Dez 022016
 
Christ und Krieg

Von Martin Niemöller, Treuenbrietzen 26.07.1961

Inhalt

Christ und Krieg

Ich glaube nicht, dass ich damit ein Thema behandele, das irgend­einen von uns kühl lassen könnte. Ich glaube auch nicht, dass ich das Thema so behandele, dass hinterher jeder mit dem, was ich sagen muss und sagen werde, einverstanden ist. Christ und Krieg, da geht es nicht nur um eine Beschreibung, wie ist das Verhältnis des Christen zum Kriege gewesen und wie ist es heute, sondern hier geht es auch um eine Entscheidung, das heißt um die Frage, wie muss der Christ eigentlich zum Kriege stehen? Welche Stellung hat er da, welche Stellung habe ich da als Christ zu beziehen? Diese Frage, wie muss ich als Christ zum Kriege stehen ist, wie wir Älte­ren alle wissen, bis vor ganz kurzer Zeit so gut wie unbekannt gewesen. Der Krieg wurde betrachtet als ein Schicksalsereignis, das als ein Schicksalsereignis eben hingenommen sein wollte und dabei ist dann der Krieg, je nachdem optimistisch oder pessimistisch beurteilt worden, die einen haben gesagt, ein Hitler gehörte zu ih­nen, der Krieg ist nicht etwa etwas Schreckliches, sondern er ist ja die Hohe Schule aller Mannestugenden. Wer tapfer und wer feige ist, das kommt hier an den Tag, wer kameradschaftlich ist und wer nur an sich selber denkt, das wird hier wirklich einmal sichtbar und was dergleichen „Verherrlichungen“ des Krieges mehr sein moch­ten. Daneben gab es auch eine pessimistische Betrachtung, die hat sich nicht im Allgemeinen so laut äußern können wie diese opti­mistische. Und es wurde gern verschwiegen, dass der Krieg zugleich die Gelegenheit ist, um alle möglichen unmenschlichen Instinkte, die im Menschen ruhen, hervorbrechen zu lassen; wir wissen darü­ber aus dem letzten Weltkrieg ja nun in einer ganzen Reihe von Erfah­rungen und Fällen bescheid.

Also der Krieg wurde als Schicksal hingenommen. Auch der Christ hat im Allgemeinen im Kriegsschicksal kein Problem gese­hen, mit dem er sich auseinanderzusetzen gehabt hätte. Es ging ja immer um die Verteidigung des Vaterlandes. Entweder das Vaterland war angegriffen oder, wie bei Hitler, es ist nun einmal Krieg, und jetzt können wir ja unser Vaterland nicht im Stich lassen, müssen Heimat und ihre Menschen verteidigen. Und in vielen Kirchen bei uns gibt es immer noch jene Gedenktafeln, die mit dem Spruch aus dem Johannes-Evangelium geziert sind, die für manchen, der heute darüber nachdenkt, sehr stark nach einer Gotteslästerung klingen, wenn man diese Worte ausgerechnet auf eine Kriegsopfertafel setzt, nämlich „niemand hat größere Liebe, denn dass er sein Leben läßt für seine Freunde“. Ich erwähne das alles nur, um deutlich zu machen, hier lag ja kein Problem, irgendwie hatten wir unsere beste Stellung in solchen Dingen, zu dem Hereinbrechen eines Krieges, zum Durchstehen eines Krieges, zum sich Beteiligen an einem Krieg; die Frage Christ und Krieg war im Grunde keine Frage. Das einzige Problem, was damals empfunden wurde – und jetzt spreche ich von den beiden letzten Weltkriegen – war vielleicht das, dass es Christenmenschen gab, und ich habe eine ganze Reihe schon im Ersten Weltkrieg gekannt, die so gefragt haben: Wie soll ich mich als Christ im Kriege als Soldat verhalten? Dass ich im Kriege mit­mache, dass ich im Krieg Soldat bin, das war nicht die Frage, son­dern nur die Frage, wie verhalte ich mich nun als Soldat richtig? Und dann kam der Täufer Johannes zu Ehren unter uns und dann hieß es „Lass dir an deinem Solde genügen, raubt nicht, plündert nicht, tut keinem Menschen Gewalt“, aber die allgemeine Stellung wurde damit in keiner Weise berührt oder gar erschüttert. Die Antwort auf die Frage: Wie soll sich der Christ im Kriege als Soldat verhalten? setzt also voraus, der Christ ist natürlich im Kriege Sol­dat. Aber jetzt kommt der Krieg, jetzt ist der Christ Soldat im Krie­ge, jetzt hat er Dinge zu tun. Was hat er nun zu tun, was hat er nicht zu tun? Das war allgemein anerkannt und darüber gab es keine Diskussion. Der Christ hat das eigene Leben seinem Volk bzw. dem Volk, das vom Staat repräsentiert wird, zur Verfügung zu stellen. Römer 13, „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott“ wurde auch dahin ausgelegt, dass selbstverständlich der Staat Gewalt hat auch über das Leben seiner Staatsbürger oder mit dem alten Begriff „das Leben seiner Untertanen“ und selbst im demokratischen Staat wird im Kriegsfalle der Bürger immer zum Untertan, das heißt zum Befehlsempfänger. Das war also kein Problem. Aber die andere Frage, die blieb offen, und sie ist von vielen verschieden beant­wortet worden und darüber gab es durchaus keine allgemeine Mei­nung, die unter Christen verbindlich gewesen wäre, nämlich das Problem, wenn er nun im Krieg im Dienst seines Volkes und Staates steht, hat er dann den Befehl seines Staates auch auszuführen, näm­lich anderen Menschen, nämlich feindlichen Sol­daten, das Leben zu nehmen? Das heißt, gilt im Kriege für den Christen das fünfte Gebot nicht? Kann der Staat im Kriege das fünfte Gebot für den Christen außer Kraft setzen, so dass das, was Sünde ist, zur Zeit des Nicht-Krieges plötzlich zur Pflicht wird, zur Zeit des Krieges aber aus Sünde Gehorsam wird? Und wir schauen ja auf eine sehr lange Tradition zurück, es ist den Theologen ohne weiteres bekannt, dass Luther in seiner Schrift, „ob ein Kriegsmann im seligen Stande sein könne“, die Frage durchaus bejaht hat, dass man im Gehorsam ge­gen eine ordentliche Obrigkeit das Schwert auch gegen das Leben anderer Menschen, nämlich anderer Kriegs­knechte, die einem ande­ren Herrn dienen, zu führen habe und dass man dabei ja gut und gerne Christ sein könne.

Meine Erfahrung

Und die Erfahrung hat es bestätigt, ich bin selbst ein Beispiel für solche Erfahrungen. Ich bin 1910 in die Wehrmacht eingetreten, da­mals in die Kaiserliche Marine, habe den Seeoffiziersberuf als Le­bensberuf ergriffen und habe ihn durchgemacht, und ich war kaum zwei Jahre Offizier, als der Erste Weltkrieg losbrach. Ich habe viele Menschenleben ins Jenseits befördert im Ersten Weltkrieg als U-Boot­kommandant und muss heute gestehen, ich habe damals auch nicht eine Sekunde ein schlechtes Gewissen dabei gehabt, ich habe ein gutes Gewissen dabei gehabt. Nun wissen wir, das gute Ge­wissen ist noch kein Beweis dafür, dass das, was man tut, recht ist, sondern das Gewissen kann ja mit sehr verschiedenen Inhalten ge­füllt sein. Das alte Beispiel aus der Missionsgeschichte von den Men­schenfressern auf Neuguinea, den Papuas, die so lange ein schlech­tes Gewissen haben als heranwachsende junge Männer, bis sie den ersten eingetrockneten und präparierten Schädel eines Fein­des, den sie mit eigener Hand erschlagen haben, an ihrem Gürtel hän­gen haben. Sie haben ein schlechtes Gewissen, so lange sie die­sen Feind nicht umgebracht haben. Ich sage dazu nur, das Gewissen kann irren, es kann sehr verschiedene Inhalte haben und ein gutes Gewissen ist noch kein Beweis dafür, dass das, was man tut, recht ist. Es hat nun neben dieser allgemeinen Auffassung, dass das fünfte Gebot im Kriege nicht gilt, einige Leute gegeben, die den letzten Krieg mitgemacht haben und die nachträglich bekannten: Wenn ich schießen musste, habe ich immer in die Luft geschossen. Über diese Hemmung des fünften Gebotes kann ich als Christ einfach nicht hinweg. Es hat daneben – ich sprach von Luther, in Wirklichkeit geht es viel weiter zurück, darüber sage ich gleich noch ein paar Worte – es hat neben den Christen, die sich mit dieser Frage Christ und Krieg abgefunden haben – im Kriege kann man eben nicht zwei Herren dienen, im Kriege muss man seiner Obrigkeit gehorchen und kann da keine Abstriche machen und keine Sonderbehandlung für sich in Anspruch nehmen – daneben hat es allerdings immer so et­was gegeben, was wir heute christliche Pazifisten nennen. Das heißt, Christen und christliche Gemeinschaften, ja, früher sagten wir Sek­ten, sagen wir Gruppen oder auch Kirchengemeinschaften, die die Gewaltlosigkeit als eine Christenpflicht hingestellt haben und dieses Hinübergreifen eines Menschen in das physische Leben eines ande­ren Menschen, jeden Versuch, einen anderen Menschen umzu­brin­gen, auch wenn es der Staat befiehlt und wenn es im Kriege ge­schieht, für eine Sünde angesehen haben und deshalb für ihre Reli­gionsgemeinschaft erklärt haben, wir machen das nicht. Wer bei uns, bei den Mennoniten Mitglied der Gemeinde wird, der verpflichtet sich damit zugleich, kein Soldat zu werden, keine Waffe anzurühren, die sich gegen einen anderen Menschen richtet, keinen Krieg mitzu­machen, sondern dem Frieden in dieser Form nicht nur zu dienen, sondern auch da zu folgen, wo ein Dienst am Frieden nicht mehr möglich ist, wo man unter Umständen nur die Strafe dessen, der das nicht tut, was die Obrigkeit von ihm verlangt, auf sich nimmt. Also Vertreter der Gewaltlosigkeit, die Mennoniten aus der Zeit der Re­for­mation. Zweihundert Jahre später die englischen Quäker, die dann zum großen Teil deswegen auswanderten nach den Vereinigten Staaten oder in die späteren Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo sie ihren Glauben auch an diesem Punkte leben konnten, weil es da keine allgemeine Wehrpflicht gab, und wo eine Religions­ge­mein­schaft, die die Gewaltanwendung grundsätzlich ablehnte, nicht des­halb verfolgt wurde. Dazu ist noch vor 150 Jahren eine nord­ameri­kanische christliche Kirche gekommen, die Church of the Brethren, die ursprünglich aus Deutschland stammte und zwar von der Grenze zwischen der Kirchenprovinz Westfalen und meinem Kirchengebiet Hessen-Nassau, da oben aus dem Wittgensteiner Land, Schwarzenau an der Eder. Die Kirche der Brüder, wie sie sich nennt, und die auch jede Gewaltanwendung für ihre Glieder und für sie alle grund­sätzlich ablehnt. Das sind nun kleine Gruppen gewe­sen. Die Staaten haben sich diese kleinen Gruppen im Allgemeinen gefallen lassen. Die Russen haben bis zum Krieg mit Hitler zum Beispiel Menno­niten in ihrer Mitte geduldet und haben keinen Mennoniten zum Kriegsdienst gezwungen, weil schon Katharina die Große den Men­no­niten die Einwanderung nach Rußland gestattet hatte und ihnen garantiert hatte, ihr braucht keinen Kriegsdienst zu leisten, wenn ihr zu uns kommt, wir sind aber sehr daran interessiert, euch zu haben, denn ihr seid gute und fleißige Landwirte. Also diese christlichen Pazifisten hat es gegeben, man hat sie mit Geduld getra­gen im Allgemeinen, so ähnlich wie ja bei uns Adolf Hitler die Frei­kirchen, weil sie nur kleine Gruppen darstellten im Unterschied von den Groß­kirchen, von der Evangelischen Kirche und der Römisch-Ka­tholischen Kirche, mit viel Geduld getragen hat und hat ihnen ruhig ihren Willen und ihren Weg gelassen, weil er sich sagte, das sind so kleine Gruppen, die werden mir mein tausendjähriges Reich nicht gefährden. Aber in der Regel hat in der ganzen Christenheit, jeden­falls bei uns im Abendland immer der Satz gegolten: mit Gott für König und Vaterland. Das Bündnis mit dem Staat hatte zur Folge, dass man im Staat auch in Kriegszeiten einen entsprechenden Dienst leisten muss. Es ist bekannt geworden und sollte uns allen bekannt sein, dass in jenen frühen, nächtlichen Morgenstunden des 6. August 1945, als von einer kleinen Pazifik-Insel das Flugzeug, das ameri­ka­nische Flugzeug Enola Gay startete, das die erste Atom­bombe nach Japan trug, nach Hiroshima – als dieses Flugzeug star­tete, man einen Militärgottesdienst hielt. Das Gebet, was bei dieser Gelegenheit von dem christlichen Pfarrer gebetet wurde, ist uns im Wortlaut erhalten. Und es ist ein Gebet für den Sieg der guten Sa­che, für den Erfolg dieses Fluges; Gott möchte die Flieger bewah­ren und glücklich wie­der nach Hause kommen lassen und möchte bald dem Krieg ein Ende setzen. Ein Gebet, wie wir tausende sol­cher Gebete aus dem Munde von kirchlichen Pastoren im Ersten wie im Zweiten Welt­krieg gehört haben. Und ein Gebet, dem es als selbstverständlich zugrunde liegt, dass ein Christenmensch ruhig im Kriege töten darf und sich damit nicht etwa den Zugang zu seinem himmlischen Vater im Gebet verbaut. Die Praxis war eben diese dop­pelte Moral. Der Staat darf Dinge tun, die darf der Einzelne nicht tun, der Staat darf töten, der Einzelne darf nicht töten, diese doppelte Moral, die dann später, nachdem die Kirche sich lange Jahre, auch lange Jahrhun­derte, auf diese Praxis eingelassen hatte, der christlichen Kirche den Vorwurf eingetragen hat, den man ja heute noch hier und da lesen kann, dass die Kirche die Waffen seg­net. Das hat die Evangelische Kirche zweifellos niemals getan, denn wir segnen ja keine Gegen­stände in der evangelischen Christenheit, aber was damit gesagt werden soll, das ist natürlich passiert. Die Kirche hat im Ersten Weltkrieg Kriegspredigten gehalten; das war der einzige Moment, wo ich mal in Gefahr war aus der Kirche auszutreten, und zwar deshalb aus der Kirche auszutreten, weil ich mir die Predigten der evangelischen Militärgeistlichen anhören musste, die meinten, statt des Evangeliums das Durchhalten predi­gen zu können im Namen Gottes und im Namen Jesu Christi. Und ich hatte solch einen Militär­geist­lichen, der war ein Beispiel vor anderen, von dem habe ich nie ein Wort des Evangeliums gehört, aber Durchhalten hat er immer gepredigt. Und als ich 1919 heiratete, musste ich von ihm ein Demissoriale haben und bei der Gelegenheit fragte er mich: „Bruder Niemöller, soll ich jetzt in die Landeskirche als Pfarrer gehen oder soll ich Farmer werden? Mein Bruder hat eine große Farm in Süd­west und will die in zwei Teile teilen und ich soll die eine über­nehmen. Was würden sie mir raten?“ Ich habe ihm gesagt, „Lieber Herr Sowieso, ich habe Sie immer als Menschen gern gemocht, aber ein Pfarrer sind sie nicht und ein Pfarrer werden sie nicht; was sie gepredigt haben, dazu braucht man Sie nicht, dafür werden sie im­mer Leute finden. Gehen sie nach Südwest“. Der Mann war verstän­dig genug, er ist nach Südwest gegangen. Wir ha­ben damit nicht diese Art von Kriegsprediger, um eine vermehrt, um eine Person vermehrt, in unsere Evangelische Kirche hinein­be­kommen.

Das konstantinische Bündnis

Nun fragt man sich ja, wie ist es denn nun in Wirklichkeit? Dass es mal jahr­hundertelang so gewesen ist, dass jeder Christenmensch mehr oder weniger selbstverständlich Soldat geworden ist und dann auch in den Krieg gezogen ist und im Kriege andere Leute um­gebracht hat. Ist das denn immer so gewesen und ist das denn rich­tig? Heute wird diese Frage mal wieder gestellt und ist in der Christenheit heute sehr lebendig. Und wir erinnern uns daran, dass es jedenfalls nicht immer so gewesen ist, jedenfalls nicht in den ersten Jahrhunderten. Wenn wir unser Neues Testament aufschlagen und suchen nach einem Christen, der dann Soldat geworden wäre und in den Krieg gezogen wäre, andere Menschen umgebracht hätte, etwa auf den Befehl des römischen Kaisers, dann finden wir ihn im Neuen Testament nicht. Das hängt zunächst einfach damit zusam­men, dass ja die christliche Gemeinde in den Anfängen, also nach Pfingsten und zur Zeit der Apostel, irgendwo im Winkel gelebt hat, nicht in der Öffentlichkeit. Wir wissen von keinem einzigen Christen, der ein öffentliches Amt bekleidet hätte zur Zeit des Neuen Testaments. Wenn man also danach sucht, dann sucht man vergeb­lich. Dann ist es aber sehr bald dahin gekommen, dass römische Soldaten Christen geworden sind. Wir haben so ein paar Hindeu­tungen schon im Neuen Testament, dass Soldaten Christen werden, da ist ein Mal der Hauptmann von Kapernaum und da ist zum anderen der römische Centurio in Caesarea, zu dem der Apostel Petrus geschickt wird; Cornelius, nach dem sich jetzt dann eine Offi­ziersvereinigung die Cornelius-Bruderschaft nennt, weil sie meinen, da hätten sie nun den Beweis dafür, dass ein Christ auch Soldat sein könnte. In Wirklichkeit ist es nur ein Beweis dafür, dass auch ein Soldat Christ werden kann. Mehr wissen wir über den Cornelius im Grunde nicht. Aber als Soldaten Christen wurden – und das ist nicht selten passiert – wurde es anders. Die römischen Legionen und das römische Heer überhaupt war eigentlich der Ausschnitt aus der menschlichen Gesellschaft des 1. und 2. Jahrhunderts nach Jesus Christus, in dem am stärksten eine religiöse Linie und eine religiöse Trieb­kraft sich gezeigt hat. Wenn man in eine religiöse Gemein­schaft hinein gehen wollte, dann brauchte man nur zu einem römi­schen Regiment zu gehen, in dem fand sich mit Totensicherheit eine kleine Gruppe von Menschen, die zu irgendeiner der damals übli­chen Religionen, Mitras-Kult oder was es war, dazu gehörten. Und also wenn man bei uns im Taunus die Saalburg besucht, dann findet man all die verschiedenen kleinen religiösen Heiligtümer rings um das Kastell des römischen Regiments, der römischen Legion, ver­teilt, alle Götterbilder hat es da gegeben und da hat es auch Christen gegeben. Und die römischen Legionen sind wahrscheinlich an der ursprünglichen Verbreitung des Christentum gar nicht unbeteiligt. Ich glaube, dass die Forschungen immer noch nicht abgeschlossen sind, ob nicht nach Schottland und nach Nordirland das Christentum durch römische Legionäre ursprünglich gekommen ist. Da ergab sich nun die Frage und dann musste dieser Frage standgehalten wer­den, darf ein Christ Soldat sein, darf ein Soldat, der Christ geworden ist, in den Krieg ziehen und Menschen töten? Wie verträgt sich das mit seinem Bekenntnis zu Jesus Christus als zu seinem Herrn und Heiland? Diese Frage ist über 200 Jahre hin unentschieden hin und her gegangen, sie konnte verhandelt werden, sie wurde verhandelt, weil die christliche Religion immer noch eine unerlaubte und nicht anerkannte Religion war, die auf der Scheidelinie zwischen öffent­licher Geltung und Untergrundkirche in diesen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten gestanden hat. Es war dann in der westlichen Welt am Ende des 3. Jahrhunderts so weit, dass eine große gallische Synode etwa um 280 herum nach Christus erklärte, ein Christ, der Soldat wird, ist exkommuniziert, er kann nicht mehr am Heiligen Abendmahl teilnehmen. Diese Haltung in Südgallien, der dortigen christlichen Gemeinden und Kirchen und Bischöfe hat nur kurze Zeit gedauert, denn bei der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert, als der Kaiser Konstantin zur Regierung gekommen war in Rom, da beginnt die sogenannte konstantinische Ära. Es beginnt das Bünd­nis, was wir früher, vor einem Menschenalter, das Bündnis zwischen Thron und Altar nannten, dass der Kaiser und die Kirche zusam­mengehen oder praktisch damals der Kaiser und der Bischof von Rom, der spätere Papst. Es wurde ein Bündnis geschlossen und mit diesem Bündnis änderte sich die ganze Weltgeschichte und auch die ganze Kirchengeschichte. Der Kaiser Konstantin …, Sie kennen die schöne Legende, die Alten unter uns haben sie noch in der Schule erzählen hören. Ich weiß nicht, ob sie heute etwa im Religions­unterricht der Schule auch noch eine Stätte hat. Es wäre Zeit, damit aufzuhören. Die Legende erzählt, der Kaiser Konstantin hätte eines Nachts geträumt und hätte ein Kreuz in den Wolken gesehen und dazu eine Stimme gehört: „In diesem Zeichen wirst du siegen“. Dann wäre er Christ geworden und hätte das Christentum als Staats­religion anerkannt. Historisch ist es so nicht gewesen, und was die Hintergründe waren, kann man nur vermuten; aber man kann es mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts, zur Zeit, als Konstantin sein Reich antrat und seine Regierung, da krachte es im Gebälk des Römischen Reichs. Denn die Römer wa­ren zwar die Nutznießer des Römischen Reiches, aber sie leisteten keine Opfer mehr für das Reich, die Römer wurden nicht mehr Sol­daten, sondern die Soldaten, die an den bedrohten Grenzen standen, gegen Persien, gegen die Bataver und gegen die Pikten in Nord­england, diese Soldaten waren alles …, wir würden heute sagen, farbige Hilfsvölker, keine Römer, keine Italiener, sondern Söldlinge, die irgendwo geworben waren. Und zu Beginn des 4. Jahrhunderts gab es keine geistige Einheit mehr im Römischen Reich, die es Jahr­hunderte zuvor stärkstens gegeben hatte, und die dann mehr und mehr in Verfall geraten war. Zur Zeit des Kaisers Konstantin war die Entwicklung zu einer echten Bedrohung geworden. Wie halte ich mein Reich zusammen, das war die Frage, die jeden Morgen mit dem Kaiser Konstantin aufstehen musste und die jeden Abend mit ihm zu Bett gehen musste. Er suchte nach einer geistigen Kraft, und da bot sie ihm die christliche Kirche, die bis dahin noch uner­laubt war, die bloß im Winkel und Untergrund existierte, die von einer blutigen Verfolgung zur anderen geführt worden war 200 Jahre lang. Sie war trotzdem nicht verschwunden, sondern sie war ge­wach­sen. Das heißt, hier ist eine geistige Kraft. Wenn ich diese geistige Kraft zum Rückgrat meines Reiches mache, dann macht das Reich noch mal Halt. Und so war der Kaiser interessiert an einem Bündnis mit der christlichen Kirche. Und die christliche Kirche, ja, wir wissen ja, wie das ist, liebe Freunde, die hatte 200 Jahre Verfol­gung hinter sich. Und wenn der Kaiser ihr ein Bündnis anbot, dann hieß das, wir brauchen uns vor keiner Verfolgung mehr zu fürchten. Wenn wir also das Bündnis eingehen mit dem Kaiser, dann gewin­nen wir auch, und wenn nur unsere Sicherheit. Der Kaiser hat Si­cher­heit für sein Reich, die Kirche hat Sicherheit vor der Verfol­gung. Das wurde das sogenannte Konstantinische Bündnis, der Kai­ser gewinnt, die Kir­che gewinnt. Und so ist es bis heute dann fak­tisch bei uns geblieben; in England ist es heute noch so. Wenn Sie eine englische Münze in die Hand nehmen, dann finden Sie auf der Seite, wo das Bild des Monarchen ist, einen der vergangenen Könige von England oder die heutige Königin, dann finden Sie auf der Um­schrift die Buchstaben, lateinisch: Defensor Fidei, Verteidiger des Glaubens, Beschützer des Glaubens. Der Kaiser Konstantin war der erste Monarch, der als Be­schützer des Glaubens auftrat. Und alle, die nach ihm gekommen sind in der sogenannten christlichen Welt, verstanden sich als Be­schützer des Glaubens.

Und für den englischen König oder die Königin ist es heute noch die wesentliche Bezeichnung seiner Position und Funktion. Für die Kirche bedeutete das, dass die Frage, ob ein Christ Soldat sein darf oder nicht, beantwortet war, ein für alle Mal. Denn wenn die Kirche gesagt hätte, ein Christ darf nicht Soldat werden, dann hätte der Kai­ser nur sagen können, dann kann mir das Bündnis mit euch nichts nützen, ich will ja mein Reich schützen, dort an der persischen Gren­ze und an der afrikanischen Grenze gegen Oberägypten und ich will das Reich schützen im Norden gegen die wilden Germanen und gegen die Schotten und Pikten im Norden. Und wenn ihr gleich sagt, ein Christ kann nicht Soldat sein, dann hat freilich dieses Bündnis überhaupt keinen Sinn. Damit war die Frage durch das Bündnis ent­schieden, ein Christ kann Soldat sein und ist bis heute so ent­schie­den. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, als ich Soldat wurde und den Soldatenberuf ergriff als Seeoffizier. Es war doch ein fest­stehendes Dogma, und das ist es heute noch bei vielen Christen­leuten, ein Christ ist auch ein guter Soldat. So wie ein guter Christ auch ein guter Staatsbürger ist, das sind keine Lehrsätze und Dog­men, die man aus der Bibel und aus dem Neuen Testament ableitet, sondern die stammen vom konstantinischen Bündnis her und sind bis heute nicht außer Kraft gesetzt.

Die Lehre vom gerechten Krieg

Also für die Kirche ergab sich nun die Notwendigkeit, das, was die Synode in Südfrankreich gesagt hatte, auf jeden Fall durchzu­strei­chen. Die Kirche musste sagen, es gibt Fälle, in denen der Krieg gerechtfertigt ist, es gibt Fälle, in denen auch der Christ Kriegsdienst tun muss, es gibt Fälle, wo auch der Christ im Kriege einem anderen Menschen auf Befehl des Staates das Leben nehmen muss und sich mit der Waffe gegen seinen Mitmenschen kehren. Nun könnte natürlich, so wie die Dinge gelaufen waren, die Kirche nicht einfach sagen, ihr könnt ruhig Krieg machen und ihr Christen könnt ruhig mitspielen. Das hätten zu viele gemerkt und hätten gesagt, wie verhält sich das zu dem, was wir bis jetzt gelernt haben. Sondern die Kirche musste sagen: Es gibt Kriege, an denen darf und muss der Christ mitmachen, es gibt Kriege, an denen darf er nicht mitmachen. Und das war der Anfang von der sogenannten Kirchenlehre vom gerechten und ungerechten Krieg. Ein gerechter Krieg ist ein Krieg, den ein Christ mitmachen darf, ein ungerechter Krieg ist ein Krieg den ein Christ nicht mitmachen darf. Diese Lehre wurde entwickelt, sie ist auch durchgehalten worden, auch Luther, ja selbst die Augs­burgische Konfession, steht noch auf diesem Standpunkt. Es gibt in der Augsburgischen Konfession einen Artikel, wo es heißt, dass ein Staat das Recht hat, einen gerechten Krieg zu führen. Zweifellos etwas, wo man heute drei Fragezeichen dahinter machen muss. Gott sei Dank, als evangelische Christen haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, die Aussagen unserer kirchlichen Bekennt­nisse an der Heiligen Schrift zu prüfen und zu fragen, ob das mit der Heiligen Schrift eigentlich im Einklang steht. Die Lehre ist ent­wickelt worden. Ein Mann, dem wir viel verdanken, hat den Grund­stein dafür gelegt, nämlich der Kirchenvater Augustin. Sie ist in ihrer Perfektion, in ihrer Vollendung durch Thomas von Aquin, dem großen katholischen Kirchenlehrer des Mittelalters, entwickelt wor­den. Sie ist mit in die Reformation hineingeschlüpft und sie beschäf­tigt uns in der Kirche bis heute. Und wenn die Frage auf dieses Thema kommt, dann sind wir plötzlich nicht mehr einig, auch nicht innerhalb der evangelischen Christenheit. Das ist weiter nicht zu verwundern, denn 1600 Jahre lang oder 1650 Jahre ist es jetzt her, daß tatsächlich dieses Dogma – ein guter Christ ist auch ein guter Soldat – im Ernst niemals angefochten gewesen ist innerhalb der Christenheit.

Lassen Sie uns einen Augenblick fragen, wie sieht denn die Lehre vom gerechten Krieg aus? Wie muss denn ein Krieg sein, so dass die Kirche Ja dazu sagen müßte? Es sind drei Kennzeichen, die einen gerechten Krieg vom ungerechten Krieg unterscheiden müs­sen. Das ist einmal die gerechte Ursache, um derentwillen ein ge­rech­ter Krieg geführt wird. Wenn die Ursache nicht gerecht ist, dann ist der Krieg kein gerechter Krieg. Das allein aber genügt noch nicht, um einen Krieg zum gerechten Krieg zu machen, dass die Ursache gerecht ist. (Hier springt die Kassette und es ist nichts zu verstehen) Ursache, das wäre Notwehr, Verteidigung. Wenn man gegen einen Angreifer, der ins Land eindringt, Waffengewalt anwen­det, das wäre eine gerechte Kriegsursache. Gerechte Mittel …, Jo­han­nes sagt schon, sie sollen sich an ihrem Solde genügen lassen und nicht brennen, morden, plündern. Im Krieg darf man nicht jedes Mittel anwenden, hieß das nach der Lehre von Augustinus, Thomas von Aquin und der Reformatoren. Man darf im Kriege keine Ver­brechen begehen. Wenn die Soldaten der einen Partei im Kriege brennen, morden, vergewaltigen, rauben, plündern, dann ist der Krieg kein gerechter Krieg mehr, weil die Mittel nicht die gerechten Mittel sind, die angewendet werden. Man muss mit anständigen Waffen in anständiger Weise gegeneinander kämpfen.

Aber das Schwerste, das gerechte Verhältnis zwischen dem Kriegs­ziel und den Opfern, die man für diese Kriegsziele bringt – sehr schwierig zu sagen. Jedenfalls ist ungerechter Krieg, und man darf einen solchen Krieg nicht gutheißen, wenn man um vielleicht hundert Stück Rindvieh, die geraubt worden sind, einen Krieg führt, bei dem hundert Menschen das Leben verlieren. Das ist kein zu rechtfertigendes Verhältnis, hundert Menschen für hundert Stück Rindvieh. Ich karikiere absichtlich hier etwas, damit wir schnell begreifen, worum es geht. Der Christ darf nur an einem gerechten Krieg teilnehmen. Aber diese Kirchenlehre, die von Anfang an sehr deutlich war, wurde ebenso schnell, wie sie entstand, auch wieder brüchig. Denn wie soll ein Mensch feststellen, ob eine Ursache, um derentwillen jemand Krieg anfängt, eine gerechte Ursache ist? Wer weiß denn überhaupt, um welcher Ursache willen ein Krieg ange­fangen wird? Wer von uns hat das im Ersten Weltkrieg gewusst, wes­halb eigentlich? Denn dass da ein Österreichischer Erzherzog ermordet wurde, das war ja schließlich noch keine Ursache zum Krieg, sondern es war ja bloß der Anlass zu einem Krieg, die dazu benutzt wurde. Wir alle aber haben gedacht damals, wir führten einen gerechten Krieg, soweit wir überhaupt den Begriff kannten. Aber durch die Diplomatie ist ja immer die Ursache eines Krieges verdeckt gewesen. Jeder Staat, der einen Krieg macht oder in einen Krieg zieht behauptet, die Ursache, weshalb er Krieg führt, wäre gerecht, er wäre angegriffen, er müßte sich verteidigen, ihm wurde da Land geraubt oder sonst etwas. Und wer hinterher der Ange­grif­fene gewesen ist, na ja, wir wissen allmählich aus einiger Erfahrung, der Angreifer ist immer der, der hinterher unterliegt und über den dann das Urteil gesprochen wird. Genau wie das Urteil über den anderen gesprochen würde, wenn er den Krieg verloren hätte, dann hätte er den ungerechten Krieg geführt. Dass diese Sache nicht dicht ist, dass die nicht stichhält, darüber besteht ja kein Zweifel unter uns. Also die Ursache ist immer unerkennbarer geworden. 1939 An­griff auf den Gleiwitzer Sender, Sie wissen Bescheid heutzutage, nicht wahr? Dann die Frage der gerechten Mittel, wer soll die erken­nen? Was ist ein gerechtes Mittel?

Der mittelalterliche Predigermönch Berthold von Regensburg, der hat in einer Moralpredigt nebeneinander gestellt, die ehrlichen Berufe, an denen ein Christ teilnehmen kann, ohne sich zu exkom­munizieren, und die unehrlichen Berufe, die ein Christ nicht aus­üben darf, wenn er zu einem Abendmahl in der Gemeinde zuge­lassen sein will. Und zu den unehrlichen Berufen, da gehörten die Schauspieler, die fahrenden Leute, die schlechten Mädchen, dazu ge­hörte alles Mögliche von Landstreichern und dergleichen, und demgegenüber standen die ehrlichen Berufe. Ganz interessant, Bert­hold von Regensburg führt unter den ehrlichen Berufen die Lands­knechte an, aber unter den unehrlichen Berufen führt er die Stück­knechte an. Die Landsknechte, das sind die Soldaten in seiner Zeit, die mit der blanken Waffe kämpften, mit dem Schwert, mit der Lanze, mit der Keule, mit Pfeil und Bogen usw. Die Stückknechte sind die Artilleristen, das sind die Leute, die mit Kanonen schießen und gar nicht das Weiße im Auge des Feindes sehen. Unehrlicher Beruf. Was ist eine ehrliche Waffe, was ist eine unehrliche Waffe? Als ich ein Kind war, als Sechsjähriger dann anfing zu lesen, da habe ich immer die Kriegsberichte vom Burenkrieg verschlungen 1898/99. Und da warf man sich …, auch damals gab es schon Gräu­el­propaganda, da warf man sich gegenseitig vor, die Engländer den Buren und die Buren den Engländern, sie kämpften mit vergifteten Waffen, nämlich mit Dumdum-Geschossen. Ich weiß gar nicht, ob man heutzutage bei den Soldaten noch weiß, was das ist. Das war ein Geschoss, dem man vorne die Spitze abknipste, an einer Vorrich­tung am Gewehrkolben, die nicht dazu bestimmt war, aber die gut dazu zu gebrauchen war. Dann trat das Bleigeschoss aus dem Inne­ren des harten Metallkerns des Bronzekerns oder Bronzestabkerns ans Freie, und wenn man mit solch einem Geschoss den Gegner traf, dann spritzte das Blei, das weiche Blei, aus dem Geschosskern heraus und zerriss das Gewebe ringsum, und es gab sehr hässliche Verwun­dun­gen. Das galt als völkerrechtswidrig, das war völker­recht­lich verbo­ten. Wer das machte, der setzte sich ins Unrecht, er führte einen un­ge­rechten Krieg. Wenn heute jemand eine offene Stadt bombardiert, wenn heute jemand eine Atombombe wirft, völ­ker­rechtlich ist es nicht verboten, immer noch nicht verboten. Ist das nun ein gerechter Krieg, wenn man solch eine Waffe anwendet? Sind das gerechte Mit­tel? Ich frage nur. Wir sehen, wie fragwürdig das wird. Und dann das Verhältnis zwischen dem Opfer und dem Zweck. Wer kann das abschätzen? Erster Weltkrieg, sechs Millionen Todesopfer. Ent­sprach das dem Zweck? Zweiter Weltkrieg, 16 Millionen Todes­opfer, entspricht das dem Zweck? Oder dritter Weltkrieg, die einen die sagen …, allerdings vor zehn Jahren, heute kommen die Zahlen höher, er würde 600 Millionen Menschenleben kosten. Welcher Zweck kann das eigentlich rechtfertigen? Welcher Zweck steht in einem vernünftigen Verhältnis dazu? Sie sehen, das sind Fragen, die die ganze Frage nach dem gerechten Krieg brüchig werden lassen.

Und nun kommt die Frage, wie verhält sich denn nun der Christ angesichts dieser Brüchigkeit der ganzen Lehre? Und ich behaupte, die ganze Lehre vom gerechten Krieg hat noch niemals, auch nicht zu Zeiten des Kaisers Konstantin, irgendeinem Christen etwas ge­hol­fen, um sich ein Urteil zu bilden, was er durfte oder nicht durfte. Es hat nur dazu geholfen, und dazu sollte es ja auch dienen, der Kirche für ihre veränderte Haltung ein gutes Gewissen zu machen. In Wirklichkeit konnte die Kirche auch nicht sagen, was ein gerech­ter oder ungerechter Krieg ist. Sie konnte immer nur sagen, nun han­delt mal so, als ob das ein gerechter Krieg wäre. Wenn man’s nicht erkennen kann, dann ist es immer noch das Beste, man folgt dem Ruf der Obrigkeit. So hat sich die Kirche faktisch verhalten. Der Christ war also von der Kirche im Stich gelassen, musste selber mit der Frage fertig werden. Und von daher, der Krieg ist ein Schicksal, wir machen ihn ja nicht, was sollen wir tun, wenn wir mitmachen? Das ist zwar eigentlich Sünde und führt zur Sünde. Aber wenn wir nicht mitmachen, ist er nicht noch eine größere Sünde, verleugnen wir damit nicht die Liebe zu unserem Nächsten? Welches ist nun das kleinere Übel? Eine Frage, die nie beantwortet worden ist in den eineinhalb Jahrtausenden. Und eine Frage, auf die ich zum ersten Mal gestoßen bin im Jahre 1917, als ich also schon drei Jahre Krieg frisch, fromm, fröhlich, frei mitgemacht hatte. Da las ich in einer deutschen Zeitung von deutschen Theologen, die sich mit der Frage befassten, wie sich denn eigentlich das Kriegführen für Christen mit der Bergpredigt und mit der Lehre Jesu vertrügen? Und ich kam zu dem Ergebnis, im Kriege könnte man eben nicht dem Herrn Jesus nachfolgen und die Bergpredigt anwenden, man müsste die Berg­predigt mit einem Moratorium versehen. Sie wissen, was das ist. Es wurde plötzlich im Ersten Weltkrieg das Moratorium für Hypo­thekenschulden ausgerufen. Das heißt, man konnte keine Hypothe­ken kündigen, und man brauchte auch, wenn man es nicht konnte, keine Zinsen zu bezahlen. Das wurde alles verschoben bis ans Ende des Krieges. Und so war das nun der Schluß der klugen Theologen: Nach der Bergpredigt, das heißt nach den Weisungen Jesu, kann der Christ nicht leben, wenn Krieg ist, das muss vertagt werden, bis der Krieg vorbei ist. Moratorium der Bergpredigt, man kann auch sagen Bankrotterklärung des Christentums.

Die neuere Entwicklung

Nun ist die neuere Entwicklung gekommen. Wir dachten, mit den Dingen einigermaßen fertig zu sein, als das Jahr 1945 und der Zu­sam­menbruch da war. Aber dann ist es ja sehr schnell weiter gegan­gen. Wir haben in der Waffentechnik Dinge erlebt, von denen sich niemand auch nur vor 40 Jahren irgendetwas hätte träumen lassen. 1945 die Atombombe mit einer Sprengkraft von 20.000 Tonnen Tri­nitrotoluol, und diese erste Atombombe, das wissen Sie, hat eine viertel Million Menschen ums Leben gebracht. Die Amerikaner hat­ten sie zunächst allein, dann haben die Russen sich bemüht, den amerikanischen Vorsprung einzuholen, und 1949 waren sie so weit, und seit 1949 leben wir nun dieses Gleichgewicht des Schreckens. Kann man, wenn solche Mittel angewandt werden, noch vom ge­rechten Krieg sprechen? Kann man das überhaupt noch denken? Welcher Zweck ist so etwas noch wert, wenn jetzt 600 Millionen draufgehen müssten bei dem nächsten Krieg? Dann kam es später, im Jahre 1954, fast gleichzeitig in Ost und West zur Wasserstoff­bombe, die hatte nicht 20.000 Tonnen, sondern 20 Millionen Tonnen Sprengwirkung, und damit diese Führungskraft und nicht bloß damit, sondern es sind ja hier noch andere Erkenntnisse dazuge­kommen; eine Wirkung, die ganz unvorstellbar ist, und die den Weh­schrei der Menschheit hervorrief, es darf keinen Krieg mehr geben. 1918 haben wir auch gerufen, nie wieder Krieg. Aber 1954 ist dieser Ruf, es darf keinen Krieg mehr geben, sehr stark verstandesmäßig unterbaut gewesen, denn wir stehen ja jetzt vor der Tatsache, dass die Menschheit sich selbst ums Leben bringen kann und dass der­jenige, der den Krieg verliert, immer noch die Möglichkeit hat, den Sieger und den Rest der Menschheit in seinen Tod mit hinein­zunehmen, und daher die Erkenntnis, es kann zwar noch einen Krieg geben, aber wenn das ein Krieg wird zwischen zwei Atommächten, etwa Russland und Amerika, dann kann es nur noch einen Krieg geben, und der danach, der findet nicht mehr statt. Es wurde Einstein, wie Sie wissen, mal gefragt, ob er sagen könnte, mit was für Waffen nun der nächste Krieg geführt werden würde. Er hat darauf geantwortet, das kann ich ihnen nicht sagen, das war noch vor 1954, das kann ich ihnen nicht sagen, mit welchen Waffen der nächste Krieg geführt wird, ob mit chemischen oder biologischen oder mit atomaren Waffen, ABC-Waffen usw., aber eins kann ich ihnen mit Bestimmtheit sagen, wenn es nach dem nächsten Krieg noch mal einen Krieg gibt, da kann ich ihnen sagen, mit welchen Waffen der geführt wird, mit Pfeil und Bogen. Er wollte damit sagen, dass dann die Menschheit und die Kultur, noch ehe die Was­ser­stoffbombe erfunden war, sich in einem Zustand befinden würde, dass kein Mensch eine kultiviertere Waffe mehr zur Verfügung ha­ben würde als einen Bogen und die dazugehörigen Pfeile. Wir haben dann seit Ende 1954 die Kobalt-Bombe. Wir wissen, dass eine beschränkte Zahl alles menschliche Leben auf Erden vernichtet wird. Es kann also nur noch einen großen Krieg geben, einen vierten Weltkrieg wird es nicht mehr geben. Von daher die Vorstellung, ist der Krieg denn nun nicht offenbar ein Verbrechen an der Mensch­heit? Ich weiß noch, was ich für einen Schrecken bekommen habe, als ich diese Sachlage erfuhr, und zwar aus dem Munde von den Professoren Hahn, Heisenberg und Weizsäcker am 6. Juni des Jahres 1954, wo Hahn erklärte, es ist gar keine Frage für die Wissenschaft, wir können einen Apparat bauen, mit dem kann man alles Leben auf der Erde auslöschen. Ich habe die Gegenfrage gestellt, „Herr Pro­fessor, was wäre denn passiert, wenn Adolf Hitler im April 1945 solch einen Apparat im Keller der Reichskanzlei gehabt hätte?“ Die Antwort kam von Professor Heisenberg, und der sagte, „ach, Herr Pastor, dann brauchten wir uns heute darüber den Kopf doch nicht mehr zu zerbrechen“. Und in dem Augenblick hat bei mir irgendwas eingeschnappt, eingehakt oder ausgehakt. Ich musste mir plötzlich überlegen, wenn also dies das Ende gewesen ist, wie ist es denn zur Wasserstoffbombe, zur Kobalt-Bombe gekommen? Das ist doch ein­fach dadurch gekommen, dass die Menschen ihre Waffe, mit der sie dem anderen Menschen zu Leibe gehen, immer vollkommener ma­chen wollten. Der erste Mensch, der eine Waffe hatte, war wahr­schein­lich ein Steinzeitmensch, der einen Stein vom Gletscher oben aufgehoben hat, um seinen Angreifer oder einen, den er berauben wollte, mit dieser Waffe besser erledigen zu können. Das war die erste Waffe. Und als die erste Waffe da war, da hat der Homo Faber, der Werkzeugmensch, der darauf aus ist, seine Werkzeuge ständig zu verbessern, sich überlegt, wie er diese Waffe vervollkommnen kann, dann hat er einen Stiel dran gemacht, dann hat er einen Streitkolben gemacht, dann hat er einen längeren Hebelarm, um größere Wucht in seinen Schlag zu legen, wenn er den Hammer gebrauchte. Und so hat er dann gesucht, wie er bessere Waffen konstruieren könnte. Das ist langsam gegangen, sehr langsam, hat Jahrtausende gedauert und hat schließlich dann zu den Waffen geführt, die wir aus dem Anfang der Zeitrechnung etwa kennen, Schwert und Schild und Lanze und Spieß und Morgenstern und Keule und was dergleichen mehr ist. Und dann ist das Pulver erfunden worden usw. und der Mensch hat immer dran gearbeitet, die Waffe wirksamer zu machen, die er gebrauchen konnte. Und der Mensch kann gar nicht anders, wenn er mal auf so einer Linie ist, muss er immer weiter suchen; das steckt in ihm drin. Deshalb kann er nicht eher aufhören, konnte er nicht eher aufhören, als bis er ein Mittel entwickelt und konstruiert hatte, mit dem er alles kaputtmachen kann, eine ganz logische Entwick­lung. Eher kann die Waffentechnik nicht zur Ruhe kommen, bis sie eine Waffe hat, mit der man alles kaputtmachen kann. Das kann man heute. Darum sind wir irgendwo am Ende. Und dann habe ich über­legt, kann denn dieser Weg von Anfang an recht gewesen sein? Vielleicht war der Mann, der die erste Waffe in die Hand nahm einer, der sein Leben verteidigen wollte gegen einen Angreifer, also einen gerechten Krieg führte. Kann der Sieg recht gewesen sein von diesem Fauststein bis hin zur Kobalt-Bombe? Ich habe mir die Frage aber nicht mit meinem Verstand und meiner Vernunft gelöst, sondern ich habe damals im Jahre 1954 etwas getan, was neu war, ich habe das Neue Testament gelesen. Das war nicht neu für mich. Ich habe es ein paar hundert Mal gelesen, ich habe acht Jahre in der Ein­zel­haft Zeit genug gehabt, das Neue Testament wieder und wieder zu lesen. Trotzdem habe ich es neu gelesen. Nämlich mit der Frage, was sagt denn nun eigentlich Jesus? Was sagt denn eigentlich der, den wir unseren Herrn nennen zu der Anwendung von Gewalt und Waffen gegen das Leben eines anderen Menschen? Was sagt er dazu? Stimmt vielleicht das ganze Dogma nicht, dass der gute Christ auch ein guter Soldat ist? Meine Brüder und Schwestern, es stimmt nicht. Das ist das klare Ergebnis meines neu­testament­lichen Stu­diums im Jahre 1954 gewesen. Es gibt kein einziges Wort Jesu, mit dem er Gewaltanwendung gegen das Leben eines Menschen em­pfiehlt, es gibt kein einziges Wort Jesu, mit dem er die Gewalt­an­wen­dung gegen das Leben eines anderen Menschen entschuldigt. Es gibt kein einziges Wort Jesu, womit er seinen Jüngern unter irgend­einem Umstand die Gewaltanwendung gegen das Leben eines Mit­menschen erlaubt. Das gibt es nicht. Das gibt es auch nicht bei den Aposteln, deren Briefe wir im Neuen Testament haben, sondern was die dazu sagen ist durchaus das gleiche, was Jesus seinen Jüngern darüber gesagt hat. Es gibt aber bei Jesus eine Fülle von Warnungen an die Jünger, die etwa auf den Gedanken kommen, gegen das Leben eines Mitmenschen aus irgendeinem Grunde, und sei es der edelste, Gewalt anzuwenden. Und es gibt eine Fülle solcher War­nungen in den Briefen der Apostel. Also der Befund des Neuen Testaments, der ist außerordentlich warnungsvoll. Und man kann wohl mit Recht fragen, woher haben denn eigentlich die Leute zur Zeit des konstantinischen Bündnisses und die ganzen 1600 Jahre lang es begründet, christlich begründet, dass Christenmenschen eine Waffe in die Hand nehmen dürfen, um damit andere Menschen um­zu­bringen, auch als Soldaten, auch im Kriege? Wo ist denn die ge­ringste Rechtfertigung dafür zu finden? Und hier ist dasselbe zu sagen, was von der ganzen Lehre vom gerechten und ungerechten Krieg zu sagen ist, auf die Bibel des Neuen Testaments kann sich niemand beziehen, hat sich auch niemand bezogen. Die ganze Lehre vom gerechten und ungerechten Krieg ist mit Vernunftgründen zusammengebracht, aber nicht mit der Heiligen Schrift des Neuen Testaments, ich sage, des Neuen Testaments, denn im Alten Testa­ment gibt es ja nun Heilige Kriege, Kriege, die Gott gebietet, Ge­walt­anwendung gegen Menschen durch Gottesmänner. Die beiden Jünger Jakobus und Johannes kommen mit Jesus und den übrigen Jüngern in das samaritische Dorf auf dem Wege nach Golgatha und die Samariter verweigern Jesus die Aufnahme. Sie kennen die Geschichte. Und darauf die Frage Jakobus’ und Johannes’: „Herr, willst Du? Dann wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und verzehre sie“, wie Elias sagt, berufen sich auf das Alte Testa­ment, auf den großen Gottesmann Elias, der hat das so gemacht. Aber sie sind vorsichtig, sie sagen nicht, Elias hat es gemacht, da­rum machen wir es auch, sondern sie fragen, „Herr, wenn du willst, dann machen wir das auch so“. Sie ahnten schon etwas davon, dass das nicht so ganz astrein war. Und nach dem biblischen Bericht antwortet Jesus „Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?“ Und dann ist nichts mehr mit Feuer vom Himmel. Das heißt, auf das Alte Testament kann sich niemand gegen Jesus beru­fen. Und das ist die Stelle, an der sich für uns tatsächlich alles ent­scheidet. „Was sollen wir tun?“ Aber nun könnte das ja Zufall sein, nicht wahr, dass es im Neuen Testament gar keinen derartigen Fall gibt, man könnte dann ja vielleicht sagen, es könnte aber noch einen anderen Fall geben, der im Neuen Testament liegt, bei dem Jesus es dann nicht verboten haben würde, und wo die Apostel vielleicht nichts dagegen hätten. Verteidigung des Vaterlandes kommt im Neuen Testament nicht vor. Gerade das, was uns dann die Ent­schul­digung gibt und uns ein Mittel in die Hand gibt, uns zu rechtfertigen. Aber wie ist das mit dem Geist Jesu? Mir ist es nach dieser Lektüre des Neuen Testamentes sehr deutlich geworden, dass diese Absage an die Gewaltanwendung gegen Menschenleben im tiefsten Grunde mit dem Evangelium selber, mit seinem Wesen zusammenhängt.

Die Botschaft Jesu heute

Ich habe die Geschichte oft erzählt. Im Hof des Bunkers, das heißt des Zellengefängnisses innerhalb des Konzentrationslagers Dachau, stand während der letzten Monate meiner Gefangenschaft, wir wur­den dann im April 1945 nach Tirol deportiert, stand ein Galgen, und die Hinrichtungen wurden, weil man sie nicht mehr auf dem Appell­platz vornahm, in den Hof unseres Gefängnisses an diesem Galgen vorgenommen. Der Galgen hatte die unangenehme Eigenschaft, dass er mit seinem oberen Ende durch die Krallen, durch die eisernen Stäbe meiner Zelle zu mir hereinschaute. Ich habe also allerlei mit diesem Galgen erlebt. Ich habe auch das mit diesem Galgen erlebt, dass ich mich fragen musste, es kann dir ja nun jeden Tag passieren, dass sie hier plötzlich die Tür aufreißen, dich greifen, dich raus schleppen und dir einen Knebel in den Mund stecken, bringen dich unter diesen Galgen, stellen dich da auf den Schemel, legen dir die Strippe um den Hals und dann weg mit dem Schemel und dann ist’s aus. Vielleicht hast du noch 30, 40 Sekunden, ehe sie dir den Knebel in den Mund praktiziert haben. Was machst du, was sagst du? Und ich weiß, also mit liebender Schärfe hätte ich die Leute angebrüllt, „ihr verdammten Verbrecher, wartet mal, es gibt noch einen leben­digen Gott im Himmel, der wird’s euch schon zeigen“. Und dann kam hinterher die Ernüchterung bei solchen Gedanken, nämlich die Frage, was wäre eigentlich passiert, wenn dieser Mann aus Naza­reth, dieser Jesus, der Christus, wenn der, als sie ihn an seinen Gal­gen nagelten, seine Henker und Mörder und Richter und Feinde und ungetreuen Jünger, die ihn verlassen hatten usw., alle seine Feinde, und wer war’s damals nicht, wenn er sie angebrüllt hätte und hätte gesagt, „ihr Verbrecher, wartet mal, Gott wird …“.

Man braucht einen solchen Gedanken nur mal auszusprechen. Dann ist klar, wenn das passiert wäre, gäbe es keine christliche Kirche, dann wäre niemals ein Apostel in die Welt gezogen, um die Botschaft von Jesus in die Welt hineinzutragen. Denn dann wäre keine Frohe Botschaft gewesen, worin wollte sie denn bestanden haben? Vergebung der Sünden, das gäbe es ja nicht, er hätte ja nicht für seine Feinde gebetet als er starb, sondern gegen sie. „Vater, vergib ihnen nicht“, aber „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Er wäre nicht für seine Feinde und damit auch für uns nicht gestorben, sondern gegen seine Feinde und auch gegen uns. Das heißt, wir könnten auf das Kreuz des Leidens Jesu von Nazareth keine Hoffnung bauen. Wodurch hat Jesus uns Heil geschaffen? Nicht dadurch, dass er Gewalt übt gegen seine Feinde, sondern gera­de dadurch, dass er auf Gewalt verzichtet hat gegen seine Feinde, selbst auf den Wunsch der Gewalt. Er ist für uns gestorben, er hat für uns gebetet, davon leben wir als christliche Kirche, und nur davon leben wir. Wenn das nicht wäre, dann wäre die ganze christ­liche Kirche nichts als ein großer Selbstbetrug. Jesus’ Sieg über die Welt – „seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ – besteht ja darin, dass er sich von der Welt und von der Feindschaft nicht zur Feindschaft hat drängen lassen. Wir sind seine Feinde gewesen, aber er ist nicht unser Feind geworden durch unsere Feindschaft, sondern hat unsere Feindschaft mit seiner Vergebung vergolten. Sein Sieg besteht im Erleiden der Gewalt, im Verzicht auf Gewalt und gerade so meint er das, wenn er in seine Nachfolge ruft, dass wir das Kreuz, uns selbst verleugnen und nicht Gleiches mit Gleichem heimzahlen sollen, dass wir das Kreuz auf uns nehmen sollen und nicht sagen sollen, damit habe ich nichts zu tun. Wir sollen ihm nachfolgen, und der Weg der Nachfolge ist der Weg zum Kreuz. Und davon sagt der Apostel dann hinterher, er war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Galgen, darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.

Sehen Sie, meine Brüder und Schwestern, so meine ich, Christ und Krieg, Christ und Gewalt, das steht irgendwo im Zentrum unseres Christenglaubens und wir können nicht sagen, das kann der eine so, das kann der andere so halten. Wer sein Vertrauen auf Ge­walt setzt, der setzt sein Vertrauen nicht auf das Kreuz Christi, wenn er das in Klarheit durchdenkt und sich darüber Klarheit verschafft. Und die Konsequenzen. Unsere Vernunft, die weiß etwas davon, dass Böses nur Böses erzeugen und gebären kann. Wir wissen da­von. Aber unser Verstand, der will das nicht wissen. Unser Verstand, der täuscht uns immer wieder vor, dass wir mit Bösem, indem wir es mit Bösem vergelten, doch noch was Gutes schaffen können. Das ist der berühmte Teufel aus dem „Faust“, „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft“. Also es ist ein Irrtum zu meinen, wir könnten, indem wir Böses tun, Glei­ches mit Gleichem vergelten, was Jesus uns ausdrücklich unter­sagt, und was er uns vorlebte und vorstirbt, wir könnten damit ’was Gutes schaf­fen. Und an zwei Weltkriegen haben wir ja nun immerhin gese­hen, dass sie nichts gebessert haben, und dass man mit der Gewalt nichts schafft. 1948, als die Evangelische Kirche in Deutschland tagte, hat der Bischof Dibelius damals den Satz geprägt, ausge­sprochen: „Auf der Gewalt ruht kein Segen“. Es gibt keine Verhei­ßung für die Gewalt, in der ganzen Bibel nicht. Aber die Christen­heit hat 1600 Jahre lang, seit dem Bündnis mit dem Kaiser, so gelebt, als ob es eine Seligpreisung gäbe, die etwa hieße, selig sind die Mächtigen, denn die werden die Welt erobern. Aber die Selig­prei­sung, die dem entspricht, sagt genau das Gegenteil, nämlich selig sind die Sanftmütigen. Sanftmütige, das sind die Leute, die keine Gewalt haben und auch keine Gewalt anwenden. Denn sie werden … und nun nicht etwa das Himmelreich erben, sondern sie werden das Erdreich besitzen. Seltsame Geschichte. Aber so steht’s da. Und wenn wir es genau nehmen nach dem griechischen Text, sie werden das Erdreich ererben, das heißt, es wird ihnen zufallen, ohne dass sie Gewalt anwenden. Und wir können nicht sagen, das ist Unsinn, liebe Freunde. Wir haben das ja nie erprobt. Die Christen­heit hat das jedenfalls in den letzten 1650 Jahren nicht erprobt.

Christ und Krieg. Sind wir uns über das Eine einig? Sonst müs­sen wir drüber nachdenken, bis wir Klarheit haben. Christen sind wir, wenn wir den Ruf Jesu in seiner Nachfolge hören. Glaube ist nicht nur ein Fürwahrhalten, sondern Glaube ist zugleich Glaube im Gehorsam. Wir sind in die Nachfolge gerufen. So mir jemand will nachfolgen, so jemand will mein Jünger sein, der verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Wir haben also einen Herrn. Und die entscheidende Frage für unser Christsein ist immer wieder die, ob wir es diesem Herrn erlauben, seine Verhei­ßung bei uns wahr zu machen. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Lassen wir ihn bei uns sein. Leben wir so, han­deln wir so, dass er dabei sein kann. Oder handeln wir so, dass wir ihm den Rücken kehren und ihn nötigen, uns auch den Rücken zu kehren?

Noch ein Beispiel und damit zum Schluss. Ich habe auf meine Ver­gangenheit ein paar Mal angespielt. Diese Vergangenheit zeigt sich mir heute in einem wesentlich anderen Licht als damals. Ich wurde in der Besprechung, die dieser Stunde hier in der Kirche voranging, gefragt, ob das Buch „Vom U-Boot zur Kanzel“ noch zu haben wäre. Ich habe mit Befriedigung gesagt, das wäre nicht mehr zu haben, und es würde auch nicht mehr wieder aufgelegt und nicht gedruckt. Denn ich könnte vieles nicht mehr so sagen, wie ich es damals 1934 gesagt habe und niedergeschrieben habe. Und zwar hat das mit dieser Frage zu tun. Im Jahre 1934 war ich noch durchaus der Meinung, dass das Dogma in Ordnung wäre, ein guter Christ ist ein guter Soldat. In der Zwischenzeit habe ich gelernt, dass dieses Dogma einfach nicht dicht ist, dass das nicht stimmt. Und ich habe mir dann oft vorgestellt, wie hast du denn als Soldat eigentlich im Ersten Weltkrieg so deinen Dienst gemacht und deine Aufgabe er­füllt als guter Soldat und zugleich wie du meintest als guter Christ. Dann habe ich mir vorgestellt, also ich habe da in meinem Kom­mandoturm meines U-Bootes gestanden und habe einen gut berech­neten Angriff auf einen feindlichen Geleitzug gefahren, und als ich dann das Ziel in meinem Fadenkreuz hatte: Erstes Rohr los. Und dann drückte der Steuermannsmaat, wenn ich Los sagte, auf den weißen Knopf vom ersten Torpedo-Rohr, der vom Turm mit der elektrischen Leitung vorne in den Bugraum ging. Dann ging der Torpedo los. Eine rein technische Angelegenheit zunächst. Und wir zwei Menschen da im Turm, Nachfolge Jesu? War ich in der Nach­folge Jesu? Das hieß also, ich kann mir vorstellen, und zwar im Ernst und mit gutem Gewissen vorstellen, ich bin hier nicht allein, hier ist noch einer bei mir, ein Steuermannsmaat, nämlich Jesus ist bei mir. Und wenn ich sage „Achtung-Los“, dann drückt der auf den Knopf. Tut er’s oder tut er’s nicht? Herr, was willst du, das ich tun soll? Das ist die Frage. Und die Antwort heißt allemal: Tue das, wovon du überzeugt bist, dass ich dir dabei helfe. Und wo du sicher bist, ich helfe dir nicht dabei, dann bin ich eben nicht dabei. Und dann sage ich „Nein“ zu deiner Frage: Herr, was willst du, das ich tun soll? Ich mache nicht mit. Das heißt: Kann ich mir vorstellen, dass ich im Schützenloch liege als Maschinengewehrschütze und die Nummer 2, die den Patronengurt führt und mir bei Ladehemmungen hilft, das wäre Jesus. Macht der mit oder macht der nicht mit? Oder wenn ich einen Bomber als Pilot fliege und habe den Copiloten ne­ben mir sitzen, und ich habe den Zielapparat vor der Nase und das Kehlkopftelefon zu ihm hin, Kehlkopfmikrophon, und er hat die Hand am Abzug der Bombe und ich sage, „Achtung-Los“. Ist Jesus mein Copilot? Zieht der den Los-Hebel? Lässt er die Bombe fallen oder tut er das nicht? Herr, was willst du, das ich tun soll? Wir lei­den darunter, und das hängt mit an der ganzen Lehre vom gerechten und ungerechten Krieg, dass wir seit 1650 Jahren zweigleisig leben, vielmehr versuchen zweigleisig zu leben. Dass wir den Herrn Jesus Christus auf einen Bezirk unseres Lebens verweisen und sagen, hier in dem anderen Bezirk, da hast du nichts zu sagen, da befiehlt je­mand anderes, meinetwegen der Staat oder der Führer oder der Vor­ge­setzte oder die Gesetze der Wirtschaft oder die Gesetze der Ge­sell­schaft oder sonst etwas. Dafür gibt das Kreuz Jesu keine Mög­lichkeit. An Christus glauben heißt, ihn als Herrn haben, an Christus glauben heißt, niemand kann zwei Herren dienen.

Christ und Krieg. Darin steckt die Frage: Wer ist unser Herr? Zwei Herren können wir auch im Kriege nicht dienen. Die Frage heißt, ob wir im Kriege Christen sein wollen oder ob wir für den Krieg dem Herrn Jesus, wie das die Theologen oft tun, den Laufpass geben und sagen, Herr Jesus, von dir will ich nichts mehr sehen, bis der Krieg vorbei ist, dann kannst du dich wieder bei mir melden. Nicht wahr, die Sache ist klar. Können wir uns vorstellen, dass die­ser Herr bei uns ist, wenn wir Gewalt gegen einen anderen Men­schen üben und sei es auf Gebot und Geheiß des Staates oder der Obrigkeit. In der Nachfolge Jesu gibt es diesen Griff zur Gewalt ge­gen einen anderen Menschen, gegen sein Leben nicht. Sondern da gibt es nur den Glauben daran, dass seine Liebe zu uns als unsere Liebe zu unseren Mitmenschen die Welt überwunden hat und über­windet.

Meine Brüder und Schwestern, ich wollte Ihnen mit meinem Vor­trag und Referat keine Gewalt antun. Ich wollte Ihnen bloß Türen aufstoßen zum Denken und Nachdenken, die Gott mir aufgetan hat, und ich muss es gestehen, es ist noch keine zehn Jahre her. Ich habe oft gesagt, wie gut, dass Gott mich nicht aus dem Konzen­trations­lager ’rausgelassen hat, bis ich meine Lektion gelernt habe. Und heute sage ich, wie gut, dass Gott mich aus diesem Leben nicht abberufen hat, ehe ich 62 Jahre alt geworden bin. Denn mit 62 Jah­ren ist mir das erst aufgegangen, darum bin ich nicht böse gegen irgendeinen Christenmenschen und werde auch nicht hart gegen ihn, der das nicht weiß, der das noch nicht erkannt hat. Ich bin dankbar, dass ich es habe erkennen dürfen, und dass ich seitdem das Gefühl habe, wenn ich nur will, wenn ich mich nur an diesen meinen Herrn halte, wenn ich nur bei dem, was ich tue, nicht vergesse, ihn zu fragen und zu ihm zu beten, dann habe ich eine ganz klare Bahn vor mir, auf der ich wandeln soll und habe zugleich die Gewissheit, die tröstliche und stärkende Gewissheit, dass da, wo ich ihm folge in seiner Nachfolge, mich niemand und nichts aus seiner Hand reißen kann; weil ich ja in der Nachfolge, in seiner Nachfolge, sein Schäf­lein bin und den guten Hirten auf meiner Seite habe. Und darauf geht es letztlich, meine Brüder und Schwestern, immer wieder zu­rück, dass wir diese Gewissheit festhalten und uns an sie klammern, dass Jesus Christus, wie Luther es sagt in der Erklärung zum zwei­ten Artikel, „ich glaube“, das heißt, ich glaube, das ist noch mehr als bloß Wissen. Daran klammere ich mich, und dann ist meine Ge­wissheit, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus meinen Herrn glaube oder zu ihm kommen kann. Aber der Heilige Geist hat mich, es ist was passiert und es passiert mit mir immer wieder was, so lange ich diesen einen Herrn tatsächlich mei­nen Herrn sein lasse.


Vortrag von Pfarrer Niemöller zu DDR-Zeiten in den 60er Jahren in Treuenbrietzen gehalten. Die Originalaufnahme wurde nach dem Vortrag durch die Staats­sicherheit konfisziert. Glück war die sofortige Kopie des Vortrages. Im Ersten Weltkrieg war Niemöller U-Bootkommandant. Danach Pfar­rer in Berlin. Er gründete den „Pfarrer-Notbund“ gegen das Unwesen des „Deutschen Christen“, die Hitler über Christus stell­ten. 1937 wurde er verhaftet, kam ins Konzentrationslager Sachsen­hausen, war Hitlers persönlicher Gefangener. Nach fast acht Jahren mit Kriegsende wurde er befreit. Kirchenleitend wurde er in Hessen Nassau tätig. Er unternahm viele Vortragsreisen. Bedeutsam wurde seine Fragestellung: Was würde Jesus dazu sagen…? 

Quelle: Willibald Jacob: Am Rand die Mitte suchen, 457 Seiten, zahlreiche, tw. farbige Bilder, kart., 30 €, Ludwigsfelder Verlagshaus, 2013, ISBN 978-3-933022-80-6, Seite 388 bis 413


Link