Jan 152017
 
Erinnerung an 33 Jahre Sozialarbeit in Indien

Protokoll einer Reise nach Indien vom 23. Oktober bis 6. November 2016

Von Willibald Jacob, Govindpur/Berlin 2016

Arbeitsgemeinschaft Indien Craftsmen Trainings Center (CTC) und Entwicklungspolitische Gesellschaft (EPOG) bei Solidaritätsdienst Interntional e.V. (SODI)

Inhalt

Erste und letzte Eindrücke
Einige der letzten Dörfer der Welt
25. Oktober 2016 – Burda in Westbengalen
26. Oktober 2016 – Fahrt nach Govindpur
Exkurs: Aufstand im Dschungel
27. Oktober 2016 – Die Kirchenfarm und Benjamin’s Wald
27. Oktober 2016 – Das Dorf Chalungi
28. Oktober 2016 – Fahrt in den Urwald: Kahupani
29. Oktober 2016 – Auf dem Weg nach Karimati: Lodosera
29. und 30. Oktober 2016 – Karimati in Orissa
Exkurs: Die Ausbildung von Baumgärtnern
31. Oktober 2016 – Bano in Jharkhand
Exkurs: Das Geld der Kirche
2. November 2016 – Erinnerung in Ranchi
Exkurs: Meine Message
Exkurs: Kirchenspaltung
3. November 2016 – Besuche in Ranchi, Fudi, Kadma
4. November 2016 – Der letzte Tag in Hulhundu – Dr. G. P. Bodra’s Ideen
Beschluss: Ohne Wald kein Wasser

Dieser Beitrag ist nicht zu verstehen ohne die Webseite Erzählungen aus der indischen Provinz Chotanagpur

Links


Es ist weder ein Protokoll noch ein Bericht, sondern der Versuch, den Leser auf die Reise mitzunehmen und gleichzeitig die für unsere Arbeit relevanten Einzelheiten ausführlich zu schildern. Also Themen, Kurzerzählungen, Zitate, Landschaften, Schlussfolgerungen.

Wir waren zu Viert:
Ingrid Ehrler, Englischlehrerin,
Renate Gudat, ehem. Geschäftsführerin der Entwicklungspolitischen Gesellschaft e.V. (EPOG),
Wilfried Hahn, Förster und Leiter der Forstbaumschule Güstrow und
Willibald Jacob, Pfarrer und Ingenieur.

Das Programm war von unseren indischen Partnern gestaltet worden. Wir wollten die Craftsmen Training Centres (CTC) in Westbengalen, Jharkhand und Orissa besuchen. Sie aber wollten dieses Mal mehr. Das bemerkten wir bei den Umstellungen des Programms. Unsere indischen Partner wollten einen entscheidenden Schritt tun bei der Integration der CTC-Arbeit in das Leben der Gossner-Kirche (GELC). Sie wollten demonstrieren: Wir sind eine offene Kirche, bereit zur Zusammenarbeit mit Nichtchristen im Interesse der jungen Generation, die nach Ausbildung sucht; und das in entscheidenden Momenten in Gegenwart des neuen Direktors der Gossner Mission, Pfarrer Christian Reiser, d.h. es geht ihnen um ein neues Verhältnis von GELC, EPOG-CTC und Gossner Mission. Die meisten Mitarbeiter der Gossner Kirche in Indien waren es nicht gewohnt, mit säkularen Nichtregierungsorganisationen zusammen zu arbeiten. Ihr Hauptpartner war und blieb die Gossner Mission Berlin. Unter dem Einfluss von Dr. Marshallan Bage und Pfarrer Johan Dang sollte sich das ändern.

Unsere Delegation überreicht der Kirchenleitung der GEL Church die Hindi-Übersetzung der Schrift von Willibald Jacob „Bauern – Pastoren – Handwerker, Erzählungen aus der indischen Provinz Chotanagpur“, angefertigt von Hora Senon Horo und Olive Horo aus Berlin, dazu einen Druckkostenzuschuss von 350,- € von EPOG-SODI. Die Schrift dokumentiert eine kirchliche und gesellschaftliche indisch-deutsche Partnerschaftsarbeit von 33 Jahren, verankert in Gemeinden der GEL Church.

Johan Dang ist seit drei Jahren Bischof der Süd-West-Diözese der GEL Church in Orissa und seit dem 27.10.2016 der für fünf Jahre gewählte Moderator der Gossner Kirche in Indien, vertreten in 14 von 33 indischen Bundesstaaten, also keinesfalls nur mehr in Chotanagpur und Assam. Das erfordert eine bis jetzt nicht gekannte Offenheit.

Erste und letzte Eindrücke

Seit 2013 hatte ich Chotanagpur nicht besucht. Seit 1983 kannte ich Indien; aber was heißt kennen? Ich kam in ein neues Land, jedenfalls äußerlich. Unsere erste Station ist das CTC Burda in Westbengalen. Wir fahren mit zwei modernen Jeeps. Als wir das enge alte Straßennetz von Ranchi mühsam verlassen, eröffneten sich die Strecken der neu gebauten Landstraßen und Autobahnen. Wir berühren die Ringautobahn um Ranchi und fahren nach Osten Richtung Jhalda und Purulia. Auf dem Rückweg von Burda nach Govindpur vermeiden wir die Drei-Millionen-Stadt Ranchi und sind nach zweieinhalb Stunden am Ziel (mit Pausen). Teilweise fahren die beiden Kraftfahrer 110-120 km/h. Eleasar Barla ist Pracharak und Kraftfahrer des Bischofs in der Nähe von Rajgangpur. Naeman Horo stammt aus Govindpur-Chalungi und ist Landwirt und Traktorist in der dortigen Kirchenfarm (NLLC). Auf der Straße Ranchi – Lodhma – Karra – Govindpur fahren wir auf 10 m breiten asphaltierten Landstraßen unter Alleebäumen wie in Mecklenburg-Vorpommern. Ich bin sprachlos.

Wer so das Land erschließt, hat ein Ziel. Schon im alten Europa der Römerzeit hatte der Straßenbau ein doppeltes Ziel: Erschließung und Unterwerfung. Ich kannte die Feldwege, die unpassierbaren Straßen der Zeit vor 2000. Jetzt sehe ich die hochgebauten und wohlgerüsteten Kasernen der indischen Elitetruppen am Wegesrand. Ich ahne: Die Bauernaufstände, unter welchem Namen auch immer haben ihr Frankenhausen (entscheidende Schlacht im deutschen Bauernkrieg 1525) hinter sich. Aber die Widerstände gegen Ungerechtigkeit, gegen Landraub und Jugendarbeitslosigkeit gehen in ganz Indien weiter. In jeder Tageszeitung wird über die Gültigkeit des Chotanagpur Tenency Act von 1906 diskutiert. Die Vertreter der Kirchen aus Jharkhand waren bei Premierminister Narendra Modi. Der sagte die Gültigkeit des Gesetzes von 1906 zu: Schutz der Adivasi-Landbesitzer. –

Am nächsten Tag wird genau dies in den Zeitungen angezweifelt. Die Regierung brauche Bauernland zur Erschließung des Landes für den Bau von Fabriken und für die Einrichtung von Bergwerken. – Die Diskussionen um dieses Thema begleiten uns während unseres gesamten Besuches.

Unsere Gruppe ist beeindruckt von der Empfangskultur der Adivasigemeinden. Elf Empfänge in elf großen Gemeinden an elf Tagen. Das sind Events! Tänze in prächtigen Gewändern, Gesang, Trommeln einschließlich Kriegstrommeln, Prozessionen, Händewaschen, Blumen. Drei Mal wurden uns die Füße gewaschen. So das Gesicht der Dörfer. Aber Vorsicht! Die alte gute Tradition verdeckt die Realität der Landflucht, der Binnenflucht auf einem Subkontinent, der mit seinen Problemen nicht fertig wird. Es sind selbstgemachte Probleme wie in Europa im Verhältnis zum Nahen Osten und Afrika. Bei uns ist es Außenflucht, in Indien Innenflucht. Und die Ursachen? Der Kampf um Bodenschätze. „Wie kommt mein Öl unter deinen Sand?“

Erst der letzte Tag unseres Besuches bringt für uns die Erschütterung: Eine Fahrt nach Alt-Delhi. Es ist wie vor Jahren in Calcutta: Chaotischer Verkehr im Schritttempo, helle glitzernde Geschäfte, schmutzige Straßen, saubere Tempel, Kaufleute, Bettler… Alt-Delhi erscheint wie die Endstation der Binnenflucht, der Landflucht. Die Städte werden mit der Integration der Flüchtenden nicht fertig. Die Slums und die Kriminalität sind die Folgen. Und in Europa? Wir wollen und wir können nicht integrieren. Wir sind nicht ehrlich. Wir sind nicht fähig zuzugeben, dass Nord-Amerika und Westeuropa durch ihren ökonomischen Extremismus die Fluchtbewegungen ausgelöst haben. Unsere Arroganz der „Besseren“ verdeckt die Wahrheit.

So geht es heute einem Indienbesucher, der sich nochmals dem Kulturschock aussetzt. Ein heilsamer Schock. Dazu muss er aber in die letzten Dörfer der Welt und in die Slums.

Einige der letzten Dörfer der Welt

Wie schon erwähnt sind die Empfänge in den Dörfern und Familien besonders eindrücklich. Sie sind in der Regel verbunden mit einem Gemeindegottesdienst. Wer diese Empfänge schon oft erlebt hatte, war nicht nur neuerlich tief berührt, sondern auch nachdenklich. Hier feiert eine Gemeinschaft in einer tiefen Misere. Zeigt sich hier, was Marx gemeint hat? Religion als Opium des Volkes? –

Unsere Freunde in den CTC-Dörfern helfen uns die gesellschaftliche Wirklichkeit auszuhalten.

25. Oktober 2016, Burda, Westbengalen

Wir fahren über die Grenze von Jharkhand und Westbengalen nach Burda. Daniel Sandil, Meister Ansari, ein junger Moslem und Pracharak Emanuel Marandi aus Nunia empfangen uns vor der Werkstatt des CTC am Straßenrand. Uns wird die Auftragsarbeit gezeigt; eine Kunstschmiedearbeit für Schulen, Häuser, Kirchen, Tore in Grundstücksmauern… Fünf Lehrlinge werden jährlich ausgebildet, Schweißer und Schlosser. Die Handarbeit erwirtschaftet Lohn und Lebensunterhalt, nicht mehr. Ein Problem für diejenigen, die Profit gewöhnt sind.

Wir fahren zum Stausee von Burda, für mich das einzige Beispiel einer funktionierenden Feldbewässerung im großen Stil. Eine Lösung für die Versorgung der Bevölkerung mit Trink- und Spülwasser ist generell noch nicht gefunden. Daran hängt die Funktionsfähigkeit von Toiletten. Nirgends sehe ich Wassertürme.

26. Oktober 2016 – Fahrt nach Govindpur

Nach der Übernachtung im modernen Teil des Gehöftes der Familie Sandil fahren wir, wie schon angedeutet, in einem Zug von Burda nach Govindpur, 250 km in zweieinhalb Stunden, mit Pausen. –

Der Straßenbau geht mit schweren Maschinen relativ zügig voran. Die notwendigen Erdarbeiten bei Durchlässen und Randstreifen werden in der Regel von Frauen geleistet. Es war Donnerstag, der 26. Oktober 2016, der Tag der Erinnerung an die ersten Taufen von Menschen aus dem Volk der Munda im Jahre 1851. Gleichzeitig werden im Jubiläumsgottesdienst zehn Jugendliche über 18 Jahren konfirmiert.

Wir kommen trotz der guten Fahrt zu spät, aber dennoch rechtzeitig am Ende des Gottesdienstes zu unserer Begrüßung. Für mich ist es ein Wiedersehen mit der großen Gemeinde in der hellen, hohen, neuen Kirche. Eine Band der Jugend begleitet die Lieder.

Jeder von uns vier Gästen stellt sich vor. Wir bringen Grüße von den EPOG-Freunden. Am bekanntesten ist und bleibt der Baumgärtner Benjamin August aus Thüringen. Deshalb ist die Vorstellung des Försters Wilfried Hahn aus Güstrow besonders wichtig.

Der Tag ist ausgefüllt mit Besuchen im College, in zwei Schulen und einem intensiven Gespräch mit Bischof Jolen Marsel Topno und drei seiner Kollegen aus Khunti-Kadma bzw. Fudi. Die Vier waren extra nach Govindpur gekommen, um von ihrer Sozialarbeit und den Menschen in den Walddörfern zu berichten.

Bischof Topno, Pfarrer Narendra Gagrai aus Fudi, Mr. Minz, Treasurer im TTC Fudi (Technical Training Center) und pensionierter Ingenieur und Pfarrer Sabin Surin aus Khunti-Kadma schildert mit bewegten Worten und einem kurzen Film im Laptop ihre Arbeit in den Dschungeldörfern.

Exkurs: Aufstand im Dschungel

Hier eine kurze Zusammenfassung und unsere Fragen dazu und die entsprechenden Antworten:

Die Gegend südlich von Khunti wird von Aufständischen bestimmt. Wir machen Hausbesuche und organisieren sog. Medical Camps für die Waldbevölkerung. Wir fragen nach Kranken und bringen sie, wenn nötig, ins nächste Krankenhaus. Im Winter bringen wir warme Sachen und Decken für die Alten. – Die geistliche Arbeit besteht in dem sog. Healing Ministry. Wir kennen die Heilung des Menschen durch Gesang, Tanz und Gebet. Narendra Gagrai zeigt uns den Film mit tanzenden und betenden Menschen. Diese Arbeit hat im Jahre 2011 mit Hausbesuchen in den Walddörfern begonnen.

Unsere Fragen:
Ingrid Ehrler: Was heißt Naxaliten?
Wie stehen sie zu Eurer Arbeit?
Renate Gudat: Was heißt Heilung?
Wilfried Hahn: Was heißt Staat? Was tut er für die Menschen?

Antworten:
Wir sind neutral und deshalb akzeptiert. Normalerweise beanspruchen sog. Sekten, wirkliche Evangelikale, die Gabe der Heilung und werben damit. Wir wissen, dass das Verhältnis von Leib und Seele konstitutiv ist für unser Leben. Für uns ist die Heilung eingebunden in den klassischen realen Weg zum Glauben: Unser Besuch – das Bibelstudium – das Gebet – die Taufe. Auf diesem Weg wirkt Gottes Geist, und Menschen können heil werden. – Das Ziel der Regierung, des Staates ist: Surrender! Ergebt Euch! Dann geht ihr nur ins Gefängnis. Später erfolgt Arbeitsvermittlung und Rückkehr in die Dörfer.

Die Atheistin Renate Gudat war beeindruckt von dem Gedanken der Gebetsheilung. Die Christin Ingrid Ehrler stellt eine Zusatzfrage: Sind in der Gossner Kirche die Soldaten akzeptiert? Antwort: Ja.

Ich ergänze: Der Bruder von Daniel Sandil ist Generalarzt bei der indischen Armee in Ranchi. Sein jüngerer Bruder ist Arzt und Mitglied der Kommunistischen Partei Westbengalens. Während der Konfirmation in Govindpur geben sich Verwandte der Pfarrer als Soldaten zu erkennen. Der erste Ausbilder im CTC Govindpur, Eden Kerketta, war Infanterist und Fußballtrainer seines Regiments, später beliebter Trainer und Schiedsrichter bei der Jugend in Govindpur. Schon vor dreißig Jahren gehörten in einem Dorf in der Nähe von Govindpur 80 Prozent der Männer zur indischen Armee. Also: Die Gossner Kirche benötigt keine Militärseelsorger. Die Familie und die Ortsgemeinde regeln alles; obwohl ein Seelsorger der GELC bei der Armee in Patna stationiert ist.

Ich schaue zurück und greife gleichzeitig vor. Im Jahre 2002 besuchte Bischof Dr. Wolfgang Huber Govindpur. Im Gespräch mit Dr. Marsallan Bage kam heraus, dass die „Räuber“ in den Wäldern linke Aufständische seien. Huber: „Ich dachte, das sei vorbei.“ Ich: „Das geht erst los.“ Dr. Bage: „Ich bin gegen Gewaltanwendung. Aber die haben Recht. Das sind meine Leute.“ –

Heute, nach 14 Jahren, hat sich einiges verändert. Am 3. November 2016 treffen wir im TTC Fudi einige Lehrer und Ausbilder und am selben Tag im Hause von Altbischof Manohar Barjo unseren alten Freund Mukud Happat Gara aus Kaika, Sohn von John Happat Gara.

Mukud musste sein Urwalddorf verlassen. Sein Vater John war noch eine Autorität in etwa 170 Dörfern im Sinne der Tradition und der alten Sardare (Anführer). Er konnte noch zwischen der Regierung und den Unzufriedenen vermitteln. Sein Sohn konnte in diese Rolle nicht mehr hineinwachsen. Die Anführer der Aufständischen dulden neben sich keine andere Autorität mehr. Sie dulden nur die neutrale karitative Arbeit der Pfarrer (s.o.).

Ich fasse das Ergebnis der Gespräche zusammen: Je nach dem Standpunkt des Betrachters hat man die Aufständischen Naxaliten Maoisten oder Jihadisten genannt. Es geht im Kern und ursprünglich um die Landrechte. Der militärische Einsatz der Regierung hat ihren Einfluss in Jharkhand zurückgedrängt. Gleichzeitig wird die Gültigkeit aller Landrechte öffentlich diskutiert und: In ganz Indien gibt es unter diversen Namen Widerstandsbewegungen gegen die Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit.

Mein Fazit aus allen Gesprächen: Indien steht heute vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Diese Aufgabe ist eine internationale. Auch wir sind betroffen. Die internationalen Handels- und Investitionsabkommen z.B. berühren jeden Bauern, Arbeiter und Arbeitslosen. Hier können sich die Kirchen und Jedermann/-frau einbringen, denn diese Abkommen sind Instrumente der Verteilung von unten nach oben, der Verarmung.

27. Oktober 2016 – Govindpur

Die Kirchenfarm NLLC (New Life Light Center) und Benjamin’s Wald

Der Wald wächst gut. Die Mangoplantage ist offensichtlich verwahrlost. Die Aufzucht von sechs Milchkühen bringt durch den Milchverkauf gute Ergebnisse. Bei einer späteren Veranstaltung (am 1. November 2016) mit den zwölf Pracharakstudenten übersetzt Rev. Hardogan Horo deutsch-hindi. Die Studenten sind begierig zu hören, was Marsallan Bage mit der Gründung der Kirchenfarm und der Unterstützung der CTC-Arbeit vorhatte. Die Studenten wollen wissen, wie die Land- und Forstwirtschaft in Deutschland läuft, und ob es auch in meiner Kirche Pracharaks gäbe. Ihr und mein Erstaunen wurde immer größer. Keine Spur von Desinteresse. –

Der Headmaster Rev. M. P. Horo steht vor einer interessanten Aufgabe. Sein Spitzname ist seit 1983 „Jharkhand Horo“, weil er einst zu den jungen Wilden, den Kämpfern für einen eigenen Jharkhand-Staat gehörte. Heute gilt es den Kampf um die Herzen und Sinne der Studenten zu führen, und zwar mit Hilfe z.B. von Experten der Landwirtschaftsuniversität in Ranchi und der vielen Praktiker in der GEL Church. – So mein Eindruck.

27. Oktober 2016 – Das Dorf Chalungi

Anschließend besuchen wir das Nachbardorf Chalungi jenseits des Karoflusses. Wir waten nicht durch den Fluss, sondern fahren dieses Mal den Umweg über die Brücke. Der Jeep mit Naeman Horo fährt über die Felder auf sein Dorf zu. Chalungi ist ein Horo-Dorf, aus dem viele berühmte Horos stammen. Das Dorf hat keinen elektrischen Anschluss.

Ich denke: Hierher sollte der deutsche Konsul aus Calcutta gebracht werden, um ihm und seinen KollegInnen die Angst vor den indischen Dörfern zu nehmen. Ich habe ihm bei seinem Besuch genau dieses empfohlen, nachdem er mich ansprach: „Sie waren doch Mitglied des Deutschen Bundestages.“ Was also ein Abgeordneter kann, sollte ein Konsul auch können.

Und: Er sollte deutschen Besuchern, besonders jüngeren, gestatten, „unsere“ Dörfer zu besuchen. Die Elite Deutschlands sollte auf die letzten Dörfer der Welt geschickt werden, damit sie lernt, wie die Welt aussieht (und warum es Flüchtlinge gibt).

28. Oktober 2016 – Fahrt in den Urwald: Kahupani

Wir fahren nach Süden in den Urwald zu Rev. Manmasih Surin. Das Zentrum seiner Parochie, seiner neuen Wirkungsstätte, ist Kahupani. Vorher aber müssen wir – nach dem Willen der Veranstalter – in das kleine Dorf Jampadi. Es besteht aus fünf Bauerngehöften. In seiner Mitte erhebt sich das neue Haus des Lehrers. Es ist gleichzeitig das Gemeindezentrum, der Empfangsraum und wirkt wie eine an Dorf und Landschaft angepasste Villa, im wörtlichen römischen Sinne. Ich hatte den Eindruck: Hier macht sich jemand nicht aus dem Staube, sondern setzt sich mitten ins alte Dorf. Lass mal sehen, was dabei herauskommt. – Auch der Kirchenkreis Kahupani ist Landbesitzer. Manmasih Surin will Baumpflanzungen beginnen. 250 Setzlinge hat er an Gemeindeglieder verteilt.

Er hat die Gelegenheit ergriffen und genau an dieser Stelle in Jampadi einen ersten Empfang für uns organisiert. Eine Würdigung des Lehrers, und wir freuen uns über die angenehme Atmosphäre im kleinen Kreis (etwa 12 Personen). Denn nun, in Kahupani, steigert sich der Empfang ins Unübersehbare. Waren es 1200 oder 12000? Irgendwo dazwischen lagen die Zahlen der Besucher. Sie wollen die Deutschen sehen und, ich denke, vor allem ihren neuen Parishchairman. Auch eine Frauenkonferenz findet statt. Ich kann die Prozession, die Farben und Tänze nicht beschreiben. Zu den Mitarbeitern des Kirchenkreises Kahupani gehört Rev. Reshan Kerketta, einer unserer ehemaligen Studenten aus Govindpur mit einer originellen Geschichte. Leider konnten wir den Pracharak und Autoschlosser Sursen Jojo nicht treffen. Er ist in Teterow ausgebildet worden.

Dafür möchte ich an dieser Stelle einen anderen Mann und seine Frau erwähnen, die nicht nur für mich eine wichtige Entdeckung waren und eine gute Erinnerung. Ich hatte gegenüber dem Central Council (CC) die Bitte ausgesprochen, den Frauen unserer Reisegruppe eine gute Begleiterin und Dolmetscherin zur Seite zu stellen. Dieser Bitte wurde doppelt entsprochen. Das Ehepaar Rev. George Kerketta und seine Frau Nalini begleiteten uns die ganze Zeit. Wenn nötig, übersetzte George Kerketta unsere Vorstellungen, Grußworte, Messages und Predigten. Er war begierig, mehr von der CTC-Arbeit zu erfahren. Und: es stellte sich heraus, dass sein verstorbener Vater Amos Kerketta einer unserer ersten Pracharakstudenten in Govindpur war. Und: Amos Kerketta war der erste Student, der uns nach einem Jahr in sein Urwalddorf Chattam in den Bergen südlich von Rajgangpur einlud. Im Jahre 1986 fuhren wir zu fünf in Richtung Süden, zuerst mit der Bahn, dann luden wir gemietete Fahrräder auf einen Bus, später fuhren wir im Gänsemarsch über Urwaldpfade. –

Damit war ein Damm gebrochen. Ich lernte in den Jahren 1986-88 etwa 300 Dörfer kennen. Heute erinnert sich der Sohn an unseren Besuch in seinem Heimatdorf per Fahrrad: Ein Lehrer, eine Studentin, drei Studenten. George Kerketta war damals fünf Jahre alt. Deutlich ist mir das Gesicht seines Vaters vor Augen: fröhlich, gütig und ernst. Für mich ein Bahnbrecher.

29. Oktober 2016 – Auf dem Weg nach Karimati: Lodosera

Auf dem Weg zu unserer nächsten Station unserer Reise nach Karimati, berühren wir die Ortschaften Purnapani und Lodosera. Dort erwarten uns zwei wichtige Frauen: Die Pfarrerin Ashrita Topno, die Frau des verstorbenen Bischofs C.S.R. Topno, der für uns im Jahre 1985 im Austausch für ein Jahr in die DDR kam. An der Seite ihres Mannes hat sie viele Erfahrungen gesammelt. Heute ist sie Parishchairwoman (Superintendentin) in der Parochie Purnapani.

In Lodosera müssen wir anhalten, weil es die Pracharika Mebel Minz-Khalkho so will. Auch sie war einst unsere Schülerin in Govindpur und eine Helferin meiner Frau im Musikunterricht. Nach dem langen Empfang und dem kurzen Gottesdienst kommt Mebel Minz auf uns zu, umringt von den Männern des Gemeindekirchenrates. Sie sagt: „Wir haben eine Kollekte gesammelt. Die ist für Euch.“ Wir sind sprachlos, verständigen uns schnell. Ich sage: „Wir danken Euch. Wir werden das Geld für das CTC Burda nehmen.“ Mebel Minz schneidet uns das Wort ab: „Das Geld ist für Euch. Entscheidet, was Ihr damit tut.“ Ich kapituliere. – So ist das also. Partnerschaft ohne Geld oder: Geld auf Gegenseitigkeit. Auch die kleine Dorfgemeinde kann ihre Würde wiedergewinnen. – Wir überreichen das Geld später dem CTC Burda 1778,- Rs.

29. und 30. Oktober 2016 – Karimati in Orissa

Am 29. und 30. Oktober sind wir in Karimati, einer wichtigen Station unserer Reise. Hier hat vor acht Jahren der damalige Parishchairman Rev. Johan Dang mit den Frauen der Stationsgemeinde und dem Pracharak Eman Soy die Baumpflanzungen begonnen: Teak und Mango. Eman Soy hat in den letzten Jahren 1200 Mangobäume gepflanzt. Sie sind gut versorgt, haben Baumringe, die Stämme sind weiß mit Kalk gestrichen gegen die Termiten.

Am Sonntag, den 30. Oktober, muss ich die Predigt halten; Text: Matthäus 22, 15-22; Caesars SteuermünzeGottes Eigentum. Wir haben eine Partnerschaft gegen Gewalt, für die Gerechtigkeit, die von Gott ausgeht. Eman Soy’s Bäume sind dafür ein Zeugnis. Es geht um Entwicklung für Alle. Gegen Ausbeutung.

Exkurs: Die Ausbildung von Baumgärtnern

Im Anschluss an den Gottesdienst beraten wir mit dem heutigen Parishchairman Rev. Asiyan Burh und Pracharak Eman Soy. Im Gottesdienst hatte Wilfried Hahn von seiner Forstbaumschule in Güstrow berichtet. Jetzt versuchen wir den Sack zuzubinden. Ich halte die wichtigsten Punkte unseres Gespräches fest, denn hier soll ernsthaft das CTC Karimati ausgebaut werden:

  1. Von 1990-1993 war Eman Soy Student an der Pracharak Training School (PTS) in Govindpur. Er lernte die Lebenswichtigkeit der Baumpflanzungen kennen. Im Jahre 2002 besuchte er mehrmals Benjamin August in Govindpur und eignete sich die Methoden der Baumpflege an. Vorbereitung, Pflanzung, Pflege. Er beobachtete auch die Anfänge einer Baumschule.
  2. In Karimati legte er eine Plantage von 1200 Mangobäumen an und hatte am Ende Erfolg mit der Ernte und dem Verkauf von Mangofrüchten.- Gleichzeitig machte er die Erfahrung, dass andere Pracharaks Furcht davor hatten, nach Karimati versetzt zu werden. Sie scheuen offensichtlich die schwere Arbeit. Fünf Jahre braucht der Mangobaum, um bei guter Pflege konstant Frucht zu tragen.
  3. Die GEL Church braucht geschulte Baumpflanzer. Für die Arbeit als Baumpflanzer werden nicht nur Männer gebraucht. Frauen bringen ihr Einfühlungsvermögen mit. Es geht nicht nur um physische Kraft, sondern um ein bestimmtes Verständnis für das Wachstum der Pflanze.
    Fazit: In Karimati sollte eine Ausbildung von BaumpflanzerInnen begonnen werden; ein Monatslehrgang mit zehn Personen. Der Parishchairman Rev. Asiyam Burh unterstützt das Vorhaben. Auch eine Baumschule kann begonnen werden, um aus Baumfrüchten Pflanzen zu ziehen und zu verkaufen.
  4. Interessenten für die Lehrgänge sind schon in der Gegend von Karimati vorhanden. Es geht um ein Angebot an Arbeitslose. Die Pracharakstudenten aus Govindpuir können dazukommen. In der PTS/NLLC in Govindpur kann eine Neuordnung der praktischen Arbeit vorgenommen werden, um auf der Grundlage der Highschoolvorbildung Kirchenförster heranzubilden. Dazu ist eine Zusammenarbeit mit den staatlichen Ausbildungsstätten in Ranchi und mit den sog. Stationsgemeinden der GEL Church notwendig. Das Übungsfeld in Govindpur sollte die etwas vernachlässigte Baumpflanzung von Benjamin August sein.
  5. Das meiste unbewirtschaftete Kirchenland befindet sich rings um die alten Missionsstationen der Missionare des 19. Jahrhunderts und im Bereich größerer Gemeinden. Die Missionare waren oft Bauernsöhne und kannten den Wert des Ackers, solange er genutzt wird. Z.B, in Burju, Govindpur, Ranchi, Hazaribagh, Tamar, Tokad, Lohardagga, Gumla, Karimati, Angaon, Rajgangpur, Khuntitoli, Lacheagarh, Takarma, Durgadih, Deogarh, Kuchinda, Kahupani und diverse Orte in Assam. Der einzig bekannte Hochwald steht in Takama. Die Gemeindekirchenräte dieser Gemeinden sollten angesprochen werden.
  6. Die Finanzierung der Ausbildung und die Anstellung von MitarbeiterInnen erscheinen möglich. Bei den Lehrgängen kann EPOG/SODI finanziell helfen. Eine Ausbildung in Deutschland ist aus finanziellen Gründen nicht möglich. Sachlich geboten ist die Ausbildung in Indien.

Wir verabschieden uns in Karimati in der Hoffnung, Eman Soy in wenigen Tagen zu einem Erfahrungsausausch in Saßnitz/Rügen, Güstrow und Berlin begrüßen zu können.

Auf dem Weg nach Bano durchqueren wir das wunderschöne hügelige Grenzland zwischen Orissa und Jharkhand. Es geht nicht anders, wir müssen halten und genießen. Die Sonne bescheint reife Paddy-(Reis)Felder. In etwa 50 m Entfernung erntet eine Gruppe von 14 Frauen das Getreide mit ihren Sicheln. Wir rufen hinüber: „Von wo seid Ihr?“ – „Aus Karimati.“ – „Aus wieviel Familien kommt Ihr?“ – „Aus fünf.“ – „Warum erntet Ihr gemeinsam?“ – „So geht es besser. Wir verteilen später die Ernte nach Besitz.“ – „Johar… Danjavad. Jishu sahai“. – „Jishu sahai.“ (Jesus ist der Retter)

31. Oktober 2016 – Bano in Jharkhand

In Bano haben wir leider nicht viel Zeit, da wir in Ranchi noch am Abend erwartet werden. Aber wir sehen die entscheidenden Leute: Rev. Kirum Barjo, den Leiter des CTC Bano (Fahrschule und Kfz-Reparaturwerkstatt) und Rev. Cyprian Jaria, den guten Helfer und Übersetzer in der Gemeinde. Zwölf Lehrlinge versammeln sich vor der Werkstatt. Nach Empfang und Vorstellung in der alten Kirche entspinnt sich ein Gespräch vorwiegend über politische und kirchenpolitische Fragen.

Hier der Extrakt:

  1. Warum entwickelt sich Deutschland so gut trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg? Ingrid Ehrler (West) und Renate Gudat (Ost) schildern ihre unterschiedlichen Erfahrungen beim Wiederaufbau des Landes; unterschiedliche Intentionen, aber dennoch Wiederaufbau. Mit unterschiedlicher Hilfe der Siegermächte und durch die Nutzung vorhandener technologischer Erfahrungen. Aber: Heute ist es eine Entwicklung als Schere zwischen Arm und Reich. Wir unterliegen den gleichen ökonomischen Gesetzen der heutigen Weltwirtschaft wie Indien. Auch in Deutschland gibt es Arbeitslose, schlecht Bezahlte, Obdachlose, Bettler; mehr im Verborgenen, anders als in Indien.
  2. Wie läuft in Deutschland die Landwirtschaft? Wilfried Hahn und Willibald Jacob schildern den unterschiedlichen Weg hin zur Großraumlandwirtschaft; in manchen Landschaften vom Nebenerwerbslandwirt oder mittlerem Bauern zum Großbetrieb mit Maschinen, weg vom Pferd; in anderen Landesteilen, besonders im Osten, vom Großgrundbesitz über die Produktionsgenossenschaften bis zum Riesenbetrieb von mindestens 1000 ha = 4000 acre. Unvorstellbar. Die Maschine beherrscht das Feld – buchstäblich. Traktor, Mähdrescher, Sä-, Dünge-, Bewässerungsmaschine. – Wenn Ihr in den Punjab reist, dann seht ihr keinen Rinderpflug mehr. Aber: Wir haben in Deutschland mehr Wald als Ihr in Indien. Wie kommt das? Ein Thema für die Zukunft.
  3. Wie ist in Deutschland die Kirchenstruktur? Wie verwaltet Ihr in der Kirche das Geld, die Abgaben? Mit diesen Fragen kommen wir zu zentralen Themen des kirchlichen Lebens und auch der Finanzierung von sozialen Aufgaben. W. Jacob: Die GEL Church hat im Wesentlichen die Strukturen der evangelischen Kirchen in Deutschland übernommen: Gemeinden, Kirchenkreise (parish), Kirchenbezirke, Zentrum mit Synode, Verwaltung, gewählter Leitung. In Indien sind die Gemeinden und Kirchenkreise stärker als in Deutschland. Das liegt wahrscheinlich an der alten, basis-demokratischen Tradition der Stämme (Munda, Oraon, Ho, Kharia, Santal u.a.). In Chotanagpur gab es keine Staatsbildung der Stämme. Das war in Deutschland anders.

Exkurs: Das Geld in der Kirche

In der Reformationszeit setzte sich in den Bauernkriegen der Regionalstaat durch. Parallel dazu wurden die obersten Kirchenleitungen gestärkt. Dementsprechend gibt es in Deutschland drei Modelle der Finanzverwaltung:

  1. In den kleinen Kirchen (Methodisten, Baptisten u.a.) finden wir das System des freiwilligen Gebens, ähnlich wie in der GEL Church.
  2. Die großen evangelischen Landeskirchen nehmen die Hilfe des Staates in Anspruch. Das Finanzamt sammelt bei den evangelischen Personen die sog. Kirchensteuer ein und überweist das Geld an die Kirchen.
  3. In Ostdeutschland (DDR) hatten wir ein drittes System aufgrund unserer Erfahrungen. Wir lehnten die staatliche Hilfe ab (der Staat wollte uns auch nicht helfen). Wir bauten eigene Verwaltungsbüros in den Kirchenkreisen auf. Die Gemeindekirchenräte (mandli panj) hatten die Kontrolle über die Zahlung der Gemeindeglieder. Das war eine Kirchensteuer nach einem bestimmten Prozentsatz für Jeden und Jede. Daneben gab es freiwillige Spenden und Kollekten in den Gottesdiensten.
    Dieses System ist m.E. das Beste für die GEL Church in Zukunft. Denn die GEL Church ist keine arme Kirche mehr. In ihr leben neben den armen Menschen auch sehr reiche Familien. Das wisst Ihr alle.
    Durch einen einheitlichen, finanziellen Prozentsatz entsteht mehr Gerechtigkeit und die Einnahmen der Kirche z.B. für die Sozialarbeit, für die Ausbildung und für die Gehälter der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen steigen.

An den Nachfragen zeigte sich, dass hier ein aktuelles Thema angesprochen wurde. In Bano existiert eine „arme“ und eine „reiche“ Gemeinde.

Auf guten Straßen kommen wir noch am 31. Oktober 2016 schnell von Bano nach Ranchi. Die beiden folgenden Tage verbringt unsere Gruppe in Ranchi (1. und 2. November 2016).

Allerdings: Während am 1. November Ingrid, Renate und Wilfried Ranchi unsicher machen wollen, fahre ich mit Naeman Horo auf den erwähnten guten Straßen nach Govindpur hin und zurück für ein spontanes, aber angekündigtes Programm (s.o.).

2. November 2016 – Erinnerung in Ranchi

Am 2. November 2016 dann der jährliche Gedächtnistag an den Beginn der Mission in Chotanagpur im Jahre 1845.

An dem Ort, an dem die Zelte der ersten deutschen Missionare aus dem Lande Brandenburg standen, versammelt sich am 2. November morgens eine große, aber überschaubare Gemeinde. Viel Gesang, viele Chöre und Bands, Instrumentalgruppen. Vier Gäste erhalten das Wort:

  • Die Predigt zur Geschichte der deutschen Missionare im 19. Jahrhundert von Pfarrer Christian Reiser, dem neuen Direktor der Gossner Mission Berlin
  • Das Grußwort von der Gemeinde Berlin-Frohnau, überbracht durch Pfarrer Dr. Ulrich Schöntube, dem vorhergehenden Direktor der Gossner Mission Berlin
  • Das Grußwort des Konsuls der Bundesrepublik Deutschland in Kolkata, Herrn Olaf Iversen, war eine Besonderheit, denn erstmals seit dem Auftritt des DDR-Botschafters in Ranchi im Jahre 1985 kam ein deutscher Politiker in eine spannungsreiche Gegend Indiens.
  • Und dann kam ich an die Reihe: Ich schildere an dieser Stelle etwas ausführlicher was ich gesagt habe, denn das Konzept dieses Missionstages fügte sich ein in das Konzept unserer zweiwöchigen Reise. Wie ich das schon oft erlebt habe, wird mir am Morgen des Festtages mitgeteilt, ich solle ein Grußwort für die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg – Schlesische Oberlausitz (EKBO), ein Grußwort von EPOG-SODI und eine Message, eine Botschaft, überbringen. Ich reagiere spontan und im Gedenken an meinen alten Bischof von 1985, Dr. Gottfried Forck, der mir gesagt hatte: „Wenn Sie ganz allein sind und sich mit niemandem beraten können, dann sollen Sie wissen: Sie sprechen und handeln in meinem Namen.“ – Im Stillen dachte ich: Ich berate mich mit meiner Frau und spreche und handle dann im Namen Jesu Christi. Wie dem auch sei, ich passe mich am 2.11.16 den Botschaften meiner drei Vorredner an. Christian Reiser hat sich auf die Arbeit der alten Missionare konzentriert. Ulrich Schöntube spricht als Pfarrer seiner Kirchengemeinde Berlin-Frohnau und der Konsul, Olaf Iversen, zeigt, dass er nicht viel von Chotanagpur weiß. Ich aber weiß, dass er die Dörfer Chotanagpurs nicht kennt und in Sorge ist wegen der politischen Situation in Jharkhand.

Exkurs: Meine Message

„Ich erinnere an Dr. Marsallan Bage, den Kirchenpräsidenten der GEL Church bis 1985, der uns im Jahre 1983 nach Govindpur geholt hat; der uns in die Welt der Dörfer eingeführt hat. Wir begriffen damals: Die Zeit der Missionare und Entwicklungshelfer ist vorbei. Wir wollten Studenten, lernende Vorbilder und Lehrer sein. Wir sollten Partner werden, Partner ohne Geld. Mit unseren indischen Freunden lernten wir die Jugend der Dörfer zu verstehen: arbeitslos, ohne Hoffnung, ohne Ziel, gefährdet. Mit den Pracharaks und Pracharikas in Govindpur sollten wir neue Berufe und Aufgaben für die Jugendlichen entdecken, die unter dem Highschoolabschluss bleiben, also nicht weiterkommen.

Wir begannen vor 33 Jahren in Govindpur mit einer Landwirtschaft, später mit Fahrschulen, Schmieden und Kfz-Reparaturwerkstätten und dann mit Baumpflanzungen. Benjamin August aus Deutschland hat in Govindpur Bäume gepflanzt und mit Pracharakstudenten und Bauern zusammengearbeitet. Warum? Heute ist in Indien der Dschungel tot, abhi dschungel mar gaya (Lachen). Eine Katastrophe. Warum? Wo keine Bäume stehen, sinkt der Grundwasserspiegel. Die Brunnen versiegen. Menschen, Tiere und Pflanzen leiden.

Es geht heute nicht nur darum, Autos und Busse zu fahren und zu reparieren. Bäume sollten gepflanzt werden, um das Leben zu erhalten. Deshalb haben wir heute den Leiter der größten Forstbaumschule in Deutschland mitgebracht, Herrn Wilfried Hahn aus Güstrow. Dort sitzt er. In wenigen Tagen wird der Pracharak Eman Soy aus Karimati zu uns kommen, gemeinsam mit zwei weiteren indischen Gästen. Es geht um die Wiederaufforstung unserer Länder. Indien hat heute weniger Wald als Deutschland.
Wir brauchen den Erfahrungsaustausch. Gott segne uns bei diesem Werk.“

Auf der Straße spricht mich ein Mann aus Berlin-Frohnau an. Er ist mit Dr. Ulrich Schöntube gekommen. Er möchte mehr wissen von den Dörfern, von denen er gelesen hat.

Exkurs: Kirchenspaltung

Am Rande des Festes treffe ich auch den Parishchairman von Gumla Rev. Ohma Lakra. Ich lade ihn zum CTC-Treffen in Hulhundu ein. Er ist zurückhaltend. Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Er hat sich geweigert, an dem Event für den neuen Direktor der Gossner Mission Berlin in Gumla teilzunehmen. Er hat ihn und den Moderator nicht zum Tee in sein Haus in Gumla eingeladen. Er hat 30 Jahre Drangsal hinter sich, von seinen eigenen „Volksgenossen“. Und dann kam die Pleite. Ein soziales Projekt wurde demoliert.

Ohma Lakra ist ein bescheidener, freundlicher Mann. Ich kann ihn verstehen. Er sitzt zwischen allen Stühlen. Ich möchte ihm ein Denkmal setzen. Das ist wohl am besten getan, indem ich in kurzen Zügen, holzschnittartig die Geschichte der Spaltung der Gossner Evangelical Lutheran Church in Chotanagpur und Assam erzähle.

Das wird auch für die atheistischen Indienfreunde bei EPOG-SODI interessant sein. Denn hier wird beispielhaft deutlich, wie die Fehler und der Verrat der Kirche am Evangelium negative Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die gesellschaftlich-sozialen Dienste der Kirche hat.

Ohma Lakra gehört zu der Minderheit aus dem Volk der Oraon, die der GEL Church die Treue gehaltenhaben. Seit 1935 ist von entscheidenden Führern der Volksgruppe (Stamm, tribe) der Oraon dafür gesorgt worden, dass sich eine Oraon-Kirche bilden konnte, oftmals gegen die Meinung der einfachen Leute. In Chotanagpur wurden z.B. Ehen von Partnern aus allen Völkern geschlossen. Der entscheidende Impulsgeber nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 war Dr. Nirmal Minz, ein hochgebildeter, strategisch denkender Mann. Er war der Meinung, dass er seinem Volk am besten dienen könne, wenn er die Oraon in einer eigenen Kirche vereinen könnte. Er nutzte uralte Antigefühle der gebildeten Oraon, die sich von Vertretern der anderen großen Volksgruppe, der Munda, majorisiert fühlten. In etwa vergleichbar mit dem bekannten Konflikt zwischen Tutsi und Hutu in Ostafrika. Dort führte er zum Völkermord, hier „nur“ zu unangenehmen Handgreiflichkeiten. Der Atheist mag fragen: Warum das unter Christen? Antwort: Gerade die Christianisierung, d.h. die Botschaft von dem Befreier Jesus Christus, in einer Zeit der Unabhängigkeitskämpfe in Indien förderte das Bedürfnis nach politischer Befreiung und Autonomie. Warum soll ich mich von meinem Bruder bevormunden lassen, auch wenn er als erster im Land war und deshalb den Anspruch erhob, mich zu regieren? So die alte Sage.

Im Jahre 1987 sagte ich zu Dr. N. Minz: „Sie sollten eine politische Partei gründen und so für Ihr Volk kämpfen.“ Er lächelte und verwies auf Martin Luther. Sein Kampf hat auch zur Kirchenspaltung geführt. Ich: „Sie sollten die Kirche nicht zur Partei eines Volkes machen.“ Damit näherten wir uns dem springenden Punkt. In Deutschland war aus der protestantischen Kirche eine Deutsche Kirche geworden; und am Ende standen die Deutschen Christen, die sich mit dem radikalen deutschen Nationalsozialismus verbanden. Die Kirche aus allen Völkern, die universale Kirche, rückte in weite Ferne, ja wurde vergessen.

Die GEL Church umfasst Angehörige aus mindestens zehn Völkern. Die Oraon-Kirche umfasst nur Oraon. Daraus entstehen im Alltag der Menschen vielerlei Konflikte. Eine gemeinsame Sozialarbeit ist nicht möglich. Die Vertreter der Kirchenleitungen streiten sich vor Gericht um Land und Gebäude.

Die Entwicklung einer Oraon-Kirche als Quasi-Partei zur Förderung des Volkes der Oraon verhindert auch die Einübung eines vernünftigen gesellschaftlichen und politischen Engagements. Der Verrat an der zeichenhaft universalen Kirche aus allen Völkern behindert die Arbeit für die Armen und für die Gesamtgesellschaft. Auch ist die Kirche nicht mehr fähig zur Überwindung des Kastenwesens. Sie wird selbst zur Kaste.

Und Ohmar Lakra leidet. Ich verstehe, wenn er sich jetzt allen verweigert.

3. November 2016 – Besuche in Ranchi, Fudi, Kadma

Wir machen Besuche mit intensiven Gesprächen:

  • Zuerst sehen wir Daisy Kongari in Ranchi-Doranda, eine alte Freundin aus den 50er-Jahren in Berlin-Weißensee; dort waren wir gemeinsam in einem ökumenischen Aufbaulager. Sie spricht Deutsch. Sie hat drei Töchter, Ärztin, Lehrerin, Mechanikerin, Repräsentantinnen einer neuen Generation der Adivasibevölkerung. In unser relativ beschauliches Gespräch über alte Zeiten platzt eine der Töchter, Rubi, die bei der Fiat-Niederlassung in Ranchi arbeitet. Die junge Frau steht vor uns wie ein Vulkan. Sie erinnert mich an Dr. Gyan Prakash Bodra, den wir am nächsten Tag in Huldundu sehen. Leidenschaftlich von Ideen besessen. (Dr. Marsallan Bage sagte einst, als wir über die Zukunft von Chotanagpur rätselten: „Die Schwäche der Adivasi ist, daß sie keine Ideen haben. Sie sind naturverbunden, vertrauensvoll und ideenlos; die Natur und der Boss werden es schon richten.“) Und pötzlich haben Adivasi Ideen. Tochter Rubi sagt mit blitzenden Augen: „Ich komme nach Bano zu Kirum Barjo und bringe ihm bei, wie er geschlossene, moderne Motoren mit dem Computer kontrollieren kann und dann die defekten Teile auswechselt.“ Ich blicke skeptisch und bin gespannt.
  • Wir besuchen das TTC Fudi (Technical Training Centre) und haben lange Gespräche mit Ausbildern und Lehrlingen (s.o.). Fazit: Das Ziel der Ausbildung ist die Stadt und die Industrie. Der Einzige, der die Problematik begriffen hat, die in dieser Aussage steckt, ist Joy Marshal Dang, Ausbilder der Schlosser im TTC Fudi. Er stammt aus Bassia in der Nähe von Govindpur. Er ist der Sohn unseres alten Kollegen Pfarrer Umlan Dang, praktischer Theologe und Musiklehrer und damit Kollege von Elfriede. Er arbeitete zwar mit dem Stock, aber er war auch leidenschaftlicher Baumpflanzer. Wir pflanzten gemeinsam 1986 die Teakbaumallee zwischen dem alten Missionarshaus und der Kirche, quer über die Hauptstraße. Heute, 30 Jahre später, haben die Teakbäume eine stattliche Höhe erreicht. Und der Sohn J.M. Dang erkennt Wilfried Hahn wieder. Er hat nämlich gemeinsam mit Wolfram Walbracht, dem Mitarbeiter der Gossner Mission Berlin 2015 die Forstbaumschule in Güstrow besucht. Ist das Zufall? Wohl nicht. Ich bitte Joy Dang, darauf zu achten, wann ein Lehrling auf dem Dorf arbeiten will. Die CTC’s brauchen Meister. Er wird es tun.
  • Dann geht es in das Haus von Alt-Bischof Manohar Barjo. Dort treffen wir Mukud Happad Gara und  einen alten Bekannten, John Bodra, den ehemaligen Generalsekretär der GEL Church. Er war Staatsbeamter und deutet uns die Situation in einer ausgewogenen Weise (s.o.). In den 90er-Jahren interessierte er sich für die Entwicklung der Dörfer in Ostdeutschland. Er begleitete mich zur ehemaligen LPG Beetz-Hohenbruch, einem stattlichen landwirtschaftlichen Großbetrieb von 3500 ha und 1200 Milchkühen. – Er hat uns in Indien im Jahre 2005 geholfen, eine angemessene rechtliche Lösung für die CTC-Arbeit zu finden.

4. November 2016 – Der letzte Tag in Hulhundu – Dr. G. P. Bodra’s Ideen

Wir erreichen diesen Vorort von Ranchi gegen Ende des Gottesdienstes. Sofort werden wir vor der Gemeinde platziert, begrüßt und vorgestellt. Bischof Johan Dang und der Ortspfarrer C.A.B. Nag hatten die Gebete gesprochen, Pfarrer Christian Reiser von der Gossner Mission Berlin gepredigt und Dr. med. G.P. Bodra übersetzt.

Nach unserer Vorstellung überreichen mir Bischof Dang und Dr. Bodra eine Auszeichnung, die allen Freunden der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (EKBO) und der Entwicklungspolitischen Gesellschaft Berlin (EPOG) gilt: Certificate of Appreciation, Urkunde, Würdigung, Anerkennung, Dankbarkeit. Eine oftmals umstrittene Arbeit von 33 Jahren wird gewürdigt und auf eine breitere Grundlage gestellt. Die Urkunde ist von den Repräsentanten der Kirchenleitung unterzeichnet: Moderator Johan Dang, Generalsekretär Eleasar Topno, Finanzchef P. Kujur. Diese drei Vertreter der GEL Church werden uns auch am Abend des gleichen Tages verabschieden. Das Konzept unserer Reise wird immer mehr erkennbar. Der Moderator hatte betont, dass die Kirchengemeinde Hulhundu eine offene Gemeinde ist. Sie kooperiert nach vielen Seiten. In der Nähe der Kirche entstand durch Dr. Bodra’s Initiative eine Klinik, eine Schule und ein Kindergarten; ein Altersheim ist im Bau. Durch CASA (Hilfswerk der Kirchen in Indien) entsteht eine Baumplantage. Die letzte CTC-Vollversammlung fand in Hulhundu statt. Ein Craftsmen Trainings Centre ist geplant.

In unserem Dank erinnere ich daran, dass uns im Jahre 2002 Dr. Marsallan Bage nach Hulhundu gebracht hatte. Benjamin August, Baumpflanzer aus Thüringen und vier weitere EPOG-Vertreter wurden der Gemeinde in einem Seminar über Arbeitslosigkeit in Indien und in Deutschland vorgestellt. Schon im Jahre 1989 hatte ich die Möglichkeit eine Glocke für die neue Kirche in Hulhundu zu organisieren. „Ist sie noch vorhanden?“ – „Ja.“ – So zeigen uns das Seminar von 2002 und die Glocke von 1989 die beiden Seiten unseres Lebens, die soziale und die spirituelle Seite. „Die Glocke ruft zum Hören des Evangeliums. Das Seminar lehrt uns was wir zu tun haben.“

Im Anschluss an den Gottesdienst werden Bäume gepflanzt. Dann führt uns Dr. G. P. Bodra in den neuen Vorlesungssaal neben seiner Klinik. An der Stirnseite lädt eine Tafel zu einer Weiterbildung ein.

Wir sprechen über die Konstitution der Kirchenfarm in Govindpur (NLLC) von 1984 und die Schlussfolgerungen aus der CTC-Versammlung am 24.7.2016:

  1. Zu allen Handwerken, die seit 1984 entstanden sind, gehört auch die Gesundheitsfürsorge. Dr. G. P. Bodra realisiert die Kombination von Bildung (Kindergarten, Schule), Medizin und Altenfürsorge. Er plant die Ausbildung von Holz- und Metallarbeitern; Bau von Prothesen in der Orthopädie. – Aber was soll aus Kojang bei Gumla werden?
  2. Nach den Fahrschulen, der Kfz-Reparatur, der Schmiede, der Zuckerherstellung und der Medizin bleibt immer noch die Aufgabe der Baumpflanzung in Plantagen und besonders der Aufforstung. Der Holzmangel verhindert den Tischlerberuf, aber auch die Wasserversorgung.
    Wilfried Hahn sagt, dass die GEL Church eigentlich einen Kirchenforst brauche und entsprechende Mitarbeiter. Eman Soy in Karimati sollte mit der Ausbildung von Baumgärtnern und Förstern beginnen. (Eman Soy, Daniel Sandil und Emmanuel Marandi sind nicht anwesend; sie sind auf dem Weg nach Saßnitz/Rügen zu Dieter Holtz.)
  3. Wir haben in Berlin das Protokoll der CTC-Versammlung vom 24. Juli 2016 gelesen. Was soll aus dem Krankenhaus in Amgaon werden? Dr. Bodra: „Das Gebäude ist nach fast 60 Jahren eine Ruine. Ein Arzt findet sich nicht.“ –
    Moderator Johan Dang: „Amgaon hat 22 acre Kirchenland. Es leben dort acht Familien. Nebem einer Dispensary kann dort mit der Baumpflanzung begonnen werden.“ (CTC Amgaon)

Exkurs: Die medizinische Fakultät am Stadtrand

Zum Schluss übereicht uns Dr. Bodra sein Buch „The Yogasystem of Medicine“. Im Vorwort schreibt er: „Das Yogasystem der Medizin ist uralt und ist heute ein integraler Teil der Orthopädie, der Rehabilitations- und Sportmedizin.“ Dr. Bodra versteht seine Klinik gleichzeitig als Ausbildungsstätte, als Universität.

Für den, der jetzt erstaunt ist, folgende Episode: Im Jahre 1987 nimmt mich Bischof Hansda von der Kirche in Nordindien (CNJ) mit in den Dschungel auf den Weg nach Chaibassa. Irgendwo auf halbem Wege soll ich halten und dann nach links in den Wald fahren. Der Weg ist steil. Wir laufen bergauf. Auf einem Hügel auf einer Lichtung erheben sich plötzlich weiße Gebäude. Bischof Hansda sagt: „Das ist meine Universität im Dschungel.“ Etwa 30 Männer haben sich versammelt. Nach einer Einführung sprechen wir über Landrecht, Größe der Hofstellen, Erbrecht.

Das Programm von Dr. Bodra ist ein Universitätsprogramm in einer kleinen Klinik am Rande einer Großstadt. Schon in der Einleitung erhebt er einen Anspruch. Er stellt sein praktisches und theoretisches Werk in den gesamtindischen Zusammenhang der Heilkunde von 5000 Jahren. Ein Adivasi ist sich seiner Geschichte bewußt geworden und handelt.

Seine Heilmittel umfassen alle Perioden der indischen Geschichte, das ganze Spektrum der Arzneien: Familienarznei, die Heilmittel der traditionellen Heiler, der Pfleger der Ureinwohner und des organisierten Gesundheitsdienstes, der auf moderner Technologie basiert.

Das Studium der Perioden der Heilkunst ist notwendig für das Studium der Medizin:
Die vorvedische Periode (die Rituale der religiösen Medizin)
Die vedische Periode (das Yogasystem der Medizin und die Volksweisheit)
Die Hinduperiode der Aryas
Die Muslimperiode
Die britische Periode
Die Periode nach der Unabhängigkeit Indiens

Es geht um die Anerkennung der Ganzheitlichkeit des Menschen.

Soweit andeutungsweise die Schrift von Dr. Gyan Prakash Bodra.

An der Stirnwand des Vorlesungsraumes wird eingeladen zu einem „Seminar über geriatrische Medizin, über neuropathische Schmerzen und Rehabilitationsmedizin – Management Woche vom 12.-18. Dezember 2016, Hulhundu.“

Wir besichtigen die Schule, den Kindergarten. Etwa 50 Vorschulkinder tanzen ein Singspiel. Wir sehen den Rohbau des Seniorenheimes. Hier, am Rande der Großstadt, stehen die Bewerber Schlange, anders als in Govindpur, 80 km entfernt. Auch die Alten folgen dem Trend der Zeit: aus dem Dorf in die Stadt.-

Hier, in Hulhundu empfinde ich ähnlich wie in Bano: Wir haben zu wenig Zeit für den Gedankenaustausch. Fir mi lenge! Auf Wiedersehen.

Am Abend des 4. November verabschieden wir uns im Lal Bungalow in Ranchi bei einem Essen mit den Vertretern der Kirchenleitung. Bei dieser Gelegenheit macht der Moderator der GEL Church, Johan Dang, folgenden weiterführenden Vorschlag:

„Ich komme zwei Mal im Jahr dienstlich nach Deutschland, zu den Sitzungen des Kuratoriums der Gossner Mission Berlin. Ich würde gern auch meine Freunde von der Entwicklungspolitischen Gesellschaft (EPOG) wiedersehen, z.B. Dr. med. Ulrich Krüger in Mecklenburg-Vorpommern. Ich mache den Vorschlag: Im März 2017 besuche ich nach der Sitzung in Berlin eine Woche lang EPOG-Freunde. Eine Hälfte der Flugkosten finanziert die Gossner Mission Berlin, die andere Hälfte die EPOG. Im Herbst dann übernimmt die GEL Church die Kosten des Flugtickets zu 100 Prozent.“ Ich fasse mich schnell und sage: „Dann können wir auch Benjamin August in Thüringen und seine Baumschule besuchen. Ich denke, das geht.“ Pfarrer Reiser von der Gossner Mission ist nicht dagegen. – So ist das also. Der Moderator nimmt unsere Absprache vom letzten Jahr auch für seine Person ernst: Teilung der Lasten, Überwindung des Geber-Nehmer-Verhältnisses. Der Leser und die Leserin sollen wissen, dass bis zur Stunde die Gossner Mission Berlin sämtliche Kosten für Dienst- und Partnerschaftsreisen übernommen hatte. Auch bei der EPOG war das bis 2012 der Fall. Dann änderten wir das Verfahren. Die Bemittelten zahlten selbst.

Auch bei den drei indischen Gästen, die Rügen besuchen wird dieses Verfahren angewandt. Einer zahlt selbst, für den anderen zahlt die GEL Church, für den dritten teilen sich EPOG und die GEL Church die Kosten. Das Geld verliert die deformierende Macht.

3. Beschluss: Ohne Wald kein Wasser

6. November 2016 ff.: Auf dem Weg nach Rügen

Am Sonntag, 6. November 2016 landen wir wohlbehalten in Berlin-Tegel. Fast um die gleiche Zeit empfängt Dieter Holtz, der ehemalige Bürgermeister von Saßnitz/Rügen die indischen Gäste in Berlin-Schönefeld. Daniel Sandil aus Burda, Emmanuel Marandi aus Nunia, Eman Soy aus Karimati. Wir treffen uns vor meiner Haustür in Berlin-Weißensee um 13 Uhr.

Damit beginnt ein neues Kapitel unserer Arbeit. Gleichzeitig können wir unsere Reise nach Indien abrunden. Dieter Holtz beherbergt die drei Gäste auf eigene Kosten und gestaltet ein Programm des Erfahrungsaustausches. Am 16. November fahren Peter Leehr und Willibald Jacob zur Forstbaumschule Güstrow, um uns bei Wilfried Hahn mit den vier Rügenern zu treffen. Lehrstunden im dortigen Vorlesungsraum und in den Schonungen und Wäldern. Es war schon bemerkenswert, wie nah uns die sozialen und gesellschaftlichen Aufgaben gebracht hatten.
Die letzten drei Tage verbringen die Gäste in Berlin und Wittenberg.

Kurzprogramm:

  1. Gespräch in der EPOG-Gruppe bei SODI am 19. November 2016 und mit der SODI-Geschäftsführerin, Sarah Ninette Kaliga.
  2. Fahrt nach Wittenberg, dabei Gespräch mit Senioren und Abiturienten in Treuenbrietzen. Der Fahrer unseres Kleinbusses war Hagen Wallburg, Geologe, ein Freund von Dieter Holtz. Mit ihm beginnt die Debatte aufs Neue über die Wasserverhältnisse in Indien und in Deutschland. Wo kein Wald steht, sinkt der Grundwasserspiegel. Wo kein Wasser, da kein Feld und kein Wald; ein Kreislauf unter der Erdoberfläche. Fazit: Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Wasserwirtschaft hängen zusammen. Wir besichtigen den alten, stillgelegten Wasserturm in Treuenbrietzen. Was bei uns vorbei ist, könnte in Indien aktuell sein. Aber wo ist das Grundwasser? Tiefwasserseen und –flüsse gibt es nicht.
  3. Wir besuchen die Wohngemeinschaft von behinderten Menschen in der Stephanusstiftung in Berlin-Weißensee.
    Die Ausbildung der SozialarbeiterInnen dauert fünf Jahre nach dem Schock der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ durch die Nazis 1933-45. Ich erzähle von Friedrich von Bodelschwingh, von Paul Braune und Ernst Behrend, ihrem Widerstand und Eintreten für behinderte Menschen.

Zum Schluss besuchen wir Hora Senon und Olive Horo in Berlin. Nach einem guten indischen Essen werden Familiengeschichten erzählt. Aber dann geht es doch wieder um das Geld. Führt der Bauer ein Hauptbuch für die Jahresabrechnung? – Nein. Wird dieses Cashbook in CTC Burda geführt? – Ja. – Daniel Sandil erzählt: Das Land gehört meiner Familie. In der Gemeinde haben wir ein Komitee, das die Angelegenheiten des CTC kontrolliert. – Wir können es doch nicht lassen, von der Arbeit zu sprechen. – Gott segne das Werk unserer Hände.


Links