische Fahne schwört hat, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört.“ 33 Jahre später fragte ich Christoph, ob er sich an die durch diese Feststellung scharf markierte Zäsur erinnern könne. Konnte er nicht. Ich erwäge verschiedene Erklärungen, warum ihm dieses harte Urteil entfallen war.

  • Weil er schon damals wusste, dass viel geredet wird in der Schulbehörde;
  • weil er damals dachte, es werde halt nicht so heiß gegessen wie gekocht,
  • weil er überzeugt war, dass die 68er der Preußenverehrung selbst in der Schulbehörde bald ein Ende machen würden oder
  • weil er die Auflösung Preußens durch die Siegermächte für sich nicht akzeptierte. Diskussion über diese Fragen in Gruppenarbeit mit Präsentation später – aber nur falls Zeit bleibt.

Wie gesagt, Gäbler und Hoßfeld nun mit dem Auftrag versehen, möglicht viel vom gesellschaftlichen Wissensbestand aus allen Bereichen weiterzugeben. Nicht Leibniz war der letzte Universalgelehrte, sondern manch ein Gewerbelehrer aus jener Zeit. In den Unterrichtsentwürfen war ja immer die weiterführende Frage so wichtig, die ja überhaupt Wissenschaft konstituiert. Jede beantwortete Frage, wirft zehn neue ohne Antwort auf. Auch der sogenannte Einstieg war ganz wichtig, musste aber auch wirklich der Problementwicklung dienen, durfte kein platter Aufhänger sein, um nur ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhaschen. Auch musste immer fein das dialektisch Schema von Rede und Gegenrede beachtet werden. Die Gesetze des Erkenntnisfortschritt, im Studienseminar waren sie natürlich längst bekannt. Am Ende des Unterrichts bei Beachtung dieser Vorgaben ereignete sich dann regelmäßig und überfallartig die höhere Einsicht der Schülerschaft. Zum Beispiel Unterricht über den Ersten Weltkrieg und das Entscheidungsjahr 1917, sollte man den Krieg weiterführen oder sollte man lieber aufhören. Heute kann man leicht behaupten, Aufhören wäre besser gewesen, seinerzeit – also 1917 – saßen die Referendare von 1968 buchstäblich in der Obersten Heeresleitung und hatten mit den Schülern dort selbst viel Einerseits und Andererseits abzuwägen. War hier der Standpunkt bezogen, ging es gleich weiter mit dem Kristallgitter des Natriumchlorids. Herrn Wellers dialektisches Schema des insistierenden Denkens machte plakatives Herumreden, heutzutage auch wohl gern als Labern bezeichnet, gänzlich unmöglich. In dieser strengen geistigen Zucht Zuerkennung voller Professionalität für Gäbler und Hoßfeld bereits im Sommer 69. Eine Einschränkung hatte diese volle Professionalität vom modernen Standpunkt aus allerdings: Die Unterrichtsentwürfe aus dieser Zeit hatten nicht den Standard heutiger Wissenschaft. Ohne Microsoft und Kopierer und ohne Downloading blieben die Analysen meist flach. Immerhin für damals reichte es, man war noch nicht so weit.

Also: der Stern der 68er ging auf. 68 ein Jahr des Aufbruchs! Gäbler und Hoßfeld waren dabei, 1848 war es wohl so ähnlich, aber damals waren wir natürlich noch nicht dabei. Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren! Im Audimax wurden die Talare angelüftet. Von nun an Frischluft statt Muff. Demokratie Anfang der 70er nun ganz echt und auch noch genuin dazu: Resolutionen, Demonstrationen und Proteste sowieso und allerortens. Behörde und das sogenannte Establishment wurden meist mit scharfen Worten gerügt und duckten sich. Joschka Fischer noch nicht im Anzug mit Weste und die Schülerzeitung solidarisierte sich mit den portugiesischen Arbeitern und Bauern, weil diese einen Putschversuch verhindert hätten oder haben. Überall der Streik als die scharfe Waffe der Revolution. Der Schülerrat am 16.04.75: „Und um den Willen zum gemeinsamen Kampf zu demonstrieren, wurde beschlossen, für den Rest des Tages in den aktiven Streik zu treten. Allerdings wurde dann der Fehler gemacht, dass viele Kollegen und Kolleginnen zur Schule zurückgingen, um ihre Sachen zu holen.“ – Beispiel dafür, wie leicht Revolutionen an Kleinigkeiten scheitern. Zunächst schien aber der Erfolg ganz nahe:

  1. Weg mit dem Schulgesetzentwurf des Hamburger Senats
  2. Bezahlung aller Lehr- und Lernmittel durch den Staat
  3. Einstellung aller Lehrer
  4. Weg mit den Berufsverboten
  5. Ausbildung bis mindestens zum 18. Lebensjahr
  6. Weg mit dem Numerus Clausus
  7. Weg mit allen Zwangsmaßnahmen und dem Ordnungsrecht
  8. Für das Recht auf Schulstreik
  9. Für politische und gewerkschaftliche Freiheiten in der Schule

Aber nun schlägt das Imperium zurück. Der Teufel im Detail erhebt nun wieder sein freches Haupt. Revolutionäre vergessen ja allzu leicht, dass es den noch gibt. Der amüsiert sich natürlich über die, die nicht an ihn glauben und ihm seine Arbeit erleichtern. Was tun? – Evolution statt Revolution, Projektwoche statt Frontalunterricht! So ließ es sich packen. 1981 Rüstung und Wirtschaft, Menschenrechte, Drogen, Krise, Kriegsgefahr, Billeuntersuchung, Pflanzenschutz, Müll, Erziehung durch Druck oder auch anders. Im letzten Fall ggf. Thomas Schlüter fragen. Hoßfeld hatte sich mit der alten Menscheitsfrage „Wie erlangt man Sicherheit?“ etwas übernommen. Meine wichtige Antwort hat niemand interessiert und hat mich schüchtern gemacht bis heute, obwohl ich seinerzeit ausgemachter Fachmann für Erstschlag, Zielgenauigkeit, vermirvte Raketen, first-strike-capability, Marschflugkörper und Vorwarnzeiten war. Christoph Gäbler und Harald Langley wollten die Einsichten aus allen Projekten zu einer Gesamtschau unserer Welt in der Pausenhalle vereinigen. Dieses war unser erstes Schulprogramm und von einer großen Vision beflügelt. Lediglich die Evaluation unterblieb aus irgendeinem Grund.

Schneller Szenenwechsel. 1983! Christoph Gäbler wird Schulleiter, Helmuth Kohl wird Bundeskanzler. Die peußische Fahne des Dr. Meyer-Bothling von 1968 war eingerollt und irgendwo verstaut worden. Eine neue geistig-moralische Wende wurde wieder angekündigt, die erste war noch nicht ganz verwirklicht, dachten wir. Aber die Mitvierziger beginnen bereits zu ahnen, dass bei der Weltverbesserung immer nur kleine Schritte geboten sind, manchmal sogar rückwärts. Zeitlos ist und bleibt aber: bei der Verabschiedung eines Schulleiters oder einer Schulleiterin geht es immer nach der Maxime: Heute mach‘ ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken. Damals 1983 bei der Verabschiedung von Herrn Wagner versuchte ich die berühmte Frage des Predigers Salomo zu beantworten: Geschieht auch etwa, davon man sagen möchte: Siehe das ist neu? Die resignative Antwort des Predigers hielt ich seinerzeit für richtig: Er sagt: Es ist zuvor auch geschehen, in den langen Zeiten, die vor uns gewesen sind. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller usw. usw. Zur Stützung meiner Zustimmung, dass nichts Neues unter der Sonne sei, hatte ich Dokumente der G 5 und der G 13, die ja nun auch schon seit 72 bestand und seit 78 in Nettelnburg residierte, untersucht. Die alte Frage Heraklits, ob es sich beim zweiten Hineinsteigen noch um den gleichen Fluss handelt, musste in diesem Fall bejaht werden. Gut, neue Wasser waren geflossen, Flussbett aber unverändert. Wichtigstes Deutungsschema für den Gang der Geschichte nicht Kapital und Arbeit wie ehedem, sondern immer die dialektischen und nicht aufhebbaren Spannungen zwischen der Gewerbeschule13 und der Behörde. Als Deutungsmuster für fortbestehende Defizite wurde auch gern das Gesetz nachlassender Verstandesleistung bei einer Tätigkeit in der Hamburger Straße herangezogen. Also nichts Neues unter der Sonne!

Doch ! Siehe, das ist neu unter der Sonne. Die aus der Antike überkommene Geringschätzung des Gewerbelehrers hat letztlich ein Ende gefunden. Der Gewerbeschulleiter Christoph Gäbler lässt sich dazu 1988 in der Bergedorfer Zeitung wie folgt vernehmen: „Wer danach (nach der doppelten Qualifizierung nämlich) ins Berufsleben einsteigt, verfügt über eine weitsichtigere und verstärkt wissenschaftlich ausgerichtete CTA-Ausbildung.“ Und was sagt dazu Gewerbeschullehrer Jürgen Kahlert: „Wir hoffen ein Signal zum Einstieg in weitere Reformversuche zu setzen“. Als Fahnenwörter aus jener Zeit auch gern benutzt „Verzahnung“ oder „Motivationsschub“ und „Integration“ natürlich sowieso. „Wenn das bloß dauert“, sagte Napoleons Mutter ängstlich, als ihr rastloser Sohn voller Stolz auf das Erreichte hinwies.“

1983 also: Helmuth Kohl und Christoph Gäbler exponieren sich. Der eine zieht ins Kanzleramt der andere in den Raum 3032. Die Zeit begräbt schon alles wieder, obwohl erst 18 Jahre her. Wer ist Helmut Kohl? Der kämpft längst gegen das Vergessenwerden. Christoph Gäbler hat damit noch lange keine Probleme. Wird sogar mit großen Ehren und Dank aus dem sogenannten operativen und strategischen Geschäft (Fahnenwörter vom Schulleitungsseminar) verabschiedet. Das ist nicht ungerecht gegen Helmut Kohl. Wir sind hier nicht im Bundeskanzleramt, hier verschwinden keine Akten. Wer hinreichend lange sucht an der Gewerbeschule13, der findet sie auch bestimmt irgendwann.

Der Konflikt der Jüngeren mit den 68ern bestimme das gesellschaftliche Klima der Bundesrepublik, schreibt der SPIEGEL im April diesen Jahres. Und der 21jährige Soziologiestudent Daniel erklärt in der letzen Ausgabe von Erziehung und Wissenschaft, dass seine Generation die 68er entmystifizieren wolle. Lieber Daniel, das besorgen die schon selbst, das ist sozusagen bereits erledigt. Da bist Du etwas zu spät. Man redet schon lange anders. Zitat: „Aus der evaluierten Erfahrung der Europaschulen hat sich das Bild eines idealen Schultyps herauskristallisiert, in dem sich junge Menschen zu europäischen Bürgern entwickeln können.“ Das sind neue Zielsetzungen in „bildungspolitischer Hochglanzsprache“, wie Pädagogikprofessor Ziehe anmerkt. Nennt das wohl auch Ankündigungspädagogik. Soll heißen: es wird alles irgendwie ideal – aber erst später.

Lieber Christoph, am 23. Juni 1983, im Alten Land bei Bratkartoffeln und Matjes oder auch Roastbeef verglich Uwe Pugnat den abreisenden Jürgen Wagner mit einem Don auf seiner Hazienda und sagte dabei: „Der Karren muss weiter gezogen werden. Ein neues Zugtier haben wir bereits, den Don Christopherus“ („ein neues Zugtier haben wir bereits“ – dank der damaligen Präzisionsbehörde, schnurrte wie ein Uhrwerk, der haben wir viel Unrecht getan seinerzeit!) Und Uwe hatte recherchiert: Der Christopherus sei der Legende nach ein Riese gewesen, der ein Kind durch einen Fluss zu tragen hatte. In der Mitte des Flusses sei ihm das Kind unendlich schwer geworden, am anderen Ufer erfuhr er, dass er die Welt getragen hatte. Die G 13 war nun nicht die Welt – aber immerhin … Dank dafür.